Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Haiti

Bitte Erfahrungen in Haiti

· Inprekorr Nr. 241, November 1991 · S. 31-34 · 2.877 Wörter

Kuba und Karibik Vietnam und Indochina USA und Kanada

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Bittere Erfahrungen derungen ist, die sozioökonomische Krise im Land noch nicht beendet ist und der äußere und innere Feind uns Tag und Nacht angreift, um die Führung der Partei zu zerstören, kommt der weitestgehenden Einstimmigkeit in Haiti des Kongresses eine besondere Bedeutung zu... Obwohl es unmöglich ist, keine verschiedenen Ansichten zu haben, war die Grundhaltung des Kongresses entschlossen und die absolute Mehrheit der Delegierten stimmte dem zu... Daher kann man sagen, daß Seit er zum Präsidenten gewählt wurde, befand sich Jean-Bertrand wir jetzt nicht länger diskutieren müssen, Aristide, ein radikaler Priester, der das Los der Armen verbessern welchen Weg wir einzuschlagen haben, sondern wir müssen nach den Wegen suchen, wie wollte, in einer fast ausweglosen Situation. Die Mobilisierungen am wir die Dokumente am besten umsetzen..." 6. Dezember 1990 (während der Wahlen) und am 7. Januar 1991 Es ist wenig wahrscheinlich, daß die viet- (während des Putschversuchs von Lafontant) erlaubten es ihm, namesische Gesellschaft dem Bild von ihr wenigstens einige Hindernisse zu beseitigen. Der Versuch, aus zustimmen würde, welches die Führung der VKP zeichnet...

diesen Mobilisierungen heraus eine starke Volksbewegung aufzubauen scheiterte jedoch. Im Großen und Ganzen blieb das Volk außen vor.

ARTHUR MAHON eit 1986 war es immer extrem schwer, S dauerhafte Massenorganisationen aufzubauen. Verschiedene Volksorganisationen stimmten mit der Kandidatur Anmerkungen Aristides anfänglich nicht überein, da sie 1. Die Dokumente müssen durch das neue ZK noch jeweils meinten, er habe nicht die Kraft, um eine velles du Vietnam, 199-200, 17.7.1991, S.5). Die Zitate in "geändert", "erginzt" und "vervollständigt" werden (Nou- Katastrophe zu vermeiden. Sie befürchteten diesem Artikel sind den Dokumenten entnommeo, so wie sie ein "neues Chile". vor den Ergäazungen durch den Kongreß und das ZK vorla- Es ist auch wahr, daß die Politik Aristides geo. Die VKP gibt eine Mitgliedschaft von 2,1 Millionen in und seiner Regierung die durch seine Kandicinem Land mit 68 Millionen Einwoberlonen an. 2. Zitiert nach Hoang Giang, in "Chroniques Vietnamien- datur geweckten Hoffnungen nicht erfüllte. nes", Nr. 10-11, S.19. Er hatte versprochen, daß "Transparenz" ein 3. Zitiert nach Le Huog. "Doan Ket", Nr.433, S.39. 4. Jean Claude Pomonti, Le Moode, 25. Juni 1991. wichtiger Bestandteil seiner Politik sein S. Siehe Le Hung. "Doan Ket", Nr.434. würde. Dieses Versprechen hat er offensicht- 6. Phoog Quang, "Doan Ket", Nr.434, S.35. lich nicht gehalten. 7. Insgesamt wurden 68 Kandidatinnen direkt von den Delegierten vorgeschlagen, von denen aber nur der Gesundbeitsminister gewäblt wurde. Murray Hiebert, "FAr Eastern Eco- Hinter den Kulissen nomic Review" (FEER), 11.7.1991.

8. 1986 ins PB gewäblt. Pham Hung starb 1988. 9. "Nouvelles du Vietnam", a.a.O., S.6-7. Anfang Dezember ereignete sich ein Vor- 10. FEER, 22.8.1991, S.7. Truong My Hoa, Vizepräsidentin fall, der bei vielen einen bitteren Geschmack der Union Vietnamesischer Frauen, war vorber in der Kon- hinterließ. die ehemalige provisorische Präsitrolikomissica.

