Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Internationale: Atomkraftwerke in der Dritten Welt

· Inprekorr Nr. 199, Januar 1988 · S. 19-23 · 3.200 Wörter

Ökologie und Atomkraft Weltwirtschaft und Krise USA und Kanada

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Unwirtschaftlich in jeder Beziehung von BARRY COMMONER

D ie Verlangsamung des Baus von Atomkraft- same französisch-italienische Offerte gegeben hat.**1 werken in den entwickelten Industrieländern geht zum Teil auf den Einfluß der Im Ergebnis nimmt die Verschuldung der Länder der Anti-AKW-Bewegung zurück. Deren Behauptungen Dritten Welt, die u.a. durch die Senkung der Kaufwurden durch die Unglücksfälle von Three Mile Is- kraft der Bevölkerung bezahlt wird, zu. Dazu muß land (bei Harrisburg, März 1979) und Tschernobyl man wissen, was in einer Studie der Internationalen (April 1986) bestätigt. Heute ist offensichtlich, daß Atomenergieagentur (IAEA) steht: „Je nach dem die Erbauer von Atomkraftwerken Überkapazitäten Grad der Industrialisierung des Empfängerlandes haben. Sie suchen daher, gestützt auf den starken Ein- wird der Preis des Kraftwerks um 50%, 100% oder fluß, den sie nicht nur in mehreren Ländern, sondern auch mehr heraufgesetzt."2 auch in internationalen Institutionen ausüben, neue Märkte. Die wachsende Kluft zwischen ihren Bauvor- Indessen zeigte sich auf der letzten Konferenz der haben in den Industrieländern und der tatsächlichen IAEA im September 1987 : „Indien, Pakistan, Argen- Entwicklung, unter anderem in den USA, erklärt den tinien und Brasilien wollen durchaus ihr Kernkraftpo- Druck, Atomkraftwerke verstärkt in Länder der Drit- tential entwickeln. Die Tatsache, daß zahlreiche Länten Welt verkaufen zu müssen, und das nicht nur an der der Dritten Welt um Hilfe bei der Produktion von die sog. Schwellenländer wie Südkorea, Taiwan oder Atomenergie gebeten haben, macht dies ganz deut- Brasilien. Die Investitionen der großen US-amerika- lich. "3 nischen, westdeutschen, französischen u.a. Konzerne müssen sich lohnen. Ihre Profite sind wichtiger als Um die besonderen Probleme im Zusammenhang mit eine an die Bedigungen der Dritten Welt angepaßte dem Bau von Atomkraftwerken in der Dritten Welt zu Energiepolitik. „Die Kraftwerksbauer, denen zu erhellen, veröffentlichen wir im folgenden Auszüge Hause die Programme zur Auslastung ihrer Kapazitä- aus einer Studie von Barry Commoner aus World Poten fehlen, liefern sich eine harte Exportkonkurrenz. litical Journal, New York, Frühjahr 1987. Barry Ihre Regierungen unterstützen sie, ob es sich um die Commoner ist Professor an der City University in USA, die BRD, Kanada, Japan oder Frankreich han- New York und bekannter Autor mehrerer Bücher zum delt. Das läuft manchmal über komplizierte finan- Thema Energie (auf deutsch ist von ihm bei rororo in zielle Konstruktionen, wobei teilweise auch zwei Län- den 70er Jahren das Bändchen Energieeinsatz und der zusammenarbeiten, wie z.B. im Fall des ägypti- Wirtschaftskrise erschienen, es ist jedoch vergriffen schen Kraftwerks El Daaba, für das es eine gemein- und nicht mehr aufgelegt).

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Produktionsanlagen zum Bau von Atomkraftwerken stellen bedeutende Investitionen an Kapital und hoch qualifiziertem Personal dar. Ohne neue Aufträge werden sie hochgradig unrentabel. In gewissem Sinne könnte der Markt für Atomkraftwerke in den Entwicklungsländern darüber entscheiden, ob dieser Industriezweig Tschernobyl überleben wird. Neue Aufträge aus Entwicklungsländern könnten sehr wohl das einzige Mittel sein, die Schließung von Firmen zu verhindern, die Atomkraftwerke herstellen. Während jedoch die Atomkraftwerksbauer die Dritte Welt benötigen, hat denn die Dritte Welt die Atomenergie nötig?

Angepaßte Technologie?

