Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Jugendbewegung

Eine neue Generation radikalisiert sich

· Inprekorr Nr. 194, Juni/Juli 1987 · S. 4-19 · 12.544 Wörter

Jugend und Studenten Sowjetunion Frankreich Italien

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RADIKALISIERT SICH von CLAUDE GABRIEL

Die Leitungen der Jugendorganisationen, die in päischen Ländern gegeben hat. Der nachstehende politischer Solidarität zur IV.Internationale ste- Artikel stellt eine Zusammenfassung der Diskushen, haben sich wie jedes Jahr im vergangenen sion und eine Bilanz dieser Bewegungen dar. Er März getroffen und über die großen Mobilisierundient der Vorbereitung des Jugendsommerlagers, gen der Schüler und Studenten diskutiert, die es in das im Juli in Italien stattfindet. den vergangenen Monaten in mehreren westeuro- In den letzten Monaten hat es in Westeuropa verschiedentlich sehr große Mobilisierungen der Jugend gegeben. Zunächst in Frankreich, wo die Schüler- und Studentenstreiks ein Niveau erreicht haben, wie man es seit 1968 nicht mehr erlebt hat; dann in Spanien, wo die Jugendlichen das Image der sozialdemokratischen Regierung stark angekratzt haben. Massive Bewegungen hat es auch in Belgien und in Griechenland gegeben. Ein Vorbote dieser „Unruhen" war bereits 1985 der Kampf der italienischen Schüler gegen die Sparpolitik der Regierung gewesen. Außerhalb Europas war es die Studentenbewegung in Quebec, die im Oktober den Protest gegen die Vorhaben der liberalen Regierung organisierte. Und schließlich wollen wir noch darauf hinweisen, daß dieselbe Sparpolitik auch in den abhängigen Ländern praktiziert wird, die deshalb auch ähnliche Proteste der Studenten erleben, wie man am besten am Beispiel Mexiko sehen kann. Aber auch in anderen bilisierungen gegen die Sparpläne, die unter dem Diktat des Internationalen Währungsfonds (IWF) durchgesetzt werden: in Senegal, Madagascar. Brasilien, usw. Darauf können wir jedoch in diesem Artikel nicht eingehen.

Sparpolitik

Das Zusammentreffen dieser Bewegungen ist nicht zufällig, sondern Ergebnis der bewußten Angriffe der Regierungen gegen eine Reihe von Errungenschaften der Schüler und Studenten, um die Staatsausgaben zu verringern und im Bildungsbereich insgesamt den Rotstift anzusetzen. Wie immer wird das recht prosaische Ziel, die Ausgaben zu kürzen, hinter heuchlerischen Argumenten verborgen, das Lehrsystem soile verbessert und an men, vor allem gegenüber der französidie „moderne Welt" angepaßt werden, schen Bewegung im Dezember 1986. eine Selektion der Studierenden sei notwendig. Aber die Jugendlichen haben sich nicht darauf beschränkt, auf die Angriffe der In einigen Ländern haben die Jugendli- Regierungen zu reagieren. Ihre Mobilisiechen, Schüler und Studenten, massiv auf rungen drücken auch eine neue Radikalidiese oft gleichartigen Angriffe reagiert. sierung aus, die man in den letzten Jahren Aber die politischen Umstände waren von unter Jugendlichen beobachten Land zu Land recht unterschiedlich. Die konnte. Es ist die Rede von einer „neuen" italienische Schülerbewegung 1985 folgte Generation. Diesen Begriff muß man mit auf mehrere schwere Niederlagen der Ar- Vorsicht verwenden, um keine falschen beiterbewegung, vor allem der Bewegung Schlußfolgerungen zu ziehen. Doch der Fabrikräte 1984; die Mobilisierung in drückt er aus, daß die Jugendlichen heute Frankreich war das erste Anzeichen einer eine Reihe von besonderen gesellschaftligrundlegenden Wende in der gesellschaft- chen und politischen Erfahrungen malichen Situation und hat den nachfolgen- chen. Als in der Mehrzahl der westeuroden Streik der Eisenbahner beeinflußt; die päischen Länder mit Ausnahme Italiens Bewegung im spanischen Staat fand eben- Mitte der 70er Jahre eine Sparpolitik infalls unter Bedingungen statt, wo die Ar- ganggesetzt wurde, gab es keine breite beiterkämpfe stagnierten. Die Mobilisie- Bewegung der Jugend. Die erste Welle rungen der Jugendlichen fanden also unter der Angriffe der Bourgeoisie berührte das national ganz unterschiedlichen Bedingun- Bildungssystem nur am Rande, die Jugend gen statt und ihre Beziehung zu den Arbe- arbeitslosigkeit entwickelte sich erst, auch diterkämpfen ist sehr widersprüchlich. In hier mit Ausnahme Italiens. Schließlich Belgien hat die Streikwelle der Arbeiter in erlitten die ersten Sektoren der Arbeiterden letzten Jahren die Mobilisierung der klasse empfindliche Niederlagen, was bei Jugendlichen ermuntert. In Frankreich allen Lohnabhängigen und bei den Juund Spanien hingegen standen die Jugend- gendlichen eine sehr starke Abwartchallichen an der Spitze der Mobilisierung und tung gegenüber den Sparmaßnahmen zur haben die Wiederaufnahme der Arbeiter- Folge hatte. kämpfe gefördert.

Die „Generation" Ende der 70er Jahre Trotz dieser Unterschiede waren alle Be- transportierte die Zweifel und die Verwirwegungen sehr breit und haben zu bemer- rungen eines großen Teils der Arbeitswelt kenswert einheitlichen und demokrati- damals. schen Organisationsformen des Kampfs geführt, zumindest zu einer breiten Debatte darüber. Die neue Radikalisierung Unter den Jugendlichen hat sich die Vor- Wenn die Jugend heute, wiederum eine stellung breit gemacht, daß die Jugend im neue Generation, eine andere Haltung an allgemeinen „überall" auf die Angriffe den Tag legt, ist dies durch äußere Umreagiert, denen sie ausgesetzt ist, und so stände bedingt. Die Regierungen planen ist es verschiedentlich zu internationalisti- heute massivere Angriffe auf die Bilschen Solidaritätsbekundungen gekom- dungseinrichtungen, andererseits haben

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die Jugendlichen aber auch nur die Krise als ihre Zukunft vor Augen.

Bis dahin hatten die Jugendlichen kein Bewußtsein davon, daß es möglich ist, gemeinsam zu kämpfen und sich erfolgreich gegen den Staat durchzusetzen. Seit drei bis vier Jahren kann man jedoch Anzeichen einer Radikalisierung in der Jugend erkennen. Dazu gehörte die massive Beteiligung der Jugendlichen an den Mobilisierungen der Friedensbewegung, der Ökologiebewegung und der anti-rassistischen Bewegung. In Spanien hat die Bewegung gegen die NATO besondere Mobilisierungsstrukturen der Jugendlichen hervorgebracht. In Frankreich wurde der Marsch gegen Rassismus hauptsächlich von Schülern und Jugendlichen aus dem Arbeitermilieu getragen. In den Niederlanden fand am 1.November 1985 ein Streik von 150.000 Schülern gegen die Raketen statt.

Die Bewegung der italienischen Schüler 1985 und die beiden großen Mobilisierungen in Frankreich und Spanien 1986 stellen jedoch einen qualitativ neuen Schritt dar. Die Jugendlichen sind gänzlich aus eigener Initiative auf die Straße gegangen, ohne Verbindungen zu irgendeiner Initiative, einem Komitee oder einem Aufruf der Erwachsenen. Sie organisierten sich um ihre Sofortforderungen herum, auch wenn sehr schnell Diskussionen über cinen neuen Typ von Schule und somit Gesellschaft aufkamen. Die Auseinandersetzungen über die Umwelt, den Frieden und den Rassismus haben scheinbar eine grö- Bere gesellschaftliche Tragweite, sie sind deshalb aber nicht radikaler. Die Mobilisierungen um Fragen, die das Bildungssystem betreffen, gehen von demokratischen und egalitären Wertvorstellungen aus. Wenn es zu neuen Organisationsformen kommt, die einheitlicher, massiver und demokratischer sind, und wenn es frontale Zusammenstöße mit der Regierung gibt, entwickelt sich auch ein klareres politisches Bewußtsein.

Die jüngsten Kämpfe der Jugendlichen waren von der vorherigen Arbeit der revolutionären Jugendorganisationen kaum vorbereitet worden. Alle Strömungen der extremen Linken, die in diesem Bereich arbeiteten, waren extrem schwach und hatten kaum Einfluß. Überall, vor allem in Spanien, waren die Mobilisierungen überwiegend spontan.

Allgemein anerkannt ist, daß die heutige Jugend die „offizielle" Politik und das „Establishment" ablehnt, dazu gehören in ihren Augen auch die Parteien und Gewerkschaften. Da das „Establishment" den Jugendlichen seine Vorstellungen und Ziele arrogant hat aufdrücken wollen, hat sich die mehr oder minder diffuse Ablehnung zum Kampfbewußtsein verdichtet. Die Schule ist zum Exerzierfeld geworden. Für das Bürgertum ist das Bildungswesen in wirtschaftlicher wie in gesellschaftlicher und ideologischer Hinsicht ein sensibler Bereich. Für die Jugendlichen ist es zu einem Hauptfeld gesellschaftlicher Erfahrungen geworden. Eine neue Generation

Ausgehend von diesen empirischen Gegebenheiten hat man von einer „neuen Generation" gesprochen, die ihre eigenen Verhaltensformen, ihre Wertvorstellungen, ihre Probleme und ihre eigenen Formen der politischen Praxis hat. Eine marxistische Erklärung dieses Phänomensmuß sich auf die materiellen Entwicklungen stützen, die unsere Gesellschaften durchmachen: die Ausweitung der Lohnabhängigkeit, die Ausdehnung des Schulbetriebs und die Krise im Ausbildungsbereich, die Auswirkungen der kapitalistischen Krise, usw. Anders ausgedrückt: ein großer Teil der Jugendlichen steckt heute in einer ähnlichen Situation und die Solidarität, die sich entwikkelt, beruht darauf, daß ihnen dieser Tatbestand mehr und mehr bewußt wird. Doch hat der Begriff „neue Generation" nur beschreibenden Wert; er taugt nicht als Doktrin, um auf die Probleme der Jugendlichen zu antworten. Das politische und soziale Verhalten der Jugendlichen ist nicht unabhängig von den Veränderungen, die es innerhalb der Arbeiterbewegung gibt. Die Jugend der 80er Jahre widerspiegelt die soziologischen Veränderungen, die sich seit zehn, fünfzehn Jahren in unseren Gesellschaften, in der Arbeitswelt, in der Familie, in der Wohnsituation und anderswo abspielen. Es ist wichtig, die besonderen Merkmale im Bewußtsein der Jugendlichen herauszuarbeiten. Doch entstehen diese nicht aus dem Nichts, wie bürgerliche Soziologen und Politiker glauben zu machen versuchten. Sie haben in den letzten Jahren die Jugendlichen als gegenüber dem Liberalismus und dem individuellen Abenteuer im Kapitalismus aufgeschlossen dargestellt. „Mai 68, kenn ich nicht" , wurde zu einer Losung derer, die an einem Werbe image der neuen Generation arbeiteten. Viele haben sich, aus ganz unterschiedlichen Gründen, von dieser Sichtweise anstecken lassen und die Jugend abgeschrie- JUGENDBEWEGUNG ben, weil sie mit den „kämpfenden Generationen" vorher völlig gebrochen habe. Die Versuchung war groß, sich gegenüber dieser neuen Generation nur wie Beobachter zu verhalten.

