EIN JAHR DEBATTE funden werden müssen, die katastrophale Erfahrung von 1981-86 nicht zu wiederholen.
Noch muß man natürlich abwarten, auf welcher Wahlplattform Juquin kandidieren wird. Doch sind in dieser Beziehung von den Erneuerern keine größeren Probleme zu erwarten. Praktische Tests hat es hierzu schon gegeben, wie z.B. den Eisenbahnerstreik, das Referendum in Kanakien (Neu-Kaledonien) und die Mobilisierungen gegen den Rassismus. Auf wel cher Grundlage die Erneuerer ihre Kampagne für die Präsidentschaftswahlen lancieren, hängt nicht von uns ab. Wahrscheinlich ist die Ankündigung der Kandidatur Juquins auf der Basis einer Wahlplattform. Auf der Grundlage dieser Plattform werden wir definitiv über die Unterstützung Juquins und den Rückzug unseres Kandidaten entscheiden.
Wir erwarten von Juquin nicht eine revolutionäre Kandidatur im Sinne eines sehr fortgeschrittenen strategischen Projekts, das alle Probleme vom Tageskampf bis zum Kampf um die Macht stellt. Die Kandidatur Juquin wird vor allem eine Bilanz und Neuorientierung ausdrücken, an der heute mehrere Strömungen teilnehmen. Doch es gibt genügend Gemeinsamkeiten, um eine gemeinsame antiimperialistische und antibürokratische Aktivität zu entwikkeln, Widerstand gegen die Sparpolitik zu organisieren und den Abbau der Force de Frappe (der französischen Nuklearmacht) zu fordern. Das sind wichtige Punkte, die in offenem Gegensatz zu der Politik stehen, die die Regierung der Union de la Gauche gemacht hat.
So gesehen ist eine gemeinsame Kampagne eine Etappe in der Sammlung der Kräfte. Ist sie erfolgreich, stellt sich die Frage: ,Wohin führt eine solche Kampagne?". Die Strömung der Erneuerer, die mit der Kandidatur Juquin nicht völlig gleichzusetzen ist, stellt sich bereits die Frage ihrer zukünftigen Organisierung. Wenn sie ihr Manifest ernst nimmt, wenn die Kampagne den Beweis liefert, daß man nicht nur ein Stück Wegs gemeinsam gehen, sondern auch gemeinsam handeln kann, dann steht die offene Diskussion auf der Tagesordnung, welches die Grundlagen und die Bedingungen für eine gemeinsame revolutionäre Organisation sein können. In diesem Prozeß ist die Kampagne zu den Präsidentschaftswahlen ein begrenzter Test, eine nötige Etappe, um sich kennenzulernen und zu sehen, was die einen und die anderen tun. Sie stellt das Problem, aber sie löst es noch nicht.
IN DER KP
PAUL PETITJEAN
In der philippinischen KP wird seit dem Wahlsieg Corazon Aquinos eine Debatte über die Richtigkeit der Taktik des aktiven Boykotts geführt, die darüberhinaus aber auch die strategischen Grundlagen der CCP infragestellt. Die Massenmobilisierungen in den Städten, die zum Sturz der Diktatur geführt haben, haben die Frage aufgeworfen, ob die Strategie des verlängerten Volkskriegs noch zu halten ist.
MAR
VER- MUR
D ie Kommunistische Partei der Philippinen (CPP) wuchs Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre schnell. Eben wegen dieses Wachstums tauchten neue Probleme auf, die in kleinen Kreisen diskutiert wurden. Es bedurfte aber des unerwarteten Sturzes von Marcos, der traumatischen Erfahrung der Präsidentschaftskampagne von 1985-86, des Versagens der Politik des aktiven Boykotts, die von der Parteiführung befürwortet wurde, um diese Debatte auf die Gesamtpartei auszuweiten.
Durch den trotzigen Kampf, den die CPP beinahe 15 Jahre gegen das Kriegsrechtsregime führte, bereitete sie mehr als jede andere politische Gruppierung den Weg zum antidiktatorischen Aufstand von 1986. Trotzdem, obwohl Hunderttausende, ja Millionen auf die Straße gingen und die Abdankung des Diktators Marcos forderten, wurde die Partei an den Rand gedrängt.
Die Diskussion über den aktiven Boykott
Angesichts dieser Ereignisse rief die Führung der CPP alle Einheiten der Partei auf, über die Gründe für diesen bedeutenden Rückschlag zu diskutieren. Drei Monate später nahm das Politbüro der CPP eine erste kritische Bilanz der Politik vor, die im Dezember 1985 im Namen der Partei vom Exekutivkomitee des Zentralkomitees angenommen worden war (1). Das Exekutivkomitee hatte seine Position zu den Präsidentschaftswahlen in einem internen Rundschreiben vom 23. Dezember 1985 (2) dargelegt, das „an alle Par- PHILIPPINEN teigliederungen" gerichtet war. Es rief zu einem aktiven Boykott auf und antwortete auf das Argument vieler Mitglieder der CPP, die Partei laufe Gefahr sich zu isolieren. Nach dem Sturz von Marcos stand dieses Papier im Mittelpunkt der innerparteilichen Kontroverse.
Die Entscheidung für eine sofortige Neuwahl des Präsidenten war nach Ansicht des Exekutivkomitees „ein neues Manõver" des Regimes. Marcos versuche damit, eine neue Legitimität zu erlangen und die Initiative gegenüber der anwachsenden demokratischen Bewegung zu behalten. Wegen der strengen Kontrolle durch die Diktatur gebe es bei diesen Wahlen keine Möglichkeiten für die Opposition, da als letztes Mittel immer noch das Kriegsrecht eingesetzt werden könne. Die vorgezogene Wahl sei auch Ausdruck der Rücksichtnahme auf die US—amerikanischen Belange: „Es ist klar, daß der US-Imperialismus es unterstützt, daß Marcos bis 1992 an der Macht bleibt ... Die bürgerliche Opposition wird ermu- WINUX AUDING tigt, an den Wahlen teilzunehmen, um ihnen einen Anschein der Rechtmäßigkeit zu verleihen und dadurch die weitere Zu- GREATEST MARTR sammenarbeit zwischen den reaktionären Gegnern Marcos' und den bürgerlichen Reformisten entlang der Pläne und Programme des US-Imperialismus für die Philippinen zu sichern.
OF OUR GENERATION
DER!A.
Streit innerhalb der legalen Opposition „Die Absicht der USA ist es, Marcos" reaktionären Rivalen einen Anteil an der Macht und den Privilegien zu geben, die das faschistische Lager heute monopolisiert ... So wird der reibungslose Ubergang für den Fall vorbereitet, daß Marcos stirbt oder bald beseitigt wird." „Die legale Opposition ist in drei Lager gespalten. Die konservativen bürgerlichen Parteien sind für die Wahl und nehmen daran teil. Die führenden fortschrittlichen Massenorganisationen und Verbände sind absolut gegen die US-Marcos-Diktatur und bereit, diese Wahl zu boykottieren. In der Mitte befinden sich die antifaschistischen und Hberalen demokratischen Kräfte, die in Groß-—Manila ihre Basis haben; hinsichtlich der Teilnahme an den Wahlen sind sie gespalten."
Die Herausbildung des Gespanns Corazon Aquino-Salvador Laurel (3) „zeigt nur die Vorherrschaft konservativer Richtungen auf der Seite der bürgerlichen Opposition". Trotzdem „gibt es Meinungsverschiedenheiten in der Mehrheit
PHILIPPINEN
Die KP-Führung sah 1985 in Corazon
Aquino nur die Vertreterin der konservativen, pro-imperialistischen Bourgeoisie.
der antifaschistischen und fortschrittlichen Organisationen der Mitte in den Städten ... Obwohl sie von der politischen Richtigkeit und der moralischen Aufrichtigkeit des Wahlboykotts überzeugt sind, hat die Mehrheit von ihnen Angst, sie werde sich damit von den Massen isolieren. Deswegen sind die meisten für Teilnahme. Es gibt auf der Seite der fortschrittlichen Massenorganisationen und Verbände zeitweise auch Zögern." Mehrere Monate lang, bemerkte das Exekutivkomitee, würden die Wahlen das politische Leben im Land beherrschen. Sie wären „eine gute Gelegenheit, das revolutionäre Parteiprogramm ausführlich und massenwirksam zu propagieren ... Das Volk wird die Wahrheit über Marcos' Rivalen und die Bedeutungslosigkeit ihrer Versprechungen und Aktionen erkennen. Die Täuschungen und volksfeindlichen Ziele des US-Imperialismus werden deutlich zutage treten. Auf der anderen Seite besteht auch die große Gefahr, daß ein großer Teil des Volkes auf die Seite des bürgerlichen Reformismus gezogen werden kann, besonders Teile der Mittelschichten in den Städten ...
