ÄGYPTEN: DER BONAPARTISMUS MACHT BANKROTT ++++++++++++++++++++++++++ -*+++ Die ägyptische Revolution steht auf der Tagesordnung seit der Machtübernahme der "¡ en Offiziere" 1952 infolge eines außerordentlichen revolutionären Aufschwungs • eine explosiven Mischung von Arbeiter-, Bauern- und nationalistischer Bewegung. Die Groß grundbesitzer und die Kompradorebourgeoisie, beide völlig vom Imperialismus abhäng hatten sich selbst überlebt. Das hatten die nationalistischen Offiziere verstanden, und sie versuchten, ihr Land ausdem Zustand der Unterentwicklung zu holen, indem sie die verfaulten Feudalstrukturen abschafften, die Nation von der imperialistischen Allmacht (damals im wesentlichen britisch) zu befreien und gleichzeitig die Massenbewegung im Zaum zu halten.
Das Genie Nassers zeigte sich darin, daß ihm das fünfzehn Jahre lang im großen und g zen gelang: es gelang ihm, die nationale Souveränität über den Suezkanal wiederher zustellen, die staatlichen und industriellen Strukturen zu modernisieren, indem er die Entstehung einer bürokratischen Bourgeoisie, die eng mit der Militärkaste verknüpft we Förderte, der arabischen Befreiungsbewegung neuen Schwung zu verleihen und die Arbe ferklasse geschickt durch eine hinterhältige Mischung von Zugeständnissen und Schlägel mundtot zu machen. Im Namen des Antiimperialismus und der nationalen Einheit, zum Gebrauch für die Massen pompös "arabischer Sozialismus" genannt, wurden alle unabhängigen politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterorganisationen unbarmherzig zer schlagen, die Kp löste sich auf Anweisung des Kremls selbst auf. Die agyptische Arbeite klasse muß deshalb einen sehr hohen Preis für diese politische Enthauptung bezahlen. Nasser war immer vorsichtig genug, nur gemäßigte Reformen durchzuführen. Er enteig nete die Kompradorenbourgeoisie, stärkte aber die mittlere Bourgeoisie und ermög lichte ihr sogar, sich auf die Macht des Staatsapparats zu stützen. Er versprach eine Landreform, hütete sich aber sehr, die Besitztümer der großen Bauern anzutasten und begnügte sich damit, die Feudalherren zu zwingen, ihr unproduktiv in Grund und Bode Spekulationen angelegtes Geld zu investieren. Er spielte geschickt Moskau gegen Wos ton aus und umgekehrt, trieb aber das sowjetische Bündnis nie so weit; daß es zu eine Mobilisierung für den Sozialismus oder zur Propaganda der KP gekommen wäre. Im Ge genteil, die spektakulären Brüche mit den USA verhinderten weder Manöver hinter de Kulissen noch gewinnbringende amerikanische Investitionen. Insgesamt gesehen kompe unzusammenhängender Korporationen aufgeteilt), die Schwäche seiner sozialen Basis mit populistischer Demagogie, einer Mischung von Arabismu: and Pseudo-Sozialismus. Das gelang ihm wunderbar, denn er konnte ohn Mühe die mächtige ägyptische Arbeitel bewegung liquidieren und die Massen zu knebeln, indem er sogenannte Arbeiter und Bauern-Organisationen völlig neu ins Leben rief, die strikt von der Regierung kontroll wurden.
1967 kam dieser geschickte Bonapartismus, der darin bestand, die antagonistischen Kla gegeneinander auszuspielen mit der Armee als repressiven Schiedsrichter, zu einem jäl Ende nach dem militärischen Desaster im Juni. Der Rais entlarvte den wahren Charakte seines Systems offen, als er zu seinem Nachfolger Mohiedin bestimmte, den "'Mann d Amerikaner" , den anerkannten Vertreter der nasseristischen Rechten, der Bourgeoisie, vom Staat im Zaum gehalten, aber auch geschützt wird. Als eine ungeheure Massenbe gung Nasser wieder an die Macht brachte, gelang es ihm nicht mehr, den Schiffbruch s Schaukelpolitik und seiner Furcht, daß das Volk die Schranken überspringt, zu verberg Sein schamloser Verrat der palästinensischen Revolution und sein stilles Einverständnis dem Metzger von Amman im Laufe des ""Schwarzen September" 1970 machten deutlich, daß der Nasserismus selbst für Nasser nicht mehr möglich war.
