Der Aufschwung des islamischen Fundamentalismus
Nach dem Staatsstreich von 1980 erwarteten viele in der Türkei eine scharfe Un terdrückung der islamischen Partei und ihrer Aktivisten. Vor dem Staatsstreich hatte die Regierungsjunta cine große Demonstration in Konya, der islami schen Hochburg. als Versuch der „obskurantistischen" Kräfte bezeichnet, einen Aufstand zu proben, und dies zu einem zentralen Vorwand für den Staatsstreich genommen, vor allem gegenüber dem Westen.
Die Wirklichkeit jedoch sah anders aus. Anders als die Kemalisten der ersten Stunde betrachten ihre Nachfolger, die putschistischen Generäle mit Evren an der Spitze, den Islam nicht mehr als ein "obskurantistisches Element, sondern als Faktor der gesellschaftlichen Gleichschaltung. Sie wollen sich seiner bedienen, um vor den Augen des Volkes ihre Macht zu legitimieren, die Entpolitisierung voranzutreiben und dieses Element unter Kontrolle zu bekommen, das sie nicht länger ignorieren können. Der Staat kann und will nicht zulassen, daß sich die radikalen und militanten islamischen Gruppen ausdehnen, mit denen von seiner Warte aus keine Ubereinkunft möglich ist. Paradoxerweise haben diese staatlichen Integrationsversuche dem gemäßigten Islam jedoch neue Legitimität und dem militanten Islam neuen Aufschwung gegeben, denn dieser will sich nicht in die offizielle Ideologie einbinden lassen. Die ideologische Verschiebung bewirkt ganz und gar nicht eine Unterminierung der Basis des radikalen Islam; sie stärkt ihn im Gegenteil, da sie ihm ermöglicht, offener und legaler zu arbeiten. Der radikale Islam kann sich mit der „Verwestlichung" der heutigen türkischen Gesellschaft nicht versöhnen. Er verfolgt ein anderes Projekt: die Rückkehr zu einem religiösen Staat auf der Basis des Koran. Diese beiden gegensätzlichen Zielsetzungen müssen früher oder später in Konflikt miteinander geraten. Es scheint, als hätten sich die üblichen Reibereien zwischen den Kemalisten und dem gemäßig ten Islam überholt.
Welche Lehren kann man aus dem Aufschwung des militanten Islam ziehen? Zunächst einmal wird damit die Behauptung widerlegt, mit zunehmender industrieller und kultureller Entwicklung gehe die Religion zurück. Die islamische Bewegung hat heute ihren festen Platz in der türkischen Gesellschaft und es sieht nicht danach aus, als wolle sie ihn so schnell wieder aufgeben.
Zweitens sind wir angesichts ihrer Etablierung nun gezwungen, eine ernste Studie der türkischen Gesellschaft, ihrer moralischen Werte, der verschiedenen ideologischen Strömungen in ihr und der besonderen Formen zu erarbeiten, die der Klassenkampf in diesem Land annimmt.
Das Vorhaben, die Religion gewaltsam auszumerzen, ist gescheitert, selbst wenn der Kemalismus Teilerfolge dabei errungen hat. Vor sechzig Jahren hat Mustafa Kemal Sekten und andere islamische Organisationen verboten.Heute kann man sagen, daf er angesichts der Erneuerung des Islam völlig gescheitert ist. Der Islam hat weidlich Rache genommen an den Laien, die ihn mit Polizeimethoden, juristischen und strafrechtlichen Mitteln zum Schweigen gebracht hatten. Auf diese Weise hat der Kemalismus seinen Verbündeten verraten, mit dem er in den zwanziger Jahren den nationalen Kampf geführt und der ihm bei der Gründung der Republik geholfen hat. Der Kemalismus hat sich aber nicht in der gesamten Gesellschaft durchsetzen können und hat sich schließlich selbst verraten, da er in den neuen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen nicht bestehen konnte. Die laizistische Ideologie ist für den Erhalt der bürgerlichen Gesellschaft nicht unerläßlich.
Trotz der Repression und der Versuche, seine Institutionalisierung zu verhindern, hat der Islam es verstanden, in organisierter Form außerhalb des Staates weiterzubestehen. Mehr noch: die Einschränkung der demokratischen Freiheiten unter dem Kemalismus hat einen Teil der gläubigen Massen dazu getrieben, sich einer Ideologie anzuschließen, von der sie Befreiung erhofften, während sie genauso wenig demokratisch ist. Denn die politi sche Ideologie des Islam ist von Grund auf antidemokratisch und antipluralistisch. Seine antikapitalistische oder gar antiimperialistische Ideologie reduziert sich auf eine Feindseligkeit gegenüber dem Westen. Sie hindert ihn nicht daran, mit dem Imperialismus zu kollaborieren, wenn das nötig ist. Das Beispiel der Finanzierung der nicaraguanischen „contra" durch den Verkauf iranischer Waf fen ist ein klarer Beweis dafür. Der Kampf für die Demokratie und den Sozialismus erfordert deshalb eine Auseinandersetzung mit der islamischen Strömung. Die Sozialisten brauchen weder einen „Laizismus" nach türkischer Art, noch einen radikalen Islam. Sie können den Islam in einer Gesellschaft, die zu 90% TÜRKEI aus Moslems besteht, aber nicht ignorieren. Es ist unvermeidlich, daß diese in Massenbewegungen präsent sind. Das zeigt schon die Existenz eines islamischen Gewerkschaftsverbands, Hak-/s, wenngleich er klein ist. Man kann von den moslemischen Arbeitern nicht fordern, daß sie zuvor ihren Glauben ablegen. Das würde bedeuten, nur zusätzliche Hindernisse zur notwendigen Klassenein heit aufzubauen. Der Kampf für die demokratischen Freiheiten in der Türkei, vor allem für die Religionsfreiheit, muß ebensosehr gegen den Staat geführt werden wie gegen den militanten Islam, der eine reaktionäre, arbeiterfeindliche Strömung ist.
Januar 1987 Anmerkungen:
(1) entfällt (2) Die Scharia ist das religiöse Gesetzbuch des Islam, das alle Pflichten festlegt, die sich aus dem Koran und der Sunna — den überlieferten Lehren der Propheten - ergeben. Sie greift in alle Aspekte des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens der Moslems ein. (3) In der Türkei wird der Begriff „reaktionär" sowohl für alle religiösen Strömungen wie für alles „Konservative" im allgemeinen verwandt. Die offizielle kemalistische Terminologie kennt nur Fortschrittliche (die Kemalisten) und _Reaktionäre"(d.h.alle anderen).
(4) 8,6% haben für die MSP gestimmt, das sind 1.269.918 Stimmen; 6,4% für die MHP, das'sind 951.544 Stimmen. Diese Partei hatte 1973 3,4% erzielt. Die MHP hat in den Gebieten zugelegt, in denen die MSP relativ zurückgegangen ist.