bekannten Arbeiten.
Der koloniale Status von Namibia wurde über hundert Jahre lang aufrechterhalten. Ein Jahrhundert Ungerechtig- Zur nationalen Frage in Namibia NEVILLE ALEXANDER keit, Ausbeutung, nationale Unterdrükkung wurde Namibia zuerst vom Deutschen Kaiserreich und seit 1915 von der herrschenden Klasse Südafrikas beschert. Der erste Punkt, den man betonen muß, Ich bin mehrfach gebeten worden — was ich bei verschiedenen ist jedoch nicht, daß Namibia eine Kolo- Gelegenheiten als unmöglich erklärt hatte —, den Begriff der ,,Nanie ist, sondern cher, daß es eine Siedlerkolonie ist.
tion" zu bestimmen. Es gibt jedoch keine Definition „einer Nation", Die eingeborene Bevölkerung auf dem die zu allen Zeiten und überall Gültigkeit hat. Die Entwicklung jeder Gebiet zwischen den Flüssen Oranje im Nation ist ein einzigartiger Prozeß, weil er sich in der Besonderheit lle Versuche, dies als Gattungsart A zu definieren, sind zum Scheitern verurteilt. Alles, was wir hoffen können zu vollbringen, ist eine bestimmte Nation zu definieren, d.h. die die spezifische historische Gemeinschaft, die wir untersuchen. Was alle Nationen oder nationale Bewegungen gemeinsam haben, ist das tatsächliche oder sich entwikkelnde Bewußtsein, eine Nation zu sein, d.h. eine besondere Gemeinschaft, die irgendwie geschlossen handeln muß oder auf der Grundlage eines wirklichen oder umstrittenen Territoriums handelt und reagiert.
Über diese fast tautologische Feststellung kann man unmöglich weitere Kriterien benennen, wie etwa eine gemeinsame „Sprache" , „Kultur" oder Psyche. Alle diese angeblich wesentlichen Kennzeichen einer Nation sind vom Studium der Entwicklung nationaler Bewegungen in Europa und in geringerem Ausmaß in Amerika abgeleitet. Als ähnliche nationalistische Bewegungen sich im 20.Jahrhundert in Asien und Afrika entwickelten, ohne daß sie jedoch auch nur einen dieser „wesentlichen" Züge hatten, geriet die Theorie über die Nation in eine Krise.
Es wurde deutlich, daß das, was man die Risorgimento-Definitionen' der Nation genannt hatte, nicht allgemeingültig war. Studenten der nationalen Frage stimmten immer häufiger der so treffend von dem sowjetischen Sozialwissenschaftler Mnazakanjan formulierten Auffassung zu, der erklärt hatte: „Der begrenzte wissenschaftliche Wert einer allgemeinen Definition ist offensichtlich, und zwar nicht nur wegen der Tatsache, daß hierdurch das Wesen der Nationen und ihrer Entwicklung unmöglich enthüllt wird, sondern auch weil dies nicht vollständig und wissenschaftlich genau umrissen die Vielfalt der Formen und die Besonderheit des Ursprungs und der Entwicklung der Nationen in all ihren Entwicklungsphasen bestimmen kann und weil dies letztlich nicht alle Arten von Nationen mit ihren Besonderheiten unter einem gemeinsamen Begriff zusammenfassen kann... 4*2 Moderne Nationen sind im Verlauf der Entwicklung kapitalistischer Produktionsverhältnisse in bestimmten Gebieten entstanden. Die Nation ist sozusagen ein Produkt des Marktes. „Wo und wie die territorialen Grenzen jeder besonderen Nation gezogen werden, ist eine rein historische Frage, die nicht genau vorausgesagt werden kann. Das ist eine Frage, die im Verlauf des Klassenkampfes innerhalb einer bestimmten gesellschaftlichen Formation oder zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Formationen entschieden wird. Die führende oder mobilisierende Klasse der Nation gründet notgedrungen und „natürlich" ihre mobilisierenden Aktivitäten auf den Besonderheiten der historischen Entwicklung der betroffenen Völker, und in diesem Sinne ist jede nationale Bewegung einzigartig."*3 ** Das namibische Problem wurde als klassischer Fall für die Entkolonialisierung eingestuft, es wurde also angenommen, daß die nationale Frage in Wirklichkeit eine koloniale Frage sei.* Das ist natürlich völlig richtig. Man muß sich jedoch vergegenwärtigen, daß diese Formulierung in keiner Weise erlaubt, die Analyse der konkreten Lage und des Kampfes in Namibia durch einen Kurzschluß zu umgehen. Erst solch eine Analyse kann den Charakter der nationalen Frage und die entsprechenden Lösungen augenscheinlich machen.
