Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Kuba

Der Prozess der rectificacion

· Inprekorr Nr. 214, April 1989 · S. 4-8 · 3.381 Wörter

Kuba und Karibik Sowjetunion Stalinismus und Bürokratie

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Der Prozeß der rectificación von JEANNETTE HABEL

In der letzten Ausgabe von Inprekorr veröffentlichten wir ein Interview mit Jeannette Habel, die eine Bilanz von 30 Jahren kubanischer Revolution gab. Im folgenden Beitrag geht Jeannette Habel ausführlich auf den „Prozeß der Berichtigung (rectificación) der Fehler und negativen Tendenzen" ein, der 1986 in Gang gesetzt worden ist, um die Auswirkungen der Wirtschaftspolitik zu bekämpfen, die seit dem I. Parteitag (1975) der Kommunistischen Partei Kubas (PCC) — in Anlehnung an die in den 60er Jahren in der UdSSR von Theoretikern wie Liberman vorgeschlagenen Wirtschaftsreformen - durchgeführt worden war.

Dieser Prozeß der rectificación ist seit über einem halben Jahr in eine neue Phase getreten.

uf die ersten Reden, die von einer A heftigen Kritik marktwirtschaftlicher Reformen und kapitalistischer Mechanismen sowie durch den Abbau privater Wirtschaftstätigkeit gekennzeichnet waren, ist eine Phase der Reorganisation und der Rationalisierung der Arbeit gefolgt. Die kubanische Führung ist auf der Suche nach einem Mittelweg, um die Klippe bürokratischer Pla nung einerseits und die schädlichen Auswirkungen marktwirtschaftlicher Reformen andererseits zu umfahren. Der Ak zent wird auf die wirtschaftliche, insbesondere industrielle Entwicklung gelegt: „Es ist nicht der Moment, an den Konsum zu denken, man muß an die Entwicklung denken, die später einen Konsum auf sicherer und soliderer Grundlage ermöglichen wird." (Fidel Castro, Granma, 11. Dezember 1988.)

Die absolute Priorität wird den Investitionen gegeben, besonders denen, die Devisen bringen oder sie einsparen. Obwohl die der rectificación zugrunde liegende Orientierung noch nicht völlig

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präzisiert worden ist, existieren schon jetzt deutliche Hinweise auf die vertretene Politik.

Erstens hat in diesem Zusammenhang die rectificación dazu geführt, die Bedeutung materieller Anreize zu reduzieren, die mit dem System der Leitung und Planung der Volkswirtschaft (SDPE) eingeführt worden waren, um Planüberschreitungen zu belohnen: die Betriebsdirektoren legten die Arbeitsnormen auf ein künstliches Niveau fest, und die Prämien waren oft höher als die Löhne, ohne daß die Produktion jedoch zugenommen hätte.

Von jetzt ab muß man mehr arbeiten, wobei man oft weniger verdient. Daher ist es nicht überraschend, daß — wie ein Kommentar der Parteizeitung Granma betont - „der vielleicht schwierigste Aspekt der rectificación darin besteht, die Arbeiter, die infolge der Anwendung alter Normen oder falscher Kriterien zu hohe Löhne erhielten, davon zu überzeugen, auf sie zu verzichten." (Granma, 18. September 1988.)

Die Mini-Brigaden

Zweitens wird die Arbeitskraft reorganisiert und rationalisiert. Die Belegschaftsstärken in der Verwaltung werden reduziert, aber die Verminderung der Zahl der Arbeiter und Arbeiterinnen in der Produktion ist ein allgemeineres Phänomen und kann 30 bis 40% der Belegschaften betreffen.

