Abraham Serfaty gehört zu den am längsten einsitzenden politischen Gefangenen der Welt. Er wurde im September 1991 aus dem Kenitra-Gefängnis in Marokko entlassen und nach Frankreich ausgewiesen. Er ist heute 65 Jahre alt und wurde vor 17 Jahren wegen seiner wichtigen Rolle bei der Gründung der marxistisch-leninistischen Organisation lla Al-Aman ("Vorwärts") verhaftet. Diese Gruppe bestand damals vorwiegend aus linksradikalen Studentin- Serfaty, der wie viele andere Gefangene des königlichen Diktators Hassan Il die Publikationen der Vierten Internationale ins Gefängnis geschickt bekam, gab unserer englischsprachigen Schwesterzeitung, International Viewpoint, ein längeres Interview über seine Gedanken in den langen Jahren der Haft. Das Interview zeigt verschiedene Facetten von Abraham Serfaty als politische Persönlichkeit: den Marokkaner, den Nordafrikaner (Arabo-Berber), den Araber, den arabischen antizionistischen Juden und den Internationalisten. Wir bringen das Interview, welches Salah Jaber im Dezember 1991 führte, aus Platzgründen in gekürzter Fassung. ABRAHAM SERFATY
Seit Deiner Freilassung im September 1991 hast Du Unser Einfluß ist deutlich gewachsen, da mehrfach den Ausdruck "Ende wir nach den Krawallen von 1984 unsere der Herrschaft" gebraucht, um politische Linie sehr genau überdacht hadie Lage in Marokko zu ben1). Gegen Ende 1979 hatten wir bereits charakterisieren. Wie bist Du zu gewisse Korrekturen vorgenommen, die es dieser Aussage gekommen? Von uns erlaubten, die Arbeit in den Stadtteilen außen betrachtet ist das marokka- und unter der ArbeiterInnenschaft aufzunchnische Regime ja sehr stabil. men. Wir haben aber trotzdem noch viele Fehler gemacht Meine Einschätzung basiert vor allem auf Wir gingen diesen Weg nach den Verhafder Tatsache, daß in den letzten drei oder vier tungen von 1985 weiter und dachten vor al- Jahren die demokratischen Kämpfe der lega- lem mehr über grundlegende Probleme der len und der revolutionären Opposition mehr marokkanischen Revolution nach, die von und mehr zusammengeflossen sind. uns und anderen linken Kräften vernachläs- Letztere, die revolutionären Kräfte, sind sigt worden waren - besonders die Frage der keine richtigen, strukturierten Organisatio- Berber. Diese Ideen haben in bestimmten nen, sondern eher Gruppen und Strömungen Bereichen an Boden gewonnen, besonders innerhalb mehr oder weniger legaler Parteien. unter den Qua'idine Studenten2), aber auch Die am besten organisierte revolutionäre in bestimmten Wohnvierteln der normalen Gruppe ist Ila Al-Aman, die konspirativ ar- Bevölkerung, besonders in Casablanca. beitet. Gleichzeitig haben diese Positionen dazu er legen, Organisationen zusammenzu circirasen, bringen.
Es gibt natürlich auch eine selbständige Radikalisierung, die nicht aufgrund der Arbeit unserer Organisation zustandegekommen ist. Diese Radikalisierung ist Resultat des Drucks von Seiten der Bevölkerung und der Arbeiterklasse, die ihren Ausdruck in der neuen Dynamik der Demokratischen Konfoderation der Arbeit (CDT)3) findet. Diese Organisation hat sowohl ihren Einfluß als Gewerkschaft als auch innerhalb der Sozialistischen Union der Volkskräfte (USFP)4) ausweiten können. Ergebnis war, daß sich sowohl die USFP als ganzes, als auch die ihr angeschlossenen Organisationen, wie die Jugendorganisation Shabiya Ittihadiya ("Gewerkschaftsjugend") deutlich radikalisiert haben.
