Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Frankreich

Gleichheit ist ein Recht

Inprekorr Nr. 202, April 1988 · S. 7-20 · 11.365 Wörter

Frankreich Frauen Gewerkschaften und Streiks

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

In seiner Kampagne legt Pierre Juquin großes Gewicht auf den sozialen und poli- der jungen Immigrantinnen, Kaissa Ti- zufinden, nachdem zehn Jahre lang die tous: sie ist Juquins Wahlkampfleiterin, extreme Linke zerfallen ist." Aber: tischen Status der Frau. In seinem Buch obwohl sie selber kein Stimmrecht hat. „Nicht alle sind davon überzeugt, daß Fraternellement libre (In Brüderlichkeit Sie kümmert sich hauptsächlich um die sich hier wieder eine Gelegenheit für die frei) analysiert er die Unfähigkeit der Unterstützerkomitees. Die zweite Frau, Frauen bietet, sich zusammenzuschließen, Arbeiterklasse, die Anliegen der gesell- Christiane, kümmert sich um die Offent- und was das politisch bewirken kann." schaftlichen Bewegungen aufzugreifen lichkeitsarbeit. Der Rest des Teams be (der Frauen, der Umweltbewegung, u.a.) steht aus achtzehn Personen, von denen Die Frauenkommission hat eine Broals Ergebnis des Primats des Klassenwi- acht Frauen sind. Sie sind jeweils verant- schüre herausgegeben mit dem Titel derspruchs, dem alles andere untergeord- wortlich, für: die Frauenkommission, das „Gleichheit ist ein Recht". Damit will sie net wird. Er anerkennt die Notwendigkeit Büro Juquin und die Buchhaltung, die den Unterstützerkomitees Anstöße geben, einer autonomen Frauenbewegung — das Pressearbeit, die Gewerkschaftsarbeit, die gezielt die Probleme der Frauen aufzuist der wohl bedeutendste ideologische Jugend, Organisationsfragen. ,In diesem greifen. „Man muß wieder die Probleme Bruch mit der KP: „Frauen müssen für Team haben die Frauen eine reale Ent- der Frauen ins Bewußtsein rücken: das sich selber einen Sinn ihrer sozialen Ver- ,heißt es in einem In- Recht auf Arbeit, die Teilzeitarbeit, die antwortung aufbauen können, indem sie terview mit Christiane für die soziali- Folgen der Krise, der Sexismus, die Gesich unter sich zusammenschließen ... und stisch-feministische Zeitschrift Cahiers walt. Diese Fragen werden zunehmend eine autonome Stimme haben." Das ist du Feminisme. verdrängt."

ein enormer politischer Bruch mit dem traditionellen stalinistischen Konzept von Die Frauen in der Frauenkommission sind Am 28.Februar fand in Paris ein Forum der Kontrolle der Partei über die Massen- teilweise Veteraninnen der feministischen statt: „Zehn Stunden für die Frauen" organisationen. Er umgeht auch nicht, Bewegung. Teilweise waren sie zeitweise Über tausend Frauen und Männer nahmen daß die Errungenschaften der Oktoberre- aus der Frauenbewegung ausgestiegen, daran teil. Die Initiative sollte dazu dievolution hinsichtlich der Emanzipation weil sie darin keine Perspektive mehr sa- nen, „die feministischen Kräfte wieder der Frau: Recht auf Scheidung, freie hen. Die Kampagne Juquin hat ihnen wie- zusammenzufassen", auch wenn nicht Liebe, Recht auf Abtreibung, usw. unter der neue Hoffnungen gemacht. Für einige alle, die kamen, Juquin wählen würden. Stalin wieder rückgängig gemacht wur- unter ihnen ist es etwas ganz Neues, in „Eins muß aber klargestellt werden: die den. einem gemischten Rahmen politisch tätig Frauenkommission in der Wahlkampagne zu sein. „Bisher haben wir in der Kom- ist nicht die Frauenbewegung! Zwischen

Diese Sichtweise hat ihm die Anhänger- mission noch nicht darüber diskutiert, was beiden gibt es Beziehungen, die sich geschaft zahlreicher Frauen aus der KP. das heißt, einen Rahmen zu akzeptieren, genseitig befruchten können." Eine wichaber auch eines Teils der feministischen der nicht dieselben Ziele hat wie die Frau- tige Funktion dieser Versammlung war Bewegung eingebracht. enbewegung. Für die Frauenbewegung ist u.a., daß die jungen Frauen, die sich bisdas eine kritische Situation. Wenn sich lang geweigert haben, von Feminismus"

In dem Team, das den Wahlkampf leitet, hieraus keine neue Dynamik ergibt, dann zu sprechen und sich ihrer eigenen Diskrigibt es einen fünfköpfigen Vorstand. Dar- gibt es wohl keine Hoffnung." ,Die minierung gar nicht so bewußt waren, unter sind zwei Frauen: eine junge Alge- Kampagne bietet den vereinzelten Frauen Kontakt zur feministischen Bewegung rierin, früher Aktivistin in der Bewegung die Möglichkeit, sich wieder zusammen- gefunden haben.

Seite 8

FRANKREICH dergang einer Partei, die lange Zeit eine bedeutende Strömung in der französischen Arbeiterbewegung organisiert hat?

• Zunächst einmal muß die KPF gemessen an ihrer eigenen Theorie und Strategie die Wahlergebnisse politisch interpretieren. Dies stellt an sich schon ein Problem dar, weil das allgemeine Wahlrecht zu einem Bestandteil ihrer Parteistrategie seit dem XXII. Parteikongreß 1976 geworden ist. Was heißt das? D.h. daß sie nicht nur das Wahlergebnis akzeptiert, sondern auch akzeptiert, daß die Bürgerinnen eine politische Wahl treffen, die man nicht allein mit den Begriffen „Unwissenheit", Unerfahrenheit" oder „Rechtsentwicklung" fassen kann, was bislang die hauptsächlichen Erklärungsmuster der Partei waren. Die Fortschritte wie die Rückschläge sind Ausdruck der Reaktion verschiedener sozialer Gruppen auf die politischen Vorschlägen, die die Partei ihnen macht. Die Ablehnung jeglicher Selbstkritik führt dazu, daß die Partei sich hinter selbstrechtfertigenden Argumenten verschanzt, wo sie der ganzen Welt die Schuld gibt, nur nicht sich selbst. Eine solche Argumentationsweise ist begleitet von Rückzugsgefechten, Verdächtigungen, Sektierertum, während Dynamik und Offenheit gefragt sind. Der zweite große Fehler in der Analyse liegt darin, wie die Partei heute die Frage der Klassenidentität sieht. In den vergangenen Jahren wurde die Klassenidentität als Gegensatz zum Begriff der „Linken" gehandelt, der als eine sozialdemokratische Falle hingestellt und theoretisiert wurde. In der Praxis hat das dazu geführt, daß das Terrain der „Linken" der Sozialistischen Partei überlassen wurde; die Ergebnisse ließen nicht auf sich warten. Hinzu kommt, daß die demokratische Dimension in der Strategie der KPF völlig verborgen geblieben ist. Die Partei hat einen enormen Rückstand im Verhältnis zur gesellschaftlichen Entwicklung; sie hat keine Schlußfolgerungen gezogen aus den Widersprüchen und Veränderungen, die sich ergeben haben, und hat schließlich einen Zick-Zack-Kurs eingeschlagen. Unfähig zur geringsten Auseinandersetzung

Letzten Endes beherrscht die Partei nicht die Widersprüche einer Strategic, die sich auf Selbstverwaltung und Demokratie gründet, und ständig zwei Ebenen miteinander verbinden müßte: Initiativen zum Kampf auf allen Ebenen und die politische Übersetzung im allgemeinen Wahlrecht. Letzteres müßte begriffen werden als Ausdruck der Art und Weise, wie die Partei als Kraft der sozialen Veränderung in der Gesellschaft selbst gesehen wird. Aber jedes Mal, wenn wir eine Wahlniederlage erlitten, haben wir uns geweigert, die Ursachen dafür zur Kenntnis zu nehmen, aus vielen Gründen. Um es kurz zu machen: wir haben die Verantwortlichen dafür immer außerhalb der Partei ausfindig gemacht: die Medien, das Bewußtseinsniveau, der Antikommunismus usw., alles, nur nicht das Verhalten und die Politik der KPF selbst. Unserem Verständnis nach richtete sich die KPF noch an eine Gesellschaft, wie es sie in den 50er Jahren gab; diese rückständige Sichtweise wurde noch durch die Art verschärft, wie die Leute außerhalb diese Partei, ihre politische Linie, ihr internes Regime wahrnehmen; sie verstärken damit das Image, das die Partei von sich selbst hat, einer völlig auf sich selbst bezogenen Partei. Wenn eine Partei ständig behauptet, die Demokratie und die Vielfalt der französischen Bevölkerung seien ein Reichtum, auf den wir uns stützen wollen, dabei sich aber ständig unfähig zeigt, in ihren eigenen Reihen die geringste Abweichung zu dulden und damit umzugehen, dann ist diese Partei verloren und hat jede Glaubwürdigkeit verspielt. Das mag man jetzt für eine Erklärung auf der Erscheinungsebene halten, aber im Grund ist die Art, wie man ist, wie man erscheint und wie andere einen sehen, nicht nur eine subjektive Empfindung seitens der Gesellschaft. Das gibt es nicht, daß die Massen einen nur falsch sehen. So wie man ist, so wird man auch geschen.

Natürlich kann die Wahrnehmung durch den ideologischen Kampf verzerrt, getrübt werden, es gibt viele Mittel, vor den Menschen den wahren Gehalt einer Maßnahme zu verbergen, aber zur Gänze geht das nicht. Letztens Endes war es die Kommunistische Partei selbst, die ständig die Ursachen für ihre Ablehnung durch die Gesellschaft reproduziert hat. • Kannst Du konkrete Beispiele für diese Kluft zwischen der lebendigen, sich entwickelnden Realität, in der neue Werte und neue Schichten, die Jugend z.B., auftauchen, und der monolithischen Partei geben, die seit Olims Zeiten dieselben Argumente drauf hat? Warum ist die Partei selbst dann gescheitert, wenn sie versucht hat, sich neuen Schichten zu öffnen, mit Christen, Angestellten und Technikern ins Gespräch zu kommen?

