Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Afghanistan

ege aus dem Debakel

· Inprekorr Nr. 194, Juni/Juli 1987 · S. 27-35 · 7.889 Wörter

Sowjetunion Indien und Südasien Iran USA und Kanada

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WEGE AUS DEM DEBAKEL von SALAH JABER

Die letzte Sitzung der indirekten Verhandlungen zwischen der afghanischen und der pakistanischen Regierung unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen ist am 10. März in Genf ohne Ergebnis zu Ende dem sowjetischen Einfluß beträchtlich gelockert. Gegegangen. Die Verhandlungen scheiterten an der Termäß afghanischer Vorstellung wurde der ursprünglich minfrage über einen Rückzug der sowjetischen Trupauf vier Jahre terminierte sowjetische Truppenabzug pen aus Afghanistan, obwohl über die übrigen Bedinnun auf 18 Monate verkürzt.

gungen der Vereinbarung bereits eine Verständigung Das bedeutet also, daß die UDSSR heute davon auserzielt worden war: gegenseitige Nichteinmischung. geht, daß sie noch 18 Monate benötigt, um das von ihr Schutzgarantien durch die Vereinigten Staaten und die in Kabul eingesetzte Regime abzusichern, damit es bei UDSSR sowie freiwillige Rückkehr der Flüchtlinge. einem Truppenabzug nicht zusammenbricht. Und dies heute, über sieben Jahre nach dem Beginn ihrer Inter- Unter dem Druck von Washington ist die pakistani- Am 24. Dezember 1979 begann die massive Intervention sowjetischer Truppen in Afghanistan. Am 27. vermochten es fünf tausend Menschen, Hafizullah Amin zu stürzen und nach einigen Tagen erhöhten die Kremlführer auf Bitten der afghanischen Regierung" unter ihrem Verbündeten Babrak Karmal die Truppenstärke ihrer Interventionsarmee auf fast 80 000 Soldaten.

vention!

Heute, mehr als sieben Jahre später, ist ihre Anwesenheit in diesem Land verdie sowjetische Armee immer noch dort in schwunden sind" , so ist der Rückzug einer Stärke von 100 000 Mann. Und nicht in einem kurzfristigen Zeitraum vorwenn Gorbatschow wirklich bestrebt ist, geschen. Tatsächlich ist das Regime der sich aus Afghanistan zurückzuziehen, so Demokratischen Volkspartei Afghaniist das bei weitem nicht das geringste Pro- stans, das in Kabul eingesetzt wurde, sicblem, das ihm von Breschnew vermacht ben Jahre nach der sowjetischen Intervenwurde. Berücksichtigt man seine Willens tion immer noch schwach, wenn nicht soerklärung, die sowjetischen Kontingente gar unter einem militärischen Gesichts zurückzuziehen, sobald die Gründe für punkt noch schwächer als zuvor. Die

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AFGHANISTAN

Kräfte der Aufständischen ihrerseits sind viel stärker als noch 1979; wenn sie auch seit zwei Jahren nicht mehr den Ton anzugeben scheinen. Schließlich ist die Unterstützung des amerikanischen Imperialismus und seiner Verbündeten für die Mu dschaheddin unvergleichlich größer als zuvor und nichts läßt darauf schließen, daß sie verringert oder gar eingestellt wird.

Wie groß auch der Fortschritt der Regierung in Kabul und der sowjetischen Unterstützer im Verlauf der letzten Monate gewesen sein mag, so muß doch festgestellt werden, daß angesichts der vergangenen sieben Jahre die Bilanz der sowjetischen Truppenintervention lautet: klägliches gescheitert. Die „Gründe, die ihre Anwesenheit notwendig machten," wurden durch die Intervention noch verstärkt, insofern als Afghanistan, zur großen Freude des amerikanischen Imperialismus, dem noch das Trauma seiner indochinesische Erfahrung in den Knochen sitzt ist, für die UDSSR zu einem wahren Morast geworden ist.

Das Selbstbestimmungsrecht der Völker

Die Auffassung, nach der die proletarische Revolution nur in den Ländern möglich sei, in denen die sozioökonomischen Bedingungen reif sind, d.h. nur in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern, ist längst durch alle siegreichen Revolutionen seit 1917 widerlegt worden. Die Reife der politischen Bedingungen dagegen ist eine andere Sache. Die Mi- Bachtung dieses Kriteriums führt zum Blanquismus oder zu einer anderen Variante des Putschismus. Wenn es zutrifft, daß die politischen Gegebenheiten weitgehend autonom sind und von den „subjektiven" internen und externen Faktoren abhängen, so sind sie dennoch durch den sozioökonomischen Kontext bedingt, in dem sie sich entfalten.

Afghanistan und der Nordjemen haben die Besonderheit, die einzigen islamischen Länder zu sein, die eine reale Unabhängigkeit bereits vor dem zweiten Weltkrieg genossen. Eine an Autarkie grenzende Unabhängigkeit, die eine dementsprechend archaische Gesellschaftsform beibehalten hatte, bildete ein mittelalterliches Inselchen in einer im Umbruch begriffenen Welt. Ein Besuch dieser beiden Länder zu Beginn der 70er Jahre vermittelte den Eindruck einer Reise in längst vergangene Zeiten.

Die bolschewistische Revolution hatte es mit ähnlichen Gesellschaften in Zentral asien und auch an den Grenzen des chemaligen zaristischen Reiches zu tun. Die Versuchung, die Revolution dorthin zu exportieren und sich dabei über die extreme Unreife der sozioökonomischen Bedingungen hinwegzusetzen, war groß. Genau dies aber war der Wunsch von Bucharin während seiner ultralinken Phase 1919, angeregt durch das Beispiel von Baschkirien, wo die Nationalisten ihren Kurs änderten und in voller Montur vom Bündnis mit den Weissen zum Bündnis mit den Roten überwechselten. Dieser Erfolg stand im Widerspruch zu den Schwierigkeiten der revolutionären Truppen bei den Usbeken. Schwierigkeiten, von denen die Niederlage der Roten Armee 1918 in Buchara und in den moslemischen Gebieten des Kaukasus zeugt. Ultralinke und großrussische Chauvinisten fanden sich auf der Seite der Bolschewisten, um die gewaltsame Sowjetisierung dieser Gebiete gegen den Willen der großen Mehrheit ihrer Bewohner voranzutreiben. Bucharin rechtfertigte diese Zielsetzung, indem er das Recht auf Selbstbestimmung einzig denjenigen Nationen vorbehalten wissen wollte, die gegen den Imperialismus kämpften. Lenin empörte sich über diesen Zynismus und gab Bucharin zur Antwort: ,, Wir können keinem Volk des alten russischen Reiches das Recht auf Selbstbestimmung verweigern. Nehmen wir einmal an, daß die Baschkiren ihre Ausbeuter mit unserer Hilfe gestürzt haben. Dies wäre jedoch nur möglich, wenn die revolutionäre Situation vollständig reif wäre. Man müßte mit Vorsicht vorgehen, damit unsere Intervention den Prozeß der Differenzierung des Proletariats nicht behindert. Diesen Prozeß müssen wir jedoch beschleunigen. Was können wir also für die Völker tun, die, wie die Kirgisen, die Usbeken, die Tadschiken, die Turkmenen bis heute unter dem Einfluß ihrer Mullahs stehen? ... Können wir diesen Völkern sagen: Wir schlagen eure Ausbeuter nieder? Das können wir nicht, weil sie insgesamt unter dem Einfluß ihrer Mullahs stehen. In solch einem Fall muß man abwarten, bis die betreffende Nation sich weiter entwickelt hat, das Proletariat sich von den bourgeoisen Elementen abgesondert hat. Dies ist unabdingbar. "(l)

Im weiteren Verlauf war es nicht die Auffassung Lenins, sondern diejenige Bucharins; die sich durchsetzte. Dies geschah hauptsächlich aus Gründen der Eigendynamik des Krieges gegen die weiße Armee und ihrer imperialistischen Verbündeten. So wurde die Gesamtheit der moslemischen Gebiete des ehemaligen zaristischen Reiches durch den sowjetischen Staat erneut annektiert.

