Durch den Mordaufruf der iranischen Ayatollahs volutionären Marxistinnen und Marxisten - angesichts gegen den Schriftsteller Salman Rushdie ist der islami- der Tatsache, daß der schiitische Klerus infolge einer sche Fundamentalismus wieder in den Mittelpunkt des außergewöhnlichen Kombination historischer Umstände öffentlichen Interesses getreten. Anlaß für uns, auf einen den Aufstand gegen das reaktionäre Schah-Regime im bereits 1981 in der Zeitschrift Quatrième Internationale Iran angeführt hatte — nicht unumstritten war. (Nr.6, Oktober/Dezember 1981) erschienenen Beitrag von Salah Jaber zurückzugreifen, der eine Einschätzung Für den Wiederabdruck seines Aufsatzes in Internatiodes Phänomens des islamischen Fundamentalismus lie- nal Marxist Review (Vol.2, Nr.3, Sommer 1987) hat der fert und den grundsätzlich reaktionären Charakter dieser Autor eine Einleitung geschrieben, die wir hier ebenfalls Bewegung aufzeigt, der ursprünglich auch unter den re- wiedergeben.
er folgende Artikel wurde ur- D sprünglich Anfang 1981 geschrieben Doch ich glaube, daß er auch heute, nach sechs Jahren noch relevant ist. Und zwar aus mehreren Gründen.
Erstens ist das Aufkommen des islamischen Fundamentalismus leider immer noch einer der charakteristischsten Züge der politischen Entwicklung im Nahen Osten. Der Artikel bietet eine gedrängte Erklärung dieses Phänomens.
Es wird durch strukturelle und historische Faktoren wie der gesellschaftlichen Formation der betreffenden Gesellschaften, der Wirtschaftskrise, der Tatsache, daß sich die progressive Rolle der nationalistischen Bourgeoisie erschöpft hat, und des Bankrotts der organisierten Arbeiterbewegung erklärt. Der Artikel sah im Aufstieg des islamischen Fundamentalismus mehr ein langfristiges Phänomen als eine platzende Seifenblase. Zweitens hat es keine politischen Anderungen gegeben, die das gezeichnete Bild wesentlich verändert hätten. Einige Dinge verdienen jedoch, erwähnt zu werden. In Ägypten z.B. verschlimmerte die Ermordung Präsident Sadats durch Fundamentalisten im Oktober 1981 die Beziehungen zwischen der Regierung und der islamischen Bewegung in diesem Land beträchtlich. Als Ergebnis ist die in dem Artikel beschriebene lässige Haltung der ägyptischen Bourgeoisie — oder vielmehr ihrer dominierenden Fraktion gegenüber der fundamentalistischen Bewegung einem mehr auf Konfrontation ausgerichteten Herangehen gewichen. Im Libanon hat die durch die israelische Invasion 1982 - in Verbindung mit einer niemals vorher gekannten Wirtschaftskrise lateinamerikanischen Ausmaßes - verursachte Verschlimmerung der Lage zu einem schnellen Anwachsen der fundamentalistischen Bewegung innerhalb der schiitischen Gemeinschaft geführt, was dem dargestellten allgemeinen Phänomen entspricht, aber in besonderer Weise mit der Bewegung im Iran verbunden ist.
Drittens wurden viele der hier aufgeworfenen Fragen damals unter den revolutionären Marxisten kontrovers diskutiert, insbesondere in bezug auf die iranische Revolution. Die zu Fragen wie der im wesentlichen reaktionären, aber widersprüchlichen Natur der Khomeini- Führung vertretenen Auffassungen sind seither bestätigt worden. Der Artikel stellt richtigerweise fest, daß die Entwicklung des Khomeini-Regimes unklar sein würde, indem er auf zwei wichtige Kennzeichen des Regimes hinweis, um diese Auffassung zu stützen.
die Internationale
Zum einen, daß das Einkommen aus dem Ol dem neuen Regime einen gewissen Spielraum gewährt, der unter normalen kapitalistischen Bedingungen undenkbar gewesen wäre. Zweitens, daß die fundamentalistischen Kräfte und die sozialen Schichten, die von ihnen angezogen wurden, sehr verschiedenartig sind - ein Faktor, der das Anwachsen einer ,rivalisierende(n) und antagonistische(n) Vielfalt von Kräften, deren oberflächliche Einheit bisher nur durch die Autorität Khomeinis aufrechterhalten worden ist", impliziert.
Seitdem haben die Auseinandersetzungen innerhalb des Regimes im Iran diese Vermutung nur bestätigt, vom Sturz Bani Sadrs einige Monate, nachdem der Artikel geschrieben worden war, bis zum Kampf zwischen den Fraktionen Rafsandjanis und Montazeris. Es ist offensichtlich, daß der Tod Khomeinis angesichts der gegenwärtigen Situation, diese Krise nur verschärfen wird.
Der Artikel wirft die unvermeidliche Frage nach dem Verhältnis zwischen islamischem Fundamentalismus und Faschismus auf. Grundsätzlich ist es wahr, daß die fundamentalistische Bewegung zahlreiche Kennzeichen des Faschismus, wie sie Trotzki skizziert hat, besitzt: die soziale Basis, den Charakter der politischen Ideologie, den heftigen Antikommunismus und den Totalitarismus. Es gibt jedoch drei wesentliche Faktoren, die uns daran hindern, die fundamentalistische Bewegung auf eine bloße Variante des Faschismus zu reduzieren.
Historisch ist der Faschismus mit dem Großkapital verbunden — als sein Herrschaftsinstrument, das eine extreme Form des Bonapartismus benutzt und gleichzeitig die Reproduktionsbedingungen (natürlich vom kapitalistischen Standpunkt aus) verbessert. In den Ländern, in denen er an die Macht kam, schuf der Faschismus ein neues Wachstum der kapitalistischen Produktivkräfte in einer allgemeinen Situation der imperialistischen Krise. Von diesem Standpunkt aus ist die fundamentalistische Bewegung tatsächlich rückständiger als der Faschismus.