Widersprüchliche Faktoren bestimmen die Erfahrungen und die Praxis der heutigen Jugend. Auf der einen Seite registriert sie die politischen Veränderungen, die es seit dem Ende der 60er gegeben hat: die Schwächung der reformistischen Führungen, die neuen Errungenschaften der Frauen, die langjährige Existenz von Organisationen der extremen Linken, die Opposition gegen die Gewerkschaftsbürokratie ... Auf der anderen Seite kann sie aber auch nicht direkt die Nachfolge der vorangegangenen großen Kämpfe antreten, weil es Mitte der 70er Jahre in zahlreichen Ländern einen spürbaren Niedergang der Klassenkämpfe gegeben hat. Die Sparpolitik der Jahre 1975—1977 und die ersten Teilniederlagen der Arbeiterbewegung waren für die Generation von 1968-69 eine Niederlage. Sie konnte ihre Erfahrungen nicht mehr einfach über die Kontinuität der Klassenkämpfe und die gesellschaftliche Aktivität, in der die verschiedenen Generationen zusammenkommen, weitervermitteln. Es gab auch in organistorischer Hinsicht keine Kontinuität: die großen Studentengewerkschaften bzw. das, was ihnen in den jeweiligen Ländern entsprach, sind zu Beginn der 70er Jahre verschwunden oder so geschrumpft, daß sie für ihr Milieu nicht mehr repräsentativ waren.

Veränderungen des gesellschaftlichen Gefüges

Die verschärfte Krise der traditionellen Parteien, angefangen bei den kommunistischen Parteien in Spanien und Frankreich, und die Rechtsentwicklung der großen sozialdemokratischen Parteien haben diese der Jugend entfremdet (1). Vielfach haben sie seit langem darauf verzichtet, eine Jugend-Massenorganisation aufzubauen, mit Ausnahme der KPI und der christlichen Arbeiterbewegung in Flandern, und versuchen sich statt dessen in demagogischen Manövern, um junge Wähler zu fangen.

Das alles ist nicht einfach der konjunkturellen politischen Situation geschuldet. Dem zugrunde liegt eine größere Veränderung des gesellschaftlichen Gefüges, die die traditionelle Arbeiterbewegung nur schwer verarbeitet. In einem Land wie Frankreich z.B. hat die Krise der Textilin-

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JUGENDBEWEGUNG dustrie, der Stahlindustrie, des Bergbaus und der Automobilindustrie die traditionelle Verankerung der KPF dauerhaft geschwächt. Es sind jetzt eine Reihe von Studien erschienen, die das aufzeigen. Vor und vor allem nach 1975 hat es eine ,allmähliche Auflösung des Gruppengefühls in einem Teil der Arbeiterbewegung (gegeben): Niedergang der Hochburgen, breiten Zugang zur Bildung, Veränderung der Qualifikation ... In vielen Arbeiterfamilien wird die berufliche und technische Qualifikation des Vaters nicht weitergegeben ... Diese Veränderungen berühren die Formen der Reproduktion der Gruppe, die materielle Grundlage für das kollektive Gedächtnis geht verloren. Dem neuen Arbeitsprozeß entsprechen zudem neue Formen des Stadtlebens, die Zerstörung und Vereinzelung der Wohnzusammenhänge...(2).

Diese Veränderungen bewirken einen Bruch mit den politischen und gesellschaftlichen Traditionen und verstärken den Bruch der Kontinuität. Je größer die Konzentrationen in den großen Städten auf Kosten der mittleren Städte werden, umso mehr verschwindet die traditionelle Arbeitergemeinde um die Fabrik und das Zuhause herum. Die Jugend emanzipiert sich schneller von den gesellschaftlichen Erfahrungen der Eltern. Das wiederum verschärft die Krise der traditionellen Organisationen der Arbeiterbewegung. Schließlich tritt die heutige Jugend in das gesellschaftliche Leben und beginnt ihre politischen Erfahrungen, ohne etwas anderes kennegelernt zu haben als die Krise. Sie ist die Generation der kapitalistischen Krise par excellence, ohne eine eigene Erinnerung an das, was vorher war. Das was man die „neue Generation"' nennt, ist deshalb in erster Linie das Produkt gesellschaftlicher Veränderungen. Die Jugend drückt auf die ihr eigene Weise, mit und ohne spektakuläre Kämpfe, die Umwälzungen unserer Epoche und die neuen Anpassungsmechanismen aus. Manchmal bedeutet das eine krasse Ungleichzeitigkeit mit den Kämpfen der Erwachsenen.

Die Lage der Jugendlichen im Ausbildungssektor

Die Umgebung, in der die Jugendlichen aufwachsen, hat sich in den letzten Jahren allmählich verändert. Neben und vor der Schule ist die Familie die erste gesellschaftliche Erfahrung der Jugendlichen. Gerade in diesem Bereich hat es jedoch große Veränderungen gegeben.

durchschnittliche Größe der Haushalte geringer geworden, und auch die Beziehungen innerhalb der Familie haben sich unter dem Druck der gesellschaftlichen Entwicklunginsgesamt geändert (3). Dies gilt vor allem für die Mädchen. Nicht nur betrachten sie sich in ihren Mehrzahl als künftige Lohnabhängige, sie haben auch in ihrer Mutter ein Beispiel für eine arbeitende Frau vor Augen. Seit Mitte oder Ende der 70er Jahre ist die Mehrzahl der verheirateten Frauen berufstätig. In gleicher Weise ist auch die Schwangerschaftsverhütung eine Erfahrung, die von den Müttern weitergegeben werden kann, trotz der Tabus, die in der Familie nach wie vor auf dieser Frage lasten. Die Beziehungen innerhalb der Familie haben sich aber auch durch andere Ausbildungsverhältnisse verändert. Je größer der Zugang ist, den die Jugendlichen zu einer langen, allgemeinen Ausbildungs haben, desto weniger wiegt das Wissen der Eltern. Die Verlängerung der Schulzeit verändert deshalb nach und nach die Atmosphäre in der Familie, um nicht zu sagen die Kräfteverhältnisse... Anders als die Generation von 1968 kennt die Jugend heute eine viel ausgedehntere allgemeine Schulbildung und erheblich höhere Schülerzahlen. Von den 15—24jährigen waren 1975 in Frankreich über zwei Millionen Schüler und Studenten; 1982 waren es über vier Millionen. In sieben Jahren hat sich die Zahl der Jugendlichen, die in der Ausbildung stekken, mehr als verdoppelt; 33% der Jugendlichen im Alter von 20 Jahren gehen heute immer noch auf die Schule. 1950 gab es in Frankreich 130.000 Studenten, 1968 510.000 und heute fast eine Million (4). In Belgien stecken heute 45,7% der Jugendlichen unter 25 Jahren in der Ausbildung (5).

Dieses enorme Wachstum der Schülerzahlen hängt in erster Linie mit dem Bevölkerungswachstum zusammen. Aber auch mit der Verlängerung der Schulzeit und dem Wunsch, das Studium auszudehnen, um eine bessere Qualifikation zu erlangen. Trotz der kapitalistischen Krise, die 1973 einsetzte, muß die Bourgeoisie das allgemeine Bildungsniveau erhöhen, wenngleich sie an den Universitäten eine verschärfte Selektion einführt. Dieser Widerspruch in der Schulpolitik führt zu Reformen wie den heutigen; in den letzten zehn, zwölf Jahren hat er aber eine Ausdehnung der Schülerzahlen bewirkt, zumal Bewegungen wie die im Mai 1968 in Frankreich diesbezüglich ein gewisses Kräfteverhältnis erkämpfen konnten. Die massive Ausdehnung der Schülerzahl und der Schulzeit bringt ein legitimes Bedürfnis hervor: dasjenige auf das Recht auf Wissen. Diese Errungenschaft will die herrschende Klasse heute infragestellen und trifft dabei verständlicherweise auf den starken Widerstand der Jugendlichen. Die Schüler sind nicht nur zahlreicher, sie sind auch in größeren Schulen geballt. Schulen mit etwa tausend Schülern sind heute die Regel. Zweitausend Schüler sind keine Ausnahme. Die Universitäten fassen heute Tausende, manchmal Zehntausende von Studenten. Die Mehrzahl der Großstädte hat heute eine Universität, an der zahlreiche Menschen, Studenten, Lehrkörper, Angestellte, zusammen arbeiten und leben (6). Wo Tausende von Jugendlichen sich in einem klar umrissenen institutionellen Rahmen bewegen, können die Konflikte, die es in der Gesellschaft gibt, nicht lange außen vor bleiben. Wenn es in verschiedenen Ländern in der Zeit zwischen 1975 und 1982 Ruhe an den Schulen und Universitäten gegeben hat, bedeutet das nicht, daß diese nicht mehr bevorzugter Ort der Radikalisierung und Kämpfe der Jugendlichen sind. Unter den gegenwärtigen Bedingungen sind sie periodisch Schauplatz der Auseinandersetzung zwischen einem Teil der Jugend und der Regierung.

Demokratie und Unterricht

Das Wachstum der Schülerzahlen bedeutet nicht, daß die Kinder von Arbeitern heute leichten Zugang zur Ausbildung haben. Obwohl die Zahl der Kinder von Arbeitern und Angestellten, die studieren, leicht zunimmt, beträgt sie in Frankreich immer noch 12,6% und in Spanien 7% Es sind die Kinder der Mittelschichten, die am meisten von der Öffnung der Universitäten profitiert haben (7). Ihr Ver hältnis zur Schule ist deshalb aber nicht Produkt eines „Klasseninteresses" . Spätestens seit 1968, als die soziale Zusammensetzung an den Universitäten noch „kleinbürgerlicher" war, weiß man, daß da noch eine Reihe anderer Faktoren eine Rolle spielen, die bewirken können, daß die Mehrzahl der Studenten in eine politi sche Konfrontation mit der Institution Schule oder mit dem Staat gerät. Dafür hat es in den letzten zwanzig Jahren an den Oberstufen große gesellschaftliche Veränderungen gegeben: die Zahl der Kinder aus Arbeiter— und Angestelltenfa milien ist hier stark gestiegen. Die Arbei terfamilien haben versucht, sich den ver-

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änderten Anforderungen der Arbeitswelt anzupassen und gegen allen Konservatismus der Familie haben sie versucht, den Kindern, zumindest den Jungen, eine Ausbildung zu geben, die ihnen einen sozialen Aufstieg ermöglicht. Aber auch die Regierungen haben versucht, die allgemeine Schulbildung zu verlängern (8). Damit ändert sich nicht viel an den individuellen Erfolgsaussichten, je nachdem, zu welcher Klasse man gehört. Der Beruf bzw. der soziale Status der Eltern bleiben der maßgebliche Grund für die Ungleichheit in dieser Beziehung. In gleicher Weise sind die Männer weiterhin gegen über den Frauen klar bevorzugt. 1981 hat in Frankreich die Zahl der Studentinnen an den Universitäten erstmals die der Studenten übertroffen, aber je höher man im Ausbildungsgrad steigt, desto mehr nimmt ihre Zahl wieder ab.

Die größten gesellschaftlichen Veränderungen haben also an den weiteführenden Schulen stattgefunden. Die Jugendlichen zwischen 16 und 20, die heute auf die Straße gehen, stellen einen ganz anderen gesellschaftlichen Ausschnitt dar als ihre Vorgänger vor 20 Jahren. Unter ihnen gibt es viel mehr Arbeiterkinder, viel mehr Frauen. Ihre Anforderungen an die Ausbildung sind ehrgeiziger als in der Vergangenheit; das erklärt, warum in Italien und Spanien, aber auch in Belgien die Schüler eine größere Rolle in den Mobilisierungen gespielt haben als die Studenten.

Damit verändert sich auch die gesellschaftliche Bedeutung der Mobilisierungen. Anders als Mai 68 stellt sich die Verbindung zwischen der lernenden Jugend und der Arbeiterklasse viel eher durch die Familie selbst her. Vor zwanzig Jahren mußte man noch vor die Fabriktore ziehen, um zum erklären, wofür die Jugendlichen kämpften, denn der Großteil der Arbeiterkinder absolvierte eine kurze Lehre und wurde von der Protestbewegung im Ausbildungsbereich nicht erfaßt. Heute ist die Situation ganz anders, das hat sich in Frankreich wie in Spanien gezeigt. In der Mehrzahl der Arbeiterfamilien gehen ein oder mehrere Kinder zur Schule und die Familie wird zu einem Ort der Arbeitersolidarität mit den Jugendlichen. Die Verbindung zwischen den Kämpfen der Jugendlichen und der Arbeiterklasse ist damit leichter geworden. In Frankreich gab es während der letzten Schüler- und Studentenstreiks in den Betrieben ein starkes Bedürfnis, zusammen mit den Jugendlichen eine große Demonstration zu organisieren, und die Gewerk schaftsführungen hatten alle Mühe, dies abzuwenden. Die Regierung Chirac hat das durchaus erkannt und angesichts der Drohung einer breiten, einheitlichen Mobilisierung ihr Schulgesetz zurückgezogen.

