Verbindung zwischen marxistischer Theorie und nationaler Wirklichkeit herzustellen, die sich von dem unterscheidet, was Marx im 19. Jahrhundert analysiert hat.
Kampf gegen marxistische "Orthodoxie"
Diese Anforderung wurde schon vor langer Zeit durch einen anderen großen Marxisten aufgenommen, den Peruaner José Carlos Mariategui.? Die Auscinandersctzung mit ciner bestimmten marxistischen "Orthodoxic" war wesentlich für die Entwicklung einer besonderen Vorstellung, die auf dem grundsätzlichen Gedanken ruhte, daß, wenn die Zukunft Lateinamerikas offensichtlich mit der kapitalistischen Welt verbunden ist - wegen der Ausplünderung - die Geschichte sich nicht in gleicher Weise wie in Europa oder den Vereinigten Staaten wiederholen könne. Diese nationalen Besonderheiten ließen uns versuchen, ein Gedankengebäude zu entwickeln, das Marxismus mit nationaler Identität verband; auf diesem Gebiet hat die FMNL einen unschätzbaren Beitrag geleistet. Es existiert jedoch ein Abgrund zwischen dieser Position und der Übernahme einer vention in Panama im Dezember 1989 und erst kürzlich im Irak zeigen, wie weit sie gehen, um ihre Ziele zu erreichen, die alles andere als "modern" sind.
Einige behaupten, es sei gerade die Analyse der gegenwärtigen imperialistischen Offensive, die einen wesentlichen Teil der lateinamerikanischen Linken dazu brachte, einige Vorstellungen zu revidieren; die imperialistische Offensive bringt alle revolutionăren Strömungen in eine ungünstige Lage (es ist furchtbar pathetisch, Fidel Castro sagen zu hören, die kubanische Revolution sei nicht isoliert; er scheint die unbequeme Wirklichkeit verdrängen zu wollen, ein Versuch, der langfristig völlig kontraproduktiv sein wird). Der auf Organisationen wie die FMNL ausgeübte Druck ist viel größer als der auf Kräfte anderer Art. Wenn der sandinistische Kommandant Victor Tirado Lopez erklärt, der Zyklus antiimperialistischer Revolutionen sei ausgelaufen,' konnten wir uns das Ausmaß nicht vorstellen, in dem diese Erlärungen eine verbreitetere Stimmung der revolutionären Linken ausdrückte. Auch wenn die antiimperialistische Revolution nicht auf der Tagesordnung steht, können unsere Volker keine demokratischen und gerechten Gesellschaften ohne die langfristige Perspektive einer solchen Revolution entwickeln. Jede Zwischenposition wird sich als falsch und in tragischer Weise utopisch erweisen. Man ist betroffen von der Vorstellung des Kommandanten Villalobos, nach der die Zukunft von El Salvador dem Modell kapitalistischer Linder wie Deutschland. Japan oder Costa Rica folgen werde. Ostdeutschland glaubte auch, es hiltte die Chance, wie Westdeutschland zu werden; heute wacht es aus diesem Traum auf. Tatsächlich wire es das schlimmste für El Salvador, würde es wie
Japan oder Deutschland werden, imperialistische Länder, die andere unterwerfen, ausbeuten und plündern, die vor allem unmoralische Kriege wie am Golf finanzieren. Imperialistische Teilung ist nicht veränderbar Eine solche Gefahr existiert für El Salvador nicht. Nach dem Abkommen der imperialistischen Staaten über die Teilung der Welt gibt es keine Möglichkeit, diese Teilung zu änder - mit anderen Worten, El Salvador wird nie ein Deutschland oder Japan sein. Andererseits könnte es Costa Rica ähneln - das, es ist richtig, keine Armee, dafür aber eine sehr effektive Polizei für Repression, Unterdrückung von Streiks und Ersticken revolutionărer Organisationen schon im Keime hat und dessen Regierung stets die Weisungen Washingtons befolgte. Vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Kapitalismus ist die Diskussion vorbei, ob Länder wie die unsrigen die Chance einer unabhängigen Entwicklung haben. Wir glauben es nicht. Da wir aber wissen, daß die Revolution nicht auf der Tagesordnung steht und daß das Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeiterklasse, zwischen Imperialismus und unterdrückten Nationen cher ungünstig ist, können wir unsere Strategie nicht auf konjunkturelle Elemente dieser Art gründen. Der Imperialismus redet von einer "neuen Weltordnung", die, wie Noam Chomsky bemerkt, seit über 400 Jahren besteht; sie ist weit entfernt von einer Periode langfristiger Stabili- 2 tät. Vielleicht stehen wiram Vorabend bedeutender Kämpfe der Arbeiterklasse in großen imperialistischen Lándern - die industrielle Umstrukturierung und die Bildung neuer Produktionseinheiten dürfte die Arbeiterklasse zum Widerstand und zum Kampf treiben.
