Derzeit wird der Kampf fürs großserbische Reich auf den bosnisch-herzogowinischen Schlachtfeldern ausgetragen. Das propagandistische Szenario ist bereits in Kroatien eingeübt: die strategischen Konzepte der politischen und militärischen Eliten aus Serbien formulieren sich mit Hilfe einer Ideologie, in der sich antifaschistisches Jugoslawentum und völkische Blut- und Bodenmentalität munter verbinden.
GORAN TOMICIC
Die Welt verwandelt sich so Ideologien noch dadurch aus, daß sie in einer wie auch immer verzerrten Weise die Wirkin ein Meer von Feinden, an- lichkeit spiegeln. Und so ist auch das von den geführt durch das von serbischen Medien produzierte Bild des neu- Großdeutschland unterstützte en Kroatiens kein reines Greuelmärchen: neue "Ustascha-Kroatien" und Kroatische Faschisten sind zum Beispiel neuerdings auch durch "isla- vergangenes Jahr in eine Zagreber Wohnung mische Fundamentalisten", die eingedrungen, um die dort lebende serbische gemeinsam den Genozid an den Serben sich Familie abzuschlachten. Die in Kroatien regizumalleinigen Zweck ihrer Politik auserwählt strierte SNS (srpska narodna stranka - serbihaben, um endlich das zu vollenden, was sic sche Volkspartei), die übrigens stets für die im zweiten Weltkrieg begonnen hatten. In der Unabhängigkeit Kroatiens eingetreten ist und Tat scheinen sich im Bewußtsein vieler Ser- maßgeblich an der Ausarbeitung der umfasben die Konstellationen des zweiten Welt- senden Minderheitenrechte für die in Kroatikrieges zu wiederholen, auch wenn die sozia- en lebenden Serben beteiligt war, hat darauf listischen Ideale der Partisanen mittlerweile hingewiesen, daß aus der Gegend um Gospic durch chauvinistisch-faschistoide Muster er- über 50 Serben spurlos verschwunden sind setzt worden sind, die ihrerscits die Bereit- und daß zumindest ein Teil davon von den schaft fördern, dem Kroaten und dem Muslim Kroaten umgebracht wurde. Die SNS hat schlechthin den Garaus zu bereiten. Vor auch betont, daß Serben stets noch die ersten allem im Nordosten Bosniens hat die dortige sind, die im neuen Kroatien entlassen wermuslimische Bevölkerung die Konsequen- den.
zen einer solchen serbischen Politik am Die sogenannte "Säuberung des Terrains" eigenen Leibe verspürt. wird von der JNA (Jugoslawische Volksarmee) und den Cetniks zur Zeit entschieden Kroatischer Faschismus vorangetrieben. Erst kürzlich mußte die ungarische, rusinische und kroatische Bevölke- Kommen wir zur kroatischen Seite. Be- rung eines serbisch besetzten Dorfes in der kanntlich zeichnen sich auch die absurdesten
Nähe von Vinkovci sich den Weg durch die Minenfelder zu den kroatischen Frontlinien bahnen. Serbische Einheiten zerstören in den von ihnen besetzten Gebieten systematisch nach vorheriger Plünderung alle kroatischen Dörfer. Jedoch fliegen auch jede Nacht in Zadar, Karlovac, Split und anderswo Häuser in die Luft, die geflohenen Serben gehören. Dies ist nun keine offizielle Politik des kroatischen Staates, aber die fachmännische Durchführung der Sprengungen ebenso wie die Tatsache, daß die kroatische Polizei der Täter einfach nicht habhaft werden kann, zeigt das Zusammenspiel von militärischen oder polizeilichen Institutionen mit militanten Kreisen des kroatischen Faschismus. Staatsmännische Gesten
Der kroatische Präsident Tudjman hat sich zuletzt mit dem Blick auf die internationale Anerkennung Kroatiens darum bemüht, seine antiserbischen (und antisemitischen) Ausfälle aus der Zeit des Wahlkampfes und danach abzustellen. Heute freut er sich nicht mehr öffentlich darüber, daß seine Frau weder Serbin noch Jüdin ist, und ein frohes Neues Jahr wünscht er mittlerweile allen BürgerInnen Kroatiens und nicht nur den Kroatinnen. Er empfängt auch nicht mehr in aller Öffentlichkeit Vertreter aus dem Kreis um Le Pen, wie dies im letzten Jahr noch geschehen ist. Gleichzeitig unterstreicht die Staatsspitze ihren Gegensatz zu dem NDH- Regime des Ante Pavelic (Anmerkung: faschistisches, mit den Nazis kollaborierendes Regime im zweiten Weltkrieg) und dessen Symbolen, die inzwischen nicht nur die Häuserwände verzieren. Auf jedem Markt kann man Feuerzeuge und Anhänger mit dem "U" für Ustascha und dem Kürzel NDH günstig erwerben. Vergangenes Jahr wurde Dobroslav Paraga, Führer der faschistischen HSP (Hrvatska stranka prava - kroatische Rechtspartei) und ihrer Miliz HOS (Hrvatske oruzane snage - kroatische bewaffnete Kräfte) auf Anweisung Tudjmans wegen angeblicher Umsturzabsichten verhaftet - und bald darauf wieder freigelassen. Der kroatische Staat hat auch alle Feierlichkeiten der HSP aus Anlaß der Gründung des NDH-Regimes am 10. April verbieten lassen, während ein durchaus bedeutender Teil der Führungsebene der Regierungspartei HDZ sich laut "Danas" so verhält, als wollten sie dieses Jubiläum mitbegehen.
