Interview mit Pablo Buenaventura vom MIR Organisation.
Ich beziehe mich auf den zahlenmäßig Der MIR bereitet seinen IV.Kongreß vor. Dies geschieht durch eine bedeutendsten Teil des MIR, in Chile intensive interne. Debatte. Pablo Buenaventura, Mitglied im Zentralselbst und im Ausland; auf Genossen, die militärische Aufgaben ausgeführt und komitee, nimmt dazu in einem Interview Stellung, das Ende Novem- Massenarbeit gemacht haben, auf diejeniber 1986 in der mexikanischen Tageszeitung El Dia erschien. gen, die die Jugendorganisation Juventud Wir veröffentlichen es auszugsweise. Frage: Wie verläuft heute die Diskussion über die verschiedenen möglichen Orientierungen, die innerhalb des MIR stattfindet?
Antwort: Ich möchte vor allem betonen, daß bestimmte Schemata im Denken der chilenischen Linken abgenutzt sind. Seit der nicaraguanischen Revolution setzt sich innerhalb der lateinameri kanischen revolutionären Linken eine neue Art durch, an die Definition einer Revolution heranzugehen.
Chile hat sich seit den protestas von 1983 verändert. Dadurch sind ganz neue Bedingungen für die Linke entstanden. Der Klassenkampf wird intensiver. „Die da oben" streiten sich untereinander, „die da unten" beginnen langsam wieder eine Rolle zu spielen. Das Ziel der Mobilisierungen der Massen ist der Sturz der Dik- Trotz der erheblichen Neu-Zusammensetzung innerhalb der Massenbewegung ist es noch nicht möglich gewesen, die wesentlichen strategischen Probleme zu lösen. Sie finden ihren Niederschlag in der Diskussion und der Praxis des MIR Die Partei führt eine scharfe Debatte um die Frage der Revolution in Chile. Sie wird durch drei grundlegende Elemente bestimmt: Erstens geht es um die Erfahrungen, die der MIR seit seiner Gründung gemacht hat. Dazu gehört auch die zentrale Periode der Unidad Popular von 1970—73. Vor allem aber geht es um die Erfahrungen seit 1978, als die massenhaft zurückströmenden Kader an die Front geschickt und ungeheure Anstrengungen unternommen wurden, eine Guerilla wie in Neltune (in den Bergen des Südens) weg die einzigen waren, die den politischen und militärischen Kampf ent wickelt und ihn als notwendig und möglich betrachtet haben.
Zum zweiten zwingt uns die gegenwärtige Lage in Chile mit einer gewissen Härte zur Überprüfung unserer Politik und unserer Analysen der unmittelbaren Wirklichkeit und zu einer selbstkriti. schen Bilanz der Vergangenheit. Wir müssen daraus Lehren ziehen, um den Kampf neu im Sinne dessen zu formulieren, um was es jetzt geht.
Zum dritten zwingt uns das, was in den letzten Jahren in Nicaragua, El Salvador und Kolumbien passiert ist, zu einer Ab. rechnung mit der „foquistischen" Tradition(1).
Frage: Du sprichst von zwei verschiedenen politischen Linien, die es innerhalb des MIR gibt. Um welche Kräfte handelt es sich dabei und wie repräsentativ sind Rebelde Miguel Enriquez aufgebaut haben, auf diejenigen, die in Zusammenarbeit mit der übrigen Linken die Arbeit in den Gewerkschatten aufgenommen haben — wie der Genosse Jose Carrasco, ein langjähriges Mitglied unseres Zentralkomitees, der vor kurzem von der Diktatur ermordet wurde. Ich spreche auch von vielen Genossen, die uns im Laufe der Jahre begleitet haben und die vielleicht formal nicht mehr Mitglied unserer Partei sind, ihr aber politisch und persönlich verbunden bleiben.
Leider ist die Erschütterung, die den MIR insgesamt gepackt hat, an einem betächtlichen Teil der Leitung vorbeigegangen. Dieser Teil weigert sich, die alte Praxis und die überlebten Organisationsformen zu kritisieren. er vertritt weiter politische Positionen, die die lateinamerikanische Linke in den 70er Jahren hinter sich gelassen hat und die heute in Chile weder geschichtlich noch gesellschaftlich eine Perspektive haben.
