Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Nicaragua

Die Revolution kämpft um's Überleben

Inprekorr Nr. 217/218, Juli/August 1989 · S. 22-23 · 948 Wörter

Mittelamerika Jugend und Studenten

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Das sandinistische Nicaragua feiert den zehnten Jahrestag der Revolution. Für La Gauche, die Zeitung der belgischen Sektion der IV. Internationale, hat Eric Toussaint mit Pol Geeraert, einem seit Jahren in Nicaragua lebenden belgischen Entwicklungshelfer, ein Interview über die wirtschaftlichen Probleme, mit denen die Revolution zu kämpfen hat, geführt.

• Wir wissen alle, daß sich Nicaragua • Welche Folgen ergeben sich in dieser in einer schwierigen Situation befindet. Situation für die Lohnempfänger? Kannst Du eine konkret. Beschreibung dieser Situation geben? • Es gibt offensichtlich große Kaufkraftverluste. Niemand leugnet, daß der • Nach dem Scheitern der Contras kön- Durchschnittslohn unzureichend ist, um nen sich die Regierung und die Bevölke- die für den Konsum einer Familie erforrung völlig auf die Bewältigung der enor- derlichen Grundprodukte zu kaufen. Man men Wirtschaftsprobleme konzentrieren. kann jedoch nicht alle Lohnempfänger Die Regierung sah sich gezwungen, zu über einen Kamm scheren. Man muß einer Reihe wirtschaftlicher Maßnahmen große Unterschiede zwischen den verüberzugehen, die bedeutende Auswirkun- schiedenen Löhnen machen. Umso höher gen auf den Lebensstandard der Nicara- der Grad der Ausbildung und der Verantguaner haben. Es ist sicher falsch, mit wortlichkeit, desto höher sind die Löhne. den Wölfen zu heulen und zu sagen, daß Die Arbeiter und die Arbeiterinnen der zehn Jahre sandinistische Revolution zum Produktion erhalten einen Teil ihres Einökonomischen Zusammenbruch der San- kommens in Form von Prämien. Lohnerdinisten geführt haben. Das wäre unge- höhungen und Prämien hängen von der recht. Das würde die Ursachen nur ver- finanziellen Lage des Betriebes und den decken. Die gleiche Haltung einzuneh- Produktivitätszuwächsen ab. Die Löhne men wie die erwiesenen Gegner hieße, sind nicht an die Erhöhung der Lebensihrem Credo des freien Marktes und des haltungskosten gebunden. Status quo des kapitalistischen Systems (hier und anderswo) zuzustimmen. • Ist es richtig, daß man zu den Löhnen Verschiedene Faktoren haben zu der noch die anderen Einkommen der Fagegenwärtigen schwierigen Situation ge- milie, wie die aus der Teilnahme am führt; unter anderem die Tatsache, daß informellen Sektor, hinzufügen muß? die Industrie von der Landwirtschaft getrennt ist, der Fall der Preise für land- • Ja. Untersuchungen haben gezeigt, daß wirtschaftliche Produkte, die wirtschaftli- im allgemeinen zu den Lohneinkünften che Unterentwicklung. Generell darf der noch die Einkommen aus dem Kleinhanhohe Preis, den das Land für den von den del, aus Heimarbeit oder Gelegenheitsar- USA geführten Aggressionskrieg und die beiten hinzugezählt werden müssen. In für die Produktion ungünstigen klimati- den Ortschaften gibt es viele kleine Handschen Bedingungen zu zahlen hat, nicht werksbetriebe. Der kleine Einzelhandel außer Acht gelassen werden. Auch in- ist stark entwickelt. In den Städten kauft terne Faktoren spielen eine Rolle: es gab und verkauft fast jeder irgendwelchen manchmal übereilte Entscheidungen, Müll: Lumpen, Möbel, Autoersatzteile. ungenügend vorbereitete Industrialisie- Es gibt auch Tauschhandel, sogar zwirungsprojekte und die Absicht, zu viel in schen Betrieben oder zwischen Betrieben zu kurzer Zeit zu ändern. In einem Wort, und Kooperativen. Nicaragua erlebte einen tiefen finanziel- Die sandinistische Gewerkschaftslen Einbruch. zentrale CST umfaßt etwa 140.000 Lohnabhängige; sowohl im privaten als auch im öffentlichen Sektor, der nationalen und regionalen Verwaltung des Staates, wie in Ministerien wie dem Erziehungsund Gesundheitsministerium. Außerdem organisiert die CST die Arbeiterinnen und Arbeiter der Bananen- und Zuckerindustrie. Die Bauerngewerkschaft ATC umfaßt 60.000 Lohnempfänger. Während der Erntezeit wird die gewerkschaftliche Arbeit unter den Saisonarbeiterinnen und -arbeitern gemacht, was für die ATC eine Gesamtzahl von 130.000 ergibt.

