Wahrheit oder Tod —Pierre Broués neue Trotzki-Biographie
In jeder Epoche mull versucht werden, die gabe der Trotzki-Werke in französischer Jberlieferung von neuem dem Konformismus Sprache, die Leitung der Zeitschrift Cahiers abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu über- Léon Trotsky in Frankreich) bereits außerorwältigen. "
Walter Benjamin, Über den Begriff dentlich Gediegenes und für die revolutionäre der Geschichte Überlieferung Wertvolles geleistet hat.
Die Übersetzung von Broués Trotzki-Biographie ins Deutsche wäre eine unschätzbare ie bislang nur im französischen Ori- Bereicherung für die deutschsprachigen Mar- D ginal erschienene Trotzki-Biogra- xistinnen und Marxisten. Diese pathetisch phie von Pierre Broué ist ein wirkli- klingende Behauptung bedarf in der heutigen ches Geschenk für die Arbeiterbewegung und Zeit einer dreifachen Erklärung, einer allgeihre revolutionäre Strömung. Sie stellt den mein theoretischen, einer geschichtlichen Höhepunkt des Schaffens eines marxistischen bzw. ideengeschichtlichen und einer spezifi- Autors dar, der mit seinen bisherigen Arbei- schen, die sich aus dem Charakter des Werkes ten (insbesondere: Révolution en Allemagne selbst ableitet.
1917-1923 [1971]. La révolution et la guerre Ein ganzer Teil der revolutionären Vorhut d'Espagne (1961, mit E.Témime, dt. Revolu- - und das betrifft, wie wir wissen, auch einen tion und Krieg in Spanien (1968)]. die Heraus- Teil der Mitglieder unserer eigenen Partei,
der VSP - begreift heute nicht mehr die Wichtigkeit der Verarbeitung der Erfahrungen der Arbeiterbewegung, der Geschichte der Revolutionen und revolutionären Parteien und Strömungen für die Ausarbeitung einer revolutionär-marxistischen Programmatik und Politik heute.
Diese Unterschätzung, die auf Dauer für die revolutionär-sozialistische Vorhut tödlich sein muß, hat objektive Gründe. Auf dieser Ebene ist das stalinistische Erbe das einer völlig unfruchtbaren Schwarzweißmalerei. Die auserkorenen Führungs- und Vorbildfiguren hatten immer recht. Die Geschichte ist die Geschichte des Abweichens von der wahren Linie, die Geschichte der Siege über die Opportunisten und Feinde in den eigenen Reihen. Wer sich heute mit Abscheu von dieser Art Geschichtsschreibung à la Geschichte der KPdSU (B) - Kurzer Lehrgang abwendet, bleibt gezeichnet und findet keineswegs unbefangen zu einem marxistischen Herangehen an die Lehren der Geschichte.
Die Ermutigung dazu ist ja auch gering. Von trotzkistischer Seite erwarten diejenigen, die von sich glauben, Stalinisten" gewesen zu sein und damit gebrochen zu haben, eine dem Stalinismus spiegelbildliche Einseitigkeit sowie einen neuen Schematismus. Die Unreife vieler, die sich mit mehr oder weniger Berechtigung das Etikett trotzkistisch" auf ihre Stirn heften, bestärkt noch diejenigen, die, ausgehend davon, daß Geschichte sich nicht wiederholt, die Lehre ziehen, daß „Lehren" nur Schablonen sein können, die den Blick auf die Wirklichkeit verstellen.
Doch diese Lehre ist selbst einseitig. Die vergangenen, gegenwärtigen und kommenden Situationen enthalten nicht nur das Moment der Verschiedenheit, Sondern auch das der Gleichheit. Wer den Blick vor der eigenen Vergangenheit (der Arbeiterbewegung. der kommunistischen, revolutionären Bewegung verschließt und vor der Kompliziertheit der Aufgabe kapituliert, Lehren zu ziehen — ohne sich den Blick für Neues zu verstellen —, beraubt sich der Fähigkeit, irgendein politisches Urteil zu fällen und wird die revolutionäre Bewegung eines Tages mit dem Schlachtruf verlassen: „Nichts Genaues weiß man nicht!" Die entscheidende ideengeschichtliche Wirkung des Stalinismus ist keineswegs die, Stalinisten hervorgebracht, sondern revolutionäres Bewußtsein zersetzt, marxistische Erkenntnis getrübt zu haben. Ohne Rekonstruktion der wirklichen Auseinandersetzungen in der bolschewistischen Partei bis zum endgültigen Sieg der Stalinschen Apparat-Fraktion bleiben wichtige Bestandteile der revolutionären Uberlieferung verschüttet. Vor Broues Trotsky nun bliebe wieder nur die Taktik, die Augen zu schließen. Doch die freiwillig Blinden werden verlieren.
