Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Frauenbewegung und Feminismus in Lateinamerika

Inprekorr Nr. 231, Oktober 1990 · S. 21-30 · 8.713 Wörter

Frauen Gewerkschaften und Streiks

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

Resolution, vom VS der IV. Internationale im Februar 1990 angenommen Einleitung nents betreten haben.

Beginnend mit einer kritischen Würdigung der Resolution des XI. Weltkongresses „Die sozialistische Revolution und der I. Die Krise, der Staat, die Kirche Kampf für die Befreiung der Frauen** ist es das Ziel dieser Reso- und die Unterdrückung der Frauen lution, für unsere Organisationen ein praktischer Handlungsrahmen bei ihrer zentralen Aufgabe zu sein: der Organisierung 2. Unter den Bedingungen der ökonomischen Krise ist die Aufeiner Frauenbefreiungsbewegung — Seite an Seite mit den Mas- gabe der Versorgung der Familie und der Hausarbeit, die sozial sen der lateinamerikanischen Frauen, anderen feministischen den Frauen zugeordnet wird, immer schwieriger geworden. Die Sektoren und anderen revolutionären Organisationen -, die ei- Hyperinflation zwingt die Hausfrauen in den Städten von einem nen Platz findet und eine entscheidende Rolle spielt im revolu- Markt zum nächsten zu laufen, um nach den niedrigsten Preisen tionären Prozeß und im Aufbau einer sozialistischen Gesell- zu suchen, weniger zu essen, damit ihre Kinder wenigstens etschaft. was mehr bekommen und den Schmerz auszuhalten, ihren Familien überhaupt nichts mehr zu essen geben zu können. Auf dem 1. Die lateinamerikanischen Völker unterliegen der Herrschaft Lande weitet sich die Hausarbeit durch die Versorgung von Tiedes Imperialismus, mit der entsprechenden Armut und der ver- ren und die Anfertigung von Produkten für den Verkauf aus. zerrten Entwicklung der Gesellschaften. Aber die Beziehungen Das Fehlen auch der einfachsten öffentlichen Versorgung in zum Imperialismus ändern sich; sie erzeugen ständig mehr so- den ländlichen Gebieten Lateinamerikas bedeutet, daß die Hausziale, ökonomische und politische Widersprüche, die zur Entste- arbeit unter brutalen Bedingungen geleistet werden muß. Es hung neuer Bewegungen und zu einem Anwachsen des Bewußt- bedeutet, daß große Entfernungen zurückgelegt werden müssen, seins und der Stärke der Massen - darunter Frauen - führen. um Wasser oder Holz zu finden. Es bedeutet das Ausbrechen In den letzten 30 Jahren gab es tiefe und plötzliche Verände- chronischer und endemischer Krankheiten, vor allem bei Kinrungen in unseren Ländern, die das Gesicht unseres Subkonti- dern, die eigentlich heilbar sind. In den armen städtischen nents und das Leben unserer Völker, besonders der Frauen, Wohngebieten müssen die Frauen die Hausarbeit häufig ohne umwälzten: Wasser und Elektrizität leisten, unter ungesunden Lebensver- * eine massive Abwanderung in die Städte, die ihre Ursache in hältnissen, ohne ausreichende Schulen für die Kinder, ohne der Strukturkrise der Landwirtschaft und der ungleichen indu- medizinische Versorgung. Die Arbeitsbelastung der Frauen verstriellen Entwicklung hat; vielfacht sich durch diese Bedingungen.

* halbproletarische Massen entstanden in den großen Städten als eine weitere Gruppe der Besitzlosen; 3. Die zunehmende Verarmung der Massen hat die Frauen zur * das Modell der auf Importsubstitution gestützten kapitalisti- Suche nach einem eigenen Einkommen gezwungen, damit die schen Akkumulation wurde durch Sekundärexport und Moder- Familie überleben kann. In der Mehrheit der lateinamerikaninisierung abgelöst; schen Länder ist der Anteil der Frauen an den Erwerbstätigen * die Schuldenkrise; zwischen 1950 und 1970 gestiegen. Zusätzlich stieg in der * die Aushöhlung des populistischen Staates: Mehrheit der Fälle, in denen wir Daten haben, zwischen 1975 * die imperialistische Strategie des low intensity conflict (der und 1984 der Anteil der erwerbstätigen Frauen relativ zur gekontrollierte Übergang von einer Militärdiktatur zu ,,demokrati- samten aktiven Bevölkerung. schen" zivilen Regierungen, kombiniert mit Repression).

All dies bedeutete zunchmende Verarmung, anwachsende 4. Die Möglichkeiten für Bäuerinnen, eine bezahlte Beschäfti- Gewalt und Verschärfung sozialer Unterschiede und Widersprü- gung zu finden, haben sich verschlechtert; sie sind gezwungen, zusätzlich zu ihrer Hausarbeit Pächterin oder Tagelöhnerin zu Zur gleichen Zeit bedeutet der Erfolg zweier Revolutionen, in werden.

Kuba und Nicaragua, trotz der Probleme, denen sie ausgesetzt sind, in den Augen der Massen des Subkontinents, daß Verände- 5. In einigen Fällen, z.B. Brasilien, Mexiko und Uruguay, sind rungen möglich sind. Frauen in beträchtlicher Anzahl in die Industrie gegangen. Aber

Dies ist die Situation, die der achtziger Jahre, in der die la- selbst in diesen Fällen gehen sie zumeist in reine Frauenbereiteinamerikanischen Frauen die politische Bühne des Subkonti- che, wo sie hinsichtlich der Arbeitsbedingungen, der Löhne und

Seite 22

Aufstiegsmöglichkeiten benachteiligt sind, während sie zugleich ihre „Frauenarbeit" zu Hause fortsetzen (.,doppelter Arbeitstag").

Außer in Brasilien werden Frauen nur im Dienstleistungsund informellen Sektor erwerbstätig. Dies bedeutet für sie mehr Arbeit, aber keine Proletarisierung im exakten Sinne des Wortes. Diese Veränderungen sind besonders offensichtlich in vielen großen Städten, wo in den letzten Jahren die Zahl der Stra- Benhändlerinnen, Bettlerinnen und Prostituierten gewachsen ist. Aufgrund des Mangels an dauerhaften, bezahlten Arbeitsmöglichkeiten sind die Frauen auf die Straßen gegangen, um ihr Leben auf irgendeine Weise zu finanzieren.

Frauen und der Staat 6. Angesichts der sich verschärfenden ökonomischen und politischen Krise versuchen die lateinamerikanischen Bourgeoisien und Regierungen weiterhin, die Basis für einen neuen Konsens zu schaffen, um ihre Herrschaft über die Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Insoweit es den Frauen in den letzten Jahren gelungen ist, zunehmend in das öffentliche Leben vorzudringen obwohl ihre Mehrheit nach wie vor zu Hause eingeschlossen ist -, versuchen sich die bürgerlichen Regierungen in den Augen der Frauen zu legitimieren, indem sie mit der organisierten Frauenbewegung verhandeln und sich selbst als Vorkämpfer der demokratischen und bürgerlichen Rechte der Frauen darzustellen versuchen. Dies bedeutete eine ideologische Offensive vieler Regierungen und der bürgerlichen Kräfte gegenüber den Frauen im allgemeinen, wie sich in ihrer Wahlpropaganda oder bei der Einstellung von Frauen in den Staatsdienst zeigte. 7. In einigen Ländern, wie Brasilien, Mexiko, Argentinien und Uruguay, haben die bürgerlichen Parteien die Bildung von Einrichtungen und Organisationen unterstützt, deren Ziel die Entwicklung von Programmen ist, die sich an die Frauen als unterdrücktes Geschlecht wenden. Die meisten von ihnen haben Forschung, Propaganda oder die Erarbeitung von Gesetzesvorschlägen zum Ziel, ohne über irgendwelche exekutiven Befugnisse zu verfügen.

8. Die meisten Länder sind der UNO-Konvention über die Beseitigung aller Folgen der Diskriminierung von Frauen beigetreten. Daran schloß sich die formelle Anerkennung gleicher bürgerlicher Rechte für Frauen und Männer auf Verfassungsebene an.

Zusätzlich haben viele Regierungen aus eigener Initiative Gesetzesänderungen vorgenommen, die die formale Gleichheit und soziale Rechte, z.B. das auf Scheidung, zum Ziel hatten. Die Modernisierungsoffensive vieler Staaten spiegelt sich in der Arbeitswelt wieder, wo der Egalitarismus" beschworen wird, um es einfacher zu machen, die Frauen noch mehr auszubeuten, und so zur Legitimierung der ökonomischen Politik beizutragen.

9. Es ist die Ebene der ökonomischen Programme, auf der das Leben der Frauen durch die Regierungspolitik zunehmend beeinflußt wird.