Angesichts der Welle von Unzufriedenheit, die viele Formen annahm ( Bauernunruhen, S. 20 INPREKORR 15. 2
wilde Streiks, Studentendemonstrationen) versuchte Sadat, abzulenken und sich zum anti-zionistischen Helden aufzuspielen. Aber seine politische Linie war von vornherein klar: die beschlagnahmten Güter wurden ihren Besitzern zurückgegeben, die Wirtschafts politik "liberalisiert" und die außenpolitische Orientierung wurde zum Teppichhandel, bei dem es darum ging, Washington zu verführen, wenn nötig mit der Drohung, daß man sonst in den sowjetischen Einflußbereich rutscht. Aber dieses Schreckgespenst blieb eine leeere Drohung: die Russen blieben, selbst wenn sie überall waren, in gewisser Distanz, und der Geheimdienst sorgte dafür, daß es zu keiner ungesunden Ansteckung kam. Diese inkohärente Politik vertiefte nur die internen Widersprüche, die umso mehr an die Oberfläche kamen, als es unmöglich ist, die Konsequenzen der militärischen Niederlage anders als in einer revolutionären Perspektive zu lösen. Die gewaltigen Streiks von Heluan (Vorort von Kairo) und die riesigen Studentendemonstrationen zwangen ihn, entweder vor der Massenbewegung zu kapitulieren oder sie zu liquidieren. Sadat wählte den zweiten Weg. Eine scheußlich Jagd auf Militanten ging los: sowohl die spontanen Führer der Massenbewegungen als, auch deren anerkannte Führer, oft ehemalige Kommu-• nisten (denen die Regierung bisher gnädigerweise erlaubt hatte, die Errungenschaften des Regimes in Rot zu malen, und ihre Zeitschriften - wie Al-Talia - wurden auch unter dem wachsamen Auge der Zensur mit Lobhudeleien vollgedruckt), werden Opfer einer unerbittlichen Repression. Sadat schlagt zu, und zwar nur nach links. Die gegenwärtige Säuberungswelle, die reumütige und in den Apparat integrierte Stalinisten genau so trifft wie unabhangige Militanten, ist ein untrüglicher Beweis für den endgültigen Schiffbruch der Schukelpolitik. Sadat hat sein Lager gesucht: das der Leute, die ihn an die Macht gebracht haben. Wie alle Mittelklassen der Dritten Welt hat auch die ägyptische keine andere Zukunft als die im Dienste des Imperialismus. Diese Abhängigkeit kommt jetzt in der spektakularen Annäherung mit dem Onkel Sam, dem großen Schutzherrn schwindsüchtiger und militarisierter Bourgeoisien, die in Not geraten sind, klar zum Ausdruck. Eigentlich war in der ganzen Außenpolitik seit 1967 - Kompromisse zu Lasten der jemenitischen Revolution, dann Verrat der Palästinenser, Beitrag zur Bartholomäusnacht der Kommunisten im Sudan durch die Anwendung der "konterrevolutioim Pakt von Tripoli, spektakuläre Annäherung mit Saudi-Arabien nären Versicherung die jetzige Orientierung trotz der Anwesenheit sowjetischer Militärtechniker schon angelegt. Aber um Nassers Erbe über Bord zu werfen, muß man sich auch der traditionellen Nasseristen entledigen - was durch Sauberung geschieht - und vor allem der potentiellen Führer: darin liegt der ganze Sinn der polizeilichen Offensive, die auf die. Studenten und auf die politisierten Militanten niedergeht.
So sieht also der "nationale démokratische Staat", der "neue Kapitalismus", der den Theoretikern nach Chruchtschow so tever ist, aus: wie im Irak ' 58) und in Indonesien (1965) führt diese Politik direkt ins Desaster.
Die israelischen Landannexionen haben dazu geführt, daß die internen Widersprüche der ägyptischen Politik ausreiften. Ein Durchmogeln ist nicht mehr möglich. Die Alternafive ist klar: Unterwerfung ünter den Imperialismus - d. h. daß das, was von den Errungenschaften der nasseristischen Politik noch übrig bleibt, verraten wird - oder Kampf gegen die imperialistische Herrschaft im Nahen Osten, einschließlich der Massenmobilisierung. Genau das will die ägyptisch Führung seit 1952 verhindern. Das gegenwärtige Erwachen der ägyptischen studentischen Jugend (deren Kampftraditionen schon halbes Jahrhundert alt sind) und der Arbeiterklasse ist von ganz entscheidender Bedeutung für die Zukunft der sozialistischen Revolution in der arabischen Welt. Demographisch, geographisch und politisch gibt Agypten den Ton an in der nationalen arabischen Bewegung; sein spezifisches Gewicht im Nahen Osten und in Nordafrika ist beträchtlich. Von der Entwicklung der gegenwürtigen Kämpfe und der Herausbildung eines Avantgardekerns in Ägypten hängt die Gestoltung der nächsten Etappe in der arabischen Revolution direkt ab.
(Nathan WEINSTOCK, Aus LA GAUCHE Nr. 9, 23. Febr. "3)