Anmerkung:
(1) von foco - Brennpunkt, Herd (der Aufstandsbewegung). Bezeichnung für cine bestimmte Form des bewaffne ten Kampfs, die vor allem durch Schriften von Ernesto Che Guevara und Regis Debray bekannt wurde. Aus einer Kritik reformistischer Konzepte heraus kam der „Foquismus" zu einer — aus einer gewissen Interpretation der kubanischen Revolution abgeleiteten — einseitigen Betonung der sofortigen Aufnahme des bewaffneten Kampfs und der Bedeutung der Bauernschaft, mit anderen Worten: zur Vernachlässigung der politischen Bewußtseinsbildung und Organisation und zu einer relativen Geringschätzung der politischen Arbeit unter dem Industrieproletariat und der städtischen Bevölkerung (Anm.d. Obers)
JAPAN
WIE AUS CHANCEN- GLEICHHEIT UNGLEICH- HEIT WIRD von KAJI ETSUKO
Als 1985 das Gesetz über gleiche Chancen von Män- nischen Kapitalismus notwendig, um mit dieser nern und Frauen zum Zugang zur Arbeit vom Parla- neuen Arbeitskraft umgehen zu können. Die „Karment verabschiedet wurde,lag die Gesamtzahl der rierefrau". ist zu einem bevorzugten Leitbild in Frau- Frauen, die Vollzeit oder Teilzeit beschäftigt waren, enzeitschriften geworden und selbst Frauen in bereits über der der Nur-Hausfrauen. Über 15 Mil- Unternehmerpositionen sind nicht mehr so selten lionen Frauen sind heute in Japan erwerbstätig, das heute. Das Gesetz ist aber auch die logische Folge der macht 36,5% aller Arbeitskräfte aus. Frauen sind Frauenpolitik der Regierung in den letzten zwanzig nicht länger eine „Arbeitskraft in Reserve", 'die die Jahren.
Unternehmer „als erste feuern und als letzte heuern". Der nachstehende Artikel wurde erstmals in der japanischen Zeitschrift Ampo Jahrgang 18, Nr.2-3
In einem gewissen Sinn war das Gesetz für den japa- veröffentlicht.
zur Arbeit, das am 1.Jul 1986 in Kraft Das Gesetz über den gleichen Zugang die Gleichstellung auf der Arbeit" kuru-Kai,die sich 1979 gebildet hat, ver- über die Gleichbehandlung. In der Bewe- gung gab es eine umfassende, allgemeine getreten ist, ist eine Maßnahme der Re- langte ein Gesetz, das in Uberein Kontroverse über den Schutz und die gierung, die Teilnahme der Frauen am stimmung mit der UNO-Konvention Gleichbehandlung von Frauen bei der Arbeitsmarkt zu kontrollieren. Dieses stehe. Die Konvention beinhaltete, „be- Arbeit. Gesetz greift unweigerlich eine der Säu- sondere Maßnahmen zum Schutz len des japanischen Kapitalismus an: die Mutterschaft sollten nicht als Diskrimi- Die japanischen Frauen merkten, daß Beschäftigung auf Lebenszeit und das nierung betrachtet werden" und der Mut- diese Diskussion im UNO-Jahrzehnt Anziennitätssystem, die beide hauptsäch- terschaftsurlaub sollte so gefaßt werden, der Frau in vielen Ländern geführt wurde lich auf männliche Arbeiter zugeschnit- daß beide Ehepartner Gebrauch davon und sich von einer Debatte über die ten sind, die eine Familie zu ernähren machen könnten. Viele Frauen aus der Chancengleichheit für Männer und haben. Die Gesetzgebung widerspiegelt Arbeiterbewegung schlossen sich zusam- Frauen (die formale Gleichheit) zu einer die jüngsten Tendenzen bei der Reform men, um gegen die Vorstellung zu prote- Diskussion über die faktische Gleichstelder Verwaltung, der Rationalisierung daß die Schutzbestimmungen lung (die substantielle Gleichheit) entund Reorganisierung in der Industrie, in- "übertrieben" seien und im Gegensatz wickelte. Sie merkten auch, daß vor cl.der Privatisierung der staatlichen Be- zum Konzept der Gleichheit stünden. allem in Japan die Debatte von den Untriebe, und die Schwächung der Arbeiter meinsamen Bemühen geführt wurde, die ternehmern und der Regierung im bewegung als Ganzes. Als die Frauen im April 1983 vom Geserzesentwurf der Regierung erfuhren, ging Arbeiterinnen weitestgehend zu spalten Als das Gesetz über den gleichberechtig. ihnen auf, daß damit nichts Vorteilhaftes und zu beherrschen" ten Zugang zur Arbeit in die Diskussion für die Frauen gemeint war, weil der kam, wurde der . „Mutterschutz" sehr Mutterschutz stark ausgehöhlt werden Die Anzahl an Arbeiterinnen ist in Japan stark betont. Die in der Arbeitsgesetzge- sollte. Sie machten geltend, wenn die in den letzten zwanzig Jahren drastisch bung vorgesehenen Schutzbestimmun- Schutzbestimmungen für Arbeiterinnen gestiegen. 