Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Ungarn

Reformen rückwärts

· Inprekorr Nr. 188, Dezember 1986 · S. 16-25 · 1.445 Wörter

Ungarn

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Natascha Brink

Ungarn ist einerseits treuer Verbündeter Moskaus, andererseits gleicht es sich DIVAT 34(2. DIVA

SOVARD

Einkaufspassage mit privaten Boutiquen in Budapest. täglich mehr der westlichen Welt an. Trotz der herrschenden Sparpolitik bleibt Ungarn in den Augen von Polen len - eingeräumt werden, unüberund Tschechen ein Anziehungspunkt. schreitbare Grenzen gesteckt sind. Das ist die Stärke des „Reformmodells" das allerdings seine Grenzen hat. Indessen ist das „ungarische Modell" seit 1983 in Schwierigkeiten geraten. Die Von 1970 bis 1980 hat sich Ungarn beim Auslandsverschuldung ist beachtlich an- Absatz von Autos im Verhältnis zur Bevölkerungszahl vom dritten auf den gestiegen. Die Reallöhne sind im Laufe des Jahres 1983 um 4% gesunken. Die ersten Platz unter den Ländern des Regierung hat die Importe streng kon- Ostens vorgeschoben. 66% der neuge- tingentiert. Aber parallel dazu hat sie bauten Wohnungen sind privat - ge- beschlossen, die ökonomische Reform genüber 8% in der UdSSR — was die anzukurbeln, indem sie die soziale Absi- „Parallelwirtschaft" mit ihren vielfälti- cherung der selbständig Schaffenden gagen Maschen und Schluptlöchern tor- rantiert; indem sie den „Unternehmerdert. Verglichen mit anderen Ländern geist" entwickelt, Freiräume schafft und des Ostens erscheint Ungarn als ein Unternehmen auf ausländischer Kapi- Land des Überflusses. talbasis zuläßt. In jüngster Vergangen- Das Reformmodell heit wurden neue Verwaltungsformen in der Industrie eingeführt. Die Direktoren, seit von den Ministerien ernannt, Das Land kennt eine gewisse politische werden nun vom Betriebsrat gewählt und ökonomische Liberalität. Das ist und können eigenverantwortlich wichtieine indirekte Folge der Ereignisse von ge Entscheidungen treffen. Dafür lastet 1956 und grausamen Unter dem Staat nicht mehr automatisch die drückung, die aut den Budapester Aut Verantwortung für Verluste schlecht stand folgte. Beide haben in der Bevölke- rung ein tiefes Trauma hinterlassen. geführter Betriebe an. Diese Liberalität findet ihre Entspre- Istvan Kemény', der sich seit 1977 in chung in einer gewissen kulturellen Blü- Frankreich niedergelassen hat, hat über te, namentlich in einer großen Kreativi- einen langen Zeitraum das Leben der tät auf dem Gebiet der Sozialwissen- ungarischen Arbeiter in den 60er und schaften. Ebenfalls hervorheben lassen 70er Jahren untersucht. Er hat versucht, sich eine relativ freie Preisbindung, die „die Handlungsmotive der Menschen Anerkennung und Entfaltung außer- und die Möglichkeiten, die sich ihnen staatlicher Aktivitäten, die Gesetzge- boten, ebenso wie ihre Ideen und Anbung, die das private Handwerk regelt. schauungen über die Welt und über sich Die ungarische Gesellschaft ist plurali- selbst zu erkennen und zu verstehen." stisch. Die Wahlgesetze von 1983 und Unter diesem Gesichtspunkt ist seine 1985 haben diese Eigenschaft durch die Untersuchung eine wahre Goldgrube an Einrichtung von Mehrfachkandidatu- Erkenntnissen über die realen Existenzren noch verstärkt. Nichtsdestoweniger bedingungen der Arbeiterklasse. Seine zeigt sich in diesem Klima der Toleranz, Arbeiten veranschaulichen insbesondedaß den Handlungsspielraum, die einer re die Breite des passiven Widerstandsin kleinen Zahl von streitbaren Herausfor- der ungarischen Gesellschaft: „Die Arderungen - überwiegend Intellektuel- beiter führen — wie andere Gruppen der 16 INPREKORR Nr. 188 Bevölkerung auch — die Anordnungen nur zum Schein aus. In Wirklichkeit vereiteln sie sie, umgehen sie oder widersetzen sich ihnen entschlossen." Die Entwicklung der Technik, die mit der Modernisierung der Industrie verbunden ist, hat eine komplexe Arbeitsorganisation nach sich gezogen. Aber wie überall gilt: je mehr schriftliche Anordnungen, wissenschaftlich aufgestellte Regeln es gibt, desto mehr ungeschriebene praktische Ausnahmen gibt es. So kann die offizielle Organisation der Arbeit nur bis zu 50% der Nachfrage nach Werkzeugen befriedigen. Damit der Arbeiter die von ihm erwartete Arbeit abliefern kann, muß er auf seine informellen Beziehungen zurückgreifen. Hat er Freunde und Bekannte inder Werkstatt, in der Werkzeug hergestellt wird, dann geht er hin und überredet seine Kumpel, seine Bedürfnisse auf regelwidrige Weise zu befriedigen. Wenn diese Leute sich weigern würden, gegen die Regeln zu verstoßen, würde das Werk aufhören zu funktionieren.

