opposition erstarkt Der Mord an Olof Palme am 28.Februar 1986 war für die schwedische Arbeiterbewegung ein regelrechter Schock. Die innergewerkschaftliche Opposition, die in den 70er Jahren mühsam aufgebaut worden war, erlitt einen schweren Rückschlag, die Kampfbereitschaft der Gewerkschaften ging zurück.
Im folgenden Interview legt Göte Kilden, Gewerkschaftsführer bei Volvo und führendes Mitglied der Sozialistischen
Partei (SP), der schwedischen Sektion der IV Internationale, die Entwicklung der schwedischen Arbeiterbewegung seit dem Tod Palmes dar.
Steht die Gewerkschaftsbewegung immer noch unter dem Schock des Mords an Olof Palme?
Bei uns sagt man, es waren die schwedischen Arbeiter, die von der Kugel getroffen wurden, die Palme getötet hat. Alle, die Unternehmer, die sozialdemokratische Regierung, die Gewerkschaftsbürokratie, alle haben sie die Lage ausgenutzt und versucht, aus dem Schock und der Trauer der Arbeiter Kapital zu schlagen. Vor dem Mord hatte es eine gewisse Reaktivierung gewerkschaftlicher Bewegungen gegeben, vor allem unter den oppositionellen Strömungen in der Gewerkschaft. Durch den Mord wurde diese Entwicklung jedoch unterbrochen.
Danach hat es mehrere Skandale gegeben; daran sind die Schweden nicht gewöhnt. Der größte steht im Zusammenhang mit dem Mord an Palme. Er bezieht sich darauf, wie der Polizeipräsident von Stockholm die Untersuchungen geführt hat. Er hat von Anfang an die Kurden und andere Asylsuchende in Schweden verdächtigt. Er hat behauptet, die PKK, eine der kurdischen Parteien, sei verantwortlich für den Mord. Doch bis heute hat sie keinen Beweis dafür erbringen können, auch nicht für die Verwicklung irgendeiner anderen kurdischen Organisation.
Gleichzeitig hatte die Polizei andere Spuren jedoch vernachlässigt, vor allem solche, die Angehörige der Stockholmer Polizei selbst kompromittiert hätten, aber auch rechtsextreme Gruppen, Leute mit Verbindungen zum Antikommunistischen Weltbund und anderen rechten Kräften. Zur gleichen Zeit hat die schwedische Friedensbewegung entdeckt, daß die Firma Bofors an verschiedene Länder illegal Waffen in großem Umfang verkauft hat. Einen großen Skandal gab es um Waffenschiebereien nach Indien und Bestechungsgelder, die in diesem Zusammenhang von örtlichen Regierungsbeamten angenommen wurden.
All das, der Mord an Palme und die Skandale, haben in der Bevölkerung Abscheu und Mißtrauen gegen die Politik und die Politiker, aber auch gegen das große Geld erregt.
Was haben die Gewerkschaften für Kämpfe geführt?
In den Regionen, die sehr dünn besiedelt sind, wo aber wichtige Industriezweige wie Stahl und Bergbau angesiedelt sind, haben die ArbeiterInnen in den letzten Jahren Rückschläge einstecken müssen. In diesen Gebieten ist die Arbeitslosigkeit hoch. Ganz anders ist die Situation in den Großstädten wie Stockholm und Göteborg. Hier gibt es weniger Arbeitslose. In Göteborg suchen die Unternehmer sogar verzweifelt nach Arbeitskräften, weil sie expandieren. Die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder ist hier im privaten, aber vor allem im öffentlichen Sektor gestiegen.
Die erste Welle von Protesten ging vom öffentlichen Sektor aus. Die Regierung und die Unternehmer haben hier versucht, die Löhne zu drücken unter dem Vorwand, die Beschäftigten im öffentlichen Dienst seien eh privilegiert, weil sie im Vergleich zu denen im privaten Sektor eine größere Arbeitsplatzsicherheit hätten. Diese Kampagne stand natürlich auch im Zusammenhang mit der geplanten Steuerreform und den Reprivatisierungen. Die Krankenschwestern haben richtig darauf reagiert. Sie haben einen langen Kampf um ihre Löhne geführt, aber auch um die Anerkennung ihrer Qualifikation. Dabei haben sie die Frage der Schlechterstellung der Frauenarbeit aufgeworfen. Dennoch sind die gewerkschaftlichen Aktivitäten, trotz gestiegener Mitgliederzahl, nach wie vor bescheiden. Zwar sind die Gewerkschaftsmitglieder ganz und gar nicht zufrieden, aber sie entschließen sich nicht zum Kampf, weil sie von der Gewerkschaftsführung enttäuscht sind, aber auch keine wirkliche Alternative sehen. Auf der politischen Ebene schlägt sich das z.B. in Meinungsumfragen nieder. Die Grünen z.B. sind seit 1985 von 2% auf 10% in der Gunst gestiegen. In den Gewerkschaften drückt sich die Suche nach einer Alternative in Wahlen aus, zu denen wir entweder als Partei oder im Bündnis mit anderen unabhängigen, uns nahestehenden Kräften Listen gebildet haben. Was bedeutet das für eure Arbeit in der Gewerkschaft?
