Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Zu Trotzkis Analyse des Faschismus

· Inprekorr Nr. 230, Sondernummer, August/September 1990 · S. 17-21 · 4.264 Wörter

Faschismus und Rassismus Trotzki und Geschichte IV. Internationale Frankreich

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Zu Trotzkis Analyse des Faschismus* ERNEST MANDEL er Stalinismus als Sieg der politischen Konterrevolution sich bedeutende Teile der Mittelklasse und andere oben er- Bin Rußland war im wesentlichen das Ergebnis einer Teil- wähnte soziale Schichten - menschlicher Treibsand, wie niederlage der Weltrevolution in der Zeit von 1918 bis Trotzki sie treffend bezeichnete - zu einer mächtigen Massen- 1923. Diese Niederlage lastete als schwere Bürde auf den gro- bewegung verschmelzen, die, hypnotisiert von einem charisma- Ben Klassenkämpfen von 1923 bis 1940 und beeinflußte deren tischen Führer und von Teilen der Bourgeoisie und deren Staats- Ausgang. In großen Teilen der Welt war die Bilanz dieser apparat bewaffnet, als Rammbock dienen könnte, um die Arbei- Kämpfe vernichtend. Der Faschismus oder Militärdiktaturen terbewegung durch Einschüchterung und blutigen Terror zu zergleichen Typs wurden fast in der ganzen nördlichen Hemisphäre errichtet, mit der entscheidenden Ausnahme der USA, Kanadas, Das würde den Weg frei machen für eine kurzfristige kapitali- Großbritanniens und Mexikos. Die Ermordung Trotzkis im stische „Lösung" der großen Krise der bürgerlichen Gesell- August 1940 in Mexiko durch einen Agenten der GPU war sym- schaft, eine auf der Überausbeutung der Arbeiterklasse berubolischer Ausdruck einer reaktionären Entwicklung globalen hende Lösung, die sich mit dem Aufstieg der Arbeiterbewegung Ausmaßes, die in der Barbarei des Zweiten Weltkriegs ihren als unmöglich erwiesen hatte. Aber auf lange Sicht könne in ci- Höhepunkt fand nem einzelnen Land ein Zustand stabiler kapitalistischer Ver- Der Faschismus als Sieg der politischen Konterrevolution in hältnisse mit solchen Mitteln nicht wiederhergestellt werden. den imperialistischen Ländern war für das zeitgenössische ge- Sobald die Arbeiterklasse niedergeschlagen und eine durch sellschaftspolitische Denken - einschließlich des marxistischen Gewalt zusammengehaltene bürgerliche Gesellschaft etabliert - ebenso schwierig in eine Konzeption einzuordnen wie der ist, werde der Faschismus seine terroristische Dynamik nach Stalinismus. Und wieder einmal hat Trotzki seine Zeitgenossen außen wenden und versuchen, neue Kolonien zu erobern, ganze bei der Erklärung dieses Phänomens um Haupteslänge überragt. Völker in die Sklaverei zu führen, seine imperialistischen Kon- Kein anderer Denker hat die Natur des Faschismus so klar erfaßt kurrenten zu unterwerfen, die Sowjetunion zu zerschlagen und und die Gefahr, die er für die Arbeiterklasse und für die die Weltherrschaft zu erringen.