Selbstverständlich benötigt jedes Land Energie. Um aber zu wissen, ob die Atomenergie die den Entwicklungsländern angepaßte Quelle der Gewinnung von Elektrizität darstellt, muß man fragen, wie sie zu der Produktion paßt, der sie dienen soll. Das wiederum hängt von einer Reihe von Faktoren ab: von der Vereinbarkeit der Atomtechnologie mit den Bedürfnissen und den Ressourcen des Empfängerlandes; von der Fähigkeit, die Atomzentralen funktionsfähig zu halten; vom wirtschaftlichen Gesamtnutzen der Produktion von Atomstrom (incl. der Kosten der Kontrolle über mögliche Unfälle); das Vorhandensein und die Kosten alternativer Energiequellen für die Stromproduktion.

Die Leistung eines Kraftwerks, die wirksam einem nationalen Elektrizitätsnetz zugeschaltet werden kann, ist — unabhängig von der Energiequelle - durch die Leistung des Gesamtsystems begrenzt. Wenn die Produktionskapazität eines einzelnen Kraftwerks im Verhältnis zum gesamten System zu groß ist, so kann ein unfall— oder routinebedingtes Abschalten des Kraftwerks das ganze Netz destabilisieren. Um solche Störfälle auszuschließen, gilt die Regel, daß keine Einheit 15% der Leistung des Gesamtsystems bei Spitzenverbrauch übersteigen sollte. Da zudem im System eine Reserve von 15% vorhanden sein muß, ergibt sich daraus, daß kein einzelnes Kraftwerk 13% der Gesamtleistung des Systems übersteigen sollte. Da die Elektrizitätsnetze der Länder der Dritten Welt meist bescheidene Kapazitäten aufweisen, setzt diese Regel der Größe der für solche Länder geeigneten Reaktoren enge Grenzen. Heutzutage gibt es aber niemanden mehr, der Reaktoren mit weniger als 300 MW (Megawatt oder Millionen Watt) Leistung baut; für viele Entwicklungsländer ist diese Einheit zu groß.

Nun produzieren aber große Einheiten pro Dollar investiertes Kapital mehr Elektrizität als kleine. Die Kapitalkosten pro KW installierte Leistung sind z.B. für einen Reaktor von 200 MW zweimal höher als für einen von 1000 MW. Das erklärt die international feststellbare Tendenz zur Erhöhung der Leistung der Atomkraftwerke. Deren mittlere Leistung ist von die Internationale 1965 bis 1982 im großen und ganzen von 200 auf 900 MW gestiegen. Dieselbe Tendenz "zeigt sich auch bei den von den Entwicklungsländern bestellten Kraftwerken, deren Kapazität zwischen 1975 und 1989 im Durchschnitt bereits 800 MW betrug.

Wirtschaftlichkeit lichkeit eines Atomkraftwerks zu beurteilen. Es gibt zwei Maßstäbe, um die Wirtschaft- Der erste ist die Rentabilität des investierten Kapitals, ausgedrückt in Baukosten pro Binheit der Leistung (Dollar/KW). Der zweite ist die in einer bestimmten Zeit gelieferte Strommenge im Verhältnis zu der Strommenge, die theoretisch geliefert wird, wenn das Kraftwerk während dieser Zeit ununterbrochen bei voller Leistung arbeitet. Dieses Maß nennt man den „Auslastungsfaktor" oder „Wirkungsgrad" und drückt es hi Prozenten aus. Diese beiden Maße beeinflußen die Produktionskosten der Elektrizität und damit die Nützlichkeit eines Systems zur Energieproduktion für ein nationales Entwicklungsprogramm.

Die Baukosten eines Atomkraftwerks sind in den Entwicklungsländern noch höher als in den Industrielandern (obwohl sie auch dort ständig steigen). Eine Studie hat die durchschnittlichen Baukosten eines Atomkraftwerks in einem Land der Dritten Welt auf mindestens 25% über denen in den USA errechnet. Obwohl ein genauer Vergleich wegen der unterschiedlichen wirtschaftlichen Bedingungen schwierig ist, werden die Kosten eines Atomkraftwerks in Indien auf 800 bis 900 Dollar pro KW geschätzt, in Brasilien auf 3.000 Dollar pro KW (ursprünglich rechnete man nur mit 500 bis 800 Dollar) und in Kuweit gar auf 15.000 Dollar pro KW! Diese Kosten werden noch weiter steigen, wenn man die ungelösten Probleme der Sicherheit und der Umweltgefährdung hinzuzählt.