All diese Faktoren unterstreichen die wachsende Bedeutung der Sekundarstufe und der Universitäten für die Entwicklung einer unabhängigen Jugendbewegung. Da dies ein dauerhaftes Element ist, stellt sich die Frage nach einer Massengewerkschaft der Studenten bzw. anderen Organisationsformen, und nach der Organisierung der Schüler. Der Platz einer revolutionăren Jugendorganisation wird zu einem Großteil im Ausbildungssektor sein, wobei das nicht der einzige Ort der Mobilisierung von Jugendlichen ist. Die Arbeitslosigkeit, aber auch der Kampf gegen den Rassismus, gegen die Gefahren der Atom energie bleiben auch in Zukunft wichtige Kristallisationspunkte.

Die Jugendarbeitslosigkeit

Diese Jugend ist mit der Krise aufgewachsen. Ihr Problem, wenn sie die Schule hinter sich gelassen hat, besteht nicht darin, eine Arbeit zu suchen, sondern eine zu finden. In den zwölf wichtigsten Ländern der OECD gibt es heute zehn Millionen arbeitslose Jugendliche. Ein Teil der Bour geoisie plädiert für eine Bevölkerungs politik, um die langfristige Überalterung der europäischen Bevölkerung zu verhindern, aber diese Gesellschaft weiß nicht, was sie mit ihren Kindern anfangen soll! Die Jugendlichen sind von der Arbeitslosigkeit viel stärker betroffen als der Rest der Erwerbsbevölkerung: in den Ländern der OECD insgesamt liegt die Arbeitslosenrate unter den Jugendlichen dreimal höher als unter den Erwachsenen(9)!

In den vergangenen fünfzehn Jahren ist die Zahl der Erwerbstätigen unter 25 Jahren gesunken. Teilzeitarbeit, von der der Großteil der Lohnabhängigen noch verschont ist, ist für Jugendliche ein sehr häufiges Arbeitsverhältnis. Die berufliche Unsicherheit ist unter den unter 25-Jährigen sehr weit verbreitet.

Jugendliche bekommen oft vorübergehende und unterqualifizierte Jobs. Die Unternehmen sind heute dazu übergegangen, auf festen Arbeitsplätzen Leute einzustellen, die eine erheblich höhere Qualifikation haben, als sie für die ihnen zugedachte Arbeit brauchen. Eine Folge dieser Entwicklung ist, daß die weniger Qualifizierten und diejenigen, die ihre Ausbil- JUGENDBEWEGUNG dung unterbrochen haben, keine Aussicht mehr haben, noch einen Arbeitsplatz zu finden. Der Arbeitsmarkt ist chaotisch und anarchisch geworden. Von den sog. „unqualifizierten" Arbeitern in Frankreich hat ein Drittel eine abgeschlossene Berufsausbildung in einem Berufszweig, der ein anderer ist als der, in dem sie gerade arbeiten.

Alle westeuropäischen Regierungen haben Pläne zur „Bekämpfung der Jugend arbeitslosigkeit" in den Schubladen. Demagogisch wollen sie damit die Unzufriedenheit unter den Jugendlichen kanalisieren und ein Aufbegehren ihrerseits verhindern. Doch in vielen Fällen sind diese Pläne nicht mehr als Trostpflästerchen und häufig auch noch ein Mittel, um die Soziallasten der Unternehmen zu drücken und ihnen für einige Wochen oder Monate billige Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen. In Großbritannien gibt es so das ,Youth Training Scheme, in Schweden das „Jugendgesetz", in Italien hat die Regierung den Abschluß von 40.000 Ausbildungsverträgen beschlossen und eine Unterstützung von Kooperativen; damit sollen angeblich Arbeitsplätze für Jugendliche geschaffen werden. Die italienische Regierung hat sogar beschlossen, 10.000 jugendliche Arbeitslose einzustellen „zur Erhaltung des Kulturguts,,! In Frankreich gibt es sieben verschiedene Sorten von Fortbildungskursen und ,,Lern-Arbeitsplätzen"

Gleichgültig, in welche Maßnahmen die jungen Arbeitslosen hineingeraten, am Ende steht für viele von ihnen wieder die Arbeitslosigkeit. All diese Maßnahmen ändern nichts an der Struktur des Arbeitsmarktes, der sich nach anderen Bedürfnissen richtet und den ganz andere Faktoren beeinflussen als diese jämmerlichen Maßnahmen der Regierungen.

Die Privatisierung, die heute in der ganzen EG betrieben wird und beträchtliche Geldmittel in Börsenoperationen verschlingt, stellt keine produktive Investition dar. Der hochgradig spekulative Charakter des Finanzmarktes zeigt, daß die herrschende Klasse kurzfristig über keinerlei Projekt verfügt, den Arbeitsmarkt auszudehnen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist die erste Folge davon.

In allen Ländern behaupten die Unternehmer, die Jugendarbeitslosigkeit sei eine Folge der fehlangepaßten Ausbildung der Jugendlichen. In Wirklichkeit bieten die Unternehmen den Millionen Arbeitssuchenden nur geringfügig Arbeitsplätze an. Die Art der Berufsausbildung ist nur ein

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JUGENDBEWEGUNG

Nebeneffekt der Krise, die heute auf dem Arbeitsmarkt herrscht. Die Hauptursache für dieses Chaos ist der Niedergang der produktiven Investitionen.

Die Erwerbsarbeitsplätze für Jugendliche unter 25 Jahren sind in Frankreich um 19% gesunken, davon in der Industrie allein um 35%. Die meisten Industrie zweige sind Jugendlichen verschlossen. Jugendliche werden mehr und mehr nur noch in Sektoren wie dem Bau, in Dienstleistungsberufen und im Handel eingestellt, wo die ungeschützten Arbeitsverhältnisse und die befristeten Arbeitsverträge zunehmen. Im Großteil der Wirtschaftszweige haben die Unternehmen die Belegschaften auf die Altersstufe zwischen 30 und 40 eingegrenzt.

Deshalb entwickelt sich langsam ein Bewußtsein, daß das Recht auf Bildung und das Recht auf Arbeit zusammengehören. Bezüglich dieser beiden Forderungen lehnen die Jugendlichen erst einmal soziale Diskriminierung und Ausgrenzung ab. Ungerechtigkeit und Ungleichheit Selbst unter den arbeitslosen Jugendlichen gibt es noch die üblichen Diskriminierungen von Frauen, Ausländern, von Jugendlichen aus weniger entwickelten Regionen, usw. In Italien, wo die Jugend arbeitslosigkeit eine der höchsten in den Ländern der OECD überhaupt ist(10), unterscheidet sich die Lage im Süden bekanntlich von der im Norden erheblich. Die Arbeitslosenrate liegt bei Männern über 29 Jahren im Norden bei 1,7%, bei Frauen unter 29 Jahren im Süden bei 50%! In Süditalien ist die Masse der arbeitslosen Jugendlichen ein leichtes Rekrutierungsfeld für die Mafia oder die Camorra. In Spanien sind die Jugendlichen in ähnlicher Weise je nach ihrer nationalen oder regionalen Herkunft gespalten.

Die parallele Wirtschaft, ein bedeutender Sektor der wirtschaftlichen Tätigkeit, stellt die Jugendlichen zu kriminellen Bedingungen ein. Die inneren Wanderungsprozesse von benachteiligten Regionen in industrialisierte Regionen betreffen natürlich vor allem solche doppelt benachteiligten Jugendlichen.

All dies stärkt die Rolle der Familie als Ort der Existenzsicherung. Jugendliche, angefangen bei den Mädchen, haben heute die Tendenz, länger im Elternhaus zu leben. Die Familie, die zunächst noch ein Zufluchtsort ist, wird dann schnell wieder ein Ort der Unterdrückung. Die Jugendlichen, die ihre Träume um eine wirtschaftliche Unabhängigkeit auf später verschieben müssen, sehen sich in die Zwangsjacke der Familie gepreßt, die auch hier wieder Ersatzfunktion wahrnimmt für die Gesellschaft, die unfähig ist, die Bedürfnisse der arbeitenden Bevölkerung zu befriedigen.

Die Auslander sind besonders betroffen. In Frankreich kennen 40% der auslandıschen Familien Jugendarbeitslosigkeit, verglichen mit 12% in der Gesamtbevölkerung. Für diese Jugendlichen ist die Lage besonders schwer, weil ihre Familie nochmal ein zusätzliches Hindernis für ihre gesellschaftliche Integration im weitesten Sinne darstellt. Draußen erleben sie den Rassismus der Gesellschaft, in der Familie das Patriarchat in seinen erdrükkendsten Formen. Die Gewalt der Väter und der Brüder über die Mädchen, die Verbote und Tabus, die religiösen Vorurteile, usw. sind der Preis, den diejenigen zu bezahlen haben, die sich nicht wirtschaftlich emanzipieren können. Die Jugend leidet daher besonders unter der nationalen und rassischen Diskriminierung. Die Welle der ausländischen Binwanderungin den 60er und 70er Jahren hat in einigen Ländern das hervorgebracht, was man heute die „zweite Generation" nennt, die man nicht mehr „Einwanderer" nennen kann. Sie sind und fühlen sich als eine stabile Gemeinschaft: ,,Früher trat der Einwanderer, der nur an die Arbeit dachte, in der Öffentlichkeit nicht auf. Er war nur eine Arbeitskraft in ihrer rohen Gestalt. Aber die Kinder sind zur Schule gegangen, haben andere Kinder kennengelernt und sich ganz natürlich in das öffentliche Leben Frankreichs integriert" (11).

Viele europäische Länder stehen heute vor dem Problem, daß Hunderttausende von ausländischen Jugendlichen jetzt auf den Arbeitsmarkt drängen. Für diese ist die Lage nochmals prekärer, weil sie auch unter dem Rassismus zu leiden haben und unter den Schwierigkeiten und der gesellschaftlichen Randständigkeit ihrer Eltern. Ihre Zweifel und Instabilität drücken sich im Dilemma „Recht auf Anderssein" oder „Recht auf Gleichheit" aus, denn diese Gesellschaft ist unfähig, beide Bedürfnisse zu befriedigen.

Selbst innerhalb dieser zweiten Generation sind nicht alle in derselben Lage. Sic unterscheiden sich je nach den Herr schaftsbeziehungen, die das imperialistische Land zu ihrem Ursprungsland unterhält. Die Lage und die Rechte eines jungen Algeriers französischer Nationalität sind anders als die eines jungen Arabers, der als Fremder betrachtet wird. Viele schwarze Jugendliche in Großbritannien haben die britische Staatsbürgerschaft, aber keine Möglichkeit, sich zu integrieren. Der Begriff „zweite Generation" wird relativ weit gefaßt, da hierzu auch diejenigen gehören, die per Familienzusammenführung ins Land gekommen sind. Diesbezüglich gibt es in der Schweiz eine sehr restriktive, in Schweden eine sehr liberale und in Frankreich je nach politischer Konjunktur eine unterschiedliche Politik. Sie prägt die Entwicklungschancen der zweiten Generation erheblich und ist zum Teil für die gesellschaftlichen Probleme verantwortlich, die jetzt auftreten. In Großbritannien hat die Begrenzung der britischen Staatsbürgerschaft auf die Einwanderer von den Antillen und vom indischen Subkontinent , die ab 1973 im Land wohnen, einen bestimmten Typ der „zweiten Generation" für die 80er Jahre geschaffen. In der Bundesrepublik stellten von 1975 ab die Kinder 60% des türkischen Zuzugs dar (1965 waren es noch 5%!). 60% dieser zugezogenen Kinder waren Jungen, was darauf schließen läßt, daß es sich hierbei um eine frühzeitige Emigration handelt, die von den Familien im Ursprungsland so gewollt wurde. Heute ist der Anteil der Jugendlichen unter den Ausländern in der BRD sehr hoch: 33,8% der Türken sind jünger als 15 Jahre; bei den Jugoslawen sind es 21,8%; in der Gesamtbevölkerung 16%. Jedes Jahr erreichen 60.000 ausländische Jugendliche das Alter der beruflichen Bildung, ohne daß sie gesicherte Berufsaussichten hätten(12).

