Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Frankeich

Die Arbeiter nehmen ihre Kämpfe selbst in die Hand!

Inprekorr Nr. 21, 15. November 1972 · S. 9-10 · 958 Wörter

Gewerkschaften und Streiks Frankreich

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FRANKREICH: DIE ARBEITER NEHMEN IHRE KÄMPFE SELBST IN DIE

HAND #+++++ *++++++ ++++++++++++ +++ "'Es gibt ein paar Runzeln im sozialen Bereich!" wie De Gaulle zu sagen pflegte. Das Fußauch im nationalisierten Sektor, von der Bretagne bis zu den Kalibergwerken im Elaaß und volk macht nicht mehr mit. Die Arbeiterklasse führt Arbeitskämpfe, sowohl im privaten ala und Regierung nichts Konkretes anzubieten: sie haben die Patrone Edgar Faure mit den Sozial. zu den Arbeitern von Fos ( bei Marseille). Vor diese Kämpfe gestellt, haben Unternehmer tarifverträgen abgeschossen, aber in Wirklichkeit wars nur ein feuchter Knallkörpers nichts wird auf den Tisch gelegt. Außer einer Gesetzesvorlage zur Angleichung von Männer und Frauenlöhnen, die überhaupt nichts sichert. Außer einer so "schüchternen"" Reform des Entlassungsrechts, daß der alte Zustand fast gar nicht verändert wird. Aber nach den Sommerferien erleben wir einen bemerkenswerten Aufschwung der Kombativität der Arbeiter: ganze Sektoren der Privatwirtschaft beginnen den Kampf für 1000 Franc monatlichen Mindestlohn, für die 40-Stunden-Woche und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen; im staatlichen und nationalsierten Sektor wird wieder mobilisiert, wodurch die Politik der Sozialtarifverträge ernsthaft ins Wanken gerät.

Gegenüber den sich entwickelnden Kämpfen versuchen die Unternehmer, die Karte der Einschüchterung auszuspielen: Bei Berliet werden 9 Gewerkschaftsdelegierte nach dem "Anti- RandalieremGesetz ( das gegen die revolutionäre Linke geschaffen wurde!) angeklagt, weil sie während des Streiks die Büroräume der Werksleitung durchquert hatten. Und diejenigen, die sich geweigert hatten, Streikbrecher zu machen, kommen vors Schöffengericht. Bei Ferodo hat der Sta itsanwalt gegen die Arbeiter, die 1970 Führungskräfte des Betriebs dort Festgehalten hatte 1, Gefängnisstrafen ohne Bewährung beantragt. Schließlich fordern die Unter nehmer immer öfter die CRS-Streikpolizei an, um gegen Streikposten vorzugehen. Aber das reicht nicht aus, um die Arbeiterkämpfe zu entschärfen!

Im öffentlichen und nationalisierten Sektor werden bei der Eisenbahn, bei den Elektrizitäts werken und den elsäßischen Kalibergwerken Breschen in die Politik der Sozialtarifverträge geschlagen. Trotzdem klammert sich die Regierung verzweifelt daran, denn viel steht wirt schaftliche auf dem Spiel: die Sozialvertragspolitik, als Musterstück der "neuen Gesellschaft" anciert, bietet neben ihrer Integrierungsfunktion noch weitere Vorteile: sie fügt sich in die Gesamtheit der für die einzelnen Sektoren geplanten Rentabilisierungsmaßnahmen ein, sie ermöglichte die Planung der Lohnkosten über ein Jahr ( oder über zwei wie bei den Elektrizitätswerken), sie zwang die Gewerkschaftführungen, die unterschrieben hatten, dafür zu sorgen, daß die Arbeiter sich daran hielten, selbst wenn sie deswegen wie 1971 Kämpfe zer schlagen muß. Allein - diese Politik war auf einer " 'normalen" Entwicklung der Preiserhöhungen begründet.

