Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Gorbatschow in der DDR! Jugendprotest in Ostberlin

Inprekorr Nr. 194, Juni/Juli 1987 · S. 3-4 · 682 Wörter

BRD und DDR Jugend und Studenten Sowjetunion

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

Gorbatschow in die DDR!

Jugendprotest in Ostberlin

Während der Pfingstfeiertage haben die DDR-Jugendlichen die neue internationale Jugendbewegung um ein weiteres Element bereichert. Während eines Rockkonzertes, das im Westteil Berlins vor dem Reichstag, direkt an der Berliner Mauer gegeben wurde, und das auch weit in den Ostteil hinein zu hören war, kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen bis zu 3.000 Jugendlichen und Volkspolizei. Der unmittelbare Anlaß war der Wunsch der DDR-Jugendlichen, das Rock-Konzert ungestört und in der Nähe der Mauer verfolgen zu können. Als die Vopos begannen, mit Schlagstöcken gegen die Jugendlichen vorzugehen und zahlreiche von ihnen festnahmen, schlug das Klima um und die Parolen wurden politisch: ,,Wir wollen Gorbatschow!" Die Mauer muß weg! "lauteten die Losungen. Mehrfach erklang die Internationale an der passenden Stelle: ...die Internationale erkämpft das Menschenrecht.. " - Parolen, die eindeutig zeigen, wo in der DDR heute der Schuh drückt, Forderungen nach Demokratisierung. Freizügigkeit, nach einer Öffnung und Reform der Gesellschaft.

Die westdeutsche Linke hat mit solchen Demonstrationen nach wie vor massive Probleme. Sie hüllte sie in vorsichtige Zurückhaltung, den Verweis auf den „unpolitischen Charakter" des Protests oder den Hinweis, daß tags darauf die rechten Grüppchen in der BRD auf den Marktplätzen standen und Flugblätter mit einer ähnlichen Parole verteilten: .,Die Mauer muß weg!"

Daß angestaute Unzufriedenheit gerade bei Jugendlichen sich bei solch unpolitischen" Gelegenheiten wie Massenkonzerten entlädt, wo mehrere tausend Menschen zusammenkommen und die Veranstaltung von keinem Ordnerdienst mehr zu kontrollieren ist, ist nicht neu, und darf gerade für die DDR nicht verwundern, wo es eine solche Gelegenheit, sich spontan, kollektiv zu äußern nur selten gibt. Im Westen hat es so etwas auch immer wieder gegeben. Die Jugendlichen in der DDR sind wahrscheinlich nicht unpolitischer als ihre Altersgenossen im Westen. die man auch für gänzlich leistungsorientiert und desinteressiert hielt, bis sie plötz- Land jenseits der Elbe weht. Ob eine sollich gegen die konservative Restauration che Entwicklung dem Kampf für eine soim Bildungsbereich zu Hunderttausenden zialistische Demokratie Auftrieb gibt, auf die Straße gingen und mit einer vor- hängt nicht zuletzt davon ab, wie die bildlichen einheitlichen Organisierung die Linke im Westen sich dazu verhält, ob sie Regierungen zum Rückzug zwangen. Die den Rechten das Feld überläßt, weil ihr Forderungen nach mehr Freiheit und De- die Forderungen nicht links genug sind. mokratie, die sie vorbringen, sind sogar Das klägliche Scheitern der Linken im direkt politische Forderungen. Man kann Fall Afghanistan (s.S.19) sollte uns diesdie unterschiedlichen politischen Verhält- bezüglich eine Lehre sein. nisse in der DDR, die eine breite öffentliche Debatte und Organisierung oppositioneller Kräfte praktisch verunmöglichen, nicht zum Zeugen dafür anrufen, diese Gesellschaft sei unbeweglich und erstarrt. Eher kann man das Gegenteil vermuten: daß der spontane Protest gegen das rüde Vorgehen der Polizei in einer Zeit, wo der »große Bruder" Kritik und Dialog predigt, ein Anzeichen dafür ist, daß der Reformkurs Gorbatschows auch in der DDR etwas in Bewegung gebracht hat. Ob er auch ein Vorbote weiterer Erschütterungen ist, wird sich zeigen.

Wie recht die Jugendlichen mit ihren Forderungen haben, hat die DDR-Führung im Nachhinein selbst bestätigt. Erst sollen die Schlägereien der Polizei und die Verhaftungen nur „Hirngespinste" westlicher Korrespondenten gewesen sein - war was? - , dann, als es doch zu lächerlich wurde, das Geschehene cinfach als ungeschehen zu erklären, waren es „cine Handvoll Rowdies, die, inszeniert von westlichen Kameras, vor dem Fernsehen posierten. " In Ostberlin ist man sichtlich noch verkniffen wie chedem und hat den neuen Tanzstil, den Gorbatschow, noch nicht gelernt. Im sowjetischen Außenministerium klang es dagegen heiter: die Rufe der jugendlichen DDR-Protestierer .Wir wollen Gorbatschow" habe die Be. hörden keineswegs gereizt, darüber „könne man sich doch nur freuen". Wäre Gorbatschow heute Staatsbürger der DDR säße er wegen seiner umstürzlerischen Reden wahrscheinlich im Knast - noch wahrscheinlicher ist, er würde es sich verkneifen, solche Reden zu halten. Zum Glück liegt es nicht allein in der Hand der DDR-Führung, ob so etwas wie eine frische Brise auch durch das

Seite 4

JUGENDBEWEGUNG