Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Internationale: Nicht nur eine Modeerscheinung: Wachsendes Interesse an L. D. Trotzki

· Inprekorr Nr. 236/237, Juni/Juli 1991 · S. 28-31 · 2.110 Wörter

Trotzki und Geschichte Stalinismus und Bürokratie Sowjetunion IV. Internationale

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MANFRED BEHREND (OSTBERLIN)

Während sich in weiten Bevölke- Stalins und der Disput vom Mai 1991 in rungsteilen Resignation und unter Berlin mit Ernest Mandel, wurden von relativ den Linken Zersplitterung ausbreitet, vielen Kapitalismuskritikern besucht. nimmt hierzulande gleichzeitig das Inter- In und außerhalb der schwarzrotgoldenen esse an Trotzki zu. Seit Herbst 1989 äußerte Grenzpfähle sieht mancher Zeitgenosse im sich das darin, daß aus Westberlin herüber- zunehmenden Interesse an Trotzki nur eine geschaffte, dann auch einige vom Dietz Modeerscheinung. Das trifft aber mE nicht Verlag herausgegebene Schriften des kom- zu. Insbesondere wird bei diesem Vorurteil munistischen Revolutionärs beträchtlichen außer acht gelassen, daß Trotzkis Werke Anklang fanden. Hierauf folgende Veran- keineswegs nur gekauft, sondern vor allem staltungen im August 1990 zum 50. Jahres- auch gelesen werden. Das bringt Gewinn tag seiner Ermordung durch einen Agenten und zeigt Wirkungen.

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Bei allen, die unvoreingenommen, und vielen, die noch immer mit herrschertum muß der Sowjetdemokratie Platz machen. Wiederher- Scheuklappen behaftet ins Leben gehen, tritt folgender Effekt ein. sie stellung des Rechts auf Kritik und einer wirklichen Wahlfreiheit ist konstatieren, daß dieser Politiker von Leuten, die sich fälschlich Kom- notwendige Vorbedingung für die weitere Entwicklung des Landes. munisten nannten, jahrzehntelang aufs Übelste verleumdet wurde. Das setzt voraus, daß den Sowjetparteien, angefangen mit der Partei Entgegen den Behauptungen Stalins, seiner Komplizen und Epigonen der Bolschewiki, die Freiheit wiedergegeben wird und die Gewerkwar Trotzki keineswegs Bolschewik und einer der wichtigsten Revo- schaften wiederauferstehen." Trotzki forderte eine gründliche Korlutionsführer geworden, um allem, was er vom Sowjetstaat bis zur rektur der Wirtschaftspläne im Interesse der Werktätigen, freie Dis- Roten Armee miterbaute, schnellstmöglichst den Hals umzudrehen. kussion ökonomischer Probleme, verzicht auf Prunkbauten zugunsten Er stand bis zuletzt zu den Bolschewiki und zur UdSSR und bekämpf- des Arbeiterwohnungsbaus, die Abschaffung von Privilegien, Titeln te deren Widersacher. Hammer, Sichel und die rote Fahne über seiner und Ordensplunder, Möglichkeiten zur ungehinderten geistigen und Grabstätte in Coyoacán (Mexiko City) manifestieren bis heute sein politischen Entwicklung der Jugend und Rückkehr der Außenpolitik zu den Traditionen des revolutionären Internationalismus. (Leo Trotzki:

Gleich anderen Revolutionären und politisch Handelnden hat Verratene Revolution. Was ist die Sowjetunion und wohin treibt sie? Trotzki Fehler gemacht. Sie sind ebenfalls für uns erkennbar. Längere (1936), oO, aJ, S. 2781)