Der Auslastungsgrad ist bei einer Reihe von Kraftwerken in der Dritten Welt besonders niedrig, er schwankt zwischen 25 und 50%. Ironischerweise verursachen Schwerwasser-

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reaktoren, die den höchsten Wirkungsgrad haben sollten, in Wirklichkeit die meisten Probleme: ihr Betrieb muß besonders häufig wegen Störungen und/oder geplanten und ungeplanten Wartungsarbeiten unterbrochen werden.

Auf der Basis eines Berichts der IAEA über nicht geplante Betriebsunterbrechungen kann man zu der Schlußfolgerung kommen, daß ein Entwicklungsland, das sich auf die Produktion von Atomstrom einläßt, mit einem unannehmbar hohen Ausmaß an möglichen Störfällen konfrontiert sein wird. Zur Zeit würde ein für die Herstellung von Atomstrom „ausgewähltes" Entwicklungsland im Durchschnitt vier Kraftwerke in der Größe von 600 bis 900 MW Leistung bestellen. Da international gesehen nur 17% der Reaktoren auf einen Wirkungsgrad von 50% kommen, steht die Wahrscheinlichkeit 68:100, daß einer der vier Reaktoren erheblich schlechter funktioniert als geplant. Ein Kraftwerk mit niedriger Leistung erfordert aber aufwendige Reparaturen, die sich zu den Stromherstellungskosten hinzuaddieren. die Internationale

Wie fällt der Vergleich mit Kohlekraftwerken aus, der häufigsten Alternative zu den Atomkraftwerken? Gestützt auf eine Schätzung der Baukosten hat die Komanoff Energy Associates errechnet, daß Strom aus Atomkraftwerken, die heute gebaut werden, 25% teurer sein wird als Strom aus Kohlekraftwerken. Die geschätzten Kosten gleichen sich erst an, wenn es sich um sehr große Kraftwerke handelt. Je kleiner die Leistung, desto teurer ist der Atomstrom. Für Entwicklungsländer liegen die Kosten des Atomstroms im Vergleich zu dem Strom aus Kohlekraftwerken also deutlich höher, umso mehr, als der Wirkungsfaktor in den Entwicklungsländern geringer ist als in den USA.

Dies zeigt, daß Atomkraftwerke in den Entwicklungsländern mit einer deutlich niedrigeren Wirtschaftlichkeit arbeiten als im weltweiten Durchschnitt. Die Kapitalkosten pro installiertes KW sind höher und der Wirkungsgrad ist, gemessen an bisherigen Erfahrungen, wesentlich niedriger. Der künftige Preis für Strom aus Atomkraftwerken wird in den Entwicklungsländern erheblich höher sein als der für Strom aus Kohlekraftwerken, obwohl dieses Verhältnis natürlich vom Preis der Kohle in den verschiedenen Ländern abhängt. Sicherheit und Umwelt

Man muß noch ein weiteres Element bei der Beurteilung der Nützlichkeit von Atomstrom für ein Entwicklungsland berücksichtigen: Wieweit ist ein solches Land in der Lage, den Anforderungen an die Sicherheit und den Umweltschutz gerecht zu werden? Bei Normalbetrieb besteht die größte Gefahr eines Atomkraftwerks für die Umwelt im ständigen Ausstoß kleiner Mengen an radioaktiven Substanzen, von denen einige nur schwer kontrollierbar sind. Man nimmt zwar an, daß die Strahlung im Normalbetrieb die angenommenen Grenzwerte nicht übersteigt. Dennoch ist eine dauernde Überwachung nötig, um abnormale und erhöhte radioaktive Emissionen festzustellen. Ebenso ist eine tägliche Kontrolle der Strahlenbelastung der Werksangehörigen notwendig, ganz besonders während der Reparaturarbeiten. Und es sind Mittel nötig, die Abfälle zu entsorgen, z.B. die leicht verstrahlten Kleider und Werkzeuge. Bei einem Unfall sind alle diese Vorkehrungen noch ungleich viel wichtiger.

