SCHULDENKARUSSELL von CHARLES-ANDRE UDRY
An der Front der Dritt-Welt-Schulden häufen chen Prozeß in den Beziehungen zwischen den sich scheinbar widersprüchliche Nachrichten. abhängigen Schuldnerländern und ihren Gläubisich scheinbar widersprüchliche Nachrichten. abhängigen Schuldnerländern und ihren Gläubi- Einerseits meldet die Presse: „Die Schulden- gern, den privaten Großbanken, den Regierun- Einerseits meldet die Presse: „Die Schulden- gern, den privaten Großbanken, den Regierunbombe ist entschärft"', andererseits heißt es: „Die gen der imperialistischen Länder und den verbombe ist entschärft"', andererseits heißt es: „Die gen der imperialistischen Länder und den ver- Lage in der Dritten Welt verschlechtert sich und schiedenen internationalen Institutionen wie dem Lage in der Dritten Welt verschlechtert sich und schiedenen internationalen Institutionen wie dem es herrscht allgemein ein Klima der Enttäu- Internationalen Währungsfonds (IWF) mit ihren es herrscht allgemein ein Klima der Enttäu- Internationalen Währungsfonds (IWF) mit ihren schung." Diese Aussagen spiegeln einen zweifa- Agenturen wider. Einerseits trachten die Privatbanken danach, die für ihre Bonität und für das internationale Finanzwesen schädlichen Folgen einer gleichzeitigen Zahlungsunfähigkeit der großen Schuldner zu entschärfen. Ein beträchtlicher Teil der Gewinne der Großbanken - vor allem in den USA - stammt immer noch aus den in der Vergangenheit den abhängigen Ländern gegebenen Krediten. Diese Banken fürchten zur Zeit eine Gleichzeitigkeit der Wirtschaftskrise in den drei großen Schuldnerländern Südamerikas mehr als die Entwicklung einer Rezession in den industrialisierten Ländern: dabei handelt es sich um Brasilien, Mexiko und Argentinien mi einer Schuldenlast von jeweils 113, 108 und 54 Mrd. Dollar'. . So häufen sich auch die Meldungen über eine Stundung dubioser Kredite ... und andere Operationen (die Umwandlung von Schulden in finanzielle und industrielle Beteiligungen...). Sie stellen den Versuch dar, die Position der multinationalen Banken und Firmen zu konsolidieren und eine verschärfte Kontrolle über die Ressourcen der beherrschten Länder auszuüben. Gleichzeitig zwingen die Vormundschaftsbehörden" des Imperialismus — der IWF und die Weltbank - den Schuldnerländern und deren Bevölkerung Sanicrungspläne" (d.h. Sparpläne) auf und neuerdings auch Pläne zur Liberalisierung und Privatisierung in einzelnen Berei chen.
Der Aderlaß
Andererseits ist festzustellen. daß scil 1982 die Gesamtschuld der 109_ Entwicklungsländer zunimmt - bis Ende 19872 ist sie auf 1.190 Mrd. Dollar angestiegen — und daß für eine große Zahl von Ländern die für den Schuldendienst aufgewandte Summe (Zins und Tilgung) den Kapitalfluß aus den Industrieländern bei weitem übersteigt. Die Armen helfen den Reichen! Zwischen 1982 und 1987 hat die Dritte Welt 85 Mrd. Dollar mehr zurückgezahlt als sie geliehen hat! Aber die Zahlen sind noch erschreckender, wenn man sich die 17 am höchsten verschuldeten Länder anschaut (also Länder wie die südasiatischen, deren Handelsbilanzen positiv sind, ausschließt): dann erhöht sich der Nettoverlust für die am stärksten verschuldeten Länder zwischen 1983 und 1987 auf 100 Mrd. Dollar. Um das Katastrophenszenario zu vervollständigen sei noch hinzugefügt, daß die Weltbank selbst, genauer gesagt einer ihrer Stützpfeiler, die Internationale Bank für Wiederaufbau (IBRD), aus der Dritten Welt mehr herausholt, als sie an diese ausleiht. Im Jahr 1987 war dies ein Betrag von fast einer Mrd. Dollar.
Wenn auch die Verschuldung bei weitem nicht der einzige Faktor ist, der die verzweifelte Lage der Völker der Dritten Welt verursacht, so ist sie dennoch ein unmittelbares Hindernis für eine jegliche Erholung der Entwicklung. Ein Blick auf die Vergangenheit erlaubt, das ganze Ausmaß des Problems zu erfassen. Nach dem Ersten Weltkrieg machten die von Deutschland bis Ende der 20cr Jahre bezahlten Reparationen etwa 2% des Bruttosozialprodukts aus, in den schrecklichen Jahren 1929 bis 1931 3,5%. Die Reparationszahlungen verschlangen damals 15% der Exporterlöse. Nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrags hatte John Maynard Keynes in seinem berühmten Buch Die wirtschaftlichen Folgen des Friedens" auf die Folgen dieses Aderlasses hingewiesen: „eine drastische Senkung des Lebensstandards der Bevölkerung ... bis hin zu echter Hungersnot." Die anfangs vorgesehenen Maßnahmen brachten zwar eine Erleichterung, aber die verheerenden Folgen der Reparationen machten sich dennoch umso mehr bemerkbar, als sie zu der großen Krise" von 1929 hinzukamen.
