Die Gangstermethoden der Awami Liga wurden auf oppositionelle Wahlkandidaten angewandt. Die zwei größten in Opposition zur Awami Liga stehenden Organisationen sind die National Awami Party (B), ein früher nach Peking ausgerichtete Gruppe, die von Maulana Bhashani angeführt wird, sowie die Jatiya Samajtantrik Dal (National Socialist Party). Die zueltztgenannte Gruppe stammt aus einer Abspaltung von der Chhandra League, die eine der Awami Liga nahestehende Studentenorganisation war. A. S. M. Abdur Rab und Shahjehan Siraj bildeten eine linke Fraktion in der Chhandra League. Ihnen stand eine "Mujibur-Fraktion on" entgegen. Im Juli 1972 hielten die beiden Fraktionen getrennte Konferenzen ab, beide luden Rahman ein, der natürlich zur "Mujibur-Fraktion" ging. Bald darauf vereinigte sich die Rab-Siraj-Gruppe mit Major Ahmed Jalil, einem der bekanntesten Mukti-Bahini-Führer während des Unabhängigkeitskrieges, sie bildeten zusammen die JSD. Diese scheint heute die bedeutendste Oppositionsgruppe zu sein. Sie ist schnell angewachsen, vor allem linke, dem Maoismus kritisch gegenüberstehende Studenten sind ihr beigetreten. Als die Kampagne zu den Wahlen vom 7. März begann, kündigte die JSD an, sie würde 300 Kandidaten aufstellen. Die NAP (B) sprach von 220 Kandidaten. Aber die Awami Liga bediente sich einer Reihe von Gangstermethoden, um die oppositionellen Kandidaten zu entmutigen und zur Rücknahme ihrer Kandidatur zu bewegen.
Am 11. Februar hielt die JSD einen nationalen Protesttag gegen die Repressionspolitik der Regierung ab. In Dacca wurde eine große Tagung abgehalten. "Bei einer Rede auf dieser Kundgebung , so berichtete 'Holiday" in der Ausgabe vom 2l. Februar, "führte Rab an, daß die Regierungspartei überall zu Gangstermethoden gegriffen habe, um bei den Wahlen durchzukommen und um die dem Establishment feindlich gegenüberstehende Kräfte abzuschrecken. Er sagte, daß die abendlichen Wahlzwischenfälle, inklusive dem Kidnappen von oppositionellen Kandidaten sowie Versuchen, Unterschriften für die Zurücknahme der Wahlkandidatur von einigen derer zu erhalten, die ihre Ernennungspapiere in einer Reihe von Orten schon hinterlegt hatte, gezeigt haben, was die Regierung im Schilde führt."
Es ist nur schwer vorauszusehen, was noch alles in dieser Richtung kommen mag. 'Holiday' berichtete von einer Anzahl von Vorkommnissen, bei denen oppositionelle Kandidaten gekidnappt wurden, bevor sie ihre Ernennungspapiere präsentieren konnten. Andere waren angegriffen worden, als sie sich auf dem Weg zur Deponierung ihrer Papiere befanden. Oppositionelle Ar beiter wurden unter den verschiedensten fadenscheinigen Gründen verhaftet. Und nicht zuletzt haben die fast ausschließlich von der Awami-Liga kontrollierten Massenmedien nur von den Regierungskandidaten berichtet.
