Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Israel

Der Neo-Messianismus in Israel

· Inprekorr Nr. 195, August/September 1987 · S. 33-35 · 1.341 Wörter

Nahost und Palästina Faschismus und Rassismus Jugend und Studenten

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des Neo-Messianismus in Israel, dem jüngeren Rabbiner Kuk: „Der Unterschied zwischen einer jüdischen Seele, ihren Eigenarten, ihren Begierden, ihrem Streben .... und der Seele aller Nichtjuden ... ist größer und tiefer als der Unterschied zwischen einer menschlichen Seele und der eines Viehs, da letzterer Unterschied nur quantitativ ist, während ersterer qualitativ ist." (x) Mit Recht wird man sagen, daß diese Passage nicht ernst zu nehmen sei, weil sie jeglicher Rationalität entbehrt. Aber auch die Rassentheorie der Nazis war absurd und irrational und dennoch erfaßte sie die Massen eines hochentwickelten Landes. Die Lehre des Rabbiners Kuk ist unantastbare Autorität für die religiösen Chauvinisten. Selbst weltliche israelische Minister wie Ben Gurion und Begin haben ihn zu seinen Lebzeiten als ISRAEL und der Realität seit nunmehr fast 40 Jahren ist gewaltig. Formell macht die Knesset zwar einen Unterschied zwischen „Grundgesetzen" und »gewöhnlichen Gesetzen" , doch steht der Inkrafttretung eines „gewöhnlichen Gesetzes" auch dann nichts im Wege, wenn es einem „Grundgesetz" widerspricht.

Der Neo-Messianismus hat seine Wurzeln im Zionismus

Die messianische Tendenz des frühen Zionismus wurzelte nicht in den religiösen Anschauungen seiner Begründer. Sie wurzelte in der Notwendigkeit, die „Juden der ganzen Welt" in einem geographischen Raum, einem Staat zu sammeln, damit sie ihre Probleme lösen könnten. Aus „historischen" , d.h.mystischen Gründen mußte dieser Raum Palästina (Erez-Israel) sein. In meinem Buch Judenfrage und Zionismus heißt es dazu: „Die zionistische Idee befand sich hinsichtlich der traditionellen Auffassungen der jüdischen Religion in einem Dilemma. Einerseits revoltierte die zionistische Ideologie und Praxis gegen das Warten auf einen Messias und rief die Juden auf, unabhängig von einem unbekannten Retter ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, nach Erez-Israel zu gehen und dort eine Heimat zu errichten. Andererseits reproduzierte der Zionismus selbst in seiner weltlichen Version die Messias-Idee, wenn auch in versteckter Form" (4). Die nicht-religiösen Gründer des Zionismus in Osteuropa legten damit selbst die Basis für den heutigen reaktionär-chauvinistischen Messianismus, der nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 einen unerwarteten Aufschwung erfuhr. „Den Juden das alleinige Recht auf Palästina"

Die extrem chauvinistischen Gruppen wie Gush Imunim und die faschistische Kach-Bewegung des Rabbiners Kahane setzen faktisch den aktiven Kolonialismus von vor der Staatsgründung fort; damals waren es die „sozialistischen" Chaluzim (Pioniere), die die Kibbuzim, kollektiven Dörfer und die Histadrut gründeten und die Araber von ihrem Land vertrieben, um es zu erobern, wie sie ausdrücklich erklärten. Der berüchtigte Armeegeneral der Reserve, Se'ewi, drückte den erzreaktionären Siedlerorganisationen in der Westbank seine Anerkennung aus: ,Ich wuchs im Arbeiter-Zionismus auf und dort lehrten mich die Führer, das Land zu erobern." Die Chaluzim kolonisierten

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Schüler besucht. 1987 sprachen sich fast 40% der Schüler in einer Meinungsumfrage für die Ideen und die Praxis der neo— messianischen Gruppen aus. Es genügt also nicht, dieses Zitat als irrational abzutun, so berechtigt das auch ist; man muß begreifen, was für ein Irrsinn sich da in Israel entwickelt und woher das kommt.

Der verstorbene Professor Gershom Shalom, Erforscher der mystischen Lehren der Juden im Mittelalter, der Sohar und der Kabbala, hielt den Zionismus für eine anti-messianische Bewegung und sah im Neo-Messianismus eine Gefahr für den Zionismus. Dennoch liefen eine Reihe seiner Schüler zum neuen Glauben über, und das ist kein Zufall. Er hat den messianischen Kern im frühen Zionismus nicht erfaßt, der a-religiös war, und hat nicht begriffen, daß in der Phase des Niedergangs des Zionismus dieser messianische Kern mit Gewalt hervorbrechen muß. Der Zionismus wirft heute mehr und mehr alle „progressiven" Merkmale seiner ursprünglichen Vorstellungen von der Rettung der Juden und des Judentums ab und geht seinem Untergang entgegen. Das Besondere an den Gush-Imunim ist nicht, daß sie den Messianismus wiederaufleben lassen, sondern wie sie ihn aktualisieren, um ihre politischen Positionen zu rechtfertigen. Ihrer Vorstellung nach verläuft alles nach dem Plan einer göttlichen Vorsehung. Chanan Porat, einer ihrer Führer, behauptet: „Die Souveränität des Volkes Israel in Erez-Israel ... und der Traum eines Reiches für die Priester und das heilige Volk mit allen realen und ideologischen Aspekten ... ist die Bedingung für die Verbesserung der Welt." Der Rabbi Ben Nun schrieb 1978: „Alija (die Immigration der Juden nach Erez-Israel, JT) und Besiedlung stehen über dem Gesetz (dem Staat, JT). Die Basis der Siedlerbewegung ist die Verfassung des Zionismus, die von keinem (Staats-)Gesetz und keiner Anordnung angetastet werden kann..