Aber die Warnungen Lenins bewahrheiteten sich. Die Baschkiren zögerten nicht, sich gegen die neuen Repräsentanten der großrussischen Macht zu erheben und sich zu den Basmatchis (,,Straßenräubern") und anderen Mudschaheddins ihrer Zeit zu schlagen und so der Sowjetrepublik bis zum Beginn des stalinschen Terrors Ende der 20er Jahre das Leben zu erschweren. Heute, 70 Jahre nach der Oktoberrevolution, zählen sich mehr Menschen in den moslemischen Gebieten der UDSSR zu den Soufis (Mystikern) als zur Kommunistischen Partei.(2) Lenins Warnung, den natürlichen Geschichtsverlauf nicht willkürlich zu beschleunigen, bezieht sich nicht nur auf die Problematik des Exports einer Revolution. Jede Machteroberung ohne die aktive Unterstützung einer entschlossenen, wenn nicht einer Mehrheitsfraktion der arbeitenden Bevölkerung kann nur ein Putsch sein, was immer auch die Maßnahmen ihrer Akteure sein mögen. Sie wird bis zum Umsturz der neuen Macht durch eine authentische Revolution oder durch die Reaktion immer stigmatisiert bleiben. Je ehrgeiziger die Putschisten die Umgestaltung ihrer Gesellschaft verfolgen, ohne daß diese darauf vorbereitet ist, umso mehr ist ihre Macht bedroht oder auf auswärtige Hilfe angewiesen.

Bereits das Regime von Sallal im Nordjemen, das im September 1962 durch einen leicht republikanisch angehauchten Putsch an die Macht kam, konnte sich angesichts der Reaktion der Stämme und der Monarchie, die vom saudischen Nachbarn unterstützt wurde, nur wenige Jahre behaupten, bevor die ägyptische Armee massiv intervenierte. Auch die Geschichte Afghanistans bietet ein Beispiel für das unausweichliche Scheitern einer Umgestaltungen „von oben" in Gesellschaften, die für Veränderungen sehr wenig empfänglich sind: Amanullah, König von Afghanistan, Bewunderer des türkischen Diktators Mustafa Kemal und Unterzeichner des ersten sowjetisch-afghanischen Freundschaftsvertrages wollte, so ein Historiker, sein Land mit einem Schlag in den Rang eines zivilisierten Staates erheben. Er war gezwungen, 1929 abzudanken, nachdem er gegen eine breite konservative, islamische Stammesrebellion gekämpft hatte, die von den Briten unterstützt wurde.

Die Machtübernahme in Kabul im April 1978 durch die Fraktion der DVPA, die sich nach dem Titel ihrer Publikation Khalq (das Volk) nennt und von Tariki und Amin geführt wird, konnte noch viel

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weniger der Isolation entgehen. Als Trägerin eines „revolutionären, sozialistisch orientierten Programms" hatte die DVPA-Khalg ihren Putschismus theoretisiert. Laut Tariki— Amin „existiert bei den sich entwickelnden Nationen eine andere Kraft, die die feudale Regierung stürzen kann - da die Arbeiterklasse noch nicht bis zu dem Punkt einer eigenständigen Machtbildung fortgeschritten ist - Streitkräfte." Letztlich wurde diese soge- und diese Kraft bilden in Afghanistan die ол вато міс nannte Revolution ebenso wie in Äthiopien kurz vor den Ereignissen in Afghanistan von der Armee der besitzenden Klasse durchgeführt. Diese Form einer putschistischen Regierung mit radikal — sozialen Ambitionen endet unweigerlich in einem Terrorregime. Ihre putschistische Entstehungsform findet sich in allen ihren Handlungen wieder, bis hin zur Alphabetisierung oder der Agrarreform. Beides wurde in Afghanistan auf die schlechtest mögliche Art umgesetzt, so daß hierbei am ehesten die Feindseligkeiten breiter Massen hervorgerufen wurden, statt ihren Enthusiasmus zu fördern.(4) In diesem Zusammenhang erweist es sich als äußerst aufschlußreich, die putschistischen Methoden der DVPA-Khala mit den demokratisch-revolutionären Methoden jener Macht zu vergleichen, die 1969 aus der Revolution im Südjemen entstanden ist.(5) Wurde in Afghanistan die Agrarreform — um nur dieses eine Beispiel zu nennen - unter schwerer Vernachlässigung der Lebensweise auf dem Lande von oben erlassen und mit Hilfe des Militärs oft gegen die etablierten Nutznie- Ber durchgesetzt, so achteten die Führer der südjemenitischen FNL (Nationale Befreiungsfront) darauf, nicht anstelle der Bauern und Fischer zu agieren und sie materiell in die Lage zu versetzen, selbst ihre Produktionsmittel in Besitz zu nehmen Ungeachtet der späteren bürokratischen egenerierung des südjemenitischen Regimes gelang es ihm aber immerhin, die mit Afghanistan vergleichbaren sozialen und ideologischen Widerstände mit unvergleichlich größerem Erfolg in einer viel feindseligeren Umgebung zu überwinden. Bereits 20 Monate nach der Machtübernahme durch die DVPA-Khalą erreichte die Rebellion der reaktionären islamischen Stammeskräfte solche Ausmaße. daß ein Überleben des Regimes in Frage gestellt war. Amin wandte sich vom Kreml ab, nachdem er des Abenteuertums und des Linksradikalismus bezichtigt worden war, weil er die Stufe der nationalen demokratischen Revolution übergangen" hatte. Er wurde aufgefordert, die Zügel etwas zu lockeren und auch andere Kräfte an seiner Regierung zu beteiligen - angefangen beim gemäßigten reformistischen Flügel der DVPA, der Patscham (die Fahne). Doch ganz im Gegensatz dazu suchte er eine weitere Machtkonzentration in seica auen einen en ong Bauchs en geneigt ober, sochisten. Zwei Monate später kam es zu einer massiven Intervention der UDSSR. Amin wurde gestürzt - und getötet - und durch den Führer der Patscham-Fraktion, Babrak Karmal ersetzt.

Die sowjetische Intervention „Es war keine leichte Entscheidung für uns, sowjetische Kontingente nach Afghanistan zu entsenden" , erklärte Breschnew im Januar 1980 in der Prawda. Es gab keinen Grund, diese Aussage zu bezweifeln, es sein denn für jene unverbesserlichen antisowjetischen Kreise, welche in der Intervention in Afghanistan einen schlagenden Beweis für den russischen Expansionskurs" sahen, der 1917 nur die Farbe der Fahne gewechselt habe. Gemäß dieser Auffassung war. die sowjetische Operation nur Teil einer breit angelegten expanionistischen Offensive - erwähnt seien Angola, Äthiopien und die militärische Präsenz der Sowjetunion oder Kubas in anderen Ländern - mit der Zielsetzung, die „,warmen Meere" zu erreichen. Diesen abgenutzten strategischen Kriterien zufolge wäre die sowjetische Invasion in Afghanistan nur ein erster Schritt, dem die Invasion in den Iran und in Pakistan folgen würde.