Mit wenigen Ausnahmen, die es nicht lohnt, hier auszuführen, leistet Broués Buch die authentische Rekonstruktion der politischen Bedeutung Trotzkis als Theoretiker, Schriftsteller und Revolutionär sowie seines Kampfes gegen die Stalin-Fraktion und schließlich für eine neue Internationale. Wer den wissenschaftlichen Charakter dieser Biographie, die Solidität des Umgangs mit die Internationale dem vorliegenden Material, die Überprüfbarkeit der Behauptungen abstreiten wollte, begäbe sich mit sofortiger Wirkung außerhalb des Kreises derjenigen, mit denen eine Diskussion darüber lohnen würde. Die politischen Urteile Broués sind wegen der wissenschaftlichen Solidität seiner Biographie stets mindestens der Diskussion zugänglich und wert, und die Anerkennung des authentisch rekonstruierten historischen Materials ist Voraussetzung dieser Diskussion.
Nachdem in der UdSSR ein winziger Teil dessen, wofür Trotzki stand, unter den Schuttbergen stalinistischer Fälschungen und Verleumdungen ans Licht hervorgezogen wurde, liegt mit Broués Buch nun eine Arbeit vor, die auch geeignet ist, Vorurteile über Trotzki zu beseitigen, die sogar in der ihm wohlwollenden Überlieferung ein langandauerndes apokryphes Überleben erschleichen konnten. Hierfür ein Beispiel.
In der bislang wichtigsten, von Isaac Deutscher verfaßten, Trotzki-Biographie steht ein Scheinzitat, das auch den Autor dieser Zeilen lange Jahre beunruhigt hatte. Zur Zeit der gemeinsamen Vorherrschaft Stalins und Bucharins in der Führung der KPdSU, 1926/27, und zur Zeit des Aufbrechens des Gegensatzes zwischen ihnen, 1928, sei Trotzkis Haltung gewesen: Mit Stalin gegen Bucharin? Ja. Mit Bucharin gegen Stalin? Nie. " In Wirklichkeit hatte Trotzki sich nie so geäußert. In Wirklichkeit argumentierte er nicht nur gegen diejenigen in der Opposition, die wegen der Stalinschen Wende gegen den Kulaken" vor der Führung kapitulierten, sondern schrieb auch explizit (bei Broué S.585f.), daß Bucharins Forderungen hinsichtlich des Parteiregimes (insbesondere die Rückkehr zu demokratischen Normen, das Recht der Minderheiten, ihre Meinung in der Partei zu vertreten, usw.) zu unterstützen seien.
Während es im Rückblick naheliegt zu urteilen, daß Trotzki und viele andere die Gefahr der kapitalistischen Restauration im Vergleich zur Gefahr der Verfestigung einer langandauernden bürokratischen Apparatherrschaft überschätzten, ist es doch keineswegs richtig, daß er seine Politik damals ausschließlich an dieser Achse orientiert hätte. Broué zeigt, daß die Frage der Demokratie in der Partei für Trotzki entscheidend war, als Voraussetzung jeder politischen Klärung. So war er bereit, zusammen mit der Partei,, rechten" dafür zu kämpfen, um die Meinungsverschiedenheiten mit ihr durch politische Diskussion austragen zu können.
Der wirkliche Trotzki, und das heißt auch der Trotzki Broués, war ein Mensch, der von früher Jugend an sein Leben der sozialistischen Revolution gewidmet hat. Wie jeder Mensch hatte er seine Schwächen und irrte sich immer wieder, wie auch Marx, wie auch Luxemburg, wie auch Lenin, wie alle. Seine eigentliche Größe bestand darin, daß einerseits seine Gaben in Aufschwungphasen der Revolution besonders hervortraten, er andererseits der Revolution auch in der Zeit des Zurückflutens, in furchtbarer Isolation und von fast allen Mächten seiner Zeit verfolgt. völlig treu blieb.