Heute stellt man fest, daß in zahlreichen Ländern, u.a. in Lateinamerika. 5 bis 6% des Bruttosozialprodukts vom Schuldendienst aufgezehrt werden, und daß zwischen 30 und 50% (mitunter mehr) der Exporterlöse von diesem Moloch verschlungen werden. Wenn man zu dem reinen Transfer aus dem Schuldendienst die von den herrschenden Klassen der abhängigen Länder — unter der Komplizenschaft Schweizer Banken - organisierte Kapitalflucht hinzufügt, dazu die Rückstellungen für die Nutzung von Patentrechten, die aus den Direktinvestitionen und aus dem Kauf von Technologie aus den imperialistischen Ländern folgen, und schließlich noch die Verluste hinzurechnet, die sich aus der Baisse der Rohstoffpreise und der Verschlechterung der terms of tradeergeben (zwischen den importierten verarbeiteten Gütern und den exportierten Rohstoffen), so ist der Aderlaß viel schlimmer als der, den Deutschland criciden mußte. Einige trockene Zahlen belegen dies. Z.B. Brasilien: nach Angaben des Ministeriums für Statistik leben hier 70 Mio. Menschen (bei einer Bevölkerung von 140 Mio.) ,in ungeschützten Verhältnissen" (sic!) und 51 Mio. (das ist dic Hälfte der Bevölkerung über 10 Jahre)
verdienen 50 Sfr. und weniger im Monat?
Welchen Sinn und welche Folgen haben vor diesem Hintergrund die verschiedenen, von den Privatbanken, dem IWF und der Weltbank ergriffenen Maßnahmen? Eine neue Krise
Es ist noch nicht lange her, da verkündete Walte Wriston, der Direktor der Citicorp. uer größten US-amerikanischen Bankengruppe und einer der größten Gläubiger der lateinamerikanischen Länder voller Stolz: .,Nationen machen nicht bankrott; die Banken müssen sich nur gegen Verluste schützen. * Er hatte einfach einige Beispiele, die ihm die Geschichte zwischen den beiden Weltkriegen hätte liefern können, vergessen. Sein Nachfolger, John S.Reed, hat ein anderes Credo. Im Mai 1987 kündigte er die Rückstellung einer Reserve von drei Mrd. Dollar an, um die möglichen Verluste aus den an die höchstverschuldeten Länder gewährten Kredite abzudecken. Wie eine Hammelherde folgten eine Reihe von Banken, hier in der Reihenfolge ihrer Bedeutung: die Chase Manhattan, Manufacturers Hanover, Bank America, Chemical New York, J.P.Morgan, First Chicago, First Interstate, Banker Trust New York, American Express, Wells Fargo, Continental Illinois, Security Pacific, Mellon Bank ... Im Juli 1987 wurden die neuen Reserven der US-amerikanischen Banken für notleidende Kredite auf 16,7 Mrd.Dollar geschätzt®, was einer Dekkung in Höhe von 25 bis 30% der Kredite gleichkommt. Wie sagte J.M.Makin vom American Enterprise Institute, einer Forschungsanstalt des Großkapitals: .,Grundsätzlich wissen die Banken, daß die an Lateinamerika vergebenen Kredite keine 100 Cent pro Dollar wert sind. *** Mit anderen Worten, die Banken haben die Entwertung ihrer Forderungen offiziell zur Kenntnis genommen, was auch auf dem zweiten Schuldenmarkt anerkannt wird, wo die Banken Kredite in der Höhe von 100 Mio. Dollar für 60, 50 oder noch weniger Mrd. verkaufen. Verschiedene Faktoren haben die Initiative der Banken zu Fall gebracht: das von Brasilien im Februar 1987 einseitig verkündete Moratorium (inzwischen hat die brasilianische Regierung Selbstkritik geübt!) erst für die lang- und mittelfristigen, dann auch für die kurzfristigen Schulden: die Schwierigkeiten bei den Umschuldungsverhandlungen mit verschiedenen Ländern (Verlängerung der Laufzeiten mit Hilfe neuer Kredite): die Feststellung, daß IWF die Steigerung des Exportvolumens (um ein Viertel seit 1980) nicht verhindern konnte, daß ihre Wert 1987 unter dem von damals lag, während die Verschuldung von 325 auf 410 Mrd. Dollar gestiegen ist; die Tatsache, daß der um den Preis der Senkung der Importe (mit depressiven Wirkungen) erreichte positive Abschluß der Handelsbilanz (das Faustpfand für die Bedienung der Schulden) in dem sich abzeichnenden internationalen Klima der Rezession wenig Chancen hatte, aufrechterhalten zu werden.