Wenn sie über die Rolle eines Verbündeten der Bourgeoisie in der Konterrevolution hinausgeht und versucht, die Macht für sich selbst zu erobern, beginnt die fundamentalistische Bewegung, gegen die bestehende bürgerliche Ordnung, die das staatliche und private Kapital repräsentiert, zu kämpfen. In den letzten zehn Jahren hat der Fundamentalismus den Platz einer geschwächten Arbeiterbewegung eingenommen. Die Vertreter des Großkapitals haben es daher nicht für erforderlich angesehen, sich für das kleinere Übel zu entscheiden und einen Bündnis mit ihm einzugehen. Die Fundamentalisten sind daher, wie wir im Iran gesehen haben, nicht in der Lage gewesen, mit der Unterstützung eines der dominierenden Sektoren der Bourgeoisie die Macht zu ergreifen.
Tatsächlich ist der einzige Teil der Bourgeoisie, zu dem die fundamentalistische Bewegung eine Affinität hat, die „traditionelle" Bourgeoisie, d.h. der Sektor der herrschenden Klasse, der die Kontinuität mit der vorkapitalistischen Produktionsweise repräsentiert: das mit den Kleinproduzenten für den inneren Markt verbundene Handelskapital, einschließlich derjenigen, die billige importierte Konsumgüter verkaufen. Dies kommt dem Kleinbürgertum sehr gelegen, das keine Bevorzugung des nationalen Industriekapitals auf Kosten seiner quantitativen und qualitativen Kaufkraft wünscht. Die relative Bedeutung dieses Sektors der herrschenden Klasse, sowohl in der Vergangenheit als auch heute, ist eine der Charakteristiken der nahöstlichen Gesellschaften im allgemeinen. Tatsächlich war der Islam von seinen ersten Tagen an mit den aristokratischen Händlern in Mekka verbunden. Dieses besondere Merkmal der islamischen Bewegung bedeutet, daß sie, indem sie versucht, die Uhr der kapitalistischen Entwicklung zurückzudrehen, ihrer spezifischen reaktionären Utopie treuer ist als der Faschismus der seinen. Eine islamische Diktatur könnte die Entwicklung der Produktivkräfte nicht voranbringen, sondern würde weit eher eine Rückentwicklung oder bestenfalls ein Stagnieren zur Folge haben.
Es gibt eine Begleiterscheinung, die widersprüchlich ist: wenn der Kampf der fundamentalistischen Bewegung um die Macht hauptsächlich gegen das große mit dem Imperialismus verbundene Privatkapital gerichtet ist (was in Libyen, Syrien und Afghanistan nicht der Fall war) und wenn dieser Kampf in Ländern stattfindet, wo die Arbeiterbewegung schwach, wenn nicht gar inexistent ist und der Antikommunismus daher ein relativ untergeordneter Aspekt des Fundamentalismus darstellt, treten seine populistischen Seiten in den Vordergrund.
Daraus folgt, daß Revolutionäre mit Massenkämpfen konfrontiert sind, in denen sie auf derselben Seite der Barrikaden stehen wie die Fundamentalisten und mit ihnen gegen den „gemeinsamen Feind" kämpfen müssen, etwas, das im Falle des Faschismus völlig undenkbar wäre. Die Unruhen in Ägypten sind ein Beispiel dafür. Doch selbstverständlich
stellt jeder Kompromiß, der von den Fundamentalisten als Resultat einer solchen Situation vorgeschlagen wird, eine enorme Gefahr für alle Teile der Linken dar, sowohl in moralischer als auch in physischer Hinsicht (wie im Iran und im Libanon).
Die Natur der fundamentalistischen Ideologie dient nur dazu, die Komplexität der taktischen Probleme, die durch ihren Kampf aufgeworfen werden, zu vertiefen. Im Gegensatz zum Faschismus, der eine Ideologie auf der Grundlage der chauvinistischen und rassistischen Losungen seiner Begründer produziert, lehnt die fundamentalistische Bewegung ausdrücklich jede neue Doktrin ab und vertritt eine jahrhundertealte Ideologie auf der Grundlage der islamischen Religion. Entgegen der faschistischen Ideologie wird der Fundamentalismus nicht als von außerhalb der moslemischen Gesellschaft kommend angesehen, sondern als ihr eigen betrachtet.
Die politischen und religiösen Zweideutigkeiten in seinen Auffassungen machen es schwierig, gegen ihn den gleichen ideologischen Kampf zu führen, der gegen den Faschismus erforderlich Das Problem wird durch die Unmöglichkeit, im Islam das Politische vom Religiösen zu trennen, erschwert. In dieser Hinsicht und besonders zu Zeiten, wenn die populistische Seite der Bewegung in den Vordergrund tritt, muß sich die ideologische Taktik der Marxisten mehr auf Lenins Schriften über die Religion als auf Trotzkis Schriften über den Faschismus stützen. Lenin schrieb in dem Artikel Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion" [1909):
Atheistische Propaganda kann unter diesen Umständen ganz überflüssig, ja schädlich sein - nicht vom Standpunkt spießerlicher Erwägungen über die Abschreckung der rückständigen Schichten, über einen Mandatsverlust bei den Wahlen usw., sondern vom Standpunkt des wirklichen Fortschritts des Klassenkampfes, der unter den Verhältnissen der modernen kapitalistischen Gesellschaft die christlichen Arbeiter hundertmal besser zur Sozialdemokratie und zum Atheismus führen wird als die bloße atheistische Propaganda...
Ein Marxist muß es verstehen, die ganze konkrete Situation zu berücksichtigen, stets die Grenze zwischen Anarchismus und Opportunismus zu finden (diese Grenze ist relativ, beweglich veränderlich, aber sie existiert), er darf weder in das abstrakte, phrasenhafte, in Wirklichkeit hohle ,Revoluzzertum' des Anarchisten verfallen noch in das Spießertum und den Opportunismus des Kleinbürgers die Internationale oder des liberalen Intellektuellen, der sich nicht traut, gegen die Religion zu kämpfen, der diese seine Aufgabe vergißt, sich mit dem Glauben an Gott abfindet, sich nicht von den Interessen des Klassenkampfes leiten läßt, sondern von der kleinlichen, kläglichen Berechnung: niemand kränken, niemand abstoßen, niemand abschrecken...