Auch seine wesentlichen politischen Analysen und Aussagen mögen unter revolutionären Sozialistinnen und Sozialisten umstritten bleiben. Doch als historische Tatsache ist anzuerkennen, daß er die programmatische, politische und moralische Kontinuität der bolschewistischen Partei und der Kommunistischen Internationale gegen Stalin und die offizielle Führung verteidigte. Anzuerkennen ist, daß viele seiner Schriften, insbesondere die Geschichte der russischen Revolution (1931-33) und Verratene Revolution (1936) unschätzbare Quellen für das Verständnis herausragender geschichtlicher Entwicklungen sind. auf die sozialistische Revolutionäre auch heute nicht verzichten können. Anzuerkennen ist schließlich, daß sein politischer und theoretischer Beitrag verleugnet, entstellt und verfälscht wurde und alle marxistischen Kräfte ein Interesse daran haben, diesen Beitrag unverfälscht zugänglich zu machen. Nicht, um die eine Bibel mit einer anderen zu vertauschen, jedoch, um überhaupt urteilen zu können. Gegen das in der UdSSR heute aufkommende Urteil, Trotzki sei eine Art verhinderter Stalin gewesen, wäre es banal, die Tatsache anzuführen, daß die Oppositionellen verfolgt und schließlich physisch liquidiert wur den, Stalin der Täter und Trotzki das Opfer gewesen ist.
Tiefere politische Einsicht — und dazu verhilft Broués Trotsky auch in dieser Hinsicht — zeigt, daß Trotzki der bewußte Täter seiner Taten, seiner Irrtümer und Verdienste, war und blieb, ein Kämpfer und Theoretiker der sozialistischen Weltrevolution, während Stalin, bei aller Schrecklichkeit der von ihm politisch verantworteten Repression, zum Opfer, zum willenlosen Werkzeug von klassenfremden, der Revolution feindlichen Kräften geworden war.
Ob die Wahrheit sich Bahn bricht und ob die sozialistische Revolution siegt und die Vernichtung der Menschheit verhindert werden kann, sind, in wohlverstanden kompliziertem Zusammenhang, identische Schicksalsfragen. Sich auf den „Trotzkismus" zu berufen, garantiert keineswegs authentische revolutionäre Politik, wie sowohl die Realität einer Reihe von Sekten als auch unsere eigenen Unzulänglichkeiten hinreichend beweisen. Doch auf der Grundlage antitrotzkistischer Blindheit ist kein revolutionärer Sieg möglich.
Jeder Fortschritt der Weltrevolution - auch der in China unter maoistischer Führung beruhte auf Momenten, die gegen die Stalinsche „Generallinie" gerichtet waren, jede ihrer Beschränkungen verdankt sich zum Teil der durch „Stalinismus" verzerrten Selbsterziehung auch revolutionärer Führungen. Darum gilt auch in Sachen „Trotzki": Wahrheit oder Tod.
Wir wollen ihn nicht als Idol, aber die Nutzung seines Beitrags für die Revolution - und diese ist zu lebenswichtig, um auf einen solchen Beitrag verzichten zu können. Manuel Kellner
Pierre Broué, Trotsky, Paris: Librairie Arthème Fayard, 1988. 1105 Seiten, ISBN 2-213-02212-7.
Die Spannungen innerhalb der UNL selbst kamen im Mai ans Tageslicht: zwei verschiedene Versionen von Kommuniqué Nr.16 wurden erstellt, denen dann zwei politisch völlig konträre Versionen von Kommuniqué Nr.17 folgten. Es war der Vorabend des Reagan-Gorbatschow- Gipfels in Moskau. Eine erste Fassung von Nr.17 (21.Mai) widerspiegelte die Linie der PLO/Fatah-Führung: Sie enthielt viele religiöse Bezugnahmen; bei der Nennung der PLO wurde „Unter Führung von Bruder Yasser Arafat* hinzugefügt und die sowjetische Position emphatisch gelobt; schließlich sei das Ziel ein „globaler und gerechter Friede". „Keine Alternative zum langandauernden Volkskrieg"
Die zweite Fassung (24.Mai) widerspiegelt die Linie der wichtigsten linken palästinensischen Gruppe, der PFLP, und insbesondere ihren Zweig in den besetzten Gebieten, der besonders radikal ist: Die Intifada habe die Unmöglichkeit der Koexistenz mit dem zionistischen Gebilde gezeigt; „es gibt keine Alternative zum Kampf und langandauernden Volkskrieg"; eine radikale Haltung gegenüber den arabischen Regimen demokratischer Freiheiten, die Öffnung der Grenzen für den bewaffneten Kampf der Palästinenser); „wir halten die Ablehnung aller verdächtigen Projekte seitens unseres Volkes aufrecht - besonders des Abkommens von Camp David, der UN-Resolutionen 242 und 338, der Shultz-Initiative und der Teilung der Funktionen (Peres' und König Husseins gemeinsame Politik 1985-87)"; ein Aufruf zum Generalstreik während des Moskauer Gipfels.