Diese Maßnahmen zum Selbstschutz der Banken zeigen, wie ernst sie die wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise in Lateinamerika und allgemein in den abhängigen Ländern beurteilen. Aber das hindert sie offensichtlich nicht daran, alles zu versuchen, aus ihren spekulativen Darlehen ein Maximum an Gewinn herauszuholen, wobei noch besonders ins Gewicht fällt, daß die anfänglichen Kreditkonditionen in schändlicher Weise im Laufe der Zeit geändert wurden (dank dem System der flexiblen Wechselkurse stiegen die Realzinsen und folgten hierin der allgemeinen Steigerung der Zinssätze, die durch den Finanzbedarf zur Deckung des US-amerikanischen Haushaltsdefizits verursacht wurde).
Rücklagen für die Blutsauger
Es empfiehlt sich also, die einzelnen Operationen näher zu untersuchen. Die amerikanischen Banken (die weniger Rücklagen haben als die Schweizer Banken? - zwischen 30 und 60% für 6,49 Mrd.Dollar Engagement in Lateinamerika) fürchte- . ten, ihre Kreditwürdigkeit würde durch den Anteil an notleidenden Krediten an ihren Wertpapieren sinken. Das hätte die Kosten ihrer Finanzierung verteuern können. Sie hätten ihre Sparzinsen erhöhen müssen oder aber die Bedingungen für eine Kapitalerhöhung wären weniger attraktiv geworden.
Des weiteren wünschen sich die Banken eine günstigere Position, damit sie bei Umschuldungsverhandlungen die Vergabe neuer Gelder ablehnen können, wenn es sich um Länder handelt, in denen sie ihr Engagement nicht ausweiten wollen. Es gibt keinen Grund, einem Klienten. den man als insolvent einstuft, neues Geld zu leihen, wenn man gerade dabei ist, sich Deckung für die Außenstände zu beschaffen. So besteht die Gefahr, dal die 20 Mrd. Dollar, die der berühmte Baker- Plan im Oktober 1985 von den Privatbanken für die 15 meistverschuldeten Länder gefordert hat, nicht alle zur Auszahlung kommen. Diese 20 Mrd., zu denen noch die 9 Mrd. der Weltbank hinzukommen, lassen sich schwer mit den 130 Mrd. Dollar vergleichen,die diese Länder allein an Schuldendienst zu zahlen haben.® Die Rücklagen der Banken ändern nichts an den Verbindlichkeiten der Länder. Letztere sind weiterhin verpflichtet, die Schulden zu bedienen. Aber die Banken können in den Verhandlungen größere Härte zeigen, denn die Schuldner werden nicht sagen können: Wenn Sie mit unseren Vorschlägen zur Umschuldung nicht einverstanden sind, werden wir die Rückzahlungsfristen überschreiten und Sie werden offiziell Verluste verbuchen müssen .. mit entsprechendem Imageverlust zu einem Zeitpunkt, wo die Konkurrenz zwischen den Banken sich verschärft." Eine Bank, die ihre Rücklagen erhöht. muß zunächst dafür einen Preis bezahlen. indem sie eine Minderung ihrer Gewinne oder einen Verlust erklärt. So hatte die Citicorp im ersten Drittel des Jahres 1987 ein Nettoergebnis von 246 Mio. Dollar. und im zweiten Drittel einen Verlust von 2,5 Mrd. Dollar. Aber das Primärkapital (der eigentliche Fond plus Rücklagen) wurde aufgebessert; und die Rücklagen werden nur eingesetzt, wenn die Bank beschließt. die Schulden zu verkaufen oder sie in Anleihen umzuwandeln. Man darf nicht vergessen, daß die Banken noch eine letzte geheime Reserve haben. Für ihre Rücklagen wird ihnen ein Steuernachlaß gewährt, was einer Steuerermäßigung auf die Gewinne gleichkommt. In den USA wie in Europa handeln die Banken mit den Regierungen einen bestimmten Prozentsatz zulässiger Steuerermäßigungen aus, der dem Niveau der Rücklagenbildung entspricht. Mit anderen Wor ten: es sind die Lohn- und Gehaltsempfängerinnen in den imperialistischen Ländern, die für die Risiken der Bankiers aufkommen (von denen gesagt wird, es sei ihr Beruf!), während die arbeitende Bevölkerung in der Dritten Welt bluten muls.