Die überzähligen Arbeiterinnen und Arbeiter einer Fabrik werden anderswo neu angestellt, möglicherweise in den Minibrigaden, vorausgesetzt sie akzeptieren die Arbeit, die ihnen angeboten wird. Die Versetzung an eine neue Stellung geschieht oft nicht ohne Reibereien, besonders bei jungen Leuten, die in Hinblick auf die erreichte Qualifikation, die oft höher ist, als es die ihnen angebotene Stelle erfordert, anspruchsvoller sind.' Drittens werden, um häufiges Fernbleiben von der Arbeit und Disziplinlosigkeit sowie die exzessive Mobilität mancher Arbeiterinnen und Arbeiter zu bekämpfen, kleinere Arbeitsteams eingeführt, die mit Maschinen und Rohstoffen ausgerüstet sind.

Die Produktivität

Die Produktivitätskontrolle ist einfacher. Sie wird von den Arbeiterinnen und Arbeitern ausgeübt, die ihre Produktion selbst organisieren, ihre Arbeitspläne ausarbeiten und Lohnauszahlung und Buchführung selbst ausführen. Die Ersparnis von Ressourcen und die Erhöhung der Produktivität können manchmal zu großen Prämien in Form von z.B. Lohnerhöhungen führen, außer für die Arbeiter, die sie nicht „verdient" haben. Diese Vergünstigungen, ob in Löhnen oder Naturalien, werden unter Kontrolle der Partei verteilt.

Viertens werden die Planungsmechanismen vereinfacht, und es findet eine gewisse wirtschaftliche Dezentralisierung statt. Die Verwaltungsstrukturen zwischen Produktion und Verteilung sollen entweder abgeschafft oder modifiziert werden.

Das Ministerium für Grundstoffindustrie, das für zahlreiche Produktionsbereiche verantwortlich ist, hat eine Reform angekündigt, die seine Strukturen „entbürokratisieren* soll. Das Verwaltungspersonal in den zentralen Ämtern soll um 60% reduziert werden, und der Schwerpunkt der Produktionsleitung soll aus den Händen der bürokratischen Organe des Ministeriums in die der Fabrikleitungen übergehen.2 Fünftens könnte die Autonomie der Betriebe unter Berücksichtigung der Reform des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) gestärkt werden. Auf seiner 43.außerordentlichen Sitzung im Oktober 1987 verabschiedete diese Organisation ein spezielles Programm für die Zusammenarbeit zwischen den europäischen RGW-Ländern auf der einen sowie Kuba und Vietnam auf der anderen Seite. Vor allem könnte von nun an die Organisation der Wirtschaftsbeziehungen auf drei Ebenen stattfinden: zwischen den Staaten, zwischen den jeweiligen Sektoren und sogar zwischen den einzelnen Betrieben.

Es ist kaum anzunehmen, daß dies ohne Auswirkungen auf die kubanische Wirtschaft bleiben wird, die sich — ob sie mag oder nicht - an direkte Verhandlungen mit von jetzt an autonomen sowjetischen Firmen gewöhnen muß, die wenig geneigt sind, bei ihrem Austausch mit Kuba finanzielle Verluste hinzunehmen. Nachdem er die gemischten Firmen kritisiert hatte, hat Fidel Castro vor kurzem verkündet, daß solche Unternehmen nicht nur in der Touristikindustrie entwickelt würden, sondern auch in anderen Exportbereichen, um von der Technologie, den Rohstoffen und den Absatzmöglichkeiten, die die Investoren bieten, zu profitieren.

Doch diese Maßnahmen und ihre Folgen in bezug auf wachsende Lohndifferenzierungen drohen, in Konflikt mit den egalitären Themen zu treten, die Castro in den Reden der vergangenen Monate aufgeworfen hat.

So ermöglichen z.B. die mit spanischen Geschäftsleuten abgeschlossenen Verträge für den Bau und die Führung von Hotels die Anstellung und Entlassung KUBA von Arbeitern auf der Basis ihrer Arbeitsleistungen. Castros Strategie scheint eine Kombination aus einer Verbesserung des Systems der Planung - basierend auf Dezentralisierung und größerer Autonomie - mit einem wachsenden Vertrauen auf den Voluntarismus zu sein. Diese Maßnahmenkombination scheint auf politischer Ebene von einer Art ideologischer Radikalisierung geprägt zu sein, die Hand in Hand mit einem größeren Pragmatismus auf wirtschaftlicher Ebene geht.