Zeit überschätzte er seinen Einfluß in der KPdSU (B) und unterschätz- Interessant ist, daß der Autor hier auch von eigenen, weniger te Macht und Tücke der Stalinbürokraten, unterwarf sich einer falsch demokratischen Auffassungen aus vorangegangener Zeit Abstand verstandenen, nur seinen Gegnern nutzenden Art von Parteidisziplin. nahm. Er bekundete so die für jeden Revolutionär notwendige Lem- Es war insbesondere ein Fehler, daß er Lenins sogenanntes Testament fähigkeit, die sich trotzkistisch nennenden Sekten von heute ebenso nicht wie von diesem gewünscht dem XII. Parteitag 1923 vortrug, wie das Vermögen fehlt, Zweit- und Drittrangiges um das Erstrangisondern es Stalin überließ, wie die Delegierten davon Kenntnis erhal- gen willen zurückzustellen. In Verratene Revolution kündigte Trotzki ten würden und ob sie - was selbstverständlich unter diesen Umstän- auch an, was geschehen würde, wenn die antibürokratische Revoluden nicht geschah - darüber diskutieren dürften. Die erwähnten Fchler tion von unten ausblieb. Dann, so schrieb er, wäre der Sturz der und Versäumnisse Trotzkis sind gleichzeitig ein Beweis dafür, daß es bürokratischen Diktatur "gleichbedeutend mit einer Rückkehr zu sich bei ihm nicht um einen Karrieristen handelte, der über Leichen kapitalistischen Verhältnissen bei katastrophalen Rückgang von hinweg nach Macht strebt. Gerade so haben die Stalinbürokraten ihn Wirtschaft und Kultur". Die siegreiche bürgerliche Partei aber würde hingestellt, wobei sie ihre eigene Denk- und Handlungsweise in das "unter den heutigen Bürokraten, Administratoren, Technikern, Direk- Bild ihres wichtigsten Kritikers projizierten. in den Moskauer Prozes- toren, Parteisekretären, überhaupt privilegierten Spitzen, nicht wenige sen ab 1936 ließen sie ihn gar zum Agenten imperialistischer Mächte willige Diener" finden. (Ebd, S. 242 und 244) und Geheimdienste, darunter Hitlerdeutschlands und der Gestapo, Trotzkis Vorhersage mutet wie die Schilderung dessen an, was wir und die Bürger anderer einst sozialistisch firmierender Länder mo- Ähnlich diesen platzen auch andere Legenden wie Seifenblasen, mentan erleben.Die oft treffende Analyse, das Engagement für die sobald sie mit den Tatsachen konfrontiert werden. So die, daß Trotzki arbeitenden Massen und gegen ihre Bedrücker, ein schonungsloses Angriffskriege zur Ausdehnung der UdSSR anstrebte, ein Feind der Aussprechen dessen, was ist, und ein kraftvoller Stil tragen hochgra- Bauern gewesen sei und den Proletariern seines Landes gegenüber dig dazu bei, daß die verstärkte Beschäftigung mit diesem Revolutionichts als die "Militarisierung der Arbeit" und das "Durchrütteln der när keine Modesache sein wird. Der weltweite Sieg des Großkapitals, Gewerkschaften" im Sinn gehabt habe. Es war, wie Czichon das im 2. dessen Brutalität bei der emeuerten Ostkolonisation und die gleich- Dezemberheft 1990 von Disput feststellte: Als erster maßgeblicher falls durch das Kapital wachsende Kriegs- und Katastrophengefahr sowjetischer Politiker legte während der Herrschaft des Kriegskom- rufen Zom und ohnmächtige Wut hervor, die sich häufig nicht klar armunismus Trotzki ein Konzept nach Art der Neuen Okonomischen tikulieren können.

Politik vor, das er damals allerdings nicht durchsetzen konnte. Lebensweg ST PAILY E NEWS

Kennzeichnend für Trotzkis Sicht und Verhaltensweise waren Werk kommunisti- Sympathie für revolutionär denkende und handelnde Volksmassen scher Kämpfer, sowie ein glühender Internationalismus. Erstere äußerte sich u.a. Trotzkis ebenso wie TROTSKY darin, daß er in seiner Geschichte der Russischen Revolution vielen Luxemburgs, könunbekannt gebliebenen Revolutionären ein Denkmal setzte. Der Inter- nen zur Erkenntnis nationalismus veranlaßte ihn und seine Genossen zum Engagement über die richtigen für alle großen sozialen Bewegungen der Welt in der damaligen Zeit. Maßnahmen zur IS DEAD

Für uns Deutsche ist vor allem Trotzkis Auseinandersetzung mit Abwehr der Gefahdem Faschismus beeindruckend. Traditionell ein Gegner der rechten ren und weiteren Sozialdemokratie, trat er - ohne seine Kritik an ihr zurückzunehmen Sozialabbaus beioder zu verminder - der von Sinowjew und Stalin propagierten tragen. Ihr Handeln

Sozialfaschismusthese entgegen. Ihre Anwendung hat vornehmlich in war zugleich cha- Deutschland verheerend gewirkt und der Arbeiterklasse enorm ge- rakteristisch für den schadet. aufrechten Gang.