Die Leute sind bereit, einer neuen Füh-
SCHWEDEN rung ihre Stimme zu geben, aber noch nicht, zur militanten Aktion überzugehen. Bei Volvo haben wir in zwei Fällen große Wahlerfolge errungen. Traditionell haben wir eine starke Position in der Gewerkschaftsführung des LKW-Werks Volvo in Göteborg. Im Automobilwerk hat sich die innergewerkschaftliche Opposition über zehn Jahre lang in den alltäglichen Auseinandersetzungen bewährt, ohne jedoch eine Mehrheit in irgendeinem gewerkschaftlichen Gremium erringen zu können. Jetzt aber haben Mitglieder unserer Partei und GewerkschafterInnen mit uns nahestehenden Positionen zum erstenmal einen Wahlerfolg erringen können und die Mehrheit in der Führung der gewerkschaftlichen Vertretung der Tagschicht in der Montageabteilung gewonnen. Diese Abteilung zählt 1.500 Beschäftigte; sie ist sehr modern, das Herz der Fabrik. In anderen Abteilungen haben wir noch nicht die Mehrheit, aber dort haben wir einen bedeutenden Einfluß in den gewerkschaftlichen Führungsgremien gewonnen. Gleichzeitig konnten wir unseren Einfluß im LKW-Werk halten. Dort bekommen wir mittlerweile fast 65% der Stimmen; wir besetzen alle Führungspositionen und stellen fast alle Delegierten aus den Abteilungen.
In Umea, ganz im Norden, sind zwei unserer Genossen zum erstenmal in einem Betrieb mit 700-800 Beschäftigten in die gewerkschaftliche Führung gewählt worden. Bei Atlas Copco in Stockholm haben wir 35% der Stimmen gewonnen. In allen diesen Wahlen haben die Sozialdemokraten immer Gegenkandidaten aufgestellt. Bei den Krankenhausangestellten in Göteborg sind Mitglieder von uns in die Führung einer Gewerkschaft von mehreren tausend Arbeiterinnen gewählt worden. Lange Zeit sind wir eine starke Minderheit gewesen, aber heute gewinnen wir eine zunehmend breitere Basis. Das erlaubt uns, mehr Initiativen zu ergreifen. GenossInnen von uns konnten in diesem Jahr Initiativen gegen den Rassismus und zur Unterstützung antirassistischer Organisationen ergreifen. Die Skinheads und die Faschisten hatten Provokationen organisiert und waren gegen Antirassisten vorgegangen. Es war daher sehr wichtig, daß die Gewerkschaften Partei für die antirassistischen Gruppen ergriffen.
Wie sieht die Lage zu Beginn der neuen Tarifrunde aus?
Die Regierung hat eine sehr aggressive Haltung eingenommen. Sie hat erklärt: 3%, nicht mehr für den Öffentlichen Dienst ... Wer mehr will, muß Rationalisierung und Arbeitsplatzabbau in Kauf nehmen!" In der Metallindustrie und im privaten Sektor hingegen holen die Arbeiter auf. Unter den beiden bürgerlichen Koalitionsregierungen und in den letzten fünf Jahren sozialdemokratischer Regierung hat es eine erhebliche Umverteilung des Reichtums in Schweden gegeben, die stärkste seit dem Generalstreik von 1909. Heute schwimmen die Exportunternehmen wieder im Geld.
Ist der Lebensstandard der Arbeiter stark gesunken?
Um ca. 10% der Reallöhne. Der Lebensstandard war zur Mitte der 70er Jahre am höchsten. Seither haben wir den Gegenwert eines ganzen Monatsgehalts verloren. Das ist noch nicht viel, aber die ArbeiterInnen wollen jetzt wieder aufholen von dem, was sie Ende der 70er Jahre verloren haben.