Dazu kommt die Gesamtzahl von 232.000 Personen, die im vergangenen Jahr Steuern gezahlt haben: Kleine und große Händler, Leute, die auf eigene Rechnung arbeiten, Eigentümer von Werkstätten, Leute, die ihre Häuser vermieten, Besitzer von Kleinbetrieben. Man kann diese Zahl leicht um 10% erhöhen. Zehntausende andere sind in dem Netz aus verschiedenen Gründen nicht enthalten: weil sie nicht registriert sind, weil die Statistiken nicht stimmen, aufgrund der Mobilität der Leute usw. • Wie sieht es mit der Versorgung mit grundlegenden Gütern aus?

• Nach jeder Geldabwertung sind die Preise für den öffentlichen Verkehr und Elektrizität gestiegen. Es gibt keinerlei Unterstützungsgelder. Zum ersten Mal muß für die staatliche Ausbildung gezahlt werden. Die Studenten und Studentinnen der Universität zahlen 10.000 Córdobas im Jahr. Für die (meist katholischen) Privatschulen wurden die Zuschüsse und Teilzuschüsse abgeschafft. Diese Schulen verlangen im Monat 5000 Córdobas für jeden Schüler. Für die Beförderung mit dem Schulbus muß man noch 4000 Córdobas hinzurechnen; insgesamt etwa ein Zehntel des Gehalts einer Sekretärin. Es gibt eine große Nachfrage nach Plätzen in den privaten Schulen. Viele Funktionäre und Arbeiter der öffentlichen Institutionen wollen, daß ihre Söhne und Töchter dort unterrichtet werden. Auf dem Lande sind die kleinen Schulen geschlossen worden, weil sie zu wenige Schüler haben. Die Kinder sind gezwungen, in die Schulen der Nachbarorte zu gehen. Bereits vor einiger Zeit wurden an den Universitäten die Abendkurse für Nebenfächer abgeschafft.

Der Analphabetismus in der Region der Hauptstadt Managua ist trotz aller Bemühungen auf 28% gestiegen. In jedem Jahr beträgt die Zunahme 4%. • Und die Gesundheitsversorgung? • Die Nachfrage nach medizinischer Versorgung nimmi zu. Aber es ist un-

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möglich, alle Probleme des Gesundheitssektors zu lösen. Die Organisation der Gesundheitseinheiten hat sich gebessert, sie funktionieren 24 Stunden am Tag. Die Priorität wird auf eine Gesundheitskampagne im Interesse der Kinder gelegt. Der Kampf gegen die Diarrhöe wird verstärkt geführt. Man geht gegen die Verbreitung der Malaria und des Dengue- Fiebers vor. Die Liste der für die Volksapotheken grundlegenden Medikamente wurde gekürzt. Private Arztpraxen und Apotheken stehen in voller Blüte. NICARAGUA • Eines der Hauptziele für 1988 war das Ende der Inflation und das Wachstum der Produktion. Welche Resultate wurden erreicht?

• Die Regierung hat in ihrem Kampf ge-