In vielen Ländern hat der Staat Programme durchgeführt mit dem Ziel der Legitimierung und Institutionalisierung des informellen Arbeitsmarkts: Ausbildung und Darlehen, um den Frauen auch ohne Verlassen ihres Hauses zusätzliches Einkommen zu verschaffen. Dies verschleiert die Arbeitslosigkeit, erspart es den Bossen, Arbeiterinnen zu bezahlen, und erschwert es den Arbeiterinnen, sich zu organisieren.

Einige Regierungen haben befristete Beschäftigungsprogramme aufgelegt, die sich ursprünglich an Männer richteten. Aber es waren die Frauen, die sie ausgefüllt haben, ohne jede Arbeitsplatzsicherheit und mit „Notstandslöhnen". Parallel zu ihren Modernisierungsprogrammen haben einige Regierungen Pläne zum „Sieg über die extreme Armut" entwikkelt, die sich auf freiwillige weibliche Arbeit in öffentlichen Projekten stützen.

10. In vielen Ländern hat der Staat eine aggressive Bevölkerungspolitik durchgeführt, u.a. durch die unbeschränkte Verteilung von Verhütungsmitteln und durch die Zwangssterilisation. Diese Politik ist oft verknüpft mit Absprachen mit internationalen Finanzagenturen und der Nachfrage nach ausländischen Krediten. Ziel ist es, die Geburtenrate zu senken und die Bevölkerung vom „Wir sind zu viele" als Ursache der Armut zu überzeugen. Es geht nicht darum, den Frauen die Ausübung ihres Rechts zu erleichtern, selbst über das Gebären von Kindern zu entscheiden.

11. Einige Regierungen haben spezielle Programme für geschlagene und vergewaltigte Frauen entwickelt. Ziel ist nicht nur, sich als besondere Frauenfreunde darzustellen, sondern auch und vor allem, den Repressionsapparat auszubauen und zu legitimieren.

Die Kirche 12. Das Gewicht der römisch-katholischen Kirche in Lateinamerika ist enorm: politisch, sozial und kulturell. Aber während der letzten Jahre wurde die Kirche in Lateinamerika von einer Krise geschüttelt. Dies zeigt sich durch die Existenz vieler Strömungen in ihr, darunter die mit dem Vatikan verbundene, mit ihrer theologischen und politischen Orientierung, sowie die heute als „Theologie der Befreiung" bekannte, die wiederum aus vielen Tendenzen besteht.

Die mit dem Vatikan verbundene Hierarchie unterstützt im allgemeinen Maßnahmen zur Erhaltung des gegenwärtig herrschenden Systems und hat dementsprechend eine sehr konservative Einstellung zu Frauen - z.B. werden Gesetzesänderungen über Scheidung, Verhütung und Abtreibung abgelehnt. Auf verschiedene Weise unterstützen sie eine Politik der Stärkung des gegenwärtigen Familiensystems und der unterwürfigen Rolle der Frauen darin.

Die Strömung der Theologie der Befreiung ist im allgemeinen verbunden mit dem Prozeß der Selbstorganisation der armen Massen. In der Regel besteht ein sehr hoher Anteil der Mitglieder der christlichen Basisgemeinden und der Bibelgruppen aus Frauen. Aus diesem Grund sind einige Priester sensibler für deren spezifische Unterdrückung und die Notwendigkeit politischer Aktion dazu. Aber ihre politische Sichtweite ist begrenzt durch den Widerspruch zwischen ihrer Zugehörigkeit zu einer traditionellen Moral, von der sie sich nicht distanzieren, und den konkreten und sich verändernden Bedürfnissen der Frauen, besonders hinsichtlich Sexualität, Mutterschaft und Kontrolle ihrer Fruchtbarkeit. Es gab wenige theologische Beiträge aus dem

Seite 23

Blickwinkel der Frauen und seiner Beziehung zum allgemeinen Weg zur Befreiung, wie ihn diese Strömung verfolgt. In den letzten Jahren gab es auch eine zunehmende Aktivität protestantischer Gruppen in Lateinamerika. Obwohl es dort Strömungen der Theologie der Befreiung gibt, sind die meisten durch einen besonders konservativen sozialen und politischen Standpunkt gekennzeichnet, der gegenüber Frauen besonders reaktionär ist.

Die Familie 13. All diese Änderungen in der Gesellschaft haben tiefgreifende Auswirkungen auf das Leben der Familien der gesamten lateinamerikanischen Massen. Es gibt starken Druck in Richtung der Auflösung der Familie, ohne die materielle Möglichkeit, das Modell der bürgerlichen Familie in der Praxis übernehmen zu können.

Auf dem Lande sind Millionen von Familien weiterhin Produktionseinheiten. Die Rollen sind im allgemeinen starr nach Geschlechtern verteilt, und die Frauen finden sich bei Entscheidungen auf den untersten Stufen der Machthierarchie, sowohl formell als auch in der Praxis. Aber trotzdem sind die Frauen Teil der Produktionsgemeinschaft, auch wenn diese relativ isoliert vom Rest der Welt ist.

Zur gleichen Zeit halten 26 Millionen indianische Amerikaner, die sich hauptsächlich in Peru, Ecuador, Bolivien, Guatemala und Mexiko konzentrieren, an ihren eigenen Werten, Traditionen und der Art, gemeinschaftliche Verantwortung für die produktive Arbeit zu tragen, in unterschiedlichem Ausmaß fest. Der Druck auf diese Nationalitäten, ihre Kultur aufzugeben, ist enorm, aber sie widersetzen sich der „Latinisierung" Die strukturelle Krise der Landwirtschaft und eine relative Kapitalisierung der ländlichen Gebiete übt jedoch einen starken Druck in Richtung auf eine Auflösung der bäuerlichen Familie als einer sich selbst versorgenden Produktionseinheit aus; dies bedeutet jedoch nicht ihre einfache Verwandlung in eine Konsumtionseinheit.

Mit der Konzentration der Bevölkerung in den großen lateinamerikanischen Städten und der Stärkung kapitalistischer Produktionsbeziehungen hat sich innerhalb der großen und kleinen Bourgeoisie und Teilen des Industrieproletariats eine bürgerliche Familie herausgebildet. Die große Mehrheit der emigrados bildet jedoch genaugenommen keinen Bestandteil der Arbeiterklasse: Der unterentwickelte Kapitalismus hat für ihre Arbeitskraft ganz einfach keine andere Verwendung als nur die einer gigantischen Reservearmee.

Aber auch in den Familien, in denen ein oder mehrere Mitglieder eine bezahlte Arbeit gefunden haben (als Hand- oder Kopfarbeiter), ist es selten, daß der Lohn für einen Beschäftigten ausreicht, die eigene Kernfamilie zu unterhalten, obwohl sie sich dem Arbeitsmarkt als Individuen stellen müssen. In anderen Fällen ist der Druck einfach so groß, daß die Familie zerfällt, was zu dem Massenphänomen ausgesetzter Kinder führt. Auch werden Frauen immer häufiger Haushaltsvorstand. Daneben erzeugt die Krise Spannungen auf sozialer Ebene, die nicht nur zu immer mehr Schlägereien und Vergewaltigungen führen, sondern auch zu immer mehr Gewalt in der Familie. II. Die Dynamik der lateinamerikanischen Frauenbewegung heute 14. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden die ersten eigentlichen Frauenorganisationen auf Basis einer ursprünglichen Übereinstimmung zwischen Frauen der gleichen unmittelbaren Gemeinschaft, die gemeinsame unmittelbare Probleme und Ziele teilten. Dies führte zu den Traditionen von: * Frauen, die, schon seit dem letzten Jahrhundert, die Unterstützung von Arbeiterkämpfen organisierten; * Frauenkämpfen für das Recht auf Arbeit, speziell in den „Frauenindustrien", die Tausende erfahrener Kader für die Arbeiterbewegung im ganzen hervorgebracht haben; * örtlichen Gruppen von Müttern, die sich mit spezifischen kommunalen Problemen beschäftigten.

Es gibt auch eine gewisse Tradition von Frauen, die sich um ihre spezifischen Forderungen als Geschlecht organisierten. Bürgerliche Frauen organisierten sich seit dem Ende des letzten Jahrhunderts für ihr Recht auf Bildung, auf Berufsausübung und, in einigen Fällen, für ihr Wahlrecht. Aber im Rahmen des allgemeinen Aufstiegs des Klassenkampfs gab es Massenorganisationen von Frauen, die in der Arbeiterklasse wurzelten und die für Forderungen wie Wahlrecht, Land, Arbeit und Bildung für Frauen aus dem Volk kämpften.

15. In den siebziger und achtziger Jahren entstanden feministische Gruppen, die denen in Europa, den USA und Kanada ähnlich und von ihnen beeinflußt waren. Aber in Lateinamerika führte dieser Prozeß nicht zur Bildung einer organisch gewach senen Bewegung mit Massencharakter.