1984 betrug die Gesamtzahl gen für Arbeiterinnen - die Ein aufgehoben würden, müßten Frauen erwerbstätiger Frauen 15,18 Millionen. schränkung von Uberstunden und ge ebenso hart arbeiten wie Männer. Sie for- das sind 35,6% aller Erwerbstätigen; 1960 fährlicher Arbeit, das Verbot der Nacht- derten also „die faktische Gleichstellung waren es noch 7,38 Millionen, bzw. arbeit, der garantierte Mutterschafts anstelle der Chancengleichheit": es soll- 3,31% der Erwerbstätigen. Der Anstieg urlaub u.ä. — wurden Gegenstand hefti- ten positive Bedingungen geschaffen wer- war nach der Ölkrise 1973 steiler als vorger Auseinandersetzungen. Den Frauen damit die Frauen ihr Recht her. Der Zuwachs betrug 1977-80 3%, wurde bedeutet, sie hätten zu wählen Arbeit ungehindert wahrnehmen könn- 1980-84 2,9%; der Zuwachs an männlizwischen „Schutz oder Gleichheit" ten. Dieser Überlegung folgend standen chen Arbeitern betrug in derselben Peauch einige Frauengruppen auf und sag- riode dagegen nur 1%. Man rechnet Die „Gruppe für unser eigenes Gesetz für ten, sie wollten überhaupt kein Gesetz damit, daß die Anzahl an erwerbstätigen 8 INPREKORR 193
Frauen noch eine Weile ansteigen wird und mehr Frauen in den Arbeitsmarkt integriert werden. Das bedeutet, daß die erwerbstätigen Frauen einen zunehmend wichtigeren Platz in der japanischen Industrie, auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft überhaupt einnehmen werden.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, daß die neu erwerbstätigen Frauen hauptsächlich mittleren Alters und verheiratet sind Um 1976 herum hat es ein starkes Eindringen von Hausfrauen auf den Arbeitsmarkt gegeben, die in ihrer Mehrzahl Teilzeitarbeit verrichteten. Heute geht ein Drittel der verheirateten Frauen arbeiten. In der Periode des starken wirtschaftlichen Wachstums wurden sie als Arbeitskraftreserve mobilisiert, da die Kapitalisten zusätzliche Arbeitskräfte zu den jungen, unverheirateten Frauen suchten, die traditionell den Großteil der erwerbstätigen Frauen in Japan stellten. Die Anzahl älterer Frauen, die auf den Arbeitsmarkt drangen, wuchs jedoch so rasch, daß die Hausfrauen bald einen integralen Bestandteil des Arbeitsmarkts und nicht mehr nur Ersatzarbeitskräfte darstellten. Bis 1960 waren über 50% der erwerbstätigen Frauen im Alter von 15- 24 Jahren; 1970 waren dies 41,5%, 1984 nur noch 20,5%. Die über 35-jährigen Frauen stellen heute über 60% der weiblichen Arbeitskraft.
Die älteren Frauen haben früher eine grö- Bere Rolle in der Landwirtschaft gespielt. Es ist aber das erste Mal in Japan, daß die verheirateten Frauen mittleren Alters die Mehrheit der erwerbstätigen Frauen stellen. Damit hat sich in den letzten Jahren sowohl die Anzahl wie auch die Zusammensetzung der erwerbstätigen Frauen erheblich geändert.Der Rückgang des Anteils junger Frauen an den Erwerbstätigen widerspiegelt auch die Tendenz, daß eine wachsende Zahl von Frauen in die höhere Bildung strömt. Die Frauenarbeit folgt in Japan einer M - ähnlichen Kurve. Viele junge,unverheiratete Frauen gehen nach der Schule oder nach der Universität arbeiten, unterbrechen die Arbeit dann zeitweise, um zu heiraten oder Kinder zu bekommen, und suchen später wieder eine Arbeit. Die zweite Kurve steigt langsam an.
