Das nachstehende Interview führte Cathérine Verla mit einer Genossin, die kürzlich aus der Sowjetunion zurückgekehrt ist und von dort ihre Eindrücke über den Niederschlag des neuen Reformkurses im sowjetischen Alltag schildert.
• Du kommst gerade aus der •Hierzu gibt es drei Dinge zu Sowjetunion zurück. Für uns sagen. Die Begrifflichkeit, mit ist interessant zu hören, was der der Prozeß der Verände. wir aus der Ferne schwer be- rung umschrieben wird, hat urteilen können: wie betrifft sich stark verändert: von der der neue Kurs die Bevölke- „Beschleunigung" (der wirtrung und wie nimmt sie ihn schaftlichen Entwicklung) ist man jetzt bei der „revolutio. nären Reform" angelangt. Ich • Auf der Straße hat man nicht zitiere mal die Sowjetskaja den Eindruck, es habe sich viel Kultura: „Wir können nicht geändert. Auch wenn man mit mehr weiter leben, wie wir geden Leuten spricht, scheint lebt haben. Der XXVII. Pardie neue Politik noch keine teitag hat der Partei und dem besonderen Spuren hinterlas- Volk gesagt, daß wir uns änsen zu haben. Das Leben, das dern und etwas Neues aufbau- Schlangestehen, der Kampf en müssen, bevor es zu spät um die Versorgung, all das hat ist. Er hat uns zu einer radikasich in Moskau noch nicht ge- len. revolutionären Erneueändert. Man könnte deshalb rung aller Strukturen unserer meinen, alles ist wie vorher. Gesellschaft, unseres Staates Daß sich etwas geändert hat, aufgerufen, zu einer tiefgreimerkt man, wenn man die Zei- fenden Veränderung unseres tung liest, ins Kino oder Thea- Bewußtseins ..." ter geht, fernsieht, also bei al- Wenn man das zum erstenmal lem, was mit den Medien, der liest, ist man betroffen... beim Massenkommunikation zu- zweiten Mal auch. Aber beim sammenhängt. Das ist an sich fünften Mal, wenn man sieht, schon bezeichnend. Hier gibt daß sich am konkreten Leben es enorme Fortschritte, so- nichts ändert, fragt man sich, wohl hinsichtlich dessen, was ob es hier nicht nur um eine gesagt wird, als auch dessen, neue Rhetorik geht. Vor alwie es gesagt wird. Auf der lem, wenn es heißt, daß der Straße sicht man diese Verän- „revolutionäre Prozeß viel derung aber nicht ... Da ist Zeit braucht ...". Dazu paßt kein gesellschaftlicher Gä- eine (offizielle) Losung, die rungsprozeß im Gang wie in man auf den Straßenmauern Polen 1980, wo man den Ein- Moskaus lesen kann: „Fürchdruck hatte, alles ist ins Rut- tet Euch nicht, kühn und entschen gekommen. Abgesehen schlossen voranzugehen". von den Reden bewegt sich vor allem auf dem kulturellen Zweitens fällt auf, daß sich Gebiet etwas: in der Literatur, anfangs die neue Linie vor alim Theater und Kino, in der lem in Zeitschriften und Zei- Kunst, im Kulturbetrieb. Die tungen der Provinz niederbedeutenden Ereignisse wa- schlug (z.B. in der Zeitschrift ren ja auch die Kongresse der Ekoaus Nowosibirsk), oder in Schriftsteller, Künstler, Thea- Kulturzeitschriften wie der terleute, usw. Literaturnaja Gazeta, die für Intellektuelle geschrieben ist. Heute findet man „radikale" • Was fällt am neuen Kurs am Artikel auch in der Prawda meisten auf? und selbst in der theoretischen Zeitschrift der KPdSU, dem Kommunist. Man braucht sich nur den Weg von Tatjana Zaslavskaja anzuschauen: vor drei Jahren zirkulierte ihr (-geheimer") Bericht an das Zentralkomitee (über die wirtschaftliche Lage und die Blockade der notwendigen Reformen) nur in Form des Samizdat. Im vergangenen Februar veröffentlichte sie cinen Artikel zum selben Thema in der Zeitschrift Eko. Im September ist er in Kommunist erschienen.