Soziale Spannungen

Entsprechend dieser Hypothese hat die castristische Führung ein ökonomisches Herangehen entwickelt, das mit der sowjetischen Optik cher vereinbar ist, als es auf den ersten Blick erscheinen mag — unter Berücksichtigung des unterschiedlichen Entwicklungsniveaus der beiden Länder. Der Appell zur freiwilligen Arbeit und die Berufung auf Che Guevara könnten von einem Teil des Apparats benutzt werden, damit die Arbeiter die Pille der Austerität besser schlucken, ohne daß sie die ,,kolossale bürokratische Inkompetenz* (Gabriel García Márquez), die eine der Wurzeln der gegenwärtigen Krise ist, in Frage stellen. Die Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens, die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen oder des öffentlichen Verkehrs aufgrund der gesunkenen Importe, insbesondere das Fehlen von Ersatzteilen, haben ihre Auswirkungen auf die Mobilisierung der Massen. Die Unzufriedenheit ist offenkundig. Die offiziellen Stellungnahmen widerspiegeln die Probleme bei der Verteilung der Grundbedürfnisse.

Von Tagesanbruch an bilden sich Schlangen vor den Geschäften. Die Abschaffung der freien Bauernmärkte hat Schluß mit der ungeheuren Bereicherung privater Bauern gemacht, doch die Versorgungsprobleme nicht gelöst. Das öffentliche Transportsystem hat sich sogar weiter verschlechtert. Reparaturen sind schwieriger als je zuvor geworden. Die Spekulation hat zugenommen, und polizeiliche Maßnahmen und Razzien gegen Spekulanten haben in der kubanischen Presse ein breites Echo gefunden. Mangelnde Disziplin

Ein beunruhigenderes Phänomen, die „mangelnde Disziplin" bei der Arbeit, nimmt ebenfalls zu. Die Wirtschaftsreformen von 1975 und ihre Durchführung über einen Zeitraum von zehn Jahren sollten die Motivation und Disziplin der Arbeiterinnen und Arbeiter erhöhen. Nun

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KUBA ist jedoch die Zahl angeblicher Fälle von Verstößen gegen die Arbeitsdisziplin von 9988 im Jahre 1975 auf 25.572 im Jahre 1985 gestiegen.* Sie betreffen alle möglichen Delikte, einschließlich der Verletzung kollektiver Abkommen zwischen Vertretern der Verwaltung, Arbeitern der mittleren Ebene usw. über Löhne, Arbeitsnormen und -bedingungen. Die Einleitung des Prozesses der rectificación 1986 hatte als eines seiner Ziele die Änderung dieser Situation, für die das SDPE und in seinem Gefolge Ungleichheiten und Korruption verantwortlich gemacht wurden. Doch wenn auch, laut dem Politbüro der PCC „einige beispielhafte Arbeitskollektive bemerkenswerte Produktionsleistungen vollbracht haben** , so stellt dasselbe führende Gremium fest, „daß Fälle von Disziplinverstößen der Arbeiter fortbestehen und einige antisoziale Elemente versuchen, die Ordnung und Disziplin in Frage zu stellen."s Am 11.Dezember 1988 verwies Fidel Castro erneut auf soziales Rowdyrum und Fehlverhalten, negative Äußerungen, die in den letzten Monaten ein besorgniserregendes Niveau erreicht haben"

Die Alarmglocke wurde im November gezogen, anläßlich eines nie dagewesenen Vorfalls: ein Brand in der Telefonzentrale von Havanna, der das gesamte Fernsprechsystem der Hauptstadt lahmgelegt hatte. Laut Granma war dies ein Sabotageakt einer Fernsprechinstallateurin, die dieses Feuer absichtlich gelegt hatte, ,um der Verwaltung zu schaden, von der sie zweimal wegen Verlassens ihres Arbeitsplatzes verwarnt worden war.** Die Tatsache, daß dieser Vorfall in der internationalen Ausgabe der Zeitung erwähnt wurde, zeigt, wie ernst die Lage ist.