Die Affäre um Kommuniqué Nr. 17 rief eine energische Reaktion seitens der äumit Nr. 18 wurde im Rahmen des Mehr- Zentralisierung der Kommuniqués gesichert. Von da an begannen sie jedesmal mit der Formel des Koran: „Im Namen Allahs, des gnädigen, des barmherzigen." In kompromißlerischer Weise versicherte Kommuniqué Nr. 18 die „Ablehnung aller liquidatorischen Lösungen", ohne Resolution 242 zu erwähnen, und rief zur internationalen Konferenz auf. Es wiederholte die seit Kommuniqué Nr.2 festgelegten Sofortziele.
Doch wurde die Herstellung des Mehrheitskonsenses der UNL schließlich zu Lasten der PFLP durchgesetzt. So befürwortete Kommuniqué Nr.29 (20.November 1988) eine internationale Konferenz auf der Grundlage der Resolutionen 242 und 338, wobei die Opposition der PFLP zu diesen Resolutionen wohl bekannt ist. Zusätzlich läuft die neue politische Rechtswende der PLO seit der letzten PNC-Versammlung Gefahr, die Spannungen innerhalb der Massenbewegung in den besetzten Gebieten zu verschärfen. Programmatische und politische Autonomie
Die PFLP und sogar die DFLP riefen zusammen mit der Islamischen Widerstandsbewegung Hamas für den 29.November, dem Jahrestag der UN-Resolution 181 (von 1947), die Palästina geteilt hatte, zu einem Generalstreik auf. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte weigerte sich die Fatah, einen solchen Appell zu unterstützen, nachdem die PLO offiziell Resolution 181 und - schlimmer noch — Resolution 242 anerkannt hatte. Am Tag des Streiks kam es zu Auseinandersetzungen - nicht nur zwischen der Fatah und Hamas, sondern in Nablus auch zwischen der Fatah und der PFLP.
Die Tatsache, daß sich eine Organisation wie El Fatah gewaltsam gegen diejenigen wendet, die zu einem Proteststreik gegen die Resolution aufrufen, die 1947 das zionistische Unternehmen legitimierte, ist ein deutliches Zeichen ihrer Degeneration.
Der Weg ist weit offen für die islamisch-nationalistischen Strömungen, die sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen werden. Es ist positiv, daß die PFLP in den besetzten Gebieten mit Positionen, die deutlich radikaler sind als die der offiziellen Führung der PFLP, den religiösen Fanatikern nicht das Privileg läßt, als die einzigen Gegner der Kapitulation zu erscheinen.
Die Haltung der PFLP-Aktivisten in den besetzten Gebieten ist insgesamt korrekt: Einheit der Aktion mit der UNL auf jedem möglichen Gebiet; autonome Aktion wenn nötig; programmatische und politische Autonomie; öffentliche Kritik der bürgerlichen und opportunistischen Verbündeten.
Anmerkungen:
1. Das gleiche gilt für Gaza, das in Jordaniens Projekt eines „Vereinigten Arabischen Königreichs" einbezogen wurde. 2. Abu-Lughod u.a.. Profile of the Palestinian People". Journal of Palestinian Studies, 1984. [3. Heloten: eine Art Staatssklaven im alten Sparta, die an die Scholle gebunden waren und den Spartiaten die Halfte des Ertrages als Grundzins liefern mußten. Persönlich völlig rechtlos (ihr Verkauf oder ihre Freilassung war nur durch den Staat möglich) und immer mehr, auch durch grausame Behandlung. verelendend, unternahmen sie mehrfach verzweifelte Aufstände, die die spartanische Macht ernsthaft bedrohten (u.a. 464 v.u.Z.).] 4. Abu-Lughod u.a., a.a.O 5. Von allen genannten Organen schließen nur die „Schockkomitees" Frauen generell aus. Die Verfechter der Frauenbefreiung in den besetzten Gebieten, Männer wie Frauen, müssen sich für eine Änderung dieser Situation einsetzen, die sowohl eine Ungerechtigkeit als auch ein Fehler ist.