In den letzten Jahren sind zahlreiche Veröffentlichungen zu dieser Frage erschienen. Die wichtigsten darunter sind zweifellos bestimmte Ausgaben der Namibian Review, Namibia. The Last Colony von Green et al. sowie von der SWAPO To Be Born a Nation. ' Die nachfolgenden Darlegungen basieren weitgehend auf diesen und anderen, weniger gut Süden und Kunene im Norden wurde ihrer besten Ländereien beraubt, wobei die Siedler, Soldaten und Missionare alle nur möglichen Ausflüchte und Täuschungsmanöver anwandten, die sie sich ausdenken konnten. Wenn das keinen Erfolg hatte, griffen sie zum Mittel des Krieges, sogar zum Völkermord wie im Falle der berüchtigten „Verordnung" von Trothas über die Ausrottung der Hereros. Die Landfrage ist im Falle Namibias das Herzstück der nationalen Frage. Eine der zentralen Fragen im nationalen Befreiungskampf Namibias ist die Rückgabe des Bodens an diejenigen, die auf diesem Land leben und arbeiten. Zweifelsohne würde eine tatsächliche Unabhängigkeit und Chancengleichheit nur Schlagwort sein, wenn der Boden nicht zum Eigentum der gesamten Nation werden würde. Man braucht wohl kaum zu betonen, daß höchste Priorität im Kampf für die nationale Befreiung dem Erreichen nationaler Unabhängigkeit auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet eingeräumt werden muß. Durch den nationalen Befreiungskampf, der weit bis zum frühen Widerstand antikolonialistischer Patrioten wie Maherero, Witbooi, Marengo und aller anderen, Männer und Frauen, die sich kolonialer Eroberung widersetzten, zurückreicht, wurde bei allen unterdrückten und ausgebeuteten Namibiern ein nationales Bewußtsein entwickelt.
Heute gibt es nur wenige Namibier und Namibierinnen, die der beredten Anklage von Toivo ja Toivo nicht zustimmen würden, die zugleich eine Erklärung der nationalen Einheit und der Selbstbestimmung ist. In dieser Rede vor Gericht sagte er unter anderem, daß wir weder jetzt noch in Zukunft euer Recht anerkennen können, uns zu regieren, Gesetze für uns zu machen, bei denen wir nichts zu sagen haben, unser Land zu behandeln, als sei es euer Eigentum und als ob ihr unsere Herren wäret. Wir haben Südafrika stets als Eindringling in unser Land angesehen. Das ist es, was wir stets empfunden haben und heute noch empfinden. Nur wenn Südafrikaner sich dessen bewußt werden und entsprechend handeln,
NAMIBIA wird es uns möglich sein, unseren Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit in unserem Geburtsland zu beenden." THE PEOPLE OF THE UNITED NATIONS Nationale Unabhängigkeit mag vor zwanzig oder vielleicht sogar noch vor zehn Jahren nur als formale politische Unabhängigkeit Namibias von Südafrika verstanden worden sein. In der Tat hatten in den frühen Tagen des Befreiungskampfes die meisten Patrioten und ihre Führer diese Art von Unabhängigkeit im Auge, als sie sich auf den Völkerbund oder die UNO verließen, die Namibia die Unabhängigkeit „bringen" sollten. Heute wissen wir, daß die formale Unabhängigkeit eine Kehrseite hat, die neokolonialistische Abhängigkeit heißt.
