Mitte Februar demonstrierten die armenischen Bewohner von Nagorny Karabagh für den Anschluß dieses Gebiets an die Sozialistische Sowjetrepublik Armenien'. Die Demonstrationen griffen auf die Republik über, wo diese Forderung breit unterstützt wurde und sich Protest gegen die Diskriminierung der ArmenierInnen in der Republik Aserbaidschan entfaltete. In Eriwan, der Hauptstadt Armeniens, verbanden sich diese Proteste mit einer Mobilisierung der Bevölkerung gegen die großen Umweltprobleme, die durch die Ansiedlung extrem umweltverschmutzender Industrie entstanden sind. Am 20. Februar stimmten die armenischen Abgeordneten im Sowjet von Karabagh für den Anschluß an Armenien. Das ZK der KPdSU lehnte daraufhin strikt und mit drohendem Unterton jede Forderung in dieser Richtung ab.
Die Demonstrationen weiteten sich dennoch über ganz Armenien aus. Am 25. Februar demonstrierten 500.000 bis 600.000 Menschen in Eriwan. Am 28.Februar entflammten in Sumgait, einem bedeutenden Industriezentrum von Aserbaidschan, regelrechte anti-armenische Pogrome. Am 8. März gab es in Eriwan wieder eine riesige Demonstration; eine weitere fand am 26. März statt. Am 14. März gab Gorbatschow auf seiner Jugoslawienreise eine Erklärung ab, die die Gemüter beruhigen sollte und die Bedeutung der nationalen Probleme in der Sowjetunion anerkannte.
Am 21 .März veröffentlichte die Prawda einen langen Artikel von drei Journalisten aus dem Zentralkomitee, der eine ausführliche Analyse der Krise vornahm, deren wichtigste Schlußfolgerung ist: ein Anschluß kommt nicht in Frage. 48 Stunden vor der Demonstration vom 26. März wurde diese verboten; zugleich wurden Lösungen in Aussicht gestellt und militärische Truppen zusammengezogen. Die Bevölkerung reagierte darauf, indem sie an diesem Tag jegliche Aktivität einstellte und Eriwan damit zur „toten Stadt" machte. Am 28. März wurden die Demonstrationen gegen den repressiven Kurs der Regierung fortgesetzt. Die sowjetischen Behörden beunruhigt nicht nur eine mögliche Verallgemeinerung nationaler Forderungen, sondern auch die Bildung von Organisationskomitees, die sich über ganz Armenien in den Betrieben, Stadtteilen, Universitäten und sogar in der Partei ausgebreitet haben und über den Fortgang der Bewegung entscheiden.
Nachstehend führt Rodolph Prager ein Interview mit der Armenierin Claire Muradschan, die beim wissenschaftlichen Institut CNRS in Paris beschäftigt ist, über die Hintergründe des Protests.
• Es ist schon im vergangenen Jahr zu Demonstrationen gekommen.
• Ja, im Herbst 1987 gab es verschiedene Petitionen zu Umweltfragen. Die
Umweltverschmutzung in Eriwan ist sehr stark, zumal das Klima in der Region sehr trocken ist. Es regnet nicht genug, um den Schmutz wieder auf den Boden zu transportieren, und die Lage ist insgesamt katastrophal, das gilt auch für die Sowjetunion als Ganzes. Mitten in Eriwan stehen zahlreiche chemische Fabriken, darunter sehr umweltverschmutzende wie die Kombinate Nairit oder Kirow, die nicht mit Luftfiltern o.ä. ausgestattet sind. Die ersten Demonstrationen in der Zeit von glasnost und perestroika drehten sich um ökologische Fragen. Das war eine indirekte Form der Kritik an der fehlenden Selbstverwaltung in der Republik. So ist die Demonstration im Februar in Eriwan zustandegekommen. Danach wurden die Demonstrationen im Karabagh bekannt, es war die Rede von Morden u.a., darauffolgte diese massive Reaktion.
Berg Karabach, vor Stepanakert: Das Denkmal der
Es gibt auch schon seit langer Zeit, noch aus der Zeit der 20er Jahre, irredentistische Forderungen, die in der „Tauwetterperiode" unter Chruschtschow laut wurden und jetzt wieder unter Gorbatschow vorgetragen werden.
• Der armenische Nationalismus ist eine ganz heikle Frage, aber eine territoriale Neugliederung wäre für das Regime auch eine heikle Frage.
Es gibt Präzedenzfälle wie in Usbekistan, wo bestimmte Gebiete Kasachstan zugesprochen wurden und umgekehrt. In der ganzen sowjetischen Geschichte hat es verschiedentlich territoriale Neugliederungen gegeben, das ist nicht ganz neu. Ein sensiblerer Punkt für das Regime ist, daß die Region Nagorny Karabagh ihrem aktuellen Status nach ein Überbleibsel aus dem Ersten Weltkrieg ist. Damals wurde die Zuordnung des Karabagh, aber auch der Region Nakitschewan, eine andere Region, die historisch zu Armenien gehört, zu Aserbaidschan ein wenig als Kon- Ur-Armenierin zession an das Regime von Kemal Atatürk in der Türkei begriffen, in der Perspektive einer Revolution im Osten. Die legitimen Interessen der Armenier wurden den Interessen der Revolution geopfert, das wurde von Stalin so zugegeben, der erklärte, es handele sich dabei nur um eine vorübergehende Konzession, die Armenier müßten natürlich die größten Zugeständnisse machen, aber der territoriale Status sei nur ein provisorischer. • Ging es dabei um freundschaftliche Beziehungen, um eine Annäherung an die Türkei?