menschliche Zivilisation darstellte, so klar erkannt. Niemand Diese tiefschürfende Analyse des Faschismus vereint und außer ihm hat die Arbeiterklasse beizeiten so klar gewarnt und kombiniert verschiedene analytische Elemente. Jedes dieser darauf hingewiesen, daß es notwendig sei, sich gegen diese Ge- Elemente bewahrt sich eine relative Autonomie, die den besonfahr zu stemmen, wobei er zugleich die für diesen Widerstand deren Aspekten der politischen und gesellschaftlichen Wirklichgebotene Taktik vorschlug. Man kann ohne Übertreibung sagen, keit der imperialistischen Länder in der Zeit tiefgehender soziodaß es vielleicht mit Ausnahme von Marx' Die Klassenkämpfe ökonomischer Krisen entspricht. Dabei wird ihre Kombination in Frankreich 1848 bis 1850 [1850] und Der achtzehnte Bru- - im Unterschied zu einem einfachen Aneinanderreihen - zu maire des Louis Bonaparte [1852] keine marxistische Analyse einem Instrument, dessen Anwendung es ermöglicht, die Totalizeitgenössischer politischer Fragen gibt, die hinsichtlich Tiefe tät des Phänomens - Aufstieg des Faschismus - zu verstehen. und Klarheit mit Trotzkis Schriften über das Deutschland von Die faschistische Ideologie und faschistische (oder faschi- 1929 bis 1933 verglichen werden könnte. stoide) politische Gruppierungen haben sich unabhängig von Bei seinem Herangehen an das Phänomen des Faschismus unmittelbaren Bedürfnissen der kapitalistischen Klasse von dem kam Trotzki einmal mehr sein tiefes Verständnis des Gesetzes Zeitpunkt an entwickelt, wo die von der Macht der kapitalistider ungleichen und kombinierten Entwicklung zu Hilfe, die auf schen Monopole und der Macht der Gewerkschaften erdrückten die Klassengesellschaft angewandte Synthese der materialisti- Mittelklassen der Verbitterung und der Hoffnungslosigkeit anschen Dialektik. Wie einige andere marxistische Autoren (z.B. heimgefallen waren. (Die relative Unabhängigkeit ihrer Ideolo- Ernst Bloch und Kurt Tucholsky) hat Trotzki die partielle Un- gie ist eine andere Sache. Der Rassismus ist in der für die kologleichläufigkeit der sozioökonomischen und ideologischen For- nialimperialistische Epoche typischen bürgerlichen Ideologie men verstanden, d.h. die Tatsache, daß sehr starke Ideen, Ge- tief verwurzelt, wenngleich er mit Resten vorbürgerlicher Vorfühle und irrationale Vorstellungen vorkapitalistischer Epochen stellungen vermischt ist.) Während einer gewissen Anfangsphain großen Teilen der bürgerlichen Gesellschaft fortbestehen (vor se gibt es mehrere solcher Gruppierungen, so daß es zwischen allem in der von der Verarmung bedrohten Mittelklasse, aber den rivalisierenden „Führer"*-Kandidaten zu heftigen Auseinanauch zum Teil in den Reihen des Bürgertums, der deklassierten dersetzungen kommt. Nur eine bestimmte Kombination von Intellektuellen und sogar innerhalb gewisser Schichten der Ar- Umständen kann das Monopolkapital dazu veranlassen, den beiterklasse). Besser als irgendein anderer hat er folgende ge- Faschismus tatsächlich großzügig zu unterstützen. Diese Umsellschaftliche und politische Schlußfolgerungen gezogen: Unter stände sind bei einer Vertiefung der wirtschaftlichen Krise gegeden Bedingungen des wachsenden Drucks der zunehmend un- ben, wenn das Großkapital ein zwingendes Bedürfnis hat, weüberwindlichen sozioökonomischen Klassengegensätze könnten sentliche Elemente der bürgerlichen Demokratie preiszugeben,

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wenn das objektive Bedürfnis größerer Konzentration der politischen Macht besteht, um eine gewisse Anzahl von drängenden wirtschaftlichen Zielen zu erreichen, und wenn für mindest einen der Diktator-Kandidaten ein gewisses Maß an öffentlicher Unterstützung vorhanden ist.

Vom Standpunkt der allgemeinen, langfristigen Interessen der kapitalistischen Klasse und der relativen Stabilität der bürgerlichen Gesellschaft ist das bürgerlich-parlamentarische Regime jeder Form von Diktatur vorzuziehen, von der faschistischen gar nicht zu reden. Die Vorherrschaft der bürgerlichen Klasse beruht auf einer spezifischen Verquickung von Repressions- und Integrationsmechanismen. Je geringer das Gewicht der letzteren ist, desto größer ist auf lange Sicht die gesellschaftliche Instabilität. Der Faschismus und andere extreme Formen der bürgerlichen Diktatur stellen einen dauernden Belagerungszustand oder sogar eine Situation permanenten Bürgerkriegs dar (eine besondere Form des Bürgerkriegs allerdings, in dem das eine Lager dauernd entwaffnet und der Macht des anderen Lagers ausgeliefert ist). Diese Regierungsformen sind für das Bürgertum viel gefährlicher, denn sie tendieren dahin, die sozialen Spannungen zu erhöhen und in einer Zeit verschärfter Krisen zu einem explosiven Punkt zu treiben, ohne daß es irgendwelche Mechanismen der Klassenversöhnung gibt.

