Interview mit Jorge Flores vom MIR Für einen Neuanben einige Teile der Linken auch begonnen, die Vorstellung zu verbreiten, daß man die Diktatur politisch schlagen fang der revolutiomüsse, während andere, darunter wir, an der Vorstellung festhielten, die Diktatur müsse gestürzt werden. 1986 wollten die Arbeiter und die Bevölkerung im allgenären Linken!
• Wie würdest Du die Lage der chilenischen Linken heute beschreiben?
• 1986 hat die Linke eine Niederlage erlebt, weil sie das Jahr 1986 zum entscheidenden Jahr erklärt hat. Wir hatten für unseren Teil einige Zweifel, ob es einen Sinn macht, irgendein Jahr zum entscheidenden Jahr zu erklären. Wir hielten dieses Jahr für entscheidend für die Akkumulation unserer Kräfte, aber nicht für den Sturz der Diktatur. 1986 ist die Linke auf Schwierigkeiten gestoßen bei der Verwirklichung ihres Projekts einer Volksdemokratie. Zunächst einmal hat sie einige wichtige Programmpunkte der MDP fallen lassen - das Programm der MDP ist das linkeste, das die chilenische Linke jemals zusammen erarbeitet hat. 1986 hameinen in ihrem Kampf weiter gehen als sie es konnten. Die Parteien hinkten hinterher, z.B. im Aufbau von Organen der Volksmacht, wie sie im Programm der MDP gefordert werden. Die MDP versteht sich nicht nur als politischer Ausdruck der Massenbewegung, sondern auch als Kern ihrer Kampforganisationen und als deren Führung. Als das Attentat aut Pinochet scheiterte, wurde es nicht nur als legitimer Teil des demokratischen Kampfs des chilenischen Volkes verstanden; dadurch wurde auch der Prozeß der Institutionalisierung der Diktatur beschleunigt. Die Verhängung des Ausnahmezustands war ein Rückschlag für die
Linke; für die Bevölkerung bedeutete er Terror und Unterdrückung. Dieser Zustand dauerte fünf Monate; die Diskussion innerhalb der Linken, ob die Diktatur gestürzt werden soll oder ob sie politisch geschlagen werden muß, ähnlich wie in Argentinien oder in Uruguay, hat sich seitdem zugespitzt. In diesen beiden Ländern fiel die Diktatur nicht durch eine Massenbewegung; wir können sehen, was das heute in Argentinien für Folgen hat. Der Rückgang der Linken hat Probleme und Krisen in den Linksparteien ausgelöst. Das gilt für die Kommunistische Partei, auch für die Sozialistische Partei-Nuñez. Doch glaube ich, daß es 1987 wieder gute Chancen gibt, neue Initiativen zu ergreifen und den Mobilisicrungen wieder eine Perspektive zu geben. Was die Linke in die Defensive getrieben hat, das war nicht das gescheiterte Attentat gegen Pinochet, sondern die Entdekkung des Waffenlagers (1). Der Typ und die Menge der Waffen ließen auf eine Konfrontation auf höherer Stufenleiter schließen, das stellte einen Teil der Linken vor ein großes Problem.
• Heißt das, daß die Tatsache, daß die FPMR sich zu diesem Waffenlager bekannt hat, die Linke in Angst und Schrecken versetzt hat?
Nein, nicht in Schrecken. Aber man muß sehen, daß ein Teil der Linken eine reformistische Tradition hat. Bis 1980 hat nur der MIR Formen des bewaffneten Kampfes gegen die Diktatur praktiziert. Von 1980 an ist die KP auf die Linie der Volksrebellion eingeschwenkt, mit Massenmobilisierungen, Milizkämpfen und dem Aufbau der FPMR. Das bedeutet jedoch nicht, daß Teile der Linken die reformistische Politik aufgegeben hätten; heute gewinnt sie wieder an Aktualität. Es wäre falsch zu sagen, die Linke habe den Reformismus überwunden; die Sache mit dem Waffenlager hat diese Kontroverse wieder zum Vorschein gebracht. Die Situation ist schwierig für die Linke; bis 1989 muß sie politisch und gesellschaftlich starke Kräfte akkumuliert haben. Wir müssen von der gegenwärtigen „Öffnung" profitieren, um organisatorisch stärker zu werden, größere Kampfkraft zu entfalten.
