INTERVIEW MIT DEM STREIKKOMITEE DER ELEKTRIZITÄTSWERKE BRE •DER STREIK IST KEINE SACHE FÜR SPEZIALISTEN, SONDERN EINE SACHE VON UNS ALLEN! +++++++++++++++++++++++++++++++*+** Nach 18 Tagen unbefristeten allgemeinen Streiks haben die Beschäftigten der Elektrizitäts- un Gaswerke von Brest einen bedeutenden Sieg errungen. Von 75 geforderten Neueinstellungen wurden 50 durchgesetzt, und 3 oder 4 weitere werden zweifelsohne genehmigt, wenn die Situation in allen Abteilungen geklärt ist.
Wie ein Mitglied des Streikkomitees von Brest es ausdrückte: durch diesen Kampf ist die nafionale Neueinstellungssperre bei den französischen Elektrizitätswerken durchbrochen worden. Dieser Sieg, der unter ungewöhnlichen Umständen ereicht wurde - zum ersten Mal wendet eine isolierte Elektrizitätszentrale eine solche Aktionsform an - wird großen Auswirkungen aul nationaler Ebene haben. Die wesentliche Waffe bei diesem Sieg war die massenhafte Beteiligung der Streikenden an allen Etappen des Kampfes, angetrieben von einem demokratischen Organisierung der finanziellen Hilfe, und auch bei den Verhandlungen. Das gleiche gilt für die Kontrolle über die Ausführung der Vereinbarungen: die Streikenden haben beschlossen, auch nach dem Streik ihr Streikkomitee und dessen Arbeitskommissionen weiter aufrecht zu erhalten, um sich von der Werksleitung über die Fragen der Belegschaftsstärke und der Ar beitsverteilung nicht mehr "an der Nase herumführen zu lassen S. 10 INPREKORR 15.11.72
Das Streikkomitee ludt die gesamte linke Presse am 16. November zu einer Diskussion ein. Die Vertreter dreier Zeitungen, darunter die von ROUGE, erschienen. ROUGE druckte den Wortlaut dieses Gesprächs in extenso ab angesichts der Bedeutung dieses Dokuments ( in IN- PREKORR sind einige Passagen zusammengefaßt in Klammern wiedergegeben). Das Streikkomitee ist demokratisch, zusammengesetzt und drückt deshalb nicht zu allen Fragen eine einheitliche Meinung aus. Verantwortliche und aktive Kollegen der CGT und CFDT, Unorganisier te und politisch engagierte Genossen saßen im Komitee. Diese Verschiedenheit der Meinungen hat die breiteste Aktionseinheit keineswegs unmöglich gemacht. Im Gegenteil, gerade weil jeder Streikende die Möglichkeit hatte, für die Durchsetzung der Ideen, die er für richtig hielt, einzutreten, konnte die größte Disziplin in der Aktion verwirklicht werden. Wieso habt ihr euch zu einer Bewegung solchen Ausmaß es entschlossen, wo man doch bei den Elektrizitäts und Gaswerken auf 24 Stunden befristete Streiks gewohnt ist? Wir haben sehr gut gespürt, daß 24 Stunden nicht genügten, um ein solches Ziel, wie wir uns es gesetzt hatten (zusätzliche Einstellung von 75 Arbeitskräften), zu erreichen. Schon am 26. Oktober ( nationaler Aktionstag 26. Okt. ) haben wir 24 Stunden lang gestreikt, und ein neuer 24-stündiger Streik am nächsten Tag wäre nicht gelungen. Über die 24-stündigen Streiks ( Steckenpferd der CGT) sind wir hier ganz und gar nicht glücklich. Wir haben sogar unseren nationalen Gewerkschaftsverbänden durch unsere Gewerkschaftsführer klargemacht, daß wir die Nase voll haben von 24-stündigen Streiks, durch die man nichts erreicht, die für dieses Problem nie etwas bringen werden. Und bei den nächsten 24-stündigen Streiks, denke ich, die laufen nicht mehr, jedenfalls nicht mehr hier.
: Es ist doch klar, daß 24 Stunden gegenüber einem Unternehmer, der genau weiß, daß wir morgen wiecer an die Arbeit gehen, mit oder ohne Resultat, daß der sich einen Dreck drum kümmert!
• Wenn ein 24-stündiger Streik angesagt wird, dann interessiert die Kumpels nur, ob es an diesem Tag schönes Wetter gibt... Die Hälfte geht zum Angeln... 24 Stunden Streik, das ist nichts anderes als unbezahlter Urlaub!
