Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Brief an Sowjetskaaja Rossija

Inprekorr Nr. 209, November 1988 · S. 30-32 · 1.427 Wörter

Tschechoslowakei IV. Internationale Trotzki und Geschichte

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Brief an Sowjetskaja Rossija

Der folgende Brief wurde am m 28.Juni 1988 berichtete die 10.Juli von Petr Uhl an die sow- A tschechoslowakische Zeitung jetische Zeitung Sowjetskaja Ros- Rude Pravo, daß Ihre Zeitung am sija, einem der wichtigsten 25.Juni Jaroslav Kojzars Artikel aus Sprachrohre der neostalinisti- Rude Pravo über die antikommunistischen Aktivitäten Petr Uhls, eines Unterzeichschen Strömung in der KPdSU, ners der Charta 77, veröffentlicht hatte" gesandt. Der fragliche Artikel erschien am 18.Juni in Rude Pravo. An die Redaktion der Zeitung habe ich bereits einen Brief mit der Bitte nach einer Gegendarstellung gesandt. Ich stelle Ihnen hiermit die vollständige Fassung, mit kleineren Änderungen, zu.

Der Artikel verleumdet mich in einer derartig groben Weise, die selbst unter den tschechoslowakischen Verhältnissen au- Bergewöhnlich ist. Er enthält zahlreiche falsche Behauptungen über mich und andere Personen sowie über die IV .Internationale und die politische Linie des revolutionären Marxismus (Trotzkismus), deren Anhänger ich bin.

Vor allem erzeugt der einführende Teil des Artikels eine besondere Atmosphäre. Der Autor scheint darüber entsetzt zu sein, daß eine solch widerwärtige Kreatur wie ich zusammen mit anderen Leuten in der Straßenbahn sitzt oder seine Einkäufe macht. Es scheint sich die Frage zu stellen, ob dieses Ungeheuer nicht kenntlich gemacht und ihm der Zutritt zu normalen Straßenbahnen und Läden versperrt werden sollte. Was die eindeutige Kennzeichnung betrifft, würde Herr Kojzar schon dafür sorgen. Er betont Leo Trotzkis jüdische Herkunft, indem er seinen [ursprünglichen] Familiennamen „Bronstein" erwähnt. Derartiges ist nicht neu. Der Antisemitismus ist immer ein charakteristischer Zug des Stalinismus gewesen. Ich habe nicht die Absicht, mit Herrn Kojzar zu diskutieren. In Anbetracht der Tatsache, daß Ihre Zeitung eine ziemlich konservative und neostalinistische Sicht der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung und der Perspektiven der bürokratisch deformierten und degenerierten Arbeiterstaaten hat, verlange ich keine vollständige Berichtigung. Ich würde es als ausreichend betrachten, wenn Ihre Zeitung die folgende Stellungnahme als Gegendarstellung abdruckte: Unter der Maske pseudorevolutionärer Rhetorik. " Mit dieser Schlagzeile wurde der Artikel von Jaroslav Kojzar über Petr Uhl aus Rude Pravo vom 18.Juni 1988 in Sowjetskaja Rossija vom 25.Juni 1988 veröffentlicht. Der Artikel enthält eine Reihe faktischer Irrtümer. Auf Bitten Petr Uhls informieren wir unsere Leser, daß es z.B. völlig falsch ist zu behaupten, daf Zavis Kalandra ein Kollaborateur der Nazis und nach Februar 1948 bei der

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moralischen Qualitäten und an seiner intellektuellen Aufrichtigkeit. (...) Petr Uhl wird direkt und indirekt des Terrorismus, der Konspiration zum Sturz der Regierung durch einen Staatsstreich und der Verbindung mit ausländischen „Schaltzentralen" beschuldigt. In unserer Nachkriegsgeschichte hat diese Rhetorik als Rechtfertigung von viel zu vielen Hinrichtungen, lebenslangen Freiheitsstrafen und Zerstörungen von Menschenleben geführt.