Fehlen siegreicher Kämpfe
Eine der großen Schwächen in der jüngsten Periode der Kämpfe in der Dritten Welt ist das Fehlen bedeutender siegreicher Kämpfe in den imperialistischen Lindern. Die Regierungen dieser Länder konnten folglich völlig straflos handeln; die internationale Sozialdemokratie war die Hauptkraft, die die Radikalisierung der Arbeitenden blockierte. Das alles fingt an sich zu lindern. Wir müssen EL SALVADOR mit einer Vorstellung der Abhängigkeit brechen, die sich in unserem politischen Handeln in einer Art "Dritte Welt Syndrom" ausdrückt; die einzige Möglichkeit, das Kräfteverhältnis auf interationaler Ebene zu ändem, liegt in den Kämpfender Arbeitenden in den imperialistischen Ländern. Das bedeutet in keiner Weise, unsere Länder seien zur Unwirksamkeit verurteilt; im Gegenteil, unsere Kämpfe sind Voraussetzung für die Sammlung von Kräften, die das existierende Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Imperialismus und Dritter Welt ändern.
Unsere Meinungsverschiedenheiten mit den Äußerungen des Genossen Villalobos drehen sich nicht um die Tatsache, die FMNL könnte sich schließlich in eine waffenlose politische Kraft verwandeln; Waffen sind und waren nie die Scheidelinie zwischen Reformisten und Revolutionären. Der bewaffnete Kampf in El Salvador war und bleibt Mittel eines Volkes, das angesichts der strikten Haltung der Oligarchie keinen anderen Weg sah. Niemand weiß besser als die FMNL, ob der Zeitpunkt gekommen ist, eine Richtungsänderung vorzunehmen. Wir sind nicht gegen die Verhandlungen der FMNL mit der Regierung von El Salvador, noch viel weniger gegen die Entmilitarisierung der Gesellschaft, die uns ein ausgezeichneter Vorschlag zu sein scheint. Die Wirkung von Reden revolutionărer Führer wie Joaquin Villalobos könnte schr weit gehen. Im Geiste revolutionären Pluralismus, den wir stets in unseren Bezichungen mit den Genossen der FMNL pflegten, fordern wir zum Nachdenken und zur Debatte auf.
Eine Generation lateinamerikanischer Revolutionäre könnte irrige Schlüsse aus der gegenwärtigen Lage ziehen, die sicherlich schwierig ist und Grund für "Hindernisse nach Utopia" abgibt, um die Formulierung des guatemaltekischen Revolutionärs Manuel Payeras zur Charakterisierung der gegenwärtigen Periode zu verwenden.
Die Verteidigung dieser Utopie geht ein in die Verbindung dessen, was das beste im sozialen Denken ist - dem Marxismus - mit unserer indoamerikanischen Identität, wie Mariàtegui sagt; dies ist unser wichtigstes Ziel. Der Rest ist nichts anderes als taktische Anpassung, die, obwohl wichtig, nicht alles ist.
Fußnoten 1) Dies war eine viel gebrauchte Losung in Nicarague zur Zeit der sandinistischen Regierung Die nationale Führung bestand aus neun Kommandanten der FSNL.
2) José Carlos Mariàtegui (1895-1930), perusnischer Schriftsteller und Revolutionär. Autor vor allem von "Sieben Essays zum Verständnis der pe ranischen Wirklichkeit" (1928), der ersten großen Arbeit, die den Marxismus-Leninismus auf Latei. namerika anwandte, gab auch die kontinentale Zeitschrift Amauta heraus. Mariätegui gründete die Kommunistische Partei Perur und den Verband der Arbeiter Perus. 3)In einem Interview mit der uruguayischen Zeitung Breche am 30. März 1990 sagte der sandinistische Kommandant Victor Tirado Lopez unter anderem: "Ich denke, deB die Periode antiimperielistischer Revolutionen, im Sinne einer totalen Antwort auf den Imperialismus, militkrisch und winschaflich, dabei ist zu enden. Es ist notwendig, andere Optio nen zu suchen...*
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