• Ja, zur Zeit der Sowjets wurde auf sowjetischem Territorium die pax sovietica verkündet, d.h. ein offizieller Friede, Freundschaft zwischen den Nationen, die sich im Ersten Weltkrieg oder in der unmittelbar darauffolgenden Periode der Unabhängigkeit gegenseitig zerfleischt hatten. Doch trotz der pax sovietica setzten sich die ethnischen und inter-ethnischen Konflikte fort. Wenn man von der Sowjetunion spricht, denkt man immer an das Verhältnis zwischen Russen und Nicht-Russen; die Beziehungen zwischen den nicht-russischen Ethnien untereinander werden leicht vergessen. Es handelt sich dabei um bilaterale, aber auch Dreiecksbeziehungen, weil die Russen nie wirklich außen vor stehen: wenn sie physisch nicht präsent sind, wie z.B. im Kaukasus, spielen sie die Rolle des Schiedrichters und manipulieren. In Armenien, wo die Beziehungen zwischen den Ethnien sehr gespannt sind, wird die Bevölkerung in der armenischen Enklave auf dem Territorium der Aseris (Aserbaidschan) durch die lokalen Behörden diskriminiert. Es gibt von alters her Spannungen zwischen den Armeniern und den Aseris. Die Aseris gehören zu den Turk- Völkern, sind schiitische Moslems mit einer pan-türkischen Ideologie; im Ersten Weltkrieg standen sie auf der Seite der türkischen Armee. Es gibt also cinen alten Streit.
• Mit Massakern, blutigen Zwischenfällen...
• Die drei größten Nationalitäten in Transkaukasien, die Armenier, Georgier und Aseris, haben Staaten mit homogener Nationalität gebildet, die zur Zeit der Unabhängigkeit einen Prozeß der inneren Homogenisierung begonnen haben. Dieser Prozeß hat sich in der Folgezeit fortgesetzt, zumal das sowjetische System auf einer Vorstellung der Nation basiert, die das Phänomen noch verstärkt hat. Der russische Marxismus hat niemals extra- ARMENIEN territorial eine kulturelle Autonomie zugestehen wollen; jede Nation hat sich auf ihr eigenes Territorium konzentriert. Außerhalb desselben gab es keine Bedingungen für eine eigenständige wirtschaftliche oder kulturelle Entwicklung. So sind die Armenier aus Aserbaidschan oder Georgien nach und nach in die armenische Republik gezogen; einige leben noch au- Berhalb, aber die Mehrzahl hat sich auf dem eigenen Territorium konzentriert. Die Georgier waren schon zusammen und die Aseris haben sich ebenfalls auf ihrem Territorium konzentriert. Die Armenier und die Georgier haben eher sagen wir „kulturelle" Methoden angewandt, Angehörige anderer Nationalitäten zu vertreiben; sie haben in gewissem Sinne „Kulturimperialismus* getrieben, ihre kulturelle Stärke ausgespielt. So haben sich die Armenier in Georgien sprachlich den Georgiern angepaßt. In Aserbaidschan wurden, vielleicht wegen der Gesellschaftsstruktur, die trotz allem moslemisch geprägt geblieben ist, oft martialischere Methoden angewandt. Unter Stalin z.B. wurde die Zwangskollektivierung dazu benutzt, die Dörfer der Armenier stärker als die Dörfer der Aseris „von Kulaken zu befreien* und die Armenier zu vertreiben. Bei den Armeniern spürte man mehr „Nationalisten" auf als bei den Aseris, und schickte mehr von ihnen in den Gulag. Auf diese Weise sank der Bevölkerungsanteil der Armenier. Der Karabagh spielt aber doch auch eine wichtige symbolische Rolle? • Das ist nicht die einzige Region, die für die Armenier eine solche Bedeutung hat. Dies Gebiet ist sehr gebirgig. Die ganze Region um Karabagh-Nakitschewan, die südliche Bergkette Armeniens, bildet eine einzige natürliche Festung. Der Karabagh hat deshalb eine symbolische Bedeutung, weil er häufig das Zentrum von Autonomiebestrebungen war, das selbst zur Zeit der Eroberung durch die Perser eine begrenzte Unabhängigkeit und Souveränität wahren konnte. Es gab Prinzen von Karabagh, die tributpflichtig waren, aber doch bei sich selbst die Herren im Haus blieben. Aus diesem Gebiet sind in der Geschichte auch viele Kirchenpatriarchen, Generäle und Krieger gekommen. Es hat in sowjetischer Zeit drei Generäle, einen Admiral und ich weiß nicht wie viele Kriegshelden hervorgebracht.
• Auch Bolschewiki?