Die Opfer wurden nachträglich rehabilitiert. Ihre Fälle wurden vollständig neu aufgerollt. „Fehler"* wurden aufgedeckt. Doch leider konnten die Toten nicht wieder ins Leben zurückgerufen werden. Und denen, die zu Unrecht inhaftiert worden waren, konnte der Teil ihres Lebens, den sie unter inhumanen Bedingungen verbrachten, nicht zurückgegeben werden. Es ist offensichtlich eine der Ironien der gegenwärtigen Perestroika tschechoslowakischen Stils, daß, während in der Sowjetunion solche Praktiken öffentlich diskutiert und verurteilt werden, tschechische Journalisten wie Kojzar in schamloser Weise zu ihnen zurückkehren.(...) Solange die selbstlose Arbeit und die konstruktive staatsbürgerliche Haltung von Menschen wie Petr Uhl auf zynische und gewalttätige Antworten wie diejenige Kojzars stößt, kann man nicht annehmen, daß eine ernstlich beabsichtigte Umstrukturierung und Demokratisierung unserer Gesellschaft im Gang ist. Wir protestieren entschieden gegen diese Art der Politik und möchten unsere volle Solidarität mit Petr Uhl ausdrücken.

Unterzeichner: Petr Bartos, Ludek Bednar, Jana Bucharova, Josef Danisz, Bozena Devata, Stanislav Devaty, Pavel Dudr, Premysi Fialka, Ladislav Grebik, Jiri Gruntorad, Vladimir Hajny, Vaclav Havel, Marek Hlupy, Ludvik Hradilek, Anna Hradilkova, Ladislav Kaspar, Jan Kiss, Anna Kissova, Bedrich Koutny, Ivan Lamper, Jan Machacek, Eliska Meissnerova, Robert Nebrensky, Kveta Markova, Dana Nemcova, David Nemec, Jaromir Nemec, Miroslav Odlozil, Petr Placak, Judita Prochazkova, Jan Ruml, Jan Schneider, Dusan Skala, Joska Skalnik, Jaroslav Spurny, Frantisek Starek, Jaroslav Sabata, Ruth Sormova, Petruska Sustrova, Jachym Topol, Vladimir Trida, Jan Urban, Lucie Vachova, Robert Valik, Sasa Vondra, Martina Vondrova, Lubos Vydra. (Die Authentizität der Unterschriften wird garantiert von: Ivan Lamper, Rybalkova 27, Praha 10, CSSR.) CSSR • Rude Pravo:

Bei dem folgenden Text handelt und er könnte in Ruhe darüber grübeln, es sich um die wesentlichen Aus- wie man die Welt auf den Kopf stellen züge aus dem im tschechoslowa- kann, womit er sich insbesondere 1968 kischen KP-Organ Rude Pravo beschäftigte,als Abgesandte der sogenannten Pariser Vierten Internationale am 18.Juni 1988 erschienen Arti- nach Prag zu ihm, einem unbekannten kel von Jaroslav Kojzar. 27jährigen Lehrer, kamen. Er träumte von einer Weltrevolution im Geist des „spezifischen" Programms dieser Inter- E Segnungen tente Sy tem viel. r lebt unter uns. Er genießt die nationale. 1 sozialen Sicherheit. Er geht viel- Angeblich ist der Kapitalismus eine besleicht in die gleichen Läden wie andere sere Grundlage, um eine solche Revoluauch, benutzt dieselbe Straßenbahn, den- tion zu lancieren. Somit muß der erste selben Bus oder dieselbe U-Bahn. Er un- Schritt der Sturz unseres politischen Syterscheidet sich von anderen dadurch, daß stems und des politischen Systems in den er ständig genug Tuzex-Gutscheine [für anderen sozialistischen Staaten Mittelden Gebrauch in Devisenläden] besitzt, und Osteuropas einschließlich Jugosladal seitens gewisser westlicher Rund- wiens sein. funksender oft über ihn gesprochen wird und daß sein Name häufig in der bürgerli- Was ist die Vierte Internationale**? Seit chen Presse erscheint. Die Rede ist von jeher wird der Name Leo Trotzki (Lew Petr Uhl. Er gehört zu einer Gruppe soge- Bronstein) aus der Geschichte der Sowjetnannter Dissidenten, die sich selbst Char- 'union der 20er Jahre in Erinnerung gerutisten nennen, und ihm wird von seiten fen. Er ist für seine Auffassung bekannt, einiger Leute aus dem Westen, die in un- nach der es unmöglich ist, in nur einem ser Land kommen, eine Publizität zuteil, Land den Sozialismus aufzubauen, sowie als wenn er ein Sprecher unserer Öffent- für seine sogenannte Theorie der permalichkeit wäre. nenten Revolution. Gäbe es nicht diese künstlich geschaffene In seinem Buch Die permanente Revoluund unverdiente Publizität, so wäre Uhls tion, veröffentlicht 1930, behauptete er. Name bald unter welkem Laub vergraben, daß die vollständige Durchsetzung einer