„Die Wahl wird nur eine Schau* „Wenn man alle diese Elemente berücksichtigt, ist die angemessene und korrekte Taktik in dieser Wahl die, eine starke Boykottkampagne aufzubauen ... Sie ist mit anderen taktischen politischen und wirtschaftlichen Kämpfen zu kombinieren, damit der Volkskampf sich in allen seinen Aspekten gegen die faschistische Diktatur richtet: durch die Kampagne für den Boykott, durch taktische Kämpfe in einzelnen oder mehreren Sektoren, durch städtische und ländliche Guerillakämpfe." (Das Dokument sagt weiter, daß Angriffe auf Wahllokale am Wahltag ausgeschlossen sind).
Es gab vier wesentliche Begründungen für diese Boykottaktik. Erstens würden durch eine Teilnahme die Manöver des Regimes unterstützt und die Leute zum Narren gehalten. Zweitens bestimmte die Diktatur den Ablauf der Wahlen, die revolutionäre Bewegung könnte darauf keinerlei Einfluß nehmen. „Nicht eine der Minimalforderungen für eine „saubere und ehrliche" Wahl, die von der fortschrittlichen legalen Opposition aufgestellt wurden, ist erfüllt worden. Das zeigt nur, daß man sich von dieser Wahl nichts erwarten kann. Die Ergebnisse sind vorherbestimmt. Die Wahl wird nur eine Schau sein. Nichts kann durch eine Teilnahme für das Volk und die revolutionäre Bewegung gewonnen werden."
„Drittens stellt keiner der Kandidaten, keine der Parteien ein wirklich nationales oder demokratisches Programm auf. Auf
Marcos' reaktionäre Rivalen kann man Die Selbstkritik vom Mai 1986 nicht zählen, wenn es um die elementaren Die Position des Exekutivkomitees war in nationalen und demokratischen Interessen sich schlüssig und stellte, scheinbar kraftdes Volkes geht. Was sie wirklich repră- voll, den revolutionären Standpunkt zu sentieren, sind ihre eigenen reaktionären einer Wahl dar, die von der Diktatur konund Gruppeninteressen ... und wenn wir trolliert und vom Imperialismus manipumit ihnen zusammen daran teilnehmen, liert wurde, in der sogar das legale Lager werden wir nur zu Unterstützern der An- der Opposition von bürgerlichen Kräften ti-Marcos-Reaktionäre für eine Wie- beherrscht wurde. Trotzdem erfüllte sich derbelebung des bürgerlichen Reformis- keine der in diesem Rundschreiben angemus werden. Kurz, die Teilnahme an die- führten Erwartungen. Die Mobilisierung ser vorgezogenen Wahl steht im Gegen- der Bevölkerung für die demokratischen satz zu den fundamentalen Interessen des Forderungen warf alle früheren Überle- Volkes und der Revolution." gungen über den Haufen und machte den Wahlkampf zu einem gewaltigen antidik- „Viertens ist es die grundlegende und er- tatorischen Kampf. Statt dem Regime ein ste Pflicht der revolutionären Bewegung, „neues Mandat" zu geben, hat die Wahl das Volk aufzuklären und ihm den richti- alle Widersprüche der Diktatur und der gen Weg zur Aktion und zum Kampf zu amerikanischen Politik bloßgelegt. zeigen. Es gibt keinen Grund zu der Furcht, die einige teilen, daß wir vom Niemand hatte wirklich vorausgeschen, Volk isoliert werden, da die Mehrheit was geschehen würde. Aber viele Mendoch wählen wird, was immer wir auch schen innerhalb und außerhalb der CPP tun ... Schon jetzt kann die Mehrheit (des hatten schon Ende 1985 erkannt, daß die Volkes) die wahre Natur und das Ziel der Präsidentschaftswahl vom 7.Februar 1986 vorgezogenen Wahl durchschauen. keine gewöhnliche Wahl werden würde, E
US- NO TO U.S. - SPONSORED
PHILIPPINEN
Die Mobilisierung des Volkes für demokratische Forderungen machte den Wahlkampf zu einem gewaltigen antidiktatorischen Kampf. Die Wahl war eine Phase im Kampf gegen die Diktatur.
DICTATORSHIP KADENA PASAY
Unter diesen Bedingungen war es nötig, und daß es nötig war, sie als eine wichtige „die zeitweilige Entfremdung und Tren- Phase im Kampf gegen die Diktatur zu nung von den Bündnispartnern, die eine begreifen. Das politische Klima war ex- Teilnahme an der Wahl und die Unterstüt- plosiv. Im Gegensatz zur Behauptung des zung der konservativen bürgerlichen Op- Exekutivkomitees gab es Widerstand geposition befürworten, in Kauf zu neh- gen den Boykott nicht nur in Manila, sonmen. " Die Wahlkampfperiode ist auch dern auch in zahlreichen Provinzen wie eine Vorbereitung auf einen breiten Pro- Negros, Mindanao, Cebu, Ilocos. Dort test gegen die Diktatur und auf eine Mas- beteiligten sich die Mitglieder der CPP senkampagne nach den vorgezogenen auf verschiedene Art und Weise an der Wahlen.* Wahlkampagne.
BANAN PHON CHAFTEN
PHILIPPINEN
Das Scheitern der Kampagne für den Boykott wurde bald so offensichtlich, daß die regionalen Führungen die vom Exekutivkomitee vorgeschlagene Politik unterschiedlich umsetzten. Es scheint, als sei in den meisten Fällen gerade dort, wo die Boykottkampagne am stärksten geführt wurde - wo die Massenorganisationen sich aktiv für den Boykott einsetzten, Straßendemonstrationen organısierten, Fahrzeugkonvois in die Vororte und Boote auf die Flüsse schickten (4) - die Isolation der national-demokratischen Kräfte am schlimmsten gewesen (5). Das war ein harter Test für eine Bewegung, deren Massenbasis auf Millionen, und nicht mehr wie noch vor zehn Jahren auf Tausende geschätzt wird.
Im Mai 1986 erschien eine öffentliche Selbstkritik in Ang Bayan, dem Organ des Zentralkomitees der CPP (6). Die Selbstkritik ging an die Wurzel: „In den siebzehn Jahren (seit ihrer Gründung) haben die Partei und die revolutionären Kräfte, die sie führt, sehr viel zur Entlarvung, Isolierung und Schwächung des Regimes - und dadurch zu seinem Sturz - beigetragen. Als aber die Menschen in der Präsidentschaftswahl vom 7.Februar die Möglichkeit sahen, dem Marcos-Regime einen schweren Schlag zu versetzen, sah ein Memorandum des Exekutivkomitees darin nur eine lärmende, hohle politische Schlacht' zwischen den Gruppierungen der herrschenden Klasse. Und als die Aufgebrachten und Kämpferischen sich letzten Februar vom 22.-25. spontan, aber bestimmt anschickten, das verhaßte Regime zu beseitigen, war die Partei mit ihren Kräften nicht dabei, sie zu führen. Die Partei stand mit ihren Kräften weitgehend abseits und war unfähig, die Hunderttausenden von aktiven Leuten zu führen oder zu beeinflussen, die sich in Bewegung gesetzt hatten ... Der Grund dafür war die offizielle Politik des Exekutivkomitees, eine aktive und energische Boykottkampagne aufzubauen. Wie die weiteren Ereignisse zeigten, basierte diese auf einer falschen Analyse der politischen Situation. In einer Beurteilung, die kürzlich das Politbüro des Zentralkomitees vorgenommen hat, bezeichnete es die Boykottpolitik als großen taktischen Fehler (9)." Das Exekutivkomitee, bemerkte das Politbüro, überschätzte die Möglichkeiten der Amerikaner, auf die hiesige Politik Einfluß zu nehmen; es unterschätzte die Bestimmtheit der bürgerlichen Reformisten, sah nicht das Ausmaß der Widersprüche, die sich innerhalb der Armee auftaten, und „vor allem übersah es die tiefen antifaschistischen Gefühle im Volk und seine Entschlossenheit, über das Wahlgeschehen selbst hinauszugehen und die faschistische Diktatur zu beenden. Wie die Praxis später zeigte ... wurden die Wahl und die Ereignisse, die dadurch inganggesetzt wurden, zum Höhepunkt des langen Kampfs gegen das Marcos-Regime ... Da dies so war, war es für die revolutionären Kräfte taktisch notwendig, sich kritisch an den vorgezogenen Wahlen zu beteiligen, um wirksam alle Formen des Kampfes zu kombinieren und einzusetzen, die Vorhut der aktiven Massen zu bilden und eine flexible und aktive Position gegenüber der sich rasch verändernden Situa- tion zu beziehen. Nur dadurch hätten die revolutionären Kräfte ihre politischen und militärischen Fähigkeiten maximal einsetzen und die größten Erfolge unter den vorherrschenden Bedingungen erzielen können."
