Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Sowjetunion

Vor dem Aktionsparteitag der KPdSU. Eine Bilanz der Perestroika

Inprekorr Nr. 204, Juni 1988 · S. 12-19 · 4.556 Wörter

Sowjetunion Weltwirtschaft und Krise

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Das folgende Interview entnehmen wir der Zeitschrift Labour Focus on Eastern Europe, Nr.1/ April 1988. Zhores Medwedew, 1925 in Tiflis, Georgien, geboren, ist ein anerkannter sowjetischer Biochemiker und Gerontologe. Nach der Veröffentlichung seines Buches „Der Fall Lyssenko" wurde er in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. 1983 durfte er ins Ausland reisen. Seitdem arbeitet er am National Institute for Medical

Research in London; er wurde aus der UdSSR ausgebürgert.

Kommen wir zur perestroika und be- Leichtindustrie auf 4.7% Wachstum festginnen wir mit den wirtschaftlichen gesetzt: Gorbatschow deutete an. er hoffe Indikatoren vom vergangenen Jahr. auf ein globales Wachstum von 5%. Am Die sind ganz schön schlecht, nicht Ende lag die globale Wachstumsrate bei wahr? Das bedeutet, daß Gorbatschow 2,7% und die Leichtindustrie blieb sogar in sein viertes Jahr als Generalsekretär noch deutlicher unter den Zielmarken als geht, der die Wirtschaft dynamischer die Maschinenbauindustrie. Analysiert gestalten will, ohne daß er wirtschaftli- man die Zeitungsberichte stellt man fest. che Ergebnisse vorweisen kann, die sei- daß selbst die Zahl: 2.7% weitgehend ein nen Bemühungen entsprächen, jeden- finanzielles, nicht ein materielles Wachsfalls nicht unter dem Strich. tum ausdrückt; es wurde durch Preissteigerungen hervorgerufen. Mit anderen Das stimmt, ich war auch nicht beein- Worten: das vergangene Jahr hat viel Verdruckt. Aber ehrlich gesagt, ich habe vor- druß gebracht. ausgesagt, Gorbatschows Annahme aus dem Jahr 1985, er verfüge über eine ange- Noch wichtiger ist, daß im vergangenen messene Politik, das Tempo rasch zu be- Jahr 2.500 Unternchmen zu dem neuen schleunigen, werde sich als illusorisch experimentellen Wirtschaftsmodell der erweisen. Gorbatschows Programmreden Selbstfinanzierung und des Gewinns mit ,1985 haben dazu geführt, daß die Men- einem neuen System von Anreizen überschen erwartet haben, 1987 werde das gegangen sind. Dieser Sektor wurde ge- Jahr der raschen Beschleunigung sein: trennt von der übrigen Industrie kontrol- 1986 werde das Jahr des Parteitags, der liert; er hat seine Planziele nur zu 98,5% Abstimmung über die Pläne und der orga- erfüllt. Mit anderen Worten: auch er weist nisatorischen Klärung sein, dann würden einen Rückstand auf. Es gab keinen bedie Ergebnisse mitsamt der öffentlichen merkenswerten Unterschied zwischen den Begeisterung darüber folgen. Diese Per- Leistungen auf dem alten und dem neuen spektive entsprach der alten, klassischen, Sektor. Jetzt sind 60% der gesamten Indukommandohaften Denkweise: Zielmarken strie auf das neue Wirtschaftssystem umwerden gesetzt, die Menschen mobilisiert gestellt. Aber bislang haben 60% das und die Zielmarken übertroffen. Die offi- Wirtschaftswachstum nicht nennenswert zielle Zielmarke für 1987 wurde in der beschleunigt; die Beschwerden über Qua- Schwerindustrie auf 4.5% und in der lität und Leistungsfähigkeit bleiben diesel-

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SCHWARZMEER• ben.