Die Schlußfolgerung ist, daß das einzige wirkliche Gegengift zum gegenwärtigen Aufkommen des islamischen Fundamentalismus ein massiver Anstieg des Klassenbewußtseins der Werktätigen ist, auch wenn dies von außen kommen muß. Der revolutionäre Kampf des Proletariats ist mächtiger und universeller als die Ideologie des fundamentalistischen Universalismus. S.J.
Alle voreiligen Verallgemeinerungen über den Aufstieg des islamischen Fundamentalismus, der für den Beginn des letzten Viertels des 20.Jahrhunderts kennzeichnend war, sind durch das Ausmaß und die Vielfalt der Formen, den er angenommen hat, von vornherein ausgeschlossen. Es wäre völlig verfehlt, würde man den Katholizismus der polnischen Arbeiter mit dem der franquistischen Reaktion gleichsetzen, ohne die jeweiligen Züge der Agrargeschichte Spaniens und Polens oder den politischen und ideologischen Inhalt ihres jeweiligen Katholizismus zu analysieren. In ähnlicher Weise verbietet die elementare analytische Vorsicht die Gleichsetzung solch verschiedener Phänomene wie das Wiederaufleben der moslemischen religiösen und/oder politischen Bewegungen in Ägypten, Syrien, Tunesien, der Türkei, Pakistan, Indonesien oder im Senegal, die Militärdiktatur von Zia- Ul-Haq in Pakistan oder von Ghadafi in Libyen, die Übernahme der Macht im Iran durch den schiitischen Klerus oder die afghanischen Freischärler usw. Selbst einzelne Phänomene, die oberflächlich betrachtet identisch zu sein scheinen, wie die Fortschritte verschiedener Teile derselben Bewegung, der „Moslembrüderschaft" in Ägypten und Syrien, haben unterschiedliche politische Inhalte und Funktionen, die von ihren verschiedenen Nahzielen bestimmt werden. Denn trotz der Übereinstimmung in religiösen Fragen und denen des Alltagslebens und trotz ähnlicher, ja sogar identischer, Bekenntnisse und organisatorischer Formen bleiben die moslemischen Bewegungen im wesentlichen politische Bewegungen. Sie sind somit Ausdruck ganz und gar irdischer gesellschaftlicher und politischer Interessen.
Eine politische Religion
Es hat kein Eindringen des Islam in die Politik gegeben. Der Islam und die Politik waren stets untrennbar. Der Islam ist eine politische Religion im ursprünglichen Sinn dieses Wortes. Daher bedeutet die Forderung nach Trennung von Religion und Staat in moslemischen Ländern mehr als nur eine Säkularisierung: sie ist offen antireligiös. Dies hilft zu erklären, warum keine der bedeutenderen Strömungen des bürgerlichen und kleinbürgerlichen Nationalismus auf dem Terrain des Islam, mit der Ausnahme des Kemalismus in der Türkei, eine Säkularisierung gefordert hat.
Was anderswo eine elementarische demokratische Aufgabe ist — die Trennung von Kirche und Staat —, ist in moslemischen Ländern, vor allem im Nahen Osten, so radikal, daß sie selbst für die Diktatur des Proletariats eine schwer zu lösende Aufgabe sein wird. Sie steht außerhalb des Vermögens jeder anderen Klasse.
Des weiteren haben die demokratischen Klassen der moslemischen Gesellschaften im ganzen sehr wenig Interesse an der Infragestellung ihrer eigenen Religion gehabt. Tatsächlich ist der Islam im 20.Jahrhundert nicht als das ideologische Bindemittel einer veralteten feudalen oder halbfeudalen Klassenstruktur in diesen Gesellschaften verstanden worden, sondern mehr als ein grundlegendes Element der nationalen Identität, die von dem fremden christlichen (sogar atheistischen) Unterdrücker verspottet wurde. Es ist kein Zufall, daß die Türkei die einzige moslemische Gesellschaft ist, die im 20.Jahrhundert keiner direkten fremden Vorherrschaft unterworfen war. Mustafa Kemal führte seine Hauptschlacht nicht gegen Kolonialismus und Imperialismus, sondern gegen das Sultanat, eine Kombination aus weltlicher und religiöser Macht (dem Kalifat). Andererseits hatte ein so radikaler bürgerlicher Nationalist wie Nasser ein starkes Interesse, sich bei seinem. Kampf gegen den Imperialismus auf den Islam zu berufen, denn es war eine einfache Methode, um sich vor der Linken und Rechten gleichzeitig zu schützen. Der Fundamentalismus:
ein vollständiges Programm
Der Islam als ein, wenn auch grundlegendes. Element unter vielen der Ideologie der nationalistischen Strömungen ist nicht der Gegenstand der folgenden Thesen. Die Zeit dieses Islam, wie auch der Strömungen, die sich auf ihn berufen, ist vorbei. In allgemeinerer Weise werden wir unterscheiden zwischen dem Islam, der als ein Mittel benutzt wird, um die Identität einer Nation, einer Gemeinschaft oder sogar einer Sekte zu formen und geltend zu machen, und dem Islam, der als ein Ziel an sich, als ein totaler, weltumspannender Zweck, als ein einheitliches, vollständiges Programm betrachtet wird. Der Koran ist unsere Verfassung" erklärte Hassan Al-Banna, der Gründer der Moslembruderschaft, im Jahre 1928.