Den demokratischen Geist in der Partei fördern „Die Boykottpolitik gab das alles preis ... darin zeigten sich ein ungenügendes Verständnis für die Aufgaben der politischen Führung in einer solchen Zeit, sowie eine fehlerhafte Einschätzung des Niveaus der Teilnahme der Massen am revolutionären Kampf und eine Verwirrung darüber, was die aktuellen Erfordernisse im revolutionären bewaffneten Kampf sind ..." „,Obgleich wir wichtige politische und mi-
litärische Gelegenheiten verpaßten und wegen unserer falschen Boykottpolitik auch unter anderen negativen Auswirkungen litten, bleibt es eine Tatsache, daß die Ereignisse des Februar einen großen Sieg für unser Volk und für den Kampf für wirkliche Freiheit und Demokratie bedeuteten."
Obwohl der selbstkritische Artikel in Ang Bayan mit einem optimistischen Ton endete (,die Zukunft ist rosig""), rief er doch zur Entfaltung eines demokratischen Geistes" in der Partei auf, um die Diskussion voranzutreiben. Tatsächlich hatte die Debatte an der Basis der CPP bereits direkt im Anschluß an die Februarereignisse begonnen, aber nur örtlich und nur bei Teilen. Im Mai jedoch erschien die erste Ausgabe eines sehr originellen Diskussionsmagazins, Praktika. Es bot seinen Lesern eine Auswahl von Artikeln aus der internen Diskussion der CPP an. Dieses gedruckte Magazin mit einer ziemlich breiten Leserschaft wird unter der Leitung eines regulären Parteiorgans, das in den Städten arbeitet, herausgegeben kurz nach dem Sturz der Diktatur geschrieben worden waren und die Boykottpolitik kritisierten. Sie enthielt außerdem einen interessanten Artikel über die Lehren aus der Krise der Kommunistischen Partei Thailands. Die zweite Ausgabe vom August 1986 führte die Debatte über die Boykottpolitik fort, indem sie gegensätzliche Positionen darstellte. In dieser Ausgabe begann auch die Diskussion über den Charakter des Aquinoregimes und eine Analyse der Erfahrungen in El Salvador.
notwendig sei, das theoretische Denken in der Partei zu erneuern: „Wir brauchen ein Verständnis der richtigen politischen Bündnisse und der richtigen Taktik, der neuen Aufgaben und Arbeitsmethoden. Um zu gewinnen muß die revolutionäre Theorie deshalb immer auf der Höhe der ganzen, sich rasch entwickelnden, revolutionären Situation sein. Dieser Art ist die Herausforderung, der die Partei und die ganze revolutionäre Bewegung im Augenblick gegenübersteht. Praktika versteht sich als „Schule" der revolutionären Theorie, als „Forum" für eine offene Debatte, als „Kanal" zur Verbreitung der Bilanz praktischer Erfahrungen, als „Führer" zur Vertiefung des Studiums marxistischer Theorie. Es richtet sich an Parteimitglieder und Kader in den städtischen Zentren und an ,nationale Demokraten, Leute, die keine Parteimitglieder, aber trotzdem am Marxismus interessiert sind"
In der zweiten Ausgabe wurde ein Editorial mit der Überschrift Parteipolitik und Demokratie" abgedruckt. Praktika wird sehr positiv aufgenommen, bemerkten die Herausgeber, aus verschiedenen Kreisen ist jedoch Sorge über die derzeitige Situation in der Partei laut geworden." Einige Leute fürchteten Uneinigkeit zu einer Zeit, in der die Reaktion alles tut, um die Differenzen innerhalb der CPP auszunutzen. Obgleich die Herausgeber die Notwendigkeit einer „eisernen Einheit" der Partei betonten, verteidigten sie zugleich die Bedeutung der innerparteilichen Demokratie. Tatsächlich habe bis heute „die Partei eine Tradition aktiver und gesunder ideologischer Debatten und Diskussionen, die die Mehrheit der Mitgliedschaft einbezieht, noch nicht voll entwickelt. Es gebe zwar ein reiches ideologisches Leben innerhalb jeder Parteieinheit, aber die „„Instrumente des ideologischen Kampfs"* seien auf nationaler Ebene (d.h.im Austausch zwischen der nationalen Führung und der Mitgliedschaft, zwischen den verschiedenen Parteigliederungen, usw.) „grob vernachlässigt" worden. „In diesen Bereichen wird die Partei noch immer von Bürokratismus, Sektierertum und Kommandoverhalten geplagt, vor allem in der Führung auf den verschiedenen Ebenen und in der Beziehung zwischen den verschiedenen Komitees."
Dafür gebe es historische Gründe. Das PHILIPPINEN
Durch die Politik des aktiven Boykotts hat Corazon Aquino an Legitimität als alleinige Vertreterin der „Volksmacht"
gewonnen.
„Wir brauchen nicht zu fürchten, daß wir vom Volk isoliert werden, da die Mehrheit doch wählen geht, was immer wir tun...
lange Leben im Untergrund habe der Partei ihre Normen des Funktionierens diktiert. In ihrer 18-jährigen Geschichte habe sie keinen großen Irrtum begangen; deshalb habe man die Notwendigkeit einer weitgespannten ideologischen Debatte nicht unmittelbar gespürt. In der Vergangenheit seien interne politische Konflikte schlecht aufgearbeitet worden, es habe darüber keine ernsthafte Bilanz gegeben. Es gebe in der Tat noch eine Menge theoretischer Arbeit zu leisten. Die Lehren aus der sehr reichen praktischen Erfahrung seien nicht genügend aufgearbeitet worden. Deshalb sei es nötig, die sich bietende Gelegenheit zur Schulung zu nutzen. Schließlich ist dies der erste große Irrtum in der Politik, der die Mehrheit der Mitgliedschaft unmittelbar berührt und erregt." Obgleich die Politik der Partei und der Zentralismus respektiert würden, sei es doch nötig, eine innerparteiliche Demokratie zu entwickeln. Es sei nötig, die wirkliche Substanz einer Frage zu diskutieren und nicht die vermutlich dahinter sich verbergenden Absichten. Es sei notwendig zu verstehen, wie man eine Diskussion führt, bei der man sich gegenseitig respektiert. Die Klassenwidersprüche zuspitzen Es überrascht nicht, daß die Frage der innerparteilichen Demokratie nach der Boykottkampagne zu einem so sensiblen Thema geworden ist. Innerhalb der Führung der CPP wurden verschiedene Vorschläge über die künftige Politik zu den Präsidentschaftswahlen gemacht. Die Gruppe, die für die Herausgabe von Prakfika verantwortlich ist, stellte eine taktische Alternative zur Diskussion: eine (schulende) propagandistische Kampagne für den Boykott, bei der sich die Bündnisorganisationen darauf beschränken sollten, die Wahlmanipulationen zu entlarven, kombiniert mit einer aktiven Kampagne gegen den Wahlbetrug und den Terrorismus (11). Auf diese Weise sollte die revolutionäre Bewegung die demokratischen Forderungen der Massen wirksam unterstützen und dennoch die Einheit und Zusammenarbeit mit den anderen Organisationen wahren.
