Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Inprekorr 1981: Solidarnosc

Aktiver Streik und Selbstverwaltung

Inprekorr Nr. 200, Februar 1988 · S. 27-28 · 938 Wörter

Gewerkschaften und Streiks Polen

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Aktiver Streik und Selbstverwaltung Das folgende Dokument wurde von Zbigniew M. Kowalewski, dem Vizepräsidenten der Solidarnosc in Lodz, verfaßt. Es ist eine Zusammenfassung der Debatte, die in dieser Region nach dem 1. Regionalkongreß von Solidarnose über die Selbstverwaltung geführt wurde.

,Die Kampfformen von Solidarnosc, darunter auch und vor allem die stärkste Waffe, der Massenstreik, müssen ihrem strategischen Ziel untergeordnet werden. Der Streik mit Fabrikbesetzung, wie er bislang von Solidarnosc praktiziert wurde — also passiv —, ist eine zweischneidige Sache. Die Unterbrechung des Produktionsprozesses bremst, je nachdem wie lange sie dauert, immer die Produktion materieller Güter und kann dadurch die Möglichkeiten, die gesellschaftlichen Bedürfnisse zu befriedigen, einschränken. Angesichts der um sich greifenden Wirtschaftskrise und der Versorgungsengpässe sowie des Zusammenbruchs des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses erscheint der Massenstreik als sehr zweischneidig....

Sollte sich die Notwendigkeit ergeben, dürfen wir uns nicht mehr auf den passiven Streik beschränken. Wir müssen dann entschlossen sein, vom passiven zum aktiven Besetzerstreik überzugehen. ... Der Unterschied zwischen den beiden Formen des Besetzerstreiks besteht darin, daß nach einer vorübergehenden Einstellung der Produktion, also dem passiven Streik, die Streikkomitees sich um die Wiederaufnahme der Produktion kümmern, wobei diese und allgemein die gesamte Tätigkeit des Unternehmens jetzt unter seiner Kontrolle stattfindet. Im Unterschied zum passiven Streik kehrt die Macht nach Beendigung des Streiks nicht mehr an diejenigen zurück, die sie vorher innehatten, sondern geht auf die Organe der Arbeiterselbstverwaltung über. ... Im Namen der Arbeiter und des gesellschaftlichen Interesses, im Namen des der Fabrik anvertrauten nationalen Wohles muß das Streikkomitee die Möglichkeit haben, über alle wichtigen Angelegenheiten, die die Tätigkeit während der Dauer des aktiven Streiks betreffen, Entscheidungen zu fällen. Keine wichtige Entscheidung, die vom Direktor oder einer anderen verantwortlichen Person getroffen wird, kann gültig sein, wenn sie nicht vom Streikkomitee bestätigt wird....

Das Streikkomitee muß eine Arbeitergarde aufstellen, sich der Mitarbeit des Wachpersonals versichern oder dieses kontrollieren, besonders für die Sicherung der Waffenarsenale Sorge tragen, sofern sich dièse auf dem Werksgelände befinden, die Versorgung der Kantinen sichern, usw. ... Über die Situation der Unternehmen müssen Berichte erstellt werden. Sie müssen u.a. auch Angaben über den Grad der Ausnutzung des Produktionspotentials enthalten: über Faktoren, die etwa wegen Vergeudung die Produktion einschränken; sie müssen die Engpässe auf Grund von fehlenden Rohstoffen, Ersatzteilen, vorgefertigten Teilen oder Energie aufzeigen; die Möglichkeiten, die Mängel zu beheben; und sie müssen Angaben über Möglichkeiten der Produktionsumstellung, der Verbesserung der Ergebnisse durch wirtschaftlichere Maßnahmen und eine möglichst rationelle Zusammenarbeit mit den Zulieferern enthalten.