• Das ist alles gescheitert, weil es nicht ausreicht, Aufrufe zu verfassen oder scheinbar auf Veränderungen in der Gesellschaft einzugehen, damit man als Träger neuer Forderungen oder neuer Erfordernisse der revolutionären Entwicklung ausgemacht wird, zu denen die Gesellschaft den Anstoß gegeben hat. Es reicht nicht zu erklären :,Wir verfolgen aufmerksam die gesellschaftlichen Veränderungen** — damit erkennen sich die Träger dieser Veränderungen noch nicht in der Partei wieder. Ich glaube, die Partei hat zur selben Zeit, wo sie sich bereit erklärte, auf gesellschaftliche Veränderungen einzugehen, in einer Weise gehandelt, die dem direkt widersprochen hat. Nehmen wir zwei Beispiele. Das erste betrifft die kollektive Aneignung der gro- Ben Produktionsmittel, ein Schlüsselproblem für die Unterscheidung zwischen einer revolutionären und einer reformistischen Politik. Ich glaube, die Kommunistische Partei ist hier im Vergleich zu den Entwicklungen in der Gesellschaft enorm im Rückstand. Was heißt heute Nationalisierung bei der gegenwärtigen weltweiten Verschränkung der Produktion und des Tauschs? Ich denke, daß die Vorstellung der Kommunistischen Partei, „französisch produzieren** , äußerst national beschränkt ist und all die verschachtelten Entwicklungen des Kapitals gar nicht in Rechnung stellt, wie z.B. daß sich in diesen Unternehmen eine Funktionsweise, Produktionsweise, soziale Beziehungen herausgebildet haben, die zwar im Kern immer noch auf dem Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit beruhen, sich aber zugleich auch stark gewandelt haben und nichts mehr zu tun haben mit den Produktionsmitteln, die wir noch vor zwanzig Jahren gekannt haben. Die Kommunistische Partei hing noch einer Argumentationsweise an, die in Widerspruch geriet mit den zwar konfusen, aber immerhin praktischen Erfahrungen der Menschen in den Betrieben; sie war gefangen in ihrer allgemeinen ideologischen Auseinandersetzung, und all diese Elemente zusammen haben die Kommunistische Partei als eine veraltete, rückständige Partei erscheinen lassen.

Die Partei hat sich selbst eine Falle gestellt, weil sie argumentiert hat, das ist eine Klassengesellschaft, es kann keine Kompromisse mit dem Kapital geben, aber die Art und Weise, wie sie die gesellschaftlichen Veränderungen wahrgenommen und analysiert hat, wie sie mit den

Seite 9

Trägern dieser Veränderungen umgegangen ist, hat gezeigt, daß sie unfähig ist, auf die Fragen, die sich wirklich stellen, eine Antwort zu geben.

Das ist nur ein Beispiel, das gilt aber für ganz viele andere Fragen auch. Z.B. den letzten Hit der KPF, die berühmte „Rechtswendung" der Gesellschaft. Ich glaube, das ist eine kolossale Fehleinschätzung, die katastrophale Folgen für die KPF und ihre Fähigkeit haben wird, in der Gesellschaft wieder Fuß zu fassen. Die „Rechtswendung" sieht sie durch eine Reihe von Faktoren belegt. Die Ablehnung der staatlichen Bevormundung, des Dirigismus sind angeblich Ausdruck des Vormarschs der Ideologie der Rechten, des Liberalismus, des Reaganismus. Aber ist es wirklich so, daß Ablehnung des Dirigismus und der staatlichen Bevormundung Zustimmung zum wölfischen Liberalismus meint?

• Glaubst Du, daß darin ein Drang der Gesellschaft nach Selbstverwaltung zu sehen ist?

• Ja, die Ablehnung der staatlichen Bevormundung kann der fortschrittliche Ausdruck des Willens sein, die Gesellschaft durch die Selbstregierung der Bürgerinnen zu verändern. Das kann heißen: Streben nach immer mehr Demokratie, gegen die Tendenzen jedes Staates, dieses Bedürfnis nach Demokratie zu unterdrükken. Das ist ein Beispiel. Nehmen wir jetzt mal die Frage der Jugend. Noch vor etwas mehr als einem Jahr, kurz vor den großen Mobilisierungen von November-Dezember 1987, hatte die Kommunistische Partei im großen und ganzen die Vorstellung, die Jugend sei durch den Einfluß des Kapitals und der Krise verloren. Wir haben gesehen, wie sie sich für Ziele in Bewegung gesezt hat, die zweifelsfrei fortschrittlich sind: individuelle Befreiung und neue kollektive Solidarität mit dem Anti-Rassismus, usw. Die Tatsache, daß die Jugendlichen im vergangenen Jahr ihre Forderungen durchgesetzt haben, stellte so etwas wie einen neuen Schritt in Richtung Chancengleichheit dar, für das Recht auf eine Ausbildung nach eigener Wahl. Dasselbe gilt für den Kampf der Eisenbahner, der darauffolgte. Die Formen, die dieser Kampf angenommen hat, wurden anfangs äußerst negativ und abweisend aufgenommen, nicht nur von der Kommunistischen Partei, sondern auch von den Gewerkschaften und den etablierten Linken. Das Bedürfnis nach Demokratie, das in den Koordinationen zum Ausdruck gekommen ist, hatte weni- FRANKREICH ger mit einer Ablehnung der Gewerkschaften zu tun als mit den aktuellen Formen, in den sich Gewerkschaftspolitik heute abspielt, die Delegation von Macht, auf die die Lohnabhängigen keinerlei Einfluß mehr haben.

„Wir haben gesehen, Ein unwiderstehlicher wie sich die Jugend für Drang nach Demokratie Ziele in Bewegung gesetzt hat, die Das ist ein eklatanter Beweis für das Be- zweifelsfrei fortschrittdürfnis nach Demokratie, nach Selbstor- lich sind: individuelle ganisation, Ablehnung von Hierarchien, autoritären Strukturen, usw. Wir finden Befreiung und dieses selbe Bedürfnis auch bei der Leh- kollektive Solidarität rerbewegung. Nochmal ein Beispiel für die Rückständigkeit der Kommunistischen mit dem Anti- Partei: der Kampf um die Verbesserungen der Lebensbedingungen. Das ist offen- Rassismus." sichtlich ein entscheidender Faktor für die CONVERCENCE 84 CONTRE LE RACİSME

POMR L'EGALiTE NES DRaiTS

Unzufriedenheit und den Zusammenschluß von ArbeiterInnen; Bewegungen zu diesem Problem überschreiten tendenziell die Grenze zwischen dem Berufsleben und dem Leben außerhalb des Betriebs. Heute sind eine ganze Reihe von Faktoren dafür verantwortlich, ob Individuen in den Kampf treten oder nicht; für

Seite 10

FRANKREICH ihre Entschlossenheit zu handeln, um die Gesellschaft zu verändern, die sich auch nicht auf den Bereich innerhalb des Betriebs beschränkt. Alle Bereiche des menschlichen Lebens werden kollektiv und individuell hinterfragt. Ein neues Merkmal in den Kämpfen ist, daß man aktiv wird für begrenzte Ziele, die aber zugleich Ausdruck kollektiver kultureller Phänomene sind: Gesang, Sport, Natur, zwischenmenschliche Beziehungen, Mode, Freizeit, usw. In der Krise wird der Sinn des Lebens selbst in allen Sphären der menschlichen Aktivität infragegestellt.

Eine andere Frage, die nach widersprüchlichen Antworten ruft, die aber nicht so behandelt wird, ist die Infragestellung der Gewerkschaften. Auf der einen Seite sind die Gewerkschaften in das System integriert, auf der andern Seite besteht das Bedürfnis nach modernen, demokratischen und unabhängigen Gewerkschaften. Das ist der Widerspruch, der die Gewerk schaftsbewegung in der letzten Zeit geprägt hat. Die Frage, die sich den Revolutionären stellt, und die von der Kommunistischen Partei schlecht behandelt wird, ist, wie die Gewerkschaftsbewegung zu einem Hort der Demokratie werden und damit dem Bedürfnis, das die Koordinationen aufgeworfen haben, gerecht werden kann.

Das ist nur eines der Elemente, die im Klassenkampf in den letzten Jahren eine Rolle gespielt haben. Es hätte eine ganz andere Interpretation verdient gehabt als die, die die Führungsorgane der Kommunistischen Partei davon gegeben haben. Die Partei hat darin nur eine Art Manipulation gesehen, die angeblich das Fundament der Gewerkschaftsbewegung selber infragestellte, die gewerkschaftlichen Traditionen, usw.

Das zweite betrifft, was man die gesellschaftlichen Fragen nennen kann. Wie soll man umgehen mit dem Spannungsverhältnis zwischen Individualität und Individualismus, Gleichheit und Gleichmacherei, wie soll man mit dem Wunsch nach persönlichem_ Erfolg und persönlicher Entfaltung und gleichzeitig den Bekundungen der Solidarität umgehen, die eben zum Ziel haben, den Erfolg und die Entfaltung der Individuen bestmöglich zu gewährleisten?