•Greifen ihre Artikel auf, was sie in ihrem ersten Bericht schrieb?
• Sie ist gegenüber der heurigen Situation mindestens ebenso kritisch. Sie geht immer offener an die Reform heran. Sie sagt, das Regime kennt die Gesellschaft nicht, es ignoriert die gesellschaftlichen Interessen der verschiedenen Gruppen und gesellschaftlichen Klassen, es verkennt, daß diese Interessen antagonistisch sind und eine Reform nur eine Chance hat, wenn sie diese Interessen berücksichtigt; daß es Widerstände dagegen gibt, vor allem bei den mittleren Schichten der Bürokratie, weil ihre materielle Situation dadurch infragegestellt würde.
• Was sagt sie über die Arbeiter?
• Sie macht keine große Unterscheidung zwischen den verschiedenen Schichten der arbeitenden Bevölkerung. Sie sagt, daß es in allen Schichten der Gesellschaft Widerstände gibt, vor allem im Mittelbau
der Verwaltung, d.h. in den Ministerien für die einzelnen / Wirtschaftszweige, in der Verwaltung der Republiken, usw.
Der dritte Punkt, der auffällt, ist die Ausweitung der angeschnittenen Themen. Am Anfang war hauptsächlich von der „Transparenz" die Rede, es wurden die korrupten und unfähigen Funktionäre kritisiert... Und allgemein der Immobilismus der Breschnew- Ära. Heute geht es cher um die Frage der ,Demokratisierung" , der „sozialen Gerechtigkeit", der Wirtschaftsreform - die beiden letzten Themen hängen ja eng miteinander zusammen.
• Mit welchem Inhalt sind sie verbunden?
• Der Begrift der ,Demokratisierung" wird mit sehr unterschiedlichem Inhalt gefüllt. Es ist die Rede von der ,Demokratisierung des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Lebens", auch von der Selbstverwaltung. Im September ist z.B. in der Literaturnaja Gazeta ein Artikel erschienen, der im Oktober auch von der Prawda veröffentlicht wurde. Er kritisierte den Wahlmodus zu den Sowjets und forderte, daß es mehrere Kandidaten geben müsse. Das ist in erster Linie ein Eingeständnis des formalen Charakters der Wahlen und der Sowjets. Die Partei aber schien von dem allem unberührt ... jedenfalls bis zur Gorbatschow-—Rede am 27. Januar. Die zweimalige Verschiebung des ZK-Plenums. das sich mit der Kaderpolitik befassen sollte, ist ein deutliches Anzeichen für die inneren Auseinandersetzungen. An der Infragestellung der sicheren Bürokratenplätze wird man beurteilen können, was Gorbatschow kann und will. Er weiß, daß diese höchst delikate Frage seinem früheren Vorgänger Chruschtschow zum Verhängnis wurde. Die ersten Berichte über den Ablauf des ZK-Plenums, das 28 INPREKORR 192 schließlich mit großem Trara batte ist, was sie über die heuangekündigt wurde, zeigen, tige Gesellschaft aussagt, viel daß es gegen die wenigen Vor- mehr als das positive Projekt, schläge, die Gorbatschow ge- das unklar bleibt. macht hat, doch erheblichen Widerstand gibt. • Die Frage nach der Demokratisierung der großen wirt- • Welche Debatte gibt es über schaftlichen Entscheidungen die „Demokratisierung" der wird nicht gestellt? Planung und der Betriebe? • Nein, niemals wirklich. • In den Betrieben spricht man cher von Entfesselung der Ini- tiative der Arbeiter und be- • Und was bedeutet „soziale zieht sich dabei mehr oder we- Gerechtigkeit" in diesem Zuniger klar