Das Exekutivkomitee, eine sehr kleine Gruppe, bestand auf der Linie des „aktiven Boykotts* , die zumindest einen zeitweisen Bruch mit der Mehrheit der traditionellen Bündnispartner bedeutete. Sie wurde mit nur einer Stimme Mehrheit durchgesetzt, behauptet Alex Magno (12), und zwar gegen den Rat vieler verantwortlicher Führungsgremien, die einen flexibleren „prinzipiellen" Boykott befürworteten (13). Das erklärt zum Teil die Heftigkeit der Reaktionen in der CPP, sobald das Scheitern der Linie deutlich wurde, und auch die Schlußfolgerungen, die das Politbüro daraus zog: „Die Boykottpolitik zeigte einen Fehler ... im Verständnis und in der Anwendung des marxistisch-leninistischen Organisationsprinzips des demokratischen Zentralismus auf" (13).
Die Debatte über die Wahltaktik der CPP vor und nach dem Februar 1986 drehte sich nicht um die Frage, wieviel Vertrauen man in die Führung Aquino setzen könne, sondern um die Frage, wie die Revolutionäre am besten auf eine zugleich komplizierte und zentrale Situation antworten könnten. Es war keine Debatte über die führende Rolle der „nationalen Bourgeoisie* in der „demokratischen Phase" der Revolution. Satur Ocampo z.B., einer der Hauptsprecher der National-Demokratischen Front (NDF) bei den Waffenstillstandsgesprächen mit der Regierung, erklärte in einem Interview, daß die Teilnahme an den Wahlen um die Kandidatur Aquino herum „zweifellos ermöglicht hätte, die Klassenwidersprüche zuzuspitzen** , wodurch es dem US-Imperialismus schwerer gefallen wäre, die Bewegung für sich zu vereinnahmen (14).
Die ehemaligen Führer der CPP, die unter Marcos politische Gefangene waren, nahmen von ihren Zellen aus an der Debatte Ende 1985, Anfang 1986 teil. José Maria Sison, Joma, der historische Führer der CPP, rief zu einem „begrenzten Boykott" auf und stimmte gegen die Orientierung des Exekutivkomitees, selbst nachdem sie formal angenommen worden war. Dennoch ist er einer der unversöhnlichsten Gegner des Aquino-Regimes geblieben. Bernabe Buscayno, Kumander Dante, der historische Führer der Neuen Volksarmee (NA), argumentierte vom Gefängnis aus für die Teinahme an den Wahlen: „Das Volk war in einer revolutionären, einer aufständischen Stimmung. Diese Stimmung hätte von der Partei in eine revolutionäre Umwälzung verwandelt werden müssen. Aber unglücklicherweise hat die Partei bei ihrer Aufgabe versagt* (15). Die taktischen Alternativen
In diesem Sinn drehte sich die Debatte vor allem um die ,,richtige taktische Entscheidung, die den Aufgaben des Augenblicks angemessen" war. Man könnte sie folgendermaßen zusammenfassen:
Nr.29/1|| - 12/87 die Internationale
Gentechnologie:
Eine Einführung in ihre Probleme
Gefahrenpotential und Herrschaftsinstrument
E iner der bedeutendsten Forschungszweige der Naturwissenschaften ist heute die Gentechnologie. Keine andere wissenschaftliche Neuentwicklung des industriekapitalistischen Zeitalters wurde mit soviel öffentlicher Skepsis begleitet; aber auch keine andere Neuentwicklung wurde innerhalb so kurzer Zeit mit einem so gewaltigen ökonomischen, politischen und publizistischen Aufwand von international führenden Konzernen des Chemiekapitals gefördert. Und was am erstaunlichsten ist: obwohl die gentechnisch arbeitenden Wissenschaftler — in ihrer Mehrheit Biologen und Mediziner — in ganz besonderer Weise dem Wohl der Natur und des Menschen verpflichtet sein sollten, zeigen gerade sie die wenigsten Skrupel, ihre Arbeit in den Dienst des großen Geldes zu stellen. Entweder gehen sie auf das Angebot finanzstarker Konzerne ein, ihnen gegen einen lukrativen Zusatzverdienst Zugriff und Kontrolle zu gewähren. Oder sie gründen selbst eine Firma und versuchen auf diese Weise, ins Geschäft zu kommen. Am ausgeprägtesten findet sich diese Entwicklung in den USA, in denen auch die politische Debatte um die Gentechnologie bereits Mitte der 70er Jahre begann. Die Gentechnik-Befürworter benutzten zunächst selbst das Phantom des „Killer-Bakteriums" , um es dann sehr schnell als Hirngespinst zu widerlegen (I). Die kritischen Beiträge in den USA zeigten aber sehr bald ein hohes wissenschaftliches und politisches Niveau, und dies zu einer Zeit, als sich in der BRD noch keine einzige qualifizierte Stimme gegen die Gentech- WOLFGANG HIEN nologie erhob. Erst die Bemühungen des Wissenschaftsjournalisten Jost Herbig machten die BRD-Öffentlichkeit Anfang der 80er Jahre mit den Inhalten der amerikanischen Debatte bekannt (2).
Aspekte der Debatte in der BRD
Mittlerweile hatten sich jedoch auch in der BRD die neuen biologischen Techniken Bahn gebrochen. In allen größeren biologischen Universitätsinstituten und Laboratorien der medizinischen Großforschungseinrichtungen war die neue Arbeitsweise bereits etabliert oder hielt gerade Einzug. Die Max-Planck-Institute in Köln, Berlin, Heidelberg und München, das Deutsche Krebsforschungszentrum und das Europäische Molekularbiologische Laboratorium (EMBL) in Heidelberg gehörten ebenso dazu wie die neu geschaffenen molekularbiologischen und biotechnischen Zentren in Braunschweig, Köln, Heidelberg, München und Hamburg, welche als staatliche Institute sui generis mit relevanter Beteiligung westdeutschen Chemiekapitals aus der Taufe gehoben wurden. Kennzeichnend für die neue Forschungspolitik war der verhältnismäßig geringe finanzielle privatkapitalistische Aufwand -z.B. die Zahlung von fünf Direktorengehältern im Zentrum für Molekulare Biologie Heidelberg (ZMBH) durch die BASF - bei gleichzeitiger maximaler Zugriffssicherung und hohen ökonomischen Verwertungspotentialen. Die Kehrseite der Medaille : ein hoher finanzieller Beitrag aus staatlichen Sektoren bei gleichzeitiger Minimierung öffentlicher Kontrolle (3).
Eine besondere Variante erlebte die westdeutsche Debatte um Gentechnik durch den relativ starken Binfluß „realsozialistisch" orientierter Kräfte (DKP und Eurokommunisten) im Bund demokratischer Wissenschaftler (BdWi), dem das Verdienst zukommt, gezielt innerhalb des biomedizinischen Wissenschaftsbetriebes politisch interveniert zu haben. Dennoch kam vielen, cher unpolitischen, Biologen paradoxerweise der DKP-Wissenschaftler Ruben Scheller sehr gelegen mit seiner These, daß die Gentechnik nicht „an sich" zu verurteilen sei, sondern nur ihre kapitalistische Anwendung" (4). Scheller stilisiert die Gentechnik zur Produktivkraft par excellence und geht über immanente Gefahren leichtfüßig hinweg; ebenso wie die Radioaktivität seien auch die Probleme der manipulierten Mikrobiologie im Sozialismus — was auch immer das heißen mag — beherrschbar. Glücklicherweise, auch durch das Engagement einer Reihe hochkompetenter Wissenschaftler, die aus ethischen Gründen aus der Gentechnik „ausgestiegen"" waren, erreichte die Debatte 1986 die Differenziertheit und Tiefenschärfe, die für ernsthafte Theoricbildung und politische Einschätzung notwendig sind.