PALÄSTINA
Kurzmeldungen
James Kutcher starb am 10. Februar 1989 im Alter von 76 Jahren in New York. Er war Gründungsmitglied der SWP (Socialist Workers Party) und jahrzehntelang Aktivist der Partei. Im II. Weltkrieg wurde er schwer verwundet und verlor beide Beine. Im beginnenden Kalten Krieg wurde er 1948 als Staatsangestellter wegen Mitgliedschaft in einer subversiven Organisation" entlassen. Um diesen Fall organisierte die SWP einen langen politischen Kampf. Uber das Kutcher Civil Rights Defense Committee konnte die Unterstützung hunderter Gewerkschaftsorganisationen, anderer Verbände und von Prominenten gewonnen werden. Nach acht Jahren wurde die Wiedereinstellung bei Zahlung der ausstehenden Gehälter erzwungen. Es war ein wichtiger Sieg im Kampf gegen Berufs- und Beschäftigungsverbote in den USA. (Die Kampagne für Kutchers Wiedereinstellung wird in dem bei Pathfinder Press, New York, erschienenen Band The Case of the Legless Veteran ausführlich geschildert.) James Kutcher blieb sein Leben lang Anhänger der IV. Internationale. 1983 wurde er aus der SWP ausgeschlossen und Mitglied der Fourth Internationalist Tendency (F.I.T.). Kürzlich erschien die erste Nummer der Ost-West-Gegeninformationen des alternativ-sozialistischen Osteuropa-Komitees in Graz. Die Zeitschrift knüpft an die Tradition der gegenstimmen an und wird viermal jährlich erscheinen. In der ersten Nummer werden die Stellungnahmen der Opposition gegen die Politik des Walesa- Führung analysiert und dokumentiert sowie die politische Krise in Jugoslawien dargestellt. Hinzu kommen Nachrichten. Die Zeitschrift dürfte zu einer wichtigen Informationsquelle für alle werden, die an der Entwicklung im „realen Sozialismus" interessiert sind. (Abonnement über: Ost- West-Gegeninformationen, Postfach 35. A-8013 Graz, Jahresabonnement 50 öS., Einzahlung auf PSK Konto Graz 3.500.789. Ost-West-Gegeninformationen/Johann Schögler).
Die Verhaftung von Hugo Blanco ist nur ein Beispiel für die Verfolgung der Opposition in Peru. Betroffen davon sind längst nicht mehr nur die wirklichen oder vermeintlichen Unterstützer der Guerilleros. Im Demokratischen Kommando Rodrigo Franco"* sind Todesschwadronen entstanden, die wahrscheinlich Teil des Geheimdienstes sind. Sie terrorisieren die Opposition, vor allem die Gewerkschaften und Bauernverbände. So ist seit dem 9.Dezember 1988 der Arbeiterführer Oscar Delgado Vera verschwunden. Er befand sich nachweislich im Hauptquartier von DIRCOTE, der Antiterroreinheit. Ermordet wurden unter anderen Saul Cantoral, Generalsekretär der Bergarbeitergewerkschaft, und Consuelo García von der Frauenorganisation der Bergarbeiter (Filomena). 100.000 Minenarbeiter traten am Tage des Begräbnisses in den Streik.
Frauen und Islam
Vor dem Militärputsch in der Türkei im September nen des Staates in Frage stellten. 1980 waren Tausende von Frauen in der Linken und Eine dieser Konfrontationen zwischen den Fundaextremen Linken sowie in fundamentalistischen und mentalisten und dem Staat ereignete sich, als militante faschistischen Gruppen aktiv. Doch dabei wurde die Moslems eine Reihe spektakulärer Aktionen im ganzen Frage der Frauenunterdrückung niemals wirklich dis- Land durchführten, um gegen das Verbot, in den Unikutiert, sondern entweder einfach ignoriert, oder es versitäten den Turban zu tragen, zu protestieren. wurde ihr im Namen irgendwelcher „Prioritäten" eine Einige islamische Aktivistinnen haben jedoch begonuntergeordnete Bedeutung zugewiesen. Erst durch das nen, eine stärkere Gleichberechtigung zwischen Frauen Erscheinen einer autonomen Frauenbewegung Mitte und Männern innerhalb ihrer Bewegung zu fordern. der 80er Jahre geriet diese Frage in den Mittelpunkt des Die folgenden Auszüge sind einem Artikel der türkipolitischen Interesses. schen sozialistisch-feministischen Zeitschrift Kaktüs Andererseits wuchs in der dem Militärputsch vom entnommen, dessen Veröffentlichung Anlaß für eine in 12.September 1980 folgenden Periode die islamische den Spalten dieser Zeitschrift fortgesetzte Debatte mit Bewegung beträchtlich an. Während die Regierung die- islamischen Frauen war, die wir anschließend ebenfalls ses schnelle Wachstum des Islam ermutigte und be- dokumentieren.
nutzte, um jeden linken Einfluß und die kurdische Befreiungsbewegung zu zerstören, richtete sie sich doch Die Texte werden hier nach ihrer englischen Übergegen einige „übertriebene" fundamentalistische For- setzung in International Viewpoint, Nr.158, 6.März derungen, die die laizistischen kemalistischen Traditio- 1989, S. 16-20, wiedergegeben. 28 INPREKORR 214
„Der Islam ist keine Lösung für die Frauen"
n den Beiträgen zum Thema „Frauen und Islam" war die allgemeine Tendenz bisher, die Verse des Korans über die Frauen zu studieren, um gewisse vorgefaßte Thesen zu verteidigen oder zu widerlegen.