Die von der Awami Liga geschürte Atmosphäre der Gewalt hat einen Grad erreicht, der dazu führte, daß sogar das Büro der National Awami Party ( Muzzafar), einer moskauhörigen Organisation, die gewöhnlich die Regierungspolitik unterstützt hat, angegriffen und vom durch gedungene Terroristen der Awami Liga mobilisierten Mob in Brand gesteckt wurde. In der westdeutschen Wochenzeitschrift 'Der Spiegel' wird in der Ausgabe vom 26. Februar von einem besonders gräß lichen Fall der Wahlkampfmethoden der Awami Liga berichtet: als ein Mann namens Islam versuchte, ein Plakat mit dem Bild von Rahman von einer Wand in Dacca herunterzureißen, griffen ihn Mujiburs Handlanger an und schnitten ihm eines seier Ohren ab. Da jegliche gut organisierte Opposition fehlt, drückt sich die Antwort der Bevölkerung auf den Terror Rahmans und auf die Zerschlagung ihrer Hoffnungen auf gesellschaftliche Veränderungen in zielloser direkter Gewalt aus. Junge Leute, die während des Unabhängigkeitskrieges bei den Mukti Bahini gekämpft hatten, fanden keine Arbeit und wurden durch die Wirtschaftspolitik der Regierung auf den Abfallhaufen geworfen. Umgeben von Korruption und Gewalt und ohne jegliches Einkommen haben sie sich se/bst der Gewalt und dem Raub verschrieben. 'Der Spiegel berichtete, daß die Straßen Daccas nachts grundsätzlich leer sind. Leute, die Freunde besuchen und denen es nicht gelingt, vor Einbruch der Dunkelheit wieder zuhause zu sein, bleiben übernacht. Dacca ist heute gewalttätiger als während des Krieges. Dieser Zustand, der
von der Awami Liga selbst herbeigeführt wurde, dient dem Regime als Vorwand für die Unterstützung, die es den Jatiya Rakkhi Bahini zukommen läßt, angeblich im Interesse von , "Ruhe und Ordnung"'. Und dieser Zustand schafft auch die Grundlage für das, was einmal eine besondere Form des Mujibur-Faschismus werden könnte.
Das Regime benutzt die Massen der deklassierten Elemente zur Formierung einer Basis für eine Repressionsbewegung, die dafür eingesetzt wird, alle unabhängigen Organisationsformen des Volkes zu zerstören und besonders die unabhängigen Gewerkschaftsverbände und die radikale Studentenbewegung zu zerschlagen. All dies wird getan im Namen des Nationalismus, des Sozialismus, des Säkularismus und der Demokratie, den vier Hauptparolen des Rahman-Regimes. Die Regierung nützt, nachdem sie selber Unordnung und Gesetzlosigkeit geschaffen hat, heute diese Situation aus, um durch massenhafte Repression die Umklammerung zu verstärken. Das Volk antwortet bei vielen Gelegenheiten dem Awami Liga - Regime mit eigener Gewalt. Lewis Simon berichtet in der 'Washington Post' (Ausgabe vom 18.12. 72), daß 550 offizielle Vertreter der Awami Liga "in den letzten Monaten"" von wütenden Bauern getötet worden sind. Es ist wahrscheinlich, dai viele dieser Fälle dem des Bauern Ashvajama Chakma gleichen, dessen Kind vor Hunger starb, weil ihm die Awami Liga seine Nahrungsmittel weggenommen hat. Aber das Regime der Awami Liga wird nicht durch unorganisierte Gewaltausbrüche hinweggefegt, so verständlich und berechtigt diese auch sein mögen. Bis jetzt gibt es nur sehr wenige Anhaltspunkte dafür, daß irgendeine der oppositionellen Gruppen dazu fähig wäre, ein umfassendes Programm zur Mobilisierung und Bewaffnung des Volkes gegen die Regierung auszuarbeiten.
Die Awami Liga wird also ihre Wahlen gewinnen. Und höchstwahrscheinlich wird Rahman die Gelegenheit beim Schopfe packen und verkünden, daß das Volk gesprochen hat und daß die Opposition antinational sei. In diesem Fall wird man eine Verstärkung der Repression erwar ten können. Aber die Zukunft von Bangla Desh ist noch lange nicht entschieden. Wie brutal die Repression der Awami Liga auch sein mag, der revolutionäre Wille eines Volkes, das einen der heroischsten bewaffneten Massenkämpfe der Kolonialgeschichte durchgeführt hat, wird nicht so leicht gebrochen werden können. Und die Probleme dieses Volkes werden nicht von Rahman gelöst werden. Die wesentliche Frage ist: wird eine revolutionäre Führung entstehen, um diesen revolutionären Willen zu mobilisieren und zu organisieren, bevor die Diebe der Awami Liga das Land in einen Zustand permanenter hoffnungsloser Erniedrigung gebracht haben?
(Jon Rothschild. Aus INTERCONTINENTAL PRESS, 12.3. 1973)
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