DIE NORMALISIERUNG IN DER CSSR FÜHRT DAZU, DASS ALTE PROBLEME ERNEUT AUF- TAUCHEN +++++ *++ ++++ ++ Die Lage in der CSSR ist bereits so normalisiert, daß schon die Tendenz zur Vertiefung alter Widersprüche und Probleme, die zur Krise der Novotny-Ara geführt und den Prager Frühling in die Wege geleitet hatten, erkennbar ist. Die beinahe ununterbrochene Kontinuität alter Probleme läßt sich in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens verfolgen. Wir möchten auf einige von ihnen hinweisen.
Die Bevölkerungsstatistiken der CSSR zeigen eine sinkende Wachstumsrate, was man als Problem der Industrienationen bezeichnen könnte, wäre nicht die Welt in eine kapitalistische und eine "sozialistische" geteilt. Für die kapitalistische Konsumgesellschaft ist eine kleiner werdende Wachstumsrate der Bevölkerung Ausdruck der Unsicherheit des Individuums in bezug auf seine Zukunft. Das Kind bedeutet eine zu langfristige Investition und Verantwortung und deshalb wird es lieber mit Auto, Wohnung und Afrikaurlaub vertauscht. Aber es ist tragisch, wenn sich eine solche Denkweise in einem Staat festsetzt, der sich sozialistisch nennt. Die Gründe für eine solche Einstellung müssen in der gesellschaftlichen Struktur der Tschechoslowakei gesucht werden. Zum einen erlaubt der absolute Mangel an Kinderkrippen und Kindergärten nicht, daß die arbeitenden Mütter in ihrer Verantwortung für die Erziehung der Kinder entlastet werden. Hinzu tritt die gesellschaftliche Unsicherheit für die Mehrheit der Werktätigen, die aus der Unmöglichkeit resultiert, die Entscheidungen der Funktionäre und des Apparats zu kontrollieren. Ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit und Mangel an langertristigen Perspektiven , sind Faktoren, die die Einstellung zur Frage der Vergrößer ung der Familie negativ beeinflussen. Im Jahre 1985 wird der Bevölkerungszuwachs der CSSR nur noch 0,24% betragen, wobei im tschechischen Landesteil ein Rückgang von 0,67% zu verzeichnen sein wird. Der jährliche Rückgang der Wachstumsrate wird in der gesamten CSSR 0,29%, im tschechischen Landesteil 1, 76% betragen. Bei Beibehaltung der bisherigen Schnelligkeit der Entwicklung der Technologie wird der Mangel an Arbeitskräften eine äußerst kritische Grenze erreichen. Allein in Prag werden 110 000 Arbeitskräfte fehlen. Abgeshen von anderen Gründen ( bürokratische Planung, "Zusammenarbeit'" mit der UdSSR usw.) wird dieses Bevölkerungsproblem eine Quelle zur totalen ökonomischen Krise der 80er Jahre sein.
Obwohl Ministerpräsident Strougal auf dem Dezemberplenum der KPC zugeben mußte, daß sich alte Wirtschaftsschwierigkeiten wiederholen, daß trotz erhöhter Investitionen sich das Nationaleinkommen nicht erhöht hat und obwohl er bereits ankündigte, daß unrentable Betriebe liquidiert und die übrigen rationalisiert werden sollen, kann man von dieser "Erkenntnis'nicht allzuviel erwarten. Genau diese Schwierigkeiten führten unter Novotny zu Diskussionen über die Wirtschaftsreform, die sich bald in eine Diskussion über eine neue politische Organisierung der tchechoslowakischen Gesellschaft verwandelten. Um diese Erfahrung bereichert, geraten die herrschenden Apparatschiks in eine Sackgasse. Die Einstellung von Säuberungen unter Fachleuten und deren teilweise Rehabilitierung scheint ökonomisch unumgänglich. Das bringt jedoch die Gefahr mit sich, daß das Prinzip der "Rationalisierung "auf politische Bereiche übertragen werden könnte, was für einen großen Teil der Funktionäre den Verlust ihrer Posten mit sich bringen würde. Damit ihre Positionen nicht gefährdet werden, müssen alle Bemühungen um Gesundung der Wirtschaft in Halbheiten, Inkonsequenz und Zu- Fälligkeiten stecken bleiben. Die bekannte Politik des "Zukleisterns"" brüchiger Stellen, kann die existierenden gesellschaftlichen Konflikte höchstens verschärfen, anstatt sie zu lösen. Daß es dem Regime nicht um eine wissenschaftlich begründete Lösung sozialer und ökonomischer Probleme geht, läßt sich auch an der Tatsache aufzeigen, daß eine Reihe von Fächern, die am Ende der sechziger Jahre in die Lehrpläne der Mittel- und Hochschulen aufgenommen worden waren, wieder verboten wurden, so z. B. Ergonomie, Arbeitspsychologie und Sozio S. 22 INPREKORR 1 4 72
logie. Es ist beinahe absurd, aber in Moskau dürfen tschechoslowakische Studenten Soziologie studieren, allerdings unter einer anderen Bezeichnung. Die undemokratische, überzentralisierte Planung bei der Lösung ökonomischer Probleme führte -- nicht zuletzt auch durch die Unfähigkeit der Planungsbehörden selbst -- dazu, daß das Verhältnis zwischen dem Nationaleinkommen und dem Produktionsverbrauch zwischen den Jahren 1948 bis 1968 um 40% sank, von 0, 12 auf 0,7l. Deutlich ist auch das kontinuierliche Wachstum der Inflation, die ja einer sozialistischen Wirtschaft fremd sein sollte. Auch die Konsolidierung nach dem Jahre 1968, als die "rechtsgerichteten Ökonomen unsere Wirtschaft zerrütteten" digkeit einer zentralisierten Steuerung der Inflation nicht verhindern können, sie verbirgt sich hinter den neuesten Regierungsmaßnahmen zur Erhöhung der Großhandels- und Regelung der Kleinhandelspreise.