Auf das soziale Unbehagen und die Unzufriedenheit der Werktätigen angesichts der wachsenden Probleme auf der Arbeit und im Alltagsleben wird deutlich hingewiesen, und es ist zweifellos kein Zufall, daß anläßlich des 30.Jahrestages der Revolution, nur zwei Monate nach diesem Vorfall, der Minister für Arbeit und soziale Sicherheit entschied, Arbeiter zu rehabilitieren, die durch entsprechende Eintragungen in ihre Personalakte bestraft wurden."? (Die Bestrafung mangelnder Arbeitsdisziplin reicht von Eintragungen in die Personalakte bis zur Entlassung.)

Die Rehabilitierung betrifft die Arbeiter und Arbeiterinnen, die getadelt wurden, aber in der Folge eine positive Haltung bei der Arbeit gezeigt hatten, wobei die Eintragung in der Akte nichtsdestoweniger bestehen bleibt. Sicherlich hat der Vorfall in der Telefonzentrale zu dieser Entscheidung des Ministeriums geführt. Auch wenn es sich dabei um eine begrenzte Maßnahme handelt, zeugt sich doch von der Sorge der Behörden, in diesen harten Zeiten die Disziplinarmaßnahmen gegenüber den Arbeitern, die oft mit wachsenden Schwierigkeiten bei der Organisation der Produktion konfrontiert sind, nicht zu verstärken.

Die gesellschaftlichen Widersprüche, die der Mehrdeutigkeit der rectificación innewohnen, traten in der von Fidel Castro geleiteten dritten Konferenz der Industrie- und Dienstleistungsbetriebe in Havanna Mitte 1988 zutage. Dieses Zusammentreffen behandelte die rectificación in bezug auf die Probleme der Kosten, der Rentabilität der Betriebe, der Arbeitsorganisation und der Löhne - mit anderen Worten, die Notwendigkeit, die • Arbeitsproduktivität zu erhöhen. Zum ersten Mal hat die kubanische Regierung eine Arbeitslosenrote von 6%, anstelle von 3,4% im Jahre 1981, angegeben.* Sicher verbirgt die castristische Führung nicht die Schwere der Wirtschaftskrise und ihren dauerhaften Charakter, der noch auf der letzten Nationalen Versammlung der Volksmacht bestätigt wurde: „Die Situation von 1986 verbesserte sich 1987 nicht, sondern verschlimmerte sich 1988 noch. In den nächsten Jahren müssen ökonomische Investitionen die absolute Priorität haben, insbesondere solche, die Devisen bringen oder einsparen."

Wie werden die Massen in diesen schweren Zeiten antworten? Wer wird die Krise bezahlen? Was ist das soziale Ziel der rectificación? Viele Fragen bleiben offen. Das Mobilisierungspotential der kubanischen Massen ist vielleicht noch groß genug, um dem Mangel und den drückenden Aspekten des Alltagslebens Widerstand zu leisten. Doch nur unter der Bedingung, daß die Opfer gleichmäßig verteilt werden.

Das bedeutet, die rectificación in der ursprünglich verkündeten egalitären Richtung durch die Reduzierung von Privilegien, einen ernsthaften antibürokratischen Kampf in der politischen Arena und die Demokratisierung des politischen Lebens - nicht nur für die führende Gruppe, sondern für die Massen - voranzutreiben.

Wohin geht die rectificación?