Welche anderen Kräfte auf der Linken beeinflussen den Kampf der Arbeiter- Innen?
Die offizielle Kommunistische (eurokommunistische) Partei VPK hat nur geringen Einfluß in den Gewerkschaften. Ich glaube, ich kann sagen, daß unser Einfluß größer ist. Sie zählt sicherlich mehr Mitglieder, aber sie verhalten sich nicht wie SozialistInnen oder Kommunistinnen in den Gewerkschaften.
Daneben gibt es auch die moskautreue Kommunistische Arbeiterpartei (AKP). Ursprünglich kontrollierte sie einen gro- Ben Teil der alten Arbeiterbasis der KP. aber heute wird sie immer bedeutungsloser. Sie gibt noch eine Tageszeitung heraus, die glaube ich aus dem Osten finanziell stark unterstützt wird. Ihre größte soziale Basis hat sie heute unter den ausländischen ArbeiterInnen, die Mitglieder der Kommunistischen Partei ihrer Ursprungsländer sind (Chile, Griechenland, Finnland).
Was ist mit den maoistischen Gruppen, die in den 70er Jahren so stark waren? Die stärkste Gruppe war die marxistischleninistische Volksfront" (KF-ML). Sie hat die sehr starke Bewegung gegen den Vietnamkrieg angeführt. Heute ist sie eine kleine Gruppe, die sich Partei der Solidarität" nennt. Sie unterstützt die Mudschaheddin in Afghanistan und kämpft gegen den „sowjetischen Imperialismus" Auf der Ebene der Verteidigung der Forderungen und der Unterstützung der Kämpfe der Arbeiterklasse können wir mit ihnen zusammenarbeiten.
Es gibt noch eine andere, mao-stalinistische Gruppe, die KF-MLR, die noch einen gewissen Einfluß in Göteborg hat. Sie betreibt eine ultralinke Politik der „dritten Periode". ". Außenpolitisch hat sie sich mehr und mehr den sowjetischen Positionen angenähert und kritisiert Gorbatschow als zu demokratisch. Aber sie arbeitet nicht in den Gewerkschaften und stellt sich nicht zur Wahl. Ich glaube, sie rekrutiert heute hauptsächlich unter Intellektuellen und Beschäftigten im Öffentlichen Dienst.
Könnt ihr Mitglieder für eure Partei direkt aus den Betrieben gewinnen? Ja. Wir haben etwas Zuwachs. Im vergangenen Jahr hat die Mitgliederzahl jedoch stagniert, wegen unserer Schwierigkeiten, Jugendliche zu organisieren. Es gelingt uns, Unterstützung von ihnen zu gewinnen, aber sie sind nicht bereit, in linke Organisationen einzutreten. Sie unterstützen lieber Greenpeace oder andere Aktivitäten dieser Art.
Vie sieht es mit Eurem parteipoliti chen Einfluß im Betrieb aus? Über steigt er eure zahlenmäßige Präsenz? Oh ja, allerdings mal mehr, mal weniger. Unsere Aktivität schwankt, je nach der Situation. Unsere Presse ist im Betrieb aber bekannt. Sie vermittelt einen Inhalt, eine politische Linie, mit der sich die Arbeiter, die sich für Politik interessieren, auseinandersetzen können. Unser Problem ist, daß die Kader unserer Partei alt werden und wir Schwierigkeiten haben, junge Leute zu rekrutieren, obwohl wir auch ein paar junge Arbeiter um uns scharen. Es fällt uns aber schwer, sie davon zu überzeugen, daß sie der Partei beitreten sollen. Die alten Kader werden mehr und mehr von ihren Familienpflichten beansprucht und können nicht mehr mit derselben Energie z.B. die Parteipresse vertreiben. In den ersten Jahren unserer Arbeit bei Volvo saßen wir fast jede Nacht da und haben Flugblätter gemacht, die Gewerkschaftsarbeit besprochen, usw. In diesem Rhythmus können wir heute nicht mehr arbeiten. Unsere Basis ist solider geworden, unsere Arbeit hat einen längeren Atem, ist enger verbunden mit den wirklichen Sorgen der Arbeiterinnen; aber der alte Elan ist dahin. Wir brauchen wieder frischen rebellischen Geist, mehr junge Mitglieder.
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