Rechtsextremes Klima
Die neue antifaschistische Empfindsamkeit an der Spitze des kroatischen Staates KROATIEN vermittelt schon deshalb nur ungenau die aktuelle politische Wirklichkeit in Kroatien. Die oppositionelle Zeitung "Danas" konstatiert in einem Artikel über den kroatischen Radikalismus, daß das politische Pendel deutlich nach rechts ausschlage. Dies zeigt sich nicht nur daran, daß nach den neuesten Meinungsumfragen in der Zeitschrift "Globus" die chemaligen Kommunisten und jetzigen kreuzbraven Sozialdemokraten von einstmals über 15% (bei den ersten demokratischen Wahlen) auf mittlerweile 4.4% zusammengeschrumpft sind und damit über genausoviel Unterstützung verfügen wie die ständig stärker werdende HSP. Wichtiger ist, daß unterhalb der staatsmännischen Gesten eines Tudjman oder eines Greguric (Ministerpräsident Kroatiens) sich ein politisches Klima breitmacht, in dem alle Formen einer semifaschistischen und rassistischen Wirklichkeitsbewältigung üppig gedeihen. So glaubte der Kommentator Zivko Gruden während der letzten Sitzung des kroatischen Parlaments "den Atem rassistischer Theorien" in einer beispiellosen Weise zu spüren. Von der Rednertribüne des kroatischen Parlaments aus beschrieb man Serbien als "balkanisches Asien", beschimpfte die Serben als "ein hinterwäldlerisches Volk unbekannter Abstammung", spekulierte schließlich - vermutlich sehr zur Freude der neuen muslimischen Verbündeten - über die Auswirkungen des von den einstigen türkischen Herrschern in Anspruch genommenen "Rechts der ersten Nacht" auf die dabei gezeugten serbischen Kinder. In dieser Atmosphäre gedeihen dann neue Formen der Rassenlehre, nach denen man den wahrhaft arischen Kroaten an der (wahrscheinlich geringen) Anzahl roter Blutkörperchen erkennt, während der rundköpfige HDZ-Abgeordnete Sime Dodan das Serbische des Serben an seiner angeblich spitzen Kopfform abliest.
Vergangenheitsbewältigung
Dieser überall aufkeimende Rassismus schreitet stolz einher mit einer bestimmten Form der Vergangenheitsbewältigung, die dem offenen Faschismus eines Paragas den Weg bereitet. Sie besteht in ihrer mildesten Form in einer einfachen Gleichsetzung von Ustaschas und Partisanen; so etwa wenn der stellvertretende kroatische Verteidigungsminister auf Aussage seines Ministerpräsidenten Greguric, er könne die Symbole der Ustaschas und des NDH-Staates nicht akzeptieren, wütend erwidert: wer die Abzeichen des NDH-Regimes verbieten wolle, müsse auch die Symbole des ehemaligen Jugoslawien verbieten.
Binen Schritt weiter geht der rassentheoretisch versierte Parlamentsabgeordnete Sime Dodan, der die Aufhebung aller Privilegien für alle ehemaligen Partisanen verlangt, die während des 2. Weltkrieges "unwissentlich gegen Kroatien klimpften". Der Übergang zwischen diesem Repräsentanten des rechten Flügels der HDZ zu Paraga ist hier völlig fließend. Paraga hat in einem Interview mit "Danas" die Feier der Gründung des NDH- Regimes damit verteidigt, daß diese nur der Gründung des Staates gelte, nicht aber dem Herrschaftsantritt Ante Pavelic's, dessen Machtausübung einen faschistischen Charakter gehabt habe. Mittlerweile (das heißt zwei Wochen später) bekennt sich Paraga auch zu Ante Pavelic, ein Beweis dafür, wie schnell heutzutage der Übergang von verschleiert zu offenen faschistischen Positionen sich vollzieht.