Wo arbeiten die Frauen? 1980 verteilten sich die erwerbstätigen Frauen in etwa wie folgt auf die nachstehenden Wirtschaftszweige: 4,02 Millionen bzw.30,2% der erwerbstätigen Frauen arbeiteten im Dienstleistungssektor; 3.97 Millionen oder 28,5% in der verarbeitenden Industrie und 3,6 Millionen bzw.25,9% im Groß- und Einzelhandel. Über 80% der erwerbstätigen Frauen sind in diesen drei Wirtschaftszweigen konzentriert - ein Ausdruck der Entwicklung hin zu einer „Dienstleistungsgesellschaft", , die sich um die Informationsindustrie herum gebildet Zwischen 1970 und 1980 nahm die Anzahl der erwerbstätigen Frauen im tertiaren Sektor um 7% zu, während sie im verarbeitenden Gewerbe um 6,8% abnahm. Fast die Hälfte der Angestellten in Wirtschaftszweigen wie Kreditgewerbe, Versicherungen, Information, Liegenschaften, Großhandel und Einzelhandel sind Frauen. Der Frauenanteil konzentriert sich nicht nur in bestimmten Wirtschaftszweigen, sondern auch in bestimmten Berufskategorien. In diesen werden niedere Löhne oft damit gerechtfertigt, daß dies „Frauenarbeit" sei. Die Diskriminierung der Frauen bei der Arbeit findet nicht damit ein Ende, daf Frauen eine größere Rolle in der Wirtschaft spielen. Im Gegenteil, die Herausbildung von „Frauenberufen" gründet sich auf eine geschlechtsspezifische Dis kriminierung, die in Japan viel stärker ist als in anderen industrialisierten Ländern. Frauen werden auf allen Ebenen des Erwerbslebens diskriminiert, von der Einstellung angefangen bis zur Rente. Z.B.bieten fast die Hälfte der Unternehmen, die Männer und Frauen einstellen, „je nach Geschlecht unterschiedliche Einstellungsbedingungen", ; das umfaßt auch unterschiedliche Ansprüche an die geforderte Schul- und Hochschulbildung. 63% der Unternehmen „schließen Frauen von bestimmten Berufen aus".
Die Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen wächst. Einem Bericht zufolge, der im Januar 1983 erstellt wurde, war die Lohndifferenz in der verarbeitenden Industrie in Japan größer als in den anderen 13 größten Industrieländern. Durchschnittlich verdienten Frauen nur 43,1% des Lohns eines Mannes. (Die absolut größte Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen im Durchschnitt aller Wirtschaftszweige mit Ausnahme der Landwirtschaft wies Südkorea auf). Frauen verdienen die Hälfte
Die Zahlen der Regierung zeigen, daß 1960 in allen Wirtschaftszweigen Frauen 42,8% des Lohns der Männer verdienten. 1976 war dieser Anteil auf 56,1% angestiegen,ging seitdem aber jedes Jahr zurück: 1979 betrugen die Frauenlöhne 55%, 1984 nur noch 51,8% der Männerlöhne. Das durchschnittliche Monatseinkommen einer erwerbstätigen Frau lag 1984 bei 140.000 Yen (das waren damals JAPAN
Im Namen der Chancengleichheit schaffen Unternehmer
Arbeitsschutzgesetze für Frauen ab.
JAPAN ca.5.800 US-Dollar),Prämien inclusive. So weist es die Statistik des Arbeitsministeriums aus. Zur gleichen Zeit sind die Preise gewaltig angestiegen, um die Lohnerhöhungen zu unterlaufen.Fast 20% des Familieneinkommens geht heute in einer durchschnittlichen Arbeiterfamilie für Miete und Ausbildung drauf. Das ist einer der Gründe, weshalb die Hausfrauen arbeiten gehen: sie brauchen ein zusätzliches Einkommen.
