Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Mariategui und die peruanische Revolution

Inprekorr Nr. 186, Oktober 1986 · S. 27-39 · 13.093 Wörter

Bolivien, Peru und Anden Mittelamerika Trotzki und Geschichte

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Mariategui und die peruanische Revolution lumbianischen) Gemeinschaften der Eingeborenen Perus den Ausgangspunkt für eine sozialistische Umgestaltung des Landes darstellen könnten. Wäre solches ausreichend, um eine Theorie als ,populistisch einzustufen, wäre Marx selbst ein populistischer Denker gewesen! Denn er hat bekanntlich mehrmals (und besonders im Vorwort zur russischen Ausgabe des Kommunistischen Manifestes 1882) genau dieselbe Idee vertreten, und zwar im Hinblick auf die traditionelle bäuerliche Gemeinschaft (Mir) in Rufland... In Wirklichkeit können die Ideen Mariateguis keinesfalls mit dem Populismus in Einklang gebracht werden, und zwar zum einen, weil fürihn (wie für Trotzki) sich die eingeborenen Bauern nur unter der politischen Führung des sozialistischen Proletariates emanzipieren können: „In unserm noch halbfeudalen, spanischen Amerika, hat die Bourgeoisie die Aufgabe der Liquidierung des Feudalismus weder erfüllen gewollt noch gekonnt. ...Diese Anstrengung überließ sie dem Sozialismus. Die sozialistische Lehre ist die einzige, die der Sache der Eingeborenen einen modernen und konstruktiven Sinn zu geben vermag. Da sie gesellschaftlich und wirtschaftlichabgesichert ist, kann sie bei der Bewältigung dieser Aufgabe auf den Willen und die Disziplin einer Klasse zählen, die heute am Rand unserer historischen Entwicklung auftaucht, dem Proletariat" . Zum andern, weil für ihn die Rolle dieser Gemeinschaften der Eingeborenen „keineswegs eine romantische oder ahistorische Tendenz darstellt, den Inka-Sozialismus wiederzuerrichten oder wiederauferstehen zu lassen, da er inzwischen vollständig verschwundenen historischen Bedingungen entsprach. Als in einer völlig verwissenschaftlichen Produktionstechnik brauchbare Faktoren bleiben nur die Gewohnheiten der Kooperation und des Sozialismus der eingeborenen Bauern zurück." Der große Verdienst und die Originalität Mariáteguis liegen genau in der Neubewertung des immensen revolutionären Potentials der eingeborenen Bauernschaft, im Reichtum ihrer jahrtausende alten Kultur, in der Vitalität ihrer gemeinschaftlichen Traditionen. Doch dabei zeigte er immer mit rigorosem Realismus, daß die sozialistische Revolution die einzig authentische Lösung fürall die Leiden, das Elend und die Ausbeutung durch die Latifundistas ist. Jahrzehntelang haben die Stalinisten der KPP in Theorie und Praxis das größte Desinteresse für die enterbten eingeborenen Massen auf dem Lande gezeigt. Sie haben ihre Tätigkeit im wesentlichen auf den Bereich der Gewerkschaften, der Wirtschaft und der Parlamente und auf die Wahlkämpfe in den großen Städten gelegt. Es ist kein Zufall, wenn revolutionäre Marxisten wie Hugo Blanco, Mitglied der Vierten Internationale, der von der Kultur der eingeborenen Gemeinschaften stark angezogen wurde, zum Führer der größten Mobilisierung bäuerlicher Massen in der modernen Geschichte Perus aufrückten: der Besetzung von Ländereien im Tal Convencion durch Bauerngewerkschaften und -milizen 1961-63. Alslegitimer Erbe von Mariátegui auf dem Feld der politischen Aktion war Hugo Blanco eine konkrete geschichtliche Antwort auf die alten stalinistischen Beschimpfungen, die Trotzkisten würden die Bauernschaft vernachlässigen' ser Text kann man sowohl aus der Optik der Theorie der .permanenten Revolution' wie der der Etappentheorie lesen. Um entscheiden zu können, welche Welches war nun nach Maria- Interpretation die richtige ist. tegui das Wesen der peruani- gibt es offensichtlich nur eine schen Revolution ihren Aufga- Lösung: Man muß sämtliche ben und ihrem politischen und Schriften Mariáteguis aus dieser gesellschaftlichen Inhalt nach? Zeit anschauen. Und so unter- Die Stalinisten, Maoisten und streicht er beispielsweise im andere Nationalreformisten Editorial der Zeitschrift Amanversuchten bei ihrem Bemühen, ta Nr. 17 vom September 1928 Mariategui in den Rang eines explizit die radikale und un- Vertreters der ,nationaldemo- zweideutige Verbindung 2WIkratischen Etappe' zu erheben schen den demokratischen und (oder der ,volksdemokratischen' sozialistischen Aufgaben der la oder antifeudalistische und an- teinamerikanischen Revolution: imperialistischen" usw. Etap _Die lateinamerikanische Revopen), sich auf ein oder zwei Ab lution wird nichts mehr und schnitte seines Werkes zu stür- nichts weniger als eine Etappe. zen, die aus dem globalen Zu- eine Phase der Weltrevolution sammenhang seines Denkens sein. Sie wird ganz einfach eine herausgerissen wurden. Bei- sozialistische Revolution sein. spielsweise zitieren sie mit Ihr könnt je nach Fall zu diesem Nachdruck die folgenden Passa- Wort die nötigen Adjektive ,ange aus dem /'rogramm der Sozia- tiimperialistisch*, ,agrarisch'. listischen Partei. welches von ‚nationalrevolutionär' etc. hin- Mariátegui im Oktober 1928 re- zufügen. Der Sozialismus beindigiert worden war: Nur die haltet sie, steht über ihnen, umproletarische Revolution kann faßt sie alle. Dem kapitalistidie Aufgaben der bürgerlich-de- schen, plutokratischen, und immokratischen Revolution zu- perialistischen Nordamerika erst voranbringen und dann lö. kann man wirksam nur ein sosen, die die bürgerliche Herr- zialistisches Latein- und Iberoschaft unfähig ist zu entwickeln amerika gegenüberstellen. Die und zu vollenden... Nachdem Epoche der freien Konkurrenz sie die revolutionär-demokrati- im Kapitalismus wird in allen sche Etappe vollendet har, wird Bereichen und in jeder Hinsicht die Revolution ihren Zielen und beseitig. Wirsindindie Epoche der Monopole eingetreten, in die der Imperien. Die ersten Plätze sind inzwischen gänzlich verteilt. Die Bestimmung dieser Länder in der Ordnung des Kapitalismus ist die einfacher Kolonien."* Einige dieser Formulierungen kann man als übertrieben oder zu schematisch anschen: im letzten Satz wäre, Halbkolonien' (oder abhängige Länder) genauer als ‚einfache Kolonien'. Die Definition der Revolution als einfach sozialistischer' scheint das Gewicht der demokratischen Aufgaben (die imfolgenden Abschnitt aufgezählt sind) zu unterschätzen. Was man aber keineswegs machen kann, wenn man die Ausführungen nicht völlig verfälschen will, ist, den Autor dieser Zeilen als Vertreter der Etappentheorie hinzustellen!