11. Nayan Chanda, "Asian Wall Street Journal Weekly" dentin Ertha Pascal-Trouillot verließ das (AWSJ), 8.7.1991. Land. Und das zu einer Zeit, wo ihr rechts- 12. Nong Duc Manh, ein Tai, ist der erste KP-Fübrer im PB, kräftig verboten worden war, das Land zu der einer ethnischen Minderbeit angebört. 13. Die Mitglieder der Leitungsgremien baben alle einco verlassen. Dies war nach dem fehlgeschlagebestimmten Rang in der internen Hierarchie dieser Gremico. nen Putsch von Januar angeordnet worden. 14. Laut dem damaligen Verteidigungsminister General Le Duc Anh im Dezember 1989. Zitiert nach Murray Hiebert, Der Justizminister erklärte dann, daß ihr FEER, 13.6.1991. Ausreiseverbot aufgehoben worden sei - ci- 15. a.a.O. nen Monat bevor die Öffentlichkeit infor- 16. AWSJW, a.a.O., S.2. Die drei "Reformer" sind Vo Van Kiet, Phao Van Khai und Vo Tran Chi. miert wurde.. Trouillot war auf Druck aus 17. FEER, 11.7.1991, S.10. dem Ausland freigelassen worden. 18. Murray Hiebert, Tai Ming Cheung, FEER, 22.8.1991, S.8. Tatsächlich waren auch alle Anklagen 19. "'Voice of Vietnam", 27.6.1991, in der BBC-Zusammenfassung der weltweiten Nachrichten, FE/116 C1/1. gegen sie fallengelassen worden. doch das ließ nicht vergessen, daß die Staatskassen nach ihrer Amtszeit vollkommen leer waren. Solche Vorfälle ermutigen nicht gerade die Mobilisierung und Organisierung der Basis. Auch der abgebrochene Prozeß gegen Lafontant, den Führer des Putschversuchs vom Januar, frustrierte viele. Der Prozeß hätte dazu dienen können, die Hintergründe des Putschversuchs offenzulegen, Informationen über die internationalen Verbindungen und die Rolle der Armee zu bekommen. Immerhin konnten Lafontants Truppen den Nationalpalast einnehmen, ohne, daß auch nur ein Schuß abgefeuert worden wäre. Der Richter ließ Lafontant jedoch wieder ins Gefängnis bringen, als dieser unter Druck begann, interessante Informationen preiszugeben. Ein neuer Prozeß wurde vorbereitet. Man munkelte allerdings in Port-au-Prince, daß dieser nie stattfinden würde und daß die USA Lafontant vorher aus dem Wegschaffen würden. Und er starb tatsächlich unter misteriösen Umständen bei Beginn des Putsches am 27. September.

Mordversuch

Kurz vor dem Putsch, kam Aristide aus den USA zurück, wo seine Rede vor der UNO großen Eindruck gemacht hatte. Er fuhr allerdings nicht direkt zum Nationalpalast, sondern nahm einen Umweg über die Vorstadt Cite Soleil. Danach sprach er zu Tausenden

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HAITI

LA DEMOCRATIe

EST

Le POUVOIR

D'UN PeUPLE •Demokratie ist die Macht eines Volkes" seiner Anhängerinnen vor dem Nationalpa- tionen zu geben oder sie zum Widerstand last. Einige von diesen hatten das Gefängnis, gegen den Putsch zu mobilisieren. in dem Lafontant saß bewacht, um dessen Flucht bei Aristides Abwesenheit zu verhin- Selbstverteidigung dern. An diesem Abend hielt Aristide eine flammende Rede, in der er Drohungen gegen Nach seiner Wahl hatte Aristide stets zum die Bourgeoisie aussprach. Seitdem wird be- Aufbau von Verteidigungsbrigaden aufgeruhauptet, daß diese Rede der Auslöser für den fen. Gleichzeitig aber erklärte er, daß seine Putsch gewesen sei. Das Gegenteil ist jedoch Wahl "die Heirat zwischen Armee und Volk die Wahrheit. Aristide hatte Informationen besiegelt habe." Dies war inkonsequent über einen Anschlag erhalten, der zwischen warum Verteidigungsbrigaden aufbauen, dem Flughafen und dem Nationalpalast auf wenn die Armee bereit war, das Volk zu ihn verübt werden sollte und hatte daher seine schützen? Anscheinend waren Aristide und Route geändert. der Kreis um ihn überzeugt, daß die durchge- Darüberhinaus gab es am nächsten Tag führten Veränderungen in der Armee ausreiein Gespräch zwischen Aristide und dem chend waren, um die langfristige Loyalität Oberkommandierenden der Armec, General der Militärs zu sichern. Der neue Polizeichef Cedras, über die Gerüchte von einem geplan- ist während des Putsches auch loyal geblieten Putsch. So war seine Rede vor dem Natio- ben, aber die Präsidentengarde stellte sich als nalpalast eine Warnung an die Verschwörer Speerspitze des Putsches heraus. und die Bourgeoisie. Er sagte ihnen: "Über- Mit Aristide sympathisierende Offiziere legt nur, was wäre, wenn ich dieser Masse hatten einige Wochen vor dem Putsch erklärt, erzählen würde, daß ihr drauf und dran wart, daß eine gnadenlose Säuberung der Armee mich umzubringen." Aber auch wenn dies nötig wäre. Innerhalb der Armee schien sich seine Absicht war, war es eine falsche Taktik. vieles abzuspielen, wovon der Premier-, In- Einerseits verängstigte er die Bourgeoisie nen- und Verteidigungsminister Rene Preval und die Verschwörer ohne allerdings seinen nichts wußte. Militärische Quellen geben an, ZuhörerInnen die ihm vorliegenden Informa- daß die Stärke der Armee seit Anfang des Jahres von 7.500 auf 9.000 Mann erhöht worden sei. Zwei Wochen vor dem Putsch kam ein Flugzeug mit zwei Containern Militärgerät an. Sicherlich sind solche Vorgänge Rene Prosper nicht entgangen. Diesen, einen ehemaligen Soldaten, hatte Preval vor einigen Monaten unklugerweise zu seinem Gehilfen gemacht. Es heißt, daß er zu den Verschwörern gehörte und daß sein Name auf der Liste derer war, die nach Aristides Sturz Premierminister werden sollten.