Zum zweiten haben sich die Arbeitsverhältnisse von Frauen sehr stark aufdifferenziert. Sie umfassen heute Teilzeit arbeit, Zeitarbeit, Arbeit auf Abruf, Tagelöhnerinnen und Hausfrauen, die in Heimarbeit für Stücklohn arbeiten. Fast die Hälfte des Zuwachses an erwerbstätigen Frauen hat unter Teilzeit arbeitenden Frauen bzw. unter Zeitarbeiterinnen und Taglöhnerinnen stattgefunden. Über 70% aller Teilzeitarbeiter/innen, Zeitarbeiter/innen, Taglöhner/innen und Heimarbeiter/innen sind Frauen. Dabei ist zu berücksichtigen, daß der Begriff „Teilzeitarbeit" nicht notwendig bedeutet, daß weniger Stunden als bei einem Normalarbeitstag gearbeitet werden. Eine Regierungsstudie hat ergeben, daß über 70% der "Teilzeitarbeiter/innen" 6- 8 Stunden am Tag arbeiten; dabei verrichten sie im großen und ganzen dieselbe Arbeit wie die regulär Beschäftigten. „Teilzeit" bezeichnet einen Status, in dem die Beschäftigten geringer bezahlt werden und im allgemeinen keine Sozialleistungen, Zulagen und keine Arbeitsplatzsicherheit genießen.
Zum dritten sind über die Hälfte der erwerbstätigen Frauen in kleinen und mittleren Betrieben konzentriert mit weniger als 100 Beschäftigten. Hier gibt es in der Mehrzahl der Fälle keine gewerkschaftliche Organisation. Große Betriebe mit über 500 Beschäftigten und einem höheren gewerkschaftlichen Organisationsgrad beschäftigen vorwiegend männliche Arbeiter. Diese Beschäftigungsstruktur trägt sehr stark zur Vergrößerung des Lohngefälles zwischen Frauen und Männern bei. Setzt man den Lohn eines männlichen Arbeiters gleich hundert, liegt ein Frauenlohn bei 60, der Lohn einer teilzeitarbeitenden Frau bei 40 und der Lohn einer Heimarbeiterin bei 20. Damit ist offensichtlich, daß die erwerbs tätigen Frauen die Niedriglohnschicht in dieser Gesellschaft bilden. Abgeschen davon sind Frauen auch bei Sozialleistungen, Zusatzleistungen, Zuschüssen für Wohnung und Familienangehörige und so weiter benachteiligt.
So hat sich der Charakter der Frauenarbeit in Japan in den 80er Jahren vollständig geändert. Bis zu den frühen 70er Jahren ging die Hauptauseinandersetzung darum, daß die Möglichkeiten für hen,sehr beschränkt waren und Frauen, einer Erwerbstätigkeit nachzudic Mehrzahl der erwerbstätigen Frauen jung und unverheiratet war. Die Frauen waren zunehmend gezwungen, vor dem 30.Lebensjahr oder zum Zeitpunkt ihrer Heirat, Schwangerschaft oder Niederkunft aus dem Berufsleben auszuscheiden. Die Einstellung junger Frauen zu niedrigsten Löhnen ist lange Zeit eine vorherrschende Politik japanischer Unternehmen gewesen.
Abbau des Arbeitsschutzes
Mit anhaltender Dauer des wirtschaftlichen Wachstums wurde die Knappheit an jungen Arbeitskräften zu einem ernsthaften Problem. Es stieg auch die Zahl von Frauen, die eine höhere Ausbildung erhalten hatten. Die japanischen Kapitalisten brauchten mehr Arbeitskräfte zum ausbeuten, und sie fanden sie bei japani schen Hausfrauen mittleren Alters sowie bei jungen, ungelernten Arbeitern aus Entwicklungsländern. Arbeitsintensive Industriezweige wie die Textilindustrie, die Elektronik, die Bekleidungs- und die Nahrungsmittelindustrie begannen, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern und in anderen asiatischen Ländern junge Frauen zu beschäftigen.
1973 markierte die Ölkrise einen Wendepunkt. Da der japanische Kapitalismus die Produktion rationalisieren und die Industrie reorganisieren mufte, um das Niveau des wirtschaftlichen Wachstums zu halten und seine ökonomische Stärke in der Region zu behaupten, bildeten die Frauen eine ganz wesentliche Stütze. Sie waren immer das „Sicherheitsventil" der Wirtschaft gewesen. Aber anders als zu Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Frauen diesmal nicht aus dem Arbeitsmarkt verdrängt, obwohl ihr Anteil in der verarbeitenden Industrie zwischen 1970 und 1975, unmittelbar nach dem Ölschock, um 0,5% sank. Diese Tatsache hatte starke Auswirkungen auf die Frauenbefreiungsbewegung und die allgemeine Entwicklung des Feminismus, wie sich im internationalen UNO-Jahr der Frau 1975 zeigte.