Diese Ideen werden in anderer Form und unterschiedlicher Betonung in mehreren anderen Schriften von Mariátegui in diesen Jahren (1928-30) wieder aufgegriffen. Wir möchten nur die berühmteste, das Dokument ,Antiimperialistischer Stand-

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Trotzki sie genau während des | schewski geschrieben? punkt erwähnen, das Mariátegui auf der Konferenz lateinamerikanischer Kommunisten im Juni 1929 vorgelegt hat: _Weder die Bourgeoisie noch das Kleinbürgertum können, cinmal an der Macht, eine antiimperialistische Politik :machen... ist es doch unsere Aufgabe, den Massen zu erklären und zu beweisen, daß nur die sozialistische Revolution dem Vordringen des Imperialismus wirklich und nachhaltig Einhalt gebieten kann... Auch wenn wir auf keine antiimperialistische Agitationsmöglichkeiten verzichten wollen und auf kein Mittel alle sozialen Sektoren zu mobilisieren die irgendwann an diesem Kampf teilnehmen können."* Wiederum kann man der Meinung sein, daß diese Formulierung die antiimperialistischen Aspirationen des Kleinbürgertums (zumindest seiner radikalisierten Teile) unterschätzt, doch nichts wäre absurder, als ihren Urheber zu einem Theoretiker des Blocks der vier Klassen und des Bündnisses mit der nationalen Bourgeoisie gegen den Imperialismus zu machen ...

In anderen Worten: Die Idee der sozialistischen Dynamik der peruanischen und der lateinamerikanischen Revolution stehen im Mittelpunkt der politischen Reflexionen von José Carlos Mariátegui im Verlauf der Jahre 1928-30. Seine Konzeption aber mit jener systematischer ausgearbeiteten des Hinüberwachsens der demokratischen Revolution in die sozialistische und der Verbindung von nationalen, agrarischen und sozialistischen Aufgaben, wie Anmerkungen 1 Siche José Arico, Introduccion, Mariátegui los origines del marxismo latinoamericano, Cuadernos de Pasado y Presente, Siglo XXI, Mexico 1978, p. XXVII, XXV.

2 V.M. Miroshevski, _El,populismo' en el Peru. Papel de Manategui en la historia del pensamiento social latino-americano" Dialectica, La Habana, vol. i, No. 1, Mai-Juni 1942, in: Mariátegui y los origenes des marxismo- ....S.67-69.

3 Jorge del Prado, _Mariátegui, marxista-leninista, fundator del Partido Communista Peruano" Dialectica, ano Il, vol. III, Juli: August 1943, in: Mariátegwiylos origenes del marxismo..., S. 75, und in der Permanenten Revolution 1930 veröffentlicht har, gleichzusetzen, wäre etwas an den Haaren herbeigezogen; aber die Ähnlichkeit in der grundsätzlichen politischen Ausrichtung und im Vorgehen der beiden steht außer Zweifel. Gegen diese Ausrichtung und Vorgehensweise richteten sich lange Zeit die übereinstimmen. den Kritiken der APR A und der Stalinisten. Sie beharren beide mit manchmal fast identischen Argumenten und der Unmöglichkeit einer sozialistischen Aufgabenstellung in der gegenwärtigen Etappe der Revolution'. Als Beispiele unter vielen seien hier zwei Zitate angeführt: • „Die Theorie, derzufolge die Revolution in Peru (und in andern lateinamerikanischen Ländern) direkt mit der Lösung sozialistischer Aufgaben beginnen muß, wurde von Mariátegui nicht erfunden: Im Anfangszustand der Entwicklung der kommunistischen Parteien in Lateinamerika war sie unter ihnen weit verbreitet."

• „In seinem letzten Buch schrieb Mariátegui, daß ,Marx entdeckt und gelehrt habe, daß man die Notwendigkeit der kapitalistischen Etappe und vor allem ihren Wert' begreifen müsse (S. 43). Wenn dies stimmt, wie kann man dann in einem Land, das noch nicht einmal den Feudalismus überwunden hat, in den Sozialismus springen.2*10 Welcher dieser Sätze wurde von dem APRA: Vertreter Carlos Manuel Cox und welcher vom Stalinisten V. M. Miro- 4 J. C. Mariátegui, _ Punto de vista anti-imperialista", Juni 1929, in: Obra Politica, Ed. Era, Mexico 1979, S. 273-74. (Auf deutsch in: Revolution und perwanische Wirklichkeit, isp-Verlag, Frankfurt 1986, S. 156 und 157.) 5 Mariátegui, Siete ensayos de interpretacion de la realidad ретиana, 1928, Ed. Universitaria, Santiago de Chile, 1955, S. 29. 6 Mariátegui, _Prefacio a ,El amauta Atusparia**, 1930, Obra Politica, S. 231, Mariátegui, _Principios programaticos de Partido socialista". ; Obra Poli tica, S. 270-71.