die Internationale
Der Islam, der uns im folgenden interessiert, ist der zu einem absoluten Prinzip erhobene Islam - der Islam der Moslembrüderschaft, der Jamaat-i-Islami, der verschiedenen Organisationen der Ulemas und der Bewegung der iranischen Ayatollahs, deren organisierter Ausdruck die Islamische Republikanische Partei ist. Der gemeinsame Nenner dieser Bewegungen ist der islamische Fundamentalismus, d.h. der Wunsch nach einer Rückkehr zum Islam und die auf eine islamische Utopie gerichteten Bestrebungen sind nicht auf eine einzige Nation begrenzt, sondern umfassen die gesamte moslemische Bevölkerung, wenn nicht gar die ganze Welt. In diesem Sinne erklärte Bani-Sadr 1979 gegenüber der Beiruter Zeitung An-Nahar, daß ,der Ayatollah Khomeini ein Internationalist ist; er ist ein Gegner der Stalinisten im Islam, die den Islam in einem Land aufbauen wollen! Dieser „Internationalismus" wird auch durch die Tatsache ausgedrückt, daß die obengenannten Bewegungen über die Grenzen ihrer Ursprungsländer hinausgehen und/oder enge Beziehungen zueinander unterhalten. Sie alle lehnen den Nationalismus im engen Sinne ab und betrachten nationalistische Strömungen - sogar die, die sich zum Islam bekennen als Rivalen, wenn nicht gar als Gegner. Sie sind Gegner der ausländischen Unterdrückung oder des Feindes der Nation im Namen des Islam und nicht zwecks Verteidigung der "Nation"
So sind für Khomeini die USA nicht so sehr „Imperialismus" als vielmehr der Große Satan"; Sadam Hussein ist vor allem ein „Atheist" , ein „Ungläubiger". Für all diese Bewegung ist Israel nicht so sehr der zionistische Usurpator palästinensischen Gebietes als vielmehr „der jüdische Usurpator eines heiligen islamischen Landes."
Eine kleinbürgerliche Bewegung
Wie progressiv, national und/oder demokratisch die objektive Bedeutung mancher von verschiedenen Strömungen des islamischen Fundamentalismus geführten Kämpfe auch sein mag. so ist doch klar, daß ihre Ideologie und ihr Programm in ihrem Wesen reaktionär Denn was für ein Programm zielt darauf ab, einen islamischen Staat, getreu einem Modell aus dem 7.Jahrhundert u.Z., zu schaffen, wenn nicht das einer reaktionären Utopie? Welche Ideologie will eine dreizehn Jahrhunderte alte Ordnung wiederherstellen, wenn nicht eine ganz und gar reaktionäre? Daher ist es ein Irrtum, wenn nicht gar absurd, die islamisch-fundamentalistischen Bewegungen als bürgerlich zu charakterisieren, welche Übercinstimmungen auch immer mit der Bourgeoisie oder einem ihrer Teile in den Kämpfen, die sie führen, bestehen mögen.
Genau so verfehlt ist es, sie als revolutionar zu kennzeichnen, wenn sie in einen Konflikt mit dieser Bourgeoisie geraten. Sowohl durch die Natur ihres Programms und ihrer Ideologie als auch aufgrund ihrer sozialen Zusammensetzung und sogar der sozialen Herkunft ihrer Gründer sind die islamisch-fundamentalistischen Bewegungen kleinbürgerliche Bewegungen.
Sie verachten gleichermaßen die Vertreter des Großkapitals, des Proletariats, der imperialistischen Staaten und der Arbeiterstaaten. Sie stehen den beiden Polen der Gesellschaft, von denen sie bedroht werden, feindlich gegenüber: der Bourgeoisie und dem Proletariat. Sie entsprechen der Fraktion des Kleinbürgertums, das im „Kommunistischen Manifest" folgendermaßen beschrieben wird:
„Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekämpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz als Mittelstände vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen. "2 Die kleinbürgerliche islamische Reaktion findet ihre Ideologen und organisierenden Kader unter den „traditionellen Intellektuellen** der moslemischen Gesellschaft, den Ulemas und dergleichen, wie auch unter den niedrigeren Rängen der ,,organischen Intellektuellen" der Bourgeoisie, diejenigen, die aus dem Kleinbürgertum kommen und dazu verdammt sind, in ihm zu verbleiben: insbesondere Lehrer und Geistliche. Der islamische Fundamentalismus rekrutiert vornehmlich in Universitäten und anderen Zentren für die Produktion von „Intellektuellen" in denen diese mehr durch ihre gesellschaftliche Herkunft konditioniert sind als durch eine hypothetische und unsichere Zukunft.
Gesellschaftliche Basis
In jenen Ländern, in denen die islamischfundamentalistische Reaktion fähig gewesen ist, sich als Massenbewegung zu konstituieren, und nun den Wind in ihren Segeln spürt, stellen die Mittelklassen, wie sie im „Kommunistischen Manifest" definiert werden, cinen hohen Anteil der Bevölkerung: Kleinindustrielle, Ladenbesitzer, Handwerker und Bauern. Dennoch mobilisiert jede Eruption des islamischen Fundamentalismus nicht nur einen bestimmten Teil der Mittelklassen, sondern auch Fraktionen anderer Klassen, die von den Mittelklassen unter dem Einfluß der ursprünglichen Kapitalakkumulation und der Pauperisierung neu hervorgebracht worden sind.
Somit sind jene Fraktionen des Proletariats, deren Pauperisierung erst in der letzten Zeit erfolgt ist, und vor allem alle Fraktionen des Subproletariats, die durch den Kapitalismus aus ihren früheren kleinbürgerlichen Positionen geworfen wurden, besonders empfänglich für die fundamentalistische Agitation und können leicht in ihrem Fahrwasser mitgerissen werden.
So sicht die soziale Basis des islamischen Fundamentalismus, seine Massenbasis, aus. Diese Basis steht jedoch nicht zwangsläufig hinter der religiösen Reaktion wie die Bourgeoisie hinter ihrem eigenen Programm. Wie stark das religiöse Gefühl der Massen auch immer sein mag — selbst wenn es sich dabei um den Islam handelt —, es gibt einen qualitativen Sprung zwischen diesem Gefühl und der Bindung an eine Religion als eine irdische Utopie: damit das Opium der Massen im Zeitalter der Automation wieder zu einer attraktiven Alternative wird, ist es tatsächlich erforderlich, daß diese Massen keine andere Wahl haben, als sich Gott zu weihen.
Denn das mindeste, das man über den Islam sagen kann, ist, daß seine Aktualität nicht deutlich ist! Tatsächlich wirft der islamische Fundamentalismus mehr Fragen auf, als er löst: so das Problem der Aktualisierung eines dreizehn Jahrhunderte alten Gesetzbuches. Obwohl dieses Gesetzbuch mehrere Jahrhunderte jünger ist als das römische Recht, wurde es doch von einer Gesellschaft produziert, die wesentlich rückständiger war als das Rom der Antike. (Der Koran wurde weitgehend durch die Torah inspiriert, wie auch die Lebensweise der Araber sehr der der Hebräer ähnelte.)
