Colvin R. de Silva gestorben Einer der vier Gründer der kommunistischen und der trotzkistischen Bewegung in Sri Lanka, Colvin R. de Silva, ist vor kurzem in Colombo gestorkontinents von der Bühne getreten. Anfang der dreißiger Jahre stu- und von der Mehrheit der werktätidierte Colvin in London, wo er zum gen Massen als die wichtigste Arbeiersten Mal mit einer trotzkistischen terpartei und die wichtigste antiimpe- Internationale Arbeiterbewegung Gruppe in Kontakt kam; nach der rialistische Kraft des Landes geschen Rückkehr in sein Heimatland wurde wurde. Gipfelpunkt dieses Masseer ein Führer der ersten Gewerk- neinflusses war der hartal (Generalschaft dieses Landes und zugleich der streik) im Jahre 1953, der von A bis Volksbewegung für die Z von der LSSP geführt wurde. Col- Unabhängigkeit. Ende 1936 flossen vin stellte dabei bewundernswertes diese beiden Strömungen in der Engagement und Mut unter Beweis. Gründung der ersten unabhängigen Von diesem Zeitpunkt an wies die Partei der Arbeiterklasse in Ceylon Strategie der LSSP im Kampf um die (wie die Insel als britische Kolonie Macht bedeutende Schwächen auf. genannt wurde) zusammen, Die LSSP-Führer entwickelten ein Lanka Sama Samaja Party (LSSP - Konzept des ,Ausnahmefalls Cey- Gleichheitspartei Ceylons). Colvin lon", das auf der unbestreitbaren wurde Vorsitzender und unbestritte- aber vorübergehenden! - Schwäche ner politischer Führer der LSSP. Es der bürgerlichen Streitkräfte beruhte. war eine Partei mit Masseneinfluß Sie glaubten, deshalb könne die Ero- (bereits 1937 hatte sie zwei Abgeord- berung der Macht aus einem Wahlnete), aber geringer Mitgliederzahl: sieg resultieren. Ein tragischer Irr- Bei ihrer Gründung waren es etwa tum: der weitere Vrlauf der Ereig- 100, beim Ausbruch des Zweiten nisse hat diese Insel in den Teil des Weltkrieges um 700. indischen Subkontinents verwandelt, Die LSSP nahm zunächst eine Po- wo bewaffnete Konflikte die größte sition zwischen Stalinismus Rolle spielen. Trotzkismus ein. Doch führte die Außerdem besteht ein beträchtlirechte Orientierung der Kommunisti- cher Teil der Arbeiterklasse Sri Lanschen Internationale [in der Volks- kas aus tamilischen Plantagenarbeifrontperiode] zu einer raschen Ent- tern, von denen nur eine Minderheit wicklung der Mehrheit der LSSP- das Wahlrecht besaß. Die LSSP un- Führung. 1938 wurden mit der terschätzte den dauerhaften und ex- IV. Internationale Kontakte aufge- plosiven Charakter der nationalen nommen. Im Dezember 1939 wurde Frage, der bewirkte, daß selbst die der vollständige Bruch mit der Ko- tamilischen Arbeiter, die wählen mintern förmlich vollzogen. Die sta- durften, es vorzogen, für gesonderte linistische Minderheit wurde aus der tamilische Kandidaten zu stimmen, LSSP ausgeschlossen; 1943 gründete anstatt ihr die Stimme zu geben. sie die ceylonesische Kommunisti- Die LSSP hatte ferner eine falsche Sicht der Notwendigkeit eines Arbei- Nach Kriegsausbruch wurden Col- ter- und Bauernbündnisses im singhavin und die meisten anderen LSSP. lesischen Teil des Landes; daher un- Führer von den Kolonialbehörden terschätzte sie die Bedeutung besonverhaftet; es gelang ihnen, aus dem derer Forderungen der ländlichen Gefängnis zu fliehen, und sie bega- Bevölkerung singhalesischer Spraben sich nach Indien, wo sie bei der che. Ergebnis war, daß sie aus den Stabilisierung der ersten indischen Wahlen von 1957, die sie zu gewin- Sektion der IV: Internationale, der nen gehofft hatte, nur als drittstärkste Bolshevik-Leninist Party of India, ab Partei hervorging, während die bür- 1943 eine entscheidende Rolle spiel- gerlich-liberale Sri Lanka Freedom Party (SLFP) den Sieg davontrug. Nach seiner Rückkehr nach Cey- Von da an begann in der LSSP eine Ion stand er zusammen mit Leslie Orientierungskrise, die sie zwischen Goonewardene an der Spitze der einem Kurs auf außerparlamentari- LSSP, die im Aufstieg begriffen war sche Aktionseinheit, zu der die gesamte noch sehr machtvolle Gewerkschafts- und Massenbewegung zusammengefaßt würde, und einem Kurs der faktischen Zusammenarbeit Nach mehreren Wendungen beschloß die LSSP im Juni 1964, sich an einer Koalitionsregierung mit der SLFP zu beteiligen. Colvin und Leslie kapitulierten. Colvin wurde Minister. Nur eine kleine Minderheit, geführt von Bala Tampoe, widersetzte sich dieser Kapitulation und blieb den Prinzipien der Klassenunabhängigkeit, dem Marxismus und der IV. Internationale treu.
