Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

PRT-Peru

Warum wir der PUM beigetreten sind

Inprekorr Nr. 186, Oktober 1986 · S. 19-27 · 6.814 Wörter

Bolivien, Peru und Anden Mexiko Trotzki und Geschichte China

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beigetreten sind Inprecor: Auf ihrem letzten Kongreß hat die PRT den Resolutionsvorschlag der Mehrheit des ausgehenden Zentralkomitees angenommen und den Eintritt der PRT in die Partido des Unidad Mariateguista (PUM) beschlossen. Für Euch und für die IV. Internationale ist dies ein sehr weitreichender Schritt. Um das möglichst gut zu verstehen, bitten wir Dich, uns die Ursprünge der PUM zu erklären. Jorge Lucar: Die PUM ist das Ergebniseines umfassenden Reifeprozesses in der revolutionären Linken Perus, der vor etwa 15 Jahren begonnen hat und der mehrere Elemente umfaßt. Da ist zum einen der Teil der revolutionären Linken, der eine kritische Bilanz der Guerillaerfahrungen des (peruanischen) MIR vollzogen hat: er orientierte sich an den „Focus-Theorien" und scheiterte Mitte der 60er Jahre völlig. Zum zweiten sind zwei gesellschaftliche Bewegungen entstanden: einmal in den Gewerkschaften — dort hervorgebracht durch das Aufkommen eines jungen Proletariats, das sich im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel jener Zeit (Importsubstituionen usw.) herausbildete; dann die riesige und sehr radikalisierte Studentenbewegung. Das Zusammentreffen dieser beiden Elemente führt zu dem, was in Peru „clasismo" (die Orientierung an den Klasseninteressen) genannt wird. Dessen erster Ausdruck war das „klassenkämpferische Gewerkschaftertum", eine oppositionelle Strömung, die sich sowohl gegen die Alianza Popular Revolucionaria Americana (APRA) als auch gegen die PCP (moskauorientierte KP) richtete. Letztere gewährte der Militärdiktatur, die 1968 errichtet wurde, erste bedingungslose, dann _kritische" Unterstützung. Aus den Gewerkschaften heraus breitete sich die Bewegung auf alle Sektoren der Bevölkerung aus, und so wurde der „clasismo" zu einer sehr breiten Strömung, die sich verstand als eine Strömung zur Verteidigung der Klassenunabhängigkeit, für die Mobilisierung der Massen und für eine klare revolutionäre Perspektive. Der „clasismo" hatte dennoch zwei grundlegende Schwächen: in den Gewerkschaften trat er sehr radikal, aber sehr ultimatistisch auf, ohne andere politische Perspektive als die, Propaganda für die Revolution zu machen; andererseits fehlte der Strömung eine durchgehende Struktur. Innerhalb dieser gewerkschaftlichen Strömung arbeiteten fast alle Organisationen der revolutionären Linken: Maoisten, Trotzkisten, Castristen aber nicht einmal 10% waren in Parteien organisiert. Als die Militärregierung in die Krise geriet, begannen einige Versuche, Strukturen aufzubauen. Diese gingen aber daneben, weil sie statt einer politischen Organisation, die der PCP die Führung der Massenbewegung streitig machen würde, parallele Gewerkschaftsstrukturen dabei herauskamen, wodurch nicht nur spalterische Tendenzen in die Massenorganisationen hineingetragen wurden, sondern auch in die „clasismo"-Strömung selbst. Diese spaltete sich in den Flügel, der eine alternative politische Führung aufbauen wollte, und den Flügel, der den Kampf gegen die PCP für beendet hielt und parallele Gewerkschaftsstrukturen aufbauen wollte.

Die Zuspitzung der Krise der Diktatur trieb die Diskussion in ein neues Stadium. Einige forderten eine Politik, die sich in der Losung zusammentassen lalt: „Vom Widerstand zum konstruktiven Vorschlag" . Bislang war klar gewesen, daß der „clasismo" die Spitze einer gesellschaftlichen Oppositions- und Widerstandsbewegung darstellte. Jetzt aber gab es eine politische Krise im Land, und diese Einstellung reichte nicht mehr: ohne das Aufweisen politischer Alternativen gab es keine Lösung für die Probleme der Linken. Diese Debatten wurden anläßlich der Wahlen, die nach der Zersetzung der Diktatur wieder anberaumt wurden, konkreter. Deren Zerfall war selbst das Ergebnis großer Massenkämpfe, die gerade von der „klassen- Inprecor: Zwei Bündnisse traten dann zu den Wahlen an: die Unidad Democratica y Popular (UDP) und die Frente Obrero, Campesino, Estudiantil y Popular (FOCEP). J. Lucar: Ja, und dazu muß man noch berücksichtigen, daß die Organisation Patria Roja (Rotes Vaterland), die größte maoistische Organisation im Land, die in der Studentenbewegung sehr stark, aber in der Arbeiterbewegung nur schwach verankert war, die Teilnahme an den Wahlen ablehnte. Die UDP konnte sich damals auf die Mehrheit der Vorhut stützen; aufschlußreich ist auch, daf die größeren trotzkistischen Organisationen der UDP beitraten, obwohl in der FOCEP die Trotzkisten viel größeres Gewicht hatten, sowohl auf programmatischem Gebiet als auch wegen der Teilnahme Hugo Blancos. Die UDP drückte zugleich die Stärken und die Schwächen der gewerkschaftlichen Vorhut aus. Ihre Wahlkampagne bestritt sic hauptsächlich mit Angriffen auf die Regierung, ohne auch nur das politische Ziel der restlosen Beseitigung der Diktaturaufzustellen (die es immer noch gab, wenngleich sie sehr geschwächt war). Die FOCEP war viel schwächer, aber sie konzentrierte ihre Kampagne korrekt auf die Hauptlosung Nieder mit der Diktatur!" Dies erklärt, warum die FOCEP, obwohl sie innerhalb der Vorhut nur eine Minderheit darstellte, doppelt soviel Stimmen erhielt wie die UDP: sie hatte die Stimmung in der Bevölkerung weitaus besser getroffen.

Inprecor: Diese Erfahrungen hätten von der Alianza Revolucionaria de Izquierda (ARI) aufgearbeitet werden können.