Wenn die Bourgeoisie heute die von den Sozialverträgen eng gesetzten Grenzen verließe, brächte das zwei gefährliche Konsequenzen für sie: in einer Vorwahlperiode den Arbeiterkämpfen nachzugeben, ist ein Zeichen politische Schwäche, das die Bourgeoisie nicht braucht. Wenn man dazu berücksichtigt, daß die Sozialverträge mehr als 9 Millionen aktive oder pen sionierte Lohnabhängige betreffen, so kann man verstehen, warum die Regierung jede Revision verweigert... Giscard hat klar und deutlich gesagt, daß die Konkurrenzfähigkeit der französischen Wirtschaft innerhalb von einigen Monaten durch die Inflation infrage gestellt werden kann: wenn so kurz vor den Wahlen ein Lohnstop nicht infrage kommt, so ist er kurz danach nicht völlig auszuschließen. Heute hält die Regierung am Sozialvertragssystem fest sie ist dazu gezwungen; indem sie nicht den Forderungen der Kalibergleute nachgibt, ver sucht sie ihre Politik zu retten: der Sozialtarifvertrag 1972 für die Kalibergwerke ( den CGT und CFDT nicht unterschrieben haben) ist un gefähr der gleiche wie der bei den Eisenbahnen und der Malaud-Vertrag beim Öffentlichen Dienst. Aber der Beweis ist erbracht worden, daß man den staatlichen Unternehmer zum Nachgeben zwingen kann: die Beschäftigten der Elekfrizitätswerke von Brest sowie die von Nantes haben mit ihrer Forderung, die Zahl der Beschäftigten zu erhöhen, einen Sieg errungen (Vergl. nachfolgenden Artikel).

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Auch für den Privatsektor haben die jüngsten Kämpfe gezeigt, daß es möglich ist, wesentlich Forderungen durchzusetzen: bei Chaffoteaux (Saint Brieuc) haben die Arbeiter 45 Centimes Lohnerhöhung erreicht, und bei der Comurhex von Malvezy wurde bei den Lohn- und Arbeih zeitforderungen ein Sieg errungen. Gegenwärtig stecken sich die Kämpfe gegenseitig an. Dutzende von Betrieben einer Region beginnen gleichzeitig den Kampf: in der Bretagne, in der Marseiller Gegend, in Sedan, Lyon... Bei Berliet, wo für eine Lohnerhöhung von 200 Francs und für die Beibehaltung der gleitenden Lohnskala gekämpft wird, kam es zu einer Kraftprobe nationalen Ausmaßes mit den Unternehmern der Metallindustries die einzige Ant wort, die die Unternehmer auf die "rollenden Streiks" (kleine Kurzstreiks der Runde nach in jeder Abteilung) haben, ist die Repression gegen die Gewerkschaftsstrukturen im Betrieb und die Aussperrung.

Das neve Faktum der gegenwärtigen Kämpfe liegt in ihren Organisationsformen: immer häufig werden Streikkomitees gebildet. Sie drücken die Form der Arbeiterdemokratie beim Kampf au sammeln gewerkschaftlich organisierte und nicht-organisierte Streikende, organisieren den Streik selbst und setzen ihre Anerkennung durch die Unternehmer durch als Vertretung der Streikenden. In den Streikkomitees wird die Einheit der Arbeiter hergestellt, wobei eine Vielfalt von Meinungen zum Ausdruck kommt, was eine sehr lehrreiche Er fahrung für die Arbeiter darstellt. Solche Streikkomitees erscheinen sogar langsam auch in den ( bisher von der Gewerkschaftsbürokratie beherrschten) Arbeiterbastionen, wo sie sich nicht nur in der Form von Koordinationsorganen der Gewerkschaftsführungen ( wie beim Streik von Avignon-Midi) strukturieren, sondern als Ausdruck der Arbeiter, die auch ihre tatsächliche Wirksamkeit spüren. Das zweite neue Faktum liegt darin, daß die Kämpfe immer mehr von Unterstützun skomitees als Einheitsorganen, durch die die aktive Solidarität in allen Schichten der Bevö kerung organisiert wird, gestärkt werden.

Offensichtlich warten die Arbeiter nicht auf die Wahlen im März 1973. Das Kräfteverhältnis gegenüber der Bourgeoisie wird durch die derzeitigen Kämpfe konsolidiert. Die Höhe der ge genwärtigen Mobilisierung der Arbeiter setzt die Koordinierung der Kämpfe auf der Ebene der Konzerne und der Regionen auf die Tagesordnung, um die Unternehmer und die Regierung zum Nachgeben zu zwingen. (Leitartikel in ROUGE Nr. 181 vom 25.11.72)