• Auch Bolschewiki. In der Stadt Schuschi, der alten Hauptstadt des Kara-
ARMENIEN bagh, die zur Zeit der Konflikte zwischen Armeniern und Aseris völlig entvölkert wurde, weil die Aseris die Armenier systematisch vertrieben haben, gab es ein ausgezeichnetes Kollege, die dem Zarenreich und später der Sowjetunion eine ganze Armada armenischer Intellektueller geliefert hat. Unter den großen Namen war auch ein reformerisch gesinnter Premierminister unter Zar Alexander II, der aus dem Karabagh stammte. Diese Region stellt also ein wenig eines der Zentren der Nation dar.
Die erste Protestbewegung im Karabagh in der sowjetischen Zeit gab es unter Chruschtschow. Es ging um die sog. Petition der 2.500.
Davor gab es noch eine 1927. Es war eine Bewegung Karabaghs für den Anschluß an Armenien. Sie ist hier entstanden und bestand eigentlich aus einer Koalition von Bolschewiki, Menschewiki, Sozialrevolutionären (SR), organisierten nationalistischen Populisten (dachnak) u.a., die einige Flugblätter verteilte und damals schon für den Anschluß des Karabagh an Armenien eintrat. Sie wurde sehr schnell zerschlagen. Ich weiß nicht, wegen welcher Verbrechen" sie verurteilt wurde, ob wegen „Trotzkismus" oder wegen anderen Dingen.
1936 tauchte diese Forderung erneut auf. Im Juli 1936 wurde die zweite Verfassung der Sowjetunion angenommen. Die Transkaukasische Föderation wurde dabei aufgelöst und die einzelnen Republiken bekamen jede den Status einer föderierten Republik. In diesem Zusammenhang einer Verwaltungsreform forderte u.a. der Erste Sekretär der armenischen KP, Khandschan, die Rückgabe Karabghas an Armenien. Das soll einer der Gründe gewesen sein, weshalb Beria ihn hinrichten ließ. Zum Zeitpunkt seines Todes wurde die Verfassung im bekannten Wortlaut verkündet. Im November 1960, zum Zeitpunkt des 40.Jahrestags der Gründung der Sozialistischen Sowjetrepublik Armenien, wurde inmitten der prunkvollen Feierlichkeiten am Vorabend der Erste Sekretär abgesägt. Gleichzeitig kursierten Gerüchte, der Karabagh könne evtl. anläßlich dieser Feierlichkeiten zurückgegeben werden.
1962 richteten 2.500 Bewohner des Karabagh an Chruschtschow ein erste Petition, die alle diskriminierenden Maßnahmen der aserischen Führung in dem autonomen Gebiet gegen die armenische Bevölkerung auflistete, z.B. die Unterordnung von Betrieben aus dem Karabagh unter Betriebe aus aserischen Gebieten; die Behinderung kultureller, wirtschaftlicher, industrieller und landwirtschaftlicher Projekte. Im Namen einer leninistischen Nationalitätenpolitik forderte diese Petition von Chruschtschow die Rückgabe des Karabagh an Armenien.
Ähnlich ist es heute mit der perestroika. Auf die Petition damals gab es keine Reaktion; man hat einen Marschall, ruhmbedeckten Spößling dieser Region, dorthin geschickt, um die Gemüter zu beruhigen. In der Zeit des armenischen samizdar befaßten sich viele Untergrundschriften mit dem Problem Karabagh. Es gab den Offenen Brief eines Mannes, dessen kleiner Junge vergewaltigt und ermordet worden war. Der Mörder und Vergewaltiger war ein aserischer Schuldirektor, der vor ein aserisches Gericht gestellt wurde. Dort bekam er gerade zehn Jahre Freiheitsstrafe. Daraufhin entflammte die Familienrache und die Dorfbevölkerung übte Lynchjustiz. Der Vater des kleinen Jungen kam ins Gefängnis; es gab Aufrufe an die Republik Armenien und an die KP Armeniens seitens der Bewohner des Karabagh. Es gab einen Offenen Brief eines Schriftstellers an Breschnew, der später seine Urheberschaft geleugnet hat. Aber die Armenier haben in der ganzen sowjetischen Zeit alle erlaubten und unerlaubten Mittel benutzt, um dieses Stück Land zurückzubekommen. Es umfaßt nur 4.400 qm2, aber es ist der einzige Landstreifen, mit Ausnahme einiger kleiner Enklaven in Georgien, wo die Armenier die große Mehrheit der Bevölkerung stellen, 75%. Glaubt ihr, daß es eine Chance gibt, daß Gorbatschow in dieser Frage nachgibt?
Nein, ich glaube nicht. Ich glaube, die sowjetische Führung wird kurzfristig eher zu kulturellen Konzessionen bereit sein, mehr wirtschaftliche Investitionen versprechen und die Verbindungen zu Armenien verbessern. Langfristig wird diese Bewegung auch dem aserischen Nationalismus neue Nahrung und die Möglichkeit geben, eine Gegenbewegung gegen die Armenier aufzubauen. Die Aseris halten andere Trümpfe in der Hand als die Armenier. Die Armenier haben keine gro- Ben Gewichte in die Waagschale der Verhandlungen zu werfen; sie glauben, sie müssen gegenüber der Zentralgewalt loyal bleiben, weil sie keine anderen Überlebensmöglichkeiten haben. Die Aseris teilen nicht dieses Gefühl der Ohnmacht und der Schwäche. Hinter ihnen steht der ganze islamische Orient, auch der sowjeti sche Islam, der eine sehr bedeutende Strömung ist und für ein stabiles Regime auf die Dauer eine große Gefahr darstellt. Wenn die Lage sich etwas beruhigt hat, d.h. wenn die Aufmerksamkeit der Medien nicht mehr ganz so von Eriwan in Anspruch genommen sein wird wie das zur Zeit der Fall ist, dann werden die Anführer neutralisiert werden, nicht durch Säuberungen nach stalinistischer Manier, aber doch indem man sie auf die eine oder andere Art und Weise ausschaltet. Glaubt ihr immer noch, wie ihr geschrieben habt, daß das sowjetischarmenische Volk sich dem Regime nicht anpassen kann?