All dies hat natürlich zu Enttäuschungen geführt. Die verschiedenen Schulen sowjetischer Wirtschaftswissenschaftler ver- KLINIK suchen zu analysieren, was falsch gelaufen ist. Die Schlußfolgerung drängt sich auf, daß das sog. neue System auf genau dieselbe Art und Weise funktioniert wie das alte, nach denselben Planzielen. Formal wurde das System von Planzielen auf NICHTS KLAPPT MEHR - CHAOS & UNFAHIGKEIT • SKANDALE staatliche Aufträge umgestellt. Laut Vertrag, also zwangsweise, mul ein Betrieb für den Staat eine bestimmte Menge von Produkten herstellen. Danach kann ein Überschuß für den eigenen Verkauf mit Gewinn hergestellt werden. So ist das System formal, theoretisch dazu gedacht. den Betrieben einen Anreiz zu geben. Aber in der Praxis sind die staatlichen Aufträge so angesetzt, daß 95% der Kapazitäten der Industrie damit ausgelastet sind, in einigen Fällen 98%. Mit anderen Worten: das neue System unterscheidet sich nicht sehr von den alten Planzielen. Nur ein winziger Prozentsatz der Kapazitäten bleibt für den freien Handel offen, viel zu wenig, als daß es für die Manager oder die Arbeiter einen Unterschied macht. Betriebsleiter, denen es um ihre Karriere geht, wissen, daß sie nicht kritisiert werden, solange sie staatliche Aufträge erfüllen.

Bezogen auf die positiven finanziellen Anreize in Form zusätzlicher betrieblicher Einnahmen aus zusätzlichen Verkäufen liegt eines der Hauptprobleme im Steuersystem. In der Sowjetunion spielt die Einkommensteuer keine große Rolle: die staatlichen Steuereinnahmen richten sich nach dem Ausstoß der Betriebe, sie werden über eine Umsatzsteuer erhoben. Für diese Steuer gibt es keine Obergrenze und keine gesamtstaatliche Norm; daher können die einzelnen Ministerien entscheiden, wieviel von den potentiellen Gewinnen sie als Steuer abschöpfen wollen. Das Gesetz über die neue Unternehmensverfassung enthält keine festgelegte und allgemeine Obergrenze für die Steuer auf die Gewinne. Einige Ministerien haben 90% der Gewinne als Steuer abgeschöpft!

Eine Wirtschaftsreform muß also ein klar umrissenes, progressives Steuersystem festlegen. Auf der anderen Seite hat sich gezeigt, daß die Bestimmungen bezüglich der Konkurse ganz und gar unernst wa- *3917 KANN DER NEUE KLINIKCHEF PROFESSOR ren. Neulich habe ich mich über einen GORBATSCHOW MIT DER HILFE VON SCHWESTER Artikel über einen Konkursfall in Kasach- RAISA DEN LADEN WIEDER IN SCHWUNG stan auf der ersten Seite sehr amüsiert. Der Artikel brachte die ernste Nachricht, ein großer staatlicher Landwirtschaftsbe- BRIN

SEN?

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sige Änderung in der Verwaltung mit jetunion gehen kann; es bedeutet eine rie- Fachwissen darüber, wie das in der Sow- Übers.) gibt. Aber es gibt nur sehr wenig wie es sie hier (in Großbritannien, d.- Einkommensteuer einführen, in der Art, Gorbatschow möchte jetzt eine progessive IWF beitreten Die Sowjetunion soll dem gewähren, wenn sie die Preise anhebt. und den Armen einen Lohnausgleich zu Grundlage des Einkommens zu trennen rig, formell Reiche von Armen auf der Es ist für die Regierung deshalb schwiehalb des offiziellen Lohnsystems verdient. mit hohem Vermögen haben dieses außerziemlich wenig differenziert. Menschen fiziellen Einkünften stammt. Diese sind grenzen, weil ihr Wohlstand nicht aus ofdie wohlhabenderen Gruppen klar abzu- Für die Regierung ist es aber schwierig. Mehrheit über keine Ersparnisse verfügt. Bevölkerung konzentrieren, während die auf eine wohlhabende Minderheit der auf, daß die sehr hohen Sparbeiträge sich erpesserisch. Es gab auch Hinweise dargleichen. Das erschien als ungerecht und Preiserhöhungen für Lebensmittel auszugenen Einnahmen aus dem Wodka durch Regierung versuche, die verlorengegan- Viele solcher Proteste behaupteten, die gegen die Preiserhöhungen protestierten. tausende von Briefen veröffentlicht, die den Zeitungen und Zeitschriften wurden allgemeine öffentliche Diskussion gab. In Sie hat den Mut verloren, weil es eine sten?