Diese allgemeine Radikalisierung hat natürlich objektive Hintergründe: die Mittelklassen haben nicht mehr die relativ wichtigen Vorteile, die sie noch in den 70ern genossen haben. Darüberhinaus hat die chauvinistische Mobilisierung über die Saharafrage ihre Kraft verloren, auch wenn sie von den Parteien weiter betrieben wird. Es sind die Fragen der Demokratie und der Menschenrechte und generell der politischen Umgestaltung des Landes, die die Leute beschäftigen. Dies gilt für die einfache Bevölkerung und die Mittelklassen. Daß die legalen demokratischen Kräfte und die revolutionären Gruppen in diesen Fragen zusammengekommen sind erklärte das stetige Anwachsen der Kämpfe für Demokratie und Menschenrechte in den letzten drei oder vier Jahren. Dies wird am Verhalten der legalen Parteien zur Frage der Verfassung deutlich: In nur wenigen Monaten haben sie die Forderung nach Änderungen der Verfassung fallengelassen und setzen sich seit dem 19.11.1991 für eine neue Verfassung ein, was natürlich mit der Herrschaft Hassans Il nicht vereinbar ist.
Das neue an der jetzigen Situation ist also die Haltung der Mittelklassen zur Frage der Demokratie. Hast Du deshalb vom "Ende der Herrschaft"
geredet?
Ja. Das ist natürlich ein komplexes Phanomen, was sich nicht nur auf die Mittelklassen beschränkt. Die Forderung nach Freiheit ist tief verankert. Zur gleichen Zeit werden alte sektiererische Verhaltensweisen abgelegt. Dies gilt sowohl für die legalen, demokratischen Kräfte als auch die radikaleren oder gar revolutionären Strömungen. So hat
MAROKKO z.B. Ila Al-Aman diese legalen Kräfte bisher Du hast über den politischen Charakter abgelehnt und diese haben uns wiederum als der vorhenschenden Stimmungen in der ma- Extremisten und Verräter an der Sache der rokkanischen Bevölkerung gesprochen. Was "Marokkanisierung" der Sahara geschen. sind aber die sozioökonomischen Hinter- Jetzt ist die Frage der Sahara praktisch gründe? zweitrangig geworden und spaltet uns nicht Natürlich haben diese Entwicklungen mehr. eine wirtschaftliche Grundlage. Seit dem Andererseits kommen wir in der Frage Ende der 70cr Jahre haben die Mittelklassen der Opposition gegen den König zusammen - ihre relativen Vorteile verloren. In den 80crn daher haben wir uns auch das konkrete Ziel wurde das Regime wirtschaftlich immer des Sturzes von Hassan Il gesetzt und nicht so schwächer. Dies war einerscits Ergebnis des sehr die Abschaffung der Monarchie. Die Krieges in der Sahara und andererseits der Bevölkerung aber lehnt zweifellos nicht nur weltweiten Krise mit den immer härteren Hassan Il sondern die Monarchie als solche Forderungen des IWF nach ungehindertem ab. Dies ist gerade in den Städten deutlich zu merken.
Die Mittelklassen hingegen lehnen die Monarchie noch nicht ab. Sie sind immer noch in den alten liberacl Ideologien der marokkanischen Nationalbewegung verfangen, die seit 60 Jahren von der Bourgeoisic dominiert wird. Sie haben wahrscheinlich Angst davor, überflügelt zu werden und ihre Sorge um Stabilität hält sie davor zurück, die Monarchie als Institution anzugreifen. Das Zusammenkommen verschiedener Kräfte ist auch Resultat einer Entwicklung die während der schwerer finden, in Marokko normal zu agieren.
Die Gewerkschaften und die Arbeiterbewegung im allgemeinen haben in den letzten großen Massenbewegungen eine zentrale Rolle gespielt. Das gilt besonders für die Zeit von Ende 1990-Anfang 1991. Dies hat sich jedoch nicht auf der politischen Ebene niedergeschlagen, wo sich die Forderungen auf das beschränken, was die Mittelklassen noch akzeptieren - und dabei besonders die USFP, die als Partei geschen werden kann, die dieses Milieu repräsentiert.