Auch hier hat der Kapitalismus also erhebliche Spaltungen geschaffen. All diese Probleme sind von Bedeutung für diejenigen, die die politische Bewegung der Jugend auf eine einheitliche Grundlage stellen wollen. In Frankreich konnte man im Verlauf der antirassistischen Mobilisierungen feststellen, daß die Herstellung der Einheit nicht immer leicht war. Für die jungen Ausländer ging es bei diesem ampf direkt um sie und ihre materielle Situation; für die jungen Franzosen ging es um eine moralische Forderung und ein demokratisches Motiv. Als die Mobilisierung hauptsächlich von den Ausländern getragen wurde, hatte sie Schwierigkeiten sich zu organisieren und zu strukturieren, weil auch der Bezug zur restlichen Jugend hergestellt werden mußte und weil die ausländischen Jugendlichen nur sehr wenig Erfahrungen im kollektiven Kampf hatten. Mit der Bildung von SOS-Racisme und

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einer antirassistischen Bewegung an den Schulen ist die Frage der Einheit und der Organisierung der Mobilisierungen leichter geworden. Die Schulen, die selber ein Ort sind, wo sich Kinder verschiedenster Herkunft treffen und konzentrieren, hat diesen Fortschritt erleichtert. Die Zusammensetzung der Schülerdemonstrationen während der Streiks im vergangenen Dezember haben eine starke Einheit und Vermischung der jungen Franzosen und Ausländer aller Herkunft zum Ausdruck gebracht.

Arbeiter und Arbeitslose

Durch die Krise ist der Altersdurchschnitt der Arbeiterbelegschaften in zahlreichen Industriezweigen stark gestiegen. Eine drastische Anderung dieser Situation würde eine massive Einführung der neuen Technologien durch die Unternehmer, d.h. massive Investitionen erfordern, um nicht nur neue Arbeitsplätze zu schaffen, sondern auch die jungen Arbeitskräfte anzuziehen, die sich leicht der neuen Arbeitsorganisation anpassen können. Davon sind wir weit entfernt. Die Arbeiterklasse verfügt heute also nicht über einen starken Anteil junger Arbeiter unter 25 Jahren, die zu vielen Kämpfen bereit sind, wie dies eine ganze Zeitlang der Fall war. Natürlich gibt es noch junge Arbeiter in den Betrieben, aber die Frage nach einer Schicht junger Arbeiter, die in den Betrieben eine „neue proletarische Generation" darstellt, ist in zahlreichen Industriezweigen weitaus schwieriger zu beantworten. Bleibt die Frage nach der Jugend, die sich in der Ausbildung befindet. Deren Lage kann im europäischen Maßstab schlecht verallgemeinert dargestellt werden. Ihr Platz in der Institution Schule, in der Arbeiterklasse, und damit auch ihr Bewußtsein hängen von den besonderen Bedingungen der beruflichen Bildung ab. In der Bundesrepublik gibt es eine lange Tradition des dualen Berufsbildungssystems; die Unternehmen spielen in der beruflichen Bildung der jungen Arbeiter eine bedeutende Rolle. In Frankreich dagegen wird diese Aufgabe seit langem vom Staat wahrgenommen, was bedeutet, daß die berufliche Bildung sich einordnet in das allgemeine Ausbildungssystems. Aus diesem Grund gibt es heute in Frankreich eine gemeinsame Schulbildung für alle Jugendlichen bis zum Alter von 12 bis 14 Jahren. Je nach den Bedingungen in den verschiedenen Ländern nehmen die Jugendlichen, die sich auf das Berufsleben vorbereiten, in unterschiedlichem Maße an den Kämpfen teil, die nur sie allein betreffen. Aus demselben Grund sind sie auch unterschiedlich stark in die Kämpfe der auszubildenden Jugendlichen insgesamt integriert.

Schließlich trifft man einen nicht zu vernachlässigenden Teil der Jugendlichen weder in der Oberstufe noch auf den Berufsschulen, sondern als Arbeitslose. Die meisten Studien weisen daraufhin, daß ein Teil der Jugendlichen, die ohne Arbeit sind, in dem Maße, wie sie keine Aussicht auf eine Eingliederung in die Gesellschaft und keine Bindungen an die traditionelle Arbeiterbewegung haben, Gefahr laufen, sozial marginalisert zu werden. Kann es unter solchen Bedingungen eine Bewegung der jungen Arbeitslosen geben? Bisher hat die Erfahrung gezeigt, daß das sehr schwer ist. In Europa sind die Arbeitslosen im allgeminen nur schwach organisiert und beteiligen sich wenig an den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Für die Jugendlichen bleibt wie gesagt die Familie der Ort, wo sie sich sicher fühlen, was den Geist der Revolte teilweise dämpft. Es ist wahrscheinlich, daß es verschiedene Formen von Gruppen junger Arbeitsloser gibt. Wenn die Gewerkschaft sich dieses Problems jedoch nicht annimmt, wird es schwer sein, lokale Erfahrungen zu verallgemeinern und zu stabilsieren.

Ein entscheidender Faktor für die Zunkft der Arbeiterbewegung

Die neue politische Radikalisierung der Jugend ist eine Chance für die Zukunft der Arbeiterbewegung. Wir haben hier betont, daß eines der Merkmale der neuen Erfahrungen dieser Generation gerade mit den Veränderungen innerhalb der Arbeiterbewegung zusammenhängt.

Zwei Probleme werden sich stellen. Das erste betrifft die Bedingungen, unter denen es möglich ist, daß sich die Kämpfe der Jugendlichen und die der Erwachsenen Arbeiter gegenseitig positiv beeinflussen. Das zweite betrifft das Zusammentreffen der neuen Schicht von Aktivisten, die in den jüngsten Mobilisierungen entstanden ist, und der Organisationen der extremen Linken, die im wesentlichen nach 1968 aufgebaut wurden.

Die Neuzusammensetzung der Arbeiterbewegung wird in starkem Maße von der Fähigkeit der revolutionären Organisationen abhängen, eine Verbindung zu dieser neuen kämpferischen Schicht herzustellen. Seit vielen Jahren und in vielen Ländern steigt das durchschnittliche Alter der JUGENDBEWEGUNG

Organisationen. Jeder qualitative Schritt vorwärts im Aufbau einer revolutionären Bewegurg in Europa wird abhängen davon, daß Hunderte und Tausende von Jugendlichen, die nicht die Niederlagen unc die Vervirrungen der Vergangenheit miterlebt haben und deshalb offener sind für den politischen Kampf, in die Reihen die ser Organisationen eintreten und den Erfahrungen der früheren Generationen neue hinzufügen. Die jüngsten Mobilisierungen der Jugendlichen sind noch nicht vergleichbar mit der großen Protestwelle von 1963-69. Aber sind auch nicht ein Gewitter, das vorüberzicht.

4.April 1987 Anmerkungen:

(I) In Frankeich versucht die Sozialistische Partei, aus den Streiks vom Dezember 1986 politisches Kapital zu schlagen. indem sie sich kleiner Gruppen der extremen Linken bedient. die beschlossen haben, nunmehr in der Sozialistischen Partei zu arteiten und ihre unabhängige Existenz aufzugeben. Dazu gchören Convergence Socialiste" , eine Abspaltung von der lambertistischen PCI, und ..Questions socialistes" , die voo der LCR kommen und in ihren Reihen chemalige Mitglieder der LCR zählen. (2) Gerard Noiriel, Les ouvriers dans la societe francaise. Editions du Seuil, Paris 1986 (3) In Frankreich ist die Durchschnittsgroße der Familie von 3.33 Persones in 1962 auf 3.15 Personen in 1982 gesunken. Vor allem der Haushalt mit vier Kindern ist stark zurückgegangen, von 17.2% auf 7.6%, Veröffentlichung des Instituts für Statistik INSEE, Paris, November 1984. (4) Probleme politiques et sociaux, Nr.S42. La Documentation francaise. Paris.

(5) aus: Werijroeb Arbeid, 1985. Eine Studie der Universität Löwen. Die Jugendlichen teilen sich auf wie folgt: 75,3% Grundstufe und Sekundarstufe 1. 14.3% Sekundarstufe II und 10,4% Universitat.

(6) In Paris faßt allein die geisteswissenschaftliche Fakultät von Jussieu über 8.500 Angestellte und 60.000 Studenten! In Belgien leber auf dem Campus der Universităt Löwen 17.000 Studenten, 22.000 sind an der Uni eingeschrieben. (7) Eine Ausnahme muß man hier für Großbritannien machen, da es cine lange Tradition mit einer scharfen sozialen Hierarchie zwischen den Universitäten und eine sehr ausgeprägte Elitebildung gibe. 1975 hatten in Frankreich nur 5% der Lohnabhingigen die Hochschule besucht. In den USA dagegen hatten 1982 20% der Lohnabhängigen mindestens vier Jahre an der Hochschule studiert. (8) Wenn man die Schülerzahlen an den Privatschulen und an den staatlichen Schulen zusammenzählt, gab es 196l in Frankreich in der 11. Klasse 24.7% Arbeiterkinder. 1980 waren es bercits 41,9%. Zahlen nach: B. Charlot und M.Figeat. Histoirt de la formation des ouvriers. Editions Minerve. Paris 1985 (9) Perspektiven des Arbeitsmarkts, OECD. September 1985 und September 1986.

(10)In Italien sind 60% der Arbeitslosen Jugendliche, das sind 1.5 Millionen Menschen. 35% der Jugendlichen zwischen 14 und 25 Jahren sind arbeitslos. Anders als in anderen Ländern sind auch die arbeitslos, die cinen Abschluß haben. 1985 halten 6.3% kein Abschlufizeugnis oder hatten nur die Grun/schule besucht. 13.2% hatten cinen Sekundarabschluß und 6.3% hatten cinen Hochschulabschluß. Nach: Etudes Econniques, OECD. Juli 1986. (11) Abdelkader Djeghloul, ein algerischer Soziologe, in: Revue M. Februar 1987, Paris (12)Karen Schober, in: Gewerkschaftliche Monarshefte. Koln, 1982. Die jungen Ausländer unter 25 Jahren sellen etwa 42% der ausländischen Bevölkerung in insgesamt neun westeuropäischen Ländern (Frankreich, BRD, Schweiz. Schweden, Dänemark, Norwegen, Belgien, Nicderlande. Luxemburg). Das sind von 11,2 Millionen 4.7 Millionen Dies muß man im Zusammenhang damit schen, daß die Ge. burtenrate im aligemeinen sinkt und die Bevölkerung in den verschiedenen Nationalstaaten altert: der Anteil der unter 25-Jährigen liegt hier im allgemeinen bei 35%. s. Proble mes economiques et sociaux, La Documentation Francaise. Nr.530, 1986.

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18. — 26. Juli in der Toskana

Internationales

Jugendsommerlager 1987 PROGRAMM

Zum vierten Mal organisieren Jugendorganisationen aus ganz Europa, die in Sympathie zur Vierten Internationale stehen, ein Sommerlager. Es soll diesmal vom 18.—26. Juli in der Toskana stattfinden, in La Verna in der Nähe von Florenz. Etwa 800 Jugendliche werden dort erwartet, die Erholung. Kultur, Diskussionen, Feste und Erfahrungsaustausch in einem suchen.