Angst vor breiten öffentlichen Prote- Regierung den Mut verloren hat, aus eingetreten. Liegt das daran, daß die Preise bald erhöhen. Aber das ist nicht setz so aus, als werde die Regierung die und nach dem neuen Unternehmensgetralkomiteesitzung über die Wirtschaft letzten Sommer sah es nach der Zen- Überschusses an Rubeln auffangen. Im Preissteigerung einen großen Teil dieses Vermutlich würde eine scharfe sei nicht gerechtfertigt.

hat zu Protesten geführt, die Veränderung 150.000 ha Weinberge ausgerupft. Das Wein. Im vergangenen Jahr wurden gelten nicht nur für Wodka, auch für den Inhalt selbst her. Die Restriktionen nen sie nicht mehr kaufen, so stellen sie den eine Flasche gekauft. Aber jetzt kön- Früher hätten solch alte Frauen im Dorflaschenk zu bekommen, z.B. eine Flasche. SOWJETUNION niemand macht das, ohne dafür ein Geoder muß das Dach repariert bekommen: Frau in einem Dorf braucht Brennholz alte, den es früher gegeben hat. Eine alte fen, der wahrscheinlich größer ist als der sehr mächtigen Schwarzmarkt geschafche Frauen! All dies hat einen ganz neuen. privaten Schwarzbrenner in der Hauptsa- Alkoholmißbrauch erwachsen, sind die bleme hervorhebt, die Frauen aus dem pagne gegen den Alkoholismus die Prodem Frauen. Während die offizielle Kam- Über 60% der Verfolgten waren außerziellen Stil Alkohol verkauften. gegen Personen, die in großem, kommer- Strafverfahren eingeleitet, wahrscheinlich gen wurden im letzten Jahr nur 11.000 man keine harte Arbeit erwarten. Deswebedeuten würde, und von Rentnern kann Gefängnis stecken, weil das Arbeitslager verurteilt werden. Man kann sie nicht ins können also nicht zu hohen Geldstrafen ihnen machen? Sie haben wenig Geld, kostet nicht viel. Was kann man schon mit zurunden. Die Technik ist einfach und Sie brennen, um ihre niedrige Rente aufmeisten Schwarzbrenner sind Rentner. bootleggers (Alkohlschmugglern). Die Bild als damals bei den amerikanischen brenner an, ergibt sich ein ganz anderes aber die soziale Situation der Schwarz- Prohibition' in den USA. Schauen wir uns Diese Zahlen erinnern an die Tage der striert wurden.

der Polizei entdeckt und offiziell regisind nur die Personen enthalten, die von Jahr auf gut über eine Million zu: darin 120.000. Damit geht die Zahl für dieses 397.000; allein im Januar/Februar 1988: den: 1985: 80.000; 1986: 150.000; 1987: privaten Schwarzbrennens belangt wurgende Zahlen von Personen, die wegen unionsministerium für Inneres nennt fol- Alkohol finanziert worden. Das Alldem Erlös des Verkaufs von Erdöl und sämtliche neuen Investitionen seien aus tischen Schriftstellern neulich klarstellte, batschow bei einer Diskussion mit sowje- КОЛОС ANPOr ....

Wir sollten auch daran denken, daß Gorblüht Die Schwarzbrennerei . Jahr.

von etwas weniger als 500 Mrd. Rubel pro bei einem gesamten Steueraufkommen Mrd. Rubel Steuereinnahmen zur Folge, verringert; das hatte einen Verlust von 37 staatliche Ausstoß an Wodka um 40% rung des Anti-Alkoholgestzes wurde der werden Zahlen genannt. Nach der Einfühterne Statistiken über den Alkoholismus* 3. März, das die Überschrift trug: .,Nüch-

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Im Interview mit der /zwestija stiegen: Mord, Körperverletzung. usw. unter Alkoholeinfluß ist dramatisch ged. Übers.). Auch die Zahl der Verbrechen der Moldauischen SSR ca.vier Millionen. blik leben ca.50 Millionen Einwohner, in Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepu- Anti-Alkoholgesetzes betrug! (In der Ukraine vor der Verabschiedung des der gesamte Zuckerverbrauch in der einen höheren Betrag angestiegen ist, als schiedung des Anti-Alkoholgesetzes um kleinen Moldauischen SSR seit der Verabkam heraus, daß der Zuckerkonsum in der schen Republik und in der Ukraine. Dabei über den Alkoholismus in der Moldauiwerte Diskussion im Obersten Sowjet heiten (MWD), und eine sehr bemerkensdes Ministeriums für Innere Angelegen- Hauptabteilung für Öffentliche Ordnung Vorsitzenden der mit dem Interview gab es in der Izwestija ein interessantes inzwischen weit verbreitet. Vor kurzem hierfür lautet, die Schwarzbrennerei sei angestiegen. Die offizielle Erklärung rückgegangen, doch 1987 ist sie wieder führt werden können, sehr deutlich zuvon Unfällen, die auf Alkohol zurückgees einen Rückschlag. 1986 ist die Zahl verbunden war. An der Alkoholfront gab chen der Einführung neuer Technologien Punkt ist der, daß dieser nicht mit Anzei- Produktivität gegeben, aber der wichtige Es hat einen gewissen Anstieg der wirkung darauf gehabt?