Die Arbeiterklasse hat bis jetzt noch keine politische Struktur, die sie in die Lage versetzen könnte, sich auf dieser Ebene als unabhängige Kraft zu Wort zu melden. Eine große revolutionäre politische Partei der Arbeiterklasse gibt es noch nicht, obwohl dies der Wunsch vieler aktiver Linker ist - das gilt nicht nur für unsere Organisation -, die beim Aufbau einer solchen Partei mithelfen wollen.
Dies gilt für einige radikale Strömungen, wie z.B. für jene, die aus einer Abspaltung der USFP hervorgegangen ist. Dies Strömung nannte sich lange "Administrative "Lerne Dein Land kennen" -Karikatur aus Al Hayat (Algerien) 80cr Jahre und speziell ab 1984 eingesetzt hat: Das Regime Hassans Il ist, auch wenn es immer noch die Inter- Wirtschaftsliberalismus. essen der herrschenden Klassen vertritt, Dies hat zu einer Verschlechterung der selbst innerhalb dieser Klassen relativ iso- Situation der Arbeiter- und Mittelklassen liert, weil es das, was wir als "Machzen geführt und Hassan Il isoliert. Die Abhängig- Mafia" bezeichnen aufgebaut hatS). Dies ist keiten, besonders gegenüber Europa mit ihrer den alten "feudalen" Machtstrukturen be- rapiden Entwicklung von Zulieferarbeiten in gründet. Das System stützt sich auf Führung der Textil- und Lederindustrie haben die der Polizeikräfte und zu einem geringeren Erpressung von Arbeitern leichter gemacht. Teil auf bestimmte Generäle - es wäre falsch, Marokkanische Unternehmer sind weniger die gesamte Armee als Teil dieses Herr- richtige Kapitalisten als Gefängniswärter für schaftssystems zu sehen. Wir haben es mit billige und überausgebeutete Arbeitskräfte. einem Polizeistaat unter der Führung Has- Solche Operationen (Arbeiter zu Niedrigstsans Il zu tun, der die Wirtschaft ausplündert löhnen und schlechten Bedingungen anzuund gleichzeitig das Volk unterdrückt. stellen, A.d.Ü.) sind illegal und gegen die Ar- Solch ein System führt sogar zu Spaltun- beitsgesetzgebung und müssen daher von der gen innerhalb der herrschenden Klassen und Polizei gedeckt werden.(...) Gleichzeitig ist darüberhinaus zu Spannungen zwischen dem es aber so, daß Unternehmer, die industrielle System und den Mittelklassen. Das bedeutet, oder Handelsprojekte nach dem Gesetz angedaß das Regime Hassans II immer mehr iso- hen, immer mehr in Schwierigkeiten geraten. liert wird und zum direkten oder indirekten Der Ärger hat zugenommen; seit den Auf- Ziel der Kämpfe wird, was sich besonders in ständen von 1984 hat Zugriff des Innenminider Forderung nach einer neuen Verfassung steriums und seiner Polizei sich auf alle Beniederschlägt. Daher ist Marokko heute reif reiche des Lebens ausgedehnt, darunter Infür den Sturz Hassans Il und eine wenigstens formation, Kultur und sogar die Wirtschaft. teilweise Abschaffung seiner Mafia. Dies hat nicht nur die Mittelklassen, sondern Unsere Organisation fing im Herbst 1990, auch einen Teil der herrschenden Klassen zur oder genauer während der Demonstrationen Weißglut gebracht. Die "Machzen Mafia" gegen den Golfkrieg im Januar und Februar hat sogar einige ausländische Interessen- 1991, an, dies zu verstehen (...). gruppen vor den Kopf gestoßen, die es immer Kommission", bis sie kürzlich die Demokratische Partei der Soziali- Stischen Avantgarde (PAGSD) gegründet In der Gewerkschaftsbewegung und vor allem in der CDT kann man beobachten, daß die Führer eine gewisse Sensibilität für die besonderen Probleme der Arbeiterklasse entwickeln.(...) Wir sollten nicht vergessen, daß die marokkanische Arbeiterklasse schon seit sehr langer Zeit gewisse Elemente von Klassenbewußtsein gezeigt hat.