In der Tat fanden bis jetzt alle siegreichen sozialistischen Revolutionen in Ländern statt, wo ein diktatorisches Regime dieser oder jener Art während längerer Zeit existiert hatte (der Zarismus; im besetzten Jugoslawien nach einer monarchistischen Diktatur eine faschistische; die Diktatur Chiang Kai-sheks; die Diktatur von Batista: von Bao-Dai, von Diem und Thieu in Südvietnam usw.).

Der objektive Widerspruch vom Standpunkt der bürgerlichen Klasseninteressen besteht jedoch in der Tatsache, daß, während der langfristige soziale und politische Preis der repressiven Diktaturen hoch und gefährlich ist', der ökonomische Preis für die bürgerliche Demokratie auf kürzere oder mittlere Frist unter gewissen Umständen zu hoch werden kann. In den industriell entwickelten Ländern schließt die bürgerliche Demokratie eine entwickelte Arbeiterbewegung (in erster Linie gewerkschaftlich organisierter Massen) ein. Das hat zur Folge, daß die Ware Arbeitskraft nicht individuell, sondern kollektiv verkauft wird. Unter solchen Bedingungen ist der Preis dieser Ware viel höher als dort, wo die Arbeiterklasse atomisiert ist. Zu diesem höheren Preis kommen noch weitere Kosten für das Kapital, wie sogenannte Sozialausgaben, die den Mehrwertanteil am Nettoprodukt vermindern. Wenn die Gesamtheit des produzierten Neuwertes stagniert oder gar zu fallen beginnt als Folge einer ungünstigen Veränderung der innerimperialistischen Konkurrenzverhältnisse nach einem verlorenen Krieg, wegen einer ernsten Wirtschaftskrise oder infolge einer Kombination all dieser Faktoren, dann kann die materielle Möglichkeit, diesen Preis zu zahlen, schwinden. Das Bürgertum hat keine andere Wahl, als zu versuchen, sich der bürgerlichen Demokratie zu entledigen. Wir fügen hinzu, daß die Klasse der Kapitalisten oft, wenn nicht immer, in dieser Frage geteilter Meinung ist. Man kann die These aufstellen, daß jene Sektoren, die direkt für den Massenkonsum produzieren, zurückhaltender sind, wenn es darum geht, eine offene Wendung zur Finanzierung und Unterstützung einer faschistischen Machtergreifung zu vollziehen, während die Groß- und Schwerindustrie, die Produktions- und Rüstungsgüter herstellt, aus naheliegenden Gründen cher geneigt ist, eine solche Unterstützung ins Auge zu fassen.?

Wir sagten, das Bürgertum könnte versuchen, sich der bürgerlichen Demokratie zu entledigen. Aber die Errichtung eines faschistischen Regimes hängt nicht nur davon ab, was innerhalb des Kleinbürgertums und innerhalb der kapitalistischen Klasse vor sich geht bzw. von der Art und Weise, wie diese Dinge zwischen ihnen geregelt werden. Sie hängt weitgehend auch davon ab, was im Lager der Arbeiterklasse geschicht, d.h. von der Reaktion der organisierten Arbeiterbewegung.

Im Gegensatz zu dem „menschlichen Treibsand", den gewisse Führer-Kandidaten in nicht zu unterschätzenden Mengen auf ihre Seite bringen können, verfügt die moderne Arbeiterklasse aller industriell entwickelten Länder über ein enormes Potential gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Macht. Alle schöpferischen und produktiven Funktionen der Gesellschaft sind bei ihr direkt oder bei immer enger mit ihr verbundenen sozialen Schichten konzentriert. In den meisten dieser Länder waren die kulturellen und politischen Massenorganisationen der Arbeiterklasse sehr aktiv, teils bis Ende der zwanziger oder anfangs der dreißiger Jahre. Sie vereinten Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Menschen, die fahig waren, mit Enthusiasmus und Hingabe für die gemeinsamen Interessen der Klasse zu kämpfen. Und in all diesen Ländern gab es eine große und mächtige Gewerkschaftsbewegung, die imstande war, die kapitalistische Wirtschaft zu blockieren, und die potentielle Kraft besaß, den kapitalistischen Staat selbst zu paralysieren.