gen den Alkoholismus irgendeine Austätskontrollen oder die Kampagne getät? Haben das neue System der Quali- Was geschah mit der Produktivischärfen.

sie ins Donezgebiet, um die Krise zu enteinfach Rubelnoten drucken und schickte testen und Streiks, die Zentralbank ließ es wegen dieser Rubelnot zu lokalen Proaber es war kein Geld da. Im Februar kam ihre Ersparnisse von der Bank abzuheben. denlang im Kalten, um ihren Lohn oder chen Summen. Die Leute warteten stun- Der Handel erbrachte nicht die erforderliaus, um die vollen Löhne auszuzahlen. wie die Zeitungen berichteten, aber nicht die Summen, die bei der Bank eingingen, Bergbaugebiet im Donezbecken reichten werden, die dann die Löhne auszahlen. Im sollte bei den örtlichen Banken eingezahlt örtlichen Löhne zu verwenden; die Steuer genorts die Umsatzsteuer zur Zahlung der Streitpunkt. Es wurde beschlossen, einirungen gegeben hat, ein sehr wichtiger schaftssystems in diesem Jahr Verändeinfolge der Einführung des neuen Wirt- Dies war in einigen Gebieten, wo es Worauf beziehst Du Dich damit? Reform auftreten, abzumildern. Probleme, die im Zusammenhang mit der gibt zu, daß Rubel gedruckt werden, um wieviel Geld derzeit im Umlauf ist. Sie hat in der Tat keine Vorstellung davon, türlich nicht heranziehen. Die Regierung derartiges Argument kann man heute naüber diese Geldmenge zu erlangen. Ein Menge Geld gedruckt, um eine Kontrolle schen hätten während des Krieges eine rungsreform das Argument, die Deutbenutzte zur Rechtfertigung seiner Wäh- Menschen verloren gehen können. Stalin populär. weil dabei die Ersparnisse der Solche Reformen sind immer äußerst unwie Stalin sie zu Kriegsende durchführte. denkt sie an eine Art Währungsreform, blen Steuerungsmechanismus. Deshalb Die Regierung verfügt über keinen flexidieses Geld gibt es sehr wenig zu kaufen. Rubeln befindet sich auch im Umlauf. Für der Bevölkerung. Eine große Menge von eintausend Rubel Sparguthaben pro Kopf Mrd. Rubel auf Sparkonten angelegt - Laut offiziellen Zahlen sind jetzt 260 schaft einen hohen Überschuß an Rubeln. System. Es gibt in der sowjetischen Wirt- Haupthindernis für ein leistungsfähigeres Weise ist das Währungsproblem das Berst unpopulär sein wird. In gewisser daß die notwendige Währungsreform äuterungen. Außerdem besteht das Problem. rigkeiten und Härten bringen als Erleichweil sie erwarten, daß sie mehr Schwicrung für die Veränderungen verloren, viele Arbeiter und Bauern die Begeistevorzubereiten. Aber mittlerweile haben richten sich darauf, diese Veränderungen dert werden; die jetzigen Bemühungen Preise, Löhne usw, wird erst dann verän- 1991 beginnen wird. Das System der sten Fünfjahresplan verschoben hat, der wirtschaftliche perestroika auf den nächden gesamten Zeitplan für eine radikale Was jetzt passiert, ist daß Gorbatschow verschoben perestroika wurde Der Zeitplan für die Klauen, usw.

durch Schwarzmarkt. nicht zuletzt an das alte System vollständig gewöhnt. ausgebildet und die Menschen haben sich haben sich viele Anormalitäten dabei hereinem bestimmten Schema festgesetzt; es Löhne werden seit Jahrzehnten nach die Kürzung der Subventionen. Preise und schr heikle Fragen. Zu den Preisen gehört stroika fortzusetzen. Aber das sind alles notwendig sind, um den Kurs der pere- Lohn- und Währungsreformen absolut Schlußfolgerung verleitet. daß Preis-. sche Wirtschaftswissenschaftler zur All diese Probleme haben viele sowjetiarbeiten.