In den 40er Jahren waren schr viele Arbeiter gewerkschaftlich organisiert. Dies geschah unter der Regie von spanischen oder französischen Aktiven, die bei allen Fehlern immerhin Klassenbewußtsein und eine Tradition unabhängiger klassenkämpferischer Aktionen in den Gewerkschaften entwickeln wollten. Dies prägte die Marokkanische Gewerkschaft der Arbeit (UMT)6) für eine lange Zeit und erklärt auch ihre anarchosyndikalistischen Tendenzen, die von der UMT- Bürokratie ausgenutzt wurden, um die Gewerkschaft vom Zugriff der politischen Parteien fernzuhalten, aber auch um ihre eigene Vorherrschaft gegenüber der Basis abzusichern.
Die Arbeiter in den Minen und großen Fabriken in Casablanca haben eine Tradition von Klassenforderungen. Dies hat auch eini-
ge politische Gruppierungen beeinflußt. Dies zeigt sich deutlich an dem Druck, den die Arbeiter heute auf die CDT und über sie auf den radikalen Flügel der USFP ausüben. Dies steht im scharfen Gegensatz zur alten Garde, deren kleinbürgerlich-reformistische Ideologie sich in Opportunismus und einem bürgerlich-demokratischen Projekt niederschlägt, das sie sogar so weit gebracht hat, mit Hassan Il in Verhandlungen zu treten.
Auch wenn die USFP und die Istiglal Partei7) sich kürzlich für eine Änderung der Verfassung und nicht nur Ergänzungen ausgesprochen haben, ist nicht klar, ob sich dies auch in der Praxis ihrer Führer niederschlagen wird: einige von ihnen werden sicher nach einem Kompromiß mit dem König trachten.
Doch der gewaltige Druck der Massen, der sich in der CDT niederschlägt und die Unzufriedenheit der Mittelklassen gehen in Richtung wirklicher Demokratie, die mit Hassan Il nicht vereinbar ist. Die Arbeiterklasse, die sich heute bewußt dafür entschieden hat, sich auf demokratische Forderungen zu beschränken hat auch die Möglichkeit, in einer späteren Phase zum revolutionären Kampf überzugehen.
In der ersten Phase, in der wir uns heute befinden, müssen wir versuchen, unsere Kräfte auf den Sturz Hassans II - selbst im Rahmen der Monarchie - zu konzentrieren, die Machzen-Mafia bis zu einem gewissen Grade zurückzudrängen und demokratische Freiräume zu gewinnen. Ob wir zu einer weitergehenden Etappe durchdringen können, hängt vom Klassenbewußtsein der marokkanischen Arbeiterklasse ab, was für ein Drittweltland recht hoch ist. Ernsthafte Basisarbeit von Revolutionären gemeinsam mit Aktiven der CDT, die noch keine Revolutionäre sind und sogar mit bestimmten Aktiven der. UMT kann uns auf dieser revolutionären Straße weiterführen.
In Marokko gibt es explosive soziale Spannungen. Dies gilt besonders für die städtische Armut, wie sich in den letzten Jahren gezeigt hat. Die
Reformisten aus der Mittelklassen sind sich dessen bewußt.
Bringt dieses Bewußtsein sie nicht dazu, die Kämpfe so weit wie möglich beschränken zu wollen?
