Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Gründungsaufruf des rosa-lila Forums

Inprekorr Nr. 222, Dezember 1989 · S. 34-36 · 705 Wörter

BRD und DDR

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

(Auszüge)

In den letzten Tagen legten friedliche Willensbekundungen und zahlreiche Unterschriften unter Aufrufen, Resolutionen, und Protestnoten Zeugnis von tiefgehenden Spannungen zwischen dem Volk und der politischen Führung unseres Landes ab.

Als linke Lesben, Schwule und Menschen, die immer noch den kategorischen Imperativ vom alten Marx auf ihre Fahnen geschrieben haben, daß es gilt, ....alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist**, treten wir darüber hinaus für eine Seite des menschlichen Lebens ein, die niemandem fremd sein sollte, bislang aber entschieden zu kurz kam: Wir verbinden das Streben nach der umfassenden menschlichen Emanzipation mit dem Kampf um befreite Sexualität und Liebe. Schwule und Lesben erfahren Unterdrückung in dieser Hinsicht doppelt und dreifach.

och immer werden die Interessen sichtigt. Die endlich erfolgte juristische N von Schwulen und Lesben in un- Gleichstellung kann nicht darüber hinserem Land ungenügend berück- wegtäuschen, daß die zaghafte Erweite-

Seite 35

Friedensdienstes ein. Wir wünschen uns ein gleichberechtigtes und freundliches Verhältnis zum anderen deutschen Staat. Wir möchten. daß sich die Deutschen durch friedliche Veränderungen in beiden Gesellschaften wieder näher kommen. Lassen Sie uns gemeinsam handeln und hoffen, damit unser Land liebenswert und freundlich wird und jeder Mensch und jedes Geschöpf seinen Platz darin findet! Oktober 1989 (Redaktionsschluß 30. 9. 89) Den Aufruf Demokratie jetzt unterzeichneten am 12. September 1989:

Wolfgang Apfeld; Dr. Michael Bartoszek: Stephan Bickhardt; Dr. Hans-Jürgen Fischbeck; Reiner Flügge: Martin König: Ludwig Mehlhorn: Dr. Gerhard Weigt; Konrad Weiß; Reinhard Lampe, Dorfstr. 29. Dorf Zechlin 1951: Ulrike Poppe, Rykestr. 28. Berlin 1055; Dr. Wolfgang Ullmann. Tieckstr. 17. Berlin 1040: Nachsatz vom 12. Oktober 1989: Die stürmischen Ereignisse der letzten Wochen in unserem Land - die Demonstrationen, die Massenflucht, aber vor allem die heftigen Forderungen nach Reformen und politischen Freiheiten, die in den Betrieben erhoben worden sind - haben die SED-Führung gezwungen, einige Zugeständnisse zu machen. Sie will die rung von Begegnungsmöglichkeiten mehr der Integration von Lesben und Schwulen in ein veraltetes Gesellschaftsmodell als ihrer wirklichen Emanzipation dienen soll.

genste Interessen selbstverantwortlich wahrzunehmen. Weder gibt es eine wirksame parlamentarische Vertretung noch Medien in eigener Regie.

Die eigentliche, historisch unzweifelhafte Legitimation unseres Staates, der Antifaschismus, bleibt auf halber Strecke stehen, wenn es um das Schicksal Hunderttausender von Schwulen und Lesben in unserer Geschichte und Gegenwart geht.

Darum fordern wir:

• eine Geschichtsschreibung, die die homosexuellen Opfer des Faschismus nicht länger totschweigt:

0 die Anerkennung der ehemaligen KZ- Häftlinge mit dem rosa Winkel als Verfolgte des Naziregimes:

• Wiedergutmachung für jene, die auch DDR schüchterne Ruhe wiederherstellen. Aber len. Fordern wir laut und vernehmlich: lassen wir uns nicht beruhigen und einlul- Demokratie jetzt! NAR

LICHT

ZENSİERT

DIE

ZENS/R in der DDR wegen ihrer Liebe zum eige- • sowie ein Verankern dieser neuen nen Geschlecht verfolgt wurden; Politik in der Verfassung durch den O eigenverantwortete Grundsatz, daß niemand aufgrund seiner Organisationen, um unsere Interessen geschlechtlichen Neigung in irgendeiner selbst zu vertreten; Form diskriminiert werden darf. 0 den Abbau noch bestehender gesetzlicher Benachteiligungen, beispielsweise in Wir begrüßen die aufbrechende Mei- Erb-, Steuer- und Adoptionsrecht; nungsvielfalt, wie sie sich in den ver- • neue Wege in der Unverheiratetenpo- schiedensten politischen Plattformen, Inilitik und entsprechende wohnungspoliti- tiativen und Gruppierungen bis hin zur sche Konsequenzen; Parteigründung artikuliert. Wir sprechen O eine Aids-Politik, die nicht weiterhin uns für alle Formen der friedlichen, dedurch Ignoranz gegenüber den gruppen- mokratischen Meinungsbildung und -äuspezifischen Problemen von Schwulen Berung aus. Wir sind bereit, unsere les- Schuld für den Tod von Menschen auf ben- und schwulenpolitischen Forderunsich nimmt: gen auch in die traditionellen und sich 0 ein einklagbares Asylrecht für all formierenden politischen Vereinigungen jene, die aus politischen oder ge- und Strukturen einzubringen. schlechtsspezifischen Gründen in ihrer Wir rufen alle Lesben und Schwulen Heimat verfolgt werden, also auch für die auf, sich unabhängig vom bisherigen Schwulen und Lesben Rumäniens, Irans Rahmen ihres Engagements in cinem und anderer Staaten; rosa-lila Forum des gemeinsamen Ge konsequentes Berücksichtigen sprächs zusammenzufinden. Es soll Teil schwulen- und lesbenpolitischer Aspekte sein eines pluralistisch-sozialistischen in Volksbildung. Armee, Strafvollzug gesamtstaatlichen Forums, das sich über etc. durch Einbeziehung derer, die es unser Land spannt als Neuer Regenboangeht, Berlin, 7. Oktober 1989

Seite 36

DDR