Das Freiburger Öko-Institut — eine von akademischen und kirchlichen Kreisen getragene Organisation - veranstaltete im Mai 86 in Heidelberg ein Symposium, auf dem international führende Gegner der Gentechnik , wie beispielsweise Athuhrio Sibatani und Ditta Bartels, beide Professoren für Molekularbiologie, auftraten. Außerordentlich wichtig war die Tatsache, daß auf diesem Symposium zum ersten Mal in der BRD die Frage der Arbeitssicherheit und der Gesundheitsgefahren, was gentechnische Arbeitsplätze betrifft, thematisiert wurden (5). Was im Einzelnen noch zu zeigen sein wird: die Destruktivität der Gentechnik bedroht zuerst einmal die damit unmittelbar Beschäftigten. Dies ist ein aus der Atomtechnik lange bekannter Sachverhalt. Nur: heute bestünde die Chance, auch innerhalb der Forschung und — was sicherlich ganz entscheidend ist - auch innerhalb der Chemicproduktion Widerstand gegen eine Technik zu entfalten, die mit dem Menschenrecht auf Leben und Gesundheit nicht zu vereinbaren ist. Eine Ende 1984 gegründete parlamentarische Enquêtekommission zur Gentechnologie, die ohne den Druck der Öffentlichkeit und der evangelischen Kirche nicht zustande gekommen wäre, legte Anfang 1987 ihren Bericht vor (6). 10 Parlamentarier, unter ihnen ein Mitglied der Grünen, und 8 assoziierte Experten aus Industrie, Hochschule und Gewerkschaft räumten in einem zuweilen erstaunlichen Maß ungeklärte Gefahrenpotentiale ein, plädierten aber in den relevanten Schlußfolgerungen für eine zügige Anwendung gentechnischer. Methoden im industriellen Sektor. Die Grünen legten ein Sondervotum vor. Die ideologische Offensive der Chemieindustrie
Wie die Faust aufs Auge paßte das Symposium Chemie 1987 ", das einige Wochen nach der Sandoz-Katastrophe (ausgerechnet) in Basel abgehalten wurde. Organisiert von einem „Zentrum für Unternehmensführung" gaben sich führende Chemie-Manager ein Stelldichein, um über die Perspektiven ihres Industriezweiges zu beraten. Während draußen die Polizei auf Menschen einprügelte, die ihrem Protest gegen die Praktiken der Chemieindustrie Ausdruck verleihen wollten, avancierte drinnen die Bio- und Gentechnologie zur Überlebensformel des Kapitals. Der Mediziner Jürgen Drews, Vorstandsmitglied der Firma Hoffmann-La Roche und Co.AG Basel, gab sich ökologisch (7). Er bestritt nicht einmal, daß die Chemie bereits als Methode etwas Gewaltsames hat: das Arbeiten mit hohem Druck, hohen Temperaturen, die Verwendung von aggressiyen Lösungsmitteln ..." seien Belege für die Notwendigkeit, ein akzeptables Verhältnis von Nutzen und Risiken zumindest in einigen zentralen Bereichen der Chemie neu festzusetzen. " Die moderne Molekularbiologie erfülle alle Voraussetzungen, die Chemietechnik zu neuen Ufern zu führen. Drews findie Internationale det die Molekularbiologie „in ihrem experimentellen Grundsatz cher einfühlsam nachvollziehend als gewaltsam gestaltend". Sie sei zudem viel „demokratischer" ; die »im Durchschnitt sehr jungen Menschen" in molekularbiologischen Labors benötigten die hierarchische Formalität chemischer Abteilungen** nicht mehr.
In der Tat: über die offene, egalitäre, liberale, ja oftmals leger erscheinende Atmosphäre in den „Genlabors" kann man nur staunen. Indes, der Schein trügt: ein beinahe unglaublich hohes Maß an individueller Leistungsmotivation, eine durchgängig vordialektische kritische Rationalität und mit Allmachtphantasien gepaarte Erfinder- und Unternehmermentalität sind die eine Seite, der von spätkapitalistischen Konzernstrategien geprägte strategische Wissenschaftsbetrieb die andere Seite der gleichen Medaille: nämlich — was im Detail noch zu zeigen sein wird - die zur Destruktivkraft pervertierenden molekularen Wissenschaften und Technologien.
Grundlagen, Methoden und Konzepte der Gentechnologie
Mitnichten knüpft die Gentechnik an die Jahrtausende alten Kulturtraditionen der Biotechnik an. Brachte uns schon die Antibiotika- Ara mit der Fragwürdigkeit biomedizinischer Forschung in Berührung, so tut dies erst recht eine Technik, die die Manipulation oftmals noch unverstandener Erbfaktoren zur Grundlage hat.
Erbfaktoren: das sind die berühmten Gene, von denen so viel geschrieben wird, über deren Funktion und Regulation wir aber noch verdammt wenig wissen. Die Gene sind im Zellkern lokalisiert und bestehen chemisch aus mehreren Milliarden Grundbausteinen, von denen es im Prinzip vier verschiedene Arten gibt. Aneinandergekettet bilden sie die Kernsäuren (oder Nukleinsäuren), die landläufig mit der Kurzbezeichnung DNS und RNS benannt werden. Die Reihenfolge der DNS- Grundbausteine — in der Fachsprache als Sequenz bezeichnet - bestimmt die Erbinformation. Die DNS liegt doppelsträngig vor und ist infolgedessen in der Lage, sowohl sich selbst zu vervielfältigen als auch von der Boten-RNS abgelesen und letztendlich in Proteine übersetzt zu werden. In den 50er Jahren wurde die DNS-Struktur entschlüsselt; 1973 gelang es zum ersten Mal, ein Stückchen „fremde" DNS in das Erbgut eines E.coli-Bakteriums einzuschleusen und es auf diese Weise zu vermehren (8). Dies ist das entscheidende Konzept der Gentechnik.
Es ist nicht zu leugnen, daß sich durch die Gentechnik neue, teilweise bahnbrechende Einblicke in die genetische Struktur eröffnet haben. So erkannte man beispielsweise, daß die DNS zu etwa 98% inaktive Bereiche enthält. daß Gene aus vielen Untereinheiten bestehen, • die vor dem Übersetzen zusammengefügt werden müssen, und daß zudem viele Proteine von mehreren, zuweilen einer großen Zahl verschiedener Gene codiert werden; es zeigte sich sogar eine Rückwirkung — vom Standpunkt der DNS aus geschen — von Umweltbedingungen auf die Gene und deren Informationsgehalt. Gerade die zuletzt angesprochenen Fragen der Grundlagenforschung sind ganz im Gegensatz zu ihrer allgemeinen Bedeutung nur einem kleinen Teil der wissenschaftlichen Elite zugänglich. Weitaus interessanter für die wissenschaftliche Verwertung, daher auch finanziell und publizistisch stark gefördert, entwikkelte sich rasch eine Richtung der Gentechnik, die auf die verwertbare Produktionsleistung der eingeschleusten Gene abhob. Ende der 70er Jahre gelang die Isolierung des Insulin- Gens.
Aus Zellen der Bauchspeicheldrüse wurde Boten-RNS gewonnen und in DNS umkomponiert. Nunmehr wurde es möglich, Humaninsulin auf genetischem Weg herzustellen. Die Hoechst AG begann 1985 mit dem Aufbau ciner genetischen Insulinproduktionsanlage (9). Abgesehen von einer ganzen Reihe medizinischer Probleme im engeren Sinne — eine noch nicht abzuschätzende Zunahme von Allergien und anderen Unverträglichkeiten — wird die zu erwartende Ausweitung der Insulinproduktion weitreichende gesundheits- und sozialpolitische Folgen nach sich ziehen. Statt die psychosozialen Verhältnisse, die für den Ausbruch der Zuckerkrankheit mitverantwortlich sind, zu bekämpfen und die dazu notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen anzugehen, wird ein wachsender Teil der Bevölkerung in die Abhängigkeit von der medikalisierten Medizin getrieben. Augenscheinlich liegt das derzeitige Hauptinteresse der Chemieindustrie, was die Gentechnik betrifft, auf dem Pharmasektor.