Verschwendung von Rohstoffen und Arbeitskraft

Am Fließband verlängert sich die Dauer der Arbeit durch den Mangel an Werkzeug und das macht wiederum die Beachtung der Zeitnormen und des Arbeitstaktes sehr schwer. Aber Mangel an Einzelteilen und ihre schlechte Qualität sind ein viel schwerwiegenderes Problem als der Mangel an oder die geringe Tauglichkeit von Werkzeugen. Ein Vorarbeiter erzählt: „Die Einzelteile sind verbeult, angeschlagen oder sonstwie beschädigt. Wenn man den Ausschuß zurückgehen ließe, brauchte man eine neue

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Lieferung.“ Aber warum akzeptieren ungarische Werke von anderen ungarischen Werken unakzeptable Produkte? Ganz sicher deswegen, weil sie nicht anders können. Ihre Partner sind sehr oft in einer Monopolstellung. Ferner verpflichten die strengen Vorschriften zur Planerfüllung, und diese Bedingung führt schon von vornherein zur Annahme schadhafter Produkte. Das Band funktioniert „anpassungsfähig“, die Takte sind notwendigerweise unregelmäßig, aber da man monatlich bei Wind oder Regen den Plan erfüllen muß, häufen sich auch die Fehlstücke. Und die wiederum müssen repariert werden. Um nun trotzdem den Plan zu erfüllen, ordnet der Direktor Überstunden an. Diese sind zum Rückgrat der Arbeitsorganisation geworden. Da der aktuell für eine normale Arbeitsstunde zustehende Lohn zum Leben nicht reicht, wird derjenige, der arbeiten will und qualifiziert ist, bezahlte Überstunden leisten, um den Preis der maximalen Ausbeutung seiner Arbeitsfähigkeit. Manche Arbeiter werden die Überstunden nicht in der Fabrik machen, in der sie arbeiten, außer wenn diese von der Direktion angeordnet sind; sondern sie suchen anderswo Ergänzungsarbeiten. Aus den Untersuchungen weiß man, daß die Arbeiter weder Zeit noch Lust haben, diese Überstunden zu machen. In Wirklichkeit bleiben Familie und Kinder Mittelpunkt ihres Lebens, und sie arbeiten nur, um das Familieneinkommen abzurunden und oft, um ein Einkommen zu haben, über das sie frei verfügen, ja das sie sogar teilweise vor dem Ehepartner verheimlichen können.