Das sind offensichtlich die Fragen, die eine Gesellschaft sich stellt, die nicht zwangsläufig nach rechts geht. Das sind die Fragen, mit denen die Kommunistische Partei sich nicht herumschlägt, und die doch auf dem Feld auch wirken, wo die Unterscheidung zwischen einer revolutionären Politik und der Akzeptanz des Systems getroffen wird. Wie kann man der ideologischen Offensive des Kapitalismus entgegentreten, die den reaktionären Gehalt der individuellen Werte wiederzubeleben sucht? Denn das Phänomen existiert unzweifelhaft. Der Wille, sich individuell zu entfalten und Erfolg zu haben ist ein Wert, der von der bürgerlichen logie kommt, von der Ideologie dieses Systems; aber sind diese Werte von sich aus reaktionär, oder muß die revolutionäre Strömung sie nicht vielmehr für sich besetzen? Muß sie nicht aufgreifen, was die gesellschaftlichen Bewegungen in den letzten Jahren, in denen diese Bedürfnisse geäußert wurden, deutlich gemacht haben? War das nicht Ausdruck einer möglichen fortschrittlichen Lösung dieser Werte? Wenn man von diesen wenigen Beispielen ausgeht, wird glaube ich klar, um was es geht und wohin sich die Gesellschaft entwickelt, daß sie eben nicht zwangsläufig nach rechts geht. Die KP hat aus der Rechtswende der Gesellschaft den Angelpunkt ihrer politischen Analyse gemacht Es ist auch von Interesse, die Frage zu stellen, wie die Kommunistische Partei die auf dem theoretischen Gebiet sehr schwach geworden ist - zu einer so hölzernen Analyse und Haltung kommt, die sich in etwa so zusammenfassen ließe: die Gesellschaft driftet nach rechts, das zeigen der Rückgang im gewerkschaftlichen Organisationsgrad, die Stimmen für die Rechten, die Anziehungskraft, die der Liberalismus auf die Jugend ausübt, usw. Wie kann man so blind sein? Warum hat die Kommunistische Partei aus der Rechtswende der Gesellschaft cinen so zentralen Angelpunkt ihrer politischen Analyse gemacht? Wir geben aus unserer Warte darauf eine Reihe von Antworten. Gründe dafür: den Defätismus_und die Ich glaube, es gibt hauptsächlich zwe Ablehnung der Selbstkritik. Defätismus, weil eine solche Analyse die politischen. gesellschaftlichen und ideologischen Perspektiven des Klassenkampfs einseitig schr düster zeichnet: man kann nichts daran ändern. Liest man die Schlußfolgerungen des letzten Parteikongresses der KPF, kann man daraus nur schließen, dal man nichts tun kann, alles ist verloren, man ist auf der ganzen Linie geschlagen. Zum zweiten, und das ist für eine Führung, die so in der Klemme ist wie die der Kommunistischen Partei, keine Kleinigkeit, erlaubt eine solche Herangehensweise, daß man sich jede kritische Aufarbeitung der Rückständigkeit der Partei schenkt, was sehr bequem ist. Zum dritten, und das ist sehr schlimm, findet sich die Partei damit ab, daß die revolutionăren Vorstellungen marginalisiert sind, die Kohabitation von Dauer ist, der Wille der Führung der SP, mit der Rechten zusammen zu regieren, unumstößlich ist, usw. Auf gesellschaftlichem, politischem und ideologischem Gebiet sieht die Kommunistische Partei für sich keinen positiven Ausweg mehr. Eine solche Schwarzmalerei ist extrem demoralisierend und demobilisierend.

Das ist auch ein Mittel der Selbstrechtfertigung: wenn alles nach rechts driftet, ist es nur logisch, daß die wirklichen Revolutionäre zunehmend marginalisiert werden.

• Ja, und das erklärt auch, warum es zur Zeit keine andere Möglichkeit für die Kommunistische Partei und die revolutionäre Strömung gibt als die, ein randständiges Dasein zu führen. Es ist eine Strategie des Rückzugs.

Zugleich wird damit der Boden für künftige Wahlniederlagen vorbereitet. Zumindest die Niederlage bei den kommenden Wahlen, dies steht völlig fest. Denn ich glaube nicht, daß die, die heute die Opfer der Krise sind und in aller Schärfe und Unwiderbringlichkeit die Grenzen dieses Systems erleben, sich mit dem Gedanken anfreunden können, daß der Augenblick nicht günstig sei. Im Gegenteil, gerade in einem solchen Augenblick zeigt sich ein beträchtliches Potential an Emanzipation. Es gab noch nie soviele technologische, wissenschaftliche und Erkenntnismöglichkeiten wie gegenwärtig, und dies inmitten der Krise. Man kann nicht ,,resignativ mit der Krise umgehen" , obwohl natürlich alles nicht einfacher geworden ist, im Gegenteil. Nichts ist falscher und der Perspektive einer revolutionären Veränderung der Gesellschaft abträglicher als diese hölzerne Analyse der Kommunistische Partei. Deshalb stößt sie auf Unverständnis, weil es nicht nur die Verzweiflung sein

Seite 11

kann, die die Menschen auf die Straße, in den Kampf treibt. Es muß auch die tiefe Überzeugung sein, daß die bestehende Ordnung nicht schicksalshaft gegeben ist, daß man sie verändern kann. Es gilt, das Hauptargument der bürgerlichen Ideologie aus den Angeln zu heben, wonach keine andere Ordnung möglich ist als die bestehende. Alles deutet daraufhin, daß sich gegen die bestehende Ordnung nicht nur Widerstand regt, sondern daß diese Ordnung infragegestellt wird; die revolutionäre Bewegung kann sich in die Gesellschaft nur einklinken und als ein nützliches Instrument begriffen werden, wenn sie es versteht, sich darauf zu stützen, nicht künstlich, sondern indem sie die Dinge so nimmt, wie sie sind und begreift, daß die sich entwickelnde gesellschaftliche Bewegung das Gegenteil von einer Bewegung darstellt, die in der Verzweiflung und in der Sackgasse steckt, oder auch im V 'nterschlaf.

Heute versucht die Kommunistische Partei, den Kommunisten die Vorstellung nahezubringen, daß wir eine sehr schwierige Durststrecke durchlaufen, aus der es so schnell keinen Ausweg geben wird. Wir meinen genau das Gegenteil; wir glauben, daß die gesellschaftlichen Bewegungen, die es im vergangenen Jahr gegeben hat, deutlich gemacht haben: wenn sie wirklich eine politische Perspektive finden, können sie in diesem Land tiefgreifende Veränderungen erreichen, deren Grenzen heute nicht abzusehen sind; das kann soweit gehen, daß das System infragegestellt wird. Das ist der Hauptgrund, weshalb es uns nicht länger möglich war, in der Kommunistischen Partei zu bleiben, weshalb diese praktisch auch keine Chancen mehr hat, ausgehend von den Analysen, die sie anstellt, aus ihren Schwierigkeiten herauszukommen. Die Krise der Kommunistischen Partei wird kein Ende finden, nicht weil die Debatte in dieser Partei immer noch unmöglich ist, wie der letzte Kongreß wieder gezeigt hat, sondern weil die Gesellschaft weiß, daß von dieser Seite keine Perspektive kommt. Und weil es keine Aussöhnung (mehr) zwischen der Kommunistischen Partei und der Gesellschaft geben wird, wird sich die Krise der KP fortsetzen. • Was wird das weitere Schicksal der KPF sein: die völlige Zersplitterung und nicht mehr umkehrbare Marginalisierung wie in Spanien?

• Die Zersplitterung ist nicht mehr eine Gefahr für morgen, das war schon die Realität von gestern. Die Kommunistische Partei wurde bereits auf verschiedene Weise zersplittert: durch den stillschweigenden Abgang von Hunderttausenden von Mitgliedern in den letzten zehn Jahren; durch die Art, wie die Gesellschaft sie zurückgewiesen hat. Das Schreckgespenst, das heute vor der Kommunistischen Partei steht, ist nicht das einer weiteren Spaltung, die de facto bereits besteht. Es sind die unvermeidlichen Folgen der politischen Widersprüche, in die sie sich verstrickt hat und die sie nicht meistert. Die KPF bräuchte gesunden Menschenverstand, eine Kenntnis der realen Welt und intellektuelle Standfestigkeit.

So wie die Partei heute geführt wird, gibt es kaum Chancen, daß sie das bekommt. Wir „Erneuerer" glauben jedoch, daß es innerhalb und außerhalb der Partei - die trotz ihrer Krise immer noch die größte organisierte Linkspartei in Frankreich ist - Hunderttausende von Menschen gibt, die sich wie wir sagen: die Partei muß sich ändern. Von diesen trennt uns wenig. Die Hauptgefahr geht nicht davon aus, daß wir in Gegensatz zu denen geraten, die innerhalb der Kommunistischen Partei bleiben wollen oder ihr auf der Ebene der Wahlen oder der Parteiaktivitäten „treu" bleiben. Die Hauptgefahr geht heute von dieser Kluft zwischen der Kommunistischen Partei und der Gesellschaft aus, davon, daß Hunderttausende von Männern und Frauen aus der Arbeiterklasse resigniert der Sozialdemokratie ihre Stimme geben. Das Hauptproblem ist nicht, daß die „Erneuerer" in Gegensatz FRANKREICH 40N Auf der einen Seite sind die Gewerkschaften in das System integriert, auf der anderen Seite besteht das Bedürfnis nach modernen, demokratischen und unabhängigen Gewerkschaften. Das ist der Widerspruch, der die Gewerkschaftsbewegung in der letzten Zeit geprägt hat.

Seite 12

FRANKREICH gerieten zu denen, die innerhalb der Kommunistischen Partei sich um einen anderen Weg bemühen, dort auf wirksamere Weise revolutionäre Politik zu machen glauben; es besteht nicht zwischen Kommunisten, die eine unterschiedliche Auffassung darüber haben, welchen Weg man am besten verfolgt. Das Hauptproblem für uns ist, daß weil die Kommunistische Partei sich nicht ändert, Millionen Menschen sich aus lauter Verzweiflung entweder ins Privatleben zurückziehen, oder sich der Sozialdemokratie anschließen. Im Mittelpunkt muß die „Wir sind kein Gleichheit stehen Neuaufguß der KP.

Deshalb sind viele Dieser Prozeß ist bereits im Gange, weil Augen auf uns die Leute, wenn sie sich entscheiden müssen zwischen einer Rechten, die zunehgerichtet, ob das eine mend Argumente von Le Pen übernimmt, und einer wenn auch „weichen" Linken, Organisation ist wie die sich für letzteres entscheiden. Aber die LCR, oder Bewegungen Linke kann auf Dauer nicht gewinnen, wenn ihre einzige Funktion darin besteht, wie die der die Gesellschaft etwas weniger zu piesaken als die Rechte. Wenn sie gewinnen Umweltschützer, die will, muß die Linke sich erneuern, also gegen den Rassismus wirklich einen Kampf gegen die Arbeitslosigkeit führen, vor allem indem die Aroder andere." beitszeit massiv herabgesetzt wird. Im Mittelpunkt muß die Gleichheit von Männern und Frauen, der Bürgerinnen, der NON ROMIS

LIGUE

COMMUNISTE

REVELUTIONNRIRIN

Völker und Nationen stehen. Also die Ablehnung der Ausgrenzung, einer Gesellschaft und einer Welt, die in zwei Teile zerfälle: die Hungernden und die. die essen; die Erwerbstätigen und die Erwerbslosen; die kommandieren und die gehorchen. Wir können nicht Zuschauer bleiben angesichts eines Systems, in dem der finanzielle Profit der einen auf Kosten der Opfer und des Elends der anderen, der Zerstörung der Natur, der Gesundheit und der Ausbeutung der natürlich Ressourcen aufgehäuft wird. In den Jahren 1981-86 hat die Linke unter dem Vorwand, die Veränderung der Gesellschaft sei schwieriger als angenommen, schließlich davon Abstand genommen. Das ist einer der Kernpunkte in der Krise der Kommunistischen Partei. Wir haben nicht versucht, diese Krise zu leugnen, denn wir sind daraus hervorgegangen.