auf die Selbstver- sammenhang? waltung. In Wirklichkeit geht • Das ist widersprüchlich. In es vor allem darum, den Wirt- einigen Artikeln, z.B. bei Tatschaftskräften mehr Spiel- jana Zaslavskaja, wird dargeraum zu lassen und verstärkt legt, daß die Sowjetunion eine wirtschaftliche Hebel einzu- ungleiche Gesellschaft ist: es setzen. gibt Ungleichheiten zwischen den Regionen, zwischen den Gesellschaftsschichten, in der • Das kann aber mehrere Din- Erziehung. Es gibt aber auch ge bedeuten: sollen die Pla- noch eine andere Debatte nungsentscheidungen über das über die Ungleichheit, die System der Preise, der Steuern stark mit der Preisreform zuund der Kredite statt überad- sammenhängt. So wird z.B. ministrative Maßnahmen die Mietsubvention kritisiert. durchgesetzt werden, oder Das ist sehr zweideutig: einige sollen systematischer Markt- kritisieren die Tatsache, daß mechanismen zur Geltung ein und derselbe Mietpreis für kommen? Wohnungen sehrunterschied- • Das ist alles noch nicht klar, licher Qualität zu entrichten es gibt da viel Pragmatismus sei; oder daß das System der und Vorsicht. In einigen Ar- Wohnungszuteilung den pritikeln wird gesagt, daß der Be- vilegierten Schichten Zutritt griff der Selbstverwaltung un- zu Subventionen verschafft, clar ist (so z.B. im Kommunist während insgesamt Mangel vom letzten September). Am herrscht. Es gibt aber auch interessantesten an dieser De- solche — das ist vielleicht so- ELD
gar die Mehrzahl - die über Woods" nennen und all die terviewt werden, die erklären, aupt das System der Sozial- angreifen, die aus ihrer Stel- daß ihr Leben zerstört ist nach wohnungen unabhängig von lung ungerechtfertigte Vor- dem, was sie dort erlebt haden „realen Kosten" kritisie- teile ziehen. Ein anderes The- ben. Die Ökologiedebatte ren, d.h. die Tatsache, daß die ma, das in jüngster Zeit aufge- geht munter weiter. Hier wer- e Preise für Grundlebensmittel kommen ist, ist die Kritik des den die Planungsziele viel- t und wichtige Dienstleistun- Justizsystems (das ist nicht leicht am direktesten infragegen jahrzentelang sehr niedrig gerade nebensächlich für die gestellt. Eine der wichtigsten geblieben sind. Bevölkerung ... oder auch für Fragen ist das Umkippen des den KGB). Im Dezember 1986 gab es in der Literaturnaja Ga • Spricht man auch von den zeta einen Artikel, der die Ge- • Im Zusammenhang mit der 0 Privilegien der Bürokraten? heimhaltung der Zahlen über sozialen Gerechtigkeit hast • Zur Zeit des Parteitags gab die Kriminalität anprangerte. Du von der Kritik am System es einen Artikel von Jelzin, Er berichtete von zahlreichen der Verteilung gesprochen. dem Parteisekretär Moskaus, Fällen summarischer Justiz Wenn ich das richtig verstander in gewisser Weise die „le- (z.B. von der Exekution von den haben, geht die Vorstelgalen" bürokratischen Privi- vierzehn unschuldigen Men- lung dahin, die administratilegien kritisiert hat. Er fand schen) und griff die gängige ven Verteilungsmechanismen ein starkes Echo. Das ist ein Praxis an, daß jeder, der ange zugunsten „wirtschaftlicher" sehr empfindliches Thema, klagt ist, deshalb auch schon Verteilungsmechanismen aufder Schuld verdächtig ist. Er zugeben. Hinter dieser Ex- Seither wurde darüber nur we- betonte auch, daß Revisions- pertensprache verbirgt sich nig geschrieben. Es ist die Fra verfahren auf schier unüber- das Ziel, die Entlohnung der ge erlaubt, ob es beim Partei- windliche Widerstände sto- Arbeiter in Gütern tag nicht darum ging, auf die Dienstleistungen