Um einen solch starken Gegner anzugreifen, müssen die bewußten führenden Schichten der Bourgeoisie nicht nur in einer aus oben angeführten Gründen ausweglosen Lage sein, sondern sie müssen auch die Überzeugung haben, daß sie zumindest eine Chance haben, am Ende nicht Kopf und Kragen zu verlieren als Resultat der gewaltigen Kraftprobe, ohne die die Zerstörung der bürgerlichen Demokratie unmöglich erscheint. Jeder Irrtum bei diesen Überlegungen, jede Fehleinschätzung des Kräfteverhältnisses, würde für die kapitalistische Klasse verheerende Folgen haben. Sie könnten vom individuellen wie vom gesellschaftlichen Standpunkt einem Selbstmord gleichkommen. Barcelona Madrid, Valencia und Málaga lieferten im Juli 1936 diesbezüglich ein Lehrbeispiel.3

In einer Zeit zunehmender faschistischer Gefahr, aber noch vor der Machtergreifung widmen die bedeutendsten Köpfe des Großbürgertums allen Vorgängen innerhalb der Arbeiterklasse und in der organisierten Arbeiterbewegung, die mit der faschistischen Gefahr in Zusammenhang stehen, die größte Aufmerksamkeit. Tatsächlich kommt ihre Analyse der im Gang befindlichen Veränderung des Kräfteverhältnisses jener der revolutionăren Marxisten aus gleichlaufenden, wenn auch entgegengesetzten Gründen recht nahe.

des Anzeichen von gemeinsamem und starkem Widerstanc as im Lager der Arbeiterklasse sichtbar wird, jeder Hinwe auf eine entschiedene Orientierung auf massenhafte bewaffnete Selbstverteidigung, jedes Zeichen wachsender Kampfbereitschaft und entschlossenen Willens, sich der faschistischen Bestie um jeden Preis zu erwehren, vermehrt das Zögern und die Zweifel des Großkapitals, ob es der Weisheit letzter Schluß sei, eine

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Politik der entscheidenden Kraftprobe zu verfolgen. Umgekehrt jede Entwicklung zur Spaltung, zur Passivität oder Resignation der Arbeiterbewegung, jeder bedeutende taktische Erfolg der Faschisten, der nicht auf entschiedenen Widerstand gestoßen ist oder keinen Gegenangriff auslöst, jedes Anzeichen dafür, daß die Führer der Massenorganisationen trotz ihrer Phraseologie am Ende vor dem Faschismus kapitulieren und die Massen nicht imstande sein werden, eine spontane Gegenoffensive gegen den faschistischen Angriff zu führen, all diese Symptome werden das Großkapital zu der Überzeugung gelangen lassen, daß der Preis für den Wechsel des Regimes geringer ist, als es befürchtet hatte. Solche Anzeichen der Schwäche beschleunigen den Prozeß der Machtergreifung durch den Faschismus, weil sie zeigen, daß der Bürgerkrieg eine einseitige Sache und die Niederlage der Arbeiterklasse schwer und dauerhaft sein wird.* Von daher ergibt sich die absolute Notwendigkeit, sich der Entfaltung des Faschismus von Anbeginn an gemeinsam, entschlossen und energisch entgegenzustellen durch den Kampf zur Verteidigung der freien Organisationen der Arbeiterklasse (dieser „Keimzellen der proletarischen Demokratie innerhalb der bürgerlichen Demokratie", wie Trotzki sie zu Recht nannte), des Streikrechts und aller anderen grundlegenden demokratischen Freiheiten, ohne die die Arbeiterklasse für eine ganz historische Zeitspanne entscheidend geschwächt sein (und bedeutsame wirtschaftliche Nachteile erleiden) würde. Eine einheitliche, entschlossene und energische Antwort löst eine Kettenreaktion aus, die das gesamte politische Klima des Landes verändert. Es läßt beim Kleinbürgertum Zweifel über die realen Siegesaussichten der Faschisten aufkommen, schwächt somit deren Massenbasis und verbessert die Chance, nicht unerhebliche Teile der Mittelklassen zu neutralisieren, wenn nicht gar für die Sache der Arbeiterbewegung und des Sozialismus zu gewinnen. Um das zu erreichen, muß man allerdings ein korrektes, auf diese gesellschaftlichen Sektoren ausgerichtetes Programm entwickeln. Das Kleinbürgertum muß das Gefühl haben, daß es der Arbeiterklasse ernst ist mit ihrem Entschluß, gegen die faschistische Lösung des Problems der politischen Macht eine Alternative zu bieten.