Auch wenn ein Studium heiliger Texte Grundlage umgeformt ist, wird die Frauenunterdrückung automatisch verschwinden. Demnach werden die Frauen aufgrund von Prostitution und der Ausbeutung bei der Arbeit sowie der Tatsache, daß sie ihren Schleier nicht tragen dürfen unterdrückt.
Nehmen wir das Beispiel einer doppelten Konfrontation: zwischen uns, den Feministinnen, und radikalen islamischen Aktivistinnen einerseits und zwischen diesen islamischen Aktivistinnen und dem türkischen Staat andererseits. Dieser Staat, der ständig zwischen seiner kemalistischen Tradition und der islamischen der Regierung der ANAP (Mutterlandspartei) in Streit liegen, die Tatsache, daß die kemalistische Tradition des Staates noch nicht völlig zerstört worden ist. Im Falle einer zukünftigen Abkehr vom Laizismus und der Anwendung der Scharia würden unsere Fundamentalisten keinen Grund mehr haben, die bestehende Ordnung zu bekämpfen.
Indem ich von diesem Standpunkt ausgehe, will ich zwei Punkte betonen, die sich auf das Tragen des Turbans beziehen. Ich bin dagen, daß der Staat über die Kleidung seiner Bürger entscheiden kann. Und ich verteidige das Recht der • nicht nutzlos ist, glaube ich nicht, daß es unerläßlich ist, sich auf den Koran zu beziehen, um über die Eingriffe und Beiträge der Religion in das Alltagsleben und die Unterdrückung von Frauen zu sprechen. Dafür gibt es zwei Gründe: • Alle Religionen, ob sie nun einen oder mehrere Götter verehren, haben stets die Frau als ein Geschöpf betrachtet, das gegenüber dem Mann minderwertig ist - zumindest haben sie versucht, sie auf die Rolle des „reproduzierenden Weibes* zu reduzieren. Von diesem Standpunkt aus gesehen unterscheidet sich der Islam mit seinen ideologischen Argumenten und Formen des Eingreifens in unser Alltagsleben nicht von anderen Religionen.
• Auch wenn die ideologische Rhetorik der islamischen Bewegung, die durch den Koran organisiert und inspiriert wird, heute einflußreicher ist als der Koran selbst, kann man nicht von einem Einfluß des Korans „als solchem" in den Traditionen und Sitten sprechen. Tatsächlich wird im Islam - vermischt mit anderen Ideologien — ein ganzes soziales System ausgedrückt. Folglich sind es bei dieser Diskussion eher die Epigonen des Islam, deren Thesen wir als Frauen analysieren und beurteilen müssen, als die heiligen Texte.
Ich sagte oben, daß der Islam nicht • anders ist als andere Religionen. Es ist klar, daß islamische Aktivisten dieser Behauptung sofort widersprechen werden. Die islamische Tageszeitung Zaman veröffentlicht regelmäßig eine Spalte über die „Frauenfrage". Fast alle Beiträge behaupten, daß Gott tatsächlich den Mann und die Frau als gleichberechtigte Subjekte geschaffen habe und der Koran die Frauen schütze.
Was uns vorgeschlagen wird, ist der folgende Rahmen: Mann und Frau sind in den Augen Gottes gleich. Alle existierenden Ungleichheiten, die Unterdrückung und Ausbeutung, sind Ungerechtigkeiten, für die Patriarchat, Kapitalismus und andere Religionen - oder, in einem Wort, der Westen - verantwortlich sind. Sobald sich unsere Gesellschaft von diesem Joch befreit hat und auf islamischer Ideologie schwankt, hat plötzlich das Tragen des Turbans in den Universitäten verboten. Die radikalen islamischen Gruppen fingen an, Protestaktionen dagegen zu organisieren und ihre demokratischen Rechte zu verteidigen: Der Staat sollte nicht die Freiheit der Bürger angreifen, sich so zu kleiden, wie sie es wünschen!"
Bevor wir diesen konkreten Fall weiter analysieren, bei dem Fundamentalisten und der Staat miteinander im Konflikt stehen, ist es vielleicht nützlich, das wirkliche Ausmaß des Antagonismus zwischen dem Staat und religiösen Aktivisten festzustellen.