Hätte sich die Katastrophe von Tschernobyl in einem Entwicklungsland ereignet, wären die Schäden viel schwerwiegender gewesen als sie in der UdSSR und in Europa gewesen sind. Die Antworten auf eine diesbezügliche Umfrage der IAEA (von 1979) fallen nicht gerade beruhigend aus. Danach mußten zu diesem Zeitpunkt in allen Ländern mit laufenden oder geplanten Atomkraftwerken die im Falle eines schweren Unfalls vorgesehenen Maßnahmen als unzureichend eingestuft werden ... Selbst wenn es hier inzwischen Verbesserungen gegeben hat, so scheint es doch, daß die Entwicklungsländer, auch diejenigen, die bereits Atomkraftwerke in Betrieb genommen haben, unfähig wären, mit einem schweren Unfall mit starker radioaktiver Emission ohne massive Hilfe aus dem Ausland fertig zu werden. Ein ernster atomarer Unfall erfordert in kurzer Zeit die Evakuierung einr ganzen Zone. In Tschernobyl wurden ungefähr 135.000 Personen evakuiert. In den USA müssen die AKW- Betreiber in Testübungen beweisen, daß sie eine Zone im Umkreis von 80 km um das Werk herum evakuieren können. Eine solche Evakuierung muß rasch erfolgen: eine halbe Stunde nach dem Alarm. In den USA hat man herausgefunden, daß annehmbare Evakuierungspläne nur schwer zu erstellen sind. Eine Schwierigkeit liegt in der Bevölkerungsdichte rund um das Werk. Die meisten Entwicklungsländer weisen in der Umgebung von Atomkraftwerken eine höhere Bevölkerungsdichte aus als die USA. Schon von daher hätten sie mehr Mühe mit der Evakuierung. Eine weitere Schwierigkeit stellen die Beförderungsmittel dar. Sie sind entscheidend, wenn schnell genug gehandelt werden soll. Die Entwicklungsländer haben aber in dieser Beziehung gegenüber den hochindustrialisierten Ländern einen gro- Ben Rückstand. In den USA gibt es im Durchschnitt drei bis vier PKW-Sitze pro Kopf der Bevölkerung. In den meisten Entwicklungsländern, auch in denen, die Atomkraftwerke betreiben, kommt weniger als ein Sitz auf zehn Personen.

L.Fitz, der bei der IAEA Berater für das Nuklearprogramm Südkoreas war, hat darauf hingewiesen, daß die Regierungen den Behörden, die mit Kontroll- und Überwachungsaufgaben betraut sind, systematisch Haushaltsmittel streichen und keinen großen Wert darauf legen, daß ihre Ingenieure die angemessene Ausbildung in Fragen der Sicherheit, der Entsorgung der Abfälle und der Kontrolle der Umwelt erhalten ... Südkorea, das voll auf Atomenergie setzt, hat sich bisher nicht sehr um Sicherheitsfragen gekümmert. 1983 hatte es drei Atomkraftwerke in Betrieb, sechs weitere in Bau ... Mehrere lebenswichtige Sicherheitsvorkehrungen wurden erst 1979 eingeführt, nach dem Unfall auf Three Mile Island. 1982 hatte Südkorea erst zwanzig Sicherheitsinspektoren, von den vierzig, die regierungsamtlich vorgesehen sind.

Die wirtschaftliche Entwicklung

Studien der Weltbank zufolge müßten die Entwicklungsländer 7 bis 8% ihrer Investitionen zur Steigerung ihrer Energieerzeugungskapazitäten einsetzen, wenn sie ein ausreichendes wirtschaftliches Wachstum erreichen wollen (nach den Kriterien der Weltbank). Bei dem gegebenen geringen Wirkungsgrad der Atomenergie im Vergleich zu andern Arten der Stromerzeugung ist die Weltbank der An-

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sicht, daß bei einer Umstellung von konventioneller auf Atomenergie der Ausgabenanteil auf 10 bis 12% aller Investitionen erhöht werden müßte.

Das ist sehr viel, besonders in einer Zeit, da die Entwicklungsländer unter der schweren und wachsenden Schuldenlast fast zusammenbrechen. Man kann immer argumentieren, solche zusätzlichen Ausgaben würden sich lohnen, wenn die Investition in die Atomenergie die wirtschaftliche Entwicklung insgesamt voranbringen würde. Aber ist das auch der Fall?

Offensichtlich leistet die Atomenergie in den Entwicklungsländern nicht den Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung, den man sich von einer Quelle der Elektrizitätserzeugung erwarten würde. Man begreift die Gründe für diesen fehlenden Zusammenhang zwischen Atomenergie und Wirtschaftsentwicklung in den Entwicklungsländern besser, wenn man die Motive für das Betreiben solcher Programme untersucht.