Doch gegenwärtig weiß niemand, wohin die rectificación mündet. Lanciert als Kampagne gegen die Technokraten und neuen Kapitalisten" ist sie mit Maßnahmen für die Steigerung der Arbeitsproduktivität fortgesetzt worden. Und wer weiß, welches ihre nächste Etappe sein wird? Wie ein kubanischer Journalist hervorhob, hat die rectificación ihre Anhänger und ihre Gegner. Die einen wollen sie möglichst weit treiben, die anderen bremsen. ... Die Kubaner haben die Angewohnheit, alle Verantwortung für Fehler auf die Betriebsdirektoren und Kader zu schieben. Es ist leichter den Splitter im Auge der anderen zu sehen als den Balken im eigenen Auge. "*9 Dieser Kommentar sagt gut, was er sagen will: Konzepiert als eine „strategische Gegenoffensive" verdeckt die Politik der rectificación gegensätzlichs soziale Interessen. Die Verwalter sind für eine größere Betriebsautonomie, von der sie in erster Linie die Nutznießer wären. Es ist offenkundig, daß in den herrschenden Kreisen ein stummer Kampf im Gange ist, um Castros Linie ihres anfänglichen Inhalts zu berauben, wobei der Voluntarismus, moralische Anreize, der Appell an das revolutionäre Bewußtsein und die ideologische Motivation benutzt werden, um drakonische Maßnahmen, die der Erhöhung der Arbeitsproduktivität dienen sollen, besser durchsetzen zu können.

Diesen Mehrdeutigkeiten muß man die ökonomischen Entscheidungen hinzufügen, die die Errichtung gemischter kubanisch-westdeutscher Unternehmen in der Nahrungsmittelindustrie betreffen, sowie die Projekte industrieller Kooperation, die möglicherweise von der Europäischen Gemeinschaft finanziert werden. Sicher, Bergwerke, die Zuckerindustrie und Dienstleistungen werden, wie Castro versichert hat, nicht betroffen sein.'° Aber die bloße Tatsache, daß die Investitionen in die gemischte Wirtschaft zunehmen auch im Exportsektor - zeigt das Ausmaß, in dem die Dinge sich im Vergleich zu den Positionen von Juni 1987 und den Beschränkungen für gemischte Unternehmen geändert haben.

Castros oftmals geäußerte Opposition ist somit umgangen worden. Geschah dies aufgrund der Schwere der Wirtschaftskrise? Oder, wie ein Kommentator betonte, ,weil sich einige seiner Mitarbeiter von den Vorzügen des Kapitalismus und der Marktwirtschaft haben überzeugen lassen?"" Oder unter dem Druck der UdSSR und der Reform des RGW? In jedem Fall können solche Maßnahmen nur neue Widersprüche hervorbringen. Der Tourismus kann Devisen bringen und tut dies auch, aber er verschärft auch die Spannungen, insoweit der Kontrast zwischen der in Kuba bestehenden Austerität und den Mitteln, die den Touristen zur Verfügung stehen, bereits zu Protesten der Bevölkerung geführt hat. Die gemischten Unternehmen können den Export kubanischer Güter erleichtern, aber die besonderen Bedingungen der

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dort beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen stehen im Widerspruch zu den egalitären Zielen der rectificación. Unter kubanischen Bedingungen ist die Wahl der ideologischen Motivation, des Appells an das Bewußtsein der Massen und ihre Mobilisierung noch möglich. Aber um wirksam zu sein, müssen dazu noch Möglichkeiten der Kontrolle und der Entscheidung seitens der Massen kommen. Dies setzt einen Bruch mit dem Monopol der politischen Macht voraus, das die PCC besitzt, eine Macht, die in den Händen eines Führers und seiner Mitarbeiter konzentriert ist. Das bedeutet, daß die Losung „Die Besten ans Ruder*i2, die lokal in den Minibrigaden angewandt wird, sich auch national durchsetzen muß, um der bürokratischen Verschwendung und Unfähigkeit, den größten Hindernissen für eine Steigerung der Arbeitsproduktivität, ein Ende zu bereiten.