Der Neo-Messianismus verfolgt auch heute politische Zwecke. Das beweisen zwei weitere Zitate: Wir müssen uns bemühen, es dem arabischen Volk im Land schwer zu machen ... Es ist nichts Unreines dabei (sic!), wenn wir es ihnen schwer machen und sie auswandern müssen." (Ahron Chalamish, 1980). Und D.Rosenzweig 1982: Die schiere Anwesenheit (der Palästinenser in Erez-Israel, JT) gefährdet unser Dasein tagtäglich ... Für die Araber ist kein Platz mit uns in diesem Land ... Es muß ein neuer und revolutionärer Weg zur Behandlung des jüdisch-arabischen Konflikts gefunden werden." Ich übergehe die Kach-Bewegung des Rabbiners Kahane; ihr Programm kann wörtlich in Hitlers Mein Kampf oder im Völkischen Beobachter nachgelesen werden, wenn man die nationalen Bezeichnungen austauscht. Grundsätzlich hat sie ihre Praxis bei der SA und der SS abgeschaut.

Wichtig ist festzuhalten, daß die Vertreibung (oder der „Transfer" , wie sie es nennen) der palästinensischen Araber keine Erfindung der Neo-Messianisten ist. Vorschläge für Formen der Vertreibung der Palästinenser aus ihrem Land findet man schon in den zwanziger Jahren bei zionistischen „Arbeiter"—Führern und „liberalen" Führern.

„Der israelische Staat ist ein rassistischer Staat im vollen Sinne des Wortes"

Ich stimme mit der Ansicht des israelischen Professors I.Schahak, die er in der Jerusalemer Studentenzeitung Pi-Ha'ton vom 5. November 1975 niederlegte, völlig • überein: Meiner Ansicht nach ist der israelische Staat ein rassistischer Staat im vollen Sinne des Wortes. In diesem Staat werden Menschen nicht-jüdischer Herkunft ständig und völlig legal in den wichtigsten Lebensbereichen diskriminiert. Die rassistische Diskriminierung begann bereits mit dem Zionismus und sie wird in enger Zusammenarbeit mit den israelischen Institutionen ausgeführt." Die Diskriminierung findet auf allen Gebieten statt: in der Land- und Wohnungsfrage, auf der Arbeit, bei der politischen und gewerkschaftlichen Organisierung, in der Gemeindepolitik und im Erziehungswesen, selbst bei Steuererleicherungen und bei staatlichen Kinderzuschlägen - auf allen Gebieten.

Igal Gai, 46 Jahre alt, konnte seine Wirtschaft im Dorf Sde-Elieser aus körperlicher Schwäche nicht mehr allein betreiben und beschäftigte deshalb einige palästinensische Arbeitskräfte, die auf seinem Gelände übernachteten. „Inspektoren des Landwirtschaftsministeriums, die das Dorf inspizierten, entdeckten, daß er und drei andere diese Missetat begangen hatten. Sie wurden gemäß dem Gesetz über die landwirtschaftliche Ansiedlung aus dem Jahr 1967, das verbietet, Bodenund Wasserrechte an Fremde (d.h.Araber, JI) zu übertragen, vor Gericht gebracht"(5). Der Boden, der Gai vom Jüdischen Nationalfonds, dem zionistischen Institut für Bodenerwerb und - verwaltung, verpachtet worden war, wurde ihm weggenommen. Das alles aus Furcht vor den Landforderungen der palästinensischen Araber; dasselbe wäre nicht geschehen, wenn es sich um jüdische Araber gehandelt hätte.

Das ist ein Paradebeispiel für israelischen Rassismus. Diese Politik betreiben nicht die neo-messianischen Gush-Imunim oder eine andere Bewegung dieser Sorte, sondern eine offizielle Institution des israelischen Staates. Der Neo-Messianismus setzt lediglich in noch radikalerer Form den Rassismus fort, der bereits tief in der zionistischen Ideologie und Praxis verwurzelt ist. Die Antwort kann nur in der Überwindung des zionistischen Regimes durch ein bi-nationales sozialistisches Palästina mit autonomen Rechten für beide Völker bestehen.

20.Juni 1987 Anmerkungen:

(1) vgl. den Artikel von Michael Warshawski in dieser Ausgabe.

(2) Die Halacha ist der gesetzliche Teil der jüdischen Überlief. (3) 20 Jahre Selbständigkeit Israels (hebräisch). Propaganda—-Abteilung des Ministerpräsidenten, Teil III,S.5 (4) Jakob Taut, denfrage und Zionismus, isp-Verlag 1987, S.17 (S) s. die Tageszeitung Hama'ariw vom 27.2.1987

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