Wir leben seit fast tausend Jahren mit der islamischen Ideologie. Der Islam war der herrschende Bezugspunkt der Feudalgesellschaft. Unter dem Kapitalismus und einem weltlichen Staat war er auf die kulturelle Sphäre beschränkt und von den wirtschaftlichen und politischen Bereichen ferngehalten worden. Beginnend mit den 50er Jahren und dem Sturz der Kemalisten durch die Demokratische Partei (DP) trat die islamische Ideologie auf verschiedenen Ebenen, durch Sekten, in politischen Parteien und in der Regierung, wieder in den Vordergrund. Darüber hinaus ist klar, daß wir seit dem Militärputsch vom 12.September 1980 einen beschleunigten Prozeß der Islamisierung durchmachen. Ministerpräsident Özal vergißt bei seinen Reden niemals, sich auf Allah zu berufen. Regierungserklärungen gehen sogar soweit, daß sie andeuten, daß auch Preiserhöhungen ein Wille Gottes sind! Aber gleichzeitig durchleben wir eine Epoche, in der die Beziehungen zum Weltkapitalismus intensiver werden und das Auslandskapital sogar in unsere Schlafzimmer eingedrungen ist.
Die Frage der demokratischen Rechte
Auch wenn man versucht, uns glauben zu machen, daß es große Widersprüche zwischen Fundamentalisten und dem Regime gibt, so ist doch meiner Meinung nach der einzige Punkt, bei dem jene mit Selbstorganisation in allen Bereichen. Wenn somit religiöse Aktivisten wollen, können sie sich organisieren, um für das Recht, einen Turban zu tragen, zu kämpfen. Doch ich würde nur dieses Recht verteidigen, nicht die Tatsache selbst, daß sie den Turban tragen.
Die Nuance zwischen diesen beiden Positionen nicht zu sehen, wäre ernsthafter Fehler bei der Analyse des Problems. Diejenigen [in gewissen linken Kreisen], die die Demokratie im allgemeinen verteidigen und für eine „zivile Gesellschaft" [als Gegengewicht gegen den allmächtigen Staat] eintreten, begehen diesen Fehler. Sie verteidigen das Recht der Religiösen, auf der. Universität den Turban zu tragen, und stellen sich so auf die gleiche Ebene wie sie. Das Beispiel dieses Irrtums ist meines Erachtens vom feministischen Standpunkt aus geschen sehr lehrreich.
Ich würde den Frauen, die den Turbah tragen wollen, sagen: Ihr habt sicher das Recht, euch in bezug auf das Tragen des Turbans oder zu jeder anderen Frage zu organisieren. Aber ich möchte gerne etwas anderes mit euch diskutieren. Habt ihr je darüber nachgedacht, wie die Tatsache, daß ihr euch verschleiert zur Frauenunterdrückung beiträgt und dazu, die Sexualität auf die bloße Funktion der Reproduktion zu reduzieren?"
Für mich macht der Dialog mit islamischen Aktivistinnen nur Sinn, insoweit er uns ermöglicht, ihnen feministische Konzepte und Perspektiven des Kampfes zu vermitteln sowie ihnen zu zeigen, warum der Islam die Probleme der Frauen nicht lösen kann, unsere gemeinsame Unterdrückung mit ihnen zu diskutieren und unsere alltäglichen Erfahrungen als Frauen mit ihnen auszutauschen. Aber es stellt sich nicht die Frage, mit ihnen Aktionseinheiten im Namen der Demokratie" — einem mehr oder weniger verworrenen Konzept - durchzuführen. Busse nur für Frauen?
Ein weiteres konkretes Beispiel wurde durch die Kampagne für spezielle, ausschließlich Frauen vobehaltene Busse"
aufgeworfen. Die religiösen Aktivistinnen um die Zeitschrift ,,Frauen und Familie" gingen von der sexuellen Belästigung aus, die Frauen in den öffentlichen Verkehrsmitteln ausgesetzt sind, insbesondere in den vollgestopften Bussen, und lancierten eine Kampagne, in der sie die Einführung von nur für Frauen reservierten Bussen forderten.