7 Entfällt.

8 Mariátegui, Anniversario y Balance*, 1928, Obra Politica, S. 266-67.

9 Mariátegui, _Punto de vista an ti-imperialista", *, Juni 1929. Französisch in: Michael Löwy Le marxisme en Amérique latine; anthologie, Ed. Maspero, 1980, S. 113-114. Deutsch in: Revolu- Konferenz der Kommunistischen Parteien Lateinamerikas 1929 der Vorwurf des ,Trotzkismus" gegen Mariátegui erhoben wurde. Natürlich handelte es sich dabei um eine Ungenauigkeit, der jedoch ein , wahrer Kern' innewohnte: Die Thesen von Mariátegui über die lateinamerikanische Revolution standen denen der kommunistischen Linksopposition weit näher als denen der stalinistischen Führung der Komintern." Später haben einige stalinistische Autoren in der Etappe der ,Einvernahme' Mariáteguis ihn als ‚Antitrotzkisten' hinzustellen versucht, wobei sie seine Polemik gegen den Trotzkisten Max Eastman in seinem Buch Verteidigung des Marxismus zum Vorwand nahmen. Doch hatte nicht nur Max Eastman wenig mit dem Trotzkismus zu tun, sondern Mariátegui bezieht sich in diesem Buch explizit auf Trotzki als einem berühmten Beispiel neben Marx, Lenin und Rosa Luxemburg, der Einheit von Denken und Tat bei einem Menschen."

Als überzeugter Internationalist hatte Mariátegui die Diskussionen in der KPdSU intensiv verfolgt. Ohne daß er für die eine oder andere Tendenz direkt Stellung bezog, verbarg er seine Sympathien für Troztki nicht. Obwohl er den Sieg Stalins als eine unvermeidliche Etappe der russischen Revolu-. tion und als Ergebnis eines vorläufigen nationalen Rückzuges betrachtete, begrüßte er in Trotzki den Führer, der „die - internationale Sensibilität der tion und perwanische Wirklichkeit, isp-Verlag, Frankfurt 1986, S. 158.

10 Cox ist der Autor des zweiten und Miroschewski des ersten Zitats. Vgl. Mariátegui y los origenes...

11 Vgl. dazu die interessanten Bemerkungen von Ruben Jiminez Ricardez in seiner Einführung in die mexikanische Ausgabe der politischen Schriften von Mariátegui: _Mariátegui hat in seiner Polemik mit der Komintern die wichtigsten Argumente benützt, die er bereits gegen die APRA verwendet hatte. Das von der Kommunistischen Internationalen den Revolutionären Lateinamerikas vorgeschlagene Programm glich, wie ein Tropfen Wasser dem ander, dem von Haya und seinen Anhängern vertretenen Programm. [Mariátegui) hatte die Unfähigkeit der lateinamerikanischen Bourgeoisie zur Kenntnis genommen, die Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revosozialistischen Revolution darstelle. Seine bekannten Schriften über die vorläufige Stabilisierung reihen ihn unter die klarsichtigsten und eindringlichsten Kritiker dieser Epoche ein. Doch die gleiche Sensibilität für die Internationalität der Revolution, die ihm auf Weltebene soviel Prestige verleihen, nehmen shm ım Augenblick in der Praxis der russischen Politik seine Kraft"." Ein Jahr später, im Februar 1929, als Stalin den Führer des Oktober aus der UdSSR verwies und ins Exil schickte, schrieb Mariátegui cinen Artikel, in dem jene warnende Formulierung auftaucht: Die russische Revolution verdankt ihren internationalen Wert, ihren Charakter als Vorläufger eines neuen Aufstieges der Zivilisation dem Denken, für das Trotzki und seine Genossen mit all ihrer Kraft und Kohärenz eintreten. Ohne eine wachsame Kritik, die das beste Zeichen für die Lebendigkeit der bolschewistischen Parteiist, läuft die sowjetische Regierung wahrscheinlich Gefahr, in einen formalen und mechanischen Bürokratismus zu verfallen."14 Mariátegui war weder, Trotzkist' noch ‚Antitrotzkist', sondern ein konsequenter revolutionärer Marxist. Sein Denken gehört all denen, die wie er für die sozialistische Revolution in Peru, in Lateinamerika und überall auf der Welt kämpfen. Aus Quatrième Internationale, Paris, 1981 lution zu lösen. Daher unterstützte er die These, daß einzig die Arbeiterklasse in der Lage sei, sie zu lösen und sie in diesem Prozeß den Kontinent sozialistisch machen würde. Von daher vertrat er die Linie der ununterbrochenen Revolution. In der Konferenz der Kommunistischen Parteien Lateinamerikas wurde Mariátegui unter unterm von Codovilla scharf kritisiert..., es scheint, daß man Mariátegui den Vorwurf des ‚Trotzkismus' machte". R. J. Ricardez, "Introduccion, in: Mariátegui, Obra Politica, S. 42. 12 Mariátegui, Defensa del Marxismo, 1930, Ed. Amauta, Lima 1964, S. 39-40.

13 Mariátegui, ,Trotsky y la oposicion communista", 25 Februar 1928, in: Obra Politica, S. 219, subrayado po nosotros.

14 Mariátegui, El exilio de Trotsky, Februar 1929, in: Obra Politica,. S. 219.

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REZENSION

James Dunkerley — Der lange Krieg. Diktatur und Revolution in El Salvador, isp-Verlag. Frankfurt 1986, 340 Seiten, DM 36, -- Das Buch des englischen Lateinamerikawissenschaftlers über El Salvador, das nun auf Deutsch vorliegt, ist das umfangreichste Werk, das es zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum gibt. Der Autor verbirgt nicht, daß er für die Seite der Volksrevolution Partei ergreift.

Ausführlich informiert er über die Entwicklungen vor dem gegenwärtigen Konflikt, ohne die die Gesellschaftskrise. der Aufschwung der Massenbewegung und das Anschwellen der revolutionären Organisationen 1978/79 und ihr bis heute anhaltender Rückhalt nicht zu verstehen sind. James Dunkerley geht unter anderem auf den Aufstand im Januar 1932, die Krisen von 1944 und 1948, die „Modernisierung" der fünfziger und sechziger Jahre ein. Zurecht betont er, daß die Industrieproduktion nie vorherrschend wurde, daß von einer „nationalen Transformation" auf dem Land, wo die Mehrheit der Bevölkerung mit einem ansteigenden Anteil von Landlosen lebt, nichts zu bemerken war, und daß die Macht der Agrarbourgeoisie, die zunehmend in Industrie- und Banksektor investierte, durch keine der „Reformen" von oben ernsthaft geschwächt, geschweige denn gebrochen wurde. (Erst in den letzten Jahren scheint es durch den Krieg und die massiven Einflußnahmen der USA zu einer Verschiebung zuungunsten der traditionellen Oligarchie gekommen zusein.) James Dunkerley gibt einen Abriß der Geschichte der Arbeiterbewegung und der Organisationen der revolutionären Linken, der in den siebziger Jahren entstandenen .politisch-militärischen Organisationen", wie sie sich selber nennen (also der Guerilla), und ihrer „Massenfronten", der „Volksorganisationen". Großes Gewicht legt er auf die Einbeziehung des regionalen Kontextes, der Entwicklungen in den Nachbarländern Guatemala, Honduras, Nicaragua; und in der Tat ist Mittelamerika ja stets sozial und politisch relativ homogen gewesen. (Auf diese Frage geht James Dunkerley ausführlich in einem neuen Buch ein, das demnächst bei Verso in London erscheinen wird.)