• Der MIR hat sich gespalten. Um welche Differenzen ging es dabei, woher kommen sie, was bedeuten sie in der Praxis?
• Der MIR hat sich nicht gespalten, er steckt in einer tiefen Krise, die zu einem Bruch führen kann.
Es handelt sich um die Krise einer revolutionären Organisation. Der MIR ist in den Folgen der kubanischen Revolution entstanden, die bei allen lateinamerikanischen Revolutionären große Hoffnungen geweckt hat. Die Revolution ist das einzige Ziel des MIR. Programm, Taktik, Strategie verändern sich mit der Weiterentwicklung der chilenischen Gesellschaft selbst, aber immer sind sie dem einen Ziel, der Revolution untergeordnet. Alle Krisen, die die Partei erlebt hat, waren Krisen zwischen Revolutionären, nicht persönliche Auseinandersetzungen zwischen Individuen.
Die heutige Krise ist sehr ernst. Die Entstehung des MIR bedeutete den Bruch mit dem Reformismus. Der MIR hat sich von Anfang an von anderen Strömungen der Linken dadurch unterschieden, daß seine Strategie und Taktik auf die revolutionäre Machteroberung gerichtet waren und sich abgrenzten von Etappenvorstellungen über den revolutionären Prozeß, wie sie die Reformisten vertreten., Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen und es gibt immer noch keine Bilanz darüber, welche Ziele sich der MIR gesetzt hat und was er erreicht hat. Man muß auch sagen, daß die Krise nicht nur den MIR getroffen hat, sondern die gesamte lateinamerikanische revolutionäre Linke. In der Krise ist heute die Konzeption der revolútionären Strategie und Praxis der sechziger Jahre. Die revolutionäre Vorhut Südamerikas, die Anfang der siebziger Jahre in Argentinien, Bolivien und Uruguay besonders stark war, hat einen großen Rückschlag erlebt.
dich beziehst, die ELN in Bolivien, • Diese Organisationen, auf die du die ERP in Argentinien, die Tupamaros in Uruguay waren alles bewaffnete Organisationen.
• Ja. Heute muß man das Schema der Machteroberung, das die kubanische und auch die nicaraguanische Revolution nahelegten, kritisch überprüfen. Der MIR, der früher eine wichtige Rolle bei der Erarbeitung der revolutionären Theorie der chilenischen Linken gespielt hat, stagniert heute. Unser Verständnis von Marxismus hat uns nicht vorangebracht, sondern auf der Stelle treten lassen. Viele Analysen, die nach 1973 angestellt wurden, bauten auf Kategorien auf, die mit der nationalen CHILE
Wirklichkeit damals nichts zu tun hatten, weil diese Wirklichkeit sich geändert hat. Wir hatten dieselbe Analyse von der Gesellschaft wie 1965. Wir waren zehn Jahre im Rückstand.
Chile hat sich wie jede andere Gesellschaft in zwanzig Jahren stark verändert, vor allem in gesellschaftlicher Hinsicht. Der MIR hat diese Veränderungen nicht zur Kenntnis genommen. Die Arbeiterklasse hat sich geändert. Durch die Diktatur selbst und durch ihre Wirtschaftspolitik sind wichtige Teile der produktiven Wirtschaft an den Rand gedrängt, ganze Schichten der chilenischen Gesellschaft sind aus dem Produktionsprozeß ausgeschlossen worden und sind dennoch Träger von Klassenbewußtsein. Natürlich führen diese gesellschaftlichen Veränderungen auch zu Veränderungen im Klassenbewußtsein. Zwei, drei Jahre nach der Errichtung der Diktatur hat uns diese Situation noch nicht sehr zu schaffen gemacht; aber als wir merkten, daß sie anhalten würde, haben wir daraus die Schlußfolgerung gezogen, daß die Partei sich ändern muß. Solche Veränderungen hat es nicht nur in Chile gegeben. Durch die verschiedenen Diktaturen, die in Lateinamerika mit Hilfe des US-Imperialismus errichtet wurden, wurde ein neues Wirtschaftsmodell eingeführt, das dem gesamten Kontinent aufgedrückt werden sollte. Die Grundlage für die Änderung der Entwicklungsrichtung war in Chile der Staatsstreich vom 11.September 1973. Dadurch ist ein großer Teil des kulturellen und politischen Erbes der Arbeiterklasse zerstört worden. Es gibt heute mehr Chilenen, aber weniger von ihnen sind organisiert. Ca.fünf Millionen Menschen gehören keiner gesellschaftlichen Organisation an. Sie verschaffen sich sporadisch Ausdruck in den protestas, aber sie gehören keiner Massenorganisation an, die sie ständig vertritt. Diese Analyse der Struktur der Gesellschaft ist ein Streitpunkt zwischen uns.