Von Sonntag bis Sonntag gliedert sich das Programm derart, daß an jedem Tag ein Thema im Mittelpunkt steht: Schüler- und Studentenkämpfe, Frauenunterdrükkung. Dritte Welt und Imperialismus, Arbeiterkämpfe, Sexualität und Aids, Ökologie. Vormittags gibt es dazu immer ein Forum, nachmittags gibt es parallel große und kleinere Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen. Jeden Nachmittag wird zusätzlich ein Grundkurs in Marxismus angeboten.

Dazu jede Menge Feste. Konzerte, Filme Disco... Kreatives: Schminken, Pantomime, Theater, T-Shirts drucken... Sportliches: Tischtennis, Volleyball, Selbstverteidigung, Fußball, Jogging...und jede Menge Ausflüge in die Umgebung (Florenz, Arezzo).

SONNTAG 10.00: Forum: Jugendkämpfe 1986-87 mit Beiträgen aus Frankreich, Spanien, Mexiko, Italien 14.00: Arbeitsgruppe: Die Krise und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen (Ernest Arbeitsgruppen: Politik und Cartoons (Schweiz)

Solidarnose (Großbritannien)

16.00: Arbeitsgruppe: Die 60cr Jahre — Der Guevarismus (Alain Krivine) Arbeitsgruppen: Verhütung und Abtreibung (women only. Niederlande) Nationalitäten im spanischen Staat (Spanien)

MONTAG 10.00: Forum: Die Rolle der Frauen in den Jugendkämpfen , mit Beiträgen aus Frankreich. Niederlande, Spanien, Großbritannien 14.00: Arbeitsgruppe: Frauenbewegung und Abtreibung (Spanien, Belgien) Arbeitsgruppen: Die Grünen (Schweiz)

Die Lage im Nahen Osten 16.00: Arbeitsgruppen: Männergewalt (Niederlande)

PRT-Mexiko (PRT)

Studenten: Selbstorganisation oder gewerkschaftliche Orientierung (Frankreich) 16.45: Arbeitsgruppe: Friedensbewegung und Raketen (Großbritannien, Belgien) 10 INPREKORR 194

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DIENSTAG 10.00: Forum: Dritte Welt und Imperialismus (EPLF-Eritrea, PUM-Peru, Schweiz) 14.00: Treffen der Delegationen 21.00: Mittelamerikarally (mit Beteiligung der FMLN und vielleicht der JS-19 aus Nicaragua)

MITTWOCH 10.00: Forum: Arbeiterkämpfe in Europa (mit einem Bergarbeiter aus Belgien, einem Eisenbahner aus Frankreich, Beiträgen aus Spanien und Italien) 14.00: Arbeitsgruppe: Aufbau von Jugendorganisationen in den Studenten— und Schülerstreiks (Frankreich, Spanien, Belgien) Arbeitsgruppen: Homosexuelle und Lesben (Niederlande) Sozialdemokratische Parteien in Europa (Großbritannien) 16.00: Arbeitsgruppen: Sexuelle Gewalt (women only, Frankreich) Drogen (Italien)

DONNERSTAG 10.00: Forum: AIDS und Sexualität (mit Beteiligung eines Vertreters der Homosexuellenbewegung und der Bewegung für eine demokratische Medizin aus Italien: Beiträge aus Belgien, Großbritannien)

14.00: Arbeitsgruppen: Anti-Militarismus (Frankreich und Niederlande) AIDS (Italien)

14.30: Arbeitsgruppe: Die Vierte Internationale 16.00: Arbeitsgruppen: Philippinen (Frankreich) Pazifismus. Gewaltfreiheit und Aktionsformen (Italien) 16.30: Arbeitsgruppe: Apartheid

FREITAG 10.00: Forum: Ökologie (mit Beiträgen aus Schweiz. Italien, Frankreich, der Bundesrepublik)

14.00: Arbeitsgruppe: Rassismus und Faschismus (Frankreich und Großbritannien) 21.00: Abschlußfete

SAMSTAG 10.00: Bilanz der Delegationen 14.00: Arbeitsgruppe: Die UdSSR und Gorbatschows Reformen (Italien, Frankreich) Arbeitsgruppen: Der Rhein (Schweiz)

Die gesellschaftspolitische Situation in Italien 16.00: Arbeitsgruppen: Jugend und Sexualität (Italien) Chile (Frankreich)

WOMENS PLACE MITKOMMEN!

Es wird ein spezielles Zelt nur für Das ganze Programm kostet, mit Voll- Frauen geben. Mit Sound und Bar, ein verpflegung, 180 DM. Für Kontakt und Ort wo Frauen in Ruhe ihre Erfahrun- Anmeldung: Lars Steinau, Weidenstr. gen diskutieren und Feste feiern kön- 1d, 6701 Frankenthal, Tel. 06233/61 nen. 31 5.

Bitte meldet Euch so schnell wie mög- Zelte. Schlafsäcke und Geschirr müßt lich an. ihr selbst mitbringen!

WO?

In Italien, etwa 50 km von Florenz entfernt, auf den Höhen des Appennin, unterhalb des Klosters von La Verna (s. Karte) ... liegt ein wunderschönes Plätzchen, mitten in einem Naturschutzgebiet. Es soll dort noch Wildschweine geben ...

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SOWJETUNION

DER GROßE BRUDER SIND

WIR SELBST!

INTERVIEW mit ALEXANDER SEVERUCHIN

Das folgende Interview wurde während einer Reise in men muß; zur Nationalitätenfrage und zum Krieg in die UdSSR aufgenommen. Alexander Severuchin, der Afghanistan.

sich selbst als Linksoppositioneller bezeichnet und auf den Marxismus beruft, vertritt seinen Standpunkt zu Seine Antworten sind von großer Bedeutung, da sie einer Reihe von Fragen: zu den unterschiedlichen von einem unabhängigen Marxisten kommen, der in Strömungen in der heutigen Opposition und in der der UdSSR lebt und kämpft — gleichgültig ob unsere sowjetischen Arbeiterklasse; zur Haltung, die man gegenüber den Reformen von Gorbatschow einneh- •Ich möchte Dir zu Anfang eine allgemeine Frage stellen. Als Kämpfer, der sich um eine globale Sichtweise der Revolution und des Sozialismus bemühen, wie seht ihr, du und deine Freunde, die Situation im Westen und in den Ländern der 3.Welt - und in den Ländern des Ostens natürlich?

•Wir meinen, daß der Westen das politisch und ökonomisch stabilere System ist. Obwohl es natürlich auch im Westen eine Krise gibt, häufen sich dort die positiven Effekte der gesamten Weltordnung.

Darum denken wir, daß es nicht die westlichen Gesellschaften sein können, von de- schen Weg abgedrängt. Von diesem nen aus der nächste revolutionäre Auf- Standpunkt aus sehe ich die Erfahrung in schwung seinen Ausgangspunkt nehmen Nicaragua gleichzeitig als negativ und als wird. In der 3. Welt hingegen akkumulic- positiv. Es gibt viele positive Elemente ren sich die negativen Aspekte der Welt dabei, aber die Kubanisicrung Nicaraguas ordnung, und deshalb denken wir nicht, hat bereits begonnen. daß dieser Sektor der Ausgangspunkt für einen revolutionären Aufschwung sein Deshalb denken wir, daß paradoxerweise wird. Diese Länder sind unterentwickelt, die Länder des sowjetischen Blocks, die und das grundlegende Ziel der revolutio- unabhängiger vom weltweiten kapitalisti nären Prozesse ist nicht wirklich, den Ka- schen System sind, aber dennoch einen pitalismus zu zerstören, sondern cher aus Einfluß auf die Weltordnung im allgemei der Situation der Unterentwicklung her- nen ausüben, mit ihren eigenen Krisen cin auszukommen und die gegenwärtigen revolutionäres Potential bergen, das wenn Übel zu beheben. Wenn man in cinem es zum Tragen kommt, eine große Bedeu Land der 3. Welt versucht, wirklich eine tung für die gesamte Welt haben wird sozialistische Lösung durchzusetzen, wird Wir haben schon in der Tschechoslowakei man unweigerlich auf cinen extremisti- und in Polen eine kombinierte Ent

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wicklung aus Reformen und Revolution erlebt, obwohl sie am Ende gescheitert ist. Aber in der Sowjetunion haben wir besrung zu überwinden und eine nicht sektiererische linke Ideologie zu finden. Wir versuchen, die Ideen des sog. marktwirt- SOWJETUNION dem Westen. Ist die Frage in Demonstrationen hier wichtig geworden? •sere Chancen zu bestehen. Weil es keinen „großen Bruder" gibt, der eingreifen wird. Der große Bruder, das sind wir selbst.

• Was kannst Du über die linke Opposition in der Sowjetunion heute sagen? •Die linke Opposition ist gerade im Begriff, überhaupt als politische Kraft aufzutauchen. Ende der 70er Jahre und zu Beginn der 80er Jahre bestand das Problem ganz einfach darin, unserer eigenen Gesellschaft und der westlichen Linken zu zeigen, daß wir existieren. Die emigrierten Dissidenten verbreiteten, daß es in der Sowjetunion absolut keine sozialistische Opposition gebe, daß diese nach dem Einmarsch in die CSSR 1968 verschwunden sei. Es ist wahr, daß die kommunistische Reformopposition, die es bis dahin gab, zu jener Zeit verschwand. Unsere Aufgabe bestand also darin, wieder von Null anzufangen. In Wirklichkeit von weniger als Null, weil die sozialistische Ideologie als überholt, wenn nicht als reaktionär galt. Die Stalinisten hatten erreicht, daß die Mehrzahl der Intellektuellen anti-sozialistisch wurde. Aber zur gleichen Zeit zeigten die rechten Dissidenten und Emigranten, daß ihre angeblichen Lösungen noch totalitärer und stalinistischer waren als der offizielle Stalinismus. Die junge Generation verstand, daß der anti—kommunistische Dogmatismus nicht mehr wert ist als der kommunistische Dogmatismus. Es gab in unseren Reihen eine Revolte gegen diese zwei Varianten. Ironischerweise sind es die anti-marxistischen Dissidenten, die uns geholfen haben, wieder den Bezug zum Marxismus von Karl Marx herzustellen.

Es war notwendig, Grundlagen für ein linkes Gedankengut in der Sowjetunion zu finden; die Traditionen der westlichen Linken ebenso zu studieren wie das Gedankengut der russischen Sozialisten; unsere eigenen Erfahrungen zu untersuchen und die Mittel herauszufinden, um unsere Probleme zu lösen und eine Art Synthese zu finden. Ich möchte nicht sagen, daß wir dies erreicht haben, aber es gibt einen Prozeß des Zusammenwachsens der unterschiedlichen Traditionen der Linken. Die Leute, die man in der Sowjetunion als Linke bezeichnet, betrachten sich nicht als Sozialdemokraten oder als revolutionäre Marxisten oder sonstwas, sondern als Linke. Es ist nicht notwendig, eine Tendenz oder Tradition näher zu bestimmen, weil das Ziel darin besteht, die Zersplitteschaftlichen Sozialismus, der Selbstverwaltung und Elemente des revolutionären Marxismus zu integrieren.

Es gibt auch Strömungen, die objektiv links oder sozialistisch sind, die aber kein sozialistisches Bewußtsein haben — wie die Trust-Gruppe(1) - , die in ihren politischen Positionen Elemente der Linken transportiert und mit der westlichen Linken über die Friedensbewegung verbunden ist , die sich aber nicht als Gruppe der Linken versteht. In der Ökologiebewegung, die einen halb—offiziellen Status hat, gibt es auch Individuen, die mehr oder weniger linke Vorstellungen haben. Mit ihnen gibt es sehr viele Punkte der Übereinstimmung, aber man darf sie nicht wirklich als links betrachten. Druck der objektiven Ereignisse zur radikalen Linken hin entwickeln. Es gibt da eine wichtige Strömung, die wir als „legale Marxisten" bezeichnen: liberale, offizielle Ideologen, die versuchen, einige Elemente eines wirklichen Marxismus in den offiziellen Pseudo-Marxismus zu integrieren. Vielleicht wollen sie die offizielle Ideologie auffrischen, ihr ihren ursprünglichen Sinn wiedergeben. Ich glaube nicht, daß sie Erfolg haben können: die offizielle Ideologie ist unverbesserbar. Aber es ist dennoch ein wichtiger Schritt von dieser Ideologie weg zum Marxismus hin.