Während die Kolonialmächte das politische Schmuckstück der Unabhängigkeit gewähren, klammern sie sich an den wirtschaftlichen Kern der kolonialistischen Ausbeutung. Infolgedessen tendiert der Kampf für nationale Unabhängigkeit immer mehr dahin, zum antiimperialistischen und sogar zum antikapitalistischen Kampf zu werden. Das gilt besonders für Siedlerkolonien, in denen sich die Siedler DEMAND INDEPENDENCE FOR NAMIBIA (gewöhnlich sind sie Farmer oder Plantagenbesitzer) hartnäckig an die alten Formen politischer, wirtschaftlicher und ideologischer Beherrschung klammern. Green et al. haben z.B. im einzeinen acht Gründe aufgeführt, warum der nationale Unabhängigkeitskampf in Namibia ein besonders schwieriger und störriger Prozeß ist. Tatsachen und Zahlen über die koloniale und imperialistische Ausbeutung von Namibia sind nur allzu bekannt, so daß sie hier nicht wiederholt werden müssen. Die Uneingeweihten können sich mit Hilfe der zahlreichen Veröffentlichungen der UNO sowie in kürzerer Form durch die oben erwähnten Texte der SWAPO bzw. von Green et al. kundig machen.
Wegen unserer gewachsenen Kenntnis der Dimension der Ausbeutung und Ausplünderung Namibias stoßen wir immer häufiger darauf, daß von Sozialismus die Rede ist. „Um die Kontrolle über das eigene politische und wirtschaftliche Schicksal wieder zu gewinnen, kämpft das Volk Namibias einen unversöhnlichen Krieg. Es geht hier nicht nur um die Freiheit von der Herrschaft und Unterdrückung der verhaßten Kolonialregierung, sondern von der politischen und wirtschaftlichen Umklammerung ihrer imperialistischen Verbündeten sowie um die Beendigung der Klassenausbeutung und aller Formen sozialer Ungerechtig keit."7 Totale Befreiung oder wirkliche Unabhängigkeit heißt also auch deutlich: Klassenkampf der ausgebeuteten und unterdrückten Arbeiter, Bauern und radikalen Intelligenz gegen die weiße Siedlerbour- 48 INPREKORR 217/218
geoisie und ihre Verbündeten sowie auch gegen ihre südafrikanischen und anderen imperialistischen Helfershelfer und Profileure.
Untersucht man die Geschichte der Organisationen, die in den nationalen Befreiungskampf des namibischen Volkes verwickelt sind, dann stellt man fest, daß ihre Analyse der kolonialen Frage immer wissenschaftlicher und darum immer radikaler geworden ist. Diese Radikalisierung geht nicht nur auf theoretische Debatten und Untersuchungen zurück, sondern insbesondere auf die Modalitäten des antikolonialistischen Kampfes, so etwa die Unnachgiebigkeit des Regimes in Pretoria, die Doppelzüngigkeit der sogenannten westlichen Mächte, die Unzulänglichkeit der Organisation der Vereinten Nationen, die Unterstützung des Kampfes durch den sogenannten Ostblock und die blockfreien Staaten und nicht zuletzt durch die militanten Massenaktionen der Arbeiter, der Bauern und der Jugend von Namibia.
Als Beispiel soll hier aus der Verfassung der SWAPO (1976) ein Zitat angeführt werden: „Die SWAPO ist eine nationale Befreiungsbewegung, die aufgrund einer freien und freiwilligen Vereinigung alle freiheitsliebenden Söhne und Töchter des namibischen Volkes zusammenführt. Die SWAPO ist die organisierte politische Vorhut des unterdrückten und ausgebeuteten Volkes von Namibia. In Erfüllung dieser Vorhutrolle organisiert, vereinigt, inspiriert, orientiert und führt die SWAPO die breiten Massen des werktätigen namibischen Volkes im Kampf für nationale und soziale Befreiung. Die SWAPO ist daher der Ausdruck und die Verkörperung der nationalen Einheit eines ganzen Volkes, das im Kampf für die vollständige Unabhängigkeit und die soziale Befreiung vereint und organisiert ist. ** Die SWAPO sicht es als eine der unmittelbaren Aufgaben an, „die wirkliche und vollständige Unabhängigkeit Namibias auf dem Gebiet der Politik, der Wirtschaft sowie der Verteidigung von sozialen und kulturellen Angelegenheiten zu erreichen* , und zielt darauf ab, das gesamte namibische Volk zu vereinigen, insbesondere die Arbeiterklasse, die Bauernschaft und die fortschrittliche Intelligenz, und sie in einer Vorhutpartei zusammenzuschließen, die fähig ist, die na- NAMIBIA tionale Unabhängigkeit sicherzustellen und eine klassenlose, nicht auf Ausbeutung beruhende Gesellschaft aufzubauen. die sich auf den Idealen und Prinzipien des wissenschaftlichen Sozialismus gründet."* Diese Einsichten beinhalten ein Verständnis des internationalen und subkontinentalen Zusammenhangs, in dem sich der Kampf für die namibische Befreiung abspielt, obwohl Abrahams!° die Fähigkeit der SWAPO und anderer Organisationen, sozialistische Rhetorik in die Praxis umzusetzen, in Frage gestellt hat. Er sagt in der Tat ein völlig entgegengesetztes Szenarium voraus, und zwar eine Regierung der „nationalen Einheit", die sich aus der Elite der Mittelklasse zusammensetzt.