Wir wollen die aus militärischen Erwägungen diktierten Motive einmal beiseite lassen. Bei der Atomenergie gibt es ein grundsätzliches Problem: im Gegensatz zur konventionellen Stromerzeugung ist die Erzeugung von Strom aus Atomkraftwerken nicht direkt in einen Prozeß der wirtschaftlichen Entwicklung eingebunden. Ein Grund dafür ist, daß die Hilfe, die einem Entwicklungsland zur Einführung der Atomenergie gegeben wird, keine Auswirkungen auf die weiteren Fähigkeiten des Landes hat, sich zu entwickeln. Viele der technischen Anforderungen eines Nuklearprogramms sind so speziell, daß sie für andere Bereiche der Wirtschaft kaum einen Wert haben. Sogar eine so gewöhnliche Ausbildung wie die zum Schweisser erfordert beim Bau eines AKW wichtige Zusatzqualifikationen, die anderswo kaum eingesetzt werden können. In einem neueren Bericht der IAEA über den Stand der Atomenergieproduktion wurde dies anerkannt: „Die technische Komplexität eines Nuklearprogramms, der sehr hohe Investitionsbedarf und die wirtschaftlichen Folgen einer Funktionsstörung sowie die erforderli chen Schutzvorkehrungen üben auf die nationale Infrastruktur einen Zwang aus, den nur die Atomenergie kennt und der sich wahrscheinlich in keinem anderen Zusammenhang findet." (Wien 1984)

Von der Atomenergie gehen kaum positive Impulse auf das übrige produktive System der Entwicklungsländer aus. Die Nutzanwendung der Atomenergie beschränkt sich auf Gammastrahlenuntersuchungen metallischer Strukturen, auf Mutationen gewisser Pflanzen durch radioaktive Bestrahlung und auf Sterilisation durch Bestrahlung. Dagegen bieten die Alternativenergien sehr zahlreiche sekundäre Nutzanwendungen. Die Herstellung von Sonnenkollektoren z.B. regt die nationale Produktion von Glas-, Metall- und Plastikstoffen an; die Herstellung photovoltaischer Zellen eröffnet den Weg zur Halbleiterproduktion... die Internationale

Unter fast allen Gesichtspunkten also ist die Atomenergie eine für die Stromerzeugung der Entwicklungsländer sehr ungeeignete Technologie. Sie ist nicht wirtschaftlich; sie erfordert oft Reaktoren mit einer Leistungsfähigkeit, die nicht zu dem bescheidenen Umfang der nationalen Energiegewinnung passen; sie birgt die Gefahr fürchterlicher Katastrophen, auf die diese Länder nicht vorbereitet sind (soweit das überhaupt möglich ist); und im Gegensatz zur Elektrizität im allgemeinen trägt sie kaum etwas zur wirtschaftlichen Entwicklung der Länder der Dritten Welt bei. Die Tatsache, daß die Atomwirtschaft in den Entwicklungsländern eingeführt wurde, ist kein Beweis dafür, daß sie eine passende Quelle der Elektrizitätserzeugung wäre. Vielmehr bestätigt dies ihren militärischen Wert, ist sie ein Zeichen für Prestige— und Machtdenken und zeugt vom Verkaufsdruck, der seitens der Atomindustrie einiger Industrieländer ausgeübt wird. Alternativen zur Atomenergie

Die Kohlekraftwerke scheinen vielversprechend, denn sie können Elektrizität kurzfristig und zu einem günstigeren Preis produzieren, wenn die lokalen Bedingungen es erlauben. Aber letztlich sind alle nicht erneuerbaren Energiequellen wie Kohle, Gas, Uran tendenziell einer Produktionskostensteigerung unterworfen, weil die Vorräte knapper und damit schwerer abbaubar werden. Die beste Alternative sowohl zu den fossilen Brennstoffen als auch zur Atomenergie ist die aus erneuerbaren Quellen gewonnene Energie. Die Wasserkraft ist eine solche, aber sie kann nur an begrenzten Stellen genutzt werden. Außerdem braucht sie wegen der zentralen Produktion ein kostspieliges Verteilersystem.