Die Mehrzahl dieser Gruppen waren von ideologischen und theoretischen Diskussionen geprägt; sie konzentrierten sich hauptsächlich auf Bewußtseinsförderung und Propaganda und führten zum erstenmal die „Frauenfrage" in intellektuelle und linke Kreise und in die Gesellschaft als Ganzes ein. Auch wenn in einigen Fällen die Arbeit der feministischen und bewußtseinsfördernden Gruppen Massenreaktionen auslösen konnte, so führte sie doch im allgemeinen nicht zum Aufbau von Strukturen von dauerhafterem Charakter unter verschiedenen Schichten aktiver Frauen, die die Kontinuität einer spezifischen Bewegung hätten bewahren können. Die Aktivitäten der feministischen Gruppen waren außerdem auf die großen Städte konzentriert oder in einigen Ländern sogar nur auf die Hauptstadt beschränkt.

Die Beschäftigung mit der Diskussion und Propaganda um bestimmte „Themen" mit einem Bezug zur Unterdrückung der Frauen - Hausarbeit, Gewalt, Sexualität, Abtreibung - berührte vitale Interessen aller Frauen. Aber indem die Frage der politischen Perspektiven für den Aufbau einer Bewegung vernachlässigt wurde, war es schwierig, cine Plattform zu schaffen, die die Gruppen vereinigen konnte oder für die Mehrheit der Frauen attraktiv und zugänglich war.

Die gewaltige Mehrheit der Frauen war und ist permanent um die Frage ihres eigenen Überlebens und des Überlebens ihrer Familien organisiert sowie um die Frage der Demokratie, da ihre Situation durch den halbkolonialen Status ihrer Länder und die daraus resultierende Armut bestimmt wird. Außerdem haben die Mittelschichten unter den Widersprüchen nicht in einer so massiven Weise gelitten, daß es in diesem Sektor, der relativ groß ist, zu stärkeren Reaktionen gekommen wäre.

Seite 24

Diese Situation führte zu einer Krise der politischen Perspektiven der „autonomen Gruppen" und in vielen Fällen zu ihrem Verschwinden oder zu ihrem Aufsaugen durch Regierungsprojekte.

16. Aber einige Gruppen und viele einzelne Frauen begannen sich andere Instrumente zu schaffen, um ihre feministischen Interessen auszudrücken:

a) Beratungs- oder Erziehungseinrichtungen, hauptsächlich aus internationalen Quellen finanziert. Ihre zentralen Aktivitäten unterscheiden sich in gewissem Ausmaß. Sie verstehen sich nicht in jedem Fall explizit als feministisch, aber sie haben durch ihre Arbeit ein bedeutendes Gewicht in feministischen Strömungen, was durch die Unterstützungen, die sie bekommen, erleichtert wird.

b) Nichtgeförderte Projekte der Unterstützung oder Förderung der Kontakte zwischen Frauen (z.B. Zentren mit verschiedenen Dienstleistungen, sozialen Aktivitäten, Treffen, Filmklubs, örtlichen Gruppen oder Arbeit mit bäuerlichen oder indianischen Frauen).

c) Gruppen, die verschiedene Zeitungen herausgeben. d) Christliche Frauengruppen.

c) Frauenausschüsse oder -gruppen in den Gewerkschaften. f) Frauen, die sich innerhalb linker politischer Parteien organisieren.

All diese Ausdrucksformen von Feminismus erlebten in den achtziger Jahren einen Aufschwung, insofern als ihre Arbeit von dem Versuch geleitet war, sich auf die heutige Realität Lateinamerikas und das tägliche Leben der Frauen zu beziehen. 17. Für Millionen lateinamerikanischer Frauen hat sich das täg liche Leben und ihr Bild von der Welt verändert. Sie waren gezwungen, aus dem Schatten ihrer Häuser herauszutreten und sich ins öffentliche Leben zu werfen, um ihre Familien mittels Aktivitäten zu ernähren, an die sie früher nie gedacht hätten. Eine ganze Generation junger Frauen ist unter den Bedingungen der Krise erzogen worden, im allgemeinen durch Mütter, die diese Veränderungen selbst miterlebt haben. Ihr Bezugssystem ist deshalb in der Praxis nicht das Modell einer Frau, deren Leben durch die vier Wände ihres Hauses beschränkt ist. Zur gleichen Zeit bedeutete die massive Ausdehnung der Kommunikationsmittel auf dem Lande und in der Stadt in den letzten Jahren, daß sich der Horizont von Millionen von Frauen erweitert hat - allerdings bisweilen in verzerrter Form. 18. Mit ihrer wachsenden Einbeziehung in den Arbeitsmarkt sind Millionen von Frauen gezwungen, eine kollektive Antwort auf den Abbau des Lebensstandards und der demokratischen Rechte zu finden, da es keine individuellen Lösungsmöglichkeiten gibt. Entsprechend sind sie mehr und mehr an den allgemeinen politischen und sozialen Bewegungen beteiligt. Dies betrifft Millionen von Frauen, die oft ihre ersten Kampferfahrungen machen.

Zur Zeit ist die Mehrheit der Frauen entsprechend ihrer sozialen Situation organisiert, zu Fragen der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Überleben der Familie, Bedingungen der häuslichen und der bezahlten Arbeit) sowie zu dem brutalsten politischen Problem, dem Kampf gegen die Repression, für Menschenrechte und Demokratie.

In den letzten 15 Jahren sind neue Bewegungen entstanden, die auf Unterstützung und Beteiligung fast ausschließlich von Frauen basieren: der Kampf in den Städten und der Kampf für die Freilassung der politischen Gefangenen und der Verschwundenen.

Die städtischen Bewegungen kämpfen für die Lösung der Probleme der Wohnungsnot, der Dienstleistungen und der hohen Preise, unter denen Millionen von Menschen leiden, die in besonders unsicheren Verhältnissen leben. Frauen, die für alle Aspekte der Versorgung der Familie verantwortlich sind und meist keine bezahlte Arbeit haben — was ihre Abwesenheit vom Haus bedeuten würde -, sind sowohl am meisten motiviert als auch am besten dazu in der Lage, an solchen Bewegungen teilzunehmen, die ihr Zentrum in der Nachbarschaft haben. Auf der anderen Seite sind Frauen die treibende Kraft an der Basis der Komitees der Angehörigen von politischen Gefangenen und Verschwundenen, hauptsächlich wegen der Identifikation mit ihrer Rolle als Mutter oder Ehefrau und ihrer Verantwortung, ihre Kinder, Ehemänner oder Brüder aus den Klauen der Repression zu befreien.

Auch die Entwicklung der gewerkschaftlichen und bäuerlichen Kämpfe hat die Frauen einbezogen. In Sektoren, die eine fast ausschließliche Konzentration von arbeitenden Frauen aufweisen, haben Tausende sich erstmals die Straßen erobert. Bäuerliche und indianische Frauen organisieren sich auf der anderen Seite häufig als Frauen, um Probleme anzugehen, die mit ihrem Bedürfnis nach besseren Bedingungen für die Hausarbeit und für das Wohlergehen ihrer Familien zusammenhängen, so der Kampf für eigene Rechte auf Land und Kredite sowie die Notwendigkeit eines eigenen Einkommens, um die Familieneinkünfte zu erhöhen.

19. Dieser Eintritt ins öffentliche Leben in unterschiedlichen Formen und auf verschiedenen Ebenen erzeugt eine widersprüchliche Dynamik auf der Ebene des Bewußtseins der Frauen: die Mehrheit nimmt am öffentlichen Leben als Ehefrauen und Mütter, eine Minderheit - allerdings eine politisch bedeutsame — als junge Arbeiterinnen teil.