Die Bewegung der „Erneuerer" ist aus der kommunistischen Bewegung hervorgegangen, aus unserer Weigerung, deren Weg bis zur Marginalisierung mitzugehen. Sie stützt sich auf die gesellschaftlichen Bewegungen der letzten Zeit, die bestätigen, daß wir recht haben mit unserer Auffassung, daß die revolutionäre Strömung nicht im Sande verlaufen ist, im Gegenteil, daß man ihr eine politische Perspektive geben muß, die die Kommunistische Partei nicht bietet, und daß die Sozialistische Partei - das ist offensichtlich - nicht die Rolle eines Motors für gesellschaftliche Veränderungen spielt Wenn es auf der Linken keine vorwärtstreibende Kraft gibt, die sich neu zusammenfindet, keine fortschrittliche Strömung, die in der Lage ist, eine ausreichend breite Bewegung um radikale Reformvorschläge herumzuscharen, dann gibt es derzeit keine reale Perspektive in diesem Land.

Die Bewegung der „Erneuerer" ist aus dieser Einschätzung der Dinge heraus entstanden, aus dieser absolut zwingenden Notwendigkeit heraus, die Kommunistische Partei links zu überholen. Das bedeutet, daß wir nicht irgendwo zwischen der KP und der SP stehen, wir sind kein Neuaufguß der KP. Deshalb sind viele Augen auf unsere Bewegung und diejenigen, die in ihrem Namen auftreten und sprechen gerichtet, ob das eine Organisation ist wie die LCR, oder Bewegungen wie die der Umweltschützer, die gegen den Rassismus oder andere. Ich glaube, im Grunde ist in Bezug auf die großen Fragen unsere Sichtweise der Dinge dieselbe, nicht absolut identisch, aber doch so, daß alle, die sich heute zusammentun, dieselbe radikale Antwort auf die großen Fragen geben. Das hier ist nicht eine Summe von Verdruß, von kleinen Splittern einer Linken, die fünfzehn Jahre lang die Auseinandersetzungen im Apparat

Seite 13

oder die Anerkennung der Gesellschaft verloren hat. Es ist etwas ganz anderes im Gang und deshalb hat die vor einigen Monaten angekündigte Kandidatur von Pierre Juquin auch ein solches Echo. Heute zeichnet sich die Vorstellung von der Notwendigkeit der Neuformierung einer revolutionären Strömung ab, die nicht nur eine Sammlung von Grüppchen sein soll, und wenn ich sage Grüppchen, dann meine ich das nicht persönlich und habe auch keine Verachtung für niemanden, vor allem nicht für die, die auch in den schwierigsten Momenten in der Lage waren, in der Gesellschaft eine kommunistische Identität aufrechtzuerhalten. Ich denke, jeder von uns hat ein Interesse daran, unser gemeinsames Erbe einzuklagen; das scheint mir charakteristisch für diese Bewegung. Wir entstammen einer gemeinsamen Quelle, auch wenn unsere Wege sich getrennt haben, einer gemeinsamen Wurzel, die die radikalsten Vorschläge für die Emanzipation der Gesellschaft vorgetragen hat.

Wir brauchen nicht zu verleugnen, woher wir kommen, das wäre sogar ein schwerer politischer Fehler. Alle Flüsse entspringen einer Quelle, und unsere Quelle ist der Kommunismus. Viele Menschen den- - dah sie Kom denken heute wie wir, ohne daß sie Kommunisten sind; einige von ihnen sagen sogar, daß der Begriff „Kommunismus" und was sie meinen, was sich dahinter verbirgt, sie stört. In Bezug auf die großen Fragen, die für die revolutionäre Veränderung der Gesellschaft wichtig sind, trennt uns nur wenig. Millionen Menschen fühlen sich davon angesprochen, wegen der Geschichte unseres Landes und der Rolle, die die kommunistische Bewegung darin gespielt hat. Denn diese reicht weiter zurück als die Gründung der Kommunistischen Partei; sie ist ein Teil des Erbes der besonderen Geschichte der französischen Arbeiterbewegung. In meinen Augen ist einer der Gründe für die Krise der Linken in Frankreich der, daß die kommunistische Strömung, die ja nicht versiegt ist, in den Augen derer, die sich damit verbunden fühlen, und das sind Millionen in unserer Gesellschaft, nicht mehr glaubwürdig genug vertreten ist. sich aus dem Staub gemacht, haben sich gen oder sich der Sozialdemokratie angeschlossen. Aber nie ist daraus eine organisierte Strömung entstanden, die zum einen an der kommunistischen Identität festhält, wie Du sagst, zum anderen sich als eine Alternative zur KP versteht und in organisierter Form deren Identität und Tradition fortführt.

• Wenn man verstehen will, was 1984 passiert ist, muß man bis 1981 zurückgreifen. 1981 hat die KP einen regelrechten Einbruch in ihre Wählerschaft erlebt; ihr Stimmenanteil ist mit einem Schlag von 20% auf 15% zurückgegangen. Wir waren uns damals sehr wohl bewußt, daß das noch andere Ursachen haben mußte als die, die uns die Führung zur Erklärung anbot.

„Die Erneuerung von innen hat sich als eine Sackgasse herausgestellt"

Im folgenden Monat hat die Kommunistische Partei eine Art künstlichen Aufschwung in der Gesellschaft erlebt. Man darf nicht vergessen, daß die Kommunistische Partei sehr besessen ist von der Frage der allgemeinen Wahlen und der Anerkennung, die diese in der Gesellschaft verleihen. Die Tatsache, daß sie ein paar Minister in die Regierung schicken konnte, hat sie mit dem schweren Rückschlag bei den Wahlen gewissermaßen ausgesöhnt. Wir haben geglaubt, wir könnten uns auf diese Weise wieder erholen und haben daher auf eine gründliche Analyse der Ursachen für die Wahlniederlage verzichtet. Die folgenden Jahre haben gezeigt, daß die KPF weit davon entfernt war, in der Gesellschaft wieder Anerkennung gewonnen zu haben, daß sie ihre Praxis nicht von Grund auf geändert hat und von einem sektiererischen Opportunismus gegenüber der Linken zu einem platten Rechtsopportunismus überge- FRANKREICH rung das ewige „alle anderen sind schuld, nur wir nicht" an. Es wurde auf dieser Sitzung des Zentralkomitees aber deutlich, daß das vorne und hinten nicht reicht, um es einmal beschönigend auszudrücken. Ca. dreißig Redner haben die mehr als oberflächliche Analyse der Parteiführung heftig kritisiert. Es war absolut klar, daß man sich damit nicht zufrieden geben konnte, die Situation wurde zu schlimm.

Meines Wissens wurde zum erstenmal in der Geschichte der Kommunistischen Partei ein Bericht nicht abgestimmt, sondern schlicht und einfach zurückgezogen. In den Sommermonaten hat die Führung jedoch die Zügel wieder in die Hand bekommen und die Dinge so vorbereitet, daß auf dem Zentralkomitee im September wieder alles eingefädelt und so gerichtet war, daß die kritischen Führer und Mitglieder nach und nach isoliert werden konnten. Doch diese Operation ist nur scheinbar gelungen. Auf dem XXVI.Parteikongreß wurde das Ende der „Säuberung" angekündigt, und die Partei war wieder zu 99.3% geschlossen. Doch die Partei war blutleer, völlig auf sich selbst konzentriert; die Einheit war nur eine Fassade, die dazu noch einen hohen Preis gekostet hat: im Verband Haute-Vienne war die Führung abgesetzt worden; im Verband Meurthe-et-Moselle wurden fast alle wichtigen Funktionsträger ausgetauscht, oder sie waren gezwungen zu gehen, weil die ihnen angebotene Alternative unakzeptabel war, usw. Das war der Preis für die neue Einheit.

Die Bewegung der „Erneuerer" hat sich Anfang 1985 formiert, nach dem XXV. Parteikongreß. Ibr erstes Anliegen war der Wunsch, die Partei von innen heraus zu erneuern, auf diese Möglichkeit hatten wir nicht von vornherein verzichtet. Es stellte sich bald heraus, daß das zu nichts führte, völlig unmöglich war, weil die politische Kultur der Kommunistischen Partei das nicht zuläßt. Diese Kultur gründet sich auf ein Dogma, das wir aus der stalinistischen Zeit geerbt haben, ein ungeschriebenes, aber dennoch funktionierendes Dogma, das heißt: die Führung ist unfehlbar, Kritik ist gefährlich und die • Ich hätte gern, daß Du auf die Er-; eignisse von 1984 zurückkommst, wie die Krise aus ihrem embryonalen Zustand als parteiinterne Krise in eine offene Krise übergeht und wie zum erstenmal eine organisierte Strömung, die der „Erneuerer", daraus hervorgeht. Denn bislang war es so, wenn einzelne oder mehrere mit der Parteiführung nicht einverstanden waren, haben sie schwenkt ist. Sie hat alles mitgetragen und alles gerechtfertigt, weil sie an der Regierung beteiligt war.

In diesem Zustand sind wir 1984 in die Europa-Wahlen gegangen, wo die KP 10% der Stimmen verloren hat. Auf der Sitzung des Zentralkomitees nach den Wahlen ging es sehr heftig zu. Der Bericht der Führung bot als einzige Erklä- Basis ist inkompetent. Besonders schlimm ist - und deshalb spreche ich von einer kommunistischen Kultur -, daß dieses Dogma nicht einfach von der Führung aufgezwungen, sondern von der gesamten Partei verinnerlicht ist. Mich persönlich überrascht es nicht, daß ein Kongreß wie der letzte abgelaufen ist, wie er ist. Der Enthusiasmus und die Entschlossenheit derer, die daran teilnahmen, sind nicht

Seite 14

FRANKREICH

Maurice Kriegel- Valrimont: „Es reicht nicht aus, daß die KPF anerkennt, seit 25 oder 30 Jahren Fehler gemacht zu haben. Sie muß auch anerkennen, daß es vor 25 oder 30 Jahren Leute gegeben hat, die Fragen stellten und dafür ausnahmslos ausgeschlossen wurden."

gestellt, oder von der Führung aufgebaut; so funktioniert die Partei.

