Die von den Arbeitern 1968/69 angewandten Kampfformen stellen einen Bruch mit der in der italienischen Arbeiterbewegung verwurzelten Tradition dar. Die Formen, die traditione! ler weise in den Ländern vorkommen, wo die Arbeiterorganisationen eng mit der Regierung und mit den Kapitalisten verbunden sind, wurden für die italienischen Arbeiter zu den üblichen Formen. Ihr wichtigstes Merkmal ist die Massenbeteiligung, die sie kannten: sie ist unbedingt notwendig, um den Gewerkschaftsspitzen den Willen der Arbeiter aufzuzwingen. Diese direkte Beteiligung der Mehrheit der Arbeiter ermöglichte äußerst harte improvisierte "wilden Streiks"), die es den Gewerkschaftsführern und den Kapitalisten unmöglich machten, die Situation rasch wieder in den Griff zu bekommen. iber im Gegensatz zu anderen Ländern, wo diese Kampfformen auftauchten, sind sie in Italien nicht nach der Unterzeichnung der Tarifverträge wieder verschwunden, sondern sie hielten sich ununterbrochen seit vier Jahren. Hinzu kommt eine andere Tatsache, die früher undenkbar "normal" gilt: Straß endemonstrationen ( und in jeder Straße, wänrend die Gewerkschaftsumzüge gewöhnlich weite Umwege durch die Vororte machten, um den Verkehr nicht zu stören!), improvisierte Versammlungen und Streikposten vor den Werk- Zusammenhang möchten wir auch eine Demonstration erwähnen, die einen ganzen Tag lang eine Stadt wie Rom lahmlegen konnte aus einem so wie die Erneuerung eines Kategorie-Tarifvertrags ( es geht um die Demonstration der Metallarbeiter).
Die gegenwärtigen Kämpfe speilen sich in denselben Formen ab wie die von 1969. Aber es wäre naiv anzunehmen, die Kapitalisten hätten in vier Jahren nicht die Mittel gefunden, sich Kampfformen zu widersetzen, die den Arbeitern so billig und den Unternehmern so teuer wie möglich kommen sollen. Umzüge in den Werken, Streikposten und organisierte Teilstreiks charakterisierten die Tarifauseinandersetzungen 1972 wie die von 1969. Aber mit einer grundlegenden Differenz: der Gegner hat seine Konsequenzen aus den Erfahrungen gezogen und ist zum Gegenangriff übergegangen, wobei er die geeigneten Mittel und die, die eine kapitalistische Regierung immer den Kapitalisten zur Verfügung stellt, einsetzt. Sein Ziel ist es, ein Klima der Unsicherheit zu schaffen. Sicher ist das der Grund, warum die Arbeiter nicht die gleiche Entschlossenheit gezeigt haben wie 1969.
Es ist ein großer Nachteil, wenn man mit alten Waffen gegen einen Gegner mit moderneren und perfektionierteren Waffen kampfen muß: Kriegsführer, die etwas auf sich halten, appellieren in solchen Situationen an den Heldenmut, arbeiten aber sofort neue Taktiken aus! DIE FÜHRUNG DER KÄMPFE
Im Jahre 1966 wurde der Kampf um den Tarifvertrag für die Metallarbeiter z. B. von den Gewerkschaftbünden für diese Kategorie von Arbeitern nicht einheitlich geführt. Während auf der einen Seite die UILM (sozialistisch) sich wiederholt gegen Streiks aussprach und damit entscheidend zum Scheitern gewisser Kämpfe beitrug, schlug auf der anderen Seite die FIM (christlicn) gegen Ende der Kämpfe mehrere Male vor, die Streiks während der Verhandlun gen nicht zu unterbrechen. 1968/68 zwang die Mobilisierung der Arbeiter nicht nur die drei Guwerkschaften (die dritte ist die kommunistische FIOM) zur Aktionseinheit, sondern Führ te auch zur Entstehung von autonomen Organen - den Delegierten und den Räten - die sowohl was die Ziele als auch was die Kampfformen angeht eine entscheidende Rolle als Ver treter des Willens der Arbeiter spielten.
===== S. 13 | Inprekorr_19730501_026_013.jpg ===== Die Grenzen der Plattformen von 1972, die von den Massen der Arbeiter wenig unterstützt wurden, haben zweifelsohne den Räten ihre Macht genommen. In der Praxis haben die Räte und die Delegierten eine äußerst beschränkte Rolle gespielt. Die Gewerkschaftsführer entschieden über die Streiks (d. h. über die Anzahl der in einer Woche zu streikenden Stunden) die Räte diskutierten - manchmal sehr heiß - darüber, und die Arbeiter führten sie aus. Dies gefährliche Situation führte zu einem immer tieferwerdenden Bruch zwischen diesen Organen und er Arbeiterklasse.