• Ich glaube, es ist gegen solche Tendenzen immun; doch auf der anderen Seite arrangiert es sich auch mit diesem System. Das ist ein Paradox. Die Armenier haben ein starkes Nationalbewußtsein, aber sie vermeiden auch Konflikte. Ich hoffe, daß die Angst vor dem Türken, und allgemeiner die Angst vor Veränderungen, die es in den Ländern des Orients gibt, mit der Zeit nachläßt. Die Situation hier ist dermaßen verfault, daß die Menschen zugleich Veränderungen wollen und Angst davor haben. Sie haben das Gefühl, daß eine revolutionäre Bewegung welcher Art auch immer das Reich am Anfang schrecklich destabilisieren wird, daß die Leute sich gegenseitig umbringen werden. Deshalb haben sie Angst vor Veränderungen und ich hoffe, daß diese kombinierte Angst die Armenier nicht demobilisieren wird und sie vergessen läßt, daß die wichtigste Forderung heute wie gestern die nach Demokratie ist, und die nationale Frage nicht anders gelöst werden kann als durch die Demokratisierung des gesamten Reiches.
• Was weiß man über die gegenwärtigen Ereignisse, ihre Initiatoren, die aktiven Menschen und politischen Kräfte darin?
• Es bestehen verschiedene Strömungen. Zum einen spielen die nationalistischen armenischen Dissidenten eine Rolle, die es schon lange gibt. Dafür steht z.B. eine Persönlichkeit wie Parouir Hairikian, der 38-39 Jahre alt ist, von dem viel die Rede ist. Er war Gründungsmitglied der Vereinigten Nationalen Partei in den 60er Jahren, eine Partei, die die Wiedervereinigung Armeniens und die territoriale Lostrennung im Namen des Selbstbestimmungsrechts gefordert hat, das von der sowjetischen Verfassung garantiert wird. Er hat siebzehn Jahre seines Lebens im Gulag verbracht, im sibirischen Exil.
Er steht mit andern Leuten an der Spitze der Bewegung, im Komitee für die Selbstbestimmung Armeniens. Sicherlich schart er Leute um sich, Studenten, Intellektuelle. Die Intellektuellen sind mehr oder minder konformistisch, mehr oder minder radikal. Ich glaube, in Armenien, wie auch in anderen Ländern des Ostens, findet man weniger die gehobene Intelligenz unter den Dissidenten; die Intellektuellen sind „loyaler" gegenüber dem Regime als die unteren Chargen, die Lehrer, Ingenieure usw. Unter den Unterstützern der Bewegung gibt es mit Sicherheit auch Mitglieder der Kommunistischen Partei; deren Tendenzen kenne ich nicht. Was die Armenier jedoch über politische Differenzen hinweg eint, das ist ihr tiefes Nationalgefühl. Man kann sagen, und das trifft vielleicht auch für andere Nationalitäten zu, daß die Armenier oft dazu tendieren, jede Ideologie unter nationalen Vorzeichen zu sehen, auch den Bolschewismus. Differenzen gibt es über die Methoden, die Nation zu stärken. Einige, die Bolschewiki, haben den Weg der russischen Orientierung, des russischen Schilds oder des „Internationalismus" gewählt; andere waren eher für eine wirkliche Souveränität und Unabhängigkeit.
• Gibt es auch bekanntere Persönlichkeiten in der Delegation des Organisationskomitees, die mit Gorbatschow in Moskau zusammengetroffen ist? • Ja, darunter ist die Dichterin Silva Gabudikian und ein Journalist namens Zori Balayan. Balayan ist ein Armenier aus dem Karabagh. Einige Dissidenten halten ihn für einen Tscheka-Mann (einen Agenten der politischen Polizei, d. Red.). Jedenfalls ist das einzige, was ich über ihn weiß, daß er in der letzten Zeit zu dieser Frage Stellung genommen hat, noch vor den Demonstrationen. 1985 hat es im Apparat im Karabagh Säuberungen gegeben; damals gab es bereits nationale Demonstrationen. Zori Balayan war unter 101 den Leuten, die vom Regime kritisiert wurden, weil er in einem seiner Essays angeblich eine falsche Haltung bezogen und die Vergangenheit idealisiert hat wie das so üblich ist. Silvia Gabudikian hingegen gehört zu den „Alten" •man bezeichnet sie etwas als „Parteipatriotin"
• Sind die beiden Parteimitglieder? Ja, natürlich.