1936 erschien Trotzkis Verratene Revolution, eine Arbeit, die den Streiter für eine unter aktuellen Gesichtspunkten betrachtet die wichtigste für uns ist. bessere, menschli- Am Vorabend der stalinschen Schauprozesse gegen die alte Garde der chere Welt stets Bolschewiki analysierte er darin die Lage in der UdSSR. Er stellte fest, bevorzugt haben.

nicht das Proletariat oder dessen Partei seien an der Macht, sondem ein von Stalin repräsentierte Bürokratenkaste, und trat für eine zweite, politische Revolution gegen diese Kaste ein: Das bürokratische Selbst-

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Trotzki repräsentiert die marxistische Schule des Denkens unverfälscht, wie sie vor ihrer Korruption durch die sozialdemokratischen und stalinistischen Orthodoxien existierte. Seine Schriften übermitteln die ursprüngliche Inspiration, die intellektuelle Brillanz und den moralischen Elan der Idee und der Bewegung. Leo Trotzki, revolutionärer Marxist aus der Generation der Lenin und Luxemburg. wurde 1879 als Sohn eines jüdischen Gutsbesitzers in der Ukraine geboren. 1900 wegen revolutionärer Aktivitäten nach Sibirien verbannt, floh er ins Ausland und arbeitete an Lenins Zeitschrift »Iskra« mit. 1905 Vorsitzender des Petersburger Arbeiterrats, entwikkelte er aus der Erfahrung dieser ersten russischen Revolution die Theorie der »Permanenten Revolutions. Nach neuerlicher Verurteilung und Flucht lebte er bis 1917 in Wien, Paris und in den USA als Journalist.

Im Weltkrieg internationalistischer Kriegsgegner, schloß er sich im Sommer 1917 - nach deren politischer Neuorientierung - den Bolschewiki an. Als Vorsitzender des Petrograder Sowjets organisierte er den Oktoberaufstand. Als Kriegskommissar bildete er 1918 die Rote Armee und führte sie zum Sieg über Weiße und Interventionisten.

Nach 1923 entfaltete sich zwischen ILITANT

Trotzkis Schriften und Briefe würden, vollständig publiziert, achtzig Linker Opposition und Stalin-Grup- Leo Trotzki bis hundert Bände umfassen. Die Schriften-Edition, mit der der pe der Fraktionskampf um Arbeiterdemokratie, Industrialisierung SCHRIFTEN

Rasch und Röhring Verlag die erste große deutsche Werkausgabe und Komintern-Politik. 1927 aus vorlegt, bietet eine thematische Auswahl aus dem Gesamtwerk: 10 der Partei ausgeschlossen und nach wissenschaftlichen Erfor- Bände in etwa 20 Teilbänden mit jeweils 500-600 Seiten Umfang. Alma Ata verbannt, wurde er 1929 schung und Aufarbeitung historischen Es handelt sich um eine kommentierte Ausgabe, die bibliographische in die Türkei ausgewiesen. Dort Kulturguts e. V., Mainzer Landstraße 147, 6000 Frankfurt am Main I, von Angaben, Kurzbiographien, Erläuterungen zu bestimmten Ereignissammelte er die internationale Wolrad Bode. Helmut Dahmer. sen und Kommentare zu theoretischen und politischen Begriffen Linksopposition in der Hoffnung auf eine Reform der Komintern. Horst Lauscher, Rudolf Segall, Reiner bietet. Mehr als die Hälfte der in den Schriften veröffentlichten Nach dem kampflosen Sieg Hitlers Tosstorff. Rolf Wörsdörfer. 8000 Seiten Trotzki-Texte werden neu oder überhaupt zum ersten über die deutsche Arbeiterbewe- Mit Unterstützung der Hamburger Mal nach den russischen Originaltexten ins Deutsche übersetzt. Begung begann Trotzki mit der Orga- Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur.

reits früher in deutscher Sprache veröffentlichte Texte werden krinisation der neuen, der IV. Internationale. 1940 ließ Stalin ihn in Mexiko durch einen GPU-Agenten ermorden.

tisch durchgesehen oder neu übersetzt. PLAN DER AUSGABE:

Wissenschaftliche Beratung: Siegfried Bahne (Bochum). George Breitman (New York), Pierre Broué (Grenoble). Tamara Deutscher (London). BAND I : Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur (1929-1940) Iring , Fetscher (Frankfurt a. M.). und BAND 2: Uber China (1924-1940) (jeweils zwei Teilbände) sind Helmut Fleischer (Darmstadt). Ernest Mandel (Brüssel), Hartmut Mehringer bereits erschienen. BAND 3: Linke Opposition und IV. Internatio- (München), Oskar Negt (Hannover). nale (1923-1940) erscheint (in vier Teilbänden) 1992 und 1993 Peter von Oertzen (Hannover). BAND 4: Zur Theorie der Permanenten Revolution. BAND 5: Lite- TROTZKI

Michal Reiman (Berlin), Predrag Vra nicki (Zagreb). Hermann Weber ratur und Revolution. BAND 6: Schriften über Deutschland SCHRIFTEN (Mannheim).