• Man muß sagen, daß seit dem letzten Jahr die Ergebnissse des Produktionskomitees ( in dem Gewerkschaftsvertreter der Werksleitung ihre Wünsche vorbringen), was die Anzahl der Beschäftigten betrifft, uns nicht sehr befriedigt haben. Immer nur Versprechungen, "wir werden sehen "wir werden die Sache verfolgen , usw... Dann gab es eine schwarze Serie von Arbeitsunfällen. All das hat in uns den Geist von... unbefristet Streikenden gefestigt. • Schon lange vor der ersten Versammlung gab es die Probleme in jeder Abteilung. Man diskufierte darüber, und man fragte sich: "Und wie sieht's in den anderen Abteilungen aus?" Et liche mußten dauernd von einer Abteilung zur anderen tanzen. Die Arbeitsengpässe dauerten 15 Tage jeden Monat, permanente "Engpässe". . Gleich zu Anfang der Versammlung (am 27. Oktober) wurden wir uns bewußt, daß die Unzufriedenheit tiefer steckte, als wir zuerst annahmen, daß sie allgemein verbreitet war, und darauf ging 's los. (Die Gewerkschaftsführungen waren von dem permanenten Problem in Kenntnis gesetzt worden, aber als der unbefristete Streik dann über diese einzige Forderung losbrach, waren sie sehr überrascht. )
Wie seid ihr zu diesen Organisationsformen des Kampfes gekommen ( Streikkomitee, ver schiedene Kommissionen, regionales Unterstützungskomitee) ?
• Das ging spontan. Das war vor allem deshalb, um die Einheit unter den Kumpels zu wah- ren. • Im allgemeinen waren die Kollegen jeder Abteilung dafür. Man brauchte nicht drängen: ieder wollte spontan in das Streikkomitee. Das ist übrigens erstaunlich, denn die meisten Kumpels vom Komitee haben sich noch nie um solche Sachen gekümmert, weder von der Ge- werkschaft aus noch sonstwie...
- Im Streikkomifee gab es etwa 20 Kumpel, aber wir waren immer 30 oder 40 oder mehr. Man hat sogar über den Lärm geschimpft, der dadurch entstand: man konnte unter diesen Umständen nicht mehr arbeiten!
- Eben, das ist ja das Bemerkenswerte... wie sich dann die Disziplin durchsetzte! - (CGT-Sekretär) Als der Streik einmal losgebrochen war über die einzige Forderung nach Neueinstellungen, da gab es keine Rückzugsmöglichkeit mehr. Entweder man siegte oder man verlor, es gab keinen Mitte/weg, keine Möglichkeit, sich auf eine andere Forderung zurückzuziehen.
Als die Kollegen sich für den Streik entschieden hatten, ging man sehr vorsichtig vor. Jede Abteiiung wurde getrennt, damit jeder seine Position zum Streikvorschlag diskutieren konnte, um sicher zu sein, daß die Sache wirklich Hand und Fuß hatte. Denn wir hatten auf dem Elek trikitätssektor noch keinerlei Erfahrung von solchen Streiks, die unbefristet in einem einziges Werk ausbrechen - und am Anfang sogar in einem einzigen Teil des Werks. Damals wußten wir nicht, ob die anderen auch nachziehen würden.
Als wir sahen, wie fest die Bewegung war, mußte man Mittel und Wege finden, um einen festgeschweißten Streik daraus zu machen. Und zu diesem Zweck gab es kein anderes Mittel, der Beweis ist dann geliefert worden, als alle streikenden Arbeiter an der Führung ihres Streiks zu interessieren.
Von dem Moment an, wo das zur Sache aller wurde, nicht nur die der Gewerkschaftsfunktio näre, ist offensichtlich, daß es zehn mal solider ist. Man könnte von den jeweiligen Formen, die eingenor men wurden, sprechen, aber das Entscheidende war, daß es absolut notwendig war, etwas zu schaffen, das man nicht mehr zerstören und das nichts erschüttern konnte. Wie sind die Forderungen ausgearbeitet worden?
Wir haben uns in Arbeitskommissionen aufgeteilt, nach Abteilungen und nach Gruppen - und jede Gruppe hat sich um ihre Probleme gekümmert: man mußte all die Elemente wiederfinden die fehlten, um genau zu wissen, was ihre täglichen Arbeiten alles beinhalteten. Darauf haben wir uns als Grundlage gestützt, wenn wir sagten, daß man einen Angestellten auf die som Posten oder einen Monteur in jenem Distrikt zusätzlich einstellen müsse. Und an den Verhandlungen haben die Arbeitskommissionen direkt teilgenommen. Etwa 120 Streikende im ganzen!
• In Zukunft werden wir mit denselben Methoden arbeiten. Wir arbeiten mit Zahlen, die ungefähr bekannt sind. Die Werksleitung ihrerseits arbeitet mit einem Elektronengehirn und sie läßt ihn ausspucken, was sie will. Wir haben uns schon ein bißchen in der Frage der Arbeitszeiten drankriegen lassen, aber jetzt werden wir aufpassen. Deshalb sieht sich jeder in seiner Abteilung weiterhin als mobilisiert an. Das ist wichtig, denn das ganze Jahr hindurch wird man merken, daß man uns weniger Zeit für die gleiche Arbeit zubilligt ... einige Arbeitszettel werden von den Vorarbeitern ein bißchen gefälscht werden... Dann werden wir zurmzur Werksleitung mit genauen Zahlen gehen und ihr sagen, daß die Ergebnisse des Elektronengehirns nicht stimmen! Es ist aus mit den Zahlen und Studien der Werksleitung! Das Elektronengehirn, das sind jetzt wir!