So, wie es alle diejenigen verstanden haben, für die die Sowjetunion nicht ..das Reich des Bösen" ist, das Reagan so sehr am Herzen liegt, war die Intervention in Afghanistan in erster Linie eine defensive und eine konservative Reaktion der sowjetischen Bürokratie. Um dies zu verstehen. muß die Intervention in den realen historischen und politischen Kontext eingeordnet werden: Afghanistan unterhält seit 1919 gutnachbarliche Beziehungen mit der Sowjetunion. Für die Sowjetunion war dies von größter Wichtigkeit. da das af ghanische Königreich als ein Pufferstaat zwischen dem britischen Empire in Indien und der UDSSR diente. Diese Funkton bildete die Grundlage für die afghanische Autonomie. Für die Sowjetunion wäre es ein beträchtliches Problem gewesen. hätten die Moslems für ihren Kampf gegen den sowjetischen Staat im Hinterland cinen Stützpunkt zur Verfügung gehabt. Historische, religiöse und ethnische Faktoren bestimmten die Rolle dieses Landes. AFGHANISTAN 1921 floh der Emir von Buchara nach Kabul, als er von den Revolutionären geschlagen worden war. Ihm folgten zahlreiche Basmatchen-Partisanen und auch andere Antibolschewisten überquerten die afghanisch-sowjetische Grenze. Das Königreich von Amanullah hätte daher gegenüber der UDSSR die gleiche Position einnehmen können, die heute Pakistan unter Zia ul-Haq gegenüber Afghanistan einnimmt. Dabei hätte es jedoch seine Autonomie an die Briten, seine Erz feinde, abtreten müssen. Daher unternahm es diesen Schritt nicht, sondern entwaffnete die Basmatchen auf seinem Territorium und ließ sich dieses Vorgehen von der Sowjetunion teuer bezahlen. In gewisser Weise wurde Afghanistan nach dem Zweiten Weltkrieg, was sein Verhält nis zur Sowjetunion betrifft, zum Finnland Europas. Die Sowjetunion war bei weitem die wichtigste wirtschaftliche, kulturelle und militärische ausländische Hilfsquelle: die Armee der afghanischen Monarchie war mit sowjetischen Waffen ausgerüstet und die Mehrheit der Offiziere wurde in der UDSSR ausgebildet! Die Abhängigkeit Afghanistans von seinem großen Nachbarn war nach der Machtübernahme der DVPA natürlich qua litativ stärker geworden. Dies war aber nur teilweise der ideologischen Affinität geschuldet. In erster Linie spielte die prekäre Situation der neuen Regierung, die bereits lange vor dem Dezember 1979 eine direkte sowjetische Miltärhilfe in Anspruch nahm, eine Rolle. Die zunehmende Isolation des Khalq-Regimes brachte zum ersten Mal seit 60 Jahren die Gefahr mit sich, daß sich in Afghanistan eine Regierung durchsetzte, die gegenüber der UDSSR offensichtlich feindselig eingestellt war und in der Kräfte zum Zuge kamen. die teilweise sogar dem König Zaher Shah verbunden waren, der 1973 von seinem „republikanischen"Cousin, (dem Prinzen Daud), gestürzt worden war, dem sie nun Untreue zum Islam und Moskauzugehörigkeit vorwarfen. Fügt man diesem Bild nun noch den Sieg der islamischen Revolution " im Iran vom Februar 1979 hinzu, die ihre Feindschaft gegenüber dem atheistischen Kommunismus" bekundete und ihre Entschlossenheit zur umfassenden Propaganda auch gegenüber den islamischen Völkern in der Sowjet union bekannte - immerhin S0 Millionen Menschen, beinahe 20% der Gesamtbevölkerung der UDSSR, die sich mehrheitlich immer noch zum Islam bekennt und in nationaler Hinsicht gegenüber dem großrussischen Chauvinismus nicht cinmal den Trost hat, slawisch zu sein —, so läßt sich die Angst der Kremlführer verstehen. Sie

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AFGHANISTAN veranlaßte sie, 1979 schließlich in Afghanistan zu intervenieren, bevor es ihrer Einschätzung nach zu spät sei. Dabei hatten Breschnew und Co. keineswegs eine der osteuropäischen Situation vergleichbare „strukturelle Assimilation" zum Ziel. Ebensowenig ist eine Analogie zur Intervention der Roten Armee 1921 in der Äußeren Mongolei erkennbar. Dort war das Land tatsächlich von der chinesischen Herrschaft und den Überresten der weißen Armee in Sibirien besetzt worden. Es wurde damals eine Regierung eingesetzt, die bei der Verwaltung und Umgestaltung des Landes von Anfang an politisches Fingerspitzengefühl bewies. Die Ansicht, daß Moskau auf dem Wege der „Strukturellen Assimilation" weiter als Amin hätte gehen können, führt zu einer „linksradikalen" Interpretation des Moskauer Scheiterns, zumal alle Erklärungen des Kreml Gegenteiliges behaupten. Eher betrachtete der Kreml seine Intervention als analog zu derjenigen Hanois gegen Pol Pot im Jahre 1979. Er ging davon aus, daß seine Truppen nach dem Sturz Amins von der afghanischen Bevölkerung zumindest mit derselben wohlwollenden Neutralität betrachtet würden, wie dies für die vietnamesischen Truppen in Kambodscha zutraf. Moskau wollte das afghanische Regime auf einen gemäßigten Kurs der Zusammenarbeit mit den rückständigsten sozialen Kräften festlegen, wenn diese nur der UDSSR wohlwollend gesonnen blieben. Moskau hoffte, damit den reaktionăren Fanatikern den Wind aus den Segeln genommmen zu haben.