erfolgreicheren, wohlhabenderen Betriebs gute, weil sie jetzt als Angehörige eines chose kam die Liquidierung natürlich zuzu entlassen. Den Arbeitern auf der Sowkurs* ist nicht nötig, um einen Direktor Die irreführende Bezeichnung .,Konunter dem alten System passieren können. wurden entlassen. Aber das hätte auch ter und ein oder zwei Betriebsleiter. Sie Verlierer: der Direktor, der Chefbuchhalwird von ihm geleitet. Es gibt ein paar nachher gehört auch alles dem Staat und dem Staat und wurde von ihm geleitet; schrieben wurden. Vorher gehörte alles Schulden des alten Betriebs einfach abgemuß nun die Bürde tragen, wobei die gelegt und der leistungsfähige Betrieb benachbarten, erfolgreicheren zusammenwar: die Sowchose wurde einfach mit der sein. bis man dann erfuhr, was geschehen schien ein schwerwiegender Vorgang zu die Regierung. sie zu liquidieren. Dies Millionen Rubel Verluste: daher beschloß Jahr erwirtschaftete diese Sowchose 16 für bankrott erklärt worden. Im letzten Jahre. in denen er schon Verluste macht. trieb mit 30.000 ha sei wegen der vielen SOWJETUNION

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SOWJETUNION weitreichenden sozialen und politischen Konsequenzen.

Welche alternativen Denkschulen gibt es, wie es mit der perestroika weitergehen soll, über solche Preis- und Geldprobleme hinaus?

Unter den Wirtschaftsfachleuten gibt es zwei Denkschulen. Eine fordert die Einführung von Maßnahmen, die vorübergehend einschneidende Härten für die Bevölkerung mit sich bringen würden, um langfristig Verbesserungen zu erwirken und die Hindernisse bei der Gestaltung der Preise, der Geldmenge usw. zu brechen. Gorbatschow scheint dieser Richtung zuzuneigen, wenn er davon spricht, die perestroika werde zeitweise zu Härten führen. Die andere Schule, zu der u.a. Schmeljow gehört, sagt, es werde einfach ein System von Kontrollen durch ein anderes ersetzt; die neuen Preise wären nicht weniger willkürlich und würden zu neuen Ungleichgewichten führen, die weitere Krisenmaßnahmen und neue Kontrolle erforderlich machten. Schmeljow argumentiert deswegen für eine Politik, die nicht von der Bevölkerung Opfer verlangt, sondern Opfer zu Lasten der wirtschaftlichen Kontrolle seitens der Regierung. Die Regierung soll ihre sämtlichen Reserven an ausländischer Währung dazu nutzen, und sogar im Ausland Kredite aufnehmen, um den Binnenmarkt mit Konsumgütern zu versorgen. Auf diese Weise sollen die überschüssigen Gelder in privater Hand aufgesogen, den Konsumenten ein neues Gefühl des Wohlstands gegeben und Einnahmen für neue Investitionen erreicht werden. Diese Schule spricht sich für den Beitritt der UdSSR zum Internationalen Währungsfonds und zur Weltbank aus. Einige Unternehmen sollen sogar Anteile verkaufen und auf diese Weise einen sozialistisch-kapitalistischen Zwitter hervorbringen. Sie glauben, dies sei der bessere Weg, die wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Gorbatschow wird immmer versuchen, einen Mittelweg zu gehen, aber in bestimmten Situationen gibt es keinen Mittelweg. Deshalb gibt es keine klare Bestimmung dessen, was der nächste Schritt sein soll. • Und wie meinst Du, sollte die Politik aussehen?

Ich persönlich denke, die Regierung müßte sich zunächst mit den Preissubventionen beschäftigen, die sich derzeit auf etwa 90 Mrd. Rubel belaufen, bei einem gesamten Staatshaushalt von etwas unter 500 Mrd. Gorbatschow hat in seiner Rede in Murmansk gesagt, die ersten Subventionen, die abgeschafft werden sollen, seien die für Brot, und er hat behauptet, Brot sei so billig, daß Kinder damit Fußball spielten. Ich kenne keine Belege dafür. Aganbejan hat gesagt, die Subventionen, die zuerst abgeschafft werden sollten, seien die für Fleisch, aber auch das ist recht heikel. Ich selber denke, es gibt Subventionen für andere Posten - landwirtschaftliche Produkte und Zeitungen z.B. — wo man zuerst Subventionen kürzen könnte. Es gibt keinen Grund, warum man Zeitungen subventionieren sollte. Es gibt auch keinen Grund, warum Zeitungen und Zeitschriften vom Briefträger gratis ausgetragen werden sollten. Auch die Subventionen für Urlaub, Flugverkehr, vielleicht auch für den Eisenbahnverkehr könnten gestrichen werden. Danach könnte man an heiklere Bereiche wie die Subventionen für Gas- und Strompreise herangehen. Aber die ganz heiklen und symbolisch befrachteten Bereiche wie Brot, Fleisch und Mieten sollte man beiseite lassen. Subventionen des Brotpreises sind sowieso keine Besonderheit der Sowjetunion: es gibt sie auch in vielen anderen Ländern, darunter auch in kapitalistischen.