• Bekleiden sie offizielle Posten, z.B. in der Akademie der Wissenschaften? ARMENIEN
Die Armenier haben ein starkes Nationalbewußtsein, aber sie vermeiden auch Konflikte
ARMENIEN
Wenn man weiß, wie prompt die sowjetische Miliz auf dem Plan steht, wenn irgendein refuznik ein Plakat vor sich her trägt, wundert man sich, daß achtundvierzig Stunden lang solche Massaker verübt werden konnten, ohne daß die Miliz einschreitet.
• Nein. Silvia Gabudikian ist Mitglied des Obersten Sowjet, ich glaube nicht. daß sie einen hohen Posten bekleidet. Bei ihr ist interessant, daß sie ein bißchen die offizielle Sprecherin gemäßigter Forderungen der nationalen Intelligenz ist. 1965, als der 50.Jahrestag des Völkermords von 1915 begangen wurde, war sie bereits für diese Forderungen eingetreten; damals fanden zu diesem Anlaß gigantische Demonstrationen statt. Das vergißt man leicht: 200.000 Leute waren auf der Straße und forderten Gerechtigkeit" und "unser Land" . Die Losungen waren schon ähnlich wie heute. Damals hatte Silva Gabudikian in einem Samizdat-Text geschrieben, obwohl die Armenier dermaßen loyal seien, schenkten die Russen ihren legitimen Forderungen nicht genügend Beachtung. In der Folgezeit war sie immer ein bißchen, ausreichend konformistisch, orthodox, um akzeptiert zu werden, und zugleich immer leicht antikonformistisch, so daß sie Sympathien weckte.
Im vergangenen Jahr hat sie zusammen mit Balayan eine Petition an Gorbatschow gerichtet. Sie hat sich mit ihm kurz vor dem Ausbruch der Demonstrationen und auch danach getroffen. Interessant ist, daß sie im letzten Jahr einen Artikel in der Prawda veröffentlicht hat, der in meinen Augen etwas charakteristisch ist für die Entwicklung der Nationalitäten in der Sowjetunion. Sie schrieb darin, eine Infragestellung der zentralisierten Wirtschaft und Diplomatie käme nicht in Frage, man müsse akzeptieren, daß die Union das Zentrum sei, das die Probleme regelt, die alle Nationalitäten angehen. Im Namen von glasnost und perestroika müsse den Republiken jedoch die kulturelle Autonomie gegeben werden. Es sei z.B. nicht normal, daß Moskau über die Auflage der Werke nationaler Schriftsteller in Eriwan entscheidet, oder daß Moskau über die Zahl der Unterrichtsstunden auf armenisch in den Schulen der armenischen Republik entscheidet. Es war nicht sehr revolutionär, was sie schrieb, nur die Forderung nach etwas mehr kultureller Autonomie. Als sich Gabudikian mit Gorbatschow getroffen hat, hatte man den Eindruck, sie vertrete die ganze Nation, doch sie sprach nur für sich selbst. Interessant ist ihre Haltung nach den Demonstrationen, vor allem nach den Ereignissen in Sumgait. Da sagte sie: Halt, wir haben nicht damit gerechnet, daß die Ereignisse diese Wendung nehmen, man muß unbedingt ein Blutbad vermeiden, wir haben Geiseln außerhalb, man muß vernünftig sein, Hoffnung und Geduld haben. Ich glaube, dies war eher eine pessimistische Botschaft, die sie da an die
Armenier richtete. Auch diesmal war sie eine Art Transmissionsriemen; ich glaube, dies deutet auf die ablehnende Haltung Gorbatschows gegenüber den Forderungen der Armenier hin. Im Gegenzug wird es vielleicht ein ganz klein bißchen mehr kulturelle Autonomie geben, d.h. der Karabagh wird vielleicht das Recht bekommen, das Fernsehen Eriwan zu empfangen, oder mehr Rechte, armenische Schulen zu gründen, wenn die Bevölkerung das wünscht, oder ähnliches. • Die Kommunistische Partei Armeniens hat sich für den Anschluß ausgesprochen?
• Das geschah erst vor ganz kurzem, daß die KP Armeniens diese Position bezogen hat. Was kann das heißen? Man darf nicht vergessen, daß die armenische KP in erster Linie ein Ableger der KPdSU ist. Als solcher hat sie keinerlei eigenständigen Befugnisse. Die Parteimitglieder in Armenien haben einen Mitgliedsausweis der KPdSU, nicht den Ausweis der armenischen KP. Das muß man sich vergegenwärtigen.
• Da der Druck sehr stark ist, ist ihre Position sicherlich recht ungemütlich geworden?
| Die lokalen Apparatschiks der Parte ertreten die Interessen der Parteizen trale; sie können auch nicht anders, sie riskieren sonst ihren Posten. Aber in der sowjetischen Periode hat die Politik der Nationalitäten ungewollt, weil das nicht dem Ziel des Internationalismus und der Vermischung der Völker entsprach, zur Bildung von Staaten auf einer einheitlichen nationalen Grundlage geführt und zur Herausbildung lokaler Eliten dieser Nationalitäten.