J. Lucar: Unmittelbar nach den Wahlen kam eine erneute Debatte über die Vereinigung von FOCEP und UDP in Gang. Die Maoisten übten Selbstkritik wegen ihrer Nichtbeteiligung an den Wahlen und bauten ihre eigene Front auf, die UNIR.

en Ausgangspunkt der Diskussion bildet as Wahlereebnis: die Linke hatte fast 30 der Stimmen zur Verfassungsgebenden Versammlung erzielt, aber sie war in vier oder fünf Listen aufgespalten. Parallel dazu wurde die Diskussion über den Zusammenschluß der Revolutionäre fortgesetzt. In diesen Zusammenhang fiel die ARI. Sie stellte eine

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Antwort auf zwei Probleme dar: zum einen auf die Suche nach dem einheitlichen Auftreten der Linken bei den Wahlen; zum anderen auf die Suche nach dem weiteren Zusammenschluß der Revolutionäre. Die ARI scheiterte; wir haben diese Erfahrung damals bilanziert.' Fehler gab es auf allen Seiten, auch auf unserer. Wir hätten zumindest den völligen Zerfall der ARI durch einen Pakt zwischen der UDP und der PRT verhindern können; das haben wir aber versäumt. Diese Krise hat uns vom Prozeß des Zusammenschlusses isoliert, der dann zur Bildung der Izquierda da Unida (IU) führte. Inprecor: Begann damals die Entwicklung die zur „Mariateguistischen Einheit" führte? J. Lucar: Ja, das war zu dieser Zeit. Sie ging von der UDP aus und richtete sich an alle revolutionären Strömungen, die sich auf den „Mariateguismus" bezogen, nicht nurauf die sozialistischen Positionen Mariateguis, sondern auch auf diesen Ansatz als Methode, die Probleme der peruanischen Revolution zu lösen. Dieser gemeinsame Bezugspunkt war sehr wichtig, weil die ideologische Bandbreite der Gruppen, die sich an dem Projekt beteiligten, sehr groß war, von den Guevaristen, den Trotzki-Anhängern zu den Maoisten...

Inprecor: Kannst Du genauer erklären, welche Gruppen sich an diesem Projekt beteiligten? J. Lucar: Hauptsächlich sind es die Gruppen, die zuvor die UDP gebildet hatten und die diese 1977 gründeten, mit Ausnahme der trotzkistischen Gruppen, die nach den Wahlen die UDP verlassen und sich der FOCEP. später dem Einigungsprozeß angeschlossen hatten, der zur Gründung der PRT führte. Es gibt also jetzt drei große Organisationen: den MIR, von dem ich eingangs schon gesprochen habe, die Vanguardia Revolucionaria (VR), die ursprünglich einen großen Teil der Intelligenz organisierte und eine derart bedeutende Massenarbeit unter den Bauern geleistet hat, daß sie heute noch die politische Führung der revolutionären Bauernbewegung darstellt.

Inprecor: Wie kannst Du die V R ideologisch charakterisieren?

J. Lucar: Das ist nicht sehr leicht. Sie bezeichnet sich manchmal selbst im Scherz als die „Cholo-Comunistas" - Cholo, das ist eine sehr volkstümliche Bezeichnung für die Mestizen. Inihren programmatischen Dokumenten bezieht sie sich auf Marx, Lenin, Trotzki, Mao, Ho Chi Minh, Mariategui, Che, Gramsci, usw.

Die dritte Organisation ist die Partido Comunista Revolucionario (PCR), ursprünglich eine Abspaltung der VR aus den 70er Jahren. Die PCR wirft der VR vor, nicht orthodox maoistisch zu sein...

Um zum Bruch der ARI zurückzukommen: wir standen beim Vereinigungsprozeß außen vor, aber auch andere Gruppen, die sich in dieser Situation befanden. Die bekannteste ist das Moviemento Revolucionario Tupac Атати (MRTA), das zur Zeit Beziehungen zur Bewegung Pueblo in Marcha unterhält, 20 INPREKORR Nr. 186 eine außerparlamentarische Aktionsfront mit erheblichem Einfluß. Die MRTA zieht die Bilanz, daß der grundlegende Fehler der ARl ihr Eingreifen in den Wahlkampf war; daraus schließt sie, daß man sich von dem Feld der Wahlintervention abwenden und sich auf den bewaffneten Kampf orientieren müsse. Auch eine Teil des MIR hat eine ähnliche Bilanz vorgelegt, orientierte sich aber dann auf die Massenarbeit. Ein Teil der PCR hat rechte Schlußfolgerungen gezogen und orientiert sich auf ein Bündnis mit Barrantes, d.h. mit dem rechten Flügel der IU. Diejenigen, die am Projekt der „mariateguistischen Einheit" teilnehmen, sind also die Mehrheit der VR, etwa die Hälfte des MIR und die Mehrheit der PCR.

Inprecor: Ich möchte auf etwas zurückkommen, was Du vorhm gesagt bast und was mi wichtig erscheint. Wenn ich es recht verstanden habe, bedeutet die Bezugnahme auf den „Mariateguismus" nicht nur eine Bezugnahme auf das Werk Mariateguis, sondern sie ist vor allem Ausdruck des Willens, nach nationalen Wurzeln für die Partei und die kommunistische Strategie zu suchen?

J. Lucar: Es geht darum, eine politische Linie nicht auf der Wiederholung fertiger Schemața von Revolutionen in anderen Ländern aufzubauen — ein Fehler, den wir alle mal gemacht haben —, sonderneine marxistische Analyse der peruanischen Wirklichkeit zu leisten, aus der eine politische Strategie hervorgeht. Der Rückbezug auf Mariategui bedeutet vor allem das — denn dies war das Hauptmotiv in seinem ganzen Leben als peruanischer Kommunist.

Inprecor: Kommen wir zum Prozeß der, mariateguistischen Einheit" ....

J. Lugar: Das war ein sehr langer Prozeß. Es begann mit dem Versuch, eine Programmdiskussion in Gang zu bringen, und nach dem Abschluß einer Übereinkunft auf diesem Gebiet mit einer gemeinsamen Praxis zu beginnen. Wir kamen zu dem Schluß, daß ein solche Vorgehen nirgendwohin führt. Nach eineinhalb Jahren Diskussionen solcher Art begann die Phase gemeinsamer Arbeit und einer parallel laufenden Diskussion. Dieser Weg führte zur Vereinigung und zur Gründung der PUM im Oktober 1984.

Das Wichtige daran ist, daß die PUM kein zufälliges, erzwungenes oder willkürliches Produkt einiger politischer Führer ist: sie ist das Ergebnis eines breiten Prozesses der Suche nach einer revolutionären Partei, geleitet von der Vorstellung, daß diese das Ergebnis des Zusammenschlusses von Revolutionären sein muß, bei dem keine Strömung von sich sagen darf, daß sie die wichtigste ist. Esistein Zusammenschluß von revolutionären Marxisten, auf der Grundlage nicht eines gemeinsamen abstrakten ideologischen Bezugspunktes, sondern konkreter programmatischer, strategischer und — was meines Erachtens noch wichtiger ist - methodischer Schlußfolgerungen hinsichtlich es Aufbaus der Partei. Allerdings ist dieser Prozeß noch nicht abgeschlossen, noch kann man nicht sagen: das ist die Partei, die die peruanische Revolution führen wird. Aber dies ist tatsächlich die fortgeschrittenste Erfahrung. die es in Peru diesbezüglich gibt und ich glaube, dies ist der Rahmen, in dem der Kampf und die Arbeit für den Aufbau einer revolutionären Führung geführt werden muß.