Delegierten Druck auszuü- All diese Veröffentlichungen die Arbeitsleistung zu kopben. legen die Mißstände der aktu- Die Artikel, die heute von der ellen Gesellschaft und ihre „Gleichheit" und eine „sozia- „sozialen Gerechtigkeit" spre Widersprüche bloß. Es gibt le Gerechtigkeit" für die Stärchen beziehen sich vor allem vor allem viele Artikel über auf das System der Verteilung Jugendliche, über die Tatsa- • Auch vorher profitierten die an die breiten Massen, jenseits che, daß sie sich in diesem Syder Bürokratie, wenn man so stem überhaupt nicht wieder- Rahmen einer bürokratischen sagen kann. Es gibt eine syste- über die Banden Planungsorganisation, die auch matische Kampagne gegen die marginalisierter Jugendlicher soziale Vorteile brachte. Jetzt Korruption, unter all ihren (von denen es erstaunlich viele werden die bevorzugt werden, Formen, vor allem im Handel. verschiedene die auf dem Markt die Stärke- In der Komsomolskaja Praw- auch diesen Film, der in Riga, ren sind. In meinen Augen da wird von Aktionen von in Litauen, gedreht wurde, in spricht man von sozialer Ge- Gruppen junger Leute berich- dem Jugendliche rechtigkeit, meint aber die Litet, die sich „die Kinder Robin Heimkehr aus Afghanistan in- beralisierung der Wirtschaft. Ich denke, das wird den Arbeitern nicht gefallen und auch einem großen Teil der Bürokratie nicht, aber aus unterschiedlichen Gründen: die Arbeiter sehen die Intensivierung der Arbeit, während die Bürokraten nichts dabei ge- КОМСОМОЛ winnen, daß ihr Einkommen an die „Leistung" gekoppelt wird.
• Führt das nicht eher zu grö- Berer Ungleichheit?
• Ja, vor allem in der Bevölkerung. Das schafft die Gefahr, daß ein gewisses Niveau an materieller Sicherheit, das es jetzt gibt, unterminiert wird, auch wenn es niedrig ist. Die
Folge ist, daß derSoziallohnals
S solcher - die subventionier- W ten Preise, die fast kostenloj sen Mieten, usw. - sukzessive abgeschafft wird. Damit werden auch einige Mechanismen der Verteidigung der Arbeiter aufgehoben, die es heute gibt: die Verhältnisse in den C.- Betrieben sind sehr verschieden von denen in kapitalistischen Betrieben ... D.h. nicht 0 unbedingt, daß sie „besser" n sind, schon allein, weil die gewerkschaftlichen Rechte fehlen. Augenfällig ist aber, dais solcher Rechte die Arbeiter weitgehend einen Arbeitsrhythmus durchsetzen können, der weit unterhalb des Niveaus in kapitalistischen Betrieben liegt ... Die Betriebsleitung hat normalerweise weder ein Interesse noch die Mittel, die Arbeitsintensität zu steigern (mit Ausnahme der Zeiten, wenn die Kontrollen über die Planerfüllung anstehen, da rackert sich jeder ab, das ist das sog. „Radfahrersyndrom"). Man darf nicht vergessen, dals in der UdSSR das Angebot an Arbeitsplätzen viel höher ist als die Nachfrage danach! Dort, wo es aber „zuviel" Arbeit gibt, kann man nicht entlassen ...
• Wird über das „Recht auf Arbeit" und die Arbeitslosigkeit offen gesprochen?