Die Armenier hatten schon vorher eine ausgebildete Elite; sie hat sich aber noch stärker in allen Gebieten des gesellschaftlichen und staatlichen Lebens verwurzelt. Es ist normal, wenn eine Intelligenz heranwächst, daß sie versucht, zur Zentralgewalt auf Distanz zu gehen, die ihre Vorrechte beschneidet. Was nun die Rolle der armenischen KP und ihres Ersten Sekretärs betrifft, so ist dieser in den letzten eineinhalb Jahren stark unter Beschuß gekommen, weil er sich geweigert hat, die perestroika mitzumachen. In Armenien ist die Partei bisher nicht reformiert worden. Er stand also zum Abschuß frei und auf mehreren Plenarsitzungen des Zentralkomitees hat es Versuche gegeben, ihn abzusägen und auf die Anklagebank zu stellen. Aber alle lokalen Parteiführer haben sich hinter ihn gestellt.
Ich glaube nicht, daß die Leute ihren Ersten Sekretär dermaßen anbeten, der schließlich nicht mehr als ein Apparatschik ist. Aber da spielt sicherlich auch der Nationalstolz eine Rolle; hinzu kommen die Probleme mit örtlichen Cliquen, der Vetternwirtschaft, usw. Diese örtlichen Cliquen werden von der Politik der Wirtschaftsreform bedroht, nicht so sehr durch die Reform selbst, an die sie im übrigen auch nicht so recht glauben, aber es besteht die Gefahr, daß sie ihre Einkommen, ihre Ellbogenfreiheit schmälert und daß sie noch stärker unter die Kontrolle des Zentralapparats geraten. Versucht die armenische KP-Führung also eine Politik des kleineren Übels unter diesen Bedingungen und gibt sich deshalb nationalistischer, benutzt sie die Massenmobilisierungen als einen Schild und versucht sie, den Anschein zu erwecken, sie hätte eine breite Unterstützung im Volk? Ich bin keine Spezialistin in Kremlastrologie; aber ich glaube, hier spielen auch nationale Interessen eine Rolle. Ich glaube, alle Armenier haben mehr oder weniger ein Interesse daran, daß die nationale Frage gelöst wird. Das ist die Sorge, die sie umtreibt, daß das Territorium zerstükkelt ist, die Nation zerstreut ist; das ist der Alptraum der Armenier. Aber sie sind auch Menschen wie die andern auch, sie denken an ihr alltägliches Leben, an ihr Wohlbefinden. Wie stark der Anteil an kollektiven Interessen, wie stark der Anteil an individuellen Interessen im Spiel der örtlichen Nomenklatura ist, das weiß ich nicht.
• War die Unruhe unter den Massen so stark, daß die Parteiführung spürte, der Gorbatschowismus biete ihnen eine kleine Öffnung, in die sie dann gestolpert sind?
Seit zwei Jahren hat es zahlreiche verbale Stellungnahmen, manchmal auch Akte zugunsten einer Demokratisierung gegeben. Eine Reihe von Filmen wurdefreigegeben, darunter auch der berühmte Film von Abuladse, „Die Beichte" ebenso eine Reihe literarischer Werke. Die örtlichen Intellektuellen haben zahlreiche Werke über Themen der jüngsten Vergangenheit geschrieben, die bislang tabu waren. Auf der Ebene der Meinungsäußerung, des Wortes, gab es also eine leichte Brise. In den Perioden des Tauwetters und der Entspannung wird Agitation betrieben, die Menschen verlieren etwas ihre Angst, es gibt also Elemente der Destabilisierung, denn ich glaube, das Regime hält sich nur durch Angst?. Das Re- ARMENIEN gime stützt sich im wesentlichen auf Angst. Wird diese einmal ein bißchen überwunden, hat sich die Lage ein bißchen entspannt, dann geht es vorwärts. Aber ich glaube, die Intellektuellen setzen die meisten Hoffnungen auf Gorbatschow. Wenn man im alltäglichen Leben mit der Bevölkerung spricht, mit dem einfachen Mann auf der Straße, dann ist deren Eindruck, daß sich nichts geändert hat: die Märkte sind noch genauso schlecht bestückt wie vorher; das ganze Theater um die Verurteilung der Verbrechen, die Fehler in der Wirtschaftspolitik scheint nur ein Ventil zu sein, um unter Apparatschiks miteinander abzurechnen. Die Bevölkerung hat mit alldem nichts zu tun. Sie steht dem recht illusionslos gegenüber. Bei den Ereignissen in Eriwan war wichtig, daß es sich hier um eine Massenbewegung handelte, nicht mehr nur um die Intelligenz, hier war wirklich die Bevölkerung aktiv geworden. Es bleibt zu hoffen, daß das über die elementaren nationalen Forderungen - die Forderung nach Land, die die Grundlage aller nationalen Forderungen ist - hinausgeht und in eine von Grund auf demokratische Bewegung mündet. Im Moment setzt das Regime auf die Angst, vor allem auf die Angst vor dem Türken. Das erklärt die Art, wie die Pogrome in Sumgait ausgeschlachtet werden. Hierbei gab es mehr als die 32 offiziell zugegebenen Toten; die Schätzungen belaufen sich auf 200 bis 300.