Bei allen Nuancen, der kroatischen Rechten von der HSP über die HNS (Hrvatska narodna stranka - kroatische Volkspartei) bis zu bedeutenden Teilen der HDZ geht es darum, die kroatische Geschichte anders zu schreiben, das heißt vor allem den blutigen Kampf zwischen Partisanen und Ustascha- Regime neu zu bewerten. Dies zeigt sich immer dann in aller Deutlichkeit, wenn im Parlament Themen verhandelt werden, die mit dem Partisanenkampf verbunden sind. Der "Danas"-Journalist Miko Tripalo kann sich deshalb angesichts der haßerfüllten Aussagen "einiger Mitglieder der Regierung" des Eindrucks nicht erwehren, daß diese im Innersten ihres Herzens wünschten, die "Verlierer des 2. Weltkrieges in Kroatien hätten die eigentlichen Sieger sein sollen". In dieses Bild paßt, daß die HSP das Wort "Ustascha" mit "ehrenwerter Kroate" übersetzen möchte und daß der Chef der Osijeker Verteidigung Branimir Glavas Paraden abnimmt, bei denen offensichtlich aus der ganzen Welt angereiste Extremisten in schwarzen Uniformen antreten, die an die schwarzen Ustascha-Legionen erinnern. So klingt es denn auch glaubwürdig, wenn der nach Kroatien heimgekehrte einstige kroatische Goebbels, Danijel Crljen, in einer Fernsehsendung stolz verkündet, er sei von führenden Persönlichkeiten empfangen worden und diese hätten auf seine ustaschoiden Gedankengänge mit Zustimmung reagiert. Im Trend der Zeit liegt folglich auch die Vereinigung von HDZ und HNO (Hrvatska narodna obrana - kroatische Volksverteidigung), letztere 1950 von jenem Branimir Jelic gegründet, der Jahrzehnte zuvor zusammen mit Ante Pavelic die Ustscha-Bewegung aufgebaut hatte.
KROATIEN
Faschisierung des Geistes le Konstellation spielt. Wesentlicher ist das, was die "Danas"- Gewiß darf man die Stärke des kroati- Journalistin Jelena Lovric als "Faschisierung schen Faschismus nicht überschätzen. Das des Geistes" beschrieben hat, jene massive Wählerpotential liegt bei weitem unter dem, Demontage eines kritischen Geschichtsbewas deutsche Rechtsextreme bei den jüng- wußtseins, die mehr und mehr jede Distanz zu sten Wahlen ausschöpfen konnten, und zur faschistischen Symbolen einebnet und rassiverbotenen Feier des NDH-Regimes am 10. stische Weltbilder neu belebt. So tritt Dino April fanden sich in Zagreb noch nicht einmal Dvornik, das kroatische enfant terrible der tausend Menschen ein. Zudem hängt seine Pop-Szene, mittlerweile mit einem von der derzeitige Konjunktur mit dem Krieg in HSP produzierten T-Shirt auf und reißt im Kroatien und den aufflammenden überaus Rhythmus seiner harten Rockmusik die Arme blutigen Kämpfen in Bosnien-Herzegowina zum Hitler-Gruß in die Höhe, und der neueste zusammen, die die latenten rassistischen kroatische Hit, gesungen von einem Chor (sprich: antiserbischen) Muster verstärken jüngerer und älterer Männer in martialischen und politisch bis in weite Bereiche der HDZ Kampfuniformen, beginnt mit dem kroatiwirksam werden lassen. Diese fließenden schen Heil Hitler (za dom-spremni - für die Übergänge zwischen offenem Faschismus Heimat bereit). Die Gewaltbereitschaft wird und rechten (Regierungs-) Kreisen innerhalb ohnehin durch den Krieg und seine Männerder Reihen der HDZ sind schon besorgniser- phantasien systematisch gesteigert. regender, zumal das militärische Potential des kroatischen Faschismus nicht unterschätzt Land ohne Linke werden darf. Die HSP verfügt mit der HOS über schwer bewaffnete und gut ausgebildete Das eigentlich Besorgniserregende aber Kampfeinheiten, die wiederum einen wichti- ist das fast vollständige Fehlen einer linken gen Einfluß auf die militärischen Spezialein- Opposition und die zunehmende Verarmung heiten Kroatiens ausüben. All das wird im weiter Teile der kroatischen Bevölkerung. In Moment noch zusammengehalten von der dem Moment, wo es den gemäßigten Führern bonapartistischen Rolle, die Tudjman - hierin der HDZ nicht mehr gelingt, angesichts einer Abbild Titos - gestützt durch die internationa- Jasenovac sich zuspitzenden ökonomischen und einer fortschreitenden militärischen Krisensituation ihre populistische Sammlungsbewegung zusammenzuhalten, wird sich zeigen, wie verheerend die Folgen des heutigen rechtslastigen Klimas sind. Schon jetzt ist absehbar, daß es eine linke Antwort auf eine solche mögliche Desintegration des kroatischen Gesellschaftssystems nicht geben wird. Ob die serbische Seite mit ihrer zur Zeit noch wirklichkeitsfernen Rede vom Ustascha-Staat Recht haben wird, dürfte dort dann keinen mehr interessieren. Die Auflösung des neu gegründeten Jugoslawien wird sich schneller vollziehen als die des jetzigen Kroatiens. Nicht nur, weil die dort lebenden Minderheiten ihre Autonomieforderungen forcieren werden, sondern vor allem weil die zunehmende internationale Isolierung die ohnehin kollabierende Wirtschaft völlig in den Ruin treiben wird. Ein demokratischer, nicht nationalistischer Umsturz in Serbien und Montenegro wäre im übrigen die beste Unterstützung für eine demokratische Weiterentwicklung Kroatiens. Vom (rätedemokratischen) Sozialismus ist das ehemalige Jugoslawien in all seinen zersplitterten Bestandteilen ohnehin so weit entfernt wie nie.
USA