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Gründung einer regierungsfeindlichen Organisation beteiligt war. Zavis Kalandra wurde, wie allgemein bekannt ist, 1949 zum Tode verurteilt und hingerichtet (mit ihm war Milada Gorakova angeklagt). Der Urteilsspruch wurde durch eine Entscheidung des Präsidiums des Obersten Gerichtshofes vom 30.Juli 1968 rückgängig gemacht.

Desgleichen werden das gesamte Programm und die politischen Positionen der IV. Internationale in J. Kojzars Artikel falsch wiedergegeben. Was Petr Uhl selbst betrifft, weisen wir auf einige falsche Behauptungen in dem Artikel hin. Es ist nicht wahr, daß er zusammen mit anderen Personen im Februar 1969 eine Art bewaffnete Besetzung des tschechoslowakischen Rundfunks und die Ausstrahlung einer regierungsfeindlichen Sendung geplant hat und daß er dafür verurteilt wurde. 1971 wurde Uhl zu vier Jahren Freiheitsentzug (und nicht einigen Monaten, wie Kojzar schreibt) einfach aufgrund der gewaltfreien politischen Aktivitäten (Diskussionen, das Schreiben und Verbreiten politischer Dokumente und Flugblätter, die Organisierung einer oppositionellen Gruppe, der Revolutionären Jugendbewegung) der Jahre 1968-69 verurteilt.

Später, 1979, wurde er wegen seiner Tarigkeit für die Menschenrechte, die er in der CSSR sowohl im Rahmen des Komitees zur Verteidigung der zu Unrecht Verfolgten (VONS), dessen Mitglied er nach wie vor ist, als auch der Charta 77 ausübte, verurteilt.

Petr Uhl wurde nicht wegen terroristischer Handlungen oder Gewalttaten oder wegen der Vorbereitung solcher Taten angeklagt oder verurteilt. Als Anhänger des revolutionären Marxismus (Trotzkismus) war und ist er ein prinzipieller Gegner des Terrorismus, und deshalb ist seine Empörung über J.Kojzars Artikel wohl begründet. Die Herausgeber entschuldigen sich bei ihren Lesern und bei Petr Uhl wegen der Veröffentlichung des Artikels von J. Kojzar.

Herr Chefredakteur, ich bin bereit, mit Ihnen spezifische Formulierungen in dieser Berichtigung zu diskutieren, falls Details für Sie unakzeptabel sein sollten. Sollten sie diese Stellungnahme nicht veröffentlichen, werde ich eine Korrektur in anderer Form verlangen.

Petr Uhl, Prag (Kopien gehen an die Redaktionen von Ogonjok, Snamja, Nowoje Wremja und Moskowskije Nowosti mit der Bitte nach Veröffentlichung, falls Sowjetskaja Rossija meiner Bitte nach Veröffentlichung innerhalb von zwei Wochen nicht nachkommt.)

Charta 77:

Der folgende Brief wurde von Unterzeichnern der Charta 77 an