Inprecor: Seit der Gründung der PUM sind fast eineinhalb Jahre vergangen. Welche Bilanz ziehst Du aus dieser Zeit? J. Lucar: Es sind eine Reihe politischer Dokumente erstellt worden, die unter dem Gesichtspunkt der Erarbeitung einer systematischen revolutionären Strategie im Zusammenhang mit den Kampferfahrungen der vergangenen Jahre das Fortgeschrittenste sind, was es in Peru seit der Zeit Mariateguis gibt. Was die politische Praxis anbelangt, mangelt es nicht an Widersprüchen. Man muß berücksichtigen, daß die PUM eine Partei von 4- 5000 Mitgliedern ist, die erst wenige Monate alt ist und von Anbeginn ihrer Gründung eine große Verantwortung für die Führung von Massenorganisationen und politische Aktivitäten im allgemeinen auf allen Gebieten trägt, im Parlament, in den Gemeinderäten, in den Gewerkschaften usw. Die Parteiorganisatin steht noch auf schwachen Füßen. Für die Kader ist es schwer, die Arbeit in Gremien, die Arbeit unter den Massen und den Aufbau der Partei unter einen Hut zu bringen. Wir befinden uns in einer Phase des Übergangs undes ist klar, daß die schwierigsten Kämpfe der PUM noch bevorstehen.

Inprecor: Wie hat sich die Gründung und die Aktivität der PUM auf die Izquierda Unida (IU) ausgewirkt, und welche Orientierung verfolgt die PUM in der IU?

J. Lucar: Zur Zeit läuft innerhalb der IU ein Streit zwischen zwei großen Strömungen. Die eine wird von Barrantes geführt, dem Vorsitzenden der IU und frühren Vorsitzender der UDP (er brach genau in dem Augenblick mit der UDP, als diese beschloß, Hugo Blanco als Kandidaten zu den Präsidentschaftswahlen von 1980 zu nominieren). Das politische Projekt dieser Strömung respektiert den Rahmen der parlamentarischen Demokratie. Diese Strömung hat im nationalen Exekutivkomitee der IU, das sich aus 10 Leuten zusammensetzt, und zwar unabhängig von der Stärke der einzelnen Strömungen innerhalb der IU, die Mehrheit. Zu dieser Strömung gehören noch die Partido Socialista Revolucionario (PSR — eine Gruppe, die sich einmal auf Velasco berufen hat), die PCP und weitere kleinere Gruppen. Auf der anderen Seite gibt es eine klare revolutionäre Strömung, deren Bestandteil UNIR und die PUM sind Die sektiererische und mit Ausschließlichkeitsanspruch behaftete Politik von Patria Roja und UNIR ist ein Hindernis für den Kampf gegen die reformistische Strömungin der IU. Diese beiden Organisationen sind zu jedem Bündnis und jedem Manöver fähig, und sei es auch mit der APRA, wenn sie denken, es nützte ihren Parteiinteressen. Unter diesen Bedingungen ist die PUM zum bedeutendsten Bezugspunkt der Opposition der Linken in der IU geworden. Überdies ist

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Streifzüge

ISP- Verlagsinformation für Leser und Händler Nr. 1. Herbst 1986 Lateinamerika

MARIATEGUI: Revolution und peruanische Wirklichkeit . DUNKERLEY: El Salvador. Der lange Krieg - WHEELOCK: Nicaragua. Die sandinistische Landreform.

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REZENSION

Revolution und peruanische Wirklichlichkeit — José Carlos Mariátegui, ausgewählte politische Schriften, herausgegeben und eingeleitet von Eleonore von Oertzen, isp-Verlag, Frankfurt 1986, 176 Seiten plus 8 Fotoseiten, DM 22,- Wer kennt den Namen José Carlos Mariategui? Die Provinzialität der bundesdeutschen politischen Diskussion hat den 1930 im Alter von 35 Jahren verstorbenen peruanischen Marxisten zum Geheimtip werden lassen. Nur ein paar seiner Schriften waren bisher ins Deutsche übersetzt, und nur wenige Aufsätze sind über ihn erschienen (davon die meisten in der DDR). Mit dem von Eleonore von Oertzen herausgegebenen Buch ist mit mehr als einem halben Jahrhundert Verspätung ein entscheidender Schritt zur Entdeckung dieses in der Geschichte der lateinamerikanischen politischen Literatur einmaligen Werkes gelungen. Mariáteguis Leistung besteht darin, daß er die Abhängigkeit Perus beschreibt, zugleich aber die eigenständigen Entwicklungsansätze und kulturel- Ien Eigenheiten des Landes herausarbeitet. In einer Vorwegnahme dessen, was A. G. Frank später „Lumpenbourgeoisie" nannte, zeigte Mariátegui, daß die nationale Bourgeoisie dort, wo sie Fortschritte hätte bringen können, gescheitert ist. Statt die Produktion zuerhöhen, war sie auf Rente aus. Zur Überwindung von Armut und Abhängigkeit bleibt nur die sozialistische Revolution der Indios und des städtischen Proletariats. Die kollektiven Lebens- und Produktionsformen der indianischen Mehrheit sind für Mariátegui ein Ansatz, das Land zu entwickeln, ohne in der Sackgasse kapitalistisch-abhängiger Entwicklung steckenzubleiben. Zugleich waren sie cine Alternative zu dem dogmatischen Entwicklungsmodell, gemäß dem der Sozialismus erst auf den entfalteten Kapitalismus folgen kann.