Natürlich stellt er ausführlich dar, wie die „revolutionäre Junta" vom 15. Oktober 1979 Zug um Zug repressiver wird, wie die gemäßigten Kräfte sehr rasch zugunsten der beiden radikalen Lager an Boden verlieren, und wieso es nach der Verhängung des Ausnahmezustands und dem Mord an Erzbischof Romero zur Militarisierung des Kampfes zwischen Revolution und Konterrevolution kommt. Die Ereignisse auf militàrischer und politischer Seite werden — dank eines umfangreichen Nachtrags zur zweiten englischen Ausgabe — bis Ende 1984 verfolgt, und zwar für beide Lager, das der Herrschenden und das des Volkes.

Zu knapp geht der Autor auf die Rolle ein, die ab Ende der sechziger Jahre eine neue Generation von Priestern, die jugendlichen Katecheten, ,Delegierten des Wortes", viele Jesuiten für die Bewußtseinsbildung und Organisierung von campesinos (armen Bauern) spielten, und die ab 1977 auch der Erzbischof Romero als „Fürsprecher der Armen" hatte. Aus mehr als einer Basisgemeinde sind Kader der FMLN hervorgegangen. Wichtig sind die Ausführungen zum Mord an der FPL-Kommandantin Ana Maria und zum Selbstmord des legendären FPL-Gründers Marcial im April 1983. James Dunkerley betont zurecht, daß viele Einzelheiten noch unklar sind, und daß die Erklärungen der FPL und der FMLN den Kriterien revolutionärer Moral nicht gerecht werden. Er übertreibt jedoch die Bedeutung der beiden von den FPL abgespaltenen Gruppierungen und ihrer Kritik. Zu unterstreichen ist jedoch das grundlegend richtige Herangehen: Integraler Bestandteil von Solidarität ist auch die solidarische Diskussion und - erforderlichenfalls —Kritik. Das Beispiel Grenada mit der Ermordung Bishops demonstrierte im übrigen die fatalen Konsequenzen, die ein falsches Verständnis von innerer Demokratie zeitigen kann. Übrigens scheint diese Kritik Dunkerleys der entscheidende Grund dafür zusein, daßsein Buch bisher nicht in spanischer Sprache erscheinen konnte.

Der lange Krieg ist ein gut lesbares und ein lesenswertes Buch, sowohl für die „Solibewegung" als auch für jede und jeden, die sich dafür interessierten, was in Mittelamerika vor sich geht. Mehrere Anhänge, ein sorgfältig bearbeiteter Anmerkungsapparat, Literaturverzeichnis, Chronologie, Personenregister sowie schließlich 17 Fotos erhöhen den Nutzen des Buchs.

Ennst Dronke

Leicht gekürzte Rezension.

WAS TUN Nr. 438, 25.9.1986 DER LANGE

KRIEG

Diktatur & Revolution in El Salvador JAMES DUNKERLEY isp-Verlag. Frankfurt/M. 1986 339 Seiten, DM 36,-.

Inhalt

Über den Autor

Landkarte von El Salvador

Widmung 8 Einleitung zur 1. Auflage 1982 9 1 Der Aufstieg der Oligarchie 15 2 Die Krise der dreißiger Jahre 24 3 Der Militarismus paßst sich an. 42 4 Die Modernisierung bleibt aus 56 5 _Repression mit Reformen" 84 6 Der Aufstieg der Linken 100 7 Das Modell in der Krise

Von Molina zu Romero 118 8 Die Auswirkungen von Nicaragua •• 135 9 Revolution und Reaktion 148 10 Der Bürgerkrieg .... 180 Schluß 226 Nachtrag 236 Anmerkungen 285 Bildteil 303 Anhang I:

Die Landoligarchie 311 Anhang II: Die Organisationen der Opposition 315 Anhang III: Abkürzungen von Parteien, Gewerkschaften und anderen Verbänden in El Salvador 317 Zeittafel .... 321 Literaturverzeichnis 329 Personenregister 335

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Auszug aus J. Dunkerley: Der lange Krieg, Kapitel6. Der AufstiegderLinken Die Ursachen für die Entstehung der heutigen linken und Guerillagruppen liegen in der schweren inneren Krise, mit der die PDC und die PCS Ende der sechziger Jahre konfrontiert waren. Keine der beiden Parteien war fähig, ihr Verhalten und ihre Politik vor der neuen Generation radikalisierter Jugendlicher, die ihre Reihen verstärkten, in überzeugender Weise zu rechtfertigen. Infolgedessen verloren beide eine erhebliche Zahl dieser aktiven Mitglieder, die sich von sehr verschiedenen Positionen, auf getrennten Wegen und mit unterschiedlichen Ergebnissen dem bewaffneten Kampf näherten. Die Krise in der PCS war am schwersten und für die Linke von der größten Bedeutung, weil sie sich an Hand einer Debatte überleninistische Strategie ausbreitete und ausdrückte, statt einfach in Enttäuschung und Voluntarismus.