• Dies alles hinterläßt einen doppelten Eindruck in Hinblick auf die Wirtschaftspolitik der Regierung: erstens den, daß sämtliche schwierigen Entscheidungen über die perestroika noch nicht getroffen worden sind; zweitens den, daß die Regierung überhaupt nicht sicher ist, welche Entscheidungen sie fällen wird. Sie weiß, worauf sie letztlich hinaus will, aber nicht, wie sie dahin kommen soll.

• Ja, das stimmt. Die Regierung hängt stark von der Arbeit von Wirtschaftsexperten ab und versucht, verschiedene Ratschläge in Betracht zu ziehen. Sie sucht einen Ansatz, der auf einer gewissen grundlegenden ökonomischen Analyse fußt. So versucht sie herauszufinden, wie die Preise für etwa 200.000 verschiedene Güter ausschen sollten. Sie versucht das an Hand der Berechnung der tatsächlich aufgewendeten Arbeitszeit, die für die Produktion des jeweiligen Gegenstands erforderlich ist - ein wirklich marxistischer Ansatz, um zu realen Arbeitskosten zu kommen, könnte man sagen. Aber zur Durchführung dieses Vorhabens fehlt ihr die elementare Infrastruktur zur Erforschung der Verhältnisse: seit Jahrzehnten stehen die Preise fest und niemand hat sie jemals von Berufs wegen erforscht. Die letzten Preisänderungen im großen Maßstab haben unter Stalin stattgefunden. Abgesehen von Chruschtschows Versuch, die Fleischpreise um 30% anzuheben, sind die Preise seither weitgehend stabil geblieben.

Die Regierung sucht mit Sicherheit nach neuen Wegen, um Haushaltsmittel freizumachen. Das ist ein Gutteil der Erklärung dafür, warum Gorbatschow das INF-Abkommen akzeptiert hat, warum er in Afghanistan nach Lösungen sucht, usw. Jetzt ist ein großer Eifer festzustellen, Fabriken, die der Herstellung von Raketen dienten, auf zivile Produktion umzustellen. Ferner gibt es eine Tendenz dagegen, sich auf neue gigantische Prestigeobjekte einzulassen. Man kann beobachten, daß nach der Fertigstellung der Amur-Baikal- Bahnstrecke kein Geld mehr da ist, die Regionen, durch die die Bahnstrecke hindurchführt, zu erschließen; die Schienen werden nicht genutzt und rosten vor sich hin.

Neu ist, daß die Notwendigkeit der Energieeinsparung betont wird. Daß kürzlich geplante Atomkraftwerke in Kuban, Odessa und Minsk gestrichen worden

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sind, war nicht einfach ein Nachgeben gegenüber der ökologischen Lobby, es war vielmehr der Versuch, die Investitionen anders zu verwenden und Vergeudung zu vermeiden.

• Einige westliche Kommentatoren erklären, ein sehr radikaler Wandel der Landwirtschaft stehe bevor; dies sei durch das ZK-Plenum im Herbst zu diesem Thema bekräftigt worden. Was denkst Du darüber?

• In der Landwirtschaftspolitik hat es keinen radikalen, prinzipiellen Wandel gegeben. Ende März findet ein Allunionskongreß der Kolchosen statt. Er wird ein neues Gesetz über die Kolchosen verabschieden und die gesamte Situation der Landwirtschaft prüfen. Von den Kolchosen kommen heute weniger als 50% der gesamten landwirtschaftlichen Produktion; das ist also nicht alles. Dennoch wird es auf diesem Kongreß um eine gewisse Liberalisierung der Regeln für Kolchosen gehen. Jeder einzelnen Kolchose soll von nun an erlaubt sein, selber zu entscheiden, ob die privat bewirtschaftete Fläche vergrößert werden soll, und um wieviel. Doch die Landbevölkerung ist stark zurückgegangen, insbesondere im zentral gelegenen Teil der Russischen Föderation, so daß die Landwirtschaft jetzt neue große Investitionen benötigt.

Im vergangenen Jahr gab es Versuche mit neuen Anreizen, z.B. indem Leistungen von Sowchosen und Kolchosen an Gewinn geknüpft wurden und eine neue Agrarbank zu ihrer Versorgung mit Krediten und zur Kontrolle der von den Kolchosen beanspruchten Kreditmenge geschaffen wurde. Doch die landwirtschaftliche Proantäuschend. nicht besser as im sat nutauschend davor.