Natürlich gibt es hier einen Widerspruch. Ist das aber auf kurze Sicht ein Hindernis? Ich glaube nicht. Im Moment können sich alle Kräfte um das Ziel, Hassan Il zu stürzen, MAROKKO zusammentun. Die Leute schen Hassan Il als Feind des Volkes - dies hat sich z.B. bei den Demonstrationen von 1984 ganz klar gezeigt In den großen Städten mit einer sozialen Geschichte wie Casablanca gibt es in der Tat bei Kämpfen eine objektive Verbindung zwischen den proletarischen Kernen in den großen Fabriken und jenen, die ich als "proletarische Massen" aus den normalen Wohnvierteln bezeichnen würde. Beide Teile leben in denselben Vierteln. Dort müssen wir mit unserer politischen und organisatorischen Arbeit ansetzen - mehr als bisher. Ob wir von den heutigen Zielen zu revolutionäreren und radikaleren Zielen gelangen können hängt stark davon ab, wie sich diese Verbindung zwischen den beiden oben beschriebenen Schichten entwickelt. Daher treten wir aus strategischen und taktischen Gründen vehement für die Selbstorganisation der Massen in den Stadtvierteln und Fabriken ein. Die Arbeiter sollten sich in Basiskomitees organisieren, die die bürokratischen Apparate in bestimmten Gewerkschaften überflügeln und diesen Gewerkschaften eine neue Dynamik verleihen können. Dies ist bei den Studenten in der Bewegung für Basisorganisierung in der Qa'idine schon geschehen. So können sich die proletarischen Massen und die Kerne verbinden. Allerdings unter der Bedingung, daß die revolutionäre Alternative klar herausgestellt wird. Es ist ja bekannt, daß diese halbproletarischen Massen in den arabischen Ländern das bevorzugte Arbeitsfeld der fundamentalistischen Bewegungen darstellen. Das liegt daran, daß die revolutionären Kräfte nicht in der Lage waren, eine zusammenhängende Perspektive zu vermitteln. Die arabischen Kommunistischen Parteien haben sich dabei auf ihre traditionelle "ökonomistische" Herangehensweise beschränkt. Ich glaube, daß wir von lla Al-Aman im Gegensatz dazu in der Lage waren eine Gesamtperspektive zu formulieren, die die Bedürfnisse der Massen integriert hat. Unsere Mitglieder und Sympathisanten in den Stadtteilen ziehen immer eine sehr enge Verbindung zwischen den Zielen des demokratischen Kampfes für Tagesforderungen mit den strategischen Forderungen einer revolutionären Plattform. Du sagst also, daß die marokkanischen Fundamentalisten im Vergleich zu anderen Ländern der Region trotz der tiefen sozialen und ökonomischen Krise so schwach sind, weil die revolutionäre Bewegung eine positive Rolle spielt.
Die gilt auf alle Falle für Städte wie Casablanca. Ich sage natürlich nicht, daß es die fundamentalistische Bewegung nicht gibt. Sie hat aber nicht die Stärke wie in anderen großen Städten in der arabischen Welt. Dies gilt natürlich weniger für die anderen Städte in Marokko, wo die proletarische Bewegung schwächer ist als in Casablanca oder für die wichtigsten Bergbauregionen. In den vorwiegend kleinbürgerlichen Städten ist die Situation noch unklarer. Dort haben die Fundamentalisten mehr EinfluB. Da aber Casablanca der wichtigste Stützpunkt der marokkanischen Revolution ist, ist es auch das wichtigste Hindernis für die Fundamentalisten. Auch das Problem der Identität der marginalisierten Regionen - wie die Frage der Berber, des Rif, des Souss und anderer • erwies sich als Hindernis für die fundamentalistische Bewegung, weil neues Gewicht auf die Identität der Berber und anderer unterdrückter Völker gelegt wurde. (...) Wir sind die einzigen, die eine klare Plattform zu diesen Fragen im Rahmen einer revolutionären Alternative erarbeitet haben. Dies hat uns ermöglicht, schnell zu reagieren und der mythischen Alternative des Fundamentalismus eine eigene zusammenhängende und greifbare Alternative entgegenzustellen. Daher haben wir auch solchen Einfluß unter den Studenten einer Universität wie der von Fez, die aus den entsprechenden Regionen kommen. Man sollte auch nicht vergessen, daß es bei der Berberfrage um 60% unseres Landes geht. In Algerien sind es beispielsweise nur 15-20%.