Unter diesen Bedingungen ist uns schnell klar geworden, daß dem Willen zur Erneuerung der Partei von innen Grenzen gesetzt sind. Ich gehörte anfangs zu den Skeptischsten. Wir haben zu Beginn so funktioniert, daß wir unsere Meinungen horizontal miteinander ausgetauscht haben. In der Partei sind keine Tendenzen zugelassen, Minderheiten können sich nicht ausdrucken auch weiter, aber immer nur innerhalb der Gremien, zu denen er gehört. Nun waren aber viele von uns aus den Führungsorganen entfernt_worden. Deshalb haben wir eines der Grundgesetze der Kommunistischen Partei überschritten und angefangen, horizontal unsere Ideen zu verbreiten; das war besonders schlimm, auch für uns persönlich. Man darf nicht glauben, daß wir das alles abgeklärt erlebt haben; manchmal war es sehr schmerzhaft. Wir sagten uns: wir legen hier den Finger auf etwas, dessen Ende wir nicht kennen; und wir liefen sogar das Risiko, von Genossen „unverstanden" zu werden, die wir schätzten und die uns schätzten. ,Wir haben eine Dynamik geschaffen und wurden auch von ihr getragen"

Nach und nach haben wir die Regeln der Partei immer mehr verletzt. Wir haben gemerkt, daß wir bei jedem Mal, wo wir ein Stück weiter gingen, Fortschritte innerhalb der Partei machten, aber vor allem innerhalb der Gesellschaft eine Dynamik ingang setzten, und das war für uns der entscheidende Faktor, der uns veranlaßte, unsere Haltung zu ändern. Diejenigen, die beobachteten, was innerhalb der KP vor sich ging, hatten cher Sympathie dafür, daß es in diesem großen, sich versteinernden Körper noch Kommunisten gab, die unruhig waren und ziemlich interessante Dinge zu sagen hatten. Entsprach diese Bewegung also Deiner Auffassung nach einem Bedürfnis in der Gesellschaft?

Auf jeden Fall, es entsprach einem tief verborgenen Wunsch. Die Medien und andere haben unsere Vorstellungen anfangs sehr wohlwollend aufgegriffen und verbreitet; sicherlich wollten sie damit vor allem zeigen, daß diese Partei in einem so desolaten Zustand war, daß es für sie daraus kaum einen Ausweg gab. Doch das war nicht groß bedeutend, der wichtigste Effekt war, daß damit Interesse geweckt wurde. Diese Dynamik hat sich jedoch schnell erschöpft; ich glaube nicht, daß die Leute von uns erwartet haben, wir könnten die Kommunistische Partei reformieren.

Sie erwarteten von uns, daß wir ihnen Vorschläge machen, mit denen sie sich identifizieren können und die ihnen andere Möglichkeiten bieten, als sich ins Privatleben zurückzuziehen oder sich der Sozialdemokratie anzuschließen. Daß es in dieser kommunistischen Strömung, die, ob man es will oder nicht, für die, die weder rechts noch sozialdemokratisch sind, einen wesentlichen Bezugspunkt darstellt, Leute gibt, die in der Lage sind, solide Verbindungen zur Gesellschaft herzustellen, war für viele von Interesse. Wir haben aber auch schnell gemerkt, daß wir über diese neu geschaffene Situation hinaus mußten, wenn wir uns nicht im Kreis drehen wollten; dann wäre das Interesse an uns erlahmt. Wir mußten also in der Überschreitung der Parteiregeln immer weiter gehen und zugleich in der Gesellschaft selbst wirken. Deshalb haben wir ein Manifest. veröffentlicht, das nicht allein für den parteiinternen Gebrauch gedacht war. Es war in der Form von 47 Fragen abgefaßt und verstand sich als Dokument zur Diskussion mit allen Revolutionären, allen Kommunisten in der Gesellschaft, die sich längst nicht alle in der Kommunistischen Partei befinden. Man kann sogar sagen, daß die große Mehrheit der Kommunisten und der Revolutionäre nicht der Kommunistischen Partei angehören, nicht mehr oder noch nie angehört haben.

Wir haben also von innen weitergearbeitet, uns aber auch mehr und mehr an die Gesellschaft insgesamt gewandt. Damit konnten wir eine Dynamik schaffen, die uns ihrerseits wieder vorangetrieben hat. Im dem Maße, wie wir uns nach außen gewandt haben, ist uns als Echo das Interesse zahlreicher Menschen zurückgeschlagen. Nach und nach hat die Bewegung der Erneuerer" mehr Autonomie gewonnen. Um unser „Verdienst" aber gleich zu relativieren: es gibt kein Genie" unter den Initiatoren der Bewegung der „Erneuerer"

Ohne falsche Bescheidenheit: wenn man genau hinschaut, hatten wir im Grunde nichts wirklich Neues vorzuschlagen, das sich von dem unterschieden hatte, was einige unserer illustren Vorgänger in der

Seite 15

kritischen kommunistischen Bewegung schon gesagt haben. Viele von denen hatten eine viel größere Aura um sich herum, als der Durchschnitt von uns, und dennoch blieb ihnen der Erfolg versagt. Ich denke dabei an all jene, die, nachdem sie erst Prozesse gegen andere angestrengt haben, selber ausgeschlossen wurden: Tillion, Casanova, Garaudy, u.a. Auch Leute wie Maurice Kriegel-Valrimont, zweifellos einer der kommunistischen Führer und Männer in diesem Land, für die ich den meisten Respekt und die größte Bewunderung hege, weil er in meinen Augen einen bemerkenswert fruchtbaren und frischen Geist besitzt. Im wesentlichen hat er seit 1960 das gesagt, was wir fünfundzwanzig Jahre später auch gesagt haben. All diese Menschen, denen gegenüber ich mich äußerst bescheiden fühle, hatten nicht den Erfolg, der uns beschieden war.

„Die Stärke der Erneuerer ist die Schwäche der KP"

Um zu betonen, daß wir sehr bescheiden sein müssen, sage ich hier, daß wir unsere Hauptkraft aus der Schwäche der Kommunistischen Partei ziehen. Als sie allein auf Wählerebene - in der Gesellschaft ist ihr Gewicht eh größer - 20% und mehrdarstellte, als sie Hunderttausende von Mitgliedern zählte, Tausende von Mandatsträgern, vor zwanzig Jahren, hatten die Kritiker absolut keine Chance, gehört zu werden: es machte keinen Sinn, es war in gewissem Sinne zu avantgardistisch, deshalb leicht suspekt. Dadurch hätte aber verhindert werden können, daß die Kommunistische Partei all ihre Rückständigkeit aufstaut. Maurice Kriegel-Valrimont sagte dazu vor kurzem sehr zu recht, daß es nicht ausreicht, daß die Kommunistische Partei anerkennt, seit 25 oder 30 Jahren Fehler gemacht zu haben; sie müsse auch anerkennen, daß es vor 25 oder 30 Jahren Leute gegeben hat, die Fragen stellten und dafür ausnahmslos ausgeschlossen wurden; das relativiert die Tragweite der sog. Selbstkritik der Kommunistischen Partei heute sehr. Unsere Stärke liegt also im fortgeschrittenen Krisenstadium und in der schwachen Stellung der KP in der Gesellschaft und der Arbeiterbewegung heute. Um auf die Kandidatur Juquin zurückzukommen: wenn wir heute in ein Situation kommen, wo ein Kandidat, der aus dieser kritischen Bewegung hervorgeht, möglicherweise gleichauf liegt mit dem offiziellen Kandidaten der Partei, ihn eventuell sogar überflügelt, dann ist das natürlich eine Situation, die absolut unvergleichlich ist mit früheren. Vielleicht bin ich zu bescheiden, aber die Partei steckt so tief in der Krise, daß die Bewegung der „Erneuerer* größere Chancen hat als frühere kritische Bewegungen, was nicht heißen soll, daß alles von allein geht. Es bedurfte des Mutes, um solche Initiativen zu ergreifen, das bisherige Verhalten zu ändern, darüber hinaus zu wachsen. Nachdem die Mitglieder der Bewegung das aber einmal hinter sich hatten, haben sie gesehen, daß sich ein Feld vor ihnen auftat, das sie sich so offen nicht vorgestellt hatten. Es gibt ein Feld zu besetzen, das durch die Unflexibilität und Unfähigkeit der Kommunistischen Partei brach liegt. Nichts wäre falscher, als die eigene Qualität der kritischen Bewegung gegenüber vorhergehenden zu überschätzen: sie ist kein Selbstläufer, ihr Weg war nicht vorgezeichnet, sie hätte auch ebensogut nicht entstehen können. Aber die, die den Mut hatten, die Bewegung ingangzusetzen, haben auf ihrem Weg entdeckt, daß das Umfeld viel günstiger ist, als sie angenommen hatten.

• Auch aus diesem Grund hat die Parteiführung die „Erneuerer" geduldet, ihre öffentlichen Stellungnahmen und Aufrufe, Zeitschriften usw. Früher wäre das undenkbar gewesen. Man wurde aus viel nichtigeren Gründen ausgeschlossen...

FRANKREICH

Chore severu 2 2 „Wenn wir heute in eine Situation kommen, wo der Kandidat der Renovateurs möglicherweise gleichauf liegt mit dem offiziellen Kandidaten der Partei, dann ist das eine Situation, die absolut unvergleichlich ist mit früheren."

Seite 16

FRANKREICH • Man darf nicht eine Sekunde glauben, daß die Führung der Kommunisti- •schen Partei plötzlich über Nacht liberal oder demokratisch geworden sei. Sie war aber nicht in der Lage, mehr zu tun, als sie getan hat, auch nicht, es schneller zu tun. Ihr Ziel war, das zu tun, was sie auf dem XXVI.Parteikongreß getan hat; es ging nicht schneller. Die Tatsache, daß sie ihr Ziel erreicht hat, zeigt, daß sie sich im Grunde nicht geändert hat. Weil die ,,Erneuerer* sich aber nicht mit der internen Debatte zufrieden gegeben haben, von der sie im übrigen alle ausgeschlossen waren, sondern Unterstützung in der Gesellschaft gesucht haben, war es schwierig für die Führung, einfach auf sie drauf zu hauen. Wir haben aus der Krise der KP nicht eine „Privatsache" der Partei gemacht, sondern wir sind davon ausgegangen, daß die Arbeiterbewegung die Selbstentfernung eines so wichtigen Pols wie es die kommunistische Strömung ist, nicht als eine unverrückbare Realität hinnehmen würde. Niemand hätte zu Anfang mit dem Entwicklungsrhythmus der kritischen Bewegen, die Bewegung der Erneuerer" gebe es in Wirklichkeit gar nicht, sind völlig vergessen. Wir haben das auf dem letzten Parteikongreß gesehen, wo viel von der Kandidatur Juquin die Rede war, wiewohl immer behauptet wurde, sie gehe die KP eigentlich gar nichts an.