Die Frauen forderten mehr Beteiligung am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben und prangerten die sexuelle Diskriminierung und die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung an. Andere gesellschaftliche Faktoren wie die Zunahme elektrischer Haushaltsgeräte, höhere Bildung und Massenkultur, Kommerzialisierung und Automation haben die gesell schaftliche Integration von Frauen erleichtert. Der japanische Kapitalismus hat auf einzigartige Weise darauf mit einer Politik geantwortet,,die Kraft der Frauen wirksam zu nutzen".Das internationale UNO-Jahr der Frau war eine goldene Gelegenheit dazu.
Bevor die Regierung ihr Gesetz über die Frauenarbeit erließ, hatte die Handelskammer von Tokio dem Arbeitsminister 1970 eine "Stellungnahme zum Arbeitsgesetz" präsentiert, in der es hieß, daß die gesetzlichen Mutterschutzmaßnahmen „zu ausgedehnt" seien und einer Teilnahme der Frauen am gesellschaftlichen Leben hinderlich. Sie forderte eine Reform des Arbeitsschutzgesetzes und em pfahl vor allem die Einführung flexibler Arbeitszeiten. Im Grunde forderte sie eine Revision des Gesetzes in der Art, daß die Unternehmen verheiratete Frauen ungehindert als Teilzeitarbeiterinnen einstellen und ausbeuten konnten. Seitdem hat das Wort „Schutz" für Minderjährige und Frauen eine negative Bedeutung erhalten; es wurde zu etwas, was Frauen ablehnen müssen, wenn sie gleich behandelt werden wollen wie die Männer.
Ariizumi Tohru, die Vorsitzende der Untergruppe Frauen der Studiengruppe über das Arbeitsschutzgesetz, ein beratendes Gremium, das das Arbeitsministerium 1969 geschaffen hat, stellte dazu fest:„Es ist offensichtlich, daß Frauen physisch schwächer sind als Männer... und diesen in Industriezweigen unterlegen, wo Körperkraft gefordert ist... Erwerbstätige Frauen, gleich ob sie noch jung sind oder Erwachsene über 18 Jahre, sind von ihrer Familie abhängig... Sie sind weniger gut organisiert als männliche Arbeiter, deshalb ist es notwendig, gesetzliche Schutzbestimmungen für ihre Arbeit zu erlassen."
Gleichzeitig betonte Ariizumi auch, daß Schutzmaßnahmen die Einstellung erschwerten. " Vom Unternehmerstandpunkt aus sind Frauen nur als billige Arbeitskräfte in den Industriezweigen willkommen, wo die Automation und die Mechanisierung die Arbeit aller Beschäftigten sehr stark vereinfacht hat. In gewissen Industrien wie der Textilindustrie und der Elektronik sind die Frauenarbeitsplätze so weit entwickelt, daß ohne weiteres verheiratete Frauen eingestellt werden können, die viel weniger geübt und qualifiziert sind. Abgeschen von ihrer mangelhaften Ausbildung leiden Frauen auch noch unter anderen Handicaps wie Menstruation, Schwangerschaft und die Versorgung der Kinder, zusätzlich zu den Handicaps, die im Ar-
JAPAN beitsschutzgesetz aufgeführt sind. Grundsätzlich muß man jedoch festhalten, daß sie diese Hindernisse ausgleicht.' die Arbeitskraft der Frau so billig ist, dafs Wo gibt es eine Frau, die zugeben würde, daß Menstruation, Schwangerschaft, Geburt, Kinderversorgung — also die Reproduktion der nachfolgenden Genera tion - ein physisches Handicap" sei?
Warum müssen Frauen akzeptieren, daf solche „Hindernisse" nur durch billige Entlohnung ihrer Arbeit überwunden werden können?