BAND 7: Mein Leben. BAND 8: Lenin. BAND 9: Uber Stalin. IR CHE

BAND I0: Geschichte der russischen Revolution. BEREITS ERSCHIENEN:

SCHRIFTEN I, Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur, Bd. LI 1940), 738S.. ISBN 3-89136-091-6. 78.-. SCHRIFTEN 2, Uber China, Bd. 2.I (1924-1928), 548 S., ISBN 3-89136-216-1, 78.-: Bd. 2.2 2.2 RASCH UND ROHRING (1928-1940), 560 S., ISBN 3-89136-390-7, 78.-. RR

Rasch und Röhring Verlag

Hoheluftchaussee 95 2000 Hamburg 20 Telefon (040) 420 54 94

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Theorie

EL SALVADOR antimarxistischen Ideologie - was in jüngster Zeit recht modisch ist. Allem Anschein nach hat die sogenannte "neue Modernität" schon einigen Schaden in der revolutionären Bewegung angerichtet. Unter der Losung "moderund Realtität nisieren oder sterben" sucht ein bedeutender Teil der lateinamerikanischen Linken seine vermeintlichen Bindungen mit der autorităren Vergangenheit zu lösen. Durch solche Bemühungen riskieren sie, das Wesen revolutionären Denkens aufzugeben, das ist deren emanzipatorischer, subversiver, egalitärer und Ohne zu versuchen, eine allgemeine Vorstellung von der Entvolksverbundener Charakter wie auch deren wicklung des revolutionären Prozesses in Lateinamerika zu politische und moralische Gegnerschaft zum geben oder definitive Schlußfolgerungen aus den Bemerkungen Kapitalismus. Die Tragödie für jene, die die Linke erneuer wollen, ist, daß der Imperiazu ziehen, die Kommandant Joaquin Villalobos in der New York lismus und seine Verbündeten sich keines- Times zugeschrieben werden, ist es doch notwendig, sich mit befalls modernisieren wollen und ihre alte Polistimmten Fragen zu befassen, die durch neue Vorschläge einiger tik des "großen Knüppels" der "schicksalhaften Fügung" usw. fortführen. Die US-Intersalvadorianischer Führer entstanden sind. SERGIO RODRIGUEZ

N ach den Ercignissen in Ostcuropa zweifelt niemand an der Notwendigkeit cincr kritischen Betrachtung bestimmter strategischer Hypothesen. Ein Sturm demokratischer Gedanken durchweht heute alle Organisationen der Linken, stellt die traditionellen Leitlinien der Vorhut, cinzelner Parteien, der "nationalen Führung des Kommandos" und ähnliches infrage. Das sind löbliche Entwicklungen und Reflexe, die mit dem Verschwinden dessen verbunden sind, was viele als "Vorhut der antiimperialistischen Revolution" (des Sowjetblocks) sahen und illustriert den Wandel gewisser Kempunkte unserer Strategie.

Es gibt viele, die das Kind mit dem Bade ausschütten wollen; auf die demokratischen Wünsche der Massen einzugehen sollte nicht bedeuten, vor der ideologischen Offensive desimperialismus zurückzuweichen. Diese Erscheinung, sich vom Marxismus zu distanzieren, die sich aus dem Verlust der Glaubwürdigkeit nach den Ereignissen in Europa erklärı, ist in Kernbereichen der lateinamerikanischen revolutionären Linken offensichtlich. In dieser Entwicklung vermengen sich alle Strömungen im Sinne von Verallgemcinerungen, was wenig zum Verständnis der recht komplexen politischen Situation beiträgt, die der revolutionäre Prozeß von El Salvador durchläuft.

Wir wissen nicht, ob, wie Joaquin Villalobos behauptet, die Nationale Befreiungsfront F'arabundo Mani (FMNL) den Marxismus aufgegeben hat, und wir wissen noch weni- 30 INPREKORR 236 ger, mit welcher neuen Theorie sie beansprucht, ihn zu ersetzen. Andererseits aber wissen wir, daß die FMNL politische Fähigkeiten bewiesen hat, die eine ganze Generation von Revolutionärinnen und Revolutionären inspiriert haben; es war ihr möglich, die