Obwohl Mariáteguis Beschreibung der Abhängigkeit Perus von den entwickelten Ländern ein zentrales Theorem der Depedenztheorie vorwegnimmt, lesen sich viele Passagen seines Werkes wie Belege der Dualismusthese (d.h. der These vom Nebeneinander feudaler und kapitalistischer Ökonomien), die die Dependenztheorie kritisierte. Die Aktualität Mariáteguis besteht darin, ein Argument der Kritik an der Dependenztheorie vorweggenommen zu haben, daß der Kapitalismus auf seinem Siegeszug durch die Welt nicht allelokalen Milieus aufsaugen kann und daß diesen Entwicklungsmöglichkeiten und starke Resistenzen innewohnen. Fernando Mires nennt Mariátegui in „Lateinamerika-Analysen und Berichte 3" (Berlin 1979) einen Mann, „der mit seinem eigenen Kopf dachte und die Re- Internationtr issenlicher hungres Kultur und Politik bei José Carlos Mariálegui und Antonio Gramsci 2.-5.10.1986 Hamburg volution aus der lateinamerikanischen gibt im Wechsel von biographischen Perspektive... betrachtete". Dieser Per- • und historischen Passagen einen Überspektive wegen schätzen ihn die Theolo- blick über Mariáteguis Gesamtwerk gen der Befreiung. Sie strafen diejenigen und dessen Kontext. Mariáteguis Werke Lügen, die ihnen die Übernahme euro- sind in einer spanisch-sprachigen Auspäischer Theorie — der Marx'schen - gabe von 20 Bänden erschienen, die. wie zur Interpretation der lateinamerikani- Eleonore von Oertzen andeutet, ihrerschen Wirklichkeit vorwerfen. seits unvollständig und tendenziell ist. Eine Einleitung der Herausgeberin Abschnitte wie die über die Auseinandersetzung der Gruppe um Mariátegui mit der Dritten Internationalen und dem Rassenproblem in Lateinamerika machen aus von Oertzens Einleitung (49 Seiten) einen eigenständigen Beitrag zur REVOLUTION UND publik. Mariáteguirezeption in der Bundesre- PERUANISCHE WIRKLICHKEIT Mariátegui wird im Gespräch bleiben. JOSE CARLOS Ein weiterer, von Theologen besorgter Band mit dem „siete ensayos" wird im MARIATEGUI Oktober von der edition exodus (Freiburg/Schweiz) und dem Argumente- AUSGEWÄHLTEPOLITISCHESCHRIFIN Verlag (Berlin) herausgegeben. Vom 2. HERAUSGEGEBEN UND EINGELEITIT bis 5. Oktober soll in Hamburgein Kon- VON ELEONORE VONOERTZEN greß über Mariátegui Gramsci isp-Verlag stattfinden (Kontakt: Uli Schreiber, Flemingstr. 1, 2000 Hamburg 60). Mariátegui war Journalist; in seinen Schriften stehen gründliche Analysen und für den Tag Geschriebenes nebeneinander und bedürfen jeweils der Bewertung. Seine Begrifflichkeit wirkt am Stand der heutigen Diskussion gemessen mitunter roh und muß eigens erklärt werden. Mariá- Inhalt tegui war so sehr Intellektueller im Dienste des Proletariats, daß man von Einleitung .. 9 seinem Werk nicht reden kann, ohne von Revolution zu reden; man darf dies in Abriß der wirtschaftlichen der Auseinandersetzung mit Mariáte- Entwicklung .. 53 gui, ohne sich dem wohlfeilen Vorwurf Das Bodenproblem 70 auszusetzen, man befasse sich mit einer Sache von gestern.

Das Problem der Rassen Dieter Maier in Lateinamerika 113 Zuerst erschienen im EPD, September 1986 Antiimperialistischer

Gesichtspunkt 155 Nationales und Exotisches 162 Das Umschlaşbild ist ein Ausschnitt eines Gemäldes con Diego Rivera, entnommen aus dem Bildband , Emesto Das Hauptproblem Perus 166 Cardenal / Diego Rivera. NICARAGUA. 9 Blätter, DIN A2, Vielfarbdruck, ISP-Verlag, Frankfurt 1931.

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Auszugaus.,Revolutionund peruanische Wirklichkeit Antiimperialistischer

Gesichtspunkt' 1. Bis zu welchem Punkt gleicht die Situation der lateinamerikanischen Republiken der der halbkolonialen Länder? Die ökonomische Lage dieser Republiken ist zweifellos halbkolonial; und in dem Maße, wie ihr Kapitalismus und damit auch die imperialistische Durchdringung wachsen, muß dieser Charakter ihrer Ökonomie sich noch verschärfen. Aber die nationalen Bourgeoisien, die in der Zusammenarbeit mit dem Imperialismus die beste Gewinnquelle sehen, fühlen sich in der politischen Herrschaft sicher genug, um sich nicht ernsthaft um die nationale Souveränität bekümmern zu müssen. In Südamerika, das, mit der Ausnahme Panamas, die militärische Besetzung durch die Yankees noch nicht kennt, sind die Bourgeoisien keineswegs geneigt, die Notwendigkeit des Kampfes um die zweite Unabhängigkeit einzusehen, wie die Propaganda der APRA: naiverweise annahm. Der Staat, oder vielmehr die herrschende Klasse, vermißt eine weitergehende und besser gesicherte nationale Autonomie überhaupt nicht. Die Revolution der Unabhängigkeit ist dafür relativ noch zu nah, ihre Mythen und Symbole sind im Bewußtsein des Bürgertums und Kleinbürgertums noch zu lebendig. Die Illusion der nationalen Souveränität behält so ihre wichtigsten Wirkungen. Es wäre ein schwerer Irrtum, anzunehmen, daß in dieser sozialen Schicht ein Gefühl des revolutionären Nationalismus um sich greifen köhnte, wie es unter anderen Bedingungen im antiimperialistischen Kampf der halbkolonialen Länder, die in den letzten Jahrzehnten in Asien vom Imperialismus unterworfen wurden, eine wichtige Rolle spielt In unserer Diskussion mit den Führern des Aprismus haben wir ihre Tendenz zurückgewiesen, für Lateinamerika die Gründung einer Kuo Min Tang zu fordern und dies als einen Weg zu betrachten, um europahörige Nachahmung zu vermeiden und die revolutionäre Aktion an die exakte Wahrnehmung unserer eigenen Wirklichkeit zu knüpfen. Dabei haben' wir vor über einem Jahr folgende These aufgestellt:

„Die Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie und sogar mit feudalen Elementen im antiimperialistischen Kampf Chinas hat ihre Ursachen in Umständen der Rasse und Zivilisation, die bei uns nicht existieren. Der adlige oder bürgerliche Chinese fühlt sich durch und durch als Chinese. Auf die Verachtung des Weißen gegenüber seiner hierarchisch gegliederten und altersschwachen Kultur ant- 1 Dieses Referat verfaßte J. C. Mariátegui für die Konferenz der lateinamerikanischen kommunistischen Parteien in Buenos Aires. Es wurde am 4. Juni 1929 von Julio Portocarrero vorgetragen.