In einem Bericht, den der Ausschul für Arbeit beim Wirtschaftsrat 1972 FRZ:
taiste, wurde es als eine dringende Aufgabe bezeichnet, teilzeitarbeitende Frau Demonstration japanischer Frauen en als integralen Bestandteil der Gesamtheit der Beschäftigten zu behandeln und lassung, so daß auf allen Ebenen die gleichheit" bedeutet; wenn wir das Prindiese Form der Arbeit auszuweiten, um Gleichheit beider Geschlechter verwirk- zip der faktischen Gleichheit akzeptierdas Potential optimal auszuschöpfen. Im licht würde; ten, hätte dies die entgegengesetzten selben Jahr wurde das Gesetz über die 2. die Verstärkung des direkten Mutter- Folgen und würde größere Schwierigkeiten bereiten...". Im Juli erklärte die Hanschieder, mit dem weitere Hausfrauen als 3. die Abschaffung der meisten anderen delskammer in Tokio in einer Stellung Teilzeitarbeiterinnen gewonnen werden Schutzbestimmungen, um Frauen nahme: „das Gesetz über die Gleichstelsollten: sie sollten ihre Möglichkeit zu geben, gleichbehandelt lung von Männern und Frauen bei der „Muße" nutzen. Die Grundidee war, daß zu werden wie die Männer. Damit war Arbeit muß wohl überlegt sein, sonst Frauen der Familie den Vorrang geben der Grundstein für das neue Gesetz ge- entmutigt es die Tätigkeit der Unternehund ihren job als Nebenerwerb begreifen legt. Von den drei Themen, die das UNO men. "Darin hieß es auch, die Schutzbe- Jahrzehnt der Frau als Motto gewählt stimmungen für Frauen sollten überprüft hatte — „Gleichheit, Friede undEntwick- werden und das Ziel des Gesetzes dürfe Später wurde dieses Gesetz geändert und lung" - bot die „Gleichheit" der japani- nicht „die faktische Gleichheit,sondern zwei Gesetze daraus gemacht: das Mut- schen Regierung und den Kapitalisten ein die Chancengleichheit" sein. terschutzgesetz 1975 und das Gesetz über willkommenes Mittel, die Initiative für die Chancengleichheit 1985. Das erstere ein Gesetz zur „Gleichstellung auf der Als Mitglieder des Rats für Probleme von richtet sich hauptsächlich an Lehrkräfte Arbeit" zu ergreifen. Im Juli 1979 unter- Frauen und Jugendlichen einen ersten in öffentlichen Schulen und an Kranken- zeichnete die Regierung auf der Weltkon- Entwurf für das Gesetz verfaßten, machschwestern. Die Kontroverse über das ferenz die Konvention, die im Dezember ten Vertreter aus den Vorstandsetagen Gesetz über Chancengleichheit ent- 1979 von der UNO-Vollversammlung der großen Konzerne, die dem Arbeitszündete sich vor allem am Begriff der angenommen und bis März 1982 von 39 ministerium beratend zur Seite standen, Frauenarbeit und der reproduktiven Ländern ratifiziert wurde. keinen Hehl daraus, daß sie das beste- Rechten, der dort zugrundegelegt wird. hende Gesetz ablehnten.Die mächtige Nachdem der Weg so geebnet war, be- Keidanren-Gruppe warf ihr ganzes Ge- 1977 veröffentlichte die Regierung ihr gannen Unternehmerverbände und Kon- wicht in die Waagschale gegen den Ver- Aktionsprogramm zum UNO-Jahrzehnt zernvorstände die Notwendigkeit eines such der Gewerkschaften, ein „Gesetz der Frau. Darin wurde die Abschaffung solchen Gesetzes zu unterstreichen. Sie mit Zähnen" zu verfassen, und setzte alspezifischer Arbeitsschutzmaßnahmen prangerten die Arbeitsschutzmaßnah- les daran, die anschwellende Bewegung für Frauen getordert mit der Begrün- men als eine Form umgekehrter Diskri- der Frauen für ein Gesetz, das die Gleichdung, daß Schutzbestimmungen die Dis- minierung an und erklärten wiederholt, behandlung von Frauen und Männern kriminierung der Frauen am Arbeitsplatz daß „der Platz einer Frau am Herd" sei. bei der Arbeit wirklich sichert, niederverschärften. Schutzbestimmungen wur- Der Unternehmerverband Kansai Keiden als eine Form der Diskriminierung eisha Kyogikai unterbreitete im März eine und als ein Gegensatz zur Gleichheit be- Stellungnahme zur Revision des Arbeits- Unternehmensführer gaben bereitwillig handelt. schutzgesetzes:,Das Verbot geschlechtli- zu, dais sie gegen eine grundsätzliche cher Diskriminierung sollte sowohl die Gleichstellung der beruflichen Möglich- Chancengleichheit — ein Weg zur Diskriminierung als auch die Bevorzu- keiten von Männern und Frauen seien. Ungleichheit Frauen umfassen, also alle Immer, wenn irgendein Unterausschuß