Die direkte Elektrizitätserzeugung auf der Grundlage von Sonnenenergie hat keinen dieser Nachteile. Das Sonnenlicht wird nicht dadurch knapper, daß man es benutzt. Die direkte Anwendung der Sonnenenergie verursacht auch keine Umweltbelastung wie die Kohleenergie, keinen Treibhauseffekt, keinen sauren Regen, keine gesundheitsbelastende Luftverschmutzung durch Kohlenmonoxyd, Schwefeldioxyd und Stickstoffoxyd. Im Unterschied zur Wasserkraft und zur Atomenergie erfordert die direkte Gewinnung der Sonnenenergie keine großen Kapitalinvestitionen: das Sonnenlicht fällt überall an und kann deshalb lokal genutzt werden, entsprechend der örtlichen Nachfrage. Das erspart aufwendige Verteilungskosten: folglich sind auch keine großen Investitionen vonnöten, bevor überhaupt Elektrizität produziert werden kann.

In der Dritten Welt ist eine zentralisierte Elektrizitätsproduktion vor allem in den städtischen Zonen und in der Industrie von Nutzen. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt jedoch auf dem Land, wo es entweder keine Elektrizität gibt oder diese mit Hilfe von diesel- oder dampfgetriebenen Generatoren produziert wird, was sehr teuer ist. Elektrizität auf dem Land wird fast ausschließlich für Beleuchtung, für Kommunikationsmittel und für den Betrieb von Wasserpumpen benutzt. Diese Bedürfnisse können weit billiger durch photovoltaische Energie befriedigt werden.

Verschiedene US-amerikanische und japanische Firmen haben angekündigt, daß sie in einigen Jahren fähig sein werden, Photozellen auf der Basis von amorphem Silizium zu produzieren zu einem Preis, der bei einem Dollar pro Watt (bei maximaler Sonneneinstrahlung) liegt. Bei diesem Preisniveau könnten Photozellen auch preislich erfolgreich mit der Atomenergie konkurrieren, vor allem weil sie ohne ein neues Verteilernetz auskämen. Dem kommt entgegen, daß die Mehrheit der Länder der Dritten Welt sich in tropischen oder subtropischen Breitengraden befindet, wo die für die Photozellen benötigte Sonneneinstrahlung im Überfluß vorhanden ist. Deshalb könnte die Anwendung dieser Techniken (einschließlich der von Sonnenkollektoren aufgeladenen Batterien) in der Dritten Welt große, wenn auch beschränkte Bedeutung erlangen. Die Sonnenenergie ist nicht nur eine gute Alternative zur Atomenergie, sie ist auch letztlich mit ihr unvereinbar. Denn sie erbringt erst dann ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis, wenn sie dezentralisiert und auf die lokalen Bedürfnisse ausgerichtet angewandt wird. Die konventionellen Systeme der Energiegewinnung, incl. der Atomenergie, basieren im Gegensatz dazu auf großen Kraftwerkszentralen, die weit abgelegene Orte versorgen. Die Unvereinbarkeit der Systeme bedeutet, daß ein Dritt-Welt-Land, das sich elektrifizieren will, sich entscheiden muß zwischen einem dezentralisierten System, in dem der Aufbau eines kostspieligen Versorgungsnetzes überflüssig ist, und der Errichtung von großen Kraftwerkszentralen mit allen damit verbundenen Unkosten.

Der Wert einer jeden Form der Energie für die wirtschaftliche Entwicklung und den Umweltschutz in der Dritten Welt kann nur dann richtig beurteilt werden, wenn auch die alternativen Energieformen in die Beurteilung miteinbezogen werden. Es ist also eine neue internationale Energieagentur nötig, die alle Energieformen berücksichtigt, nicht nur die Atomenergie, wie die IAEA dies tut, die eigentlich eine Atomlobby ist. Die Lösung des Energieproblems verlangt eine internationale Zusammenarbeit zum Zweck einer breit gefächerten Nutzung der Energie, die jeweils dem Stand der wirtschaftlichen Entwicklung, dem Entwicklungsbedarf und den Umweltbedingungen eines Landes der Dritten Welt angepaßt ist. Wenn diesem Anspruch Rechnung getragen wird, dann hat die Atomenergie keinen Platz mehr in der Dritten Welt.

Anmerkungen:

I. „L'électricite nucléaire et les pays en développement". in Industrie et developpement international, April 1987 2. a.a.O 3. Le Courrier, 28.September 1987

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