Ein anderer Streitpunkt ist die politische Praxis, die sich unseres Erachtens immer noch an Konzepten der Stadtguerilla orientiert. Natürlich hat es eine Kritik der Focus-Theorie gegeben, in der Art, wie sie Anfang der 60er Jahre vertreten wurde: die Landguerilla, der Funke, der den Steppenbrand auslöst, usw. Aber die Praxis der Stadtguerilla hat man beibehalten, in Ermangelung politischer Perspektiven für die Gesamtgesellschaft. Ich spreche von der Politik des MIR 1978, als seine strategische und taktische Linie hauptsächlich auf Teile der Linken zielte,
CHILE auf die Reste der Unidad Popular, die jetzt wieder aktiv werden. Es war richtig, sich an diese Schichten zu wenden, es war aber nicht richtig, die weniger fortgeschrittenen Sektoren völlig zu vernachlässigen. Diesen Fehler des politischen Foquismus haben wir 1983 teuer bezahlt. Zu jener Zeit wurden sehr konkrete Vorschläge für Milizkämpfe, bewaffnete Propaganda und den Aufbau der Guerilla gemacht. Auch das war an sich nicht falsch. Falsch war, daß es nicht eingebettet war in eine politische Gesamtsicht. Dieser Foquismus greift nicht und isoliert uns von den andern Teilen der Linken. Wir glauben, daß Teile der Partei dem chilenischen Volk eine militärische, keine politische Perspektive geboten haben. Dies liegt den Polemiken und Auseinandersetzungen zugrunde, die sich in der Partei entwickelt haben und die zur offenen Krise geführt haben.
Zunächst einmal sind wir uns nicht einig über die Bilanz. Wir meinen, bei allem was der MIR getan hat, was er geschaffen hat, beim Verhalten seiner Mitglieder, ihrer Aufopferungsbereitschaft, dem Mut, mit dem sie gegen die Diktatur gekämpft haben, hätte die Partei einige Erfolge erzielen müssen.
Die große Mehrheit der Mitglieder und der mittleren Kader ist nicht mehr bereit, eine Politik mitzumachen, die zum Scheitern verurteilt ist. Eine Organisation kann nicht überleben bei so vielen Niederlagen, da läuft etwas verkehrt. Wir wollen eine Politik, die uns zum Sieg führt, wollen daß der MIR das Instrument des Kampfs der Arbeiterklasse und der armen, unterdrückten Bevölkerungsschichten wird. Wir denken, daß der MIR in der Lage ist, eine Politik zu betreiben, die zum Erfolg führt, wenn die gesamte Partei an der Ausarbeitung der politischen Linie beteiligt wird.
Die Ausarbeitung der politischen Linie ist nicht der Erbhof der Führung, die sie dann an die Organisation weitergibt. Das ist eine tödliche Praxis, sie schadet der Leistungsfähigkeit der Partei. Wenn wir dabei Erfolge hätten, gäbe es keine größeren Probleme, aber das ist nicht so. Es müssen alle Mitglieder des MIR an der Ausarbeitung der Parteilinie beteiligt werden: darüberhinaus gilt aber auch, dal Revolutionäre nur dann wirklich Bilanz zichen, eine erfolgversprechende Linie ausarbeiten können, wenn sie das Ohr an den Massen haben. Die Partei muß mehr Soldaten, Arbeiter, Bauern, Studenten organisieren, muß sich viel stärker in der Massenbewegung verankern. Sie darf sich nicht damit zufriedengeben, deren theoretischer oder ideologischer Ausdruck zu sein.