2 APRA, _Alianza Popular Revolucionaria Americana" (Revolutionäre amerikanische Volksallianz), zunächst eine breite Or. ganisation von Arbeitern, Bauern, Kleinbürgern und Intallek- José Carlos Mariàtegui, Lima 1928 wortet er mit der Verachtung und dem Stolz seiner tausendjährigen Tradition. Der Antiimperialismus kann sich daher in China auf das Nationalgefühl und den nationalen Faktor stützten. In Indoamerika sind die Bedingungen anders. Kreolische Aristokratie und Bourgeoisie fühlen sich nicht durch das Band einer gemeinsamen Geschichte und Kultur mit dem Volk verknüpft. Der weiße Aristokrat und der Bourgeois in Peru verachten das Volkstümliche, das Nationale. Sie fühlen tuellen, die 1928 von victor Rail Haya de la Torre in eine politische Partei umgewandelt wurde. 3 Großes nordamerikanisches Unternehmen, das in Peru Zuckerrohrplantagen, Textilfabriken, eine Schiffahrtslinie, ein Export-Importgeschäft und Anteile an mehreren Banken besaß. (Anm. d.Ü.)

4 Bauunternehmen in nordamerikanischem Besitz. (Anm. d.Ü.) sich vorallem weiß. Der mestizische Kleinbürger folgt diesem Beispiel. Die Bourgeoisie von Lima verbrüdert sich mit den Yankee-Kapitalisten und sogar noch mit deren einfachen Angestellten im Country Club, beim Tennis und auf der Straße. Der Yankee heiratet eine kreolische junge Dame, ohne sich von Rasse oder Religion hindern zu lassen. Und diese empfindet keinerlei nationales oder kulturelles Schamgefühl, wenn sie die Heirat mit einem Angehörigen der erobernden Rasse vorzieht. Auch ein Mädchen der Mittelklasse hat diese Skrupel nicht. Die Kleinbürgerin, die einen Angestellten der Grace' oder der Foundation erwischen kann, nimmt diese Chance mit der Befriedigung wahr, die das Gefühl des sozialen Aufstiegs vermittelt. Der Faktor des Nationalismus ist aus diesen objektiven Gründen, die sicherlich keinem von Euch entgangen sind, im antiimperialistischen Kampf in unseren Breiten weder entscheidend noch von grundsätzlicher Wichtigkeit. Nur in Ländern wie Argentinien, wo cine zahlreiche und wohlhabende , Bourgeoisic existiert, stolz auf den Reichtum und die Macht in ihrem Land, und wo von daher die nationale Persönlichkeit klarere und schärfere Umrisse hat als in unseren zurückgebliebenen Ländern, kann der Antiimperialismus (möglicherweise) leicht die bürgerlichen Elemente ergreifen; dann aber im Interesse der kapitalistischen Ausdehnung und des Wachstums und nicht aus Gründen sozialer Gerechtigkeit oder sozialistischer Überzeugung, wie in unserem Fall."

Der Verrat der chinesischen Bourgeoisie und der Zusammenbruch der Kuo Min Tang waren noch nicht in ihrem ganzen Ausmaß bekannt. Eine genauere Kenntnis der chinesischen Erfahrung sollte uns später zeigen, wie wenig man sich , sogar in einem Land wie China auf die nationalistische revolutionäre Gesinnung der Bourgeoisie verlassen konnte. Solange sich die imperialistische Politik mit den Gefühlen und der äußeren Erscheinung der nationalen Souveränität in unseren Ländern arrangiert, solange sie sich nicht gezwungen sieht, zur bewaffneten Intervention oder zur militärischen Be-

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Auszug aus „Revolution und peruanische Wirklichkeit" setzung zu greifen, kann sie völlig auf die Kollaboration der Bourgeoisien zählen. Obgleich von der imperialistischen Okonomie abhängig, betrachten sich unsere Länder, oder vielmehr ihre Bourgeoisien, als Herren ihres Geschicks, ebenso wie Rumänien, Bulgarien, Polen und die anderen „abhängigen" Länder Europas.

Dieser Faktor der politischen Psychologie darf bei einer genauen Einschätzung der Möglichkeiten antiimperialistischer Aktion in Lateinamerika nicht außer acht gelassen werden. Ein Charakteristikum der apristischen Theorien bestand jedoch gerade darin, ihn zu vernachlässigen oder zu vergessen. 2. Die grundsätzliche Meinungsverschiedenheit zwischen den Gruppen, die in Peru die APRA zunächst akzeptierten — als Plan einer Einheitsfront, niemals als Partei und noch nicht einmal als effektive, funktionierende Organisation -, und denen, die sie außerhalb Perus als lateinamerikanische Kuo Min Tang definierten, besteht darin, daß die ersten einer soziaökonomischen und revolutionären Auffassung von Antiimperialismus treu geblieben sind, während die zweiten ihre Position folgendermaßen erläutern: _Wir sind Linke (oder Sozialisten), weil wir Antiimperialisten sind." Hier wird der Antiimperialismus zur Kategorie cines Programms erhoben, einer politischen Haltung, einer Bewegung, die sich selbst genügt und die spontan, aufgrund einer Entwicklung, die wir nicht kennen, auf den Sozialismus und die soziale Revolution hinausläuft. Diese Auffassung führt zu einer ungeheuren Überschätzung der antiimperialistischen Bewegung, zum übertriebenen Mythos des Kampfes für die „zweite Unabhängigkeit", zu der romantischen Vorstellung, daß wir bereits eine neue Befreiung erleben. Daher kommt die Tendenz, die Ligen gegen den Imperialismus durch einen politischen Organismus ersetzen zu wollen. Von der APRA im ursprünglichen Sinne einer Einheitsfront, einer Volksallianz, eines Blocks der unterdrückten Klassen, kommt man so zur APRA, die als lateinamerikanische Kuo Min Tang definiert wird.

Der Antiimperialismus ist unserer Ansicht nach für sich allein weder ein Programm noch gie —fände die sozialistische eine Massenbewegung, die die Revolution in einem Kleinbür- Macht erobern könnte, und er gertum, das zunächst mit Hilfe kann das auch nicht sein. Selbst Ihrer Parolen die Macht an sich wenn man einräumte, daß er ne- reißt und sich dann fest darin ben den Massen der Arbeiter einrichtet. und Bauern die nationale Bour- Auch wenn wir auf keine antigeoisie und das Kleinbürgertum imperialistische Agitationsmobilisieren könnte (und diese möglichkeit verzichten wollen Möglichkeit haben wir bereits und auf kein Mittel, alle sozialen eindeutig zurückgewiesen), Sektoren zu mobilisieren, die irschafft der Antiimperialismus gendwann einmal an diesem nicht den Widerspruch zwi- Kampf teilnehmen könnten, ist schen den Klassen aus der Welt es doch unsere Aufgabe, den und kann ihre Interessengegen- Massen zu erklären und zu besätze nicht abschaffen. weisen, daß nur die sozialisti- Die Erstürmung der Macht durch den Antiimperialismus als demagogische populistische Bewegung würde, selbst wenn sie möglich wäre, niemals die Eroberung der Macht durch die proletarischen Massen, durch den Sozialismus bedeuten.