Das Ziel war klar. Im Lichte der islamischen Ideologie, die nach jedem möglichen Mittel sucht, um Frauen verschleiert und von Männern getrennt zu halten, ist das Ziel einfach nur die Schaffung gesonderter Lebensbereiche für Männer und Frauen. In einem Land mit der Tradition der Harems, in dem die Frauen erst seit den 20er Jahren am gesellschaftlichen Leben teilnehmen dürfen (nach der Errichtung der Republik), ist dies eine au- Berordentlich rückschrittliche Forderung. Einige Feministinnen haben darüber eine falsche Analyse angestellt und diese Kampagne unterstützt, indem sie sagten: „Es gibt sicher gute Gründe dafür, warum Frauen nach Geschlechtern getrennte Busse fordern. "
Ich stimme dem zu, daß es in manchen Bereichen sehr schwierig für Frauen ist, in Gesellschaft von Männern zu leben. Doch im öffentlichen Personenverkehr die Trennung der Geschlechter zu fordern, heißt einen grundlegenden Irrtum begehen. Genau deshalb weil wir gegen die Position sind, die Männer und Frauen gegenwärtig in der Gesellschaft einnehmen, weil wir nicht länger unterdrückt, gedemütigt, angemacht und vergewaltigt werden wollen, müssen wir Männer daran hindern, uns dies anzutun. Um dies zu erreichen, dürfen wir uns nicht vor den Männern abkapseln, sondern wir müssen im gleichen Raum dagegen kämpfen und uns für eine Welt einsetzen, in der sich Männer nicht mehr in dieser Weise verhalten können. Natürlich ist es wahr, ,daß es sicher gute Gründe dafür gibt, warum Frauen separate Busse fordern", doch ich denke auch, daß religiöse Aktivistinnen, die diese Forderung aufstellen, nicht wirklich von diesen Erwägungen geleitet werden, sondern mehr unter der Perspektive handeln, stufenweise eine islamische Lebensweise durchzusetzen. Man könnte einwenden, dies sei eine Verschwörungstheorie, doch die Fundamentalisten selbst verteidigen diese Strategie, bei der Islamisierung der Gesellschaft in Etappen vorzugehen, in derart expliziter Weise, daß, falls eine Verschwörung existiert, nicht wir es waren, die sie erfunden haben.
Die Geschichte des Islam umschreiben?
Eine weitere daraus zu zichende Lehre ist die Notwendigkeit, bei der Untersuchung jeder Forderung die praktischen Konsequenzen zu berücksichtigen. Nehmen wir an, die Forderung nach getrennten Bussen würde erfüllt und diese eingeführt, was würde den Frauen geschehen, die in denselben Bussen fahren wollten wie die Männer? Frauen haben es doch schon jetzt in der Öffentlichkeit schwer genug.
Welchen Beruf wir auch immer haben, das erste, worauf die Männer schauen, sind unsere Brüste und Beine. Wenn wir wissen, daß die Dinge gegenwärtig so liegen, ist es nicht schwer, sich vorzustellen, wie dann Frauen bezeichnet würden, die trotz alledem noch in der Gesellschaft von Männern leben wollten.
Was würde geschehen, wollten Frauen die Geschichte des Islam neu schreiben? Die Argumentationsweise der moslemischen Aktivistinnen (manche bezeichnen sie sogar als Feministinnen), die den Islam reformieren wollen, kann folgendermaßen zusammengefaßt werden:
Die Geschichte muß revidiert und der Platz der Frauen im gesellschaftlichen Leben muß restauriert werden; sie sind von der Bühne der Geschichte ausgeschlossen worden, weil die islamischen
Männer nur die halbe Geschichte erzählt haben. Die historische Mission der Frauen ist es, ihre gesamte Kraft zu benutzen, um ihre eigene Kreativität zu fördern, d.h. gleichzeitig Kinder zu gebären, dichterische Werke zu schaffen und Reden zu halten. Die Frauen müssen sowohl einen Halt für den Mann (als Mutter, Ehefrau oder Schwester) abgeben, auf den er sich stützen kann, als auch ihre Mission der Selbstverwirklichung erfüllen. Die Hauptforderung, die in der Zeitschrift Zaman erhoben wird, von zahlreichen Autorinnen und in verschiedenen Nuancen, lautet: „Wir müssen fähig sein, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, um einen orthodoxeren und egalitären Islam in bezug auf die Frauen zu verteidigen."
Einige dieser Autorinnen widmen ihre Aufmerksamkeit mehr der Unterdrükkung, der Frauen ausgesetzt sind, die völlig abgeschlossen zu Hause leben. Viele ihrer Vorschläge gehen in die gleiche Richtung wie die der Feministinnen. Aber diese religiösen Frauen sind kleinlich darauf bedacht, nicht mit Feministinnen verwechselt zu werden, weil sie diese (bestenfalls) als Frauen betrachten, die die sexuelle Befreiung fordern. Der Kampf religiöser Frauen ist positiv Ich glaube, daß der Kampf religiöser Frauen für die Teilnahme am gesell- „Künstliche