Der Mangel an Sozialeinrichtungen zur Kindererziehung und der Verlust von Perspektiven für die nächste Zukunft, spiegelt sich auch in der neuen Generation wider. Es ist allgemein bekannt, daß es bei den Familien qualifizierter und engagierter Werktätiger nicht einmal zu einer normalen Reproduktion kommt (1,6 Kinder pro Familie). Das Nichtexistieren einer entwickelten und verantwortungsbewußten sozialistischen Bevölkerungspolitik -. das bedeutet in erster Linie einer angemessenen Erziehung ausserhalb der Familie -- bewirkt, daß schon heute 19% aller schulpflichtigen Kinder nicht imstande sind, die Grundschule ordnungsgemäß zu beenden und 4% der Kinder bereits vom sechsten Lebensjahr an eine Sonderschule besuchen müssen. Zu dieser allgemeinen Tendenz, in der sich eine Verschlechterung des geistigen und intellektuellen Entwicklungsstandes der Jugend ausdrückt, gesellt sich die Auswahlpolitik für Zulassungen an Hoch- und Ingenieurschulen. Von der gesamten, schon sowieso niedrigen Zahl von 10% des hochschulfähigen Nachwuchses, werden aufgrund des politischen Profils" häufig die Fähigsten vom Studium ausgeschlossen. Allein in Prag haben Eltern von 800 Kindern Einspruch dagegen erhoben, daß ihre Kinder auf keine Schule, die mit dem Abitur abschließt, zugelassen wurden, obwohl sie netsprechende Aufnahmeprüfungen mit Erfolg bestanden hatten. Von diesen 800 Familien waren 780 nach dem Jahre 1968 politischen Diskriminierungsmaßnahmen ausgesetzt.
Verluste, die der tschechoslowakischen Wirtschaft in bezug auf Arbeitskräfte durch die Normalisierung zugefügt worden sind, können nicht angegeben werden, da es seit dem Jahre 1968 keineUntersuchungen in dieser Richtung gibt. Wir müssen uns deshalb auf Durchschnittswerte von Minimal- und Maximalschätzungen verlassen. Die Zahl der Personen, die von den politischen Folgen der Okkupation direkt betroffen wurden, schwankt zwischen 400 000 und 600 000. Es handelte sich also um etwa eine halbe Million höchstqualifizierter und quali- Fizierter Menschen. Wenn dazu etwa 150 000 Emigranten und diejenigen Personen, die als Familienmitglieder der direkt Betroffenen sozial diskriminiert werden, dazugerechnet werden, erhsiten wir die Zahl von einer Million Personen, die aus ihren Positionen, die sie im Produktionsprozess einnahmen, ausgeschlossen wurden. Bei einer weiteren großen Anzahl von Werktätigen kam es zur Unterbrechung der Kontinuität ihrer Arbeit aufgrund yon nach des levasion in den Betrieben und idiotsg ardo seeland, peiche Husaka (Wer nicht bummelt, unterstützt Husak) einen breiten Anklang fand. Es ist auch nicht verwunderlich, daß sich das Interesse der meisten Menschen auf die rein private und Konsumsphäre beschränkt. Nach dem Jahre 1968 setzte ein verstärktes Konsumstreben ein, ein großer Teil der Bevölkerung machte aus seiner Abneigung gegenüber allen schaft betreffen, keinen Hehl. Auch in dieser Beziehung kann die Ununterbrochene Kontinuität mit dem Verhalten der breiten Mehrheit im Jahre 1968 nicht übersehen werden. Man kann erwarten, daß sich bei der neuen Generation allmählich negative schaften bilden werden, die es erschweren werden, den von Stalinismus und Neostalinismus angerichteten Schaden zu beseitigen, auch dann wenn sich die politische Situation etwas