• Sie war aber nicht so schlecht, im Vergleich zu mancher Ernte Anfang der 80er Jahre oder in Anbetracht der geäußerten Befürchtungen, nicht wahr?

Das Problem war, daß die staatlichen Annahmestellen 1987 bereit waren, eine Menge feuchtes Getreide anzunchmen — das Wetter war sehr regnerisch und die landwirtschaftlichen Betriebe haben keine adäquaten Trocknungseinrichtungen. Das Ergebnis ist, daß Getreide mit hohem Feuchtigkeitsgehalt viel mehr wiegt als trockenes Getreide, daher scheint die Tonnage beträchtlich angestiegen zu sein, was aber nicht der Fall ist. Und dies bedeutet auch, daß jetzt nicht so sehr Viehfutter von niedriger Qualität, sondern Weizen von hoher Qualität zur Brotherstellung importiert wird. Feuchtes Getreide muß als Futtergetreide verwendet werden, nicht zur Lebensmittelproduktion. Das letzte Jahr brachte auch einen Rückgang der Erträge bei Obst und Gemüse, deshalb sind die Preise auf den Privatmärkten gestiegen und liegen nun viel höher als im Jahr davor.

• Gorbatschow hat sehr stark betont, welch ein hohes Potential im System der Familienbrigade liegt, das auf den Kolchosen eingeführt worden ist. Ist das falsch?

• Wo es eingeführt wurde, hat es eine bestimmte Verbesserung bewirkt. Das Problem aber ist, daß es relativ wenige Familien gibt, die wirklich ganz auf der Kolchose arbeiten. Es gibt 12 Mio. Familien, die in Kolchossiedlungen leben, und es gibt auch 12 Mio. Kolchosniki. Jede Familie hat also im Durchschnitt ein Mitglied in der Kolchose. Vor dem Krieg war die Situation anders: im Durchschnitt waren damals zwei Mitglieder einer Familie. SOWJETUNION die in einer Kolchossiedlung lebten, in der Kolchose beschäftigt; aber dieser Durchschnitt ist ständig zurückgegangen. Ein Mitglied der Familie arbeitet auf der Kolchose, ein anderes in der nahelegenen Stadt, im Dorfsowjet oder bearbeitet ganz einfach den privaten Boden.

Dieses Problem könnte der Grund dafür sein, warum Gorbatschow jetzt von der Familienbrigade auf die sog. Familienpacht umgeschwenkt ist: die Familie wird bei der Kolchose zur Pächterin. Aber derzeit dauert die Pacht nicht lange genug, nur sieben Jahre. Diese Zeitspanne könnte in Kürze auf dem Kolchosenkongreß jedoch verlängert werden. In China hat man Kolchosen aufgelöst und das Land für 21 Jahre verpachtet, aber die Bedingungen sind dort natürlich andere, da die meisten Menschen noch in ländlichen Gebieten leben und vorwiegend in der Landwirtschaft arbeiten. In der Sowjetunion gibt es keinen großen Arbeitskräfteüberhang, der in eine familiär betriebene Landwirtschaft umgeleitet werden könnte; vielmehr sind Kleinmaschinen für diese Betriebsgrößen knapp. Für eine Wende zu einer Landwirtschaft im kleinerem Maßstab muß die gesamte Infrastruktur geändert werden. Wir sprechen also über eine denkbare wichtige, langfristige strategische Veränderung zum Besseren. Aber eben über langfristige Lösungen, keine Lösungen, die rasch wirksam werden. Die Landbevölkerung sicht eine reale Veränderung der Regierungspolitik - im letzten Jahr die Brigaden, in diesem Jahr die Pacht. bald vielleicht eine längere Pacht. In vielen Fällen werden die Bauern aber sowohl langfristige Pachtverträge als auch die Möglichkeit wollen, sich selber auf dem gepachteten Land ein Haus zu bauen, so daß es schwieriger würde, sie zu vertreiben. Einige Fachleute treten daher dafür ein, daß die Regierung den Bauern Kredite für den Bau neuer Häuser und für den Kauf von Maschinen gewährt. Dann bleibt noch die Tatsache, daß das durchschnittliche Einkommen in der Landwirtschaft weit niedriger ist als das Durchschnittseinkommen in der Industrie - 150 Rubel im Monat in der Landwirtschaft im vergangenen Jahr, gegenüber 210 Rubel in der Industrie. Um junge Leute dazu zu gewinnen, Arbeitsplätze in der Industrie zugunsten der Landwirtschaft aufzugeben, wird man sich auch mit dieser Diskrepanz befassen müssen.