Das regionale Streikkomitee von Solidarnosc muß während der ganzen Dauer des aktiven Streiks eine äußerst wichtige Rolle spiclen, die weit über den Rahmen einer bloßen Streikleitung und -koordination hinausgeht. Es muß ... besonders die wirtschaftliche Tätigkeit bestimmter Sektoren überwachen, etwa die Versorgung der Bevölkerung mit notwendigen Lebensmitteln und Medikamenten, die Herstellung von sehr wichtigen Rohstoffen und Energie, die Transporte und wichtige Verträge über die Zusammenarbeit mit dem Ausland. Auch in diesem Bereich muß man über die Vorbereitungen zum aktiven Streik hinaus Vorkehrungen treffen, die es Solidarnosć ermöglichen, zusammen mit der Bewegung der Arbeiterräte nicht nur die Kontrolle über die wirtschaftliche Tätigkeit der bereits erwähnten Sektoren zu übernehmen, sondern für diese Bereiche und für die Dauer des aktiven Streiks zumindest auf regionaler Ebene ein zentrales Leitungssystem zu errichten. Längerfristig kann man dahin kommen, indem man eine Bilanz des Bedarfs und der Mittel dieser Sektoren erstellt und ein unabhangiges system zur Information über die wirtschaftlichen Daten errichtet. ...

Eine andere, nicht weniger wichtige Aufgabe der regionalen Leitung wird sein, alle Möglichkeiten zu nutzen, die Verpflegung der Städte durch das Land zu sichern, damit die Grundbedürfnisse der städtischen Bevölkerung erfüllt werden. Man kann hierfür in enger Verbindung mit der unabhängigen Gewerkschaft der Einzelbauern zur Solidarität zwischen den Arbeitern und den Bauern aufrufen, ... oder auch die Produktion von Industriegütern beginnen oder steigern, an denen es auf dem Land fürchterlich mangelt; man kann Bauern 1981 bei der Feldarbeit helfen, wenn man Arbeiterbrigaden von den Fabriken, in denen die Produktion stillsteht, aufs Land schickt. ... Die Lager und Großmärkte müssen von Arbeiterund Bürgerwehren geschützt werden; hinsichtlich der zentralen Rohstoffversorgung müssen sie ihre Lieferungen genau nach den von den Streikleitungen festgesetzten Normen richten. solange Mangel an Rohstoffen und anderen Gütern herrscht. Man muß auch den Aufbau eines direkten Verteilungsnetzes für gewisse Nahrungsmittel erwägen, die für die Versorgung der streikenden Arbeiter dringend notwendig sind, sowie die Einrichtung sog. .. Warenkörbe" für die ärmsten Teile der Bevölkerung.

Der aktive Streik muß unter der Parole laufen: „Alle Macht den Arbeitern in den Fabriken!" Durch diesen Streik wollen sich die Arbeiter vor allem die Mittel verschaffen, eine wirkliche Selbstverwaltung aufzubauen und die Fabriken aus der Krise zu führen. ... Für die Arbeiterräte muß das Recht gefordert werden, den Direktor in offener Abstimmung selbst wählen und abwählen zu können. Es muß das Prinzip anerkannt werden, wonach die Direktion das ausführende Organ des Arbeiterrats ist und sich vor ihm als der höchsten Autorität im Unternehmen zu verantworten hat. …….

Solidarnosć muß den aktiven Streik zum Anlaß nehmen, um zu verlangen, daß den Arbeitern der bestreikten Werke ein Zeitraum von sechs Monaten eingeräumt wird, um einen alternativen Plan aufzustellen, also ein Programm zur Veränderung der Produktionspalette. ... Indem sie eine andere, gesellschaftlich nützliche Produktion organisieren, geben die alternativen Pläne den Organen der Arbeiterselbstverwaltung die Mittel in die Hand, die Unternehmen zu retten, und der Gewerkschaft, gegen die Arbeitslosigkeit zu kämpfen. aus Inprekorr Nr. 138, Oktober 1981

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1982 ISRAEL