Weder die Bourgeoisie noch das sche Revolution dem Vordrin- Kleinbürgertum können, ein- gen des Imperialismus wirklich mal an der Macht, eine antiim- und nachhaltig Einhalt gebieten perialistische Politik machen. kann. Wir haben die mexikanische Erfahrung, wo das Kleinbürger- 3. Durch diese Umstände untertum am Ende mit dem Yankee- scheidet sich die Situation der Imperialismus paktiert hat. Ei- südamerikanischen von der der ne „nationalistische" Regierung zentralamerikanischen Länder, kann in ihren Beziehungen zu wo der nordamerikanische Imden Vereinigten Staateneinean- perialismus hemmungslos zur dere Sprache benutzen als die bewaffneten Intervention greift Regierung Leguia in Peru. Diese und damit eine patriotische Re- Regierung ist offen und unge- aktion provoziert, die ohne wei. niert pan-amerikanisch und An- teres einen Teil der Bourgeoisie hängerin der Monroe-Doktrin. und des Kleinbürgertums für Aber irgendeine andere bürger- den Antiimperialismus gewinliche Regierung würde prak- nen kann. Die apristische Protisch genauso handeln, wenn es paganda, angeführt von Hava de um Anleihen und Konzessionen a Torre persönlich, scheint in keinem anderen Teil Amerikas geht. Die Investitionen des aus- bessere Erfolge erzielt zu haben. ändischen Kapitals in Peru wachsen im engen und direkten Verhältnis zur wirtschaftlichen Ihre verwirrenden und messia- Entwicklung des Landes, zur nischen Glaubenssätze nehmen Ausbeutung seiner natürlichen zwar in Anspruch, auf dem Ge- Reichtümer, zur Besiedlung sei- biet des ökonomischen Kamp nes Territoriums, zur Auswei- fes angesiedelt zu sein, aber in tung seines Straßennetzes. Was Wahrheit appellieren sie besonkönnte die demagogische Klein- ders an die rassischen und sentibourgeoisie der kapitalistisch n mentalen Empfindungen. Da- Durchdringung entgegenhal- mit erfüllen sie alle Bedingunten? Nichts als Worte. Nichts gen, um die intellektuelle Kleinals einen vorübergehenden na- bourgeoisie zu beeindrucken. tionalistischen Rausch. Die Er- Der Bildung von Klassenparteistürmung der Macht durch den en und mächtigen gewerk- Antiimperialismus als demago- schaftlichen Organisationen gische populistische Bewegung mit klarem Klassenbewußtsein würde, selbst wenn sie möglich scheint in jenen Ländern nicht wäre, niemals die Eroberung der die gleiche schnelle Entwick- Macht durch die proletarischen lung beschieden zu sein wie in Massen, durch den Sozialismus Südamerika. In unseren Länbedeuten. Ihren gefährlichsten dern ist der Klassenfaktor wich- Feind — gefährlich wegen seiner tiger und stärker entwickelt. Es Unklarheit und seiner Demago- gibt keinen Grund, auf vage po pulistische Formeln zurückzugreifen, die nur dazu dienen, reaktionären Tendenzen Vorschub zu leisten. Zur Zeit ist die apristische Propaganda auf Zentralamerika beschränkt; in Südamerika befindet sich der Aprismus infolge der populistischen, personenbezogenen, kleinbürgerlichen Abweichung, die ihn zur lateinamerikanischen Kuo Min Tang erklärt, in völliger Auflösung. Die Entscheidungen des nächsten antiimperialistischen Kongresses in Paris, der über die Vereinheitlichung der antiimperialistischen Organisationen beschließen sowie den Unterschied zwischen antiimperialistischer Plattform und Propaganda und den Aufgaben der Klassenparteien und Gewerkschaftsorganisationenfest legen muß, werden dieser Frage schließlich ein Ende setzen. 4. Müssen die Interessen des imperialistischen Kapitalismus in •unseren Ländern notwendigerund unaufhaltsamerweise mit den feudalen und semifeudalen Interessen der Großgrundbesitzerklasse übereinstimmen? Ist der Kampf gegen die Feudalität gezwungenermaßen völlig identisch mit dem antiimperialistischen Kampf? Sicher, der impe rialistische Kapitalismus benutzt die Macht der feudalen Klasse, insofern er sie für die politisch dominante Klasse hält. Aber ihre ökonomischen Interessen sind nicht die gleichen. Die Kleinbourgeoisie, einschließlich ihrer ganz demagogischen Fraktionen, kann, wenn sie in der Praxis ihre extremsten nationalistischen Impulse etwas mildert, die gleiche enge Allianz mit dem imperialistischen Kapitalismus eingehen. Das Finanzkapital wird sich sicherer fühlen, wenn sich die Macht in den Händen einer sozialen Klasse befindet, die zahlreicher ist und obendrein die drängendsten Forderungen befriedigen und die klassenbewußte Orientierung der Massen verwirren kann. Eine solche Klasse ist besser als die alte und verhaßte Feudalklasse in der Lage, die Interessen des Kapitalismus zu verteidigen, sie zu schützen und ihnen die Wege zu ebnen. Die Schaffung von Kleineigentum, die Enteignung des Großgrundbesitzes, die Abschaffung der feudalen Privilegien sind den Interessen des Kapitalismus keineswegs unmittelbar entgegengesetzt. Im Gegenteil: insofern