Anmerkung 1. Prohibition ist das staatliche Verbor der Alkoholherstellung und -abgabe, insbesondere 1920-34 in den USA: begrenzt heute noch in mehreren skandinavischen Ländern.

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IWF

ROHSTOFFPREISE UND

SCHULDENDIENST von CLAUDE GABRIEL

Womit sollen die Länder der Dritten Welt ihre Diese Entwicklung auf dem Rohstoffmarkt ist Schulden bezahlen, wenn die Preise für Rohstoffe ein wichtiges Element der weltweiten wirtschaftli- — das größte „Kapital", das sie haben — ständig chen Krise. Eine Studie der OECD (,,Finanziesinken und die terms of trade sich zusehends verrung und Außenverschuldung der Entwicklungsschlechtern? Laut Weltbankbericht von 1987' länder", Studie 1986) bestätigt, daß die Höhe der sind die Preise der Rohstoffe (außer Erdöl) auf Rohstoffpreise seit nunmehr fast zwanzig Jahren den seit 50 Jahren niedrigsten Stand gefallen. Im einen starken Einfluß auf das ganze Problem der Verlauf des Jahres 1986 sind sie gegenüber den Verschuldung hat, wenn man die Dinge in ihrem Exportpreisen für Fertigwaren um insgesamt s handelt sich nicht um den üblichen Preissturz infolge der zyklischen Entwicklung von Angebot und Nachfrage oder der konjunkturellen Risiken der Spekulation, sondern um ein weit umfassenderes Ereignis, das verschiedene strukturelle Entwicklungen der Weltwirtschaft miteinander kombiniert.

Auf den ersten Blick enthüllt, wie wir sehen werden, dieser Preisverfall die Nord- Süd-Beziehungen, denn etwa die Hälfte der Drittweltländer ist von zwei, drei Rohstoffen, die wenigstens zwei Drittel ihrer Exporterlöse ausmachen, abhängig. Aber es handelt sich auch um eine Umverteilung der Kräfte zwischen bedeutenden industriellen Sektoren, Konzernen und Kapitalisten verschiedener Industrieländer. Die Resultate dieser Umverteilung. die neue Rolle des internationalen Tauschs, die neuen Finanzierungsinstrumente, die Rohstofftermingeschäfte krem- Gesamtzusammenhang betrachtet.

peln einen Markt um, der noch stark unter der Exporte dieser Länder aus - gegendem Einfluß kolonialer Traditionen und über einem Anteil von 23 % in den der Handelsbeschränkungen steht. Die OECD-Ländern. neue Lage auf dem Rohstoffmarkt ist auch Ausdruck der Entwicklung der internatio- Es ist somit nützlich festzustellen, daß die nalen Arbeitsteilung und der Verschär- Drittweltländer in zweifacher Weise von fung der ungleichen Entwicklung wäh- den internationalen Rohstoffpreisen abrend der vergangenen 25 Jahre. hängig sind: von den Preisen der Produkte, die sie exportieren, und von den Allmählich hat sich der Anteil der Roh- Preisen der Produkte - besonders Nahstoffe am Welthandel verändert. Sein rungsmittel - ,die sie aus den industriali- Wert macht - einschließlich der zur sierten Ländern importieren, im Rahmen Energiegewinnung dienenden Rohstoffe einer Arbeitsteilung, die unter der Domi- - nur noch die Hälfte von dem der Fer- nanz der imperialistischen Wirtschaft tigwaren aus, während dieses Verhältnis steht. 1963 noch ausgeglichen war. Im Gegensatz zu einigen allzu vereinfachenden Diese strukturelle Abhängigkeit und die Auffassungen muß man daran erinnern, Entwicklung des Welthandels haben seit daß die Industrieländer selbst die größten mehr als fünfzehn Jahren den ökonomi- Rohstoffexporteure sind (1980: 69 %). schen Niedergang der Dritten Welt be- Was die Drittweltländer kennzeichnet, ist gleitet. Tatsächlich liegen die Wurzeln die Struktur ihres Außenhandels, d.h. die dieser Krise nicht in den 80cr Jahren oder extreme Spezialisierung ihrer Exporte: den letzten Kursstürzen an der Börse. 1977 machten die Rohstoffe etwa 80 % Man kann oft lesen, daß ,,von 1970 bis

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