Seit 1932 hatte die PCS formal immer an der Politik des bewaffneten Kampfesfestgehalten, als „der wahrscheinlich erfolgreichsten Methode zur Erlangung des Sieges" , wie es der Generalsekretär der Partei Shafik Jorge Handal 1980 ausdrückte. Aberselbst Handalsah sich gezwungen, zuzugeben, dal dies in der Praxis kaum der Fall war.' Die PCS versuchte zwischendurch (1961-63) in den Fußstapfen Kubas einen Guerillakampf, ohne Vorbereitung oder Berücksichtigung der logistischen [Nachschub betreffend] und sozialen Verschiedenheit El Salvadors. Die Folge war, daß er leicht vom Militär unterdrückt werden konnte und daß die Partei sich erneut entschlossen gegen den bewaffneten Kampf stellte. Noch 1980 behauptete Handal, daß die Popularität der UNO beiden Wahlen von 1972 die ausschließlich auf schen Bestrebungen und strukturellen Veränderungen ausdrückte, die von der großen Mehrheit des Volkes verlangt werden, diese Mehrheit hinter sich sammelte und eine Polarisierung der Wahlauseinandersetzung erzwang". Die Grundlage einer solchen Linie wird an anderer Stelle der Resolution unzweideutig ausgesprochen: „Der bürgerlich-demokratische Weg zur Lösung der politischen Krise muß heute ein untrennbarer Bestandteil wesentlicher sozio-ökonomischer Reformen sein."* Bezeichnenderweise erwähnte die populäre Version der vom Kongreß verabschiedeten Resolutionen das Jahr 1932 in nur zwei Zeilen; dort ist von „der Niederlage" die Rede.' Die PCS ließ sich erst ab dem Frühjahr 1980 endgültig auf den Guerillakrieg ein, nach drei Monaten eines politischen Fegefeuers, in dem sie sich als logische Konsequenz ihres Glaubens an den _bürgerlich-demokratischen Weg" im Bündnis mit den Militärs gegen die Linke befunden hatte. Die Hartnäckigkeit, mit der die PCS an ihren Positionen festhielt, zeigt sich in der Tatsache, daß es ein ganzes Jahrzehnt nach den anfänglichen Auseinandersetzungen in der Partei um die Frage des bewaffneten Kampfes soweit kommen mußte. Dies wiederum erklärt zum großen Teil die tiefe Abneigung, die ihr von Seiten der Linken entgegengebracht wird. Die Rebellion gegen den „bürgerlich-demokratischen Weg" erfolgte Anfang 1970 und damit vor der Gründung der UNO auf dem IV. Kongreß der PCS. Diese Revolte hatte eine Zeitlang unter der Oberfläche gebrodelt, entzündete sich aber schließlich an der Unterstützung der Partei für den Krieg gegen Honduras. In Übereinstimmung mit ihren Glauben, es Bezichungen zum Imperialismus und geringes Interesse für Fehden mit anderen Staaten auszeichne, versuchen, einen Konflikt zu vermeiden, der nur den Produktionsrhythmus auf dem campo unterbrechen würde. Die Opposition in der PCS argumentierte, daß der wesentliche Fehler in dieser Konzeption das Nichtvorhandensein irgendeiner „nationalen Bourgeoisie" sei, die von der PCS offensichtlich in der De-Sola- Fraktion der Oligarchie gesehen wurde. Nun wäre das vielleicht von rein akademischem Interesse gewesen, wären nicht gerade die De Solas gegen den Krieg gewesen und hätten ihn nicht gerade die reaktionärsten und verstocktesten Elemente der Agrarbourgeoisie unterstützt, nicht zuletzt, um mehr Land zu gewinnen und die offensichtlichen Gefahren der Überbevölkerung abzumildern. Nachdem sie sich auf ihre Linie versteift hatte, fand sich die PCS in der Situation wieder, sowohl die „falsche" Fraktion der Oligarchie als auch deren Lebensraum- Politik zu unterstützen; von den angeblichen nationalen Interessen gar nicht zu reden, für die salvadoreanische und hondurenische Bauern hingeschlachtet wurden. Studentische Aktivisten der PCS wurden von La Opinion Estudiantil (Die studentische Meinung) aufgefordert, „die Reihen um die Armee zu schließen und die nationale Souveränität zu verteidigen" Mitglieder der immer noch verbotenen Partei gingen gemeinsam mit der PDC in San Salvador Straßenpatrouillen, damit mehr Truppen an die Front gesant werden konnten. (Die hondurenische KP gab, ohne das dies ein Zufall gewesen wäre, der anderen Seite genau dieselbe Unterstützung und lobte den „echten Patriotismus der Streitkräfte", der Ausdruck des antiimperialistischen Kampfes sei.) Diese Politik der PCS im Krieg war der letzte Anstoß für eine Strömung in der PCS, die sich nicht nur gegen die bürgerlich-demokratische Linie, gegen die Vorstellung von der Wirksamkeit eines breiten Wahlbündnisses und einer Allianz mit einer reformerischen Strömung innerhalb der Militärs gewehrt hatte, sondern auch die Vorstellung ablehnte, daß durch die Verschmelzung beider eine Massenbewegung entstehen könnte, die nach einer kurzen Aufstandsperiode die Macht übernehmen würde. Sie erkannte, daß diese Linie im wesentlichen die von Moskau festgelegte Politik war; deshalb versuchte diese Gruppe, die Vorherrschaft der KPdSU in der PCS zu brechen, indem sie 1968 den Einmarsch in die Tschechoslowakei heftig verurteilte. Gleichzeitig studierte diese Opposition, die sich nicht vollständig nach dem Vorbild des Maoismus oder des Trotzkismus entwickelte -den beiden Strömungen, die aus der Auseinandersetzung mit dem Nachkriegsstalinismus ihre größte Stärke bezogen — die Erfahrung Vietnams und die Schriften von General Giap mit gro- Bem Interesse. Die grundlegende strategische Lehre, welche diese Strömung daraus zog daß nämlich der „Volkskrieg" lange währen würde und sichaus der Hinwendung zu den Massen entwickeln müßte - stand in völligem Gegensatz zu den Lehren der anderen Denkschule, die über den ländlichen Guerilla- Krieg nachdachte, dem foquism0.