In anderen Worten, der orthodoxeste moslemische Fundamentalist ist unfähig, bloß mit Hilfe der Exegese auf die Probleme der modernen Gesellschaft zu antworten, wenn diese Exegese nicht völlig willkürlich und somit eine Quelle endloser Meinungsverschiedenheiten zwischen den Exegeten sein soll. Es gibt deshalb so viele Interpretationen des Islam wie Interpreten.
Der Kern der islamischen Religion, der alle Moslems vereint, befriedigt in keiner Weise die drängenden materiellen Bedürfnisse des Kleinbürgertums, unabhängig davon, daß er ihre geistigen Bedürfnisse befriedigen kann Der islamische Fundamentalismus ist an sich keinesfalls das geeignetste Programm für die Bestrebungen der sozialen Schichten, auf die er sich stützt.
Die oben beschriebene soziale Basis ist durch ihre politische Mannigfaltigkeit charakterisiert. Die bereits zitierte Stelle aus dem „Kommunistischen Manifest" beschreibt keine dauernde Haltung der Mittelklassen, sondern nur den realen Inhalt ihres Kampfes gegen die Bourgeoisie, d.h. wenn sie sich gegen das Bürgertum wenden. Denn vor einem Kampf gegen die Bourgeoisie waren die Mittelklassen ihre Verbündeten im Kampf gegen den Feudalismus; bevor sie versuchten, den Gang der Geschichte umzukehren, hatten sie zu ihrem Fortschritt beigetragen. Die Mittelklassen sind vor allem die soziale Basis der demokratischen Revolution und des nationalen Kampfes. In abhängigen und rückständigen Gesellschaften, wie den moslemischen, üben sie diese Rolle solange aus, wie die Aufgaben der nationalen und demokratischen Revolution nicht vollendet sind. Sie sind die entschiedensten Unterstützer jeder bürgerlichen (und erst recht kleinbürgerlichen) Führung, die diese Aufgaben auf ihre Fahnen geschrieben hat.
Die Mittelklassen sind die soziale Basis par exellence des Bonapartismus der aufstrebenden Bourgeoisie. (Tatsächlich sind sie die soziale Basis jedes bürgerlichen Bonapartismus.) Es ist deshalb erforderlich, daß die bürgerliche oder kleinbürgerliche Führung, die die nationalen und demokratischen Aufgaben in die Hand nimmt, die eigenen Grenzen bei
der Erfüllung dieser Aufgaben erreicht hat, um in den Augen breiter Sektoren der Mittelklassen ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren, so daß diese sich von ihr trennen und andere Wege suchen.
Selbstverständlich stellen die Mittelklassen die etablierte Ordnung nicht in Frage, solange der Aufstieg des Kapitalismus den Weg des sozialen Aufstiegs zu öffnen scheint und sich ihre Existenzbedingungen verbessern. Selbst wenn sie entpolitisiert oder ohne Enthusiasmus sind, so spielen sie doch die Rolle der „schweigenden Mehrheit" der bürgerlichen Ordnung. Aber wenn die kapitalistische Entwicklung mit aller Gewalt auf sie einwirkt mit dem Gewicht der nationalen und/oder internationalen Konkurrenz, von Inflation und Verschuldung —, werden die Mittelklassen zu einem beachtlichen Reservoir an oppositioneller Gewalt gegen die etablierte Ordnung. Sic sind frei von aller bürgerlichen Kontrolle und umso ernstzunehmender, als die Wut und die Gewalt des Kleinbürgertums in Not ohne Parallele sind.
Reaktion oder Revolution
Selbst dann ist die Reaktion nicht notwendigerweise der einzige Weg, der dem Kleinbürgertum offen steht, das von der kapitalistischen Gesellschaft unterdrückt wird und von der national-demokratischen bürgerlichen und kleinbürgerlichen Führung enttäuscht ist. Zumindest theoretisch steht den Mittelklassen noch ein anderer Weg zur Verfügung. Sie sind mit der Alternative Reaktion oder Revolution konfrontiert. Sie können tatsächlich am revolutionären Kampf gegen die Bourgeoisie teilnahmen, wie es das Kommunistische Manifest" prophezeit hat:
Sind sie revolutionär, so sind sie es im Hinblick auf den ihnen bevorstehenden Übergang ins Proletariat, so verteidigen sie nicht ihre gegenwärtigen, sondern ihre zukünftigen Interessen, so verlassen sie ihren eigenen Standpunkt, um sich auf den des Proletariats zu stellen.**)
Jedoch in den zurückgebliebenen und abhängigen Gesellschaften, die das Kommunistische Manifest" nicht ins Auge faßt*, haben die Mittelklassen absolut keinen Grund, ihren eigenen Standpunkt aufzugeben, um sich der Führung des Proletariats zu unterstellen. Ganz im Gegenteil, nur dadurch, daß es sich der Bestrebungen der Mittelklassen annimmt, besonders der nationalen und demokratischen Aufgaben, kann das Proletariat sie für seinen Kampf gewinnen.
Aber damit das Proletariat das Vertrauen der Mittelklassen erlangt, muß es eine glaubwürdige Führung haben, die sich auf politischer und praktischer Ebene bewährt hat. Wenn sich dagegen die dominierende Führung des Proletariats auf der Ebene der nationaldemokratischen politischen Kämpfe diskreditiert hat (während sie ihre führende Position aufgrund ihrer Rolle in den Gewerkschaften oder aufgrund des Fehlens einer alternativen Führung behält), wenn sie sich des mangelnden politischen Willens in bezug auf die etablierte Ordnung oder schlimmer noch der die Internationale
Unterstützung dieser Ordnung schuldig gemacht hat, dann werden die Mittelklassen keine andere Wahl haben, als der kleinbürgerlichen Reaktion zuzuhören - auch wenn sie so zweideutig ist wie die islamische Reaktion -, und ihren Aufrufen Folge leisten. Einige Beispiele
In allen Ländern, in denen der islamische Fundamentalismus an Boden gewonnen hat, insbesondere in Ägypten, in Syrien, im Iran und in Pakistan, existieren die oben beschriebenen Bedingungen. In all diesen Ländern hat sich die Lage für die Mittelklassen offenkundig im Laufe der letzten Jahre verschlechtert. Auch wenn einige dieser Länder Öl exportieren, so war dort für die Mehrheit des Kleinbürgertums die einzige Auswirkung des massiven Ölpreisanstiegs eine zügellose Inflation.