• Heißt das, daß die Leute in den Elendsvierteln, den Universitäten, in den Gewerkschaften organisiert und nicht nur für den bewaffneten Kampf rekrutiert werden sollen? • Theoretisch war das so. Das Problem lag in der Praxis. Nehmen wir die Politik um 1980. In den Texten stand etwas anderes geschrieben, als was die Partei in der Praxis machte. Man kann sich nicht nur mit der Theorie zufrieden geben, es muß eine Dialektik zwischen Theorie und Praxis geben. Wir haben unsere Vorstellung vom politisch-militärischen Kader aus den Augen verloren. Diese Vorstellung besagte, daß die militärischen Fragen den politischen untergeordnet sind und die Parteikader eine globale Sichtweise der Dinge haben sollten. In einem Betrieb z.B. geht es darum, im Falle eines Konflikts das Bewußtsein und den Organisationsgrad der Arbeiter zu heben, ihr politisches Verständnis zu verbessern und ihre Selbstverteidigung zu stärken, aber nicht darum, eine konspirative militärische Arbeit zu machen. Diese Abweichung hat der MIR erlebt, sie hat nach und nach dazu geführt, daß die politischen und die militärischen Fragen sich verselbständigt haben. Wir haben heute eine Situation, daß es fast zwei Parteien gibt. Die eine beschäftigt sich mit den militärischen Aufgaben, die andere mit den politischen. Das ist sehr schlimm, weil die Parteiaktivisten, die „Massenarbeit" unter den Studenten, in den Gewerkschaften, Elendsvierteln usw. gemacht haben, für die Massenarbeit rekrutierten und diese stärkten, während die anderen, die sich den militärischen Aufgaben widmeten, für die militärischen Aufgaben rekrutierten. Diese Entwicklung zeichnete sich seit 1979 ab. • Eine solch hermetische Abriegelung der Arbeitsbereiche ist in einer Organisation nicht möglich. Ist das auf kurze Sicht ein Krisenfaktor? • Das ist eine der wichtigsten Ursachen der gegenwärtigen Krise. Es war ein Prozeß, es ist nicht von heute auf morgen so gekommen. Das ist auch durch die gesellschaftliche Situation so entstanden, nicht im luftleeren Raum. Es kann Phasen geben, da gibt es Genossen, die kümmern sich nur um militärische Aufgaben, aber sie müssen immer das politisch—militärische Gesamtkonzept im Hinterkopf haben.
Wir wollen nicht den bewaffneten Arm des Volkes parallel zu den Massen aufbauen, die die „„Politik" machen. Unser Ziel ist, daß das Volk unter Waffen steht. Welche Form das annimmt, hängt sehr von der konkreten Situation ab, ich glaube, da muß man sehr vorsichtig sein. Man muß auch unsere Vorstellung vom revolutionären Kader kritisch bilanzieren. Die revolutionäre Avantgarde in Südamerika wollte den „neuen Menschen,, schaffen. Auch wir wollen die Menschen verändern und wir müssen auch auf dieser Ebene strategische Antworten geben. Auch hier haben wir Differenzen. Wir sehen den Parteikader, wie alle Chilenen, als Protagonisten seiner eigenen Geschichte. Revolutionär ist der, der das Recht für sich in Anspruch nimmt, seine Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. • Schlägt sich das in einer bestimmten Auffassung von der Partei nieder?
• Natürlich. Für uns ist der revolutionäre Aktivist nicht einfach ein Ausführungsorgan, er muß nachdenken und Entscheidungen treffen. In gewissem Sinn finden wir, muß man die Rolle der Führung relativieren. Die Führung prägt die Partei, das geht aber nicht ohne Bilanz, ohne sich mit anderen zu beraten. Eine solche Vorstellung von der Rolle der Führung war in Südamerika aber vorherrschend; sie war auch damit verbunden, daß die politischen Perspektiven sehr kurzfristig angelegt waren; hinzu kamen die Probleme, die mit der Klandestinität zusammenhängen, die stark dazu verführten, aus Kadern „Gehorchende" zu machen. Das war der objektive Hintergrund, vor dem eine ganze Generation von Parteikadern herangewachsen ist, die vor allem ausgeführt hat und nicht selber kritisch an die Fragen herangegangen ist, die ich erwähnt habe. Die Krise kommt, weil man in der Gesellschaft steht, wo diskutiert wird, nachgedacht wird, während das in der Partei nicht geschieht.
Das kann natürlich kein Plädoyer für eine sozialdemokratische Konzeption der Partei sein. Im Gegenteil, das bedeutet, mit revolutionärer Disziplin und Ernsthaftigkeit zu arbeiten.
Im MIR gab es 1979 einen Konsens über die Politik der Führung, eben weil es die Generation der Ausführenden gab, die diese Politik, die ich eher militaristisch als MIDDCUADO 40C
ultralinks nennen würde, mitgetragen hat. Aber damals gab es diesen Konsens, das ist wichtig.