Die grundlegende strategische Lehre, Wahlerfolge orientierte Strategäbe eine nationale Industriewelche diese Strömung daraus zog gie der PCS rechtfertigte. Wenn bourgeoisie, welche des Landolidaß nämlich der „Volkskrieg" lange der Parteiführer auch erklärte, garchie die Macht streitig mawähren würde und sich aus der daß diese Politik im Februar 1977 durch die des bewaffneten chen würde, bildete sich die Parteiführung ein, daß diese Frak- Hinwendung zu den Massen entwickeln Kampfes ersetzt worden sei, ertion den Feldzug gegen Hondumüßte, stand im völligen Gegensatz zum stellte der VII. Kongref der PCS im Mai 1979 doch eine Resolution, in der ihre Unterstützung für die UNO wiederholt wurde, da diese die demokratiras auf der Grundlage der Verteidigung der nationalen Unab. hängigkeit führen würde. Auf der anderen Seite würde die Oligarchie, da sie sich durch enge

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1965 wurde die US-Invasion in der Dominikanischen Republik mit einer Geschwindigkeit und Leichtigkeit bewerkstelligt, die eine beträchtliche Auswirkung auf die mittelamerikanische Linke hatte. Sie wurde von den kritischen Strömungen in der PCS als klares Zeichen dafür angesehen, daß der Imperialismus jeden Angriff gegen die Staatsmacht ohne Schwierigkeit vernichten kann, der nicht aus einem langandauernden Kampf und Guerilla-Krieg hervorgeht, bei dem die proimperialistischen Kräfte zunehmend gewächt und die Massenbewegung langsam gestärkt und bis zu dem Punkt radikalisiert würden daß sie einer umfassenden Offensive widerstehen könnte. Auf diese Weise wurden die Lehren aus Vietnam mit einer Zurückweisung sowohl des foquismo als auch der Orientierung der PCS auf einen Aufstand in weiter Ferne verbunden. Heraus kam eine maoistisch beeinflußte Strategie, die bekannt ist als guerra popolar prolongada [langandauernder Volkskrieg), der zehn oder fünfzehn Jahre dauern könnte, worauf die Kritiker der PCS warnend hinwiesen. Dies war eine Schätzung, die sich in der Tat als überraschend genau erwies.

Die endgültige Spaltung fand nach einem bitterem Fraktionskampf, der die Klagen der Opposition über den Mangel an demokratischem Zentralismusin der PCS erhärtete, im April 1970 statt. Die Partei verlor ihren Generalsekretär, den altgedienten Gewerkschaftsführer Salvador Cayetano Carpio (später als „Marcial" bekannt und mit vielsagender Schmeichelei als der „Ho Chi-Minh Lateinamerikas" bezeichnet), den Generalsekretär der FUSS, José Dimas Alas, sowie den Sekretär der Jugendorganisation, Ernesto Morales. Dies bedeutete einen schweren Schlag für ihre Arbeit im industriellen Bereich und zusätzlich den Verlust vieler studentischer Aktivisten. Die neue Gruppe arbeitete zwei Jahre lang ausschließlich im Geheimen, bevor sie im September 1972 nach dem Todeeiner Reihe von Mitgliedern im Kampf ihre Existenz bekanntgab. Die Gründung der Fuerzas Populares de Liberación — Farabundo Marti (FPL) [Volksstreitkräfte der Befreiung] war daher ein ziemlich verspäteter, aber nichtsdestoweniger wichtiger Wendepunkt in der Entwicklung der salvadoreanischen revolutionären Linken. Sie sollte die größte, am beständigsten radikale und einflußreichste Kraft der Linken im folgenden Jahrzehnt werden.

Von Anfang an stellte sich die FPL selbst gegen die Politik der PCS und sah sich als Organisation, „die dabei ist, den politischen Charakter einer Vorhutpartei mit marxistisch-leninistischer Grundeinstellung zu bekommen"? Sie erklärte das Scheitern des Aufbaues einer solchen Partei und die früheren Niederlagen der revolutionären Bewegung mit dem Fehlen einer eigenständigen marxistischen Analyse der salvadoreanischen Gesellschaft, den Folgen der „elitären und auf sofortigen Erfolg angelegten Konzeptionen kleinbürgerlichen Ursprungs" den subjektivistischen und militaristischen Abweichungen cines großen Teils der Linken, der dogmatischen Anwendung der Erfahrungen Kubas und einem auf „Populismus beruhenden" Glauben, daß ein rascher Sieg möglich wäre.* El Salvador wurde als abhängige kapitalistische Gesellschaft charakterisiert, welche beherrscht wird von der kreolischen Bourgeoisie, die mit der imperialistischen Bourgeoisie verbündet ist. Diese Bourgeoisie ist von der imperialistischen Bourgeoisie abhängig und ihr untergeordnet. Es handelt sich bei ihr NICHT um eine NATIONALE Bourgeoisie, denn sie ist nicht dazu in der Lage, unabhängig von der imperialistischen Bourgeoisie ein nationales Projekt voranzubringen. [Hervorhebung im Original; J. D.]° Die grundlegende Opposition gegen diese herrschende Klasse liege bei der Arbeiterklasse, sowohl der städtischen als auch der ländlichen, welche die Führung aller ausgebeuteten Klassen innehabe, einschließlich der reichen, mittleren und armen Bauern, des Kleinbürgertums und der Mittelklasse. Der Charakter der Revolution wurde als anti-oligarchisch und anti-imperialistisch bestimmt, wobei der Block der Ausgebeuteten unter Führung der Arbeiterklasse bestrebt wäre, eine „revolutionäre Volksregierung" auf der Grundlage der Zerstörung des bürgerlichen Staats zu etablieren. ' Diese Regierung wäre nicht völlig sozialistisch, sondern eine „revolutionäre Volks- Agustin Farabundo Marti (sitzend, rechts) mit César Sandino (stehend, dritter von links)

diktatur unter der Hegemonie der Arbeiterklasse"; sie würde radikale Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Massen ergreifen, die verbliebenen Überreste kapitalistischer Strukturen abbauen, für deren Ersetzung durch Organe der Volksmacht sorgen und die Voraussetzungen für einen „vollständig sozialistischen Aufbau" schaffen." Diese antioligarchische und anti-imperialistische Revolution könne daher nur anti-kapitalistisch und sozialistisch sein und nur von einer proletarischen Führung vollendet werden." Außerdem könne sie nur durch die Strategie des guerra popular prolongada erreicht werden, bei dem sich das Volk dem Kampf anschließt, seine Kräfte stärkt, an Spielraum gewinnt, die Kräfte des Gegners niederringt und allmählich das Kräfteverhältnis verändert, die politischen und organisatorischen Hilfsmittel schafft, welche für die endgültige Niederlage des Feindes nötig sind, wobei jedoch der bewaffnete Kampf der Massen das letzte Element bleibt." Die Einzelheiten dieser Positionen wurden in den folgenden Jahren sehr wichtig, aber bis 1976/77 blieben die Aktivitäten und das Programm der FPL auf kleine Kreise der Linken beschränkt. Eine hochdisziplinierte, auf Zellen aufgebaute Organisation schützte sie vor größeren Rückschlägen, aber sie wuchs nicht schnell und beschränkte ihre Operationen zunächst auf ausgewählte Bombenanschläge und dann zunehmend auf Hinrichtungen führender Rechter. Die-