Sie verlassen ihre Häuser und Wohnviertel und werden aktiv gegen die Regierung, die Unternehmer, die Gewerkschaftsbürokraten, die paramilitärischen Banden und die örtlichen Bosse auf dem Lande und in der Stadt. Insgesamt tun sie also genau das, was nach den herrschenden Normen eine Frau nicht tun soll. • Der zentrale Widerspruch, mit dem Millionen lateinamerikanischer Frauen konfrontiert sind, ist die Notwendigkeit, ihre traditionelle Rolle als Frauen in der Familie, im Haus und in der häuslichen Arbeit im weitesten Sinne zu erfüllen, und die Unmöglichkeit, dies angesichts der gegebenen allgemeinen Lebensbedingungen tun zu können, ohne mit diesen Traditionen zu brechen. Die Existenz dieses Widerspruchs bildet die objektive Grundlage für die Perspektive des Aufbaus einer breiten Frauenbefreiungsbewegung in Lateinamerika und der Karibik. Damit sind auf Massenebene Bedingungen geschaffen, die die Möglichkeit für ein zunehmendes Bewußtseins der Frauen über ihre Unterdrückung als Frauen eröffnen. Wenn sie, motiviert durch die Erfordernisse und durch die Solidarität, auf die Straße gehen, bringt sie dies gegen die Hindernisse zur Erlangung ihrer Ziele auf. Wenn sie sie erreichen, wenn sie Erfolg haben wollen, müssen sie ihr Verhalten ändern, ihre Vorstellung von sich

Seite 25

selbst, von ihren Kampfbedingungen. Um neue Formen der Solidarität zu entwickeln und damit die Kampfbedingungen zu verbessern, müssen sie sich ihrer eigenen Unterdrückung als Geschlecht bewußt werden. Es wird keine positive Lösung dieses Widerspruchs geben ohne Bruch mit den sozialen, politischen und persönlichen Bedingungen, die das traditionelle Bild der Frau — als Mutter, Ehefrau und Hausfrau — erzeugen und aufrechterhalten; dies muß auf der Grundlage eines politischen Kampfes der Massen erfolgen, in dem die Frauen in der ersten Reihe stehen und die Führung innehaben.

Der Widerspruch wird verschärft durch:

* Die Politik der Geburtenkontrolle — trotz aller Risiken und trotz ihrer verwerflichen Zielsetzung und antidemokratischen Durchführung — gab Millionen von Frauen die Möglichkeit, die sie nie vorher hatten, einer Kontrolle ihres eigenen Körpers und von Entscheidungen im Hinblick auf Mutterschaft und eine Sexualität, die nicht länger durch Fortpflanzung bestimmt ist. * Die Verabschiedung von Regierungsprogrammen gegen sexistische Gewalt, die auch als Weg zur Verbreiterung und sogar Legitimierung des Repressionsapparats des Staates genutzt werden, bekräftigen zugleich den sozialen Charakter der sexistischen Gewalt und erhärten die Zeugnisse über die Brutalität und die große Zahl von Fällen.

* Bürgerliche Propaganda für die Gleichheit der Frauen macht - obwohl zur Unterstützung der Politik der Geburtenkontrolle, zum Fang von Wählerstimmen und zur Legitimierung eines Regimes in den Augen der internationalen Öffentlichkeit bestimmt - auf Massenebene in einem Ausmaß wie nie zuvor und manchmal zum ersten Mal mit dem Gedanken vertraut, daß Frauen und Männer die gleichen Rechte vor dem Gesetz und in der Gesellschaft haben. Zur gleichen Zeit erleben die Frauen in den unabhängigen Massenorganisationen, die gegen die staatliche Politik und die Bourgeoisie kämpfen, und insbesondere in denen, die das Banner des Kampfes für die wahre Demokratie hochhalten, eine Diskriminierung und Marginalisierung - in den meisten Fällen sowohl von der Basis als auch von der Führung.

20. Aber das Erkennen dieser Widersprüche und ihre Überwindung durch den bewußten Kampf für die Befreiung ist kein Automatismus. Dies hängt von vielen Faktoren im sozialen Kampf, vom Organisationsgrad der Frauen und vom Klassenkampf im allgemeinen ab: der Entwicklungsstand eines Sektors der Frauenbewegung, der dazu in der Lage ist, in der Praxis das Projekt des Aufbaus einer Massenbewegung mit feministischem Charakter mit einem allgemeinerem Ausgangspunkt der Radikalisierung und Mobilisierung von Frauen zu verbinden; die Entwicklung, Stärke und Beziehungen der revolutionären und reformistischen Organisationen zur Frauenbewegung und ihre Positionen zur Frauenfrage; das allgemeine Kräfteverhältnis zwischen Bourgeoisie und Arbeitern; die Fähigkeit der Bourgeoisie und ihres Staates zu einer demobilisierenden, sich selbst legitimierenden Politik gegenüber den Frauen. Trotzdem ist die Existenz dieses Widerspruchs die objektive Grundlage für die in den letzten Jahren erreichten Fortschritte beim Aufbau einer politischen Frauenbefreiungsbewegung auf unserem Kontinent. 21. Im allgemeinen ist die zentrale Dynamik der Situation in Lateinamerika heute dahin gerichtet, daß dieser Widerspruch auf positive Weise gelöst wird. Frauen nehmen wie nie zuvor an politischen und sozialen Kämpfen teil; sie organisieren sich zunehmend als Frauen entsprechend ihrem sozialen Sektor; es gibt einen wachsenden und sich erneuernden feministischen Sektor bzw. Pol in der Frauenbewegung; und die nichtbürgerlichen politischen Organisationen kommen unter zunehmenden Druck wegen ihrer traditionellen Ablehnung der Positionen der Frauenbefreiungsbewegung. Unter Berücksichtigung der Fortschritte und Rückschläge in den einzelnen Ländern in der jeweils spezifischen Situation ist die allgemeine Dynamik auf die Bildung von Frauenbewegungen mit Massencharakter gerichtet, die zunehmend dazu tendieren, als Teil ihrer Kampfplattform und Grundlage ihrer Einheit geschlechtsspezifische Forderungen in Kombination mit Forderungen in bezug auf das Überleben und die Demokratie aufzustellen.

22. Im Verlauf ihres Kampfes für ihre unmittelbaren Forderungen werden die Frauen ständig mit den Hindernissen konfrontiert, die aus ihrer spezifischen Unterdrückung erwachsen: Sie sind dadurch beschränkt, daß sie keine „Erlaubnis" bekommen, das Haus für Aktivitäten zu verlassen, daß sie nicht wissen, wo sie ihre Kinder lassen sollen, sich schuldig fühlen, sie zu „verlassen", daß sie auf Versammlungen von Männern beleidigt werden; ihre Organisationen werden geschwächt durch die Konkurrenz unter den Frauen und den Mangel an Selbstvertrauen und Erfahrung ihrer Mitglieder; sie werden vergewaltigt von Polizei und Militär und erniedrigt durch die Behörden. Diese Hindernisse müssen überwunden werden, um vorwärts gehen zu können. Manchmal bilden sie ein unüberwindbares Hindernis. Ein andermal führen sie zu Versuchen, praktische Lösungen in Form von kollektiven Forderungen anzustreben. In diesen Fällen suchen die natürlichen Führerinnen vieler Frauenbewegungen und oft auch die organisierten Frauengrup pen selbst nach Elementen, die die Existenz und Dynamik dieser Hindernisse erklären, um sie überwinden zu können. Die Annäherung an feministischere Sektoren gibt ihnen in der Regel die Möglichkeit des Verständnisses und des Aufbaus der erforderlichen Kampfinstrumente und Strukturen, um ihren Widersprüchen als Frauen zu begegnen. Gleichzeitig haben sich viele feministische Gruppen an Volksorganisationen beteiligt. Auf der anderen Seite tauchte in den letzten zehn Jahren eine bedeutende Anzahl feministischer Aktivistinnen innerhalb der politischen Parteien auf, denen es gelang — über ihren Kampf gegen die Haltung dieser Parteien zur geschlechtsspezifischen Unterdrükkung hinaus —, eine organischere Präsenz in der Frauenbewegung zu erreichen.

All dies hat eine soziale und politische Neuzusammensetzung des feministischen Pols in der Frauenbewegung eingeleitet. Während zweifellos immer noch viele aktive Frauen dem Feminismus mißtrauen, haben jedoch andere begonnen, sich mit ihm als solchem zu identifizieren, sich mit feministischen Ideen zu identifizieren und ihren Nutzen für Verständnis und Veränderung ihrer Realität zu verstehen. Auf der anderen Seite können die traditionellen feministischen Sektoren nicht länger die „feministische Legitimität* von Frauen abstreiten, die ihre Aktivität in der Frauenbewegung mit Parteiaktivitäten verbinden, wie sie es in der Vergangenheit bisweilen taten.

Ein empirischer Nachweis dieser Neuzusammensetzung läßt sich in der wachsenden Teilnahme von Frauen aus dem Volk in

Seite 26

den lateinamerikanischen und karibischen feministischen Treffen zwischen 1981 und 1987 finden. Es war diese kombinierte Dynamik der Widersprüche in den Frauenkämpfen in den Schichten des Volkes für Klassenforderungen und die Wechselwirkung mit feministischen Teilen der Frauenbewegung - unter Einbeziehung von mehr und mehr Frauen, die hauptsächlich um Klassenforderungen oder als aktive Parteimitglieder mobilisiert wurden -, die es in vielen Bereichen ermöglicht hat, in den letzten Jahren geschlechtsspezifische Forderungen in den Programmen der Kämpfe und als Grundlage für Massenmobilisicrungen zu verankern.

23. Die Formen der Koordination zwischen den verschiedenen Sektoren der Frauenbewegung unterscheiden sich stark in ihren Zielen, ihrer Breite und ihrer Dauer.

