Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Frankreich

Die Krise des Kommunismus

Inprekorr Nr. 243, Januar 1992 · S. 14-15 · 1.154 Wörter

Frankreich Sowjetunion Kuba und Karibik Stalinismus und Bürokratie

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auch aufgrund der Krise der KPF viele Tendenzen gibt. Auf der Ebene von Wahlen ist das anders. Dort stimmt die Mehrheit der ArbeiterInnen für die Sozialistische Partei. Doch was die Verankerung in den Fabriken betrifft, ist die KP am stärksten. Dort ist die SP extrem schwach. Sie hat zwar einige Mitglieder in den Fabriken. Diese sind aber weitgehend inaktiv.

Wenn man sich die letzten Arbeitskämpfe betrachtet, wie z.B. bei Renault in Cleon, sicht man, daß es sehr verschiedene Tendenzen in der KPF gibt. Dies hängt von der Stadt oder der betreffenden Fabrik ab. Tendenzen ist nicht der richtige Ausdruck. Besonderheiten trifft die Situation cher. Cleon ist eine der Bastionen der französischen ArbeiterInnenschaft und eine Hochburg der KP. Es gibt dort unter einer Belegschaft von 5000 Leuten 100 Mitglieder dieser Partei. Diese sind allerdings sehr klassenkämpferisch orientiert und sehr offen gegenüber anderen linken Tendenzen. Sie unterstützen innerhalb der KPF weder die Führung noch die Opposition. Auf örtlicher Ebene führen sie die CGT auf schr demokratische Weise. Wir haben in dieser Fabrik eine kleine Gruppe, fünf oder sechs Genossinnen, die aber sehr bekannt sind. So wurde z.B. der letzte Streik dort von der örtlichen KP und uns auf einer gemeinsamen Grundlage geführt. Einer der zwei wichtigsten Sprecher war ein Genosse der LCR, der auch als solcher bekannt ist. Die Tageszeitung der KPF, L'Humanite, machte mit ihm sogar ein Interview. Auch wenn es am Ende des Streiks taktische Differenzen in der Frage der Weiterführung gab, haben wir ihn doch im großen und ganzen gemeinsam geführt. Sogar gegen die Führung der KPF und CGT, die den Streik isolieren wollen, weil er nicht von ihnen geführt wurde. Dennoch ist diese Fabrik ein gutes Beispiel für eine spezifische Gruppe der KPF, die eine Einheitsfront mit der LCR geschlossen hat.

Könntest Du noch etwas über die allgemeineren Perspektiven der KPF sagen. Wie hat sich die KPF zum Augustputsch in der UdSSR verhalten und was ist ihre Strategie in Bezug auf Frankreich?

Es ist sehr schwer, eine Perspektive für die KP zu sehen. Die Stärke der KP hängt mit der kommunistischen Tradition zusammen. Der Niedergang der KP hängt allerdings mit FRANKREICH internationalen Faktoren zusammen. Es gibt keine Glaubhafte Alternative auf der Linken für die kritischen Mitglieder der KPF. Viele von ihnen sagen zu uns, daß wir mit dem, was wir sagen, Recht haben, daß wir aber zu klein sind. Wenn es uns in der nächsten Zeit gelingen würde, eine glaubhafte Organisation links von der KPF aufzubauen, würden wahrscheinlich viele KP Mitglieder sich diesem Projekt anschließen. Das ist aber heue nicht der Fall. Das gilt aber auch für Linke in der SP, die auf eine Alternative warten.

Die KPF wird heute nicht einfach verschwinden. Es wird mehr und mehr interne Debatten geben. Binige werden die KP verlassen. Es ist möglich, daß die "Refondateurs" um Fiterman in einigen Monaten die Partei verlassen, da sie einerseits in Frontalopposition zur Führung stehen und andererseits keinen Einfluß im Parteiapparat haben. Es ist aber möglich, daß die KPF wegen der katastrophalen Politik der PS nicht vollstăndig zusammenbricht und auf Wahlebene ein Minimum an Einfluß unter Jugendlichen und Arbeiterinnen behält. Man sollte aber auf alle Fälle vorsichtig sein und nicht voreilig behaupten.