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perialismus" und griffen die Opposition als „Arbeitertümler" an.' Bei ihrem Hintergrund und ihrer politischen Erziehung war eine solche Antwort vielleicht gar nicht mal so abweichlerisch, wie es zunächst scheint. Auf jeden Fall war das Ergebnis ein Föderalismus innerhalb der Organisation, wobei jede Strönung ihre eigene Zeitung und Volksorganisation gründete. Obwohl das einer bestimmten Interpretation von Maos Schrif ten nicht zuwiderlief, wurde es Ende 1974 durch die Wiederherstellung der direkten Kontrolle der Organisationsspitze bald wieder umgestoßen. Die Fühdie zu ihrer Auf- Auszug aus James Dunkerley

Der lange Krieg.

Nachtrag 1982-84:

Eine Einschätzung

In den drei Jahren seit der Erstveröffentlichung dieses Buches auf Englisch hat sich sein Titel leider als gültig erwiesen. In der gleichen Zeit haben Kritiken und der Lauf der Ereignisse selbst zum Nachdenken über Szene von der Brutalität der „Sicherheitskräfte" am 22. Januar 1980 se Taktik wurde im Sommer 1977 mit spektakulärem Erfolg angewandt, als die FPL innerhalb von wenigen Wochen Mauricio Borgonovo, den Außenminister, den ehemaligen Präsidenten Oberst Osmin Aguirre, die zwei obersten Militärbefehlshaber in Chalatenango und Dr. Carlos Alfaro Castillo, den Großgrundbesitzer, der zum Direktor der Universität ernannt worden war, hinrichtete. Diese Politik des ajusticiamento von Reaktionären wurde auch auf lokaler Ebene praktiziert. die FPL. zog sie Entführungen vor, obgleich sie auch auf diese Taktik nicht völlig verzichtete. Bei einer Gelegenheit entführte sie erfolgreich ein wichtiges Mitglied der mächtigen Familie Sol Meza.

Die Gründung und Entwicklung von El Salvadors anderer führender Guerilla-Gruppe, des Ejercito Revolucionario del Pueblo (ERP) [Revolutionäres Volksheer), war weit weniger tolgerichtig und war mit Problemen belastet, die ihr sehr schaden sollten. Das ERP wurde 1972 von radikalisierten Christdemokraten gegründet, die in Übereinstimmung mit der Wählerschaft der PDC zum ganz überwiegenden Teil aus der Mittelklasse, den Freiberuflern und dem Kleinbürgertum kamen. Diese Gruppe die keine Erfahrung mit Arbeit in der Massenbewegung hatte und nur eine weitgehend akademische Kenntnis des Marxismus besaß nahm, ohne zu zögern, Roque Dalton Garcia in ihre Reihen auf und entsandte ihn in die Führung. Er war der berühmteste Dichter, Essayist und Historiker des Landes und das wahrscheinlich berühmteste Mitglied der PCS gewesen. Daltons Mitgliedschaft im ERP bleibt immer noch ein Rätsel, denn eigentlich hätte er der FPL beitre- | ten sollen, mit deren Mitgliedern ihn eine gemeinsame Vergangenheit und, wie durchsickerte, auch gewisse Grundideen verbanden. Aber 1969/70 lebte Dalton auf Kuba und nicht in El Salvador, daher nicht an den Auseinandersetzungen in der PCS beteiligt und somit etwas von seinen ehemaligen Genossen entfernt.

Die ersten drei Jahre des ERP waren durch eine sprunghafte und lärmende Tätigkeit gemäß der reinen foquismo-Linie seiner ursprünglichen Führung geprägt, an deren Spitze Sebastián- Urquilla und Mario Vladimir Rogel standen. Langsam entwickelte sichunter Führung von Dalton ein alternativer Flügel, der den reinen Militärismus zugunsten einer „Massenlinie" ablehnte. Im Rückblick ist es schwierig, den genauen Verlauf der Diskussion zu erfassen, weil die Opposition später ihre Darstellung zur einzigen machen konnte und die Mitglieder der ursprünglichen Führung die Linie der früheren Jahre verleugnen. Es scheint aber dennoch klar, daß der Konflikt die Form einer Ablehnung der rein militärischen Orientierung der Führung, ihrer kleinbürgerlichen Zusammensetzung und Konzeption des Kampfes - der auf die erfolgreiche Ausführung einzelner Operationen (normalerweise Bombenanschläge) beschränkt wurde, ohne die politische Wirkung auf die Arbeiterklasse zu berücksichtigen — und ihrer unumschränkten Herrschaft über die Organisation annahm."

Als Reaktion auf diese Herausforderung vollzogen die foquistas eine abrupte Wende zum Maoismus, kritisierten die kubanische Revolution heftig, charakterisierten das System der Sowjetunion als „Sozialimrung.

standslinie zurückkehrte, blieb unfähig. sich aus der Sackgasse zu befreien, in die sie dadurch geraten war, daß Dalton jetzt einen beträchtlichen Sektor der ERP anführte. Dieser Sektor vertrat die Ansicht, daß der Weg nach vorn über eine eindeutige Zurückweisung des foco und eine offene Konzentration auf organisatorische Arbeit in den Massen um eine Strategie des "nationalen Widerstandes" herumführte, deren Orientierung grundsätzlich defensiv undantifaschistisch wäre.