Um diesen Plan erfolgreich umzusetzen, bemühte sich der Kreml anfänglich, Truppen aus den moslemischen Sowjetrepubliken mit einer ähnlichen ethnischen Zusammensetzung wie in Afghanistan einzusetzen. So sollte die Verbrüderung mit der Bevölkerung erleichtert werden. Welch eine Enttäuschung muß es für die Kremlbürokraten gewesen sein, als sie bereits in den ersten Wochen feststellen mußten, daß die massive Intervention ihrer Soldaten geradezu die gegenteilige Wirkung erzielte! Sie wurden keineswegs als Befreier betrachtet und sogar Amin, der im Gefolge der Intervention umgebracht wurde, erschien nun im Vergleich mit Karmal, der noch isolierter als sein Vorgänger in seinen schlechtetsten Zeiten war, als Märtyrer der nationalen Unabhängigkeit. Die Institutionen des DVPA-Regimes, allen voran die Armee, lösten sich auf. Die reaktionären Kräfte erfuhren einen massiven Zustrom von Freiwilligen und einen plötzlichen Anstieg ihrer Popularität. War schon ein Überleben der Khalq-Regimes aus eigener Kraft äußerst zweifelhaft, so stellte sich ein Überleben des Partscham-Regimes von Anfang an als undenkbar heraus. Darüberhinaus war die internationale Empörung gegen die sowjetische Intervention viel stärker als von Moskau erwartet. Insbesondere der Protest von Seiten der islamischen und der blockfreien Staaten, der sich in einer mehrheitlichen Mißbilligung in der UNO äußerte, sowie die ablehnende Haltung zahlreicher kommunistischer Parteien Der vorrangige Zweck der Intervention, nämlich die moslemischen Republiken der UDSSR gegen die Gefahr einer nationalistischen und islamischen Ansteckung zu schützen, wurde kläglich verfehlt. Kaum einen Monat nach dem Beginn der Intervention mußte Moskau sein Militär aus den besagten Republiken zurückziehen und die Soldaten durch Russen ersetzen. Die Verbrüderung mit der afghanischen Bevölkerung war nun kein Ziel mehr, sondern eine Risiko, das es zu vermeiden galt. Die gesamte Bevölkerung stand den sowjetischen Truppen feindlich gegenüber und so mußten sie sehr schnell abgezogen werden, und sei es nur, um sie gegen die zahlreichen Attentate zu schützen. Die afghanisch-russische Grenze wurde für islamische, antikommunistische und antirussische Propaganda durchlässiger denn je. In den vergangenen Jahren befaßten sich mehrere Studien mit der Ausdehnung des Fundamentalismus und des islamischen Nationalismus in der UDSSR. Sic stellen einhellig das große Ausmaß dieses Phänomens fest, das übrigens auch durch eine Verschärfung der regierungsamtlichen Gegenpropaganda und andere Eindämmungsmaßnahmen — wie beispielsweise die Vermischung der Bevölkerung, d.h. die Russifizierung — bestätigt wird Die letzten Zweifel an der Kraft dieser Bewegung wurden durch die antirussischen Aufstände im vergangenen Dezember in Kasachstan beseitigt. Sie bewiesen den Ernst dieser Situation, da gerade diese Republik von allen sowjetischen islamischen Republiken ethnisch und auch kulturell am stärksten russifiziert ist. In Afghanistan sollten die sowjetischen Truppen der Tyrannei Amins eine Ende bereiten und das Zeitalter der Freiheit einläuten; der gute Wille steht außer Zweifel. Die erste Maßnahme der Karmal-Regierung war die Amnestie für mehrere Tausend Gefangenc. Die sowjetischen Truppen gerieten jedoch schr schnell in die Logik einer an der Macht befindlichen Minderheit, wie sie oben beschrieben wurde und wurden so zu ciner Besatzungs armee. Das Partscham-Regime, das in den Augen derBevölkerung noch weniger rechtmäßig war, als das Khalq-Regime, konnte nur einem kleinen Bevölkerungs teil in den Städten und dem unmittelbar angrenzenden Umland seine guten Absichten" zukommen lassen. Es war das „Erwerbsgebiet" • das die sowjetische Armee kontrollieren konnte und wo sie versuchte, eine große Einwohnerzahl durch Zwangsurbanisierung zu konzentrieren. Für den größten Teil der Landgebiete jedoch, die der direkten Kontrolle durch die Sowjets und der Regierung entzogen waren, bestand das Ziel der sowjetischen Armee in der Neutralisierung durch die Kontrolle der großen Verbindungswege und in der Abtrennung dieser Gebiete von den iranischen und den pakistanischen Zufluchtsorten der Mudschaheddin. Jene Gebiete, die die wichtigsten Zentren und Hauptverkehrsadern umfaßten, wurden durch die sowjetischen Bombardements und die dadurch verursachten Zerstörungen bewußt entvölkert. Als Ergebnis einer solchen Kriegsführung war fast ein Viertel der Bevölkerung gezwungen, nach Pakistan und in den Iran zu flüchten, wo sie eine beträchtliche Reservearmee für die Mudschaheddin bildet.(6) Diese Kriegführung forderte aber auch Hetakomben von Toten.(7) Den Krieg in Afghanistan als einen „Völkermord" zu bezeichnen, wie dies eine gewisse Presse macht, um zu beweisen, daß „Kommunismus" und „Nazismus" Zwillinge sind, kommt dagegen einer Verharmlosung dieses Begriffes gleich, der 1944 geprägt wurde, um eine systematische Vernichtung zu bezeichnen. Die Vorgänge in Afghanistan können nicht damit verglichen werden. Trotz der Grausamkeiten und zahlreichen, unvermeidlichen Ähnlichkeiten mit dem amerikanischen Krieg in Indochina - Zwangsurbanisierung, Verwüstung ganzer Gebiete usw. - ist die sowjetische Intervention relativ geschen weit weniger mörderisch und zerstörerisch. Eine Betonung dieser Unterschiede beinhaltet jedoch keinerlei Entschuldigung für die Verbrechen der sowjetischen Bürokratie, sondern eine Absage an die Verharmlosung der Verbrechen des Nazismus und amerikanischen Imperialismus.

Das Partscham—Regime und die Strategie Gorbatschows

Das Paradoxe an der sowjetischen Intervention besteht darin, daß die Grausamkeiten des Militärs keineswegs einer Zwangskollektivierung dienten und auch nicht von einer wüsten antireligiösen Kampagne begleitet waren, wie dies auf

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dem Höhepunkt des stalinistischen Terrors in der UDSSR der Fall war. Die Kremlführung und ihre afghanischen Verbindungsmänner sind ganz im Gegenteil ihrem ursprünglichen Ziel treu geblieben, nämlich die Taten Amins in dieser Hinsicht rückgangig zu machen. Karmal hob mehrmals die Entschlossenheit seiner Regierung hervor, den „wahren Respekt vor der heiligen Religion, dem Islam, dem Klerus, den ehrwürdigen Landestraditionen und Sitten, der Familie und dem Privateigentum" zu gewährleisten (Erklärung vom 29.Dezember 1979).

Schon im Februar 1980 befreite das neue Regime die Basarhändler von der staatlichen Kontrolle und hat seitdem den Privat unternehmern unaufhörlich Erleichterungen verschafft. Die Landreform, die Amin so sehr am Herzem lag, wurde 1980 sogar in jenen Gebiete, die unter Kabuls Kontrolle standen, wieder aufgehoben. Hiervon war jener Besitz ausgenommen, der Personen gehörte, die von der Khalq liquidiert worden oder ins Ausland geflohen waren. Einige Großgrundbesitzer haben sich sogar auf die Seite des Regimes gestellt. Die Stellung der Frau war nun wieder auf den Stand von vor Amins Machtantritt zurückgeworfen, ausgenommen eine Minderheit von Städterinnen. Die Regierung brüstet sich, in sechs Jahren mehr als 100 Moscheen mit öffentlichen Mitteln errichtet zu haben. Der kollaborationswillige Klerus bekommt großzügig Gehälter ausgezahlt, an den Schulen wurde der Religionsunterricht wieder eingeführt, wöchentlich 3 Stunden, und der Rundfunk spielt täglich ein religiöses Programm mit fast schon grotesken islamischen Überhöhungen.(8) Auf Weisung Moskaus bemüht sich das neue Regime keineswegs darum. die afghanische Gesellschaft zu verändern. sondern sie imı wahrsten Sinne des Wortes zu kaufen. Dabei wachsen nicht nur die Entwicklungsaufgaben in allen Bereichen. sondern es werden ganz cinfach die Häuptlinge von Clans und Stämmen samt Waffen und Dorfgemeinschaft gekauft. die die Mudschaheddin im Stich lassen und unter Beibehaltung ihrer lokalen Autonomie auf die Seite der Zentralgewalt übergehen. Daher ähneln die Milizen der sogenannten Hüter der Revolution" in Afghanistan cher den bewaffneten Stämmen der arabischen Halbinsel als den Milizen in Kuba oder im Südjemen. Auf diese Weise versucht Kabul, die Mu dschaheddin mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen.