• Das Recht auf Arbeit bleibt bestehen, aber die Arbeitsplatzsicherheit wird infragegestellt. Heute kann ein Ar beiter weder de jure noch de facto aus wirtschaftlichen Gründen entlassen werden. Erstens ist der Direktor daran interessiert, soviel Arbeiter wie möglich zu haben, um den Plan zu erfüllen und überzuerfüllen - um die Prämien zu kassieren. Mit der Reform werden Entlassungen möglich und notwendig. In ihrem Artikel im Kommunist erklärt Zaslavskaja, daß Betriebsleiter auf Nachfragen hin heute erklären, in der gegenwärtigen Situation würde es an Arbeitskräften mangeln. Sie erklären aber zugleich, wenn die Betriebe mehr Autonomie hät- 30 INPREKORR 192 ten, könnte und müßte die Ergebnis des Systems ist. Zas- Anzahl der Arbeiter gesenkt lavskaja behauptet, zwei Dritwerden. tel der Arbeiter würden nicht ihre volle Leistung erbringen. Eine Mehrheit der Betriebslei- • Zurück zur Reform: gibt es ter erklärt, sie trügen lieber ein Projekt, das anders ist als weniger Verantwortung. Vom das, was in der Vergangenheit technologischen Wunschdenbereits ausprobiert wurde? ken unter Breschnew - wonach die Probleme durch den • In den Anfangszeiten Gor- Import von Technologie aus batschows war alles noch sehr dem Westen gelöst werden vage, es gab kein Projekt. könnten - ist man jetzt zum Nach und nach treten einige Verständnis übergegangen, Elemente der Reform hervor, daß es ohne eine Anderung der ohne daß es jedoch bereits eine Motivationshaltung, eine Inklare Gesamtsicht davon gibt. fragestellung der administra- Im Vergleich zu den 60er Jah- tiven Anordnungen keinen ren ist der Ausgangspunkt der Fortschritt und keine techno- Debatte über die Reform we- logische Innovation geben niger technisch: es ist viel vom kann. „menschlichen Faktor" die Rede, von den sozialen Kosten der Reform, von der not- • Spricht man in diesem Zuwendigen Stütze auf die Mo- sammenhang auch über die bilisierung der Arbeiter. Sa- Demokratisierung der Leigen wir mal, man geht eher tung? von sozialen Gesichtspunkten an die Reform heran, von • Es herrscht noch eine Kluft den Interessengegensätzen, zwischen der Debatte über die die bei ihrer Verwirklichung Demokratisierung und der auftreten können. Das ist über die Wirtschaftsreform. auch der Ausgangspunkt des Die verstärkte Einführung Berichts von Zaslavskaja, in (markt-)wirtschaftlicher Medem es heißt, daß die Reform chanismen wird als Mittel ohne eine Berücksichtigung propagiert, die groisen Pro der gesellschaftlichen Interes- bleme zu lösen. Natürlich sagt sen und ohne eine soziale Basis man auch, daß die Arbeiter scheitern wird. Ein Großteil sich als Herren ihrer Fabrik der Debatte über die soziale fühlen müssen. Aber das hört Gerechtigkeit greift die De- man schon lange. batte über die Reformen auf und führt sie weiter. So wirft • Und die Brigaden?' Zaslavskaja in ihrem Artikel • Darüber wird heute nicht im Kommunist das Problem viel diskutiert. 1985-86 sollte der nicht qualifizierten Arbei- die Organisierung in Brigaden ter auf, die Gefahr laufen, zu auf die gesamte Wirtschaft Opfern des technischen Fort- ausgedehnt werden. Heute schritts zu werden. Es gibt hat man das Thema wieder auch viel Erfahrungen und fallen lassen. Debatten über die Rolle und den Stellenwert des Marktes • Kannst Du etwas zur Halund der unabhängigen Buch- tung der Arbeiter gegenüber führung. Aber das sind noch den Brigaden sagen? beschränkte Erfahrungen. • Die ist sehr unterschiedlich. Oftmals wurden sie empfun- • Du sprachst vom techni- den als Versuch, die Solidarischen Fortschritt. Welche tät und das Bewußtsein der Rolle kann er bei der Über- Gleichheit unter den Arbeiwindung der wirtschaftli- tern zu brechen. Mit ihnen chen und gesellschaftlichen war auch die Absicht verbun- Sackgasse spielen? den, die Komplizenschaft • Die Frage wirft die nach der zwischen den Arbeitern und mangelnden Motivation im der Betriebsleitung hinsichtallgemeinen auf, die selber ein lichder Planerfüllung zustop-
pen. Das Ergebnis waräuferst batten zwischen den Spezia- • Dagegen gibt es an sich kein zweischneidig: es gab erhebli- listen" laufen häufig kontro- wirtschaftliches chen Widerstand, verser ab. Die Bandbreite ist Eine solche Konversion hat es schwer zu beurteilen ist. In dabei sehr grofs: sie reicht von teilweise bereitsunter Chrusche jedem Fall haben die Brigaden Strömungen tschow gegeben, und auch nach nicht das erhoffte Resultat ge- („alles für den Markt") bis zu dem Zweiten Weltkrieg. Das bracht. Oft war ihre Aufstel- Strömungen, die eine wirt- ist eine Frage der politischen lung rein symbolisch. Heute schaftliche Reform im Zu- Entscheidung. spricht man häufig davon, die sammenhang mit einer Demo- Ingenieure in die Brigaden zu kratisierung der Gesellschaft :... und des Konservatismus integrieren, um ihre „Verant- in der Armee.