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Auszug aus „Revolution und peruanische Wirklichkeit" die feudalen Überreste die Entfaltung einer kapitalistischen Ökonomie behindern, stimmt diese Tendenz zur Abschaffung der Feudalität mit den Notwendigkeiten des kapitalistischen Wachstums überein, das von imperialistischen Investitionen und Technikern vorangetrieben wird. Daß die großen Landgüter verschwinden, daß an ihrer Stelle eine Agrarökonomie entsteht, die sich auf das gründer, was die bürgerliche Demagogie „Demokratisierung" des Bodenbesitzes nennt, daß die alten Aristokratien durch eine Bourgeoisie und ein Kleinbürgertum ersetzt werden, die mächtiger und einflußreicher sind - und daher auch eher in der Lage, den sozialen Frieden zu garantieren —, nichts davonsteht den Interessen des Imperialismus entgegen. In Peru hat das Regime Leguia — bei aller praktischen Zurückhaltung gegenüber den Großgrundbesitzern, die zum größten Teil zu seinen Anhängern zählen - keine Scheu, zur Demagogie Zuflucht zu nehmen, die Feudalität und ihre Privilegien anzugreifen, die alten Oligarchien lautschallend zu verdammen und eine Bodenverteilung zu propagieren, die aus jedem Landarbeiter einen kleinen Besitzer machen soll. Aus dieser Demagogie zieht das Regime gerade seine größten Kräfte. Leguia wagt es nicht, dem großen Besitz zu nahe zutreten. Aber die natürliche Bewegung der kapitalistischen Entwicklung - Bewässerungsarbeiten, Ausbeutung neuer Minen etc. - wirkt den Interessen und Privilegien der Feudalität entgegen. In dem Maße, wie die bebaubaren Flächen zunehmen und neue Arbeitszentren entstehen, verlieren die Großgrundbesitzer ihre wichtigste Kraft: die völlige und bedingungslose Verfügung über die Arbeitskraft. In Lambayeque, wo gerade Bewässerungsarbeiten vorgenommen werden, ist die kapitalistische Aktivität der technischen Kommission, die diese Arbeiten unter der Leitung eines nordamerikanischen Experten, des Ingenieurs Sutton, ausführt, sehr schnell in Konflikt mit den Interessen der. feudalen Großgrundbesitzer geraten. Diese Grundbesitzer sind Zuckerproduzenten. Die Drohung, man könnte ihnen das Monopol über Boden und Wasser entziehen und damit die Möglichkeit, nach Belieben über die arbeitende Bevölkerung zu verfügen, bringt diese Leute völligaus der Fassung und veranlaßt sie zu einer Haltung. die die Regierung als subversiv und regimefeindlich bezeichnet. Und das, obwohl sie mit ten Vorurteile über „Anstand" vielen von ihnen eng verbunden der Proletarisierung widersetzt, ist. Sutton hat'alle Züge eines wo andererseits das geringe nordamerikanischen kapitali- Lohnniveau verhindert, daß das stischen Unternehmers. Seine Kleinbürgertum zum Teilinder Mentalität und seine Arbeit Arbeiterklasse aufgeht; wo die ›rallen mit der feudalen Einstel Postenjagd herrscht, wo jeder ung der Großgrundbesitzerzu auf eine kleine Stelle im Staatssammen. Sutton hat z.B. ein dienst spekuliert, hinter einem Verteilungssystem für Wasser Gehalt und einer ordentlieingeführt, das von dem Prinzip chen" Anstellung her ist, in dieausgeht, daß das Wasser Staats- sen Ländern wird der Aufbau eigentum sei. Die Grundbesit- großer Unternehmen von den zer hielten bisher das Verfü- Angehörigen der Mittelklasse gungsrecht über das Wasser für begruist und vorteilhaft beureinen Bestandteil ihres Rechtes teilt, weil diese Unternehmen — auf das Land. Ihrer Auffassung auch wenn sie ihre Angestellten nach gehört das Wasser ihnen, im Lande ungeheuer ausbeuten war und ist uneingeschränkt - für diese Klasse immer noch einen besser bezahlten Arbeitsplatz versprechen. Das nord. 5. Und ist die Kleinbourgeoisie, amerikanische Unternehmen deren Rolle im antiimperialisti- bedeutet höheres Gehalt, Aufschen Kampf so überschätzt stiegsmöglichkeiten und Befreiwird, wirklich aus Gründen der ung von der Postenjagd im ökonomischen Ausbeutung der Staatsdienst, wo nur die Spekuimperialistischen Durchdrin- lanten eine Zukunft haben. Diegung feindlich gesinnt, wie im- se Tatsache hat aber einen entmer behauptet wird? Das Klein- scheidenden Einfluß auf das Bebürgertum ist ohne Zweifel die wußtsein des Kleinbürgers, der soziale Klasse, die am stärksten einen Arbeitsplatz sucht oder vom Gewicht der nationalen innehat. In diesen armen Län- Mythen zu beeindrucken ist. dern spanischer Tradition, wie Aber das ökonomische Verhält- gesagt, ist die Situation der Mitnis, das diese Frage bestimmt, telklassen nicht dieselbe wie in ist das folgende: In den armen jenen Ländern, wo diese Klassen Ländern spanischer Tradition, von einem Stadium der freien wo sich das Kleinbürgertum Konkurrenz ausgegangen sind aufgrund seiner tiefverwurzel- und am Prozeß des kapitalistischen Wachstums teilgenommen haben, der persönliche Initiative und Erfolg fördert, bevor sie der Unterdrückung durch die Monopole erlagen. Wir fassen zusammen: Wir sind Antiimperialisten, weil wir Marxisten sind, weil wir Revolutionäre sind, weil wir dem Kapitalismus den Sozialismus als antagonistisches System entgegensetzen, das dazu berufen ist, ihn zu überwinden. und weil wir im Kampf gegen die ausländischen Imperialismen unsere solidarische Pflicht gegenüber den revolutionären Massen in Europa erfüllen.

Lima, 21. Mai 1929 Zusammenkunft der Bauern in Cuzco. Foto: Abraham Guillen, um 1935