( Anschließend wird über die Haltung eines nationalen CGT-Sekretärs, der nach Brest gekomm ist, diskutiert, wobei man sich nicht einig war, ob dieser den Kampf sabotierte oder ob er nur ungewollt demobilisierte. )
Das Streikkomitee hat sich jetzt in ein Koordinationskomitee, das die Ausführung der Übereinkommen überwacht, verwandelt. Welchen Unterschied seht ihr zwischen diesem Komitee und einem Komitee der verschiedenen Gewerkschaften im Betrieb? Man muß beides miteinander verbinden. Trotz des Streikkomitoar fiihlon dia K.....-I--:-L
ben wir gehandelt. Das Wort "'Streikkomitee" ist für uns synonym von "Einheit". Über die- weiterhin als Angehörige ihrer Gewerkschaften. Als Militanten dieser oder Gewerkschaft hases Komitee und seine Arbeitskommissionen haben wir das Problem vor die Werksleitung gebracht. Warum sollen wir es von heute auf morgen auflösen, wo noch nicht alle Probleme geregelt sind?
• Das Koordinationskomitee ist sowas wie eine Gewerkschaftsfusion zu einem bestimmten Punkt: das Problem der Belegschaftsstärke in Brest.
. Trotzdem, wenn es eine andere Forderung gäbe wie z. B. Lohnerhöhung, dann würden wir jetzt, wo sich das eingespielt hat, das Streikkomitee wieder einsetzen. . Mit dem Streikkomitee befinden wir uns in permanenten Streikzustand, sind wir mobilisiert. • (CGT-Sekretär) Es gibt nicht viele Beispiele, wo man nach einem Streik ein solches Komitee eingerichtet hat, um zu kontrollieren und mit weiteren Perspektiven. Es gibt eine Reihe komplizierter Probleme, um zu überwachen, wie das Übereinkommen angewendet wird, und das wird sich nicht in 15 Tagen regeln lassen.
Wir haben das Gefühl, daß man uns lange Jahre lang hinsichtlich der Zahlen übers Ohr gehaven hat. Jetzt wird es in jeder Abteilung Kollegen, die sich versammeln, geben, die den Stand genau ermitteln. Das ist eine Art " permanenter Kontrolle der Arbeiter über die Personalpolitik" . Es handelt sich um eine neue und reiche Erfahrung, die von unserer Mobilisierung abhängt. Wenn wir es fertigkriegen, die Sache weiter so zu führen, wie wir es seit dem Beginn des Streiks gemacht haben, dann kann das sehr lange halten.
• Zumindest ermöglicht uns das, uns in Form zu halten - in Form von Streikenden! Was habt ihr gemacht, um der Verelumdungskampagne gegenüber der Öffentlichkeit entgegenzutreten?
Anfänglich haben wir den Strom nicht unterbrochen; wir haben uns gesagt: Stromunterbrechungen nur im äußersten Fall, denn wirklich, das bringt die Offentlichkeit gegen uns auf. Wir haben auch Straßendemonstrationen vermieden: es war wirkungsvoller, Flugblätter in die Briefkästen zu werfen, als sie auf den Hauptstraßen zu verteilen und mit anzusehen, wie sie am nächsten Tag in die Rinne gekehrt werden.
• Wir haben vor allem in den Arbeitervierteln verteilt. Wir haben nichts von den Bourgeois erwartet. In den Arbeitervierteln haben unsere Geldsammlungen am meisten eingebracht. • Wenn es Streikende gab, die nichts zu tun hatten, haben wir sie in die Schalterhalle geschickt, um mit den Kunden, die sich erkundigen wollten, zu diskutieren. Wir gaben den Kunden Auskunft, nicht über die Zähler, sondern über den Charakter des Streiks und über unser Ziel. Viele waren dafür, vor allem die alten Arbeiter, die wissen, was das heißt, zu kämpfen.
Die Beschäftigen der Elektrizitäts- und Gaswerke sind von dieser Sache noch gezeichnet. Sie haben Angst, daß ihr Streik unpopulär wird, wenn sie den Strom unterbrechen müssen, denn wir haben nie gesagt, daß wir keine Stromunterbrechungen machen würden. Wir haben diese Waffe aufgehoben für den Fall einer Notwendigkeit, aber wir wollten uns ihrer nicht bedienen, ohne daß die Bevölkerung vorher davon in Kenntnis gesetzt wurde, um feindliche Reaktionen zu vermeiden. Auf jeden Fall muß gewährleistet sein, daß wenn ein Teil der Bevölkerung feindselig reagiert, ein anderer Teil zustimmend reagiert.
(Aus ROUGE Nr. 181 vom 25. November 1972)