Außerdem ist in diesen Ländern die bürgerliche und kleinbürgerliche national-demokratische Führung diskreditiert. In den vier genannten Staaten sind diese Führungen einem Test der Macht unterworfen worden. Mit dem Versuch, ihr national-demokratisches Programm zu verwirklichen, hatten sie um sich herum in bestimmten Momenten ihrer Geschichte nahezu die Einmütigkeit der Mittelklassen erreicht. Einige, besonders Ägypten und Länder, in denen Nasser einen großen Einfluß hatte, sind recht weit in diese Richtung gegangen. Diese Nationalisten waren in der Lage, lange an der Macht zu bleiben, oder sind dies tatsächlich noch, weil sie über die Armee an die Macht gekommen sind. Im Iran und in Pakistan, wo die Nationalisten zivile Regierungen bildeten, wurden sie rasch von der Armee beseitigt. Mossadegh und Bhutto endeten kläglich. In jedem Fall ist der Fortschritt in Richtung auf eine Verwirklichung des national-demokratischen Programms innerhalb des Rahmens und der Grenzen des bürgerlichen Staates heute in den vier oben genannten Ländern stark reduziert oder fast inexistent.
Selbst im Iran, wo die Erfahrung mit Mossadegh nur kurz war, nahm es der Shah, von seinen US-Ratgebern beraten, durch seine cigenen pseudo-bismarckischen Methoden auf sich, sowohl die Rolle eines Robespierre als auch eines Bonaparte zu spielen. Andererseits sind die einzigen bemerkenswerten politischen Organisationen der Arbeiterbewegung in der gesamten Region stalinistische Organisationen, die durch ihre lange Geschichte des Verrats der Kämpfe der Volksmassen und der Kompromisse mit den herrschenden Mächten vollkommen diskreditiert sind.
Somit konnte keine Arbeiterorganisation sowie keine bürgerliche oder kleinbürgerliche nationalistische Organisation davon profitieren, als sich die Unzufriedenheit der Mittelklassen in diesen Ländern in den letzten Jahren auszudrücken begann. Der Weg war frei für die kleinbürgerliche islamisch-fundamentalistische Reaktion. Dagegen konnte der Fundamentalismus in Algerien, Libyen® und im Irak, wo der aufgeklärte Despotismus einer bürgerlich- oder kleinbürgerlich-nationalistischen Bürokratie es weiten Teilen der Mittelklassen ermöglichte, von den Einkommen aus dem Öl zu profitieren, kontrolliert werden. Unterstützung für die reaktionäre Bourgeoisie
Wenn der Fundamentalismus in Ägypten wie in Sytien, im Iran wie in Pakistan Fortschritte gemacht hat, so unterscheiden sich die Formen und das Ausmaß dieses Fortschritts deutlich von einem Land zum anderen.? In Syrien ist der Fundamentalismus der Hauptrivale des dekadenten Bonapartismus der bürgerlichen Bürokratie der Baath-Partei, gegen die er einen Kampf auf Leben und Tod begonnen hat. Dabei profitiert er insbesondere von der Tatsache, daß die regierende Gruppe einer religiösen Minderheit angehört. Der extreme und ausschließlich reaktionäre Charakter des Programms des syrischen Fundamentalismus reduziert seine Möglichkeiten, aus eigener Kraft die Macht zu ergreifen nahezu auf ein Nichts. Er kann auf der Basis dieses Programms nicht die für den Sturz des Baath-Regimes notwendigen Kräfte mobilisicren. Noch weniger kann er allein mit wirtschaftlichen Problemen fertig werden, die so heikel sind wie die Syriens.
Die syrische fundamentalistische Bewegung ist daher dazu verurteilt, mit den besitzenden Klassen Syriens (Bourgeoisie und Grundeigentümer) zusammenzuarbeiten. Sie ist nicht — und kann auch nicht - mehr sein als deren Speerspitze.
Ähnlich ist in Ägypten die Möglichkeit für eine autonome Machtergreifung durch die fundamentalistische Bewegung sehr begrenzt. Ihr relativer Einfluß ist dort beträchtlich kleiner als in Syrien. In diesen Ländern hat sich die fundamentalistische Bewegung in einem langen Kampf gegen progressive Regime gestärkt, was ihren reaktionären Charakter nur noch mehr betont.
Das bloße Ausmaß der Wirtschaftsprobleme Agyptens macht die Anwartschaft der fundamentalistischen Bewegung auf die Macht noch weniger glaubwürdig. Die ägyptische Bourgeoisie ist sich dessen vollkommen bewußt und hat gegenüber der fundamentalistischen Bewegung großes Entgegenkommen gezeigt. In ihren Augen stellt sie eine ideale „fünfte Kolonne"" innerhalb der Massenbewegung dar — ein besonders wirksamer Antikörper" gegen die Linke. Deshalb ist sie auch nicht beunruhigt, wenn die fundamentalistische Bewegung die Linke auf dem ihr eigenen Gebiet bekämpft: die nationale und soziale Frage.
Jeder Fortschritt der islamischen Reaktion reduziert den der Linken entsprechend. Die Haltung der ägyptischen Bourgeoisie gegenüber der fundamentalistischen Bewegung ähnelt der jeder Bourgeoisie angesichts einer tiefen gesellschaftlichen Krise in bezug auf die extreme Rechte und den Faschismus. Pakistan unterscheidet sich von Ägypten dadurch, daß sich die fundamentalistische Bewegung dort hauptsächlich unter reaktionáren Regimen gefestigt hat. Sie war deshalb fähig, für eine lange Zeit einige Elemente des
national-demokratischen Programms zu übernehmen und so eine glaubwürdige Opposition zur etablierten Ordnung darzustellen. Doch während dieser langen Zeiträume gehörten auch bürgerliche demokratisch-nationalistische Tendenzen zur Opposition, und sie waren glaubwürdiger und einflußreicher als die fundamentalistische Bewegung. Es bedurfte erst eines Bhutto, der die Stadien einer nasseristischen Entwicklung in einer beeindruckenden historischen Abkürzung übersprang, die Massen rasch entfremdete, indem er sich in seine eigenen Widersprüche verfing, und so das Terrain für die von der fundamentalistischen Bewegung dominierte extreme Rechte freimachte, denn eine nennenswerte extreme Linke gab es in Pakistan nicht.
