Der Besuch Michael Gorbatschows in Prag im April Lubomir Strougal (der zur Zeit des Prager Frühlings 1987 hat sehr viel Hoffnung unter der tschechischen Vorsitzender des Wirtschaftsrates war) gegen die Bevölkerung geweckt. Es ist eine Ironie der Ge- „Falken", vertreten von Vasil Bilak, Sekretär des schichte, daß fast zwanzig Jahre r ach der Invasion
Zentralkomitees der KP, unterstützen muß. der Truppen des Warschauer Pakt s die sowjetische Nummer Eins von einer großen 1 Menge beklatscht und bejubelt wurde.
Die Charta 77 hat an den Ersten Sekretär der KPdSU während seines ersten Besuchs in der CSSR einen Brief gerichtet (s.Kasten). Gleichzeitig hat sie an die In der tschechischen Opposition und selbst in der tschechischen Behörden einen Text gesandt, der die Charta 77, die im Januar dieses Jahres ihr zehnjähriökonomischen Probleme der CSSR behandelt. Petr ges Bestehen feierte, werden die Reformen Gorba- Uhl, Unterzeichner der Charta 77 und einer der vom tschows und ihre möglichen Auswirkungen auf die System meist gehaßten Menschen (er wurde von CSSR unterschiedlich beurteilt. An dieser Frage hat 1969 bis 1973 und von 1979 bis 1984 gefangengehalsich eine lebhafte politische Diskussion entzündet. ten), hat den Text nicht unterzeichnet. In einem In- Manche sind der Auffassung, daß man Gorbatschow terview mit Inprekorr erklärt er die Gründe für seine und sein tschechisches Gegenstück, Premierminister Warum hast Du den Brief der Charta 77 an Gorbatschow während seines Besuchs in Prag nicht unterschrieben? Erstens habe ich diesen Brief nicht unterschrieben, weil man mich nicht darum gebeten hat. Die Personengruppe, die diesen Brief initiiert hat, umfaßt alte Unterstützer der Charta. Viele von ihnen haben ihn unterschrieben, auch wenn einige ihn heute kritisieren. Aber selbst wenn man mich gefragt hätte, hätte ich auf keinen Fall unterschrieben, aus Gründen, die von den Kritikern dieses Briefes wie meine Frau, Anna Sabatova (I), und anderen vorgebracht wurden.
Ich denke, die Charta 77 hat ihre Existenzberechtigung darin, daß sie die Menschenrechte verteidigt. Infolgedessen ist es völlig legitim, von Gorbatschow oder von irgendjemand anderem den Abzug der sowjetischen Truppen aus der CSSR zu fordern. Aber ich denke auch, daß es nicht möglich ist, daß die Charta darüberhinaus gehende politische Äußerungen macht, z.B. über das Programm der vermeintlichen Demokratisierung in der Sowjet- union, über die sowjetischen Reformen, über die politische Bedeutung von glasnost usw.
Es ist vollkommen falsch, irgendwelche ablehnende Haltung.
tische Strömungen, die ich als wenig seriös bezeichnen würde, eine solche Position einnehmen. Aber die Charta kann dies aus zwei Gründen nicht tun. Erstens kann sie auf Grund ihres Meinungspluralismus keine globalen politischen Ansichten nach außen vertreten. Dies schlägt sich schon in der Gründungserklärung der Charta selbst nieder - sie kann kein eigenes politisches Programm oder eine eigene politische Konzeption erarbeiten.
Gorbatschow ließ erkennen: Der Prozeß von 1968 gramm Gorbatschows oder Illusionen zu mußte zerstört werden hegen, als könne oder wolle er das politische Klima und die politischen Strukturen unseres Landes beeinflussen. Zweitens wäre eine solche Haltung politisch falsch. Wenn die Reformen Gorba- Seit einigen Monaten gibt es in der tschows auch Fortschritte im Bereich der Charta, in der Opposition und in der Zensur und der Kultur bringen — die politschechischen Gesellschaft eine Tendenz, tisch sehr wichtig sind - dann bedeutet auf das Pferd Gorbatschow zu setzen. Na- dies noch nicht, daß sie auf die Demokratürlich gibt es mehrere Positionen inner- tisierung des Landes im pluralistischen halb der Charta. Manche hegen große II- Sinne des Wortes abzielen. lusionen, manche weniger, sagen aber dennoch, daß man sich auf Gorbatschow Die Formulierung im Brief der Charta ist und seine Reform berufen muß, weil er ein bißchen „listig". Es ist dort nicht die trotz allem eine solide Stütze ist. Ich Rede von einem ,,Prozeß der Demokratidenke, daß dies eine vorübergehende sierung" , sondern es wird gesagt, daß in Sympathien mit dem politischen Pro- • Stimmung ist. Möglich, daß gewisse polider CSSR das tschechische Volk mit „viel
CSSR
Interesse verfolgt, was sich in der UdSSR immer sehr schwierig. Die gesamte Gor- denn sein Besuch war fast vollständig eine tut". Nebenbei gesagt wurde das Wort batschow-freundliche Strömung in der Unterstützung für die tschechische Füh- Sympathie", das ursprünglich verwen- Charta, in der Opposition allgemein, aber rung. det worden war, auf meine Bitte hin ge- auch in der Bevölkerung hat nach dem Bestrichen. Weil ich den Text nicht unter- such von Gorbatschow eine gewisse Ent- Gorbatschow hat gerade einige Bemerschrieben habe, habe ich mit anderen dazu täuschung empfunden. Das ist logisch, kungen über 1968 gemacht, nicht cinmal beigetragen, ihn zu verändern. Mit meh- offiziell, sondern nebenbei auf der Straße reren Personen, die die ursprüngliche oder in einem Betrieb. Fassung kritisierten, haben wir erreicht, sehr klar, aber es hat dennoch gereicht, daß die falschesten Ausdrücke entfernt daß man verstehen konnte, der Prozeß wurden. Es wird jedoch gesagt die öf- von 1968 mußte zerstört werden. fentliche Meinung in der CSSR verfolgt leicht denkt Gorbatschow, die sowjetische Ihr Programm der Demokratisierung mit Invasion wäre nicht notwendig gewesen, viel Interesse**. In der Debatté haben mir ich weiß es nicht, aber sicher ist, daß er viele Unterzeichner versichert, daß nicht den Prozeß der Demokratisierung, der von „Demokratisierung", sondern von sich in unserm Land vollzogen hat, abeinem „Programm der Demokratisie- Ichnt, gerade weil es sich um eine wirklirung" die Rede ist. Solche Debatten sind che Demokratisierung, oder wenn Du