In den folgenden Feststellungen liegt nicht nur einfach eine Prophezeiung, sondern auch eine Aufgabe, denn sie besagen deutlich, was getan werden muß, um völlige Befreiung und wirkliche Unabhängigkeit zu erreichen: „Im Augenblick ist die Bauernschaft, sind die Arbeiter, die Unterprivilegierten und Armen nicht organisiert, und sie werden wahrscheinlich noch in Zukunft lange unorganisiert blei- OL
NAMIBIA
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NAMIBIA ben. Deshalb werden sie mehr oder weniger bei den Verhandlungen unterreprăsentiert sein, in deren Verlauf dann ohne große Schwierigkeiten eine ,Regierung der nationalen Einheit' der Elite, durch die Elite und für die Elite geschaffen wird.""
Ohne unabhängige Organisationen der Arbeiter und Bauern können Unabhängigkeit und Befreiung leicht von gegnerischen Klassenkräften vereinnahmt werden. In der Tat waren die Demokratische Turnhallen-Allianz (DTA) und das Experiment einer Mehrparteienkonferenz genau derartige Versuche der herrschenden Klasse — und sind es noch -, die Flugbahn der nationalen Befreiungsbewegung durch die Errichtung neokolonialistischer „Behörden" zu durchkreuzen, die auf der kompromißlerischen schwarzen Mittelklasse beruhen.
Die andere Facette der nationalen Frage, ist die der nationalen Einheit. Nationalbewußtsein und nationale Identität geboren: „Neunzig Jahre brutaler Ab- Ausbeutung haben im unterdrückten Volk Namibias unumkehrbar eine neue gesellschaftliche Ordnung zusammengeschung natid ihrer intermecksa vermittelt. **12 Oder, in den Worten von Peter Katjavivi: „In diesem Geist haben wir dieses Buch [To Be Born a Nation] verfaßt. Der Titel entstammt einem Ausspruch aus dem Befreiungskampf von Mosambik - ,als Stamm unterzugehen und als Volk wieder aufzuerstehen'. Das enthält im Kern den Drang nach Einheit und die durch gemeinsames Bestreben und Opfer geschaffenen Bande, die so lebenswichtig für den nationalen Befreiungskampf sind. *13 Diese Schaffung der namibischen Nation ist ein Prozeß, der sich auf allen Ebenen vollziehen muß und auch vollzieht auf der politischen wie auf der wirtschaftlichen und ideologischen. Auf der wirtschaftlichen Ebene geht es um das Entstehen von Selbstvertrauen, um kooperative und kollektive Projekte wie einige von denen, die vom CCN, dem NNPCC und anderen Gruppen durchgeführt worden sind; sie stellen den Beginn einer neuen gesellschaftlichen Ordnung dar. Und es ist wichtig festzustellen, daß dieser Prozeß im Schoße der alten Ordnung seinen Anfang nehmen muß. Diese Projekte sind die Form autonomer „Graswurzel"-Organisation von Arbeitern und Bauern, die für die ideologische und organisatorische Festigung der nationalen Freiheitsbewegung wichtig sind.
Natürlich ist viel mehr als dies möglich. Einiges davon, was durch das UNIN (United Nations Institute for Namibia) in Lusaka und andere UN-Einrichtungen getan wird, stärkt diese Entwicklung innerhalb des Landes. Sicherlich könnten die Organisationen der Vereinten Nationen und andere Solidaritätsgruppen sehr viel mehr Mittel für diejenigen zur Verfügung stellen, die auf dem dürren, potentiell aber reichen Feld innerhalb des Landes tätig sind.