•Im Westen wird oft eine Frage gestellt, wenn wir von unseren Beziehungen mit Sozialisten im Osten sprechen. Ein großer Teil „unserer" Linken sieht ironischerweise in der Unterstützung der politischen Gefangenen in Osteuropa eine „objektive Kollaboration mit den Rechten". Was ist daran richtig? •Ich kenne das Problem, ich habe schon mit westlichen Freunden darüber diskutiert. Ich denke, daß es manches Mal unvermeidlich ist. Es wäre besser, wenn man es vermeiden könnte. Zuweilen ist es unvermeidlich. Wenn sich jemand im Gefängnis befindet, muß man ihm mit allen möglichen Mitteln helfen. Das gilt aber nur für die Gefangenen.

• Ein anderes Beispiel ist das von Solidarnose in Polen, die natürlich massive Unterstützung von rechts bekommt, aus den Vereinigten Staaten und überall aus •Ich denke, daß man an solchen Demonstrationen teilnehmen muß, einfach um den Leuten im Osten, die nicht immer Sozialisten sind, zu zeigen, daß sie von Sozialisten unterstützt werden. Es ist wichtig, den Kämpfern für die Demokratie hier, die weder rechts noch links sind, zu zeigen, daß die westliche Linke hinter ihnen steht. Das Geld von Reagan, das amerikanische Geld, hat den Verlauf der Ereignisse in Polen nicht beeinflußt. Die materielle Unterstützung ist von den westlichen Gewerkschaften gekommen, nicht von den Rechten. Die politische Unterstützung ist sehr wichtig, genauso wichtig ist es für uns, sagen zu können: Seht was von der westlichen Linken für die demokratische Bewegung im Osten getan wurde." Dies zeigt, daß die westliche Linke demokratisch ist und wir recht haben in unserem Versuch, mit ihr Verbindung aufzunehmen.

• Könnt ihr hier mit diesem Argument landen?

•Ja, wenn wir gleichzeitig die Anti-Kommunisten und die rechten Dissidenten kritisieren, die die Unterstützung Reagans und seinesgleichen suchen. •Welche Haltung vertritt die Strömung, in der du aktiv bist, gegenüber dieser Art von Aktivität in der Sowjetunion?

•Du meinst, gegenüber den Aktivitäten der Rechten? Sie existieren fast nicht mehr: fast alle diejenigen, die auf der Rechten kämpften, sind heute zum Schweigen verurteilt, sie sitzen entweder im Gefängnis oder sind in den Westen gegangen. Es ist wichtig zu sagen, daß ihre Aktivitäten nicht nur wegen der Repression eingestellt werden mußten, obwohl diese sehr stark war. In früheren Jahren folgten auf die Repression jüngere Aktivisten, die sich der Strömung anschlossen und sie in der nachfolgenden Generation verankerten. Aber seit 1979 haben sich nur sehr wenig Leute dieser Strömung angeschlossen, die sich jetzt mangels Erneuerung in einer Krise befindet. Es ist aber nicht auszuschließen, daß sie wieder auftaucht, wenn die Bedingungen es zulassen.

• Aber es gibt, wie du gesagt hast, liberale und demokratische Personen, die keine Sozialisten sind?

•Ja, aber wir müssen versuchen, diese

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SOWJETUNION

Elemente in die „breite Linke" zu integrieren. Die rechten Emigranten sagen, daß das Dissidententum tot ist. Das ist nicht richtig. Das rechte Dissidententum ist tot, da drückt der Schuh. Deshalb sagen sie lieber, das ganze Dissidententum ist tot.

• Was passiert in dem Bereich der Verbindungen zwischen der sowjetischen und der osteuropäischen linken Opposition? Sind sie stark?

•Wir haben sehr wenig Verbindungen, wir haben mehr Verbindungen mit der westlichen Linken. Das ist sehr bedauerlich. Wir hatten einige Verbindungen zu Solidarnosc in Polen, aber sehr begrenzte. Unser Eindruck ist, daß die osteuropäische Linke unglücklicherweise denkt, in der Sowjetunion könne es keine linke Opposition geben. Sie betrachten die Sowjet union lieber, wie viele Nationen der 3. Welt den amerikanischen Imperialismus betrachten, d.h. als totalen Feind. Es ist schade, daß es auf eine Frage, die so bedeutend ist, im Moment nur eine so kurze Arftwort gibt.

• Was kannst Du uns über die Situation der sowjetischen Arbeiterklasse sagen? • Man darf nicht vergessen, daß die Realität der sowjetischen Arbeiterklasse sich sehr vom traditionellen Verständnis des Proletariats im Westen unterscheidet. Diese Klasse wurde durch eine schnelle Industrialisierung unter den Bedingungen eines totalitären Staates geschaffen. In der Folgezeit gab es eine Entwicklung in Richtung auf ein post-totalitäres Regime, das sich jedoch vom Typus des Autoritarismus, den wir aus Lateinamerika bzw. aus anderen Ländern der 3. Welt kennen, unterscheidet. In diesem Sinne ist die sowjetische Arbeiterklasse cher marginal: sie ist zahlenmäßig stark, aber die wirkliche Arbeiterklasse im marxistischen Sinne ist nur ein Teil von dem, was man Arbeiterklasse nennt, und was man cher die „werktätigen Massen" nennen sollte, obgleich sie, so hoffen wir, ein entscheidender Teil ist.

• Kannst Du genauer erklären, worin sich die sowjetische Arbeiterklasse vom „traditionellen Verständnis im Westen", wie du gesagt hast, unterscheidet?

•Im Lauf der raschen Industrialisierung ist die Zahl der sog. Arbeiter schnell angestiegen. Eine zweite Welle des zahlenmäßig raschen Wachstums der Arbeiterklasse gab es unter Chruschtschow zur Zeit der beschleunigten Urbanisierung. In Wirklichkeit handelte es sich jedoch nicht wirklich um eine organische" Arbeiterklasse, sondern um eine Masse von marginalisierten, deklassierten Leuten, die aus ihrem ursprünglichen Lebensraum gerissen und in die Betriebe geworfen wurden, ohne Klassenbewußtsein und ohne Klassenstruktur. Eine solche Masse konnte einfach nicht unabhängig vom bürokratischen System existieren. Die offizielle Politik bestand darin, die Leute in einer Art und Weise ins System zu integrieren, die sie daran hindern würde, ihre sozialen Bindungen zu festigen und eine Klasse im vollen Sinne des Wortes zu werden. Unsere Freunde, die versucht haben, den wirklichen Charakter der sozialen Beziehungen in den sowjetischen Betrieben zu untersuchen, haben herausgefunden, dal es zahlreiche Verbindungen gibt, die die Arbeiter an die Verwaltung ketten. Wir bezeichnen diese Bindungen, die die Arbeiter an die Bürokratie und an die Strukturen unterhalb der Betriebsleitung ketten, als „Korruptionsbeziehungen"

• Kann man dieses Phänomen mit dem korporatistischen Syndikalismus im Westen, mit einer Art Klassenkollaboration vergleichen?

•Nein, es handelt sich nicht um Kollaboration, eher um heimliche Bestechung. Z.B.kommt es oft vor, daß die Arbeiter nicht sehr diszipliniert oder produktiv sind. Die Verwaltung drückt beide Augen zu und die Arbeiter protestieren ihrerseits nicht, wenn sie unterbezahlt werden, oder wenn ihre Rechte von der Bürokratie miß achtet werden. Es handelt sich also um Beziehungen, die keine Klassenbindungen sind, sondern eher Anti-Klassenbindungen. Dieses Phänomen wurde nicht künstlich geschaffen, um die Arbeiterklasse zu korrumpieren, es wird durch das System selbst hervorgebracht. Nichtsdestotrotz gibt es auch mehr oder weniger entwikkelte Klassenbeziehungen. Wir vertreten die Vorstellung, daß es in der Sowjetunion eine wirkliche Arbeiterklasse im marxistischen Sinne des Wortes gibt, die strukturiert ist und der Schicht der qualifizierten Facharbeiter entspricht. Das ist der Kern der wirklichen Arbeiterklasse. Ihre Interessen sind entscheidend für die gesamten werktätigen Massen. Wir hoffen, daß die breiten Massen mit diesem Kern verbunden werden, von ihm organisiert und geführt werden können.

Gleichwohl wissen wir, daß die unterschiedlichen Schichten der werktätigen Massen unterschiedliche Interessen und spezifische Erfahrungen haben. Das was die qualifizierte Arbeiterklasse am meisten interessiert, ist der Gedanke der Reform, der Demokratisierung. Ich spreche von einem Typ von Reformen wie in der Tschechoslowakei, oder wie das ungarische Modell, das sich dann schnell radikalisieren kann. Für die unqualifizierten Arbeiter ist die Hauptfrage die der Gerechtigkeit. Diese Schichten sind nicht so sehr von einer Reform betroffen. Das Problem für die Linke besteht darin, Mittel und Wege zu finden, die Vorstellungen von Gerechtigkeit und Reformen ideologisch zu verbinden. Die offiziellen Reformer strengen sich an, ein Programm besonderer Maßnahmen zu entwerfen, das in die Richtung eines marktwirtschaftlichen Sozialismus geht, sogar hin zu einer demokratischen Selbstverwaltung. Aber das bleibt immer auf der Ebene der Theorie. Was machen sie in Wirklichkeit anderes als Briefe an die Verantwortlichen zu schreiben? Unser Programm muß helfen, daß sich die wirklichen sozialen Interessen in einer Reformbewegung ausdrükken, und die Massen für die Verteidigung ihrer eigenen Interessen mobilisiert werden. Diese Frage kann durch den offiziellen Reformismus nicht gelöst werden. Um sie zu lösen, muß man eine nicht—offizielle linke Opposition gründen. Das ist der Grund, warum man für eine radikale Linke in der Sowjetunion sein muß, eine Strömung, die mehr als reformistisch, die revolutionär ist.

Wenn ich revolutionär sage, dann bedeutet das nicht einfach eine politische oder methodische Definition. Viele Linke, die hier rein theoretisch geschen cher reformistisch sind, die im Westen Sozialdemokraten wären, sind dennoch aufgrund ihrer Situation als Linksoppositionelle in der Sowjetunion gezwungen, eine revolutionäre Haltung einzunehmen. Deshalb haben wir die Möglichkeit, die verschiedenen Strömungen in einer Art ,,neue sowjetische Linke" oder organische Linke" - Ausdruck unserer historischen Erfahrung als pluralistische Linke — zu integrieren. • Wie sehen eure konkreten Möglichkeiten aus zu handeln, Propaganda zu machen und euch als Bewegung zu organisieren?