Die Kapitalisten werden durch traurige Erfahrungen erkennen, daß das in die faschistischen Banden investierte Kapital eine zumindest ungewisse Rendite hat, daß es eventuell ganz verloren ist und weitere schwere Verluste auf diesem Gebiet nachfolgen werden. Folglich werden sie eine „zurückhaltende Taktik" anwenden, und ihr Wille, die Faschisten zu unterstützen, tritt in den Hintergrund und ist nicht länger Hauptelement ihrer politischen Orientierung.

• Was die Arbeiterklasse betrifft, so wird jeder taktische Erfolg im Kampf gegen die Faschisten die Einheit in ihren Reihen festigen, ihre Kampfbereitschaft und ihre Entschlossenheit stärken. Ihr Vertrauen in ihr eigenes Schicksal und in eine sozialistische Alternativlösung der gesellschaftlichen Krise, die das Land erschüttert, wird weiter wachsen. Auf diese Weise wird der Boden bereitet für eine mächtige soziale und politische Gegenoffensive, die die sozialistische Revolution sehr rasch auf die Tagesordnung setzen kann.

All diese Chancen und Möglichkeiten hängen von der Einheit und Unabhängigkeit der Arbeiterklasse ab. Wenn die Klasse politisch gespalten bleibt, wenn die Sozialdemokraten und Kommunisten (Stalinisten) sich gegenseitig bekämpfen, anstatt ihre Reihen im Kampf gegen den Faschismus zu schließen, wenn die Kommunisten (Stalinisten) glauben, daß sie erst die Sozialdemokraten schlagen müssen, bevor sie sich mit Erfolg gegen die Faschisten wenden, wenn die Sozialdemokraten meinen, daß es unmöglich sei, die „faschistische Gewalt" zu neutralisieren, solange sich die „kommunistische Gewalt" entwickelt, wenn also der einheitliche Einsatz der Klasse in diesem historischen Kampf im Namen abstrakter und sektiererischer Prinzipien" versäumt wird, wird die Chance immer geringer, einen angemessenen, entschiedenen und siegreichen Widerstand gegen den wachsenden faschistischen Terror (der vom bürgerlichen Staatsapparat ermutigt und immer mehr vom Großkapital unterstützt wird) zu leisten. Man wird im Gegenteil erleben, wie eine Kettenreaktion von Zaudern, Desorientierung und Demoralisierung schließlich in die Niederlage führt. So geschehen in Deutschland trotz der zahlreichen Warnungen Trotzkis, die auch über die trotzkistischen Kreise hinaus ein Echo in anderen oppositionellen kommunistischen Strömungen fanden, wie in der KPO unter Führung von Brandler und Thalheimer, sowie in der SAP, einer linken Abspaltung der SPD.

Die deutsche Katastrophe - die kampflose Kapitulation der größten Arbeitermassenorganisationen der Welt - war ein schwerer Schlag gegen das Selbstvertrauen und das Klassenbewußtsein der deutschen und internationalen Arbeiterklasse. Die negativen Auswirkungen dieser Niederlage waren viel schlimmer als die unmittelbaren wirtschaftlichen und politischen Folgen: Die Menschheit mußte einen schrecklichen Preis bezahlen für den Irrsinn eines Otto Wels und eines Stalin (Thälmann war in diesem Falle nur ein unglückseliges Werkzeug Stalins). Sie weigerten sich, eine von der Spitze bis zur Basis reichende militante und bewaffnete Einheitsfront der deutschen Arbeiterbewegung zu schaffen, obwohl dies sogar nach dem 30. Januar 1933 noch absolut möglich und von großer Wirkung gewesen wäre.' Niemals zuvor wurde die entscheidende Rolle der Führung und verräterischer Führungen - im Klassenkampf, des berühmten „subjektiven Faktors" in der Geschichte, für Marxisten klarer demonstriert als von 1919 bis 1933 in Deutschland. Aber die politische Unabhängigkeit der Klasse ist eine ebenso wichtige Bedingung für einen siegreichen Widerstand gegen den Faschismus wie die Arbeitereinheitsfront. Während im Falle Deutschlands die verheerenden Folgen der Spaltung im Vordergrund stehen, treten im Falle Frankreichs und Spaniens in den Jahren 1934 bis 1938 die Folgen der fehlenden politischen Unabhängigkeit der Klasse krasser zutage. Trotzki hat auch diese Erfahrungen einer ins einzelne gehenden Analyse unterzogen. Die gegen die Nazis erlittene Niederlage der deutschen Arbeiterklasse, die schändliche kampflose Kapitulation der sozialdemokratischen, stalinistischen und gewerkschaftlichen Führungen übte eine traumatische Wirkung auf die internationale Arbeiterbewegung aus. Trotzki hatte das richtig vorausgesehen, und seit dem Frühjahr 1933 versuchte er verzweifelt, seine kleine Gruppe von Anhängern in diese Entwicklung einzuschal- Das erste Ergebnis dieses Schocks war ein unwiderstehlicher Drang nach der Schaffung einer Einheitsfront aller Arbeiterorganisationen gegen die faschistische Gefahr oder jede andere