• Die Armee hat in der natiomung und Durchführung der • Was passiert mit dem priva- nalen Politik niemals eine her- Planziele zu stärken. Durch die Einbeziehung ten Sektor? Es gibt zwei mög- vorragende oder entscheidennieure soll sich der Charakter liche Interpretationen der an- de Rolle gespielt, wenngleich der Brigaden angeblich än- gekündigten Maßnahmen: die sie eine reale Interessenlobby dern, die teilweise gerade jene eine ist, daß es nur darum darstellt. Das letzte Wort hat reproduzierten, geht, zu legalisieren, was oh- immer das Politbüro, und das die sie eigentlich bekämpfen nehin schon besteht, um bes- „Ziviles" Gremium, sollten: die Solidarität zwi- ser unterdrücken zu können, wenn man so will. schen den Mitgliedern der Bri- was darüber hinausschießt; gade, die Beibehaltung einer die andere ist, daß doch der • Ohne jetzt spekulieren zu egalitären Entlohnung, usw. Wille vorhanden ist, wollen: welche Entwicklung Spielraum für private Initia- hältst Du für wahrscheinlich? tiven auszuweiten, vor allem • Das klingt ein bißchen wie in der Landwirtschaft und • Ich glaube, daß wir eine polidie Qualitätsgruppen" und Dienstleistungsbereich, tische Krise erleben werden, die leistungsbezogene Ent- womit das Alltagsleben auch wahrscheinlich die tiefste, die lohnung bei uns ... tatsächlich verbessert werden die Sowjetunion jemals seit könnte. Was meinst Du? den 20er Jahren erlebt hat. Da • Man sagt, daß vor allem die das Herrschaftssystem in die Ingenieure, die heute weniger • Die Veränderungen in dieverdienen als ein Facharbei- sem Bereich sind zur Zeit ter, besser bezahlt werden noch marginal. Nur wenige bürokratische System müssen; auch auf dieser Ebene Berufe sind davon betroffen Herrschaft und Verwaltung „Gleichmacherei" und das auch nur in bestimm- der Gesellschaft auf neue Füangegriffen. Im großen und ten Gebieten. Es gibt ein Miß- Be zu stellen. Das ist immer ganzen hat sich die materielle trauen. Deine erste Interpre- sehr gefährlich. Gegenwärtig Situation der höheren Ange- tation ist aber zu macchiavel- gibt es kein in sich geschlossestellten und derer, die eine hö- listisch. Eher wirkt hier der nes Projekt dafür, eben weil here Bildung genossen haben, Einfluß der ungarischen Er- die Widerstände sehr stark unter Breschnew undChrusch- sind, obwohl man sagen kann, verschlechtert, daß an der Spitze die Kräfte
Verhältnis zu den Arbeitern. • Sagst Du noch etwas zu den die Initiative haben, die für die Der „Nachholbedarf" betrifft nicht allein die Ingenieure. Abrüstungsinitiativen? formfeindlichen Kräfte im Vor kurzem ist der Gesund- • Es ist offensichtlich, daß die Apparat sind noch längst heitsminister gefeuert wor- Abrüstungsvorschläge nicht zum Schweigen geden, weil er mit der Einfüh- UdSSR das Ziel verfolgen, die bracht. Es werdenauch andere rung neuer Lohnleitlinien im materielle Belastung, die mit „Auswege" aus der Krise ander Rüstungsproduktion ver- geboten. in der Zeitschrift bunden ist, an der sie schwer Molodaga Gvardija vom Okzu tragen hat, zu erleichtern, tober 1986 findet man z.B.
