Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Palästina

Die Generation der Steine

Inprekorr Nr. 201, März 1988 · S. 9-11 · 1.191 Wörter

Nahost und Palästina

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„die Generation der Steine". Ich habe mit sehr unterschiedlichen Leuten gesprochen. Alle haben sie gegen mein Land gesprochen, weil sie glaubten, ich sei Ausländerin. Als sie aber hörten, ich sei aus Jerusalem, haben sie Respekt vor mir gezeigt. Sie werfen nicht mehr alle Israclis in einen Topf. Wenn man die Leute fragt, was sie wollen, antworten alle: Wir wollen einen Frieden, der sich auf Gerechtigkeit, Würde und Respekt gründet; wir wollen als vollwertige Menschen behndelt werden, wir wollen einen eigenen Staat."

• Die israelische Armee ist allgegenwärtig...

• Die Palästinenser können sie nicht mehr ertragen. Eines morgens bin ich nach Nablus gekommen. Die Armee war kurz vorher hier vorbeigekommen und hatte einen Stadtteil durchgekämmt, dabei alle Fenster der streikenden Geschäftsleute eingeschlagen. Es war ein Alptraum. Die Stadt war leer, es gab nur Soldaten, die bis zu den Zähnen bewaffnet in den Straßen herumstanden. Ich habe versucht, mit diesen israelischen Soldaten zu diskutieren. In der Nähe der Altstadt von . Jerusalem angekommen, sagte mit einer von beiden: .Die Hälfte der Stadt besteht aus Journalisten, und die andere Hälfte ... muß man rausschmeißen. " In der Nähe eines Lagers traf ich einen anderen, der mir sagte: „Frag mich nicht, ich weiß nicht, was ich hier tu! Ich schäme mich meiner selbst, der Erziehung, die ich im Kibbuz genossen habe. Ich trauere um meine Eltern, all ihre Träume von einem

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PALÄSTINA gerechten Staat sind in Trümmer gegangen!" Die unterschiedlichen Reaktionen der israelischen Gesellschaft ziehen sich auch durch die Armee; sie reichen von solchen, die „froh sind, endlich Araber prügeln zu dürfen" bis zu denen, die sich letzte Woche an der Demonstration (von Peace Now gegen die Politik von Shamir und Peres, d.Red.) beteiligt haben. • Wie läuft das Leben in den besetzten Gebieten heute ab? Alles ist lahmgelegt. Welche Solidarität gibt es unter den Palästinensern?

• Die Leute gehen nicht mehr in den jüdischen Sektor arbeiten; Streikbrecher werden bestraft. In einer Straße in Ostjerusalem habe ich eine Wechselstube gesehen, die nachts in Brand gesteckt worden war. Er ist nicht solidarisch, er ist ein Streikbrecher" , erklärten mir die Palastinenser.

Es hat sich eine breite Solidarität organisiert. In Nablus hat uns ein Alter, dem die Scheiben seines Geschäfts von der Armee eingeschlagen worden waren, erklärt, daß die Jungen in Dreiertrupps durch die Stra- Ben laufen. Wenn sie ein Geschäft sehen, dessen Scheiben eingeschlagen sind, bleiben zwei von ihnen als Wache zurück, damit niemand was stiehlt; der dritte läuft den Besitzer suchen, um ihn zu benachrichtigen.

Ich habe einen Tag in Nazareth verbracht (hier fand die große Solidaritätsdemonstration mit den Palästinensern aus den besetzten Gebieten statt), im Sektor der Araber Israels. Hier wird der Begriff „Solidarität" abgelehnt, weil er nahelegt, die anderen seien Fremde. Die Palästinenser hier sagen: Wir gehören zu diesen zwei Millionen Bewohnern der besetzten Gebiete, wir sind eine Familie. Ich habe einen Vetter oder einen Bruder, der festgenommen wurde, oder jemand anderes wurde deportiert." In allen großen Ortschaften des arabischen Dreiecks in Galilãa wurden Versammlungen organisiert, um Geld zu sammeln und gemeinsame Aktionen zu planen. Das ist eine neue Entwicklung.