Eine wirklich neue Perspektive aufbauen Bevor wir auf die Kandidatur Juquin zu sprechen kommen, möchte ich Dich bitten, daß du etwas über Dich selbst sagst, Deine Entwicklung, über die besondere Situation in Lothringen mit der Krise der Stahlindustrie und den Kämpfen, die es dort vor einigen Jahren gegeben hat. In dieser Region war die Kommunistische Partei einmal sehr stark, sehr gut in der Arbeiterklasse verankert, mit einem hohen Mitgliederanteil unter den Arbeitern. Heute ist ihre Krise in dieser Region mit am offensten. Was ist da passiert, für Dich und für die ganze Schicht von Kadern und aktiven Arbeitern, die dort die Kommunistische Partei darstellten? • Die gesamte Geschichte der Kommunistischen Partei in Lothringen, vor allem im Bezirk Meurthe-et-Moselle, aus dem ich komme, ist stark geprägt von der Selbstkritik. Das war absolut notwendig. Nur so konnte sie sich in einer so widrigen Umgebung entfalten. Wenn man von den Klassenkämpfen in der Stahlindustrie spricht, muß man daran denken, was das vor dreißig, vierzig Jahren war. Die Unternehmer waren allgegenwärtig. Das waren keine Leute, deren Existenz man erahnt hätte aus dem Register der Mitglieder des Verwaltungsrats. Sie waren physisch allgegenwärtig, organisierten in den Ortschaften das ganze Leben von der Wiege bis zur Bahre. Es gab keine Aktivität, die von den Unternehmern nicht kontrolliert worden wäre. Aus diesem äußerst harten Kampf gegen die „Herren der Schmiede", wie man sie nannte, ist in Meurthe-et-Moselle die kommunistische Bewegung hervorgegangen. Das war nicht leicht, wie man sich vorstellen kann. Die Mitglieder dort waren also geprägt von der Tradition, daß sie sich ständig selbst infragestellen mußten, was natürlich nicht heißt, sie wären frei von Fehlern, Dogmatismus, usw. gewesen. Ich spreche von etwas anderem: die Formierung, Herausbildung von kommunistischen Kadern hat sich hier unter diesen Bedingungen abgespielt. Dennoch muß man ehrlicherweise sagen, daß auch wir nicht völlig gefeit waren gegen das allgemein vorherrschende innere Regime der Partei, gegen ihre politische Kultur. Ich bin aus dieser Tradition hervorgegangen. Mein Vater war im Erzbergbau; ich war Stahlarbeiter. Ich kam also aus dieser „Schule", aber obwohl ich überzeugt war, daß man immer kritisch sein muß, habe ich in den Stahlkämpfen in Longwy 1978-79 gemerkt, daß es da eine ganze Menge Fragen gab, von denen wir glaubten, sie seien geklärt und den Leuten bewußt, die es aber nicht waren. Das hat mich zum Umdenken veranlaßt. Meine Erfahrungen mit den örtlicher Radiostationen, vor allem mit der St.on „Stahlherz. Lothringen" in Longwy, haben mir Aussprüche aus der Arbeitswelt zu Ohren gebracht, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Ich dachte, die Arbeiterklasse, die Arbeitswelt sei sehr viel homogener, mache sich sehr viel weniger Gedanken um eine Menge gesellschaftliche Fragen. Obwohl wir in diesem Bereich die stärkste Kraft waren, haben wir Erfahrungen gemacht, vor allem mit demokratischen Umgangsformen, wozu wir Kommunisten nicht imstande gewesen wären, den Anstoß zu geben.

Ausgehend von dieser Erfahrung habe ich mir gesagt, daß wir nicht die einzigen sind und daß wir manchmal recht weit davon entfernt sind, die Motoren eines demokratischen Lebens zu sein, in dem die Menschen ihre Existenz, ihren Kampf selbst in die Hand nehmen. Ich habe gemerkt, daß wir uns zu leicht das Recht anmaßten, im Namen anderer zu sprechen. Ich habe in diesem Jahr eine andere Praxis kennengelernt, in der sehr freien, sehr offenen, sehr direkten, manchmal sehr bitteren Auseinandersetzung mit Kommunisten, aber auch mit tausend anderen. Diese Praxis warf grundsätzliche Fragen auf: Welchen Platz hat die Kommunistische Partei in alledem? Im Grunde waren das ganz einfache Dinge; wir haben verstanden, daß man das nicht verordnen konnte, wie man nicht verordnen konnte, daß wir die erste Partei der Arbeiterklasse waren, daß wir in allem recht hatten, daß alles über uns laufen mußte. Wir haben gelernt, daß es Kenntnisse, Meinungen, zahllose Erfahrungen, ein zersplittertes Erbgut der Arbeiter in der gesamten Gesellschaft gibt, und daß dies für die Kommunistische Partei von höchster Bedeutung ist, nicht um es in ein Korsett zu zwängen, sondern im Gegenteil, um damit zu wetteifern, auch auf die Gefahr hin, dabei den Kürzeren zu ziehen. Diese Auseinandersetzung war unvermeidlich.

Vom Standpunkt meiner persönlichen Reifung war diese Erfahrung von kapitaler Bedeutung. Die ziemlich alte, selbstkritische Tradition unter den Kommunisten von Meurthe-et-Moselle erhielt also durch diese Erfahrung der Vielseitigkeit und des Reichtums in der realen Arbeiterbewegung einen neuen Anstoß. Wir haben gelernt, weniger anmaßend auf die Gesellschaft herabzublicken, korrekter und weniger pedantisch mit ihr umzugehen. Dadurch sind wir in den Augen der anderen zu einem nützlichen Instrument geworden, nützliche Genossen, denn auch in diesem Bereich hatte die Absetzbewegung von der Kommunistischen Partei angefangen, deren Selbstzufriedenheit, Leichtigkeit, auf alles und jedes eine Antwort zu finden, Sektierertum, Tendenz zu meinen, alles was nicht auf unserem Mist gewachsen ist, kann nur suspekt sein, immer weniger akzeptiert wurden. Das hat meine Entwicklung bestimmt.

Kannst Du etwas über deine Kandidatur 1987 sagen? Das war ein wichtiger Moment, in gewissem Sinne ein Test für die Kommunisten aus Meurthe-et- Moselle, aber auch für die Bewegung der „Erneuerer" insgesamt.

•• Das war tatsächlich das erstemal, ich glaube in der Geschichte der französischen Kommunistischen Partei, daß ein Mitglied sich gegen den Willen der natio-

Seite 17

nalen Führung und der Bezirksleitung aufstellen ließ, weil die Basis es so wünschte. Auch hier haben wir gespürt, welche Grenzen der Führung gesetzt waren. Es gab haufenweise Parteiversammlungen, um die Mitglieder anzuweisen, nicht gegen den Willen der Führung zu handeln. Die Mitglieder haben sich aber nicht einschüchtern lassen, auch ich nicht; ich hatte beschlossen, den Weg „um jeden Preis* zu Ende zu gehen, und zwar aus zwei Gründen. Der erste war, daß ich in jedem Fall das Votum der Basis hatte; der zweite, daß ich die Gelegenheit nutzen wollte um festzustellen, ob das, was wir von uns behaupteten - die Bedeutung unserer Existenz und unser Echo in der Gesellschaft - stimmte oder nicht. Es ging darum festzustellen, ob wir eine Existenzberechtigung hatten als Strömung außerhalb der offiziellen Partei. Es war ein ziemliches Risiko, aber ich glaube, wir hatten recht, uns so zu entscheiden. Erstens, weil es wegen des Widerstands an der Basis keinen „offiziellen"* kommunistischen Kandidaten gab; die Führung brachte eine Erklärung heraus, die sagte, es gebe keinen kommunistischen Kandidaten, es hätte sich keiner gefunden. Dann, weil die Führung nur darauf wartete, daß die Kandidatur eine Niederlage würde, und auch alles dafür getan hat: Flugblätter, Briefe an die Wähler, Stempel mit dem Schriftzug ,,Liquidator" auf meinen Wahlzetteln, die damit ungültig wurden, usw. Trotz allem, und obwohl die Kommunistische Partei in diesem Bezirk bei den Regionalwahlen 1986 11,36% der Stimmen bekommen hatte, holte ich ein Jahr später 18,66%. Ich hatte den Test also überzeugend bestanden. Von diesem Moment an, und jetzt bin ich nicht mehr bescheiden, habe ich unsere Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen anvisiert. Anfangs stand ich damit ziemlich alleine, auch innerhalb der Bewegung der „Erneuerer"

Wir haben aus meiner Kandidatur gelernt, daß wir in politischen Wahlen präsent sein müssen. In gewissem Sinne können uns die Präsidentschaftswahlen helfen, um unsere Kandidatur die lebendigen Kräfte in diesem Land zu sammeln. Wir schen das Netz von Unterstützerkomitees, das überall im Entstehen begriffen ist, als einen Ansatz dazu. Wir wissen, auch wenn der Prozeß der Neubildung der revolutionären Bewegung cin langwieriger sein wird, in jedem Fall länger dauern wird als die Wahlkampagne, kann man nicht die Position bezichen: weil der Prozeß langwierig ist und wir nicht völlig vorbereitet sind, lassen wir diese Gelegenheit vorüberziehen. Egal welche grundsätzliche Haltung wir zu diesen Wahlen haben - ich für meinen Teil bin dagegen, das habe ich bereits in einem Interview mit rouge erklärt - gibt es diesen politischen Termin und es läßt sich nicht leugnen, daß er in gewissem Sinne den Kurs des politischen Lebens in Frankreich in den kommenden Jahren bestimmen wird.

Die, die da nicht präsent sind, riskieren de facto, marginalisiert zu werden. Man kann sich nicht damit zufrieden geben, eine Kraft zu sein, die nur Vorschläge und Diskussionsbeiträge liefert, man muß diese Kraft auch messen können, auf Wahlebene und anderswo. Wenn am Abend der Präsidentschaftswahlen Millionen Menschen für unseren Kandidaten gestimmt haben, wird die politische Situation im Land eine radikal andere sein.