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Michel Löwy te erst 1929 formulieren sollte und sein Buch erst 1930, nach Mariátegui und die peruanische Revolution José Carlos Mariátegui (1894- 1930) war nicht nur der erste große marxistische Dichter Lateinamerikas, sondern vielleicht auch der bedeutendste in der ganzen Geschichte des Kontinents. Ir war Mitbegründer der Kommunistischen Partei Perus. Nach seinem Tode wurdeer Gegenstand einer Diffamierungskampagne der Stalinisten in Moskau und in Peru. Eudocio Ravines, der wichtigste Führer der peruanischen KP in den drei- Biger Jahren (der dann nach 1942 zu einem Reaktionär und scharfen Antikommunisten wurde), machte aus dem Kampf gegen den ,Mariátegnismus' eine der wichtigsten Achsen seiner politischen Tätigkeit in der Partei. Natürlich wurde dieser Kampf vom stalinistischen Apparat der Komintern unterstützt oder inspiriert. Das Exckutivkomitee veröffentlichte 1935 (am Vorabend des VII. Kongresses) einen Bericht über die Sektionen, der im Hinblick auf Peru behauptete. ,daß die Stärke der Kommunistischen Partei Perus darin liege. die Ausbildung ihrer Kader in scharfem Kampf gegen die APRA und die Überreste des Mariátegiusmus zu gestalten." Gleichzeitig suchten in Moskau bestimmte sowjetische Spezialisten in lateinamerikanischen Fragennach den „Irrtümern' und .Abweichungen' Mariáteguis. Dies galt namentlich für V. M. Miroschewski, der in sowjetischen Veröffentlichungen der dreißiger Jahre gegen ihn schrieb. Sein Artikel über den ‚Populismus" Mariáteguis wurde 1942 in einer kubanischen Zeitschrift nachgedruckt underregte in Lateinamerika großes Aufschen. Der Ausgangspunkt der Kritik V. M. Miroschewskis lag in der Bestätigung der sakrosankten Etappentheorie des Stalinismus für die Revolution: „Die unmittelbare Aufgabe der Revolution in Peru besteht nicht im Kampf für die Organisierung der sozialistischen Gesellschaft, sondern im Kampf für den Sturz des imperialistischen Jochs"; oder in anderen Worten: Es handelt sich umeine „bürgerlich-demokratische, antifeudale und antiimperialistische Revolution". Der unverbesserliche Häretiker Mariátegui „glaube, daß es möglich sei, die peruanische Revolution direkt mit dem Kampf zur Schaffung einer sozialistischen Regierung zu beginnen. ...Um zu."' Für die einen ein ,Populist'. seine Behauptung des unmittel- für die andern ein „Stalinist" bar sozialistischen Charakters (d.h. Neomenschewik) - in dieder Revolution in Peru zu un- sem Dialog der Tauben vertermauern, ging er in seinen Ar- schwand natürlich jeder wirkligumenten von einem nationali- che Bezug zum Denken Mariástischen Romantizismus, einer teguis, zu seiner Originalität. Idealisierung des Gesellschafts- und seiner revolutionär-sozialiregimes der Inka und einer ,po- stischen Ausrichtung. pulistischen' Fetischisierung Nach dem XX. Kongreß erder bäuerlichen Gemeinschaf- laubte man in der UdSSR zwei ten aus" 2 In seiner Antwort auf ernsthaften Historikern (Semi- Miroschewski brachte ein wei- now und Schulgowski), Mariáterer Führer der KPP. Jorge del tegui zu ‚rehabilitieren' und bis Prado, eine neue stalinistische zu einem bestimmten Punkt die Vorgehensweise gegen Mariáte- Kohärenz seines Denkens wiegui ins Spiel, die später die domi- derherzustellen. Und in Peru nierende wurde, nämlich die sind sein Prestige und sein Ein- Vereinnahmung In einem in fluß heute so groß, daß keine derselben kommunistischen Strömung der Arbeiterbewe- Zeitschrift auf Kuba 1943 veröf- gung ihn abzulehnen wagt: Sta fentlichten Artikel vermeinte inisten und Antistalinisten. Jorge del Prado bei Mariátegui Kommunisten der pro-sowjetieine _exakte Anwendung des schen und der pro-chinesischen Leninismus-Stalinismus" (sic) Richtung. Internationalisten zu entdecken: er sah auch über- und Anhänger der ,nationalen raschende Ähnlichkeiten zwi- Linken', alle streiten sich um schen den Schriften Mariateguis sein Erbe. Wo liegt die Wahrund denen Stalins und ging so- heit? gar soweit, aus ihm einen An- Zuerst gilt es zu betonen, daf hänger der stalinistischen Etap Mariátegui nichts von einem pentheorie zu machen. ,Maria Stalinisten an sich hatte. War er tegui hat verstanden, daß die somit ,Trotzkist'? Mariategui Revolution aus verschiedenen kannte die Schriften Trotzkis Etappen besteht und man in Pe- (er hat 1927 eine davon - über ru man mit dem Kampf gegen Lenin - in seiner Zeitschrift die Überreste des Kolonialis- Amauta veröffentlicht); doches mus und die Kräfte des Imperia- wäre irrig und historisch falsch, lismus beginnen muß, die der zu denken, er hätte seine Konwirtschaftlichen Entwicklung zeption der peruanischen und und somit auch der politischen lateinamerikanischen Revolu- Entwicklung im Wege stehen. tion aus dieser Quelle ge- In dieser Etappe der bürgerlich- schöpft. Vor allem auch deswedemokratischen Revolution gen, weil Trotzki seine Theorie schrieb Mariátegui dem Proleta- der permanenten Revolutionals riat die entscheidende Rolle These von universeller Tragwei- Der Antiimperialismus ist unserer Ansicht nach für sich allein weder ein Programm noch eine Massenbewegung, die die Macht erobern könnte, und er kann es auch nicht sein. Selbst wenn man einräumt, daß er neben den Massen der Arbeiter und Bauern die nationale Bourgeoisie und das Kleinbürgertum mobilisieren könnte, schafft der Antiimperialismus nicht den Widerspruch zwischen den Klassen aus der Welt und kann ihre Interessensgegensätze nicht abschaffen. dem Tod von Mariátegui, veröffentlicht wurde. In Wirklichkeit kam der Begründer des peruanischen Kommunismus auf eigenem Wege, über eine eigenständige und originelle Reflexion zu Schlußfolgerungen, die denen des Gründers der sowjetischen Roten Armee ähnlich sind und sehr nahekommen. Als Stalin seine Doktrin der Revolution in Etappen und des Blocks der vier Klassen formulierte und sie auf China anwandte (anwenden ließ), — mit den bekannten Konsequenzen -• reagierte Mariátegui auf widersprüchliche Weise: Zum einen schien er um 1927/28 herum die Politik der Komintern in China zu akzeptieren, doch gleichzeitig beeilte er sich, ihr jegliche Gültigkeit für Lateinamerika abzusprechen: „Die Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie oder sogar mit feudalen Elementen, im antiimperialistischen Kampf Chinas hat ihre Ursachen in Umständen der Rasse und Zivilisation, die bei uns nicht existieren. Deradlige oder bürgerliche Chinese fühlt sich durch und durch als Chinese... In Indoamerika sind die Bedingungen anders. Aristokratie und Bourgeoisie sind ganz verschieden. Kreolische Artistokratie und Bourgeoisie fühlen sich nicht durch das Band einer gemeinsamen Geschichte und Kultur mit dem Volk verknüpft." Später, 1929, erkannte er seinen Irrtum im Hinblick auf China: „Der Verrat der chinesischen Bourgeoisie, der Abfall der Kuomintang... haben bewiesen, wie wenig man selbst in einem Land wie China auf die nationalistische und revolutionäre Gesinnung der Bourgeoisie verlassen konnte."* Jedenfalls war er von Anfang an davon überzeugt, daß die einheimische Bourgeoisie in Peru und Lateinamerika keine revolutionärdemokratische Rolle würde spielen können. So schrieb er beispielsweise 1927/28: „In Peru gibt es keine fortschrittliche Bourgeoisie und hat sie nie gegeben, die für die Nationempfänglich gewesen wäre... "s Daher wendet er sich aktiv den Arbeitern und Bauern als den treibenden Kräften der peruanischen Revolution zu.

Die Schriften Mariáteguis über die eingeborenen Bauern Perus und Indio-Amerikas haben ihm, wie gesehen, die Bezeichnung ,Populist eingetra gen. Es stimmt, daß er in mehreren Essays und Artikeln die ,he-

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retische Idee vorgetragen har, daß die Traditionen der (vorko- Michel Löwy ihrer Doktrin nach zur proleta rischen Revolution."' Aber die-