Das Scheitern Bhuttos war so total, daß es der fundamentalistischen Bewegung gelang. eine breite Massenbewegung gegen ihn zu mobilisieren. Um der „Anarchie" zuvorzukommen, die aus einem Sturz Bhuttos durch diese Mobilisierung hätte resultieren können (vgl. Iran!), fand der Staatsstreich statt. Um die Sympathie der fundamentalistischen Bewegung zu gewinnen, übernahm die reaktionäre bürgerliche Militärdiktatur von Zia-Ul- Haq in opportunistischer Weise die islamischen Reformprojekte der Fundamentalisten. Sie stützt sich heute auf die fundamentalistische Bewegung, um jede progressive" Opposition zu ihrem Regime, einschließlich der chemaligen Partei Bhuttos, zu neutralisieren.S In diesen drei Fällen hat sich die fundamentalistische Bewegung als nichts anderes erwiesen als eine Stütze der reaktionären Bourgeoisie. Der Fall des Iran liegt jedoch anders. Iran: umgekehrte permanente Revolution
Im Iran formte sich die fundamentalistische Bewegung — repräsentiert vor allem durch die fundamentalistische Tendenz der schiitischen Geistlichkeit - in einem langen und erbitterten Kampf gegen das zutiefst reaktionäre vom Imperialismus unterstützte Shah- Regime. Das jämmerliche historische Scheitern des iranischen bürgerlichen Nationalismus und des iranischen Stalinismus ist so bekannt, daß es hier nicht beschrieben werden muß.
Aufgrund dieser besonderen historischen Umstände gelang es der fundamentalistischen Bewegung, die einzige Speerspitze der beiden unmittelbaren Aufgaben der national-demokratischen Revolution im Iran zu werden: der Sturz des Shah und der Bruch mit dem US- Imperialismus. Diese Lage konnte umso cher entstehen, als diese beiden Aufgaben sich in vollkommener Harmonie mit dem insgesamt reaktionären Programm des islamischen Fundamentalismus befanden.
Somit schaffte es die von Khomeini personifizierte fundamentalistische Bewegung, als die soziale Krise sich im Iran bis zu dem Punkt vertiefte, daß die Voraussetzungen für einen revolutionären Sturz des Shahs geschaffen waren, als die Stimmung der Mittelklassen gegen ihn ihren Siedepunkt erreichte, die ungeheure Gewalt der verzweifelten Masse der die Internationale
Mittelklassen und des Subproletariats - darauf besessen, unbewaffnet zu bleiben, wie es nur eine mystische Bewegung kann — dazu zu bringen, dem Regime eine Reihe von tödlichen Schlägen zu versetzen.
Der iranischen fundamentalistischen Bewegung gelang es, die erste Etappe einer national-demokratischen Revolution zu vollenden. Doch bald darauf sollte ihr fundamentalistischer Charakter die Oberhand gewinnen. In einem gewissen Sinne ist die iranische Revolution eine umgekehrte permanente Revolution. Beginnend auf dem Terrain der national-demokratischen Revolution hätte sie unter einer proletarischen Führung den Weg sozialistischer Veränderungen beschreiten können. Ihre kleinbürgerliche fundamentalistische Führung hat dies verhindert und sie stattdessen in eine reaktionäre Richtung gedrängt.
Die Februarrevolution von 1979 ähnelt in erstaunlicher Weise der vom Februar 1917 zwei identische Ausgangspunkte für zwei diametral entgegengesetzte Entwicklungen. Während der Oktober die Vollendung der russischen demokratischen Revolution ermöglichte, verriet die fundamentalistische Führung den demokratischen Inhalt der iranischen Revolution.
Die Bolschewiki ersetzten die Konstituierende Versammlung, nachdem sie für deren Wahl gekämpft hatten, durch die zutiefst demokratische Macht der Sowjets. Die Ayatollahs ersetzten die Konstituierende Versammlung, die sie auch an die Spitze ihrer Forderungen gestellt hatten, der sie aber nicht erlaubten, das Licht der Welt zu erblicken, durch die reaktionäre Karikatur der moslemischen Expertenversammlung"
Im Schicksal dieser beiden Revolutionen gemeinsamen Forderung tritt deutlich die gegensätzliche Natur ihrer Führungen zutage. Was die demokratischen Organisationsformen betrifft, die im Verlauf des iranischen Februar erschienen, so wurden sie von der islamischen Führung für ihre Zwecke eingespannt: es liegt eine Welt zwischen den „Shoras" und den Sowjets!
Auf dem Gebiet der nationalen Frage, wo der proletarische Internationalismus der Bolschewiki die Emanzipation der unterdrückten Nationalitäten des russischen Reiches ermöglichte, erwies sich der islamische Internationalismus" der Ayatollahs als religiöser Vorwand für die blutige Repression gegen die unterdrückten Nationalitäten des persischen Kaiserreiches. Das Schicksal der Frauen in den beiden Revolutionen ist ebenfalls nur zu gut bekannt.
Die fundamentalistische iranische Führung blieb dem national-demokratischen Programm nur in einem Punkt treu: im Kampf gegen den US-Imperialismus. Doch auch dies tat sie in der ihr eigenen Weise. Indem er den Feind nicht als Imperialismus, sondern als den „Westen", wenn nicht als „Großen Satan" beschrieb, rief Khomeini dazu auf, das Kind mit dem Bade auszuschütten, ja mehr noch, das Kind vor dem Badewasser.
Er schrieb dem verhaßten „Westen" alle politischen und sozialen Errungenschaften der bürgerlichen Revolution zu, einschließlich der „Demokratie"* und des (zu Recht) als ein Produkt der industriellen „westlichen" Zivilisation angesehenen Marxismus, und rief dazu auf, diese Plagen der iranischen Gesellschaft auszurotten, wobei er die wichtigsten Verbindungen zwischen dem Iran und dem Imperialismus nicht berücksichtigte: die wirtschaftlichen Verbindungen.