Welche Rolle spielt die Kandida ur Juquin? Hat sie die Funktion eine Katalysators?

• Ich glaube, die Kandidatur von Pierre Juquin ist zugleich Ergebnis einer Dynamik und selbst ein Moment darin. Ich habe erklärt, wie meine Kandidatur dazu gedient hat, diese Dynamik zu bestätigen. Sie besteht darin, daß die Leute uns nicht mehr nur mit Sympathie beobachten, sondern sich sagen: Wenn sich in dieser Ecke etwas tut, dann interessiert mich das." Diese Dynamik hat uns also selbst vorangetrieben. Während wir zuvor diejenigen waren, die die Dynamik inganggesetzt haben, hat diese uns nun gezwungen, den nächsten großen Schritt zu tun.

Hätten wir nicht die Entscheidung gefällt, aus der Kommunistischen Partei auszutreten, um etwas außerhalb dieser Partei aufzubauen und alle Konsequenzen auf uns zu nehmen, die sich aus dieser Entscheidung ergaben — die Präsenz in der Gesellschaft und auf der politischen Bühne dann wäre diese Dynamik wieder in sich zusammengebrochen. Ein Beweis dafür ist, daß seit der Ankündigung der Kandidatur von Pierre Juquin sich neue Entwicklungen ergeben haben. Ich gebe ein Beispiel dafür. Ein alter kommunistischer Arbeiter, der meine Kandidatur bei den Kantonalwahlen 1987 unterstützt hatte, dem im übrigen dieser Schritt nicht leicht fiel, hat mir erzählt, daß sein Sohn, der im Werk Pont-a-Mousson arbeitet und ebenfalls Gewerkschaftsfunktionär ist, mich nicht unterstützt hatte, obwohl ich ein Kandidat der „Erneuerer" war, sondern FRANKREICH vom ersten Wahlgang an den sozialistischen Kandidaten. Ich galt immer noch als ein Teil der Kommunistischen Partei und Leute wie er machten da nicht so feine Unterschiede.

Jetzt, wo die „Erneuerer" eine eigenständige Strömung sind, zeigt er Interesse für uns und wird Juquin unterstützen. Das verdeutlicht die Dynamik: Leute, die uns eine Zeitlang beobachtet haben, haben uns gedrängt, den nächsten Schritt zu tun, und daß wir diesen getan haben, hat wiederum eine Dynamik geschaffen, die uns zwingt, noch weiter voranzugehen. Als wir angefangen haben, hätten wir uns das nicht träumen lassen. Wir haben nicht so angefangen, daß wir gesagt haben: „Wir stellen zu den Präsidentschaftswahlen einen Kandidaten auf* , wir haben damit angefangen, daß wir in der Kommunistischen Partei unsere Meinungen austauschen wollten. Und binnen eines Jahres sind wir von der internen Kritik zur Präsident- . schaftskandidatur gelangt! Man muß sich vorstellen, welchen Weg wir da zurückgelegt haben! Das ist nicht nur ein Fortschritt, das ist ein qualitativer Sprung. Die Bewegung der Erneuerer" ist nicht mehr dieselbe, die sie zu Anfang war. Sie ist heute zahlenmäßig stärker und hat qualitativ einen anderen Charakter. Einige Leute, die anfangs dabei waren, haben sich wieder von uns getrennt, weil sie vor allem für eine Erneuerung der Kommmunistischen Partei von innen heraus waren und sich in einer Bewegung außerhalb der Partei nicht wiederfinden konnten. Andere, die anfangs abwartend beiseite standen, weil sie an der Erneuerung der KP nicht interessiert waren, oder nicht daran glaubten, sind jetzt zu uns gestoßen, weil wir jetzt etwas anderes sind. Wir sind also keine lineare und monolithische Bewegung, sondern eine Bewegung, die „in Bewegung" ist, die auf ihrem Weg einige zurückläßt, die uns heute nicht soweit folgen wollen, dafür andere einbezieht, und sich damit selbst verändert. Deswegen respektieren wir dennoch eines jeden Ansichten, brechen zu niemandem die Brükken ab, knüpfen im Gegenteil neue Beziehungen.

Aus diesem Grund haben wir auch beschlossen, nicht vorzeitig Organisationsformen festzulegen, nicht vorschnell mit einer Plattform für eine neue Partei zu kommen. Wir wissen sehr wohl, daß wir um die Frage der organisatorischen Form nicht herum kommen, ohne die es keine revolutionäre Partei geben kann, auch keine Revolution. Wir wissen sehr wohl, daß wir um die politische Plattform und

Seite 18

FRANKREICH das Programm der Partei nicht herumkommen und daß wir das brauchen. Aber wir wollen sie nicht schon am Anfang des Prozesses festlegen, weil wir diese Bewegung, diese Dialektik festgestellt haben. Am Ende der ersten Phase werden wir die Frage neu erörtern, mit all denen, die sich dann unserer Erfahrung angeschlossen haben werden oder sich ihr anschließen wollen. Ich lege darauf großen Wert, weil oft von der „zweiten Phase die Rede ist. Ich denke, ein Revolutionär muß Optimist sein und deswegen wird es eine zweite Phase geben. Aber man muß sich darüber klar sein, daß wir uns im Augenblick noch in der ersten Phase befinden und solange diese nicht erfolgreich abgeschlossen ist. kann es keine zweite Phase geben. Das Problem ist also nicht so sehr, von der zweiten oder sogar noch späteren Phasen zu reden, sondern unsere ganze Energie, Denkkraft, Intelligenz auf den Ertolg dieser ersten Phase zu konzentrieren, von der alles abhängt. Wenn wir die Bewegung überstürzen, zuviel Tempo machen, gehen wir ein zu großes Risiko ein. Wir sitzen alle auf demselben Ast und können es uns nicht leisten, ihn abzusägen. Dann würde alles zusammenbrechen. Davon wären nicht nur Aktivisten betroffen, die sich für die Sache engagiert haben, sondern Millionen Menschen in der Gesellschaft, die ungeheuer enttäuscht wären und denen auf lange Sicht eine neue Perspektive abhanden käme. Man muß also äußerst sorgfältig vorgehen, und wenn ich sage, man darf nichts überstürzen, dann meine ich nicht, man soll die Dinge schleifen lassen. Diejenigen in der Bewegung. die etwas schneller vorangehen wollen als andere, müssen dazu die Möglichkeit haben; das Niveau soll in keinem Fall darunter leiden. Meine persönliche Erfahrung hat mich in den letzten beiden Jahren gelehrt: wenn es nicht Leute gegeben hätte, die den Rhythmus etwas hätten überstürzen wollen, wären wir heute nicht, wo wir sind. Wir brauchen Kühnheit, aber auch das Wissen darum, wieweit man gehen kann. Das ist nicht einfach.

• Ich denke, man muß jetzt wirklich abwarten, wie die Kampagne läuft und welches Ergebnis sie bringt. Wir stellen im Augenblick fest, daß die Kandidatur von Pierre Juquin ein ziemlich spektakuläres Echo hat, vor allem unter den Jugendlichen. Tausende von Menschen, die nicht mehr oder noch nie in einer politischen Organisation aktiv waren, arbeiten heute Seite an Seite in den Unterstützerkomitees. Ohne zu unterschätzen, daß es Probleme geben kann, die gibt es sicherlich — Du hast selbst gesagt, ein Revolutionär bringt eine gute Dosis Optimismus mit. Was soll also danach sein? Was sind Eure Vorstellungen?

• Ich werde auf diese Frage nicht antworten. Weil ich davon überzeugt bin, daß das davon abhängt, wie diese erste Phase abgeschlossen wird. Wir haben beschlossen, daß wir zusammen an der Neuzusammensetzung, am Neuaufbau einer revolutionären Bewegung arbeiten. Ob sie die Form einer Partei oder einer Bewegung annimmt — wie gesagt, um diese Frage kommen wir nicht herum. Sie ist unausweichlich. Es sind auch andere Strukturen denkbar, für die ich den größten Respekt habe: Regenbogen, usw. Alle Menschen miteinander versöhnen zu wollen, nur um möglichst zahlreich zu sein, ist nicht notwendigerweise eine Basis für politische Klarheit und Effizienz. Ich denke, wir brauchen eine Organisation mit einem politischen Programm und Organisationsprinzipien. Alle sind sich mehr oder weniger darüber im Klaren, aber ich bin zutiefst davon überzeugt, daß es verfrüht wäre, heute festzulegen, welches die genaue organisatorische Form sein wird und ob dies die endgültige sein wird. Wir stehen erst am Anfang der Umstrukturierung einer Bewegung. die sich auf mehrere Säulen stützt. Sie stützt sich auf das, was ich die „jungfräulichen Schichten" der Gesellschaft nennen möchte, die Menschen, die zum erstenmal zur Politik kommen. Die Jungen natürlich; aber nicht nur sie. Der Widerspruch besteht darin, daß die Bewegung hauptsächlich geprägt wird von Menschen, die eine politische Kultur haben, aus verschiedenen politischen Strömungen kommen, unterschiedliche politische Wege zurückgelegt haben. Für die Aktiven in der Bewegung der Erneuerer" gilt, daß sie in ihrer großen Mehrzahl, wenn nicht zur Gänze zu den „Erneuerern" gestoßen sind, nachdem sie eine schwere persönliche Krise durchgemacht haben. Es ist nicht einfach, die Kommunistische Partei zu verlassen, zu sagen: „Ich war zwanzig Jahre in dieser Organisation aktiv — wie ich z.B. - und jetzt mache ich etwas anderes." Auf dem Papier ist das cinfach. Ich bin heute soweit. Für mich ist der Austritt aus der KP kein Drama mehr; aber der Bruch war sehr dramatisch. Wir haben alle eine Geschichte, eine Kultur hinter uns, wir haben eine bestimmte Art zu funktionieren, die Tendenz, Sachen vorwegzunehmen. Eine solche Vorwegnahme ist absolut notwendig, aber das darf nicht dazu führen, Dinge zu überstürzen. Die Rekonstruktion einer revolutionären Arbeiterbewegung muß äußerst behutsam angegangen werden; wir müssen zehnmal so aufmerksam horchen, was in der Gesellschaft vor sich geht. Es reicht nicht, Entwicklungen zu raten, zu erahnen, man muß sie tatsächlich integrieren, sie ganz in sich aufnehmen. Je mehr wir das tun, umso besser werden wir in der Lage sein, mit allen, die aktiv an dieser Erfahrung beteiligt sind, die nächsten Schritte zu bestimmen. Ich habe natürlich meine Meinung dazu, aber ich will sie nicht äußern, weil es möglich ist, daß ich und wir alle in einigen Monaten große Fortschritte gemacht haben und ganz woanders stehen. Wir haben auf der Linken völlig verkalkte Instrumente, und wir haben den Ehrgeiz, die Träger, die Repräsentanten einer möglichen fortschrittlichen Zukunft Frankreichs zu sein. Das ist ein äußerst kühner Ehrgeiz. Weil das so ist, muß man die Intelligenz und die Vorsicht aufbringen — nicht die Ängstlichkeit —, nicht den geringsten Fehler zu begehen. Es existiert vielleicht zum erstenmal, weil die Krise noch nie so tief war, eine reale Möglichkeit, eine Bewegung aufzubauen, wo was dahintersteckt, die etwas zählt im politischen Leben.