Außerdem hat die Patscham-Regierung eine geschickte Nationalitätenpolitik eingeführt, die um Förderung der unterschiedlichen Volkskulturen Afghanistans bemüht ist, insbesondere der Paschtunen (die wichtigste Volksgruppe in Afghanistan) und der Belutschen, und die einigende Rolle des Islam unter den Mudschaheddin untergraben soll. Die beiden genannten Völker leben auch in den pakistanischen Grenzgebieten. Das afghanische Regime stachelt sie mit seiner Nationalitätenpolitik gegen die Punjab-Regierung von Zia ul-Haq auf, übt dadurch gleichzeitig Druck auf ihn aus und bricht ihre Solidarität mit den Mudschaheddin, die in diesem Gebiet die großen afghanischen Flüchtlingsmassen beeinflussen.(9) Die zusammenhängende Stammes- und Nationalitätenpolitik hat sich keineswegs als die wirksamste Waffe des Partscham-Regimes erwiesen. Sie besteht schließlich teilweise aus der Spezialität aller Geheimdienste, den „Sonderaktionen" , und wird außerdem von der politischen Polizei Afghanistans, dem Khad, gehandhabt. Der Polizeichef ist niemand anderes als Nadschibullah selbst gewesen, der Nachfolger Karmals an der Parteispitze seit Mai 1986. So wird deutlich, daß der Geheimdienst die Trumpfkarte der neuen Kremlstrategie unter Gorbatschow ist, die den sowjetischen Truppenrückzug aus Afganistan bewirken soll. Es handelt sich um eine Doppelstrategie: einerseits die Afghanisierung" des Krieges durch Ausweitung der gesellschaftlichen Basis der Kabuler Regierung und Entwicklung eigenständiger Militärstärke. andererseits die Neutralisierung Pakistans. Damit soll den Mudschaheddin die Rückzugsbasis genommen werden. Bei der Verfolgung dieser beiden Ziele müssen aus einer Position der Stärke heraus Regelungsvorschläge entwickelt werden. Gleichzeitig müssen aber auch bedeutende Zugeständnisse gemacht werden. damit die Schwierigkeiten auf der Gegenseite bestehen bleiben und zu Absplitterungen führen. Diese Strategie Gorbatschows wurde 1985 eingeleitet und seit Oktober desselben Jahres verstärkt in Angriff genommen. Eine Versammlung von Notablen. Stammeshauptlingen. Mullahs und anderen Persönlichkeiten aus der reinsten Tradition der af ghanischen Monarchie wurde einberufen. Im September fand dann eine Versammlung von paschtunischen Stammes— und Clanhäuptlingen mit 3700 Delegierten statt. Darunter befanden sich auch einige Hundert Paschtunen aus Afghanistan, was auf pakistanischer Seite sofort zu einem abschreckenden Militäraufzug gegenüber den betroffenen Stämmen und zu verlokkenden Gegenangeboten aus Islamabad führte. Im November gab Karmal die „zehn Thesen" bekannt, die diesen neuen AFGHANISTAN

Kurs der politischen Ökumene bestätigten. Es wurde ein lokales Wahlsystem geschaffen, damit Persönlichkeiten, die nicht Mitglieder der DVPA waren, einschließlich der Mullahs, auch Posten erhalten konnten. Die neuen Amtsträger wurden in den „Revolutionsrat" und den Ministerrat aufgenommen. Die Ernennung Nadschibullahs im Mai 1986 - sicherlich von Moskau gewollt - leitete eine neue Phase dieser Strategie ein. Karmal war seit Dezember 1979 zu sehr in Verruf geraten; zudem machte ihn seine aristokratische Abstammung unbeliebt. Kechtmand, die Nummer zwei des Regimes, ist Angehöriger einer schiitischen Minderheit mongolischen Ursprungs, der Hazara, die von den meisten anderen af ghanischen Volksgruppen und sogar von den persischen Schiiten verachtet werden. Damit stand Nadschibullah, die Nummer drei, fest. Er hat seine Fähigkeiten an der Spitze des Kahd bewiesen und konnte eine für den neuen Kurs äußerst wertvolle paschtunische Genealogie vorweisen. Seine erste Amtshandlung bestand in einer Stärkung dér Streitkräfte des Regimes, Kernpunkt der Afghanistanstrategie von Gorbatschow. Als diese beiden Herren sich im Dezember in Moskau trafen, schlug Nadschibullah, die Hauptfigur der „nationalen Versöhnung" im Namen des neuen Ökumenismus „die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit" vor, ..an der sich auch Kräfte, die sich zeitweilig außerhalb der Landesgrenzen befinden. beteiligen könnten." Im Klartext heißt das: Die Führer der Mudschaheddin und die Anhänger des ehemaligen Königs — wenn nicht sogar der König selbst werden aufgefordert, eine Kursänderung um 180 Grad zu vollziehen. Im Januar 1987 erreichte die sowjetisch-afghanische Offensive im Vorfeld der neuen Verhandlungsrunde zwischen Kabul und Islamabad unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen, die für den Februar in Genf vorgesehen war, ihren Höhepunkt. Die Vorschläge Moskaus werden in Kabul bestätigt: der Revolutionsrat verkündet eine einseitige und verlängerbare Feuerpause von sechs Monaten ab dem 15. Januar sowie eine Generalamnestie. Nadschibullah appelliert an alle kriegführenden Parteien, das Feuer einzustellen und einen Prozeß der nationalen Erneuerung einzuleiten."

Zugleich erreicht der Druck auf Pakistan einen Höhepunkt. Die Regierung von Islamabad ist durch die Agitation Kabuls unter den Paschtunen und den Belutschen auf pakistanischem Gebiet bereits stark in Bedrängnis geraten — hierbei darf nicht

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AFGHANISTAN vergessen werden,daß Pakistan ein Vielvölkerstaat ist, der sich von Indien lediglich durch die Glaubenszugehörigkeit seiner Einwohner zum Islam unterscheidet und bereits mit der Trennung von Bangladesh im Jahre 1971 einen nationalen Bruch erlitt. Es sieht sich nun „libanesischen Verhältnissen" gegenüber.(10) In der Tat sind die gleichen Voraussetzungen wie im Libanon gegeben: Antagonismen zwischen den Volksgruppen (im Libanon konfessioneller Natur), eine beträchtliche Anzahl von Flüchtlingen (drei Millionen Afghanen), Aufstellung unabhängiger bewaffneter Organisationen, die finanziell mit großen Summen unterstützt werden und einen riesigen Schwarzhandel mit Waffen aller Art betreiben, von dem auch einheimische Volksgruppen Waffen beziehen. Solch eine Situation relativer Anarchie ermöglicht, ebenso wie im Libanon, einen blühenden Anbau von und Handel mit Rauschmitteln. Ebenso wie im Südlibanon leiden auch die Gebiete mit den größten Flüchtlingsansammlungen zunehmend unter den sowjetisch-afghanişchen Repressalien gegen die Mudschaheddin.Hinzu kommen außerdem noch die Aktionen des Khad, besonders die Sprengstoffanschläge, die zu einer zunehmend ablehnenden Haltung der einheimischen Bevölkerung gegenüber den Flüchtlingen führt. In der Region von Peschawar kam es kürzlich zu Zusammenstößen zwichen beiden Gruppen, die „libanesische" Formen annahm. Im November hat eine jirga von paschtunischen Stämmen in den pakistanischen Grenzprovinzen Islamabad und die Mudschaheddin aufgefordert, zu einer Konfliktregelung mit Kabul zu kommen. Ansonsten würden diese Stämme jede militärische Aktion von ihrem Gebiet aus verhindern.

Seit der Rückkehr von Benazir Bhutto, der Tochter des chemaligen Premierministers von Pakistan, im April 1986 ist das Regime Zia ul-Hags mit den sehr aktiv gewordenen Oppositionsparteien beschäftigt. Das gegenwärtige Regime hatte den früheren Premierminister gestürzt und hingerichtet. Außerdem kam es im Dezember in Karatschi zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Paschtunen und Muhadschirs (Moslems, die Urdu sprechen und Indien seit der Teilung von 1947 nicht verlassen haben). Dies waren die schlimmsten Unruhen seit 40 Jahren und bilden einen weiteren Aspekt der ..Libanisierung" Pakistans.