Manchmal existieren dauerhafte Koordinationen, hauptsächlich mehr, um einen Ort für politische Diskussionen, Kontakt und gegenseitige Unterstützung zu schaffen, als für Aktionen oder Kampagnen, obwohl sie Ergebnis solcher Koordinationen sein können.

Andere Formen von Koordinationen, die zeitweise klar feministische Kräfte sowohl mit politischen Parteien als auch mit der breiteren Frauenbewegung zusammenbringen, sind im Zusammenhang besonderer nationaler politischer Situationen entstanden.

Auch eine Reihe arbeitender Netzwerke hat sich sowohl auf nationaler als auch auf subkontinentaler Ebene um Kampagnen oder weiterführende Aktivitäten seiner Mitglieder gebildet. In vielen Ländern waren die Kontakte zwischen feministischen Gruppen begrenzt auf lokale, regionale oder nationale Konferenzen, die manchmal zur Bildung von Informationsnetzwerken zwischen Gruppen ohne Existenz irgendeiner gemeinsamen politischen Plattform führten.

Die Mehrzahl der Frauen, die sich an permanenten Koordinationen beteiligte, tat dies auf Grundlage ihrer sozialen Situation. Obwohl Anfang der achtziger Jahre die Initiative für Aktivitäten zum 8. März oder 25. November von Sektoren ausgingen, die mit feministischen Gruppen verbunden waren, werden die Aktivitäten und die ihnen zugrundeliegenden Initiativen heute wesentlich häufiger von Frauen aus den Volksbewegungen und Gewerkschaften getragen.

Auf der Ebene des Subkontinents gab es verschiedene Kontakte und Diskussionsmöglichkeiten, hauptsächlich auf den vier Treffen der lateinamerikanischen und karibischen Feministinnen und auf den drei Konferenzen der Kontinentalen Frauenfront gegen die Intervention". Außerdem gab es eine Vervielfachung internationaler Treffen, die dieselbe Rolle spielten. 24. Die allgemeine Dynamik des Lebens der Frauen heute ist, daß mehr Frauen als je zuvor in soziale und politische Kämpfe eintreten und daß sie sich selbst objektiv im Widerspruch zu ihrer Unterdrückung befinden. Aber bei dem großen Sprung der Umwandlung dieser Bedingungen in eine politische Bewegung der Frauen für ihre Befreiung, gibt es eine Reihe politischer Probleme, die analysiert und überwunden werden müssen: Die verschiedenen Forderungen von Frauen im Kampf Die ursprünglichen Forderungen der Frauen haben meist einen speziellen örtlichen Anlaß, was es schwierig macht, ihre Kämpfe zu vereinheitlichen. Dieser Mangel an Einheit und, aus dem gleichen Grund, an Kontakt mit vielen Frauen, schafft nicht nur Schwierigkeiten, diese unmittelbaren Kämpfe zu gewinnen, sondern erschwert auch ihre Bewußtwerdung über ihre Unterdrückung als eine soziale Frage.

Obwohl es unmittelbare Forderungen geben kann, die die Frauen eines ganzen Sektors vereinigen, bedeutet dies nicht, daß eine allgemeine politische Bewegung Gestalt annimmt, die sich selbst als eine Frauenbewegung versteht. Selbstverständlich hat die Einheit von Frauen, die sich als solche organisieren, selbst innerhalb eines Sektors, einen multiplizierenden Effekt auf andere Sektoren. Aber solange die Bewegung nicht politisch ausgeweitet wird, um Frauen verschiedener Sektoren zu vereinigen, besteht die große Gefahr, daß die Erfolge auch stärkerer Sektoren wieder zurückgedrängt werden können. Schließlich sind dort, wo verschiedene Volksorganisationen geschlechtsspezifische Forderungen aufstellen, diese sehr verschieden und schwierig im Kampf zu vereinigen. Und im Kampf und durch Fortschritte bei ihren konkreten Rechten erfahren Frauen die Nützlichkeit, sich für ihre Forderungen als Geschlecht zu organisieren.

Klientelismus und Selbsthelfertum:

zwei Gefahren beim Aufbau der Bewegung

Frauen, vor allem in den Wohnvierteln und ländlichen Siedlungen Lateinamerikas, haben heute zwei Möglichkeiten zu überleben: sie können Forderungen an andere Stellen richten oder versuchen, eine Lösung aus eigenen Kräften zu finden. Werden Forderungen in Verbindung mit sozialen und politischen Problemen an den Staat gerichtet, hat dies den großen Vorteil, daß die Verantwortung dorthin gelegt wird, wo sie liegen sollte, bei der Gesellschaft und ihren Institutionen, und daß es leichter ist, Massenaktionen einen politischen Charakter zu geben. Erfolgreiche Kämpfe und Mobilisierungen bringen sowohl ihr allgemeines Bewußtsein als auch ihre Stärke und ihr Selbstvertrauen voran.

Die Praxis hat uns freilich gelehrt, daß Vertrauen in den Staat nicht ohne Gefahren ist. Auf der einen Seite kann eine klientelistische Dynamik entstehen, und auf der anderen Seite können Frauen nach Teilerfolgen völlig aufgesogen werden von Verwaltungsaufgaben und der Bereitstellung von Dienstleistungen. Die andere Form der Selbstorganisation zur Sicherstellung des Überlebens, die der Selbsthilfe/Selbstverwaltung, hat den Vorteil, daß sie ein Prozeß kooperativer Selbstorganisation ist, der sofortige Lösungen dringender Probleme ermöglicht und dabei der häuslichen Arbeit einen größeren Wert gibt, was den Keim für ihre Vergesellschaftung legt.

Sie hat aber auch zwei reale Gefahren: die Legitimierung der traditionellen Rolle von Frauen als für häusliche Aufgaben und das Wohlergehen der Familie Verantwortliche sowie ein unpolitisches Selbsthelfertum.

Schwierigkeiten für die politische Tätigkeit von Frauen Es ist klar, daß es keine automatische Verknüpfung zwischen dem massenhaften Eintritt von Frauen in den Arbeitsmarkt und ihrer Beteiligung an politischen und/oder gewerkschaftlichen Kämpfen als Arbeiterinnen gibt:

* Sie arbeiten hauptsächlich in „weiblichen" Industrien und Bereichen, wie Dienstleistungen oder dem informellen Sektor

Seite 27

im allgemeinen. Wie in der restlichen Welt ähneln die Tätigkeiten den häuslichen Arbeiten oder erfordern große Sorgfalt. * Der informelle Sektor bietet meist nur Arbeiten in Isolation oder an kleinen Arbeitsplätzen, wo es häufig ein paternalistisches Verhältnis zum Arbeitgeber oder Boß gibt. * Selbst in den Fällen, wo Frauen in die Großindustrie hineingekommen sind, muß die Mehrheit mit einem doppelten Arbeitstag und anderen Beschränkungen der Zeit, die sie sich für gewerkschaftliche oder politische Arbeit nehmen können, fertigwerden.

* Die arbeitende Frau sieht sich selbst weiterhin in erster Linie als Mutter und/oder Ehefrau, selbst wenn sie die einzige Verdienerin der Familie ist.

* Arbeitskollegen üben oft Druck aus, um sie von einer aktiven Teilnahme am Gewerkschaftsleben abzuhalten; und die Führungen sind nicht nur desinteressiert an den besonderen Problemen der Frauen, sondern sperren sich häufig offen gegen die Teilnahme von Frauen.

* Die meisten Frauen, die gewerkschaftlich aktiv werden, sind unverheiratet oder kinderlos. Deshalb identifizieren sie sich meist weniger mit der Mehrheit der arbeitenden Frauen. Abgesehen von diesen Schwierigkeiten schenken an vielen Stellen die revolutionären Organisationen der gewerkschaftlichen Arbeit von Frauen wenig Beachtung.

Aus all diesen Gründen ist die Organisierung von arbeitenden Frauen nicht im selben Maße angestiegen wie ihre Einbeziehung in den Arbeitsmarkt.

Die Kooptierungsversuche des Staates die Rolle der Frauen und der Kampf gegen die geschlechtsspezifische Unterdrückung auf, zumindest potentiell. In fast allen Fällen weisen jedoch die Führungen diesen Punkt als Teil der Strategiedebatte zurück und verweigern heftig jede ernsthafte Behandlung dieses Themas.