CIA dabei Es wird vermutet, daß die CIA sowohl bei dem Putsch, der während der Wahlen am 29.11.1987 stattfand, als auch bei Lafontants Putschversuch im Januar 1991 die Hände mit im Spiel hatte. Es kann nur wenig Zweifel geben, daß sie in den Putsch vom 29. September verwickelt war. Der Oberkommandierende der Armee, Raoul Cedras, und sein Stellvertreter, Alix Silva, sind seit langer Zeit für ihre guten Kontakte zur US-Botschaft bekannt. Cedras ist kein Duvalierist. Er ist strikt pro-amerikanisch und ein entschiedener Verfechter der Marktwirtschaft und des Kapitalismus. Daher haben ihn einige für

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einen Demokraten gehalten...

Die dem Innenminister unterstellten Sicherheitsdienste waren weitestgehend von der CIA unterwandert. Dies konnte insofern von "Vorteil" sein, als die CIA bereit war alle Verschwörungen platzen zu lassen, die ihren eigenen Plänen im Weg waren. Es erklärt allerdings auch, warum diese Dienste die Putschvorbereitungen nicht aufdeckten. Daß sie davon wußten kann bei der großen Zahl der beteiligten Personen als sicher gelten. Nach dem Putsch zog Cedras eine Rücktrittserklärung Aristides hervor, die sogar in der Presse veröffentlicht wurde. Aristide dementierte diese Erklärung, die auch nur schwerlich mit seiner Persönlichkeit in Einklang zu bringen ist. In dem Brief steht, er träte "mit all seiner Liebe" zurück. Eine schlecht gefälschte Karikatur von Aristides Stil. Darüberhinaus muß man sich fragen, wer außer der CIA in Haiti die Möglichkeiten hat, Aristides Hand- und Unterschrift so gut zu fälschen.

Der französische Botschafter verhielt sich recht undiplomatisch, als er die USA angriff und seine Isolation im Kampf für die Demokratie in Haiti beklagte. Die USA haben durch ihre routinierte Verurteilung des Putsches versucht, ihre wahre Rolle zu verbergen. Hinweise auf bestimmte bürgerliche Haitianer syrisch-libanesischer Abstammung (die traditionellen Verbündeten der Duvalieristen) dienten dem selben Zweck. Klassenprojekt Putsch

In Wirklichkeit wurde der Putsch von breitesten Kreisen der haitianischen Bourgoi- HAITI sie finanziert. Tatsächlich wurden bedeutende Summen zur Unterstützung des Putsches von dieser besonders reaktionären Bourgeoisie organisiert. Das nötige Geld wurde von den Brandts und Madsens (Stützpfeilern der Oligarchie, die sich durch den Kaffeehandel bereichert haben und die nie jemand anzutasten gewagt hat) und den Restaurantbesitzern von Petionville, einem Nobelviertel im Norden von Port-au-Prince, aufgebracht. Nach dem Putsch goß die Bourgeoisie von Petionville ihren HaB über Aristide aus, den sie nun endlich losgeworden war.

42 Millionen Dollar sind der Armee zugeflossen, wovon Cedras fünf in seiner eigenen Tasche verschwinden ließ. Die Soldaten der Polizei von Port-au-Prince wurden für 5000$ pro Mann gekauft. Der Betrag entspricht ungefährt zwei vollen Jahreseinkommen. Aber nicht alle Soldaten haben die versprochenen Gelder bekommen, worauf einige schwerbewaffnet vor dem Haus eines Bourgeois aufgetaucht sind, um "ihren Lohn" zu verlangen.