In diesen Fragen stehen wir erst am Anfang. Wir haben erst in den letzten zehn Jahren die Berberfrage in unsere Überlegungen einbezogen. Klare Positionen haben wir erst seit drei oder vier Jahren. Diese finden aber recht schnell Gehör.
Potentiell ist es möglich, den Fundamentalismus zu schlagen, wenn sich der proletarische Pol in Casablanca mit den periphären Regionen verbindet. Selbst die vorwiegend kleinbürgerlichen Städte, in denen der Fundamentalismus auf fruchtbaren Boden fällt, könnten im Zusammenhang einer allgemeinen revolutionären Bewegung ihre jetzigen Beschränkungen überwinden. Das war z.b. ganz deutlich in Marrakesch, einer Stadt, die stark mit den sie umgebenden Berbergebieten verbunden ist, während der Demonstrationen vom Januar 1984 der Fall. Die klassischen demokratisch-reformistischen Kräfte haben die Mittelklassen fest im Griff. Das Zusammenkommen dieser Kräfte und unserer eigenen Aktivitäten hat eine starke Bewegung Richtung Demokratie hervorgebracht. Dies hat den Massen gezeigt,
daß bestimmte Erfolge errungen werden können, ohne sich dem Fundamentalismus in die Arme zu werfen und erklärt wahrscheinlich auch, warum der Fundamentalismus hier weniger als anderswo Fuß fassen konnte. Kann die Frage der regionalen Identität die traditionelle Rolle der Bauernschaft als Stütze der Monarchie neutralisieren oder sogar Widersprüche zwischen der Bauernschaft und dem Regime aufwerfen? Gibt es andere Faktoren, die in diese Richtung arbeiten?
Unsere Organisation hat in der Bauernfrage lange Zeit keine Fortschritte erzielt. In den 70ern hatten wir eine "ökonomistische" Herangehensweise, die sich ausschließlich auf die Konzentrationen von Landarbeitern in den bewässerten Regionen beschränkte, wo sich die großen Güter befinden. Eine genauere Analyse in den 80ern zeigte uns vor allem, daß die herrschenden Klassen gewillt sind, die Herausbildung cines ständigen Landproletariats um jeden Preis zu verhindern, selbst wenn dieses Verluste in Bezug auf die Produktivität bedeutet - in dieser Frage zeigen sie ein ganz klares Klassenbcwußtsein.
Das Bauernproblem ist in jenen Regionen, die seit Jahrhunderten traditionell von der Machzen beherrscht sind, sehr komplex und man kann nicht davon reden, daß es in diesen Regionen Kämpfe gäbe. Bewegungen gibt es zur Zeit in den Städten und - mehr oder weniger spontan seit Januar 1984 - in den periphären Regionen, besonders im Norden. Die Dynamik geht in Richtung einer Ausweitung der Kämpfe, doch dieser Prozeß befindet sich erst in den Anfängen.
Ich habe festgestellt, daß in jenen europäischen Staaten wie Holland oder Belgien, wo es eine große Immigration aus dem Norden Marokkos gibt, das Bewußtsein über diese Fragen zunimmt: das Interesse an den Problemen im Rif ist schr groß. Während der Veranstaltungen in diesen Ländern habe ich auch festgestellt, daß die wenigen dort anzutreffenden Fundamentalisten zu diesen Fragen schlechterdings nichts zu sagen hatten. Doch ich will die Schwierigkeiten nicht herunterspielen. Ein bedeutender Teil der ländlichen Gebiete ist in der Hand des monarchistischen Herrschaftssystem, des "Marokkanischen Fellachen, Verteidigers des Throns". Dies geschieht vermittels von Beamten, vor allem in den ländlichen Teilen des Zentrums.
Es gibt also eine Menge zu tun. Ich glaube MAROKKO aber, daß sich ausgehend von einer revolutionären Bewegung in den proletarischen Zentren wie Casablanca und den periphären Regionen eine allgemeine Dynamik entwickcin laßt.