Der Industrie geht es um die Produktion biologisch interessanter Proteine (wie z.B. Hormone, Immun-Signalstoffe, Impfstoffe, Gerinnungsfaktoren, Vitamine, Aminosäuren usw.) durch erbgleiche genmanipulierte E.coli-Bakterien, die auch als Klone bezeichnet werden. Wie sehr hierbei die ökonomische Verwertbarkeit das Medizin-Verständnis bestimmt, läßt beispielsweise der Hoechst-Wissenschaftler Jürgen Pünther im Zusammenhang mit der Krebsforschung erkennen. Die Mutation (die Veränderung unserer Erbsubstanz durch Chemikalien und Strahlen) sei „nicht der einzige relevante, vielleicht nicht einmal der wichtigste Mechanismus der Krebsentstehung." (10) Wer jetzt erwartet, daß damit auf die bislang stark unterschätzte Bedeutung nichtmutagener, krebsfördernder Stoffe wie z.B. der Dioxine, vieler Pestizide, Medikamente oder auch der Weichmacher in den Kunststoffen angespielt würde, hat sich getäuscht. Die Aktivierung besonderer DNS-Abschnitte, oft als ,,Krebsgene** (oder Onkogene) bezeichnet, durch solche Industrieprodukte wäre die eigentlich entscheidende Frage. Pünther geht schlicht und cinfach von bereits aktivierten Onkogenen aus, die in
diesem Zustand Krebsproteine und Krebszellen produzieren. Hoechst interessiert sich nicht für die Ursachen, sondern für diagnostische und therapeutische Möglichkeiten, ein Konzept, das nach der Einschätzung anderer Wissenschaftler sicherlich Geld bringen wird, eines aber bestimmt nicht: die Lösung des Krebsproblems; eher werden damit neue Probleme geschaffen (vgl. Gefahren-Kapitel). Die pharmazeutische Gentechnik überlappt sich mit einem weiteren methodischen Ansatz, der sich ebenfalls seit Ende der 70er Jahre rasch entwickelt hat: die gezielte Produktion von Immun-Proteinen - in der Fachsprache monoklonale Antikörper — durch Fusion von Immunzellenklonen mit (unsterblichen) Mäusekrebszellen (11). Die Antikörper können mit anderen, biologisch wichtigen Proteinen reagieren und diese dadurch auffindbar machen. Beide genannten Ansätze haben, direkt oder indirekt, mit der Neukombination des Erbmaterials zu tun ; beide bedienen sich biologischer Manipulationstechniken, deren medizinische, ökologische und sozialpolitische Gefahrendimension noch gar nicht ausgelotet und infolgedessen noch weitgehend unbekannt ist. Es kommt hinzu, daß mit der Erzeugung chemisch analysierbarer Mengen an biologisch wichtigen Proteinen die Rückübersetzung in die molekulare Sequenz der betreffenden Gene möglich wurde; Teile davon dienen sodann als „molekulare Spürhunde" für die Analyse von Erbanlagen, für genetische Diagnostika, die heute schon, beispielsweise von Boehringer Mannheim, auf dem biomedizinischen Markt angeboten werden. Antikörper zur Erkennung kranker Zellen ergänzen den molekularen Diagnostik-Set.
Anpassung durch Genanalyse und Selektion
Die technischen Möglichkeiten verstärken den gesellschaftlichen Druck, genetische Verschiedenheiten in „normal" und „abweichend" zu selektieren, abweichende Genstrukturen als Anfälligkeiten zu deuten, vermeintliche Anfälligkeiten in Erbkrankheiten umzudefinieren und deren Träger zu stigmatisieren, auszusondern, in der Konsequenz der Ghettoisierung auszuliefern. Die Gentechnik entwikkelt derzeit Diagnostika gegen Krankheiten, die man noch gar nicht kennt oder die keinerlei Therapie zugänglich sind. Als Rettung wird der biomedizinisch-industrielle Komplex das ist heute schon abzusehen — gentherapeutische Methoden propagieren, beispielsweise das Einschleusen „fehlender Gene" in (Retorten)-Embryozellen mit Hilfe von speziellen Viren, die als „Nebenwirkung" dann wahrscheinlich das Risiko von Krebserkrankungen erhöhen werden (12).
Wenn auch die Entwicklung gerade solcher Techniken, die auf eine Biologisierung sozialer Probleme hinauslaufen, schnellstmöglich gestoppt werden sollte, so hat gleichwohl die die Internationale molekularbiologische Forschung in manchen Bereichen Methoden hervorgebracht, die in einem anderen sozialen Kontext möglicherweise diskutabel wären. So gibt es unterhalb der Ebene gendiagnostischer Verfahren eine Reihe von genetischen Untersuchungsmethoden, die eine beginnende Schädigung durch schädliche Arbeitsstoffe anzeigen. DNS- Bausteine beispielsweise, die durch krebserzeugende Substanzen verändert wurden, können mit Hilfe von speziellen Antikörpern - die mit einem Fluoreszenzfarbstoff ,,markiert" sind - aufgesucht und „sichtbar" gemacht werden. Unter den derzeitigen gesellschaftspolitischen Verhältnissen mit einer derart kapitalverflochtenen Arbeitsmedizin, wie wir sie in der BRD oder den USA haben, muß jedoch die Anwendung dieser Methoden grundsätzlich abgelehnt werden (13). Das „einfühlsam Nachvollziehende", von dem Drews so schwärmt, ist ein verkehrter Schein einer in Wirklichkeit gewaltsamen Gestaltung" aller natürlich-sozialen Verhältnisse. So wenig die Produktivkraftentwicklung die jahrzehntelange Überfälligkeit ihrer bewußten Vergesellschaftung getreu ihrer „reinen Kategorie" überleben konnte, so sehr wurde das Gerede vom „Ergründen der Natur" zur Ideologie. Die Zielsetzung, wie sie ein BASF-Werbefilm anspricht, nämlich der Natur auf die Sprünge zu helfen ,, oder sogar „Nachhilfeunterricht" zu erteilen, verrät schon cher etwas von der dahinterstehenden totalitären Allmachtphantasie. Deutlicher wird ein Film, den Hoffmann-La Roche zusammen mit Ciba Geigy und Sandoz in die Matineen brachte: Das immer weitere Auseinanderklaffen zwischen Umweltbedingungen und biologischer Eignung ist Ursache für 80 Prozent aller Krankheiten..." , heißt es da. Nicht jedoch die Entgiftung und Vermenschlichung der Arbeits- und Lebensbedingungen stehen auf dem Programm der Chemiekonzerne, son dern ein Diagnostik- und Pharmaboom ungeheuren Ausmaßes; dazu bedarf es einer Umwertung aller Begriffe. Originalton: „Unsere sinnlos gewordenen Instinkte und Affekte können wir heute nur noch als Krankheit betrachten. Der wiederangepaßte Mensch, Alptraum oder Wunschtraum, ist auf jeden Fall eine biologische Notwendigkeit." (14) Veränderung des Sozialen wird tabuisiert, um Eingriffe ins Biologische zu rechtfertigen; die zahllosen Forschergruppen an Universitäten und Instituten arbeiten, gewollt oder ungewollt, den Strategien eines Weltbildes in die Hände, das den „schönen neuen'Menschen" anvisiert, kompatibel mit den Weltmarkt- und Weltmachtplänen des Chemiekapitals.
Neue Fortpflanzungstechniken auf dem Vormarsch
Methoden der Gentechnik haben sich in den Scheinbar unabhängig von den geschilderten letzten Jahren neue Fortpflanzungstechniken entwickelt. Dazu gehören auch die Reagenzglasbefruchtung (in-vitro-Fertilisation) Keimzellen und das Einfrieren von in-vitroentstandenen Embryozellen bzw. Embryonalgewebe, welches nach dem Auftauen und Wiedereinpflanzen 1984 zur Geburt des ersten „Retortenbabys" führte. Gleichzeitig bietet die in-vitro-Fertilisation die Voraussetzung für künftige gentechnische Eingriffe an Embryonen und somit in die menschliche Keimbahn. Das ist sozusagen die „Schnittstelle" zwischen Gynäkologie, Humangenetik und Molekularbiologie.