Schutzbestimmungen mit Ausnahme des des Rates einen Gesetzesentwurf vor- Der Bericht des Ausschusses für Arbeit Mutterschutzes... 1 Unternehmer müssen legte, kritisierten sie ihn heftig. Otsuki »Aufgaben und Zielsetzung von Arbeits- sich unweigerlich mit der Gleichheit von Bunnei, der Vorsitzende des japanischen schutzgesetzen für Frauen" wurde dem Männern und Frauen auseinandersetzen, Arbeitgeberverbands Nikkeiren, erklärte Arbeitsministerium im November 1978 bei der Einstellung, bei den Anzeigen, bei auf einer Pressekonterenz sogar, Japan unterbreitet. Er ging auf drei Fragen ein: der Ausbildung, den Löhnen, der Beför- hätte die Konvention nicht ratifizieren 1. gesetzliche Bestimmungen zur Gleich- derung u.ä. Grundsätzlich ist davon aus- sollen. „Es ist erst kurze Zeit her, daß heit, von der Einstellung bis zur Ent- zugehen, daß Gleichheit „Chancen Frauen in Japan begonnen haben, am ge-
JAPAN »Wirkliche Gleichheit heißt Bedingungen schaffen, daß Frauen und Männer gleichermaßen zu Hause und im Betrieb arbeiten können - ohne eines von beiden aufzu geben"
sellschaftlichen Leben teilzunehmen" sagte er. „Es besteht kein Grund zur Eile; dringender ist es, die Familienbande zu festigen, um die jungen Leute davon abzuhalten, daß sie gewalttätig werden... Bevor ein Gesetz verabschiedet wird muß man feststellen, wie stark japanische Hausfrauen zur industriellen Entwick lung Japans beigetragen haben." Diese Haltung harmoniert bestens mit der Politik, die Arbeitskraft der Frauen maximal auszubeuten. Die grundlegende Ideologie dafür ist die Darstellung der Frauen als „schwächeres Geschlecht" und als den männlichen Arbeitern, unterlegen "Im Februar 1984 legte der Rat dem Arbeitsminister einen letzten Entwurf vor, der vom Kabinett angenommen werden sollte. Arbeitsminister Yamaguchi Toshio bemerkte dazu:„Unter den industrialisierten Ländern ist Japan das einzige, das Urlaubstage bei der Menstruation kennt. Heute spielt die Körperkraft nicht mehr eine so große Rolle bei der Arbeit wie früher. Dies hier ist das Zeitalter der Frauen. Frauen können in dieser Gesellschaft ihre Fähigkeiten so frei entfalten und ihre Ressourcen so voll nutzen wie sie wollen. Wenn sie Schutzmaßnahmen zum Ausgleich ihrer physischen Behinderungen als ein Grund recht fordern, wird sich das auf die Entfaltung ihrer Fähigkeiten negativ auswirken... Damit das nicht passiert, hoffe ich, daß das Gesetz so schnell wie möglich im Parlament durchgeht..."
Frauen - Arbeiter zweiter Klasse Das Gesetz wurde angenommen, obwohl es zahlreiche Proteste von Frauen gab, das alte Arbeitsschutzgesetz aufgehoben und ein Gesetz über die gleichen Arbeits chancen angenommen. Wie groß ist nun aber die Chancengleichheit, die einer Frau geboten wird, die sich nach einem guten Arbeitsplatz umsieht? Einer der Kritikpunkte, die die Frauen gegen das Gesetz vorgebracht haben, ist der, daß das japanische Gesetz im Vergleich zu ähnlichen Gesetzen in anderen Ländern, die meist im Verlauf der 70er Jahre verfalst wurden, weniger wirksam ist, weil es auf den verschiedenen Ebenen der Beschäftigung weder Verbote noch Bestrafungen vorsicht. Das Gesetz ist nur eine Richtschnur,die Unternehmer anhalten soll, „ihr Bestes zu tun", um beiden Geschlechtern gleichen Zugang zur Arbeit zu bieten. Das Gesetz selbst basiert auf der Annahme, daß es nach wie vor vollzeitarbeitende Hausfrauen gibt. Selbst wenn Frauen und Männer gleich Chancen haben, bedeutet dies unter den Bedingungen einer 40-Stunden-Woche, daß die Mehrzahl der Frauen gezwungenerma- Ben außen vor bleibt.
Hinzu kommt, daß die Einschränkungen der Nachtarbeit und der Überstunden für Frauen weitgehend gelockert wurden.