Trotzdem entstehen in allen Arten linker Parteien feministische Kerne und Strömungen, die verschiedene Alternativen für das Bedürfnis der Frauen, für geschlechtsspezifische Forderungen zu kämpfen, vorschlagen. Sie beeinflussen die Orientierung ihrer Parteien und damit nicht nur deren politische Kapazität, sondern auch die Traditionen mehr oder weniger demokratischer Diskussionen, die soziale Verankerung der Partei und ihre allgemeine politische Fähigkeit, die wirklichen Probleme der kämpfenden Frauen zu erkennen und darauf einzugehen. 26. Die Diskussionen innerhalb der Frauenbewegung und ihres feministischen Pols haben sich positiv entwickelt - ausgehend von einer anfänglichen Hinterfragung und Bestätigung einiger grundlegender Aussagen über die Unterdrückung bis hin zur Festlegung von Wegen zum Aufbau einer breiten Frauenbewegung um bestimmte Forderungen herum.

Elemente breiterer Debatten über Politik und Gesellschaft im allgemeinen beeinflussen diese Diskussion. Auf diese Weise üben existierende politische Strömungen einen gewissen Einfluß auf die Diskussion über den Feminismus aus:

* Die bürgerliche Modernisierungsideologie, die Leistungsfähigkeit als eine soziale Norm legitimiert, die Demokratie auf das Verhältnis zwischen Bürgern und Staat reduziert und sie von sozialen Klassen und Problemen trennt.

Im Fall der Länder, die eine relativ aggressive auf die Frauen gerichtete Politik treiben, ist es erforderlich, mit alternativen politischen Vorschlägen zu antworten, die die Massenbewegung stärken. Ohne die Darstellung einer politischen Alternative zu den staatlichen Initiativen wird es zunehmend schwieriger, die Klassenunabhängigkeit zu bewahren, denn der Staat wird in den Augen der Massen nützlicher als die Bewegung erscheinen. Das Vorherrschen des Sexismus in der Führung der Massenbewegung

Da das ursprüngliche Erwachen des Bewußtsein der meisten Frauen in Kämpfen der allgemeineren Bewegungen geschieht, die in der Regel eine männliche Führung haben, ist deren machismo dabei ein großes Hindernis. Dies ist besonders wichtig beim Fehlen einer spezifischen politischen Bewegung der Frauen, die auf einer nationalen, vereinheitlichten Ebene die geschlechtsspezifischen Forderungen erhebt, die Frauen in verschiedenen Sektoren heute aufzustellen beginnen. Umgekehrt ist der Sexismus der Führungen ein Hindernis beim Aufbau dieser Bewegung.

25. In den letzten Jahren haben die nichtbürgerlichen Führungen der Massen ihr Verhalten zur Situation der Frauen und ihrer Rolle in der Gesellschaft und in Kämpfen verändert. In vielen Ländern hat die Krise der Kommunistischen Parteien auch die Infragestellung der alten stalinistischen Konzeption der Frauenbewegung als einer „Hilfstruppe" für die allgemeine Massenbewegung eingeschlossen.

Gleichzeitig diskutieren die revolutionären Organisationen über revolutionäre Strategie; in dieser Diskussion taucht auch * Die sozialdemokratische Position, die eine gradualistische und institutionalistische Taktik unterstützt. * Die imperialistische Orientierung einer Gleichsetzung von Marktmechanismen mit Demokratie einerseits und von Sozialismus mit Diktatur andererseits.

* Die Perestroika hat neben der Bekräftigung der falschen Alternative Markt/Demokratie gegen Sozialismus/Diktatur die Revolutionäre einem Druck ausgesetzt, der den Einfluß der Perspektive eines revolutionären Bruchs als Lösung der Probleme der lateinamerikanischen Massen schwächt.

Unter diesen Einflüssen haben sich einige Feministinnen in bürgerliche Projekte einbinden lassen, speziell im Zusammenhang mit Projekten des kontrollierten Übergangs zur Demokratie, wie sie in verschiedenen Ländern durchgeführt wurden. Angesichts der Schwäche des Feminismus und angesichts der antifeministischen Positionen der Mehrheit der sozialistischen und linken Opposition haben sie ihr Vertrauen auf bürgerliche Frauenprojekte gesetzt und/oder sich entschieden, dort zu arbeiten, um im Verhältnis zum Regime „die Situation der Frauen real zu ändern". Unter ihnen herrschen Positionen vor, die auf der Notwendigkeit und Möglichkeit der ,Demokratisierung des Staates" und der Schaffung eines „Raums für Frauen" darin basieren. Andere identifizieren sich mit Ideen, nach denen das „weibliche Wesen" dem „männlichen Wesen" moralisch überlegen sei, was ein Weg ist, die Notwendigkeit des Aufbaus einer breiten autonomen Frauenbewegung zu leugnen.

von ERoBe Mehrheit Die große Mehrheit der Feministinnen ist jedoch unabhängig von Bourgeoisie und Staat und betrachtet sich selbst als irgend. wie links, bei einer Bandbreite von Positionen, die im Sturz des Kapitalismus und einer sozialistischen Perspektive übereinstim-

Seite 28

men. Die Debatte in diesem Sektor, der im allgemeinen die einflussung des Geschehens in der nachrevolutionären Gesellbreite Frauenbewegung als Bezugspunkt für den Kampf gegen die geschlechtsspezifische Unterdrückung hat, ist außerordentlich diffus, was es schwierig macht, darin verschiedene Strömungen zu charakterisieren.

Gegenstand der Diskussion sind neben anderem: * Das Verhältnis zwischen geschlechtsspezifischer Unterdrükkung und Klassenausbeutung/-unterdrückung.

* Der Kampf für Demokratie und feministische Forderungen. * Welche Art von Macht wollen die Frauen?

* Frauen als politische und soziale Subjekte. * Die Frage der Gültigkeit des Konzepts einer Vorhut in einer Strategie für Veränderungen.

III. Unsere Orientierung 27. Bei jeder Art von Unterdrückung ist das einzige Mittel, sie zu bekämpfen, die Selbstorganisation der Unterdrückten. Im Falle der Frauen ist das nicht anders. Es ist die unabhängige Selbstorganisation der Frauen selber, die Reformen der Gesetze oder der augenblicklichen staatlichen Wirtschaftspolitik erzwingen kann und die Änderungen in den sozialen und politischen Organisationen der Massen schafft, um ihre augenblickliche Situation zu verbessern, sie für den weiteren Kampf zu ermutigen und günstigere Bedingungen zu schaffen. Auf der Basis der Selbstorganisation als der fundamentalen Grundlage ihrer Befreiungsbewegung können sie die numerische Stärke und politische Entwicklung erreichen, die erforderlich ist, um einen günstigen Einfluß auf künftige Ereignisse zu nehmen, sowohl heute als auch nach der Revolution.

Nur im Prozeß der Selbstorganisation können Frauen sich selbst verändern, kollektiv und individuell, im Öffentlichen und im Privaten, auf eine Weise, daß die traditionell von Frauen ausgefüllte Rolle durch ein neues Konzept und durch eine neue Realität dessen, was eine Frau ist, ersetzt wird, wobei dies durch den Kampf selbst geschicht.

28. Ein konsequenter, bis zu Ende geführter feministischer Kampf kann sich nicht darauf beschränken, formale Gleichheit zwischen Mann und Frau zu erreichen, sondern muß die Beziehungen zwischen ihnen vollständig revolutionieren, die historisch-soziale Bestimmung der Geschlechter völlig auslöschen. Dieses Ziel kann in einer Klassengesellschaft nicht vollständig erreicht werden, insbesondere nicht unter den heutigen lateinamerikanischen Verhältnissen der Ausbeutung und Unterdrükkung in den Ländern, die vom Imperialismus beherrscht werden. In diesem Sinne liegt es im Interesse aller Frauen, für den Sturz des unterdrückenden, patriarchalisch-kapitalistischen Systems und den Aufbau einer sozialistischen, demokratischen und pluralistischen Gesellschaft zu kämpfen. Nur eine solche Revolution und eine neue Gesellschaft können die Grundlage dafür legen, die Unterdrückung, die die Frauen heute erleben, vollständig zu beseitigen.

Jedoch wird die Unterdrückung der Frauen nicht automatisch beseitigt durch die antikapitalistische Revolution oder in der nachkapitalistischen Gesellschaft. Damit es den Frauen gelingt, ihr eigenes Leben zu verändern, revolutionäre Subjekte bei der Übernahme der Macht und beim Sturz der gegenwärtigen bürgerlichen Regimes zu sein und eine Stärke zur vorteilhaften Begung aufbauen, die auf ihren Forderungen als Geschlecht basiert.