Der Putsch wurde von all jenen Sektoren vorbereitet oder nachträglich unterstützt, die in irgendeiner Art von der Regierung Aristide getroffen worden waren: die Großhändler, die neuerdings Zölle zu bezahlen hatten, Schmuggler, die Mafia und internationale Halti - im Schnittpunkt von Unterdrückung und Widerstand 1791, genau vor 200 Jahren, führte Toussaint Louverture die Sklaven Saint Domingues in einen aufreibenden, viele Opfer fordernden Befreiungskrieg gegen die franz. Besatzer. 1804 zogen die Aufständischen siegreich in Port-au-Prince ein und proklamierten Toussaints' Nachfolger Jean-Jacques Dessalines zum ersten Präsidenten einer unabhängigen schwarzen Republik.

Die ökonomische und militärische Destabilsierung seitens der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich und der anderen imperialistischen Staaten (1915-1935 war Haiti von US-Truppen besetzt) ließen das land jedoch nicht zur Ruhe kommen und verhinderten eine wirtschaftliche und politische Konsolidierung. Ein Caudillo verjagte den anderen und zuletzt litt Haiti 30 Jahre unter der grausamen Diktatur der Familie Duvalier.

Seit dem Dezember 1990 sprechen viele Haitianerinnen allerdings von der „zweiten Befreiung". Nach einer beispiellosen Mobilisierungskampagne wurde der Befreiungstheologe Jean Bertrand Aristide zum Präsidenten Haitis gewählt. Unter schwierigsten wirtschaftlichen und politischen Bedingungen versucht die Volksbewegung tiefgreifende politische und ökonomische Reformen auf den Weg zu bringen. Trotz anderslautender Bekundungen praktizieren die westlichen Industriestaaten eine weitgehende Boykottpolitik gegenüber dem ökonomisch ausgebluteten land. Die Kampagne '92" könnte eine Chance sein, den Befreiungsprozeß in dem Land, das - wie kaum ein anderes für eine 500jährige Kontinuität von Kolonialismus und Ringen um Befreiung und Unabhängigkeit steht, stärker in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses zu richten. „Haiti la Chance", , eine kleine Gruppe von Haitianerinnen in Europa versucht seit einiger Zeit hier eine Offentlichkeit für die Entwicklung in Haiti herzustellen. Sie betreiben einen Informationsdienst, der jeden Dienstag ab 12 Uhr unter der Telefonnummer 06127162676 abgerufen werden bzw. schriftlich gegen eine Schutzgebühr von 3,- DM) bezogen werden kann, und stehen als Referentinnen und für (Dia-)Vorträge und Veranstaltungen zur Verfügung.

Kontaktadresse: Haiti la Chance, Carole Sambale-Tannert, Obergasse 19, 6200 Wiesbaden.

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GESCHICHTE

Das rebellische Eigentum rückkehrt. Viele Sklavinnen ließen Abtreibungen machen oder töteten ihre Kinder in den ersten Lebenstagen, um sie so vor einem Leben in der kolonialen Sklaven- Vom Kampf der Afroamerikaner gegen ihre Versklavung „Wir dürfen nicht verkennen, daß ihr erstes Lächeln gegenüber dem weißen Mann zugleich das erste Anzeichen ihres Eigensinns war." (Julius E. Lips)

Im überwiegenden Teil der Literatur über afroamerikanische Sklavinnen werden diese als ein historisches Objekt beschrieben, das Opfer „weißer" Aggressionen ist und selbst niemals handelt. Diese Vorstellung von Afroamerikanerinnen als ohnmächtige Opfer ihrer Ausbeuter widerlegt Peter Martin in seinem sehr spannend geschriebenen Buch: „Das rebellische Eigentum" unter zur Hilfenahme vieler zeitgenössischer Quellen. Von Anfang an wurde der Sklavenstatus nicht einfach hingenommen. Eine große Bandbreite von Widerstandsformen zeigt den Kampf der Sklavinnen für Gerechtigkeit und Würde, deren Zielsetzung das kulturelle Überleben beinhaltete. Der Macht der Sklavenhalter wurden somit durch passive und aktive Widerstandsformen, deren form und Intensität von den jeweiligen Situationen abhing, Grenzen gesetzt. Im folgenden soll die Vielfalt der Aktionsformen, die die Versklavten entwickelten, aufgezeigt und teilweise näher beschrieben werden.