• Das klingt alles nicht sehr um Mittel für die Reform frei- sehr virile Ansichten: um aus revolutionär ... zumachen. Die sowjetischen der Krise herauszukommen, • Offiziell geht es eh' nicht Sprecher machen keinen Hehl bedürte es eines gesunden darum, das gegenwärtige Sy Mannes (viel Sport): anstelle stem der Leitung durch ein der Dekadenz der Intellektu.
anderes zu ersetzen, sondern • Einige hier wie Castoriadis** ellen wird der Wert der kördarum, das bestehende Sy- haben zu recht auf die Kon- perlichen Arbeit gepriesen: stem durch sog. „wirtschaftli- zentration der Mittel im Rü- der Platz der Frauen sei am , d.h. Marktmechanis- stungssektor verwiesen. Ist es Herd: Theater und Literatur ergänzen. vorstellbar, daß es hier eine sollen die starke Hand der kommt ein Kompromiß zum Konversion in zivile Indu- Zensur spüren, die zu schlapp Ausdruck. Die Grundsatzde- strie gibt? sei. Die Zeit der Gegenoffensi-
ve wird dann kommen, wenn zu mobılisieren (natürlich in schen einem guten Führerund hie Retormvorhaben als ge kontrollierter und verant- einem schlechten Führer, dafs cheitert hingestellt werder wortlicher Weise, aber den- das Hauptproblem darin bee können. Wenn es in den näch- noch). Der Prozeß der be- steht, daß die da unten das sten ein, zwei Jahren keine grenzten Demokratisierung Wort ergreifen, die (ich zitiesubstantiellen Veränderungen kann außer Kontrolle gera- re) „man seit 50 Jahren vergıbt, dann ist der Boden für die ten. Ohne eine wirkliche De- sucht vergessen zu machen, Gegenoffensive mokratisierung - das steht daß sie die Herren des Landes Heute ist der Kampf noch für die heutigen Führer der sind". Auf diese Mobilisiedumpf. Es gibt Auseinander- Sowjetunion außer Frage rung von unten muß man in setzungen. Das spürt man. —reicht die soziale Basis für den kommenden Monaten ge- Man weiß es. Man sagt es. eine größere Reform nicht nau achten. Aber die Kontrahenten ste- aus. Es gibt reale Widersprü- 1 Die Arbeitsbrigaden sind eine der Maßhen noch im Schatten, wie in che in dem Sinn, daß nahmen, die die sowjetische Bürokratie allen früheren Auseinander- nicht ungestraft von Demo- versucht hat, um die Arbeitsproduktivi. tät in den Betriebenzusteigern, nachdem setzungen auch. Man wird sie kratie, Selbstverwaltung, der andere Maßnahmen, wie materielle Anerst nach der Niederlage ken- Demokratie und der Selbst- reize durch Leistungsprämien oder Kamnen können. Man kann die Er- verwaltung feindlich gesinn- pagnen gegen die Verschwendung vor Material und das Fehlen am Arbeitsplatz klärungen und Initiativen zur ten Kräften, usw. sprechen nicht gegriffen haben. Der Grundgedan- Demokratisierung als einen kann. Die Dynamik der Erklä- ke ist daß die Brigade für ein von der Versuch der Reformer wer- rungen kann denen entglei- Betriebsleitung gesetztes Produktionsziel selbst verantwortlich ist. Sieteilt sich ten, einen öffentlichen Druck ten, die sie abgeben. Es gibt die dazu notwendige Arbeit selbst auf. für die Reform und gegen die auch Initiativen an der Basis, und ihre Mitglieder kontrollieren sich widerspenstigen Elemente im die sich entwickeln, aber in der gegenseitig. wieviel Leistung jeder er. bracht hat. Gezahlt wird nach Arbeits.