• Aus bestimmten Gründen, die du leicht verstehen wirst, kann ich diese Frage nicht im Detail beantworten. Aber ich kann allgemein darüber sprechen, was übrigens auch interessanter ist. Der 27.Parteitag hat dem Volk viele Versprechungen gemacht. Gleichzeitig ist

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klar, daß das System nicht in der Lage ist, unmöglichen auch eine wirkliche Entseine Versprechungen zu erfüllen. Jetzt wicklung dieser Kräfte über ein bestimmgilt es, die offiziellen Versprechungen tes minimales Niveau hinaus. Die einzige maximal auszunutzen. Deshalb haben wir Lösung wäre eine wirtschaftliche Reform im Moment einige Möglichkeiten, legal - aber eine Reform, die nur über den gezu arbeiten. Das ist sogar der Hauptteil sellschaftlichen Kampf erreicht werden unserer jetzigen Arbeit. Gleichwohl orga- kann. Ein sozialer Kampf spielt sich, wie nisieren wir uns auch ein wenig ,,konspi- du weißt, nicht zwischen zwei politischen rativ" , da selbst eine legale Arbeit diskret Fraktionen ab, sondern zwischen Klassen. organisiert werden muß, wenn man nicht Früher oder später wird sich dieser Kampf will, daß sie schnell zerstört wird. radikalisieren und die breitesten Schichten der Bevölkerung miteinbeziehen. Deshalb

Vielleicht können wir zu den allge mei- ist der Reformismus hier die einzige Mögnen Problemen kommen. Welche wirt- lichkeit, „revolutionär" zu sein. Wir schaftlichen Probleme sind heute die müssen die Initiativen der Reformer unwichtigsten? terstützen und gleichzeitig versuchen, zu Masseninitiativen zu machen und ihre wirtschaftlichen Unterstützung an der Basis der Gesellwicklungstendenzen sind im Westen im schaft zu erreichen. Wenn diese Untergroßen und ganzen bekannt. Der Ölpreis- stützung einmal da ist, werden diese Initia verfall hat, begleitet von einer Schrump- tiven nicht mehr reformistisch, sie werden fung der Produktion, eine sehr ungünstige revolutionär sein. Situation für die sowjetische Wirtschaft geschaffen. Das ist schlimm, weil Bresch • Wird es so sein, weil sie einer äußeren new die Wirtschaft auf die Ol-Exporte Dynamik gehorchen?

hin orientiert hatte. Diese waren notwendig, um den Import westlicher Technolo- •Ja. Sie werden Teil einer spontanen gie und den Weizen zu bezahlen, die beide Bewegung. Unsere grundsätzliche Aufdazu dienten, die innere Stabilität zu festi- gabe besteht darin, den Leuten zu erklägen. Anschließend wollte Breschnew die ren, daß sie selber handeln müssen, um Schwierigkeiten der Ölproduktion teil- die Fehler des Systems zu heilen, selbst weise mit Hilfe der Atomenergie überwin- wenn sie dieses System in einigen Aspek- Aber seit den Ereignissen ten unterstützen und es nicht zerstören Tschernobyl ist klar, daß die Atomenergie wollen. Sie müssen sich in das Leben der diese Rolle nicht spielen kann. Es ist klar Gesellschaft einbringen und infolgedessen geworden, daß die strukturellen Schwä- wird etwas Neues entstehen, was die, die chen des Systems stärker sind als jede re- daran teilnehmen, verändern wird. ale Kraft. Ich will damit sagen, daß wir natürliche Bodenschätze hatten, es aber Im Westen geben zahlreiche Analygeschafft haben, diese zu vergeuden und sen der nationalen Frage eine entscheidurch den Mangel zu ersetzen. Ein zwei- dende Bedeutung als Quelle der potentes Problem ist das der Industricanlagen. tiellen Instabilität der Sowjetunion. die nicht nur technologisch überholt sind. Was ist deine Meinung dazu? sondern auch vollkommen abgenutzt.

Heute fallen die Maschinen buchstäblich MIch glaube nicht, daß die nationale auseinander. Die Okonomen sagen vor Frage das grundsätzliche Problem ist, aus, daß es Ende der 80er Jahre sehr obwohl sie ohne Zweifel besteht. Es gibt schwer sein wird. die Wirtschaft auf dem unterschiedliche Stufen der Russifizierung heutigen Niveau ingangzuhalten. Anders in jeder Republik. Man könnte vielleicht ausgedrückt gibt es einen bestimmten sagen. daß die rückständigsten Republi- Punkt. an dem alle Entscheidungen. die ken von der ..Kolonialisierung" und der getroffen werden, aufgrund des Systems Einverleibung in das System profitiert haselbst kontraproduktiv werden. Das Sy- ben. Wenn man sich z.B. Azerbeidjan anstem selbst unterminiert den Entschei- schaut, dann versteht man unschwer, daß dungsprozeß. Das korrespondiert mit ci- der Prozeß der Russifizierung in gewisner bestimmten Etappe der logischen Ent- sem Sinne auch positive Momente beinwicklung des Systems, einem Zeitpunkt haltet. eine Form der Modernisierung. der qualitativen Veränderung. Die am weitesten entwickelten Republiken fühlen sich dagegen mehr oder weni- Es gibt ein marxistisches Gesetz, das des ger abgeblockt.

Widerspruchs zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen. Es ist interessant zu beobachten, daß die In der Sowjetunion stehen die Produk- offizielle Politik. indem sie lokale Natiotionsverhältnisse nicht nur im Wider nal-Eliten schafft, zugleich das Problem spruch zu den Produktivkräften, sie ver- des Nationalismus hervorbringt. Das SOWJETUNION

Wir haben mehr Verbindungen zur Linken im Westen als zu Solidarnosc in Polen ... Die

Linke in Polen betrachtet die Sowjetunion wie die Völker der 3. Welt den US-Imperialismus.

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SOWJETUNION

Die Facharbeiter sind interessiert am Reformkurs, an der Demokratisierung; die unqualifizierten Arbeiter wollen Gerechtigkeit.

grundlegende Element ist in diesen Fällen nicht der Kampf der unterdrückten Nationalitäten gegen die Russen, sondern der Fraktionskampf zwischen den Bürokratien. Die lokale Bürokratie, die in der sowjetischen Periode großgezogen und vom System erschaffen wurde, will mehr Rechte und mehr Möglichkeiten innerhalb des Systems für sich und widersetzt sich der großrussischen Bürokratie. Für viele Bürokraten, z.B. in Azerbeidjan oder Usbekistan, spielt die Hauptrolle für ihren Nationalismus der Wunsch, die Posten einnehmen zu können, die zur Zeit von Russen besetzt sind. Es gibt auch eine Art von intellektuellem Nationalismus, aber den würde ich nicht wirklich als Nationalismus bezeichnen. Unsere Aufgabe ist es, mit den progressiven Tendenzen in den nationalistischen Strömungen zusammenzuarbeiten, indem wir die positiven nicht den Nationalismus als solchen unterstützen. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Die Spekulationen im Westen über eine Sowjetunion, die dabei sei, von den verschiedenen Nationalitäten zerrissen zu werden, ist einfach falsch. Es gibt viele Probleme und Gefahren für das System, aber der Nationalismus stellt nicht die größte Bedrohung dar. Bestenfalls könnte er, im Zusammenhang mit anderen Faktoren unter anderen Bedingungen eine Rolle spielen.

•In welcher Weise könnte die nationale Frage sich mit anderen Faktoren kombinieren und Krisen im System hervorrufen?

•Ich bin kein Spezialist für nationale Fragen, vielleicht bis auf die baltischen Republiken, die ich versucht habe, genauer zu untersuchen. Aber meine Mei nung ist die, daß in der Mehrzahl der Republiken die spezifisch nationalen Bewegungen im Rückgang sind. Jetzt sind die Leute stärker von den allgemeinen Problemen des Systems betroffen. Ich halte diese Entwicklung für positiv, was nicht heißen soll, daß die nationalen Fragen nicht wichtig sind, im Gegenteil. Aber sie integrieren sich jetzt mehr und mehr in die allgemeine Krise des Systems. Innerhalb der offiziellen Reformströmungen, die legal funktionieren, kann man die ökologische Bewegung ausmachen und eine Entwicklung nach links, in Richtung Selbstverwaltung. Von keiner reformistischen Strömung wurde das Problem der Nationalitäten aufgegriffen. Es wird wesentlich von den Dissidenten aufgeworfen. Wie gesagt besteht eine der Vorstellungen unserer Gruppen darin, die verschiedenen Bewegungen und Forderungen in eine breite radikale Reformbewegung zu integrieren, die später etwas anderes werden kann als eine einfache reformistische Bewegung. In diesem Rahmen muß man der nationalen Frage große Aufmerksamkeit widmen und versuchen zu verstehen, was die verschiedenen Nationalitäten wirklich wollen und wie die nationalen Forderungen in ein breites Projekt integriert werden können.

Ich denke, daß von der Ausweitung der Freiheit jeder profitiert und daß mehr Freiheit im Sinne der Selbstregierung helfen wird, die nationalen Probleme zu lösen. Dezentralisierung, Liberalisierung diese beiden reformistischen Ideen gehen schon in eine positive Richtung. •Meinst Du, daß die Ukraine eine einzigartige Stellung bezüglich der nationalen Probleme einnimmt?

•Ich will dazu etwas sagen, besonders aus der Sicht der Russen. Die Russen haben eine zweifache Sicht der Ukraine. Die Ukrainer sind die Schlimmsten im System, wenn sie einmal integriert sind. Es gibt viele Ukrainer, die ihre eigene Sprache, ihre nationalen Ursprünge vergessen haben und die schlimmsten großrussischen Chauvinisten geworden sind. Viele Kader der Geheimpolizei, der Parteihie rarchie und der Armee kommen aus einem russifizierten ukrainischen Milieu. Es gibt mehr russifizierte Ukrainer als Russen ab einem bestimmten Niveau der Bürokratie. Die repressivsten Bürokraten bedienen sich dieser Leute zum einen gegen die Russen, zum anderen gegen ihre eigenen Leute. Die gesamte Gruppe um Bresch new an der Spitze der Bürokratie kam aus der Ukraine. Unter ihnen Fedortschuk ein angesehenes Mitglied des KGB und später der regulären Polizei, ein wilder Feind des ukrainischen Nationalismus und jedes anderen Nationalismus, mit Aus nahme natürlich des russischen. Es gibt unter den Russen ein Phänomen, das das ich die khokhlophobie" nenne. Es kommt vom umgangssprachlichen Wort „khokhl", mit dem die Russen die Ukrainer bezeichnen. In der russischen Armee gibt es eine erbitterte Konkurrenz zwischen den russischen und den ukraini schen Bürokraten (d.h. den russifizierten ukrainischen Bürokraten). In der Tat wur den viele Ukrainer hier einfach assimi liert,, weil es keine großen ethnischen Unterschiede zu den Russen gibt. Aber weil sie den Russen in Rußland Konkurrenz. machen, herrscht ein großer Haß zwischen ihnen innerhalb der Bürokratie. Das