Was ich heute sagen kann ist, daß die organisatorische Form und das Programm Fragen sind, um die man nicht herumkommt. Was aber der Inhalt sein wird, die Form, wie sie ausgearbeitet werden, die Formen der Delegation von Macht, die Rolle der Führung usw., alles was das Leben dieser neuen Bewegung oder Partei beeinflussen wird, muß noch bestimmt werden, aufgebaut werden. Wenn wir einen Rahmen absteckten und sagten: erst müssen wir da durch, würden wir uns von wichtigen Kräften abschneiden. Natürlich wird man zur gegebenen Zeit Entscheidungen treffen müssen, die muß aber die gesamte Bewegung treffen. Vielleicht gibt es auch organisatorische Übergangsformen, weil der Prozeß lange dauert. Wir haben selber einige davon gewählt, die sind aber nicht nur der Bewegung der …Erneuerer" eigen. So werden die Führungsorgane immer wieder neu gewählt. Wir haben eine nationale Koordination, die jedesmal neu ihre Vertreterinnen wählt, das gilt auch für die Koordinationen auf regionaler Ebene und auch für das Büro. Wir haben nur die Empfehlung ausgegeben, aber das ist keine unumstößliche Regel, daß aus Gründen der Effizienz bis zu den Wahlen die Delegierten nicht zu häufig wechseln sollten, damit eine gewisse Kontinuität hergestellt wird - es sei denn, es gibt triftige Gründe.

Seite 19

So erproben wir bereits jetzt im Verlauf unserer Entwicklung Formen, die nicht denen entsprechen, die wir bisher gekannt haben. Wir wissen auch, daß die, die ich die „jungfräulichen Schichten" genannt habe, die jetzt erst zur Politik kommen, äußerst besorgt und mißtrauisch sind gegenüber dem, was schon existiert, und nicht bereit sind, sich egal wofür zu engagieren. Man muß ihnen Garantien, demokratische Sicherheiten geben. Vielleicht muß man vorübergehend eine föderative Organisationsform anvisieren, eine Front z.B. In jedem Fall zeigt die entstehende Dynamik, daß es keines sehr rigiden Rahmens bedurfte, um das hervorzubringen, was jetzt entstanden ist. Ich würde sogar eher das Gegenteil sagen; ich glaube, ein zu rigider Rahmen hätte nicht genügend Mobilisierungsschwung gebracht. Uberall wo wir hingehen, schlägt uns dasselbe Leitmotiv entgegen: Garantien. Nicht nur in Bezug auf das Programm des Kandidaten, auch in Bezug auf unsere Praxis. Die Leute müssen spüren, daß die wichtigste Garantie die ist, daß sie die Sache selbst in der Hand haben. Deshalb die Versammlungen, die Komitees, dieser ganze Aufbau.

• Ich glaube, alle sind sich darüber im Klaren, etwas Neues, das entsteht, kann nicht einfach die Summe aus dem Alten sein, die „Erneuerer" , die Ligue, usw. Es muß etwas radikal Neues sein und es muß sehr ehrgeizig sein.

• Ich glaube, es war von Anfang an äußerst positiv, daß alle, ob Organisationen der extremen Linken oder der Linken oder Umweltschützer, alle die zu dieser Bewegung stehen und an dieser Erfahrung mitwirken wollen, sich einig sind darin, daß es nicht einfach um eine Addition und Wiederholung der bestehenden Ansätze geht. Das ist ein Ausgangspunkt, der schon mal mit früheren Erfahrungen bricht und der große Chancen auf Erfolg hat, weil man sich ziemlich genau dessen bewußt ist, was man nicht tun darf. Nach und nach entdecken wir, wie wir das aufbauen können, doch bei jedem von uns dominiert das Gefühl: aufpassen auf das, was man tut. Vielleicht ist einigen unter uns die Vorstellung eigen, in diese Bewegung zu intervenieren, um „abzusahnen" aber ich glaube, es gibt keine Organsationen, die sich von dieser Vorstellung leiten lassen und aus diesem Grund die Bewegung unterstützen, in ihr mitmachen. In allen Versammlungen, an denen ich teilgenommen habe, war ich erstaunt, wie schnell die alten Querelen zu den Akten gelegt wurden und als Diskussionsgegenstand nicht mehr auftauchten.

Niemandem kommt es in den Sinn, sich gegenseitig als Trotzkisten oder Stalinisten zu beschimpfen. Es ist bezeichnend, daß diese Strömungen, die in der Bewegung eine ziemliche Rolle spielen, beide imstande waren, zu überwinden, was uns gestern getrennt hat und sich auf das zu konzentrieren, was uns heute verbinden kann und uns erlaubt zusammenzuarbeiten. Natürlich gibt es Probleme, die gibt es auch zwischen Individuen in einer Organisation, weil die Menschen unterschiedlich sind. Aber das andere ist weg. und das hätten beide Seiten sich so vor zwei Jahren noch nicht vorgestellt. • Ich glaube, alle die aktiv an dieser Erfahrung teilnehmen, sind sich darüber klar, daß dies eine „historische" Gelegenheit ist, ohne großkotzig werden zu wollen. Es ergibt sich nicht jeden Tag die konkrete Möglichkeit, eine revolutionäre Bewegung zu rekonstruieren, und wir wissen, wenn wir diese Chance vertun, kann keiner sagen, wann sie sich wieder bietet.

• Wir können sie vertun, aber früher oder später würde sie in anderer Form wiederkehren. Das Risiko dabei ist, daß sie in einer Form wiederkehren kann, die nicht notwendig die wirksamste für eine wirkliche Veränderung der Gesellschaft ist. Verlorene Zeit holt man nicht mehr auf. Wir haben nicht das Recht, ein Scheitern zu riskieren. Wir tragen eine historische Verantwortung. Das was heute entsteht, sich entwickelt, zeigt, daß die Augen der anderen nicht nur aus Wahlinteresse auf uns gerichtet sind. In unseren Versammlungen treten viele Menschen auf, die sagen, die Kandidatur Juquin finden sie interessant, aber mehr noch interessiert sie, daß endlich die Möglichkeit besteht, daß es etwas anderes gibt als eine verkalkte KP und eine klassenversöhnlerische SP. Vor diesem Hintergrund erhält die Kandidatur von Pierre Juquin ihre wirkliche Bedeutung, weil sie eben dieses Bedürfnis zum Ausdruck bringt. Das ist etwas ganz anderes, als wenn Leute sich zusammentun, um einen „Wahlcoup" zu landen. Unser Ziel ist nicht, Pierre Juquin zum Präsidenten der Republik zu machen, FRANKREICH sondern einen ansehnlichen Stimmenanteil zu bekommen und anzufangen, außerhalb der KP und der SP eine Bewegung der Linken zu sammeln, die endlich Schluß macht mit den ewigen Wechselbädern zwischen den überzogensten Hoffnungen und den größten Enttäuschungen. Wenn dieser Sinn der Kandidatur verstanden wird, also als Element der Mobilisierung der Bewegung, dann spielt es keine so große Rolle, daß wir zur Zeit nicht auf alles eine Antwort haben. Wir brauchen große Orientierungslinien, die die Punkte aufzeigen, wo man mit dem System brechen muß und darüberhinausgehen muß. Unser Ziel in dieser Kampagne ist nicht, einen Präsidenten der Republik zu bekommen oder in die Regierung einzutreten. Unser Ziel ist, daß am Abend nach den Wahlen die Unterstützerkomitees sich auflösen, nicht um nach Hause zu gehen, sondern um zu diskutieren, was man mit den Organisationsstrukturen machen soll, die sich an der Kampagne beteiligt haben. Natürlich ist uns nicht egal, wieviel Stimmen wir bekommen, davon hängt für die Zukunft viel ab, das ist offensichtlich. Wenn wir keine Fehler machen, können wir gewinnen. Ich glaube, daß sich in den Bewegungen im vergangenen Jahr, unter den Jugendlichen, den Lehrerinnen, den Eisenbahnern eine Bewegung „Erneuerer" herausgebildet hat. Erneue rer" nicht in dem Sinne, wie wir das sind, sondern als realer Wille zur Erneuerung der Gesellschaft. Wenn es uns gelingt, anerkannt zu werden als die mögliche politische Perspektive, die diesen gesellschaftlichen Willen aufbauen hilft, dann ist das eine radikale Umwälzung. Zu den Präsidentschaftswahlen treten wir mit den vier, fünf großen Themen auf, die unser Profil ausmachen: das Recht auf Arbeit, der soziale Schutz, die zivile und militarische Nutzung der Atomkraft, die Demokratie, die Selbstverwaltung, die Gleichheit, der Bruch mit dem kapitalistischen System. Wenn es uns gelingt, auf der Grundlage dieser großen Fragen die fortschrittlichsten Kräfte zu sammeln und als die besten Vertreter dieser Forderungen anerkannt zu werden, dann werden sich viele in uns wiedererkennen und sagen, sie gehören einer realen Strömung in der französischen Gesellschaft an. Die Bedingungen sind da, daß wir erfolgreich sein können. Das setzt voraus, daß wir alles beiseite schieben, was sektiererisch, nobensächlich ist, daß wir an dem festhalten, was uns eint und was, in cinem breiteren Sinne, für die Welt der Arbeit eine wirklich neue Perspektive darstellt. 8.Dezember 1987

Seite 20

BELGIEN