Du hast gesagt, daß die zweitrangige Bedeutung der Saharafrage den Raum für gewisse Kämpfe gegen das Regime geschaffen hat. Dies hat aber auch seine Kehrseite: bis vor kurzem hat der Saharakrieg vor allem dem Regime genützt. Die
Hoffnungen von Revolutionăren, daß er zum Katalysator einer Radikalisierung gegen die Monarchie werden würde, haben sich nicht erfüllt.
Es ist vollkommen richtig, daß der Krieg in der Sahara Hassan Il eine Galgenfrist von 15 Jahren - 1974-1989 - gegeben hat. In den letzten vier Jahren ist diese Problem aber von konkreten Kämpfen des Volkes und der demokratischen und fortschrittlichen Kräfte überschattet worden. Eine Lösung des Problems ist jedoch absolut nicht in Sicht. Im Moment ist die entscheidende Frage für das Regime das Referendum über die Sahara - die Regierung verstärkt ihre Anstrengungen, um das Referendum zu sabotieren und es ist deutlich, daß einige Oppositionsführer sie dabei unterstützen. Der Saharakrieg bleibt weiterhin ein Hindernis für Massenmobilisierungen und ihre Radikalisierung.(...) Die Tatsache, daß es dem Regime 15 Jahre lang gelungen ist, die Saharafrage zu benutzen deutet an, daß Marokkos historischer Anspruch auf dieses Gebiet für die Massen lebendig ist. Sollten wir darüber nicht genauer nachdenken? Sind es einfach Chauvinismus und ideologische Mystifizierung, die die Leute zu einer solchen Betrachtungsweise des Problems führen, oder sind es wichtigere Faktoren, wie z.B.
bestimmte Verhaltensweisen der POLISARIO (Befreiungsorganisation der Sahara, A.d.U.) oder ihre Verbindungen zum algerischen Regime?
Bei diesem Problem muß man zwei Ebenen unterscheiden. Natürlich gibt es da die vorherrschende Präsentation der marokkanischen Geschichte, die aus Ruhm und Glanz von großen Reichen besteht und vom marokkanischen Volk aufgenommen wurde. Die von Alal Al-Fassi, dem Gründer der Istiglal 1956 - also zur Zeit der Unabhängigkeit veröffentlichte Landkarte zeigte Marokko in Grenzen, die sogar bis Senegal reichten. Diese Landkarte wurde von allen Ladenbesitzern in den Städten in ihren Geschäften aufgehängt. Gleichzeitig war der von Hassan II 1975 organisierte Grüne Marsch8) auch ein Marsch in ein neues Eldorado für die marokkanischen Massen. Diese glaubten, daß die Phosphatvorkommen und andere Bodenschätze in der Sahara alle internen Probleme des Landes lösen würden.
Ende der 70er Jahre kam dann die große Ernüchterung über die wirtschaftlichen Aussichten. Trotz aller Hoffnungen hatte sich die Lage verschlechtert. Seite Anfang der 80er Jahre - und dies ist einer der Hintergründe der sozialen Explosionen von 1981 und 1984 spielte die Saharafrage nicht mehr ihre einschränkende Rolle, auch wenn viele noch an ihren alten Positionen zur Berechtigung der Forderungen der POLISARIO festhielten. Für die Mittelklassen jedoch ist die Saharafrage aus ideologischen Gründen ein Stolperstein geblieben. Dies hängt mit der gesamten Geschichte der marokkanischen Nationalbewegung unter der Führung der Bourgeoisie seit den 30cr Jahren zusammen und dies ist wiederum mit der vorherrschenden Darstellung der marokkanischen Geschichte verbunden, die auf der Machzen-Ideologie basiert, die sich von Idriss 1 bis zu Hassan II erhalten hat. Die marokkanische Nationalbewegung und besonders die Istiglal Partei haben dem Mythos einer einigenden Monarchie neues Leben eingehaucht.(...) Heute sind die Ansichten unter der Bevölkerung durchwachsen. Die Leute haben genug von diesem Krieg, der zu viel Geld - und in bestimmten ländlichen Gebieten auch Leben - verschlingt. In den 80er Jahren waren Kriegsmüdigkeit und sogar eine gewisse Bewunderung für die POLISARIO zu beobachten, die es wagte, Hassan Il die Stirn zu bieten. Die große Demonstration in Marrakesch von 1984 stellte natürlich vorwiegend unmittelbare Tagesforderungen. Doch die Mobilisierungsflugblätter begrüßten ausdrücklich den Kampf der POLISARIO, ohne daß dies der Mobilisierung Abbruch getan hätte.(...)