• Wann ist er gebrochen?
• Paradoxerwweise sind die Probleme aufgetaucht, als wir begonnen haben, unseren Kurs zu korrigieren, uns bewußt zu werden, daß wir die Linie revidieren mußten. Nehmen wir die militärische Arbeit, da kenne ich mich gut aus. Wir wollten eine militärische Arbeit unter den Massen treiben, größere Aktionen durchführen, Radiostationen besetzen. Dabei wurden wir uns bewußt, daß wir diese Aktionen allein durchführten. Natürlich weckten sie politische Erwartungen, aber wir wurden dadurch nicht mehr, die Repression gegen uns wurde mit jedem Mal härter, und wir waren mehr und mehr zur Untergrundarbeit gezwungen. Ohne das zu theoretisieren merkt man dann, daß etwas nicht stimmt. Nach und nach wächst eine Strömung in der Partei heran, die den Kurs ändern will und die Politik der Führung ablehnt. Wir waren nicht gegen die strategische Perspektive einer gewaltsamen Konfrontation mit der Diktatur, sondern gegen die Taktik, die dazu verfolgt wurde, wir waren überzeugt, daß sie uns in die Niederlage führen würde. Die nächste Phase kam 1980-81, als unser Guerilla-Projekt Neltume scheiterte. Das war ein langfristig angelegtes Projekt gewesen, kein kurzfristiges. Es war von Grund auf foquistisch, foquistische Landguerilla. Es war weder von Massenarbeit, noch von Parteiaufbauzielen begleitet, es ging nur darum, in die Berge zu gehen. Die Bilanz der Landguerilla von Neltume, gepaart mit der Stadtguerilla, die wir führten, hat den MIR zutiefst gespalten. Ein großer Teil der Parteiaktivisten hat gemerkt, daß die Führung ihre ganze Energie in die militärische Arbeit steckte. Da gab es wenige Genossen, die auf operationellem und militärischem Gebiet enorm viel zu leisten hatten, die starke Verluste erlitten und keine soziale Basis hatten. Auf der anderen Seite gab es in der Massenarbeit analoge Probleme. Die Massenorganisationen wurden einzig und allein für den Massenkampf aufgebaut, und wenn es ein militärisches Problem gab, gingen wir zu den dafür zuständigen Genossen und baten sie, irgendwo eine Bombe zu legen. Wenn die politischen Aufgaben so stark von den militärischen Aufgaben getrennt werden, kann es im revolutionären Prozeß keinen Fortschritt geben. Auf dem militärischen Gebiet haben sich die Dinge dramatisch verschlechtert, viele Genossen sind gefallen; und die, die Massenarbeit HIDOCUADO 4AR machten, waren vereinzelt und verstreut. Hinzukam, daß ein Teil der Führung 1981 behauptete, man könne nicht kurzfristig auf eine Krise der Diktatur setzen, während die Basis der Partei verstand, daß mit der wirtschaftlichen Krise, die Chile durchmachte, auch die politische Krise bald folgen würde. Als 1983 die ersten protestas auftraten, wußte der MIR sich nicht dazu zu verhalten. Die gesamte Partei mußte darauf vorbereitet werden, politisch wie militärisch kühner zu intervenieren. So haben sich die verschiedenen Elemente der Krise gehäuft.
1984 gab es eine wichtige Sitzung des Zentralkomitees. Viele neue Mitglieder nahnmen daran teil, zumeist waren sie kooptiert, das ist auch ein Problem. Trotz der Pseudo-Bilanz über die Zeit von 1973-1983 (über 800 Mitglieder waren ermordet, Tausende verschwunden, hundertzwanzig gefangen, über tausend im Exil) beschloß dieses ZK eine neue foquistische Linie, die den Gang der Geschichte zu beschleunigen trachtete durch die Inszenierung lokaler Aufstände. Die Partei wurde durch diese Politik geschwächt, die nationale Führung desorganisiert, viele Mitglieder wanderten ins Gefängnis oder mußten ins Exil. Schließlich maßte sich das ZK auch noch das Recht an, die Strategie und die Statuten des MIR eigenmächtig zu ändern. 1985 gab es in der Führung bereits eine Strömung, die für eine Kursänderung eintrat. Es wurde eine neue Linie angenommen, die 1985—86 dazu führte, daß der Prozeß der Schwächung der Partei gestoppt werden konnte. Es war nicht die beste Linie, aber zumindest nahm sie sich vor, den MIR an den breiten Bündnissen der Massenorganisationen zu beteiligen, eine neue Jugendorganisation aufzubauen, die,, Juventud Rebelde Miguel Enriquez" wächst, wir arbeiten jetzt zusammen mit den Christen und mit einigen Berufsständen wie den Journalisten — José Carrasco z.B. war Vorsitzender des Journalistenverbands - und wir machen Fortschritte in der Gewerkschaftsarbeit. Diese Politik hat den Aderlaß gestoppt und beginnt Früchte zu tragen: die Partei wächst. • Ist der politische Zeitpunkt günstig für die Massenbewegung?