Das Regime befindet sich also in einer äu- Berst prekären Lage, eingeklemmt zwischen dem sowjetisch-afghanischen und dem indischen Druck. Letzterer stellt dabei nicht gerade das geringste Problem dar. Indien führte im Januar im indischen Grenzgebiet zu Pakistan großangelegte Manöver durch, ohne sich dabei die Mühe zu machen, Islamabad zuvor davon zu unterrichten. Die Spannungen zwischen den beiden Staaten nehmen sprunghaft zu und äußerten sich bereits in der jeweils fast eine Million Soldaten starken Truppenkonzentration beiderseits der Grenze. Erst nach fünftägigen intensiven Verhandlungen zwischen beiden Regierungen einigte man sich am 4. Februar auf ein Abkommen, das einen begrenzten Truppenrückzug „innerhalb von 14 Tagen" vorsah. Ferner wurden weitreichendere Maßnahmen anläßlich der am Ende des Monats stattfindenden erneuten Verhandlungen in Aussicht gestellt. Manchmal richtet der Zufall die Dinge gut ein. In diesem Falle aber ist es offensichtlich, daß die UdSSR an dem Verhalten ihres traditionellen Verbündeten nicht unbeteiligt war. Zum Zeitpunkt der Genfer Verhandlungen schweb te die indische Drohung wie ein Damoklesschwert über dem Kopf von Zia ul-Haq. Auf Islamabad wird in einer meisterhaften Kombination innerer und äußerer Druck ausgeübt, da Pakistan in den Augen Moskaus das letzte Hindernis darstellt, um die afghanische Bürde loszuwerden. Ausgehend von dieser Position der relativen Stärke kann Moskau sich beschwichtigende Erklärungen leisten, wie Henry Kissinger sie persönlich bei seiner Rückkehr aus Moskau am 2. März 1987 in einem Newsweek-Artikel weitergab: „Ich bin in Moskau mit der Überzeugung angekommen, daß die UdSSR den Sturz eines von prosowjetischen Kräften eingesetzen Regimes niemals zulassen werde ... Dessen bin ich mir nun nicht mehr gewiß." Der ehemalige Staatssekretär hat dies wohl etwas voreilig formuliert. Denn nichts weist auf eine Bereitschaft Moskaus hin, den Zusammenbruch seiner afghanischen Alliierten in Kauf zu nehmen, wie Kissinger dies 1975 mit den vietnamesischen Alliierten tat. Die unmittelbare Nähe sowie die Gefahr eines Übergreifens des Konflikts auf die UdSSR sind schwerwiegende Faktoren, die es in Bezug auf den Vietnamkrieg nicht gegeben hat. Daher kann Moskau auch nur Beziehungen „inländischer Art" mit Afghanistan dulden. Innerhalb dieser klar gesteckten Grenzen sind alle möglichen sozio-politischen Kompromißlösungen für den Kreml denkbar. Sogar eine eventuelle Rückkehr des chemaligen Königs Zaher Shah aus seinem römischen Exil wäre möglich, wenn er dies wollte. Moskau würde jedoch niemals einen Sturz des Regimes in Kabul akzeptieren, da er nur durch die Mudschaheddin,die Erzfeinde, bewirkt werden könnte. Nur dadurch, daß der Kreml und seine Schützlinge diese Gefahr endgültig beseitigt wähnen, können sie überhaupt Flexibilität zeigen. Die Mudschaheddin und ihre Unterstützer Hinge es von ihm ab, so würde Zia ul-Haq wahrscheinlich ohne zögern nachgeben. Aber er entscheidet nicht al leine und muß in erster Linie die amerikanische Haltung berücksichtigen. Islamabad ist Washington nämlich verpflichtet. Auf Grund seiner geopolitischen Lage ist Pakistan das Herzstück der imperialistischen Strategie im westlichen Asien und hat seit 1979 für die amerikanische Regierung zweifellos erheblich an Bedeutung gewonnen. So hat das Regime Zia ul-Haqs zweifellos von der afghanischen Krise profitiert, bevor sie zu einer Bedrohung wurde. Dadurch konnte Pakistan seine gespannten Beziehungen zum Westen verbessern. Die Spannungen waren durch die islamisch-repressiven Maßnahmen und durch seinen Wunsch nach dem Besitz einer Atombombe, die berüchtigte „islamische Bombe", , die nur kurze Zeit Gesprächsthema war, ausgelöst worden. Pakistan konnte in den Genuß verstärkter wirtschaftlicher und militärischer Unterstützung der USA gelangen. Diese Hilfe erreichte in sieben Jahren beinahe einen Umfang von vier Milliarden Dollar, zu denen in den nächsten sechs Jahren noch weitere vier Milliarden Dollar hinzukommen. Nicht mitgerechnet sind hierbei die direkten militärischen Großinvestitionen (Basen und Ausrüstung) der amerikanischen Armee in Pakistan, sowie die direkten und die indirekten wirtschaftlichen Gewinne durch teilweise Unterschlagung internationaler Hilfssendungen an die Mudschaheddin.

Folglich steht Islamabad wirtschaftlich und militärisch in der Schuld Washingtons. Daher kommt es für die Reaganadministration überhaupt nicht in Frage, daß der pakistanische Verbündete gegenüber Moskau schlapp macht. Angesichts der Schwächeanzeichen, die Islamabad seit 1985 zeigt, hat Washington seinen Druck auf eine standhafte Haltung Pakistans bei den Genfer Verhandlungen verstärkt und weitere Unterstützungversprochen. Seit 1979 hat Zia ul--Hag übrigens begonnen, aus seiner Position Kapital zu schlagen. Andererseits hat die Reaganadministration die Unterstützung der Mudschaheddin quan titativ und qualitativ beträchtlich aufgestockt und dabei vor allem jene Fraktionen berücksichtigt, die sich jedem Kompromiß mit Kabul widersetzen.

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Die „geheime" US-Hilfe, die vom CIA verwaltet wird, betrug bis 1983-84 einige zig Millionen Dollar für ,,Freiheitskämpfer" , wie die amerikanische Rechte sie nennt. 1984—85 erreichte sie 280 Millionen, und schnellte im Jahr 1985-86 auf 470 Millionen hoch; im derzeitigen Finanzplan beträgt sie nach Angaben der in der US-Presse ständig genannten Zahlen wohl über 600 Millionen Dollar. Diese amerikanische Finanzierung ist mit derjenigen für die saudische Monarchie gekoppelt, die einen Teil ihrer Petrodollars in Subventionen für die weltweite antikommunistische, von den USA organisierte Dschihad steckt. Dies bewies erst kürzlich die „Irangate-Affaire" . Hinzu kommen alle möglichen Formen der Unterstützung, wie die Unterstützung des Iran oder die Riesengewinne, die die Mudschaheddin aus ihren diversen Handelsaktivitäten schlagen. Washington tat ferner einen weiteren Schritt zur offiziellen Unterstützung der afghanischen Rebellen. Ihre Vertreter wurden im Juni 1986 im Weißen Haus empfangen und bereits im März hatte die amerikanische Regierung die Entscheidung gefällt, ihnen tragbare Boden-Luft- Raketen amerikanischer (Stinger) und britischer (Blowpipe) Fabrikation zur Verfügung zu stellen.