• Die Jungen, die die Armee mit Steinen bewerfen, sind unter der Besatzung groß geworden, sie haben nur Unterdrückung. Demütigung und Landraub kennengelernt. Es wurden keinerlei Anstrengungen unternommen, ihnen eine Erzichung angedeihen zu lassen. Sie sind in Dreckslöchern groß geworden; da liegt der Grund für ihre jetzige Revolte. Auch die Frauen spielen eine große Rolle. Die Jungen haben mir aber erklärt, daß die Revolte nicht so spontan war, wie es die Presse in Europa berichtet. „Wir organisieren uns"* sagten sie mir, es gibt Kinderbetreuung, die Frauen beteiligen sich, Gruppen schichten Steine zu Haufen, andere kümmern sich um die Verwundeten..." Man spricht auch von einer Führung aus dem Innern der besetzten Gebiete, die von politisch besser organisierten jungen Leuten gestellt wird.

• Es ist viel die Rede vom Aufschwung der islamischen Fundamentalisten... Ja, ich war überrascht vom Aufschwung der Jihad, vor allem im Gaza- Sarah Alexander streifen. Ein junger Palästinenser hat mir gesagt: „Verstehst du, seit Jahren lehnen sie den Dialog ab. Sie wollen nicht mit der PLO reden, auch nicht mit den Sympathisanten der PLO; die gemäßigten Bürgermeister der palästinensischen Ortschaften jagen sie zum Teufel, deportieren die Menschen. Die Führer von Gruppen des "passiven Widerstands" werden genauso verfolgt wie die gemäßigten palästinensischen Journalisten ... Ihr werdet euch noch wundern, daß eine andere Führung auftauchen kann, und ihr werdet es noch bereuen, weil ihr mit der nicht mehr diskutieren könnt! Denn die islamischen Fundamentalisten reden anders, die Khomeinisten schwingen vor allem, was nicht islamisch ist, den Säbel. " Es war ein junger Mann von siebzehn Jahren, der wohl nicht oft zur Schule geht, der mir die Sachlage so erklärt hat!

Die Armut ist schrecklich; die Leute gehen barfuß oder tragen Sandalen aus Autoreifen. Ich habe in Jericho ein Lager besucht mit dem Namen Sultan: da gibt es nicht eine Hütte, die in Ordnung ist! Es gibt weder Wasser noch Elektrizität .. Man kann die Lage in den besetzten Gebieten nicht mit der in Jordanien vergleichen, wo es eine angeblich gutsituierte Mittelklasse gibt, mit Häusern aus Backstein, mit Fernsehern. Der Boden ist hier fruchtbarer, Israel ist den Leuten, die hier arbeiten, näher. Im Westjordanland haben die Leute was zu verlieren; im Gazastreifen ist das nicht der Fall. Die Armut, die Verzweiflung, die Revolte sind so groß, daß auf diesem Boden religiöser Fanatis mus sehr wohl gedeihen kann. Das ist ein Grund, warum die Jihad Aufwind hat. Religiösen Fanatismus, Chauvinismus gibt es aber auch auf israelischer Seite Eine Umfrage hat jüngst ergeben, daß 60% der israelischen Jugendlichen für ein „Groß-Israel" sind. Das ist das Ergebnis der Indoktrinierung, der Erziehung der vergangenen Jahre. Das hat nichts zu tun mit meiner Generation, die in den Kibbuz groß geworden ist, die Marx und Engels auswendig zitiert hat... Doch auch die israelische Linke radikalisiert sich. Sie reicht von der lauen Linken um die Gruppe Peace Now, die offen von zwei Staaten spricht, bis zur revolutionären Linken. Die Rechte geht nach rechts. Israel erlebt eine tiefe Krise, die Familien sind gespalten.

• Das ist eine ganz neue Situation, die sich da in Israel auftut?

• Ja, danach sieht es zur Zeit aus. Die Palästinenser werden den Preis für diese Krise bezahlen, denn sie sind die Schwächsten. Aber es wird Veränderungen geben. Israel wird vom Sturm, der es im Innersten erschüttert, vom Aufruhr in den Lagern, durch den Druck der internationalen Öffentlichkeit für eine Friedenskonferenz in die Enge getrieben. Dadurch entfaltet sich im Innern ein neuer Druck durch Israelis, die sagen: „Es reicht!" Der Bürgermeister von Tel Aviv, Mitglied der Likud-Partei, ist bereits in diesem Sinne aufgetreten; er hat den Dialog mit den Palästinensern gefordert, die den Staat Israel anerkennen. Einige im Likud- Block gehen weiter als Vertreter der Arbeitspartei wie Rabin, der den Demonstranten immer noch droht, ihnen „die Knochen zu brechen!" Die Ereignisse überstürzen sich und im israelischen Lager macht sich ein großes Unwohlsein breit.

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