Ihre Haltung zum Putsch in Moskau hat in Frankreich einen Skandal ausgelöst. Sie haben nicht den Putsch verurteilt, sondern die Art und Weise, wie Gorbatschow aus dem Amt gejagt wurde. Das erklärt auch, warum ihnen von der Opposition in der KPF vorgeworfen wurde, daß sie in Wirklichkeit für den Putsch waren. Ich denke auch, daß sie ihn in Wirklichkeit unterstützt haben. Es war für die Führung aber unmöglich, das offen zu sagen. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Führung immer noch stalinistisch ist, sich aber anpassen muß. Sie haben Gorbatschow offen unterstützt und gesagt, er sei immer noch Kommunist. Jetzt erst beginnen sie ihn ein wenig anzugreifen. In der Öffentlichkeit sagen sie "wir sind französisch" und trauen sich nicht, offizielle Kontakte zu diesem oder jenem Flügel der KPdSU zu unterhalten. Sie sind da sehr vorsichtig. In ihren Köpfen suchen sie aber, so glaube ich, nach einer "guten kommunistischen" Organisation in der UdSSR. Diese gibt es aber nicht. Sie haben immer noch Beziehungen zu den alten Kommunistinnen in Deutschland, da die DDR ihr Modell war. Aber in der Öffentlichkeit ist es vor allem Kuba, das sie als Vorbild anschen. Sie machen eine große Kampagne zur Verteidigung Kubas. Wir machen auch eine Kampagne zur Verteidigung Kubas, allerdings mit einem breiteren Bündnis als die KPF. Wir haben erst national und dann international einen Aufruf herausgegeben, der mehr Unterstützung fand als die Kampagne der KPF. Das war für sie peinlich, da sie erst die Zusammenarbeit abgelehnt hatte und dann unseren Aufruf unterstützen mußte. Sie konnte nicht erklären, warum es so sektiererisch ist, Kuba zu verteidigen... Wir hatten ihnen erst die Zusammenarbeit angeboten, die sie aber ablehnten. Daraufhin haben wir uns entschlossen, eine breitere Kampagne zu starten und dies ist auch geschehen. Das war peinlich, zumal es nicht mehr die KP war, die sich als alleinige Verteidigerin Kubas hinstellen konnte. Es ist auch eine politische Frage, da wir bei klarer Verteidigung Kubas gegen die Aggression von außen nicht alles verteidigen, was auf Kuba geschicht, wofür sich natürlich mehr Anhängerinnen finden.

Die KPF verteidigt Vietnam. China war ihr peinlich, aber sie wollten auch dieses Regime verteidigen. In Portugal verteidigen sie Cunhal (KP-Führer, A.d.U.). Die Führung ist immer noch stalinistisch, aber gezwungen sich anzupassen. Doch die Mehrheit der Mitglieder versteht sich trotz der stalinistischen Erziehung immer noch als marxistisch und kommunistisch.

Die KPF hat ihre Haltung zu Trotzkistin. nen geändert. Über Jahre hinweg haben sie uns einfach nicht wahrgenommen. Selbst in Einheitsfronten erklärten sie damals, daß sie brechen würden, wenn sich die LCR beteiligt. Auf nationaler Ebene hat sich das Verhältnis radikal geändert. Sie diskutieren mit uns, zitieren die LCR in ihrer Zeitung. In gewisser Weise sind wir legalisiert worden. Die Mitgliedschaft hat die "Erlaubnis", unsals Revolutionär Innen zu betrachten. Die Situation hat Sich radikal geändert. Die Mitglieder der KPF diskutieren sehr viel mit uns und laden uns sogar zu ihren Treffen ein. Viele von ihnen fragen uns, wie wir die Situation in der UdSSR einschätzen.

Ist die strategische Orientierung der KPF immer noch eine Art der Linksunion oder eine "Antimonopolistische Demokratie", wie sie die DKP als Konzept vertreten hat? Darüberhinaus wäre es interessant, noch etwas über die weitere nationalistische Wende der KPF zu erfahren, die sich z.B. in einem gegen Immigrantinnen gerichteten Flugblatt im letzten Jahr gezeigt Das ist ein Problem. In gewisser Weise sind sie - auf stalinistische Weise - antiimperialistisch. So waren sie korrekterweise gegen den Golfkrieg. Die "Rennovateurs" wa-

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ren da schon undeutlicher und rechts von der KPF. Sie haben gesagt, daß es zu undifferen- FRANKREICH/EUROPA