Besagt das, daß sich die US-Regierung wenig um die internen Schwierigkeiten ihres pakistanischen Verbündeten kümmert? Gewiß nicht. Washington bezweckt nicht einen Krieg um jeden Preis — wenn eine sowjetische Verwickiung in Afghanistan auch günstig gelegen kame. so ginge sie nicht zu Lasten der Stabilität des eigenen Verbündeten - sondern einen Tauschhandel. Nämlich eine für Moskau annehmbare Lösung der afghanischen Krise gegen größere sowjetische Zugeständnisse in Zentralamerika. Oder anders ausgedrückt möchte die amerikanische Regierung verhindern, dal Zia ul—Haq die afghanische Karte, in die immerhin beträchtliche Summen investiert wurden, nutzlos verspielt. Angesichts der pakistanischen Schwäche sowie der kürzlichen politischen und militärischen Erfolge der sowjetischen Strategie in Afghanistan, versucht die USA ihre Verbündeten so zu stärken, daß der Preis möglichst hoch gehalten werden kann. Auf alle Fälle sind die Mudschaheddin für Washington nur wegwerfbare" Teilchen. Daher rührt die Doppeldeutigkeit seiner Haltung, die einerseits Härte vor Ort fordert und die dazu erforderlichen Mittel zur Verfügung stellt, und andererseits die Genfer Verhandlungen gutheißt und sich weigert, seine Botschaft in Kabul zu schließen. Die von den Mudschaheddin verlangte diplomatische Anerkennung wird von Washington verweigert. Das Ziel, das Washington letztendlich mit Hilfe des Kampfes der Mudschaheddin anstrebt, ist nicht deren Sieg, sondern eine günstigere Verhandlungsposition gegen über Moskau. Daher vermeidet es die US- Administration, sich die Hände in der af ghanischen Frage zu binden. Die Haltung des Iran, ein weiterer Unterstützer der Mudschaheddin, ist da radikaler, wenn sie auch hinsichtlich ihrer Motive der amerikanischen Haltung ähnlich ist. Teheran ist bestrebt, die afghanische Karte auch im eigenen Interesse, das sich heute in erster Linie auf den Krieg mit dem Irak konzentriert, zu nutzen. Das Khomeini-Regime möchte Moskau dazu bewegen, die Waffenlieferungen an Bagdad, ohne die sich das Regime von Saddam Hussein nicht halten könnte, einzuschränken oder gar aufzuheben. In dieser Absicht trumpft Teheran gegenüber Islamabad und Wa shington auf, lehnt die Genfer Verhandlungen ab, schlägt eine Konferenz zwischen der UdSSR, Pakistan, dem Iran und selbstverständlich den Mudschaheddin vor, ohne eine Beteiligung der Regierung in Kabul überhaupt nur ins Auge zu fassen. Nicht einmal indirekt will Teheran diese Regierung anerkennen. Somit bewirbt sich das iranische Regime um die Nachfolge Pakistans als dem wichtigsten Beschützer der Mudschaheddin. falls das Regime Zia ul-Hags beschließen sollte. diese fallen zu lassen.

Keinerlei Begeisterung für solch eine Perspektive kann bei jenen Organisationen mit Stützpunkt in Peschawar aufkommen. Schließlich stellen sie die Mehrheit jener Kräfte. die den bewaffneten Kampf gegen die Regierung in Kabul und die sowjetischen Truppen führen. Einige von ihnen sind in der …Islamischen Allianz" der Mudschaheddin organisiert. und rekrutieren ihre Anhänger aus den Volksgruppen der sunnitischen Mehrheit (über 80%) der afghanischen Bevölkerung. Diese religio sen Differenzen stellen dennoch kaum cinen Hinderungsgrund dar. Ganz anders dagegen wirken politische und finanzielle Überlegungen. Das Regime Khomeinis macht aus seinen Hegemoniebestrebungen gegenüber ganz Afghanistan oder einem seiner Teilgebiete keinen Hehl.(1 1) Diese Form von Beziehungen unterhält der Iran bereits mit den schiitischen Organisationen im Hazaradschat und versucht erfolg los, sie auch auf gewisse Gruppen in Peschawar auszudehnen (insbesonders mit der fanatischsten unter ihnen, der Hezb-i Islami von Hekmatyar), indem es von ihnen den Bruch mit der saudischen Monarchie fordert, die aber nach den USA der AFGHANISTAN wichtigste Geldgeber der Mudschaheddin ist. (Aber auch der Irak unter Saddam Hussein!)

Die Organisationen der Allianz in Peschawar sind nicht nur darauf bedacht, eine relative politische Autonomie zu wahren, die ihnen bis zum heutigen Tage von Pakistan gewährt wird, sondern sich auch die saudische Unterstützung zu erhalten. Einige von ihnen, besonders die „gemäßigten" (traditionalistischen) Organisationen, würden einen Kompromiß mit Kabul und Moskau einer Vorherrschaft Teherans vorziehen, da letzteres ihr Ende bedeuten* würde. In diesem Sinne bilden sie das schwache Glied der Allianz, das bei einer Einigung zwischen Islamabad und Kabul (bzw. Moskau) reißen könnte. Sie sind es auch, an die Nadschibullah seine Angebote zur Versöhnung richtet.

Die Falken in der Allianz von Peschawar, die Fundamentalisten, waren also gezwungen zu reagieren, bevor es zu spät war. Sie widersetzten sich jeder Vorstellung einer Koexistenz mit dem Regime in Kabul, wie demokratisch es auch immer sein mochte. Pläne, unter der Kontrolle der UNO-Streitkräfte freier Wahlen durchzuführen. die einige Gruppen in Peschawar entwickelten und die von Hekmatyar in einer Erklärung vom 14. Januar 1987 zurückgewiesen wurden, konnten durch die Annahme von Gegenvorschlägen gegen die sowjetisch-afghanische politische Offensive zu Fall gebracht werden. Diese Gegenvorschläge. die am 17. Januar öffentlich bekannt gegeben wurden. konzentrieren sich auf zwei Schwerpunkte: einen programmatischen um die Zukunft Afghanistans. wie sie den Vorstellungen der Mudschaheddin entspricht, und Übergangsmaßnahmen, um die Allianz auf ihre selbstgestellten Aufgaben vorzubereiten.(12)

Aus der Bem der Aichegide Dirdert die Allianz einen ..vollständigen, bedingungslosen und sofortigen Rückzug der sowjetischen Streitkräfte" und ruft nicht nur zu diesem Zweck zu einem bewaffneten Kampf auf, sondern auch zur „Einführung der islamischen Ordnung" Damit bestätigt die Allianz, daß sie nicht nur einen nationalistischen Kampf führt, sondern auch einen damit untrennbar verbundenen Kampf um ein totalitäres und reaktionäres politisches Ziel. Das ihnen vorschwebende Modell bewegt sich zwischen dem iranischen und saudischen oder pakistanischen Beispiel. Das von der Allianz beschriebene Szenario ist recht bedeutungsvoll: zunächst übernimmt eine Inte-

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AFGHANISTAN rimsregierung der Mudschaheddin die Macht" . Dann überwacht sie die „freien und ehrlichen" Wahlen, „aus der eine islamische Regierung und ein islamisches Parlament hervorgehen werden"

Schließlich wird eine „, Verfassung des islamischen Staates ausgearbeitet" ', die die „Anwendung des Islam im individuellen Bereich sowie im Leben unserer Nation garantieren wird". Die Übergangsmaßnahmen betreffen die Schaffung zweier Gremien: einerseits die ,,Rechtsvertretungen" (mit Bezug auf das islamische Recht, die Scharia, d.R.) die für die Schlichtung von Streitfällen zwischen Einzelpersonen und bewaffneten Gruppen der Mudschaheddin verantwortlich sind und „Urteil nach der Scharia" sprechen sollen. Andererseits eine Kommission mit dem Auftrag, Verfassungsrichtlinien für die „Schaffung einer Interimsregierung" auszuarbeiten. Diese Kommission sollte ihre Arbeit am 1. Februar aufgenommen und am Ende desselben Monats abgeschlossen haben. Man hat von ihr nichts mehr gehört.