Der durchgehend ausgeübte passive Kampf bestand in der Anpassung der Sklavinnen an ihre vorgegebene Situation. Denn ein unauffälliges Verhalten ermöglichte den plötzlichen Einsatz aktiverer Formen, wie beispielsweise Schiffsmeutereien, Flucht etc., was für die Sklavenhalter sehr überraschend kam und deswegen von deren Seite aus oft nicht zu verhindern war. So wird die Anpassung in diesem Sinne nicht als eine Antithese der Rebellion, sondern als eine Rebellion mit anderen Mitteln verstanden. Andere Möglichkeiten sahen die Sklavinnen darin, sich während des Transports auf den Schiffen noch in der Nähe der afrikanischen Küste totzustellen, um über Bord geworfen zu werden und somit zum Land zurückschwimmen zu können. Sofern sie sich schon auf den Plantagen befanden, täuschten sie Krankheiten vor, arbeiteten bewußt untüchtig und setzten zahlreiche Formen der Betriebssabotage ein. Zur gegenseitigen Verständigung wurde eine Schlüsselsprache entwickelt. Und über größere Entfernungen, z.B. zwischen verschiedenen Fincas, nutzten die Sklavinnen sehr oft Trommeln, die deshalb aufgrund ihrer Funktion als Nachrichtenübermittler durch die unterschiedlichen Trommelklänge auch „talking drum" genannt wurde. Offiziell genehmigte Feiertage mit Musik und Tanz stellten bei den Unterdrückten Voraussetzungen zur Ausübung der kuturellen Freiheit dar. Hier konnte der ursprünglichen sozialen Organisation Ausdruck verliehen werden, da beispielsweise eine bestimmte Trommel nur von einem Häuptling gespielt werden darf. Andere Trommeln waren wiederum anderen sozialen Stellungen vorbehalten. Diese Bewahrung des kulturellen Erbes fiel in den Augen europäischer Beobachter nicht auf. Um den widrigen Lebensbedingungen untereinander Ausdruck zu verleihen, wurden Spottlieder gesungen oder Geschichten erzählt, manchmal wurden die Sklavenhalter sogar mit List und Tücke hintergangen. Persönliche Formen, die sich gegen das Leben stellten, das die Afroamerikanerinnen nicht bereit zu leben waren, finden sich im Selbstmord, der auf dem religiösen Hintergrund basiert, daß man mit dem Tod wieder in sein Heimatland zugesellschaft zu bewahren.

Der aktive Kampf gegen die Unterdrückung setzte oftmals schon bei der autochthonen Bevölkerung in Afrika an, die sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln dem Handel menschlicher Ware widersetzte. Schiffsmeutereien waren keine Seltenheit, und auf den Plantagen fanden viele Sklavenhalter den Tod, da die Afroamerikanerinnen durch die Werkzeuge in gewisser Hinsicht bewaffnet waren oder aber ihre Ausbeuter vergifteten. Weiterhin spiegelte sich der Widerstand in der Erschwernis des technischen Fortschritts und somit auch in einer Produktionsunterbindung wider. Neuere und spezialisiertere Geräte und Werkzeuge kamen nicht zum Einsatz, da sie von den Sklavinnen ruiniert wurden.

Der Tanz diente nicht nur als Ausdrucksmittel sondern auch als im ersten Augenblick unauffälliges Angriffs- bzw. Verteidigungstraining. Zu solchen Kampftänzen gehören beispielsweise der mani, ein Tanz mit faustschlägen, der mousondi, als Stocktanz und der capoeira, bei dem man die Füße als Kampfmittel einsetzt.

Das wohl effektivste Mittel zur Erlangung der Freiheit war die Flucht, wobei sich die Flüchtlinge in zwei Gruppen aufgliedern lassen: Die cimarrones waren unstet durch die Wälder streifende Einzelgängerinnen, und die apalencados hingegen wohnten mit mehreren Schicksalsgenossinnen zusammen in befestigten Buschsiedlungen, sogenannten palenques. Die letzteren verfügten über eine eigene Waffenproduktion und stellten zur Verteidigung fallen und Geschosse auf. Beide Flüchtlingsgruppen raubten in gewissen Abständen Dinge, die sie benötigten aber selbst nicht herstellen konnten, von den Haciendas. Alle diese Beispiele zeigen auf, daß die Macht über das „menschliche Eigentum" niemals uneingeschränkt bestand. Der Widerstand der Afroamerikanerinnen spielt bei dem weltweiten Kampf der unterdrückten kolonialen Völker eine wesentliche Rolle.

Marion Meyers

Peter Martin