Die amerikanische Frauenrechtlerin Gena Corea, deren Öffentlichkeitsarbeit fundierte Sachkenntnis und emotionales Engagement mit- einander verbindet, sicht diese Entwicklung in ganz besonderer Weise durch cinen spezifisch männlichen Machbarkeitswahn begründet, der die Frau auf ihre reine Funktion als Sexual- und Gebärmaschine reduziert (15). Allerdings räumt auch Gena Corea ein, daß viele Frauen, die den gebildeten Mittelklassen angehören, ebenfalls Anhängerinnen dieser biologistischen, rassistischen, herrschaftsorientierten und lebensfeindlichen Ideologien sind. Corea, deren Bücher und Aufsätze in der BRD weite Verbreitung gefunden haben, weist auf die Tendenz hin, daß Hunderttausende von Arbeiterinnen, die durch giftige, daher keimzellschädigende Arbeitsstoffe schwer belastet sind, zur Sterilisation gezwungen werden und ihrem Kinderwunsch durch das Angebot, Retortenbabys auszutragen, entsprochen wird.
Die modernen medizinischen und biologischen Techniken remobilisieren eugenisches Gedankengut. Eugenik ist die Lehre davon, wie die genetische Basis des Menschen durch Auslese und Züchtung dem Gesellschaftsbild der Herrschenden angepaßt werden kann. Eugenik bedeutet in der Konsequenz die wissenschaftliche Zurichtung des Menschen; im Faschismus fand sie ihre grauenvollste historische Ausprägung.
Es gilt daher, gesellschaftliche Verhältnisse anzuklagen, in der „Produktionsstandards"* für Kinder vorgeschrieben werden, in der Behinderten noch weniger Toleranz entgegengebracht wird, in der die Fortpflanzung kommerzialisiert und die Menschenzüchtung als bevölkerungspolitisches Kalkül des internationalen Kapitals wissenschaftlich hoffähig gemacht wird. Die wissenschaftliche Eugenik demonstriert außerordentlich klar die Komplexität der herrschenden Gesellschaftsformation, die im Biologismus eine breite ideologische Massenbasis besitzt. Ebenso deutlich wird damit aber auch die Notwendigkeit umfassender gesellschaftlicher Veränderungen, die dem Biologismus jede Grundlage entziehen. Die Gefahren: Fakten, Hypothesen und Zusammenhänge
Der Ostberliner Biologe Jakob Segal trat kürzlich mit der These an die Öffentlichkeit, das AIDS-Virus sei ein Produkt bewußter Gemanipulation des Pentagon (16). Hier ist nicht der Ort, den zweifelhaften Prämissen der Segalschen These in allen Einzelheiten nachzugehen. Dies hat kürzlich ein unter dem Pseudonym Bobby Hatch schreibender westdeutscher Molekularbiologe getan (17). Während Segal das AIDS-Virus als bewußt konstruiertes Produkt militärischer Forschung ansicht, das über den Weg nicht mehr kontrollierbarer Menschenexperimente verbreitet wurde, setzt Hatch's These auf einer früheren Ebene an und impliziert daher eine viel grundsätzlichere Kritik. Hatch kam bei seiner Recherche zu dem Ergebnis, daß die Virusexperimente Mitte der 70er Jahre aufgrund weitgehend unverstandener Grundlagen als solches bereits unkontrollierbar waren und cher einem „russischen Roulette" glichen als ciner planvollen Konstruktion. Von daher wurden auch ohne Militär Gefahrenpotentiale von ungeheurer Zerstörungskraft in die Welt gesetzt. Oder anders formuliert: Segal geht, wie seine ameri kanischen Widersacher auch, von der grundsätzlichen Machbarkeit und Beherrschbarkeit der Gentechnik aus.
Booby Hatch bemerkt mit Recht, daß die Auseinandersetzung um Segals Thesen mit zum Teil haarsträubenden Argumenten geführt" wurde, welche die ,,Unkenntnis des Publikums schamlos* ausnützten. So schätzt Mainrad Koch vom Bundesgesundheitsamt die Überlebenswahrscheinlichkeit genmanipulierter Mikroben „in freier Wildbahn" gleich Null ein (18), während gleichzeitig in den USA und auch in der BRD Freilandversuche mit ebensolchen Organismen angestellt werden (19). In weiten Teilen der Segal-Debatte wurden die tatsächlichen Risiken beim Umgang mit Retroviren, zu welchen das AIDS-Virus gezählt wird, völlig ignoriert. Hatch: Die Apologeten des derzeitigen Goldrausches in der Biotechnologie müßten den Segals geradezu dankbar sein, daß sie von wissenschaftsimmantenten Gefahren ablenken, das Problem auf ein einziges Militärlabor reduzieren und dem Ganzen noch den Beigeschmack des Ost—West- Konfliktes verpassen." Hatch zeigt in seinem Beitrag, daß sich das heute bekannte AIDS-Virus mitnichten in Afrika, sondern eindeutig in den USA herausgebildet haben muß. Nach ausführlicher Diskussion molekularbiologischer Details bleibt es allerdings immer noch — und wahrscheinlich auch in Zukunft - rätselhaft. wo exakt der Ursprung des Virus liegt. Der von Hatch bereits 1984 in verschiedenen Publikationen geäußerte und von anderen Molekularbiologen bestätigte (20) Verdacht, AIDS könne unbeabsichtigtes Produkt moderner molekularbiologişcher Labormethoden gewesen sein, bleibt bestehen.
Auf dem Gentechnik-Symposium des Öko-Instituts 1986 in Heidelberg hat die Molekularbiologin und Gentechnik-Kritikerin Regine Kollek bereits deutlich auf Indizien hingewicdie Internationale sen, dall ganz generell solche Viren unbeabsichtigtes Nebenprodukt biomedizinischer Großforschung sein können (21). Erst seit drei Jahrzehnten ist man in der Lage, Säugerzellen im Reagenzglas zu kultivieren (Säugerzellkulturen), allerdings um den Preis von Zellveränderungen, die mit der Unsterblichkeit von Krebszellen verwandt sind. Allein hier schon entwickeln sich verschiedene Viruspartikel. entsprungene Gene", die sich in einer entsprechenden Umwelt - dies vor allem in Immunzell-Kulturen - zu neuen, gefährlichen Viren kombinieren können. Solche Viruspartikel sind beispielsweise Retroviren. Sie bestehen aus RNS, die in DNS umkopiert und in das Genom der Wirtszelle eingebaut werden kann. Anfang 1987 räumte auch die Enquete-Kommission "Chancen und Risiken der Gentechnologie" in ihrem Abschlußbericht ein, „daß dank der neuen zellbiologischen und gentechnologischer Verfahren jetzt in vielen Laboratorien mit großen Kulturvolumina in vielen Zellpassagen gearbeitet wird..." (22), was die Wahrscheinlichkeit von Virus-Virus oder Virus-Krebsgen-Kombinationsereignissen erhöhe, die einen nicht zu leugnenden „Risikofaktor* darstellten. Die Kommission schließt nicht aus, daß die 1986 kurz hintereinander aufgetretenen Falle einer seltenen Krebsform bei Mitarbeitern des Institut Pasteur in Frankreich mit solchen Ereignissen in Verbindung stehen (23). Auch die neuen Richtlinien der Zentralen Kommission für biologische Sicherheit" weisen darauf hin, es könne „nicht immer vorausgeschen werden, wie sich die durch die neuen Nukleinsäurekombinationen veränderten Organismen verhalten werden, wenn sie in die Umwelt gelangen... Gleichzeitig wird mit ungewöhnlich hohen Erregerkonzentrationen gearbeitet..." (24). Je mehr man die Experten zu konkreten Aussagen zwingt, desto weniger können sie das hohe Gefahrenpotential dieser neuen Techniken leugnen. Daher flüchten sich die meisten „Sachverständigen" in Allgemeinplätze über „Restrisiken" oder in pure Glaubenssätze. Industrielle Anwendung:
Vervielfältigung der Gefahren
Sind schon im Labormaßstab die Risiken nicht zu übersehen, so stellt sich diese Frage angesichts des nunmehr beginnenden industriellen Maßstabs umso ernsthafter. Die Dimensionen sind beachtlich : das Volumen moderner Fermenter, wie diese Tanks bei mikrobiologischen Verfahren genannt werden, beträgt heute schon bis zu 240 Tonnen. Sie stehen unter Überdruck, um eine Infektion der Biomasse zu vermeiden. Umgekehrt bedeutet dies eine dauernde potentielle Leckage, vor allem an den Wellendurchführungen für Rührer und Pumpen (25).
