AUF DEN SPUREN DER
POLNISCHEN
TROTZKISTEN von CZESLAW WILKO
Legenden haben ein langes Leben. So auch die, nach der die Kommunistische Partei Polens (KPP) in der Periode zwischen den beiden Weltkriegen trotzkistisch gewesen sei. Es ist wahr, daß dies einer der vorgeblichen Gründe gewesen ist, um ihre Auflösung und die Hinrichtung ihrer wichtigsten Führer durch Stalin 1938 zu rechtfertigen.' Aber man brauchte kein Trotzkist zu sein, um den Bannstrahl des „„Vaters der Völker" auf sich zu ziehen. Dazu reichten bereits Anwandlungen unabhängigen Denkens. Und die KPP hatte, bevor sie wie die anderen Sektionen der Komintern „bolschewisiert" wurde, als einzige Partei eine Verurteilung — ohne vorhergehende Kenntnisnahme des Inhalts - der vom Gründer der Roten Armee 1924, verfaßten Lehren des Oktober verweigert. Man darf nicht vergessen, daß die SDKPiL2, die Vorläuferin der KPP, eine Schule hervorragender Kader der internationalen kommunistischen Bewegung gewesen war (Rosa Luxemburg, Feliks Dzierzynski, Karl Radek...).
Die polnischen Trotzkisten haben jedoch wirklich existiert. Unsere Organisation war allen trotzkistischen Organisationen, die ich in der Folge zu besuchen Gelegenheit hatte, deutlich überlegen — und tatsächlich hätte sie sogar als Modell dienen können** *, schreibt Hersh Mendel in seinen Erinnerungen.? Anläßlich des 50.Jahrestages der Gründung der IV. Internationale haben wir nach einigen Anhaltspunkten geforscht, die Zeugnis von ihrer Existenz, ihrer Geschichte und ihren Aktivitäten ablegen. Als Fraktion in der KPP (1930-33)
Individuelle Zusammenkünfte polnischer Aktivisten mit der Linken Opposition haben seit 1927 stattgefunden, als sich zwei von ihnen, Henryk Stein* und Zofia Unszlicht, schriftlich auf ihre Seite stellten. Das ist jedoch nicht der Ursprung der polnischen trotzkistischen Bewegung als organisierte Kraft.
hohen politischen Niveau. Dank ihnen fanden die kritischen Auffassungen, die so lange vom Parteiapparat erstickt wurden, endlich ein Ausdrucksmittel. Deutscher, Shloime und Artel waren unsere wichtigsten Leitartikler. In Warschau hatte unsere jiddische Zeitung eine höhere Auflage als die der Partei. Das kann ich von unserer polnischen Publikation nicht sagen; unter der polnischen Bevölkerung war die kommunistische Bewegung im allgemeinen schon recht demoralisiert und apathisch. Indem sie die Trotzkisten ausschloß, verlor die Partei ihre besten Elemente. ... Unter der Jugend hatte die Opposition besonders viel Einfluß. Es gab tatsächlich eine wunderbare revo- lutionäre Jugendbewegung. "6 Der Bund der Kommunisten- Internationalisten (1934-39)
1934 nahm der erste Kongreß der neuen Organisation den Namen Bund der Kommunisten-
Internationalisten (Zwiazek Komunistów-/nteracjonalistó) an. Ihre Wochenzeitung Kuznia (Die Schmiede) wurde von ihrem Erscheinen im April an beschlagnahmt. Eine neue Zeitung, Na Widnokregu (Zum Horizont) konnte in mehreren Ausgaben erscheinen. Die Aktivitäten der Trotzkisten nahmen in diesen Jahren verschiedene Formen an. Der größte Teil von ihnen trat für einige Zeit in die sozialdemokratischen Organisationen ein (siehe unten). Es wurde jedoch eine kleine Gruppe außerhalb der letzteren aufrechterhalten, um die Verbindungen zwischen den Aktivisten, die Veröffentlichung entsprechender Texte, die Möglichkeit zum selbständigen Eingreifen anläßlich verschiedener Treffen und Versammlungen sowie die Garantie der Freiheit und Unabhängigkeit der Bewegung in bezug auf andere Organisationen zu erhalten. Das Eingreifen der Trotzkisten in den Gewerkschaften ermöglichte es ihnen zu erleben, wie eine Gruppe von Delegierten ihre politische Linie auf dem Kongreß der Gewerkschaft der Arbeiter der chemischen Industrie im April 1936 verteidigte. Trotzkistische Studentenzirkel bildeten sich in Warschau (November 1936) und Lemberg (Herbst 1938). 1938 wurden Verbindungen zu einer Gruppe von aus der Partei der Ukrainischen Kommunisten Ostgaliziens ausgeschlossenen Sympathisanten geknüpft, die mehrere Ausgaben der Zeitschrift Zyttia i Slowo (Leben und Wort) herausgab.