Die Bildung dieser Bewegung wird sie in ein politisches Subjekt verwandeln, das für seine eigenen Interessen kämpft. Das objektive historische Interesse der Frauen an der Zerstörung der patriarchalischen Klassengesellschaft legt die Grundlage für ihre Verwandlung in ein revolutionäres Subjekt. Diese Verwandlung könnte in der Praxis gleichzeitig mit der politischen Entwicklung der Bewegung selbst und ihrer Vorhut ablaufen. 29. Um diese Bewegung heute aufzubauen, müssen wir ausgehen von den Verhältnissen, den Formen von Organisationen und den Forderungen, die die Frauen als die ihren empfinden, egal ob es nun geschlechtsspezifische Forderungen sind oder nicht. Zweifellos wird der Kampf der Frauen für ihre eigenen Forderungen eng verbunden sein mit dem Kampf aller arbeitenden Menschen, auch beim Entstehen einer eigenen politischen Bewegung. Beim Aufbau dieser Bewegung werden allgemeine Klassenforderungen, verbunden mit geschlechtsspezifischen Forderungen, die Basis der Einheit bilden. Nichtsdestotrotz wird diese Dynamik ein Auf und Ab bei der Unterstützung der spezifischen feministischen Forderungen beinhalten. Ein besserer Stand der Organisierung der Volksbewegung wird eine größere Anerkennung des Kampfes der Frauen für ihre eigenen Forderungen begünstigen. Der Grund dafür ist, daß ein besserer Grad von Koordination und Einheit nicht nur die Siegeschancen verbessert, sondern auch zu einem höheren Niveau der Politisierung, dem Entstehen einer globaleren Grundlage der Einheit und zum Verständnis der Notwendigkeit der Organisierung in einer weiterführenden Weise führt, sich nicht nur mit einem einzelnen Problem, sondern einer ganzen Serie von Problemen zu befassen.

Unter praktischen Gesichtspunkten werden auch Möglichkeiten für eine bessere Arbeitsteilung innerhalb der Kampforganisationen geschaffen und mehr Aufmerksamkeit auf eine ernsthafte Analyse ihrer Realität gelenkt.

Das Zusammengehen von Kräften, deren Ziel die Erweiterung des Bewußtseins der Frauen über ihre besondere Unterdrückung ist, ist wirkungsvoller beim Erreichen einer größeren Zahl von Frauen.

Aber es gibt keinen mechanischen Zusammenhang zwischen der allgemeinen Volksbewegung und Fortschritten für die Frauen. Frauen brauchen ihre eigenen politischen Ausdrucksformen. Und sie. werden nur dann Erfolg haben, wenn es bewußte Anstrengungen in jeder Bewegung gibt, die wachsende Aufdeckung und Politisierung der geschlechtsspezifischen Unterdrückung voranzutreiben, was wir die Feminisierung der Forderungen, der Organisation und der politischen Dynamik der Frauenbewegung nennen können.

30. Beim Prozeß des Aufbaus der Bewegung treten verschiedene Probleme auf:

a) Angesichts der Vielfalt von Forderungen, die nicht nur verschiedene Bedürfnisse sondern auch verschiedene Stufen des Bewußtseins widerspiegeln, müssen wir jede Gelegenheit wahrnehmen, verschiedene Kämpfe zusammenzubringen und ein System von Forderungen zu verankern, das zu einer zunehmend

Seite 29

klarer definierten politischen Bewegung führen kann. b) Angesichts der Gefahren von Klientelismus und Selbsthelfertum müssen wir die interne Demokratie sowohl der allgemeinen Massenorganisationen als auch des politischen Raums und der Strukturen für Frauen stärken und gleichzeitig das demokratische Funktionieren der Frauenbewegung als Ganzes sicherstellen. Auf der anderen Seite sollte der politische Charakter der Frauenforderungen unterstrichen werden - sie können nicht durch Nächstenliebe befriedigt werden —, zusammen mit der absoluten Notwendigkeit, die Bewegung unabhängig von Bourgeoisie und Staat zu halten.

c) Trotz der Schwierigkeiten, die Arbeiterinnen bei der Teilnahme an politischer oder gewerkschaftlicher Arbeit erleben, sollte dies nicht zum Schluß führen, ihre Beteiligung an der Frauenbewegung sei nicht zentral. Die große Zahl von Frauen, die in den Arbeitsmarkt eingetreten sind, hat dazu geführt, daß trotz aller Hindernisse bei ihrer Teilnahme heute mehr Frauen in den Gewerkschaften aktiv sind als jemals zuvor. Und wenn sie in einen kollektiven Prozeß der Hebung des Bewußtseins eintreten und gegen ihre Unterdrückung sowohl als Frauen als auch als Arbeiterinnen kämpfen, machen sie aufgrund ihrer Lebensund Arbeitsbedingungen und ihrer zahlenmäßigen Konzentration - kurz gesagt, ihrer sozialen Situation - politisch schnellere und beständigere Fortschritte als andere Sektoren. d) Angesichts der Versuche des Staates, die Frauenbewegung einzubinden, besonders ihren feministischen Pol, bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung ihrer Autonomie aus historischen Gründen, muß es politische Perspektiven für die Art von Änderungen geben, die von jetzt an auf Regierungsebene als notwendig betrachtet werden. Dafür sollten wir die folgenden Kriterien innerhalb der Bewegung vertreten. Es muß zwischen zwei Dingen unterschieden werden: Dienstleistungen, die der Staat gezwungen ist bereitzustellen, mit größtmöglicher Kontrolle auf Seiten der Nutznießer, und eine Haltung, die es hinnimmt oder unterstützt, daß der Staat Frauen organisiert (z.B. das ,,Frauen heute*-Programm in Argentinien). Im Falle von Gesetzesinitiativen ist es einfacher, die Unabhängigkeit der Frauenbewegung beim Einbringen oder Unterstützen solcher Vorschläge zu bewahren. Aber auf der Ebene der Exekutive (Ministerien für Gesundheit, Justiz, Soziales oder Familie) ist die Form der Beziehungen zwischen der Bewegung und einzelnen staatlichen Programmen komplizierter. Wenn wir zum Beispiel ein Programm der Gesundheitsvorsorge für Schwangere fordern und es auch durchsetzen, können wir es nicht einfach dem Staat überlassen, Form, Inhalt und Anwendung zu bestimmen. Aber ebensowenig kann die Bewegung die volle Verantwortung dafür übernehmen. Das Kriterium, das wir uns zu eigen machen können, ist der Vorschlag für und die Aufsicht über solche Programme, aber ohne eine direkte Verantwortung für ihr Funktionieren zu übernehmen. Dort, wo die Linke die Gemeindeverwaltungen kontrolliert, sollte es das Ziel ihrer Programme sein, die Möglichkeiten der Selbstorganisation der Bewegung zu steigern, wie es mit den „Glas Milch"-Programmen in vielen Gemeindeverwaltungen in Peru geschah. Die einfache Durchführung solcher Programme ohne Selbstorganisation der Frauen sichert weder deren Zukunft noch stärkt sie die Frauenbewegung oder die langfristigen Ziele der Linken selbst.

c) Wegen des vorherrschenden Sexismus in den Massenbewegungen und ihren Führungen müssen in ihnen Mechanismen eingeführt werden, die den Raum der Frauen vergrößern und Diskussionen fördern - nicht nur über konkrete Aktionsziele und forderungen, sondern auch über Ursprung, Erscheinungsformen und Lösungen der Frauenunterdrückung: dies ist eine theoretische Diskussion.

31. Um es diesem Prozeß zu ermöglichen voranzuschreiten, muß der feministische Pol in den Frauenorganisationen und der Frauenbewegung gestärkt werden:

a) Stärkung und Neuzusammensetzung dieses Pols, um mehr Führerinnen der Massenbewegung darin einzubeziehen, so daß sie - gemeinsam mit den Frauen aus den autonomen Gruppen, den regierungsunabhängigen Organisationen, den politischen Parteien und der Jugend, die sich heute an diesem Kampf beteiligen wollen — eine wirkliche Vorhut der gesamten Frauenbewegung schmieden können.

b) Schaffung von mehr Möglichkeiten für politische und theoretische Diskussion in der Vorhut durch Konferenzen, Koordinationen für konkrete Kampagnen, Publikationen, Seminare usw.

c) Orientierung dieses Pols auf die Priorität der Verknüpfung mit der allgemeinen Frauenbewegung, denn so kann sie: * jede Gelegenheit nutzen, um vereinheitlichende geschlechtsspezifische Forderungen vorzuschlagen; * jede Gelegenheit nutzen, um die Frauenbewegung zu vereinheitlichen:

* die Kontinuität der Bewegung gewährleisten; * Reflexion und Theorieproduktion fördern - ein kollektives Gedächtnis der Bewegung; * unabhängige Alternativen zu den Vorschlägen der Bourgeoisie und des Staates entwickeln.

Wenn die klar feministischen Ausdrucksformen der Frauenbewegung geschwächt werden, so wird nach einiger Zeit auch die Organisation der Masse der Frauen dazu tendieren, brüchig zu werden.