Apparat zu erzeugen. Das ist Presse kaum aufgegriffen leistung. eine Sorte von autoritärem werden. 2 Cornelius Castoriadis, geb. 1922 in Grie- Populismus. chenland. Wirtschaftswissenschaftlerund
Soziologe. kämpfte im Zweiten Welt- • Z. B.? krieg an der Seite der französischen • In verschiedenen Städten Trotzkisten. 1948 trat er aus der französi. schen Sektion der IV. Internationale aus • In vielerlei Hinsicht ähnelt sind fast-autonome Gruppie- und begründete die Zeitschrift Socialisdie Situation der in der Tsche- rungen entstanden, zu denen me ou barbarie (1949-1966). Darin defichoslowakei 1967, als den Re- die Behörden ein äußerst am- nierte er die Stalinherrschaft als „Herr- schaft einer Ausbeuterschicht und ein formern noch die Massenba- bivalentes Verhältnis haben: Moment weltweit wachsender Barbarei". sis fehlte. Der AufrufDubceks angefangen bei den Kindern - Anzeige zur Demokratisierung hat ci- Robin Woods, von denen ich Ernest Mandel ne entscheidende Rolle ge- gesprochen habe, bis zu Reflespielt, die Hürden zu über- xionsgruppen. In der gegen- Die Krise wärtigen Situation ist eine ge- • Aber esist zweifelhaft, ob die sellschaftliche Dynamik mög- Versuche, eine Massenunter- lich, die nicht auf der Wellenstützung zu finden, auf positi- länge der Behörden liegt. Das ves Echo stoßen, wenn es im ist das Wichtige.
alltäglichen Leben keine greif- Die Rede Gorbatschows läßt baren Ergebnisse gibt, dennin sich mit dem Stück von den Medien kann die Reform Schatrow vergleichen, das leicht als etwas begriffen wer- im vergangenen Jahr in Mos- Weltwirtschaft den, was sich gegen die Inter- kau Skandal gemacht hat: dar- 1974-1986 essen der Arbeiter richtet, da in werden alle brennenden ihre konsequente Umsetzung Fragen angesprochen und es Konkret deren Situation verschlech- gibt viele treffende Wort- Loser tern würde ... wechsel. Gleichzeitig ist dafür gesorgt, daß das Publikum Ernest Mandel analysiert die zwar Beifall klatscht, aber auf seit dreizehn Jahren anhalten- • Novotny hatte auch ver- seinem Platz bleibt. Dem wür- de Depression der Weltwirtsucht, dieses Moment gegen de ich ein anderes Theater- schaft, er erläutert die damit die Initiatoren des Prager stück gegenüberstellen, das in verbundene internationale Frühlings auszuspielen... der vergangenen Saison eben- Schuldenkrise, die Verschär- • Eskann gleichzeitigeine Kri- falls viel Wirbel gemacht hat, fung der innerimperialistise an der Spitze und in der aber viel besser die Grenzen schen Konkurrenz, den Rü- Gesellschaft geben. Die Krise der Erneuerung aufzeigt und stungswettlauf und die Einder Gesellschaft wird umso was heute auf dem Spiel steht. schränkung von demokratischärfer sein, je mehr die Be- Es ist das Stück: „Sprich!". schen Freiheiten. völkerung ermuntert wird, Darin wird gezeigt, daß es sich auch gegen den Apparat keinen Unterschied gibt zwi- Konkret Literatur Verlag 32 INPREKORR 192
Guatemala