Trotz der schwierigen Bedingungen der Untergrundarbeit dehnte sich die Organisation über die bereits erwähnten Städte hinaus nach Krakau, Tschenstochau und Lublin sowie nach Schlesien aus.
Offene Briefe an die Mitglieder der KPP. geschrieben anläßlich der Hinrichtung mehrerer ihrer Führer in Moskau im Frühjahr 1938 sowie der Auflösung der Partei durch die Komintern im Sommer, wurden in Auszügen in der polnischen Lemberger Tageszeitung Wiek nowy veröffentlicht.
Im Januar 1939 wurde der letzte nationale Kongreß der polnischen Trotzkisten durchgeführt. Zu seinen Zielen gehörte die Herstellung einer regelmäßigen illegalen Presse. Dies konnte nicht erreicht werden. Nachdem einmal die KPP von der stalinistischen Bürokratie selbst liquidiert worden war, konnte die polnische Polizei ihre Interessen stärker auf die Trotzkisten richten. Noch vor Sommeranfang wurden ungefähr 200 Aktivisten verhaftet und zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Eine trotzkistische Zeitschrift, Przeglad Marxistowski (Marxistische Rundschau), wurde noch während der Nazibesetzung von einer kleinen Gruppe im Warschauer Ghetto herausgegeben.
Im Bund und in der PPS (1935-36)
Der Eintritt der Trotzkisten in den Bund und in die PPS (Polnische Sozialistische Partei, die polnische Sozialdemokratie) verdient es, näher untersucht zu werden. Ihr Eintritt in diese Or- 1938 1988 ganisationen war keine heimliche Operation: sie wurde nach einer Stellungnahme der PPS- Führung vom 23./24.November 1935 völlig offen durchgeführt. Am 29.November wurden die Mitglieder der PPS davon in Kenntnis gesetzt, wobei sie gleichzeitig den Text der politischen Erklärung der betroffenen Trotzkisten (unter ihnen I.Deutscher) erhielten. Diese erkannten die PPS als die führende Arbeiterorganisation in Polen an und verpflichteten sich, ihre Disziplin zu respektieren, während sie eine besondere Auffassung hinsichtlich ihrer Taktik und Strategie* bewahrten. Ein alter Warschauer Sozialist erinnert sich: „Nach mehreren Diskussionen haben wir dem Eintritt einer bedeutenden Gruppe von Trotzkisten zugestimmt. Es war eine Gruppe, die aus kämpferischen Aktivisten bestand. Sie verteilte sich auf alle Sektionen, einschließlich der unseren."ª Die jüdischen Trotzkisten integrierten sich unter denselben Bedingungen in den Bund ihr Empfang wurde von der öffentlichen Verlesung ihrer politischen Erklärung während einer Parteiversammlung begleitet. Noch unter der Ägide der PPS erschien 1936 eine Broschüre Isaac Deutschers über den Moskauer Prozeß mit einem Text Trotzkis im Anhang.
Der „Rückzug" aus diesen Organisationen fand gleichfalls geordnet statt - es wurden sogar neue Mitglieder gewonnen. Auch davon sind noch Spuren in den Erinnerungen geblieben: „Mir scheint, daß damals mehrere sehr fähige Genossen aus proletarischem Milieu auf die trotzkistischen Positionen übergegangen sind. In Lemberg war der erste Fall dieser Art der Austritt von Baran Henryk, ein unter den Bauarbeitern bekannter Aktivist - an andere Namen erinnere ich mich nicht mehr.** Die polnischen Trotzkisten und die IV.Internationale
Als das Internationale Sekretariat 1938 Thesen zugunsten der Gründung der IV. Internationale veröffentlichte, übersetzte und verbreitete sie das Zentralkomitee der polnischen Organisation, fügte jedoch seine eigenen Bemerkungen über den als verfrüht angeschenen Charakter dieser Initiative hinzu. Hersh Mendel schreibt, daß dieser Appell .in unseren Reihen eine leidenschaftliche Diskussion auslöste. ... Wir diskutierten gründlich mehrere Wochen lang. Der Genosse Shloime war unter uns der wichtigste Anhänger der Thesen Trotzkis. Deutscher und ich waren ihre Hauptgegner. Alcksander zögerte. Die Mehrheit sprach sich gegen sie aus. **10 Zwei Delegierte der polnischen Organisation nahmen am Gründungskongreß der IV. Internationale teil. Die polnische Organisation erkannte — trotz ihrer anfänglichen Vorbehalte - die neugeschaffene Struktur an und veröffentlichte in polnischer Sprache das Manifest der Konferenz der IV. Internationale an die Werktätigen der ganzen Welt." Nur eine kleine Gruppe, darunter Isaac Deutscher, behielt ihre ursprüngliche Haltung und verließ die Organisation.