Im Klartext beantwortet die Allianz die Angebote aus Moskau und Kabul also mit Nein und ist zugleich bemüht, die ihr bisher fehlende politische Glaubwürdigkeit zu erlangen. Mit Hilfe religiöser Gerichte versucht sie (der Islam ist der einzige gemeinsame Nenner dieses heterogenen Bündnisses), die zahlreichen Konflikte zu regeln, die sich dahingehend auswirken, daß die Mudschaheddin sich untereinander ebenso bekämpfen, wie ihre gemeinsamen Feinde. Bei Diebstahlsdelikten mag diese Rechtsprechung zwar möglich sein, aber es bleibt zweifelhaft, ob sie dem Kampf um die Hegemonie zwischen den Banden und den Stammesstreitigkeiten, deren Ursprung ja bis in die Zeit lange vor der Bildung des Islams reicht, ein Ende setzen kann. Die Allianz hat sich vorgenommen, anschließend eine Exilregierung, die als einzige das Recht zur Vertretung der Mudschaheddin haben soll, zu bilden. Dabei handelt es sich insbesondere für die Falken in Peschawar nicht nur darum, die von den amerikanischen und saudischen Auftraggebern hochgehaltene Einheit zu verwirklichen, sondern vor allem auch darum, jene mit der Bildung ciner scheinbar unumstößlichen politischen Tatsache in die Enge zu treiben. Dafür soll bei den verbündeten Regierungen dann die diplomatische Anerkennung eingeholt werden. Anders formuliert: während Washington die Mudschaheddin auffordert, ihre Reihen zu schließen, um mit den bestmöglichen Vorraussetzungen in die Verhandlungen einzutreten, verfolgt die Allianz die Absicht, unter sich den Schulterschluß durch eine unnachgiebige Haltung und die Ablehnung jeglicher Verhandlungen zu vollziehen. Mit dieser Starrheit kann Washington leben, solange es in der Lage ist, den Preis für Verhandlungen gegenüber Moskau in die Höhe zu schrauben. Zweifellos würden die amerikanische Regierung und ihr pakistanischer Verbündeter jedoch in Verlegenheit geraten, sollte die Operation „Interimsregicrung" gelingen. Bei der extremen Differenzierung in der Allianz ist dieses Risiko allerdings gering.

Sowjetischer Truppenabzug?

Der große Vorteil Moskaus und seiner Schützlinge in Kabul in diesem afghanischen Konflikt ist die Tatsache, daß sie in der Lage sind, eine einheitliche Strategie zu fahren. Diese wird jedoch im Kreml entschieden und umfaßt viele Kräfte mit ebenso unterschiedlichen Motiven, wie das gegnerische „Lager" mit seinen verschiedenen Mudschaheddingruppen, der amerikanischen, pakistanischen und iranischen Regierung. Offenbar versucht die sowjetische Bürokratie das Wespennest, zu dem Afghanistan mittlerweile für sie geworden ist, loszuwerden, ohne dabei in Washington vorstellig werden zu müssen. Da Moskau im eigenen traditionellen Einflußbereich agiert, will es vermeiden, daß die amerikanische Regierung die afghanische Karte ausspielt. Sollte der Druck auf Pakistan, der einen Höhepunkt erreicht hat, die Regierung Zia ul-Haqs wegen der entgegengesetzten amerikanischen Druckausübung nicht zum Handeln bewegen können, so kann man nicht ausschlie- Ben, daß Moskau seine Strategie des Truppenrückzugs ohne ein Abkommen durchführt.

Sollte sich die UdSSR unter Gorbatschow mit einer stillschweigenden Übereinkunft mit der pakistanischenRegierung zufriedengeben, könnte sie schrittweise einen Großteil ihrer Infanterie und Panzer, die immer weniger zum Einsatz kommen, zurückziehen. Sie könnte eine militärische Präsenz in Afghanistan lediglich in der Größenordnung von vor 1979 (5000 Militär,,berater"") aufrechterhalten. Diese verringerte Präsenz würde dann allerdings aus Elitetruppen (Fallschirmspringer) bestehen, die ihre Wirksamkeit gegen die Mudschaheddin bereits unter Beweis gestellt haben und den Vorteil großer Mobilität besitzen, da sie universell einsetzbar sind. Die UdSSR wäre noch nicht einmal gezwungen, ihre eigene Luftwaffe einzusetzen. Sie hat genügend Piloten ausgebildet, die die Maschinen fliegen können. Sie stehen Kabul zur Verfügung und reichen auch für Bombenangriffe aus. Durch Lieferung tragbarer Boden-Luft-Raketen an die Mudschaheddin können die Einsatzbedingungen der Luftwaffe, die bisher praktisch in aller Sicherheit operierte, nicht radikal verändert werden. Es war übrigens die afghanische Luftwaffe, die im Februar die Angriffe auf die auf pakistanischem Gebiet gelegenen Flüchtlingslager geflogen hat, um auf die Regierung in Islamabad vor der letzten Runde der Genfer Verhandlungen Druck auszuüben. Die Hypothese, nach der wir die Haltung Moskaus interpretiert haben, scheint sich zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels zu bestätigen. In Kabul kursieren Gerüchte über den Abzug eines großen sowjetischen Truppenkontingents von 50 000 Mann. Das ist beinahe die Hälfte der in Afghanistan stationierten Kräfte (s.dazu Le Monde vom 12. März 1987). Je geringer die militärische Präsenz im Lande, desto schwächer werden auf jeden Fall die Mobilisierungsfähigkeiten der reaktionären Kräfte. Denn immer noch besteht deren Hauptargument in der Notwendigkeit des Widerstands gegenüber den Schu ravi (die Sowjets in der lokalen Sprache). Die Mudschaheddin werden viel weniger Kandidaten für ihren islamischen Staat bei einem Dschihad finden, als sie bisher Kampfwillige für die Befreiung Afghanistans von fremden Truppen gefunden haben.

15.März 1987 Anmerkungen:

(1) Lenin, 19.März 1919, Gesamtausgabe Bd.29. S.170 (2) s.dazu die Arbeiten von Alexander Bennigsen, insbesondere seinen in Le Monde erschienenen Artikel vom 15. November 1984 (3) Zitiert von Fred Halliday: War in Afghanistan, New Left Review, Nr. 119, Januar--Februar 1980 (4) Detaillierte Beschreibungen der Maßnahmen des Khalg-Regimes finden sich in den meisten Studien über Afghanistan, die seit 1978 veröffentlicht wurden. (5) s.dazu den Artikel von S.Jaber in Quatrieme Internatio nale. Nr.21 vom September 1986 (6) In Wirklichkeit befindet sich ein Großteil der Flüchtlinge cher aus wirtschaftlichen als aus politischen Gründen in Pa. kistan und im Iran.

(7) Die Schätzungen der Kriegsopfer in Afghanistan schwanken zwischen 100.000 und einer Million, eine Zahl der Mudschaheddin, die wohl übertrieben zu sein scheint. umfaßt sie doch auch die Anzahl der von ihnen getöteten sowjetischen Soldaten. Angesichts der Tatsache, daß sich die sowjetische Armee darauf beschränkte, das „Erwerbsgebiet" und die Verbindungswege zu kontrollieren und keine Bomber des Typs B52 verwendete, beläuft sich die tatsächliche Zahl der Toten wohl auf 100.000 bis 200.000, einschließlich getöteter Sowjetbürger. (8) .Beschreibung der Maßnahmen des Regimes bei J.Steele, in The Guardian (London) vom 13.-17.März 1986 (9) Peschawar, die Haupestadt der Mudschaheddin, befindet sich im paschtunischen Gebiet Pakistans. (10) .diesbezüglich den Artikel von Ahmed Rashid in The Nation. (New York) vom 31 Januar 1987 (11) In diesem Sinne hat der Iran eine Beteiligung seiner Truppen an einer islamischen Streitkraft" vorgeschlagen. die die sowjetischen Truppen ablösen soll. (12) Die nun folgenden Zitate stammen aus einer Übersetzung. die am 18.-19. Januar in Le Monde erschien.

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