Die nationale Befreiungsbewegung Namibias beruht auf einem Bündnis zwischen den Arbeitern, den Bauern und der radikalen Intelligenz. Nur solche Organisationen, die es fertig bringen, diese Klassen zu mobilisieren und zu organisieren, können den Anspruch erheben, authentische Vertreter des unterdrückten und ausgebeuteten Volkes von Namibia zu sein. Mag nun der Anspruch der SWAPO auf alleinige Authentizität richtig sein oder nicht, er ist - und daran braucht man wohl nicht zu erinnern — äußerst umstritten. Auch wenn man sich konsequent aus einer Meinungsäußerung dazu heraushält, ist die richtige Position diejenige, die prinzipiell für die Herausbildung einer breiten Front aller antikollaborationistischen Kräfte und Gruppen eintritt.
Ob sich dies innerhalb oder außerhalb der SWAPO vollzieht, dürfte dann nur noch eine taktische Angelegenheit sein. Der Erfolg einer solchen Front wird von vollkommener Gegenseitigkeit, von der demokratischen Praxis und Haltung abhängen, die es gestatten, ein breites Spektrum unterschiedlicher Positionen in cinem breiten antiimperialistischen Rahmen zusammenzuführen. Die jetzigen politischen Spaltungen unter den hauptsächlichen Tendenzen in Namibia sind mehr und mehr irrational. Sie bedeuten einen Luxus, der eine wirkungsvolle Mobilisierung und Organisierung des durch den Kolonialismus unterdrückten Volkes behindert.
An der kulturellen und ideologischen Front gibt es viele Wege, auf denen die neue namibische Nation aufgebaut werden kann und wird. Angefangen von einem Sprachenprogramm, um zumindest die Zweisprachigkeit zu fördern (Englisch und eine oder mehrere afrikanische Sprachen), mit Volkserziehungsprogrammen, die auf fortschrittlichen Lehrprogrammen beruhen, Gesundheitsprojekten, zahllosen kulturellen Projekten, gibt es überhaupt keinen möglichen Schlußpunkt für die Wege, auf denen der ideologische Aufbau der namibischen Nation erfolgen könnte und sollte. Die Ideologie und die neue namibische Nation sind sozialistisch, antiimperialistisch, antirassistisch und demokratisch. Die nationale Einheit wird sich umso schneller entwikkeln, als diese Werte das Volk in seinen Organisationen und in seinem alltäglichen Kampf durchdringen.
Die folgende Feststellung, die im Zusammenhang mit der nationalen Frage in Südafrika getroffen wurde, trifft mit entsprechenden Abänderungen auch auf intellektuelle und politische Aktivisten in Namibia zu: „Außer den vielfältigen Wegen, auf denen die kämpfenden Arbeiter die neue Nation aufbauen - und man muß betonen, daß dies die Grundlage ist, auf der alles andere-beruht, ohne die alle anderen Bemühungen von Persönlichkeiten oder Organisationen purer Voluntarismus wären —, fallen besondere Aufgaben den ,organischen Intellektuellen' aus der Arbeiterklasse zu, nämlich die systematische Erörterung der Probleme, in deren Kontext der Kampf geführt wird... Einer der Wege, auf denen organische Intellektuelle ihren Zugang zu wissenschaftlichen oder schulischen Kenntnissen nutzen Können, liegt genau darin, dal sie der Klasse, in der sie verwurzelt sind, helfen, eine oppositionelle oder, genauer, antihegemoniale Ideologie herauszubilden. Dies können sie u.a. dadurch bewirken, daß sie sorgfältig die Sprache beachten, die von den Organisationen ihrer
Klasse in die politischen Programme und Aktionen eingeführt und verallgemeinert wird. Die Bedeutung einer solchen ,gelehrten' Aktivität liegt darin, daß in und durch die Sprache das Individuum sich zum Subjekt herausbildet. "*14 Sicherlich besteht die wichtigste ideologische Aufgabe derAktivisten und organischen Intellektuellen der Arbeiter und Bauern darin, der Ideologie und den Praktiken aufgezwungener Ethnizität, mit deren Hilfe die herrschende Klasse und deren Agenten die beherrschten Klassen desorganisieren und entzweien, entgegenzuwirken. Vieles ist auf diesem Gebiet bereits getan worden, aber sehr viel mehr sollte und könnte getan werden. Die Bantustanisierung muß und kann zur praktischen Bedeutungslosigkeit verurteilt werden. Diese Aufgabe muß systematisch angegangen werden. Alle davon Betroffenen müssen ihre Meinungen austauschen, Strategien und taktische Maßnahmen diskutieren, um die Vereinigung der Nation durchzuführen und zu festigen.