Diese Debatte ist nun Geschichte. Die interessierten Leser und Leserinnen werden sich mit Gewinn der Lektüre des ersten Bandes (Naissance de la IVe Internationale. 1930-40) der bei La Breche erschienenen Reihe Les congres de la IVe Internationale sowie der Darlegung von Daniel Bensaid über die Entstehungsjahre der IV. Internationale12 widmen, wo diese Auseinandersetzung dokumentiert wird... Anmerkungen:
1. A.Czubinski. Komunistyczna Partia Polski (1918-1938). Warschau 1985. S.262-265 2. Polnische Abkürzung für die Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauen.
3. H.Mendel, Mémoires d'un révolutionnaire juif. Grenoble 1982, S.317 (dieses Buch erschien 1980 im Westberliner Rotbuchverlag in einer deutschen Ausgabe: Erinnerungen eines jüdischen Revolutiondrs. Anm.d.Ubers.). 4. Henryk Stein (Pseudonyme: Kamienski, Domski), Generalsekretär der KPP von 1923 bis 1925, wandte sich gegen den Marsch der Roten Armee auf Warschau 1920. 5. Durch die Berichtigungen der Grenzen im Gefolge des II. Weltkrieges liegt Lemberg gegenwärtig in der Ukrainischen SSR und Wilna, jetzt wieder Vilnius, in Litauen, also ebenfalls in der UdSSR 6. H.Mendel, a.a.O., S.317.
7. Bund: eine der ältesten Arbeiterorganisationen Europas vor dem Holocaust. 1897 in Wilna gegründet, antizionistisch und der II. Internationale angeschlossen. 8. A.Dab, Wspomnienia : drielnicy „Mokotów". in: P.P.S., spontienia : lar 1918-1939, Bd.1. Warschau 1987, S.217.
9. A. Karaczewski, O jednolitym froncie we Lwowie. in: P.P.S., a.a.O., S.360.
10. H.Mendel. a.a.O.. S.32l.
11. Siche Les congres de la IVe Internationale. I. Naissance de la IVe Internationale (1930-40), Paris 1978, S.203-208. Anm.d.Ubers.
12. Erscheint demnächst auf deutsch im Rahmen der Stdienhefte (siche auch die Anzeige dazu in dieser Ausgabe von Inprekorr). Zur Auflösung der Kommunistischen Partei Polens durch Stalin siche auch: I.Deutscher, Die Tragödie des polnischen Kommunismus, in: die Internationale. Nr. 13. September 1978. Anm.d.Ubers.
Die neue Broschürenreihe, die vom Internationalen Forschungs- und Schulungsinstitut in Amsterdam veröffentlicht wird*, beginnt mit einem bemerkenswerten Text von Ernest Man del. Er lehnt die abstrakte, akademische und positivistische Auffassung des Marxismus als „reiner Wissenschaft" ab, die von jeder Beziehung zur sozialen Bewegung losgelöst sei; er setzt sich zum Ziel, die materialistische Interpretation der Geschichte auf den Marxismus selber anzuwenden: mit anderen Worten, ihn in den allgemeinen historischen Kontext zu stellen und ihn in ein dialektisches Verhältnis - zugleich Integration, Kritik und Überwindung — zu den Sozialwissenschaften seiner Zeit, zum utopischen Sozialismus und zur Arbeiterbewegung zu setzen.
Auf dreißig Seiten eines klaren, präzisen, kohärenten Textes legt Ernest Mandel das Entstehen des Marxismus, seine grundlegenden charakteristischen Merkmale, den persönlichen Lebensweg von Marx und Engels und die Rezeption ihrer Ideen dar. Die Stellung des Marxismus in der Geschichte muß in einem doppelten Bezugsrahmen gesehen werden: als bewußter Ausdruck der realen Bewegung der Selbstemanzipation der Lohnabhängigen im kapitalistischen System ist der Marxismus ein modernes Phänomen; er ist aber auch Erbe und Testamentsvollstrecker von Tausenden von Jahren emanzipatorischer Bemühungen der arbeitenden Menschheit, einer alten Tradition von Träumen und Kämpfen der Armen, der Ausgebeuteten und Unterdrückten. Einer der bedeutendsten Beiträge der Broschüre ist die darin geübte Kritik an den linea-