Indem er behauptet, daß das Geheimnis der Produktivität in der Disziplin und Technologie, dem rationellen Gebrauch von Material und Arbeitskraft besteht* und daß es möglich sei, „es besser als die Kapitalisten zu machen, wenn man fähig ist, Menschen zu führen - darin liegt das Geheimnis der revolutionären Methoden" (29.Januar 1989), läuft Fidel Castro Gefahr, sich selbst und seinen engsten Mitarbeitern, des Fehlens dieser Fähigkeit zu beschuldigen, oder er versucht, die nichtrevolutionären Methoden derjenigen in Frage zu stellen, die die Kommandogewalt im Staatsapparat und in der Wirtschaft haben, und sich von ihnen zu distanzieren.

Indem er abwechselnd die Massen und den Apparat kritisiert, je nach Gelegenheit, bewahrt Castro seine Rolle als Schiedsrichter, doch seine Glaubwürdigkeit verbraucht sich bei einem solchen Balanceakt.

Der Versuch der castristischen Führung, sich sowohl Glasnost als auch die Arbeiterselbstverwaltung zu ersparen, kann nicht erfolgreich sein. In der einen oder anderen Weise wird es erforderlich sein, eine Wahl zu treffen, sowohl im Inneren als auch auf internationaler Ebene. Doch der Manövrierraum ist begrenzt. Werden die anfänglichen Ziele der rectificación - die Festigung der Massenmobilisierung auf egalitärer Basis - zu halten sein?

Die Politik Gorbatschows

Gorbatschow wünscht, daß sich Kuba in seine Politik der Verhandlung mit dem US-Imperialismus einfügt und eine Wirtschaftspolitik wirklicher Preise und der Austerität akzeptiert, damit die Last der sowjetischen Hilfe geringer werden kann. Bush ermutigt diesen Druck, in dem er das Mittel sieht, um die soziale Basis des Regimes auseinanderzudividieren. Castro selbst beschleunigt seine Annäherung an lateinamerikanische Regierungen und versucht, begünstigt durch das Angolaabkommen, eine Annäherung an die USA auszuhandeln. Aber diese Politik impliziert auch ein Zugeständnis: die Spielregeln des Klubs zu akzeptieren, in den man eintreten will, oder, wie es ein lateinamerikanischer Diplomat ausgedrückt hat: „Kuba kann nicht Fußball spielen wollen und dabei die Baseballregeln anwenden. **13 Anders gesagt, um in den Klub eintreten zu können, muß man bestimmte Voraussetzungen erfüllen: aufhören, ausländischen Revolutionären Hilfe zu leisten, zu Hause den Gürtel enger schnallen und ein ineffizientes System modernisieren (wie es der spanische Ministerpräsident Felipe González ausgedrückt hat). 14 Gorbatschow hat eine ähnliche Linie: Kuba muß wählen, entweder alleine gehen und die Folgen tragen oder das Spiel mit den anderen sogenannten sozialistischen Ländern spielen und seine Wirtschaft reformieren.

Verfangen in diesen Widersprüchen kann sich die kubanische Revolution anders als die osteuropäischen Länder — auf Massenmobilisierungen stützen. Das heißt, sie kann es solange, wie sie begreift, daß der Mangel an Motivation bei der Arbeit (abgesehen von begrenzten Avantgardsesektoren, die in Bautrupps und Minibrigaden organisiert sind) letztlich die Folge einer fehlenden politischen Motivation ist. Warum sollte angesichts von Korruption und bürokratischer Verschwendung die Bevölkerung für Ergebnisse härter arbeiten, die durch bürokratische Schlamperei wieder zunichte gemacht werden?