Isolde Stumm, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Öko-Instituts, kommt nach der sorgfältigen Analyse von technischen Unterlagen der Her steller zu dem Schluß, daß das Entweichen von nennenswerten Bakterienmengen und somit eine „erhebliche Gefährdung der Beschäftigten sowie der Allgemeinheit" einkalkuliert ist (26). Können schon hierdurch Allergien, Autoimmunerkrankungen oder Immunschwäche- Syndrome verursacht werden, so muß uns die Vorstellung, daß sich solche Bakterien in „ökologische Nischen" — sowohl in der Umwelt als auch beispielsweise im Darm antibiotika-geschwächter Menschen - ansiedeln können, mit größter Sorge erfüllen. Daß diese Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen ist, hat Isolde Stumm an Hand sorgfältiger Recher chen für eine Sicherheitsstudie im Auftrag des früheren hessischen Umweltministers Fischer (Grüne) belegt. Bakterien können, da sie enorm vermehrungsfähig sind, im Gegensatz zu chemischen Giften ihr Gefahrenpotential vervielfältigen und Infektionen verursachen. von denen Verlauf, Krankheitsbild und Therapie völlig unbekannt sind.
Außerordentlich bedenklich sind zudem die staatlich geförderten Bemühungen, gentechnisch veränderte Säugerzellkulturen einzusetzen (27). Denn bestimmte Proteine, z.B solche mit Zucker- und Phosphatgruppen, oder auch bestimmte Impfstoffe können von Bakterien nur schwer produziert werden. Bereits in „normalen" Säugerzellkulturen ist Insidern die periodisch auftretende Durchseuchung mit Retroviren bekannt, die außerordentliche Ge fahren für das Personal beinhaltet (28). Daß bisher nur wenige Fälle von Infektionen bekannt geworden sind, ist angesicht möglicherweise jahrzehntelanger Latenzzeit kein Argument. Die Gefahren gelten umsomehr für genetisch veränderte Zellinien, die Viruskombinationen mit völlig unbekannten Wirkungsspektren hervorbringen können.
Ein weiteres Beispiel mag die Richtung verdeutlichen, die der herrschenden Forschungskonzeption eigen ist. Ditta Bartels hat auf dem Heidelberger Symposium auf die geplante Produktion großer Mengen von Onkogen-(Krebsgen)-Proteinen (29) hingewiesen, mit deren Hilfe Antikörper für Diagnostik und Therapie hergestellt werden könnten. Sie weist eindringlich darauf hin, daß das Risikopotential einer solchen Technik noch weitgehend unerforscht ist und daß es möglich sei, daß unter der Fahne der Krebsbekämpfung eine neue, vielleicht noch wesentlich heimtückischere Krebssaat ausgebracht wird.
In Kombination mit der Überfülle an erbverändernden und krebserzeugenden Faktoren in unserer Umwelt wandelt sich die Chemie- , Bio— und Gentechnik zu einer unberechenbaren Zeitbombe für den Menschen und seine Lebensbedingungen; denn im Gegensatz zur Atomtechnik kennen wir das Gefahrenpotential noch nicht einmal in Umrissen. Zumindest aber stößt die experimentelle Krebsforschung immer wieder auf das Faktum, daß der strahlen— und chemiebedingte Angriff auf die Zelle deren Anfälligkeit für die Wirkung von körpereigenen oder eingedrungenen Virusgenen
oder Krebsgenen erhöht bzw, umgekehrt. Statt auf eine schnellstmögliche Reduzierung der industriell erzeugten Risiken hinzuwirken, konzentriert sich jedoch das herrschende Konzept auf die Frage, wie das Kapital an dem von ihm verursachten Schäden am besten profitiert.
Die Freisetzung von manipulierten Organismen und Biostoffen
Charakteristisch für den Machbarkeitswahn der beteiligten Naturwissenschaftler sind die Freisetzungsversuche mit gentechnisch manipulierten Bakterien (30). Ohne ernsthaft das Risikopotential auch nur annähernd abschätzen zu können, wird von der Fixierung des Luftstickstoffs, von „ökologischem" Insektenschutz oder vom ,schnelleren Abbau chemischer Rückstände" gesprochen. Alarmierend ist die Situation insofern, als sich einflußreiche Bioforscher noch nicht einmal um das von der Enquête-Kommission geforderte fünfjährige Moratorium scheren und bereits heute ins Geschäft einsteigen. Die Kommission sicht - bei grundsätzlicher Befürwortung — durchaus ernsthafte Gefahren. Sie bestreitet nicht, daß bei der „Aussetzung großer Mengen gentechnisch veränderter Organismen die Wahrscheinlichkeit von Genrekombinationsoder Genübertragungsereignissen größer (wird), was veränderte Stämme mit unbekanntem Eigenschaftsspektrum zur Folge haben könnte." Und sie formuliert unmissverständlich: „Neue Genkombinationen können prinzipiell zur Veränderung der Pathogenität (d.h. der krankheitserregenden Wirkung, d.V.) cines Organismus führen" (31).
Verstärkt ist die Chemieindustrie darum bemüht, ihre Strategien als Fortführung der „Chemie der Natur" darzustellen. Damit sollen die Unterschiede zwischen der ungeheuer komplexen und ökologisch sinnvollen Biochemie und der eindimensionalen, aufpfropfenden, umwelt— und gesundheitsbedrohenden Industriechemie, so wie sie heute betrieben wird, verwischt werden. In der BASF wird beispielsweise an der Entwicklung von gentechnisch hergestellten Insekten-Sexual-Lockstof- (Pheromone) gearbeitet (32), ökologisch ungleichgewichtig und unspezifisch angewandt, mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen können. Ebenfalls in der BASF entsteht ein gentechnisch verändertes Bakterium (Bazillus thuringiensis), das ein für Insekten schädliches Gift aussondert (33). Das bedeutet jedoch mitnichten, daß eine Verringerung der Produktion chemischer Gifte zu erwarten wäre (34).
Entgegen den Behauptungen des eingangs zitierten Hoffmann-LaRoche-Managers Drews denkt die Chemieindustrie überhaupt nicht daran, die „harte Chemie" zu überwinden: Forschergruppen der Bayer AG entwickeln, zusammen mit dem Max-Planck-Institut für die Internationale
Züchtungsforschung in Köln, Nutzpflanzen mit gezielt eingebauten Resistenzgenen gegen das Breitbandherbizid Atrazin (35). Dieser Stoff aus dem Arsenal der chemischen Keule" besitzt stark erbgutverändernde Eigenschaften. Andere Herbizide wie 2.B. Chlorosulfon, für die bestimmte Resistenzen „maßgeschneidert" werden, sind toxikologisch überhaupt noch nicht untersucht worden (36). Darauf hat die Mutagenitätsforscherin Gisela Nass auf dem Heidelberger Symposium eindringlich hingewiesen. In der Konsequenz würde die Ausbringung dieser Substanzen cher erhöht als vermindert werden, die Vergiftung der Lebensmittel und unserer Gewässer, mittlerweile auch des Grundwassers, nähme zu. Außerdem, so Gisela Nass, harrt auch der Stoffwechsel der gentechnisch veränderten Rflanzen noch einer grundlegenden Untersuchung. Niemand kann bisher sagen, ob nicht dabei wiederum Stoffe enstehen, die für andere Organismen Gifte darstellen (37). Wer glaubt, daß unter diesen Bedingungen wenigstens der Staat eine gewisse Risikoforschung in diesem Bereich anregen und fördern würde, hat sich getäuscht. Die Bundesregierung, ermutigt durch den nur wenig getrübten Freibrief der Enquête-Kommission, will z.B. die Überschußprobleme der Landwirtschaft durch die Förderung von Züchtung und Klonierung industriell direkt verwertbarer Nutzpflanzen lösen (38). Stärke, Zucker, Fette und Biweiße in der richtigen Zusammensetzung kreieren die neuen „Industriepflanzen". Der Boden wird weiter ausgelaugt, unser Trinkwasserreservoir weiter vergiftet, die Schere zwischen Umweltbedingungen und Biologie und somit auch die Notwendigkeit deren totalitärer Umformung größer.
Die widersprüchliche Haltung der Gewerkschaften
Zwar erschien in den Mitteilungen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts des DGB (WS/-Mitteilungen) eine erstaunlich gründliche und kritische Analyse der Bio-