32. Die Begründung für die Existenz unserer Organisationen ist es, ein nützliches Instrument für unsere Völker zu sein, sich selbst zu organisieren, ihr eigenes Projekt als eine Nation entsprechend ihren Interessen vorzuschlagen und durchzusetzen — gegen die Interessen der Bourgeoisie und des Imperialismus. Die Revolution und die neue sozialistische Gesellschaft, die wir schaffen wollen, kann nur das Werk aller hart arbeitenden Menschen sein, und aus diesem Grund hat unsere revolutionär-marxistische Strömung eine Konzeption von Feminismus, welche eine tiefgreifende Umgestaltung, den Sturz der herrschenden Ordnung, einschließt.

Aus diesem Grunde müssen wir die entschiedensten Förderer der Frauenbefreiungsbewegung und der Diskussion in der Massenbewegung und der Linken - speziell der revolutionären Linken - über die Frage der Notwendigkeit des Aufbaus dieser Bewegung und der Wege dorthin sein.

33. In nahezu allen Sektionen wird die Frauenarbeit reorganisiert, und wir formulieren unsere politischen Perspektiven für den Aufbau der Frauenbewegung neu.

Dies paßt in den allgemeinen Rahmen der Notwendigkeit, die Frage des Aufbaus unserer Organisationen mit größerer Effektivität anzugehen, und ist Teil dieser Aufgabe. Im einzelnen muß

Seite 30

die Reorganisierung in bezug auf die Frauenarbeit folgenden Problemen begegnen:

* In größerem oder kleinerem Ausmaß haben unsere Sektionen die zentrale Dynamik der Radikalisierung der Mehrheit der Frauen nicht verstanden, und sie müssen eine Wende hin zu den Massensektoren vornehmen, indem sie auf der Basis unmittelbarer Forderungen arbeiten.

* Die Tatsache, daß der Feminismus sich nicht im Massenmaßstab entwickelt, die fehlende Zentralisation der allgemeinen Frauenbewegung als einer politischen Bewegung und der sexistische Druck der ganzen Gesellschaft schaffen einen starken Gegendruck zu unserem Beharren auf konsequent feministischen Positionen.

unserer programmatisch-feministischen • reib hera vina chemine sehen Sishen die et von sind, und dies macht die Erarbeitung einer konkreten politischen Orientierung für die Bewegung schwierig.

* All dies bedeutet, daß die objektiven Schwierigkeiten, denen alle Genossinnen ausgesetzt sind, von den Leitungen nicht ausreichend berücksichtigt wurden, so daß es den Genossinnen und Genossen überlassen blieb, sich individuell damit auseinanderzusetzen.

* Folgerichtig wurden wenig Anstrengungen unternommen, Frauen in die Aufgaben der politischen Führung einzubeziehen. Natürlich unterscheiden sich die Möglichkeiten jeder Sektion, diese Situation zu lösen - nach ihrer sozialen Verankerung und Kaderakkumulation und dem Ausmaß der Fortschritte bei der Fortsetzung von S. S6 ist sicher: Der Kampf der Republiken um national-demokratische Rechte ist ein unerläßlicher Bestandteil davon. Es ist auch höchst wahrscheinlich, daß dieser Kampf mit unterschiedlicher Geschwindigkeit in den verschiedenen Republiken vorangehen wird. Sollten wir zu einer echten Massenbewegung für die Unabhängigkeit in einer Republik sagen: „Moment mal! Glaubt uns, wir sind für eine richtige sozialistische Föderation mit aufrichtiger Achtung vor den Rechten der Nationalitáten. Aber eure Forderung der Unabhängigkeit könnte zur Auflösung der Sowjetunion führen. "? Die Antwort darauf wird sicherlich lauten: Die russifizierte Regierung respektiert die Rechte der Nationalitäten nicht. Wir können eure politische Revolution nicht abwarten. Wir wollen die Unabhängigkeit jetzt."

Unter den Rechten der Nationalitäten muß das Recht, aus der Union auszutreten, auch vorhanden sein. Sonst sind es keine Rechte im wahren Sinn. Und wenn es sich um eine echte Massenbewegung handelt, die im Kampf verlangt, das Recht auf Austritt wahrzunchmen, ist es die Aufgabe der Marxisten, diese Bewegung ganz abgeschen von dem klassenpolitischen Charakter ihrer Führung zu unterstützen und für die Führung dieser Bewegung zu kämpfen. Dies wäre auch der Fall, wenn die Bewegung unter der Führung von Kräften wäre, die die Restauration des Kapitalismus als Ziel hätten, die Integration in die EG suchten und die volle Unterstützung des Imperialismus hätten. Anders zu handeln bedeutet, die nationale Bewegung an eine Führung auszuliefern, die die Interessen der Arbeiterklasse nicht verteidigt, und eine vollständige Verdrängung und Isolation zu riskieren in einer Situation, wo die Mehrheit der Arbeiter die ungelöste Nationalitätenfrage als die Streitfrage schlechthin betrachtet. Unter solchen Umständen bleibt den sozialistischen Kräften nichts anderes übrig, als die Führung im Kampf um die Unabhängigkeit zu übernehmen, d.h. Unabhängigkeit vom großrussischen Chauvinismus und vom Imperialismus, um der Gefahr der Restauration direkt zu begegnen. Nur eine sozialistische Republik Bildung einer Führungsgruppe.

34. Unsere allgemeine Aufgabe muß es sein, konkrete politische Strategien zu erarbeiten und sie im Kampf selbst zu verankern. Aber dafür müssen wir:

a) die Genossinnen und Genossen in unserer feministischen programmatischen Sichtweise erziehen; b) unsere theoretischen Positionen in den zentralen Diskussionen eines jeden Landes klären, um mit der größten Klarheit eingreifen zu können; c) angemessene organisatorische Formen entwickeln, um so: * Effizienz sicherzustellen und die Genossinnen und Genossen, die die Frauenarbeit tragen, nicht mit Aufgaben zu überlasten, * sicherzustellen, daß die ganze Partei und an erster Stelle alle Genossinnen an der Ausarbeitung der politischen Orientierung der Frauenarbeit teilnehmen, d) die Hindernisse, mit denen Genossinnen konfrontiert sind, im Rahmen unserer Möglichkeiten ausgleichen:

* den Genossinnen, die Mütter sind, muß die Teilnahme erleichtert werden; * besondere Schulungsprogramme für Genossinnen; * bewußte Ermutigung von Frauen, Aufgaben zu übernehmen, insbesondere mit dem Ziel, ein entsprechendes Verhältnis zwischen der Zahl der Frauen in den Leitungskörpern und in der Mitgliedschaft zu erreichen, was bei Wahlen die Verwendung eines Systems von Mindestzahlen oder Quoten bedeutet. ist in der Lage, vollständige Unabhängigkeit und national-demokratische Rechte zu garantieren.

Das andere Argument betont, daß der Austritt nur eine Variante der Selbstbestimmung und auch die am wenigsten begehrenswerte ist. Ja und nein. Ja, man kann die Selbsbestimmung nicht auf totale Unabhängigkeit reduzieren. Aber nein, es ist nicht immer der Fall, daß der Austritt die am wenigsten begehrenswerte Option ist. Die Entscheidung hängt von der Beurteilung der Situation in jedem einzelnen Fall ab. Die Hauptforderung der national-demokratischen Bewegung in einigen Republiken zielen auf Maßnahmen, die nicht bis zur Trennung hin gehen. In den baltischen Republiken ist dies aber nicht der Fall. Es ist eindeutig, daß die Rolle der Marxisten unter solchen Umständen ist, die Bewegung für die konkreten demokratischen Forderungen, die sie im Augenblick vorantreiben, zu unterstützen und aufzubauen. Aber dort. wo die Dynamik auf eine uneingeschränkte nationale Bewegung hinausläuft, ist unser Platz vorn im ersten Rang der Kämpfer für die Unabhängigkeit.

Die Verteidigung der national-demokratischen Rechte bedeutet nicht, die Ideologie des Nationalismus zu unserer eigenen zu machen. Sozialisten müssen die nationalistische Ideologie in den nichtrussischen Republiken (und natürlich auch in der Russischen Föderation) energisch bekämpfen. Die nationalistische Ideologie wurde z.B. von den Aserbaidshanern benützt, um Pogrome und die reaktionäre Blockade der Gleisverbindungen zu Armenien zu rechtfertigen. Die bürokratischen Bosse in einigen Republiken haben den Nationalismus auch benützt, um ihre eigene Position gegenüber der Massenbewegung für politische Veränderungen zu stärken. Die allgemeine Strategie der revolutionären Marxisten muß auf der Verteidigung der national-demokratischen Rechte basieren, wobei versucht wird, alle Kämpfe der Arbeiterklasse auf einer Allunionsbasis zu vereinigen. In der Tat, die Sicherung echter national-demokratischer Rechte ist eine Voraussetzung der wahren Einheit der Arbeiterklasse.