Voluntarismus und revolutionäres Bewußtsein können nur wirksam sein, wenn sie von der realen Möglichkeit für die Arbeitenden begleitet werden, sich selbst zu organisieren, zu kontrollieren und zu verwalten. Für die Zukunft der kubanischen Revolution wird die Entscheidung dafür immer dringlicher. * Anmerkungen:

1. Nach Suárez Vega. ZK-Mitglied, Die Zeit, 28.Oktober 1988 2. Granma, 27.November 1988 3. International Herald Tribune, 12.Januar 1989. 4. Trabajadores, S.Juli 1986. 5. Erklärung des Politbüros der PCC, Granma, 2.Oktober 1988 6. Granma, 11. Dezember 1988. 7. Grarma, 8.Januar 1989 8. Latin American Weekly Report, 19.Januar 1989. 9. Granma. 18.September 1989. 10. Granma, 1.Januar 1989.

I1. Le Monde. 3.Januar 1989 12. Bohemia, 21.Oktober 1988. 13. Et País. 2. Januar 1989.

14. Ebd.

KUBA

Sowjetunion in Kürze

Erstmals seit über 50 Jahren wurde wieder eine Kriminalitätsstatistik der UdSSR veröffentlicht. 1988 wurden 1.9 Millionen Straftaten registriert (3,8% mehr als im Vorjahr). Im einzelnen handelt es sich um:

Morde 16.710 Schwere Körperverletzung 37.191 Vergewaltigungen 17.658 Schwerer Raub 12.916 Einfacher Raub 67.114 Diebstahl 749.807 Betrug. Unterschlagung. Spekulation 154.228 Tödliche Verkehrsunfälle 22.492 Die Zahl der Kandidatinnen und Kandidaten zum Obersten Sowjet deutet auf eine sich abzeichnende Kräfteverschiebung hin. Nach Mitteilung der zentralen Wahlkommission stieg gegenüber 1984 der Anteil der Parteimitglieder von 71,4 auf 82,2%, während der der Frauen (32,8 auf 15,8%) und Bauern (16,l auf 9%) halbiert und der der Arbeiterschaft um ein Drittel verringert wurde (35,2 auf 23,7%). Insgesamt hat der Oberste Sowjet 2250 Abgeordnete. Davon werden 1500 direkt gewählt (7558 Kandidaten und Kandidatinnen wurden aufgestellt). 750 werden von gesellschaftlichen Organisationen entsandt, das heißt von den Apparaten. So sind 100 Mitglieder schon Mitte März vom ZK der KPdSU gewählt worden, unter ihnen auch Gorbatschow.

Nach einer Erklärung der Hauptverwaltung für staatliche Zollkontrolle wird die Einfuhr von Literatur weiter streng kontrolliert. Dazu heißt es: Es ist verboten, Bücher mitzubringen, die Krieg. Rassismus, Faschismus, nationale Überheblichkeit und religiöse Intoleranz propagieren, aber auch alle Publikationen, die darauf gerichtet sind, das sowjetische staatliche System zu unterminieren, die territoriale Integrität oder Souveränität zu verletzen.* Das gelte ebenso für Zeitungen und Zeitschriften. Ferner können wir Zeitungen nicht erlauben, die Karikaturen unserer Staatsmänner enthalten." Die Entscheidung werde jeweils von den Grenzorganen getroffen, die eine reiche Erfahrung auf diesem Gebiet besitzen. " Im Zweifelsfall konsultieren wir Glawlit, die mit der Zensur befaßte sowjetische Einrichtung." Erstmals wird das Bruttosozialprodukt nach der im Westen üblichen Methode errechnet. Danach betrug es 1988 866 Milliarden Rubel.

Von der deutschsprachigen Ausgabe von Moscow News werden gegenwärtig zwischen 30.000 und 40.000 verkauft. Mit einer Startauflage von 75.000 kam nun auch die Zeitung in Italien heraus. Zunächst erscheint sie auch dort als Monatszeitung.

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EL SALVADOR