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Form einer reaktionären Diktatur. Die von der Rechten vorgetragene Offensive vom 6. Februar 1934 in Frankreich hat in der Tat zur Bildung einer Einheitsfront der sozialdemokratischen und Kommunistischen Partei geführt, die für die Dauer von mindestens drei Jahren das Kräfteverhältnis und die Dynamik der französischen Gesellschaft total umgekehrt hat. Die Kraft der Arbeiterklasse hatte sich sprunghaft erhöht. Schließlich führten der Generalstreik vom Juni 1936 und die Fabrikbesetzungen Frankreich an die Schwelle einer sozialistischen Revolution.

In Spanien hatte die reaktionäre Offensive von 1934, die ein rechtes, sich auf den Klerus und halbfaschistische Kräfte stützendes Regime in den Sattel hob, einen mächtigen einheitlichen Gegenschlag der Arbeiterklasse ausgelöst. Er fand zunächst seinen Ausdruck in der gescheiterten Erhebung vom Oktober 1934 mit nachfolgendem ununterbrochenem Ansteigen der Massenkämpfe in der ersten Jahreshälfte 1936. Er erreichte schließlich seinen Höhepunkt mit dem Beginn der sozialistischen Revolution, die in fast allen großen Städten und in wichtigen Teilen des Landes als Antwort auf den militärisch-faschistischen Staatsstreich vom Juli 1936 ausbrach.

Aber sowohl in Frankreich wie in Spanien wurde das enorme Potential dieses einheitlichen Vorstoßes der Arbeiterklasse in Kanäle abgeleitet, die mit der Aufrechterhaltung des Privateigentums und des bürgerlichen Staates durchaus zu vereinbaren waren. Es handelte sich hier in der Tat um eine von den sozialdemokratischen, stalinistischen und gewerkschaftlichen Bürokraten (und in Spanien von bedeutenden Führern der starken anarchistischen Bewegung) bewußt verfolgte Politik der Klassenzusammenarbeit.

Ab 1935 hatte die Kommunistische Internationale unter der Führung Stalins die alte menschewistisch-sozialdemokratische Strategie des kleineren Übels aufgegriffen, die Politik des Blocks mit dem „liberalen" gegen das „reaktionäre" Bürgertum. Diese sogenannte Volksfrontpolitik, die mit einer tiefgehenden strukturellen Krise der kapitalistischen Wirtschaft und der gesamten bürgerlichen Demokratie einherging - einer Krise, die durch keinerlei Reformen gemildert werden konnte -, hatte nicht nur zur Folge, daß eine weitere historische Chance der Machteroberung durch die Arbeiter verlorenging. Diesmal trugen die Stalinisten die Schuld, wie 1918-23 die Sozialdemokraten (die gleiche Erfahrung wiederholte sich ein drittes Mal 1944-48 in Frankreich, in Italien und in Griechenland, und die Kommunistischen Parteien sind dabei, eine weitere Wiederholung in Südwesteuropa vorzubereiten). Die Politik der Volksfront bedeutet auch, daß der Zusammenbruch der Arbeiterbewegung unter den Schlägen der Reaktion und des Faschismus nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben war. In Spanien hatten die Faschisten den Bürgerkrieg erfolgreich fortführen können, nachdem Stalinisten und Reformisten die soziale Revolution im republikanischen Lager erstickt hatten. In Frankreich hatte die enorme Kraftentfaltung der Arbeiterklasse sich zersetzt durch die Kapitulation der aufeinanderfolgenden Volksfrontregierungen vor dem Großkapital und durch die dadurch verursachte Enttäuschung und Entmutigung der Arbeiter. Kaum zwei Jahre nach dem grandiosen Generalstreik vom Juni 1936 kam es zu der Niederlage des Generalstreiks von 1938, zur Unterdrückung der von den Arbeitern errungenen Freiheiten, zur Illegalisierung der Kommunistischen Partei, zur Paralysierung der Gewerkschaften und zur schändlichen Selbstliquidierung der IV. Republik, als das senile bonapartistische Regime des Marschalls Pétain ohne jede Reaktion der Arbeiter an die Macht kam.