Die Folgen dieser Kapitulation waren für Sri Lanka, für die Arbeiterklasse, für die Arbeiterbewegung und für die LSSP ein Desaster von historischem Ausmaß. In wenigen Jahren gingen Errungenschaften aus dreißig Jahren verloren. Selbst auf Wahlebene verlor die Arbeiterklasse ihre Klassenunabhängigkeit. (Nach den letzten Wahlen gibt es nur noch drei Abgeordnete, die sich auf die Arbeiterbewegung berufen.) Die Arbeiterklasse Sri Lankas sank vom höchsten Lebensstandard Südasiens auf ein Reallohnniveau, das zu den elendesten überhaupt gehört. Die werktätigen Massen zerfleischen sich in blutigen nationalistischen Konflikten untereinander. Die demokratischen Freiheiten wurden erstickt. Die LSSP ist nur noch ein Schatten von dem, was sie einmal war; sie hat nacheinander mehrere Abspaltungen erlebt. Aus einer davon entstand die NSSP, die versucht, die Traditionen der alten LSSP wieder aufleben zu lassen und die (ebenso wie die LSSP) mit einem Abgeordneten im Parlament vertreten ist.
Die Koalitionsregierung, an der Colvin beteiligt war, hat richtiggehende Verbrechen begangen: das Abkommen mit der indischen Regierung über die spätere Rückkehr eines Teils der tamilischen Arbeiterinnen und Arbeiter, wodurch sie definitiv vom Wahlrecht ausgeschlossen wurden, sowie die blutige Niederschlagung der von der Janatha Vimukthi Peramuna (JVP - Volksbefreiungsfront) geführten Erhebung der Jugend im April 1971. Es war auch ein Prozeß individueller Degeneration des alten Kämpen: Er zog sich zunehmend auf seine beruflichen Erfolge als Rechtsanwalt zurück, häufte ein großes Privatvermögen an und lebte in einem Luxus, der zum Skandal wurde.
Aber wie Trotzki aus Anlaß von Kautskys Tod betonte, Marxisten sollten die Parteien und die politi- Einige Wahlresultate schen Führungspersönlichkeiten ent- der extremen Linken sprechend der Rolle beurteilen, die sie während ihrer gesamten Existenz bei den EG-Wahlen gespielt haben, nicht nur von ihrem Verrat an, wenn dies der Fall war. In diesem Sinne werden wir, trotz des Frankreich: Ingesamt kamen harten Urteils, das über die spätere die Listen links von der PCF auf Degeneration der LSSP und von Col- 441.879 Stimmen (2,43%), vin als Person gefällt werden muß, sind 1,3 Prozentpunkte weniger nie das Bild desjenigen Colvin de als 1984. Am besten schnitt die Silva vergessen, der 1953 an der trotzkistische Organisation Lutte Spitze der Menge stand, im Kampf Ouvrière mit rd. 258.000 Stimgegen den Imperialismus und die men ab.
ceylonesische Bourgeoisie. Belgien: In Wallonien erzielte Ernest Mandel die POS/SAP (IV. Internationale) 10.116 Stimmen oder 0,5% (1984: 10.471). Die ex-maoistische PTB/PvdA sank (gegenüber 1984) von 13.082 auf knapp über 9000 Stimmen. (Die PCB/KPB hatte nicht kandidiert.) In Flan- Ausführlichere Informationen über den dern erhielt die Einheitsliste „Re- Verfall der LSSP und ihren Ausschluß aus genbogen" aus SAP (IV. Internader IV. Internationale finden sich in dem tionale) und KPB 26.471 Stimmen folgenden Bulletin, in dem u.a. Aufsätze von Ernest Mandel und Pierre Frank aus oder 0,7% (PvdA: 20.546, 1984: dem Jahre 1964, ein Brief des Vereinigten 30.555), mit dem besten Ergebnis Sekretariats der IV. Internationale an die in Antwerpen (1,4%). revolutionäre Minderheit der LSSP sowie Italien: Democrazia Proletaria ein Artikel von Caroline Lund aus dem sank von 1,4% auf 1,3% und be- Jahre 1971 nachgedruckt sind:
Revolutionary Marxism vs. Class Collabo- hielt einen Abgeordneten. Damit ration in Sri Lanka, New York: SWP, konnte DP ihren Wählerstamm im August 1975 (Towards a History of the wesentlichen halten, obwohl ein Fourth International, Part 6; Education Teil der Führung von DP auf der for Socialists, herausgegeben von: Educa- grün-alternativen Liste Arcobation Department Socialist Workers Party).
(Regenbogen) kandidiert hatte.
SPANISCHER STAAT