* *** Zum Schluß muß man sich allerdings fragen, ob ein sozialistisches Namibia, das allein die nationale oder koloniale Frage auf demokratische Weise lösen der südafrikanische Kampf für nationale und soziale Befreiung nicht zu Ende geführt worden ist. Es geht hierbei um die Frage, ob nicht das unmittelbare Schicksal aller Staaten des südlichen Afrika miteinander zusammenhängt und eines ist und ob diese Staaten deshalb einzeln damit beginnen können, eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen, solange der südafrikanische Koloss eine subimperialistische Macht bleibt, die das ganze Gebiet zu beherrschen versucht. Die Antwort darauf muß „Nein" lauten.
In der Praxis jedoch könnten sich diese Probleme als sehr viel komplizierter erweisen; dennoch, angesichts der jetzigen wirtschaftlichen, militärischen und logistischen Realitäten kann man kaum bezweifeln, daß die oben gegebene „kurze" Antwort im großen und ganzen richtig ist. Das aber bedeutet, daß der Kampf sich lange hinziehen wird, daß die Herausbildung der Nation auf allen Ebenen erfolgen muß, auch wenn der Kampf weitergeht, und daß alle Versuche politischer Halbheiten, wie das gegenwärtige Mehrparteienregime, dazu verurteilt sind, als kollaborationistische und konterrevolutionäre Manöver abgelehnt zu werden unabhängig davon, wer darin verwickelt ist.
Einige der Herren in der Mehrparteien- NAMIBIA politisch einwandfreien Hintergrund", aber sie stellen fest, daß sie geschmäht. abgelehnt und isoliert werden. Wenn man mit dem Teufel speist, kann der Löffel nicht lang genug sein!
Diese kurze Analyse zeigt an, daß alle, die bewußt dabei sind, am Aufbau der namibischen Nation teilzunehmen - auf wirtschaftlichem, politischem und ideologisch-kulturellem Gebiet -, sich entschieden haben, genau das zu tun, was historisch in diesem Moment erforderlich ist. Aus dem dichten Netzwerk untereinander verbundener Volksorganisationen und Projekte in städtischen und ländlichen Gebieten entsteht jenes Geflecht der neuen namibischen Nation; so wird es gewoben.
Was immer in Zukunft geschehen mag. so wird es fast unmöglich sein, ohne die Unterstützung dieser „Graswurzel"-Organisationen zu regieren, die sich eine unmittelbare Erfahrung und entsprechende Methoden in allen Lebensbereichen angeeignet haben. Das Auftauchen dieser Organisationen und Projekte bezeugt den doppelten Prozeß nationaler Unabhängigkeit und nationaler Vereinigung. Dazu beizutragen, diesen Prozeß weiterzutreiben, heißt, einen grundlegenden Beitrag für die vollständige Befreiung der durch den Kolonialismus unterjochten Massen Namibias und des südafrikanischen Volkes insgesamt zu leisten.
Anmerkungen:
1. Risorgimento (., Wiederentstehen"): seit Anfang des 19.Jahrhunderts Bezeichnung für die bürgerlichen italienischen Einigungsbestrebungen und die entsprechende historische Epoche.
2. Zitiert in: N.Alexander, „An approach to the national question in South Africa", Azanian Worker, Dezember 1985, S.4-5.
3. Ebd., S.S.
4. Siche: R.Grecn/M.Kiljunen/K.Kiljunen, Namibia. The Last Colony, London 1981.
5. Department of Information and Publicity. SWAPO of Namibia, To Be Born a Nation. The Liberation Struggle for Namibia, London 1981.
6. Siehe: R.Green et al., a.a.O., S.2-4. 7. SWAPO, a.a.O., S.4.
8. Ebd., S.257.
9. Ebd.
10. K.Abrahams, From Nkomati to Lusaka: the implications for Namibian independence", The Namibian Review, Januar/September 1984.
Il. Ebd., S.19.
12. SWAPO, a.a.O., S.2.
13. Ebd., S.Il.
könnte, überhaupt entstehen kann, wenn ' konferenz hatten — wie es heißt - einen 14. N.Alexander, a.a.O., S.12.
SRI LANKA