• War darin der KGB verwickelt? • Was man bisher weiß ist, daß eines der Signale für die Entfesselung des Massakers die Ankündigung in einem lokalen Radio- oder Fernsehsender war, eine armenische Familie sei nach Aserbaidschan geflüchtet, weil sie angegriffen worden war. Wenn man weiß, wie prompt die sowjetische Miliz auf dem Plan steht, wenn irgendein refuznik ein Plakat vor sich her trägt, wundert man sich, daß 48 Stunden lang solche Massaker verübt werden konnten, ohne daß die Miliz einschreitet. Entweder ist die sowjetische Polizei völlig unfähig, oder die Truppe existiert gar nicht, was ich nicht glaube. Mit Sicherheit besteht die lokale Miliz aus Aseris, aber es gibt auch noch die Garnisonen. Es stehen vor allem auch Truppen in Sumgait selbst, die eine Garnisonsstadt am Ufer des Kaspischen Meeres ist. Es scheint mir ein schlimmes Anzeichen zu sein, daß sie sich 48 Stunden lang nicht haben blicken lassen. Die Ereignisse wurden dann prompt von den Parteipatrioten ausgebeutet, den armenischen Patrioten
ARMENIEN wie Silva Gabudikian, die sagten: Aufgepaßt, es gibt Geiseln, die Armenier haben eine lange Geschichte der Konfrontation zwischen Islam und Christentum hinter sich, paßt auf. Hier kommt wieder die Angst vor dem Türken zum Vorschein. Die einzigen Bilder, die das sowjetische Fernsehen im Westen ausgestrahlt hat. waren die von den Demonstrationen auf dem armenischen Friedhof in Moskau und von den Berichten von armenischen Flüchtlingen aus Aserbaidschan, die Horroszenen beschrieben, von Frauen, denen man den Bauch aufgeschlitzt hatte, Menschen, die man aus dem Fenster gestürzt hatte. Die Armenier denken dabei sofort, das ist wie 1915; auch ich hatte als erstes dieses Bild vor Augen. Daß man diese Erinnerungen bewußt wachruft, daß ein sowjetischer Botschaftsangehöriger armenischer Herkunft in Paris cinem armenischen Journalisten in Frankreich sagt: Die Lage ist sehr schwierig, es sind Barbaren* - damit meint er die Türken, es ist immer dasselbe — da wird, glaube ich, ein realer Konflikt für fremde Zwecke ausgebeutet, eine tief in den Menschen verwurzelte Angst.
Man erinnert sich unwillkürlich an die Massaker in Baku 1905 und an die armenisch-tatarische Schlächterei von 1907 oder auch an die Zeit kurz vor Ausbruch der ersten russischen Revolution, als die Ochrana, die zaristische Geheimpolizei, vor allem in Baku, damals die Erdölmetropole des Reiches, antiarmenische Pogrome provoziert hat, um von den sehr viel schwereren gesellschaftlichen Konfikten abzulenken auf nationale Probleme. Passiert heute dasselbe? Ich weiß nicht. ob es wirklich zu Anfang bewußte, gewollte Provokationen gegeben hat, aber im nachhinein kann man nur sagen, daß dieser Konflikt ausgebeutet wird, um ihn zu begrenzen auf einen inter-ethnischen Konflikt, um zu verhindern, daß dahinter der Keim demokratischer Bewegungen zum Vorschein kommt, der Keim des Protests gegen das Regime, gegen das System. Ich glaube auch nicht, daß die Armenier die Lostrennung von der Union wollen, dafür sind sie zu sehr davon überzeugt, daß sie einen Schutzschild brauchen.
• Sie haben nicht wirklich eine Alternative...
Man vergißt aber allzuoft zu sagen. daß es zwischen der Loslösung von der Union und dem Verbleib in ihr noch eine dritte Möglichkeit gibt, nämlich die einer Föderation, die heute vielleicht eher den Verhältnissen entsprechen würde. Es gibt einen Mittelweg zwischen dem russischen Reich, das vom sowjetischen Staat fortgesetzt wird, und der Unabhängigkeit kleiner, balkanisierter Nationen.
ist auch die Heraus deng erenr Organisationsstrukturen. Es gibt ein Organisationskomitee, das Entscheidungen triff, anscheinend sogar ein Netz von Organisationskomitees. • Ich glaube, das gehört zu cinem Phanomen, das seit zwei Jahren immer stärker in der UdSSR auftaucht, die Entwicklung spontaner Bewegungen. Solche gibt es auch in Moskau. sie haben im vergangenen August? sogar einen Kongreß durchgeführt, einen Kongreß der spontanen, also nicht-offiziellen Verbände. Sie wurden nicht nur geduldet, sondern von Gorbatschow sogar ermuntert. Dessen Kampagne ist vielleicht cher eine für den gesellschaftlichen Dialog als eine für wirkliche Demokratie. Aber sie hat tatsächlich erlaubt,daß sich kleine Gruppen gebildet haben, ohne daß ihnen konstitutionelle Garantien gegeben worden wären. Sie sind in Armenien und anderswo entstanden. Sie genießen jedoch keinerlei rechtliche Absicherung.
• Bislang hat man vor allem die Isoliertheit der Protestgruppen betont; doch hier scheint sich die Lage jetzt erheblich verändert zu haben?