Ja, die Massenbewegung ist voll im Aufschwung, die Partei bietet politische und militärische Perspektiven, letztere nicht konspirativ, sondern im Sinne der Selbstverteidigung, des Aufbaus von Milizen, die mit der Massenbewegung eng verbunden sind. Wir verfolgen eine Linie des Massenaufstands; dazu arbeiten wir in CHILE der Massenbewegung, führen sie an, bauen sie auf. In diesem Rahmen machen wir auch Guerillaaktionen, aber in den angemessenen Proportionen und gemäß den taktischen Erfordernissen. 1986 ist die Krise ausgebrochen, weil ein Teil der Führung diese Politik der Verankerung der Partei in der Massenbewegung, der Selbstverteidigung der Massen infragestellt und behauptet, die zentrale Achse der Politik müsse der Aufbau militärischer Fronten sein. Auf einer Sitzung des Zentralkomitees haben sich dann zwei Tendenzen gebildet, eine Mehrheitstendenz und eine Minderheitstendenz. Die Mehrheit hat die alte Linie von der Priorität des Guerillakampfs wiederaufgegriffen, die seit 1979 verfolgt wurde. Der IV.Parteikongreß, der im nächsten Jahr stattfinden soll, wird über diese Debatte entscheiden und versuchen, die Krise zu lösen. Wir haben geglaubt, daß die Krise tatsächlich auf diesem Kongreß gelöst werden könnte. Doch leider hat ein kleiner Teil des nationalen Sekretariats begonnen, nach administrativen Lösungen zu suchen. Durch ihre politische Erziehung haben diese Genossen immer dazu geneigt, Probleme administrativ zu lösen. Damit werden 40% des Zentralkomitees und alle Mitglieder der Partei, die nicht mit dieser Linie einverstanden sind, an den Rand gedrängt, praktisch die ganzee Partei.
• Ihr sprecht eurem faktischen Ausschluß die Legitimität ab und wollt vor den IV.Kongreß gehen? • Wir wollen am IV.Kongreß teilnehmen, nicht nur mit der Mehrheit der Partei, sondern auch mit der Mehrheit des Volkes, seinen Problemen und Erfolgen. Der IV.Kongreß des MIR muß der Anfang der Entwicklung einer neuen revolutionären Linken in Chile werden. Die Genossen, die sich heute abseits dieses Prozesses stellen, begeben sich der Möglichkeit zu siegen. Für uns liegt die Legitimität heute in der Notwendigkeit, den alten Kurs zu korrigieren. In diesem Sinne bereiten wir uns auf den IV.Kongreß vor. Anmerkungen:
(1) Nach dem Generalstreik vom Juli 1986 entdeckte der chilenische Geheimdienst im Norden Chiles ein umfangrei. ches Waffenlager mit über 50 Tonnen Material im Wert von mehr als zehn Millionen Dollar: über 2.000 Gewehre, Hunderte von Bazookas, Sprengstoff, Munition, usw. Dem CIA zufolge soll dies die bedeutendste Entdeckung seit den bewaffneten Bewegungen der 60er Jahre gewesen sein. Ob. wohl selbst Teile der Bourgeoisie an eine Geheimdienststory glaubten, reklamierte die FPMR im November desselben Jahres die Verantwortung dafür für sich und bekannte, die FPMR unterhalte in diesem Gebiet eine Guerillaschule. (2) José Carrasco, ein Mitglied des MIR und Direktor der Zeitschrift Analisis, wurde im September vergangenen Jahres vom chilenischen Geheimdienst ermordet.
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