Es ist kein Zufall, daß die vor Hitlers Machtergreifung geübte scharfe Kritik Trotzkis an der Spaltungspolitik der Sozialdemokraten und Stalinisten heute in breitesten Kreisen Zustimmung und Bewunderung findet. ® Dagegen stoßen seine nicht weniger überzeugenden Darlegungen der verheerenden Folgen der Volksfront vielfach auf Unverständnis und werden von den meisten Historikern und Kritikern, seien sie Trotzki freundlich oder feindlich gesonnen, bestritten.? Denn der Faschismus stellt eine physische Gefahr nicht nur für das Uberleben von revolutionären Organisationen dar, sondern auch für die gemäßigtesten sozialdemokratischen Organisationen. Er wird nicht nur von der Vorhut der Arbeiterklasse, sondern auch von einem großen Teil der kleinbürgerlichen Intelligenz und von der gesamten Arbeiterbürokratie als barbarische Bedrohung angesehen. Dies ist ja gerade die materielle Grundlage einer Einheitsfrontpolitik von der Spitze bis zur Basis.

Die Volksfront dagegen ist nichts anderes als eine Variante der Politik der Klassenversöhnung und Klassenzusammenarbeit, wie sie von den reformistischen Führern und von der Arbeiterbürokratie seit Beginn dieses Jahrhunderts betrieben wird. Sie hat auch allgemein die Zustimmung der meisten linken Intellektuellen gefunden. Für sie würde die Anerkennung der von Trotzki geübten Kritik nicht nur bedeuten, daß sie ihrer eigenen Vergangenheit und Tradition abschwören müßten, sondern in vielen Fällen auch, daß sie sich direkt gegen ihre eigenen materiellen Interessen wenden würden.

Wie dem auch sei, für die Marxisten und für die fortgeschrittenen Arbeiter ist es heute entscheidend zu verstehen, daß ein logischer Zusammenhang zwischen Trotzkis Kampf für die Einheitsfront in Deutschland 1929-33 und seinem Kampf gegen die Volksfront in Frankreich und Spanien 1935-38 besteht. Der Aufstieg des Faschismus zu einer unmittelbaren Gefahr für die organisierte Arbeiterbewegung fällt zeitlich mit einer tiefgehenden strukturellen Krise der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie zusammen, die mit einer schweren strukturellen Krise der kapitalistischen Wirtschaft und der bürgerlichen Gesellschaft in ihrer Gesamtheit verbunden ist. Wer unter solchen Umständen den Widerstand gegen die faschistische Gefahr um jeden Preis mit der Verteidigung der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie verbindet, setzt alles auf das Überleben von Institutionen, die sich bereits im Todeskampf befinden. Wiewohl es richtig ist, alle politischen und wirtschaftlichen Errungenschaften der Arbeiterklasse, einschließlich des allgemeinen Wahlrechts, gegen die Reaktion zu verteidigen, ist es selbstmörderisch, das Ziel dieser Verteidigung im engen Rahmen der in Zersetzung begriffenen Institutionen des bürgerlich-demokratischen Staates zu halten.

Wenn die in der siegreichen Verteidigung der Arbeiterorganisationen und der demokratischen Freiheiten zusammengefaßte Kraft nicht als Katapult für eine revolutionäre, sozialistische Lösung der Krise der bürgerlichen Demokratie und Gesellschaft genutzt wird, dann wird diese Kraft rasch schwinden und sich zersetzen. Nach einem zeitweiligen Rückzug wird die faschisti-

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sche oder halbfaschistische Reaktion eine neue Offensive gegen die wegen des Ausbleibens positiver Ergebnisse ihrer gewaltigen kämpferischen Anstrengungen entmutigte Arbeiterklasse beginnen. Es gibt keine Zukunft für die bürgerliche Demokratie in Situationen schwerster Krise des Kapitalismus, die die Kapitalverwertung an den Rand der Paralyse bringt. Sie wird entweder durch die proletarische Demokratie ersetzt oder unter einer Diktatur von rechts zusammenbrechen. Die Weigerung, diese Lehre zu beherzigen, hat in Spanien (und später in Chile) zu Niederlagen geführt, die nicht minder tragisch, blutig und dauerhaft waren als jene, die in Italien und Deutschland durch die Spaltung der Arbeiterklasse verursacht wurden.