Das Recht auf Faulheit

1976 sind die Normen in der gesamten Industrie stark angehoben worden. Sofort haben die Arbeiter sich massenhaft geweigert, Überstunden zu machen, folglich konnten die Produktionspläne nicht eingehalten werden. Schließlich haben die Leiter der Produktion zurückstecken müssen. Die ungarische Regierung würde gern – wie die Regierungen der anderen Länder des Ostens – die Intensität der Arbeit steigern, aber das verursacht ihnen echtes Kopfzerbrechen. Tatsächlich können die Werksleiter ihre Macht und ihre relativ bequeme Position nur bewahren, wenn sie den Direktiven von oben folgen und die Arbeit zu intensivieren versuchen. Dabei können sie aber nicht zu weit gehen. Wenn die Situation der Arbeiter zu ungünstig würde, würden diese das Werk verlassen oder keine Überstunden mehr akzeptieren. Dann könnte der Betrieb den Plan nicht erfüllen und die Aufträge nicht zufriedenstellend ausführen.

„In Ungarn wird nur eines der Menschenrechte anerkannt: das Recht auf Faulheit“. Dieses geflügelte Wort erweist sich als wahr und falsch zugleich. Wahr insofern, als einige Leute es sich erlauben können, während ihrer Arbeitszeit nichts zu tun; falsch, da andere ungeheuer viel arbeiten und auch gar nicht anders können, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. 10 bis 15% der Arbeiter arbeiten 170 Stunden im Monat – die Überstunden oder Schwarzarbeiten nicht mitgerechnet. Dafür erhalten sie einen Monatslohn von dreitausend Forint, was zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse nicht ausreicht. Ein Kilogramm Fleisch kostet 80 Ft, eine Flasche Wein 40 Ft. Damit begnügen sich junge Leute, die bei ihren Eltern wohnen und die „Spielregeln“ noch nicht gut genug kennen, oder die Frauen der qualifizierten Arbeiter. Alle anderen Arbeiter machen Überstunden, indem sie im ganzen bis zu 70 Stunden die Woche arbeiten; oder sie arbeiten in der Landwirtschaft, manche auch im Privatsektor, oder sie arbeiten schwarz.

Diese Situation führt zur Herausbildung einer „Parallel-Wirtschaft“ in der ungarischen Gesellschaft. So wird z.B. die Mehrzahl der Familienhäuser am Wochenende auf private Initiative gebaut. Die Wohnungen werden sogar teilweise von Maurer-Unternehmern gebaut, mit denen „Bau-Kooperativen“, die an die zehn Familien umfassen, ungesetzliche Verträge schließen. Man schätzt außerdem, daß 60% der Reparaturen und Dienstleistungen für die Bevölkerung vom gesetzlich erlaubten Privatsektor ausgeführt werden. Im Bereich der Landwirtschaft sind es die kleinen Wirtschaften der Arbeiter und anderer nicht hauptberuflich in der Landwirtschaft Arbeitenden, die eine wachsende Rolle in der Produktion spielen. Offiziell zählt man 907.000 Landarbeiter; demgegenüber widmen schätzungsweise 1,3 Mio. Arbeiter aus anderen Bereichen im Durchschnitt zwei Stunden pro Tag der Kleinlandwirtschaft. Schließlich hat die Saisonarbeit auf dem Lande eine große Bedeutung für die Arbeiter in den Städten. In den Betrieben, in denen die Abwesenheitsquote im Winter unter 12% liegt, erreicht sie in Ernte- und Weinlesezeiten 25%. Am Ende seiner Untersuchungen versichert Istvan Kemény, daß die eine Hälfte der in Ungarn ausgeführten Arbeiten offiziell ist und dem kontrollierten Markt zugehört, die andere Hälfte aber nicht über die Bücher läuft und auf dem „versteckten Markt“ abgewickelt wird.

Anmerkung

1 Istvan Kemény: Ouvriers hongrois, 1956–1985. Übers. ins Frz. v. V. Charaire. L’Harmattan.

Kasten: Als erstes sozialistisches Land hat Ungarn in diesem Herbst ein Konkursgesetz beschlossen, durch das bankrotte Betriebe aufgelöst werden können. Es dürfen wieder Aktiengesellschaften geschaffen, Kredit- und Spezialbanken gegründet werden.