Befürchtungen über die Rolle der algerischen Regierung beherrschten und beherrschen Teile der marokkanischen Bewegung und es ist klar, daß wir uns die entsprechenden Fragen stellen müssen. Für Ila Al-Aman war die Frage des Selbstbestimmungsrechtes des Volkes der Sahara eine prinzipielle Frage, ohne, daß wir Illusionen in das algerische Regime gehabt hätten - man sollte s nicht mit
dem marokkanischen in eine Tasche stecken, aber wir sind uns seiner Nachteile durchaus bewußt.
Wir unterstützen den Kampf der POLI- SARIO rückhaltlos, weil dies mit unseren Grundsätzen übereinstimmt. Das heißt aber nicht, daß wir sie als die Vorhut der revolutionären Bewegung Westarabiens (Marokko, Westsahara, Mauretanien) sehen, wie ich auch 1972 geschrieben habe.(...)
Ich denke, daß eine positive Entwicklung der gesamten Region nicht nur davon abhängt, wie richtig der Kampf für die Befreiung des Volkesder Sahara und der Kampf der POLISARIO geführt werden. Sie hängt auch davon ab, ob Marokko auf dem Weg zur Demokratie und ciner radikalen Revolution vorankommt und dadurch auch in der Lage wäre, den positiven Kräften des Volkes der Sahara und der POLISARIO politische Hilfe zu geben, um die negativen Risiken zu überwinden.
Anmerkungen 1. Im Januar 1984 gab es in verschiedenen macokkanischeo Stadten Unruben. Diese fanden besonders im Norden des Landes als Reaktionen auf Preiserböbuogeo statt. Hassao II machte "Khomeiniaohänger" und lla Al-Aman für die Aufstode veraatwortlich. Es folgteo Masseoverbaftuageo. 2. Die Qa'idioe ("Basis") Studenten: eine radikale, lioke Studeoteoströmuog, die der lla Al-Aman nabestebt. 3. Die CDT stebt der USFP (Sozialistischeo Union der Volks. kräfte) nabe(siebe Aom.4). Sie wurde 1978 gegrüodet und ist nach der UMT (siche Anm.6) die zweitgrößte Gewerkschaft des Landes.
4. Die USFP wurde 1975 legal (wieder)gegrüodet. Sic kam aus der Nationalen Union der Volkskräfte (UNFP), einer Linksabspaltung der Istiqlal Partei von 1959 (siebe Anm.7) die von Medi Ben Barka geführt wurde. S. Machzen bezeichnet Stammland und Schatzmeisterei des Königshauses, die dem Volk Tribut abpreßt. 6. Die UMT ist der größte Gewerkschaftsverband des Landes. Istiglal und KP arbeiten in ibr.
7. Die İstiglal ("Unabbängigkeits") Partei, die 1944 von Alal Al-Fassi gegründet wurde, ist die Partei der liberalen nationa. lea Bourgeoisie.
8. Der Grüne Marsch wurde 1975 vom Regime organisiert und führte Abertausende von Marokkanern von Süden Ma. rokkos in die chemalige Spanische Sabara (Westsahara), um die Übernahme des Gebietes nach der Rückzugsankündigung der Kolonialmacht zu verdeutlichen. MAROKKO/TUNESIEN