* Redaktionelle Überschrift. Es handelt sich um das achte Kapitel („Der Faschismus"*) aus: E. Mandel, Trotsky. A Study in the Dynamic of His Thought, London 1979, hier wiedergegeben nach der deutschen Übersetzung: Leo Trotzki. Eine Einführung in sein Denken, Berlin 1981, S. 102-115.

Anmerkungen:

' [Die Worte während der langfristige soziale und politische Preis der repressiven Diktaturen hoch und gefährlich ist" werden hier nach der französischen Übersetzung (Trotsky, Paris 1980, S.11I) eingefügt, sie fehlen in der deutschen Ausgabe.] : Diese These wird im einzelnen verteidigt von Daniel Guérin, Fascisme et grand capital, Paris 1969.

› Die spanische Bourgeoisie war einem großen Irrtum erlegen, als sie im Jahre 1936 glaubte, es handle sich bei dem militärisch-faschistischen Staatsstreich um einen Spaziergang. Die Folge war, daß sie im größten Teil des Landes im Laufe weniger Tage beinahe die Macht verloren hätte.

• Es ist interessant festzuhalten, daß die Reichswehr eine abwartende Haltung einnahm, um zu sehen, welche Reaktion die im Januar 1933 organisierte Provokation der SA vor dem Berliner Parteilokal der KPD bei der KPD auslöste, bevor sie schließlich grünes Licht für die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler gab.

Bei einem nach seinem erfolgreichen Staatsstreich gegebenen Interview sagte General Pinochet, er habe nicht geglaubt, daß der Sturz der Regierung Allende keinerlei Risiko in sich berge. Diese Meinung habe er sich erst zu eigen gemacht, nachdem er die passive Haltung der Arbeitermassenorganisationen anläßlich des ersten fehlgeschlagenen Putsches, des sogenannten Tankazo, untersucht hatte.

s Zahlreiche Belege für den großen Widerstandswillen der sozialdemokratischen Arbeiter und für ihren Willen zur Einheitsfront mit der KPD finden sich u.a. in E. Matthias/R. Morsey (Hg.), Das Ende der Parteien 1933, Düsseldorf 1979, S. 151-165.

• Nicos Poulantzas (Faschismus und Diktatur, München 1973) kritisiert die Faschismus-Theorie von Trotzki in zwei Punkten. Erstens: Indem Trotzki den Faschismus als einen Staat des „Bürgerkriegs" charakterisiere, sei er dem gleichen Irrtum unterlegen wie die Komintern, die im Faschismus eine Antwort auf eine Offensive einer „aufständischen" Arbeiterklasse sah. Es ist offensichtlich. daß es sich hier um eine Entstellung der Position Trotzkis handelt. Er betrachtete den Faschismus als einen „einseitigen Bürgerkrieg", d.h. als eine Offensive des Bürgertums, um die tatsächlich in der Defensive befindliche Arbeiterklasse niederzuschlagen. In seinem Eifer, den „Ökonomismus" zu bekämpfen, versteht Poulantzas nicht den ökonomischen Zwang, der unter den gegebenen Bedingungen schwerster Gefährdung der Kapitalverwertung zu einem solchen einseitigen Bürgerkrieg führt. Zweitens wird Trotzki vorgeworfen, er habe die Art und Weise, wie sich das im Niedergang begriffene Bürgertum auf den Faschismus stützt, während ein gefestigtes Bürgertum cher die Sozialdemokratie unterstützt, in „mechanistischer Weise" einander gegenübergestellt. Aber in Wirklichkeit hat Trotzki solche für eine ganze geschichtliche Epoche geltenden Erklärungen niemals abgegeben. Er hat in zahlreichen Wiederholungen mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß es sich um spezielle. konjunkturelle Umstände handelt, unter denen sich das Großkapital dem Faschismus zuwendet. * Siche z. B. I. Deutscher, Trotzki, Bd. III, Stuttgart 1963, S. 262/263; M. Johnstone, „Trotzki and World Revolution", Cogito, 1976, S. 10-14; 1. Howe. Trotsky. London 1978, S.130: L. Rapone. Trockij e il fascismo, Bari 1978. S. 350-356. Indessen ist anzumerken, daß Deutscher trotz seiner Kritik an Trotzkis Analyse der französischen und spanischen Situation die Volksfrontpolitik der lokalen Kommunistischen Parteien nicht unterstützte.