Sicher ist die sowjetische Gesellschaft in Armenien und überhaupt nicht mehr dieselbe wie zur Zeit Stalins. Es ist eine Gesellschaft, die sich der Welt stärker geöffnet hat. Die Armenier haben zudem eine starke Diaspora außerhalb und halten ständig Kontakt mit ihren Freunden und Familienangehörigen außerhalb. Es hat eine Bewegung zur Rückkehr der Armenier in ihre Heimat gegeben. Deren Resultat war negativ, d.h. die Heimkehrer fühlten sich betrogen, enttäuscht, und sind wieder ausgewandert. Doch indirekt hat diese Bewegung die Nationalität enorm zusammengeschweißt. Es gibt Touristen. In dieser riesigen Heimkehrbewegung 1945 sind 100.000 Armenier zurückgekehrt. Sie hatten andere Ideen, eine andere Vorstellung der Dinge. Ein Teil ist wieder ausgewandert, aber dennoch sind Spuren geblieben. Die Touristen kommen und gehen, sie bringen aus dem Westen Güter und Gedanken mit.
Völker wie die Armenier haben eine alte Kultur, sie haben auch schon andere Zeiten erlebt. Sie haben in ihrer Vergangenheit eine staatliche Souveränität erlebt, sie haben eine eigene Geschichte, die Erfahrung des Völkermords schweißt sie zusammen, aber es gibt daneben auch noch etwas anderes: die Erinnerung an eine jahrhundertealte glorreiche Vergangenheit. Es ist wahr, daß die Erfahrung des Völkermords das Schlüsselerlebnis für die Herausbildung einer nationalen Identität war, aber das allein ist es nicht, man darf es nicht darauf beschränken; das versuchen die Russen manchmal.
• Es ist vielleicht symptomatisch, daß Gorbatschow eine erste Erklärung, in der er die Bewegung verurteilte, korrigiert und ziemlich offen kritisiert hat. • Was er aber in Belgrad und bei anderer Gelegenheit vorgeschlagen hat, ist, den Problemen der kulturellen und wirtschaftlichen Autonomie mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Ich erinnere daran, daß er in seinem Buch, Perestroika, von 350 Seiten nur drei den nationalen Problemen gewidmet hat. Das ist ziemlich wenig. Das nationale Problem kommt jetzt wieder wie ein Bumerang zurück und ist eines der größten Probleme, die er zu bewältigen hat.
18.März 1988 Anmerkungen:
1. Die autonome Region Nagorny-Karabagh wurde 1923 gegründet. Auf einer Oberfläche von 4.400 gkm2 zählt sie 160.000 Einwohner, davon über 75% Armenier. Sie ist einc Enklave auf dem Territorium der Republik Aserbaidschan und hat keine gemeinsame Grenze mit Armenien. Nakitschewan ist eine Region, die mehrheitlich von Armeniern bewohnt und ebenfalls von den Armeniern zurückgefordert wird. Dieses Gebiet ist Aserbaidschan zugcordnet, doch es liegt zwischen sowjetisch Armenien und dem Iran. Armenische Minderheiten leben auch in Georgien. 2. Wir glauben, daß im Gegensatz zu dieser Außerung die Realität vielschichtiger ist, und eine Gesellschaft sich nicht jahrzehntelang allein durch Terror halten kann - d. Red.. 3. vgl. Inprekorr Nr. 198
GROßBRITANNIEN
JAPANISIERUNG BEI FORD von ALAN THORNETT
Der Streik der 32.500 FordarbeiterInnen, der zwei das Montagewerk in Saarlouis Wochen gedauert hat, endete am Montag, dem 22. Fe- Der folgende Artikel gibt einen internationalen bruar, mit der Zustimmung von 70% der Belegschaft Überblick über die gegenwärtige Offensive der Bosse zu einem überarbeiteten Tarifvertrag mit einer zwei- in der Automobilindustrie und zeigt in diesem Zusamjährigen Laufzeit. Der Streik hatte zur Aussperrung menhang auf, warum der abgeschlossene Tarifvertrag von 10.000 ArbeiterInnen in Europa geführt; sie traf für die britischen AutomobilarbeiterInnen einen insbesondere das Montagewerk in Genk und das Schritt zurück bedeutet. Traktorenwerk in Antwerpen, beide in Belgien, sowie Die Kommentatoren der britischen argumentieren, offenbaren sie eine sehr Die Ursache für die gegenwärtigen Wirtschaftspresse haben im allgemeinen beschränkte Sichtweise von dem, was tat- Kämpfe ist eine neue, umfassende Offenden sog. „Nissan-Faktor" als den ent- sächlich die Entwicklungen in der Auto- sive der Automobilunternehmen, mit der scheidenden Auslöser für den Streik bei mobilindustrie weltweit sind. Tatsache beabsichtigt ist, die Effektivität und Pro- Ford und in anderen Automobilwerken ist, daß die AutomobilarbeiterInnen in ausgemacht. Damit sind die Arbeitsprak- Britannien vor derselben Situation stehen tiken gemeint, die in der neuen Nissan- würden, auch wenn das Werk in Sunder- Fabrik in Sunderland, im Norden Eng- land nicht existierte.
lands, eingeführt wurden. Indem sie so NO
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