Die Affäre mit der US-Botschaft brachte dem Iran, so wie sie ausgeführt wurde, keinerlei Vorteile. Sie erwies sich als kostspielig. da letztenendes die amerikanischen Banken davon profitierten. Was auch immer die weitere Entwicklung der fundamentalistischen Diktatur im Iran sein sollte, sie hat sich bereits jetzt als ein wesentliches Hindernis für den Fortgang der iranischen Revolution erwiesen. Diese Entwicklung ist im übrigen sehr problematisch. Über die oben beschriebene besondere Kombination von Umständen hinaus gibt es einen grundlegenden Unterschied zwischen dem Iran und den drei vorher betrachteten Ländern: der Iran kann sich den „Luxus" einer autonomen kleinbürgerlich-fundamentalistischen Staatsmacht leisten. Sein Olreichtum garantiert eine ausgeglichene Zahlungsbilanz. Doch zu welchem Preis und wie lange? Schon jetzt ist die ökonomische Bilanz von zwei Jahren fundamentalistischer Machtausübung eindeutig negativ im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren. Andererseits werden sich die innere Widersprüchlichkeit des fundamentalistischen „Programms" und die große Vielfalt der sozialen Schichten, die es für sich einfordern und es entsprechend ihren jeweiligen Besonderheiten interpretieren, in eine rivalisierende und antagonistische Vielfalt von Kräften, deren oberflächliche Einheit bisher nur durch die Autorität Khomeinis aufrechterhalten worden ist, verwandeln. Ein gefährlicher Gegner
Der islamische Fundamentalismus ist einer der gefährlichsten Gegner des revolutionären Proletariats. Es ist absolut und unter allen Umständen erforderlich, seinen „reaktionären und mittelalterlichen Einfluß" zu bekämpfen, wie schon die „Thesen über die nationale und koloniale Frage* , die auf dem II. Kongreß der Kommunistischen Internationale [1920] angenommen wurden, betonten.
Auch in Fällen wie dem Iran, wo die fundamentalistische Bewegung vorübergehend national-demokratische Aufgaben übernimmt. ist es die Pflicht der revolutionären Kommunisten und Kommunistinnen die Mystifikation, die er auf die kämpfenden Massen ausübt, unbarmherzig zu bekämpfen. Denn die Massen werden den Preis zu zahlen haben, wenn es ihnen nicht gelingt, sich rechtzeitig von ihr zu befreien.
Während sie zusammen gegen den gemeinsamen Feind kämpfen, müssen die revolutionären Kommunisten die werktätigen Massen vor jeder reaktionären Ablenkung ihres Kampfes warnen. Jedes Versäumnis bei diesen elementaren Aufgaben stellt nicht nur einen grundlegenden Mangel dar, es birgt auch in sich die Gefahr einer opportunistischen Abweichung der revolutionären kommunisti-
stischen Organisation.
Doch auch hier, in Fällen, in denen der islamische Fundamentalismus ausschließlich in reaktionärem Gewand einhergeht, müssen die revolutionären Kommunisten bei ihrem Kampf gegen ihn eine vorsichtige Taktik verwenden. Insbesonder müssen sie vermeiden, sich in der Falle der Fundamentalisten zu verfangen, indem sie den Kampf auf religiösem Terrain führen. Sie sollten ihn strikt auf den nationalen, demokratischen und sozialen Bereich begrenzen.
Denn die revolutionären Kommunisten dürfen nicht außer acht lassen, daß ein — oft bedeutender — Teil der Massen, auf die der Fundamentalismus seinen Einfluß ausübt, von ihm gelöst werden kann und muß und für den Kampf des Proletariats zu gewinnen ist. Indem sie so handeln, müssen die revolutionăren Kommunisten und Kommunistinnen ohne Umschweife für die Säkularisierung der Gesellschaft - ein elementares Element des demokratischen Programms - eintreten. Sie können ihren Atheismus in den Hintergrund treten lassen, nicht aber ihren Laizismus, wenn sie nicht Marx durch Mohammed ersetzen wollen. * Anmerkungen:
1. W.I.Lenin, Werke, Bd. 15, Berlin 1970, S.409-410. 2. K.Marx/F.Engels, Manifest der Kommunistischen Partei [1848], in: Werke [MEW]. Bd.4. Berlin 1964. S.472. 3. Ebd.
4. In der berühmten Ansprache von Marx und Engels an den Bund der Kommunisten von 1850 wird man eine andere Beschreibung der Rolle des Kleinbürgertums finden, wenn auch sein Anschluß an das Proletariat nicht ins Auge gefaßt wird. [Vgl. K.Marx/F.Engels, Ansprache der Zentralbe hörde an den Bund vom März 1850, in: MEW. Bd.7, Berlin 1982, v.a. S.247/248.] 5. In Tunesien und im Libanon behindert die weitreichende „Verwestlichung" der Gesellschaft das Voranschreiten des islamischen Fundamentalismus, der dort nicht weniger real ist.
6. Ghadafi ist nicht, wie man vermuten könnte, ein Fundamentalist im wirklichen Sinne dieses Begriffs. Er war es bis zu einem bestimmten Punkt - in den ersten Jahren seiner kleinbürgerlichen Diktatur. Er wurde eine Art Vorläufer des gegenwärtigen Wiederaufkommens des Fundamentalismus und. sogar einer seiner Anstifter. Seine weitere Radikalisierung erstreckte sich auch auf den Islam, den er heute vorgibt, reformieren zu wollen. Die Moslembruderschaft existiert in Libyen und wird dort unterdrückt. 7. Sie unterscheiden sich auch bei den verschiedenen Bestandteilen des Fundamentalismus innerhalb eines jeden Landes, aber im Rahmen dieser allgemeinen Thesen, können wir keine Einschätzung dieser Unterschiede geben. [8. Zur Bedeutung des Regierungsantritts Benazir Bhuttos im November 1988 siche das Interview mit Tarig Ali in International Viewpoint, Nr. 154, 26. Dezember 1988, S.6-8.] die Internationale
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