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ist das, was ich die „khokhlophobie" schen Widerstand. Aber die liberalen und nenne. Aber es gibt auch anti-ukraini- progressiven Strömungen in den islamische Gefühle unter Arbeitern und Intellek- schen Parteien sind stark. Das Kräftevertuellen, weil die russifizierten Ukrainer hältnis innerhalb der afghanischen Emidem Image des ukrainischen Nationalis- gration in Pakistan spiegelt die Situation mus schaden. Selbst intellektuelle Dissi- innerhalb des Landes nicht richtig wider. denten aus Moskau haben sehr gemischte In Afghanistan hat es eine Veränderung Gefühle gegenüber der ukrainischen gegeben, die durch die Eindrücke sowjeti- Frage. Die ukrainische Bewegung in der scher Soldaten, die aus dem Land heim- Ukraine wird natürlich als etwas sehr kehren, bestätigt wird. wichtiges und positives angesehen. Aber die Ukrainer, die außerhalb der Republik Der Sieg der Rebellen würde kein Zurück leben, werden als mit die größten Unter- zum status quo vor der Revolution bedeudrücker betrachtet. Die Ukraine ist eine ten, im Gegenteil. An der Basis der afghader wichtigsten Republiken, die wirt- nischen Gesellschaft sind die Veränderunschaftlich bedeutendste mit vielen natürli- gen am spürbarsten. Sonst wäre der Wichen Bodenschätzen. derstand unfähig, die sowjetische Armee so wirksam zu bekämpfen. Die interessan- Aber was ist „die ukrainische Frage""? In teste Erfahrung ist diesbezüglich die des erster Linie handelt es sich um eine kultu- Kommandanten Massud aus der Region relle Frage, weil die Ukrainer ihre eigene Pandschir, mit dem die sowjetischen Füh- Geschichte haben. Heute sagt man ihnen, rer verhandeln müssen und vor dem sie daß ihre Geschichte ausschließlich in dem großen Respekt haben. Der Widerstand Maße wichtig ist, wie sie die Geschichte im Landesinneren ist in guter Position, der Vereinigung mit Rußland ist. In den das aktuelle Regime zu ersetzen. Es gibt 20er Jahren gab es eine ukrainische Kul- ein Problem, weil der Widerstand heute turrenaissance, aber alle, die an dieser wesentlich stärker von amerikanischer Bewegung teilgenommen haben, wurden Hilfe abhängt als vor einigen Jahren. Das später beseitigt. Heute gibt es eine pseu- bedeutet, daß der ausländische Einfluß in do-ukrainische Kultur, reichlich ausge- Afghanistan steigt. Es ist also wichtig. stattet mit Folklore, aber die wirkliche daß die Linke im Westen Verbindungen ukrainische Kulturtradition kann nicht mit dem afghanischen Widerstand knüpft, entwickelt werden. In gewisser Weise um den progressiven Strömungen soweit kann man das gleiche über jede andere wie möglich gegen die reaktionären Strö- Republik sagen, selbst über Rußland. mungen zu helfen. Dies hängt von der Fä- Aber man muß betonen, daß die Ukraine higkeit der westlichen Linken ab, einheiteine sehr entwickelte Region in der Sow- lich zu handeln und auf die Situation einjetunion darstellt. Die Ukrainer produzie- zuwirken. Warum soll man den afghaniren mehr als jede andere Nation der Union schen Widerstand Reagan und Co. überund es besteht die Meinung, daß die Ver- lassen? Warum nicht ihren Einfluß beteilung der Güter unter den Republiken kämpfen und politisches Terrain gewinungleich ist, d.h. daß die Ukraine mehr nen? Ich habe den Eindruck, daß die westgibt als sie von anderen Republiken be- liche Linke viele Gelegenheiten verpaßt kommt. Das hat sie nebenbei bemerkt mit hat, aber es ist niemlas zu spät und es bleianderen entwickelten Regionen gemein- ben ihr noch Möglichkeiten. Hier in der sam, vor allem mit den baltischen Repu- UdSSR besteht das Problem darin zu zeibliken. Das einzige Beispiel einer hoch gen, daß das Volk gegen den Krieg ist. Republik. Das ist schwierig. Die Situation ist nicht Schicksal entgangen ist, ist Weißrußland. vergleichbar mit der der Vereinigten Staawo Mascherow, ein sehr populärer lokaler ten während des Vietnamkriegs. Obwohl Parteiführer, es erreicht hat. eine gewisse es Demonstrationen und Proteste gegeben lokale Autarkie zu schaffen. In der Ukra hat, waren diese nur wenig wirksam. ine wäre das unmöglich gewesen, wenn Dennoch zeigten sie, daß großer Unmut man an die Bedeutung dieser Republik besteht. Das nächste, was man hier maund die enge Verzahnung ihrer Wirtschaft chen muß, ist Druck auf die offiziellen mit der der gesamten Sowjetunion denkt. Reformkreise auszuüben. Wir machen dies schon und werden darin fortfahren.

•Welche Möglichkeiten für eine fort- Dies ist vielleicht nicht die übliche Ak schrittliche Lösung der Situation, die tionsform für aktive Linke, aber in der durch den sowjetischen Einmarsch her- gegenwärtigen Situation muß man versuvorgerufen wurde, gibt es in Afghani- chen, die Reformer zu beeinflussen und ihnen Vorstellungen zu vermitteln, wie man aus Afghanistan rauskommen kann.

•Ich habe nicht den Eindruck, daß die Denn später wird es sehr schwierig werwirklichen Linken teilhaben am afghani- den herauszukommen. SOWJETUNION

Es ist wichtig, daß die Linke im Westen Verbindungen mit dem af ghanischen Widerstand knüpft. Warum bekämpft sie nicht den Einfluß von Reagan und Co.?

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SOWJETUNION •Was hältst Du von dem Argument, daß der sowjetische Einmarsch in Af ghanistan objektiv durch den sozialen Fortschritt, der erreicht wurde, gerechtfertigt ist?

•Marx hat interessante Dinge zur Rolle der Briten in Indien gesagt, als er meinte, daß die britische Präsenz helfen würde, das Land zu modernisieren. Man muß feststellen, daß die Entwicklung, die durch den britischen Einmarsch hervorgerufen wurde, schließlich die gesellschaftlichen Veränderungen in Indien beschleunigte. Dieses Resultat kann jedoch den Einmarsch im moralischen Sinne niemals rechtfertigen. Wie gestern in Indien wird heute das Resultat in Afghanistan sowohl das Produkt des Einmarsches als auch das des Widerstands gegen diesen Einmarsch sein.

•Du willst sagen, daß die sowjetischen Streitkräfte eine konterrevolutionäre Rolle spielen und daß sich als Reaktion darauf ein revolutionärer Widerstand entwickeln könnte?

•Ja, ich würde sagen, daß das Regime von Taraki(2) in keiner Weise revolutionär oder sozialistisch war. Es handelte sich um ein technokratisches, modernes Regime, vergleichbar mit dem des Shah im Iran. Dem Regime von Taraki wie dem vom Shah fehlte fast gänzlich die soziale Basis, außer vielleicht begrenzten Schichten der Militärbürokratie. Von Anbeginn an hing es von der politischen und militärischen Hilfe der Sowjetunion ab. Man konnte bei diesem Regime keinen sozialen Fortschritt erkennen. Es war eher anti-sozial in dem Maße wie es versuchte. der Gesellschaft ein Entwicklungsmodell gegen ihren eigenen Willen aufzudrücken. Es folgte eine Revolte der ganzen Gesellschaft wie im Iran.

Es handelte sich um eine Revolte, bei der sich die fortschrittlichen und die reaktionären Kräfte um ein einziges Ziel zusammenschlossen: sich eines Regimes zu entledigen, das dabei war, die Gesellschaft zu zerstören. In diesem Sinne gibt es eine Art von nationalem Befreiungskampf, in dem — das ist richtig — es konterrevolutionäre Elemente gibt. Es ist eine kombinierte Revolte einer ganzen Gesellschaft gegen Elemente, die von außen einge schleust wurden. In dem Moment, als der Widerstand dabei war, diese Elemente zu zerschmettern, erfolgte die sowjetische Invasion, die jetzt droht, das Gefüge der Gesellschaft zu zerstören. Man kann nicht wirklich sozialen Fortschritt erreichen, indem man die ganze Struktur der Gesellschaft gewaltsam zerstört. Die Rolle der sowjetischen Armee ist hauptsächlich eine militärische. Es gibt überhaupt keine Anstrengung, die Massen an der Regierung zu beteiligen, weil das Regime weiß, daß die Bevölkerung gegen es ist. Das ist eine komische Vorstellung vom sozialen Fortsachritt, der gegen den Willen des Volkes durchgesetzt werden muß. Das ist nicht Fortschritt, das ist Reaktion, das ist volksfeindlich. Gleichzeitig gibt der Widerstand der sozialen Bewegung Auftrieb. Die Menschen beginnen, ihre Probleme selbst in die Hand zu nehmen, ohne Hilfe von außen. Sie halten Waffen in ihren Händen. sie organisieren selber die Gesellschaft.

Es ist interessant zu beobachten, daß das Regime zu Beginn den moslemischen Klerus. die traditionelle Aristokratie, den Großgrundbesitz usw. zerstören wollte. Diese Elemente wurden aus dem Land verjagt. jedoch durch den Staat ersetzt. Ein Unterdücker ersetzte einen anderen, ohne daß es eine grundlegende Veränderung in den sozialen Beziehungen zwischen Unterdrückern und Unterdrückten gegeben hätte. Nachdem das Regime von Karmal und jetzt das Regime von Najib am Volkswiderstand gescheitert sind, wird versucht. eine Politik der Aussöhnung zu betreiben. Dabei geht es jedoch nicht darum. sich mit dem Volk zu versöhnen. sondern mit den Führern der Stämme. den Elementen des Klerus, den sog. fortschrittlichen Großgrundbesitzern. auch mit Teilen der Bourgeoisie, die kollaborieren und Handel mit der Sowjet union betreiben. Man kann in der sowjetischen Presse die Geschichte eines Großgrundbesitzers nachlesen, der Analphabet war und sich dem Regime widersetzte. heute aber die Revolution unterstützt. Und es ist richtig, daß es für bestimmte Teile der traditonellen afghanischen Militärschicht besser ist, das jetzige Regime zu unterstützen als die soziale Bewegung. weil das Regime weniger gefährlich ist als die bewaffneten Bauern.

• Welchen Ausweg siehst du für den Krieg? Welches ist deiner Meinung nach die beste Lösung, welches die schlimmmste?

•Ich befürchte, daß es viele „schlimme" Lösungen gibt. Aber ich sehe auch zwei oder drei bessere Lösungen. Ich befürchte offen ein „afghanisches Kampuchea" Man kann die Möglichkeit nicht ausschlie- Ben, daß die Fundamentalisten Oberwasser bekommen und die Gesellschaft mit den Methoden Khomeinis und der Effektivität Pol Pots zerstören. Man kann eine solche Kombination von Polpotismus und Khomeinismus nicht ausschließen, vor allen Dingen wenn den fortschrittlichen Elementen des Widerstands nicht geholfen wird. Die zweite Möglichkeit ist die einer „reaktionären Aussöhnung"

die reaktionärsten Elemente des Regimes und die „fortschrittlichen" Großgrundbesitzer mit den reaktionären Elementen des Widerstands und mit der Gesellschaft im allgemeinen vereinigen. Es gibt jedoch auch positive Elemente und die Möglichkeit eines wirklichen Dialogs. Damit sich dieser entwickelt, müßte die sowjetische Regierung anerkennen, daß die vermeintlichen Banditen keine sind. sondern daß sie bewaffnete Bauern sind und daß wir uns zuerst an sie wenden müssen. Es gibt auch die Möglichkeit eines bedingungslosen Rückzugs der sowjetischen Truppen, wenn sich die Lage in der Sowjetunion sehr stark verschlechtern würde. Für diesen Fall könnte ich nicht sagen, was in Afghanistan passieren würde, außer daß der Bürgerkrieg wahrscheinlich fortgesetzt würde. Eine solche Lösung ist möglich, obwohl ich nicht glaube, daß dies eine gute Lösung für die sowjetische Regierung ist. Abhauen indem man den Kampf „afghanisiert" und die Afghanen unter sich kämpfen läßt, wäre sehr gefährlich. Natürlich gibt es andere Möglichkeiten des Kompromisses zwischen den Fraktionen. Viele Wege bleiben offen, aber es gibt auch große Gefahren. Die einzige Möglichkeit, die ich vollkommen ausschließe, ist die eines sowjetischen Sieges. Ich schließe nicht die Möglichkeit einer militärischen Niederlage aus, weil sich die Armee in einem sehr schlechten Zustand befindet. Ich habe darüber sehr viel von heimkehrenden Militärs gehört und ich kann mir keinen militärischen Sieg einer Armee vorstellen, die so stark durch diesen Kolonialkrieg demoralisiert ist.

Januar 1987 Anmerkungen:

(1) Die Moskauer Gruppe für die Errichtung von Vertrauen zwischen der UdSSR und den Vereinigten Staaten, bekannt als „Trust-Gruppe", ist cine unabhüngige. pazifistische Struktur: gleichartige Gruppen gibt es in Leningrad und an deren Städten der UdSSR.

(2) Norr Mohamed Taraki, Führer der Khalq-Fraktion in der Volksdemokratischen Partei Afghanistans, war Präsi dent seines Landes seit der April-Revolution von 1978 bis zu seinem Sturz und seiner Ermordung im September 1979 durch Hafizullah Amin, der wiederum drei Monate später gestürzt und ermordet wurde, als die sowjetischen Truppen einmarschierten. Danach wurde das Regime von Babrak Karmal, dem Chef der Parchan-Fraktion der Volksdemo kratischen Partei Afghanistans geführt, bis Mai 1986, als er durch den jetzigen Führer Najibullah (Najib) ersetzt wurde

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Nr.28/111 - 6/87 die Internationale

K.RIKAS

Ausländerpolitik zwi-