Am 13. April 1975 wurde ein oppositioneller ERP-Aktivist namens „Pancho" von der Führung verhaftet und der „militärischen Rebellion" beschuldigt. Innerhalb von zwei Stunden wurde Dalton selbst gefangengenommen und beschuldigt. „Pancho" zur Rebellion aufgewiegelt zu haben. Drei Tagespäter wurden diese Tatsachen in einem internen Bulletin bekanntgegeben und am 17. April traf sich die nationale Führung. um die Sache zu diskutieren. Sie ging wieder auseinander, ohne daß Übereinstimmung erzielt worden wäre. Die Opposition forderte einen außerordentlichen nationalen Kongreß, um über die „Mehrheitslinie" und die Beschuldigung zu debattieren, daß Daltonein „rechter Revisionist" und ein kubanischer Agent wäre. Die Führung wies diese Forderung zurück, bezeichnete Dalton als Agenten des CIA und gab bekannt, daß die „Armee" durch ihren „Generalstab" die Leitung der Organisation übernommen hätte, um die Partei zu retten. Am 8. Mai gab es Mordanschläge auf drei Oppositionelle; am nächsten Tag wurden alle Mitglieder der Opposition zum Tode oder zu Exil verurteilt. Sowohl „Pancho" als auch Roque Dalton wurden am 10. Mai erschossen. einige Passagen des Textes geführt. Dies hat mich jedoch nicht den Versuch unternehmen lassen, größere Veränderungen zu unternehmen, vorallem, weil das Buch immer eher ein herausforderndes Instrument statt eine umfassende akademische Analyse sein sollte.' Ich denke, daß es seinen anfänglichen Zweck noch immer erfüllen kann, selbst wenn heute viel mehr Bücher über El Salvador und Mittelamerika existieren als zum Zeitpunkt, da ich mit der vorliegenden Arbeit begann. Es gibt wenig Schwierigkeiten, sich informationen über die gegenwärtigen Entwicklungen zu verschaffen, obgleich die überwiegende Anzahl der auf Englisch veröffentlichen Analysen weiterhin nicht von der Linken, sondern von Akademikern und nichtengagierten Politikwissenschaftlern stammt. Die bemerkenswerteste Lücke in dieser wachsenden Bibliographie besteht im Fehlen einer seriösen Arbeit zur Geschichte, die es mit der Herausforderung aufnehmen würde, die in Thomas Andersons Matanza und Roque Daltons Miguel Marmo! besteht. Neue historische Arbeiten, die eher Primärquellen untersuchen statt das bereits Veröffentlichte wiederzukäuen, könnten einen wertvollen Beitrag leisten, nicht zuletzt für die, welche kämpfen, um sich einer Vergangenheit zu entledigen, die viele nur durch Schlagworte oder höchstens mündliche Überlieferung kennen, welche sehr wertvoll, aber doch beschränkt ist. Von allen Einwänden, die gegen „Derlange Krieg" seit seiner Veröffentlichung erhoben wurden, war jene Kritik bei weitem am unsinnigsten, die meinte, die Darstellung sei übertrieben historisch. Es ist hier nicht der Platz, die Entwicklung seit der Wahl zur verfassunggebenden Versamm-

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lung vom März 1982 und bis zu denjenigen, die schließlich den beharrlichen Duarte im Mai 1984 zur „verfassungsmäßigen" Präsidentschaft gelangen ließen und denen im Oktober 1984 die vielgerühmten „Verhandlungen" mit der FDR-FMLN in La Palma folgten, erschöpfend zu verfolgen. Trotzdem haben offensichtlich so viele bedeutende Ereignisse stattgefunden, daf einige Überlegungen zu diesem Zeitabschnitt gerechtfertigt sein dürften.

Eine der am wenigsten überraschenden Facetten des ausgedehnten Bürgerkriegs in El Salvador war ein Rückgang des Gespürs für die Krise. Für die Welt außerhalb des Landes war er zu einem unbarmherzigen und schrecklichen Kreislauf zunehmender Zermürbung geworden, der eher durch Berechenbarkeit und wenig bedeutende Schlüsselereignisse als durch irgendwelche plötzliche und episodische Bewegungen gekennzeichnet war. Natürlich ist solch ein Bild sehr stark auf die Tatsache zurückzuführen, daß seit 1980 die Sache der Volkskräfte im Lande mit militärischen statt mit offen politischen Mitteln verfolgt wurde. Da der Ablauf eines Guerillakrieges im allgemeinen langsam ist, geheim stattfindet und nur selten offen sichtbar ist, kann man ihn aus der Ferne schwer verfolgen. Er entzieht sich auch der besonders für die Jahre 1979-81 angewandten Art der Analyse. Dies war eine Zeit, die von scharfen und offenen politischen Konflikten, programmatischen Debatten, Streiks, Mobilisierungen des Volkes und umfassender Tätigkeit beim Aufbau von Bündnissen durchzogen war. Seit Mitte 1980 wurde der städtische Bereich weitgehend - aber nicht vollständig - mittels Unterhaben, im Rahmen einer allgemeinen Überlebensstrategie seine Unterstützung für die FMLN viel vorsichtiger zu zeigen. Aus diesem Grunde kann man eine ausgeprägte Tendenz erkennen, den Krieg nur als Folge von Gebietsgewinnung und -verlust wahrzunehmen, dem traditionellsten und anerkanntesten Maß, um das militärische Kräfteverhältnis zu bestimmen. Es liegt im Wesen des Guerillakrieges, daß er beweglich geführt wird und man sich, wenn nötig, aus Gebieten zurückzieht. Auf diese Weise war die FMLN in den letzten zweieinhalb Jahren im allgemeinen in der Lage, in ihren Hochburgen Morazán, Guazapa und Chalatenango den Angriffen zu widerstehen. Sie bewies auch, daß sie ihre Stoßtruppunternehmen in die Gebiete San Vicente, San Miguel und Usultán unterbrechen konnte, wenn sie sich momentan unbesiegbaren Kräften gegenübersah. Aber Krieg ist nie völlig statisch oder völlig be- Wenn man seinen Blick von der rein militärischen Sphäreabwendet, wird das Bild noch unschärfer. Der heftige Streit um die politische Führung des herrschenden Blocks und um die Bedingungen der alles entscheidenden Hilfe aus Washington ging zwischen dem Ende von Duartes Präsidentschaft der Junta und seinem Amtsantritt nach dem Wahlsieg zwei Jahre später unvermindert weiter. Die große Herausforderung durch D'Aubuissóns AREN A und die traditionellen politischen Grup pen der Landoligarchie hätte beinahe Erfolg gehabt. Sie ließ die verbliebenen Spuren der USunterstützten „Reformen" weiter verkümmern und traten schließlich nach dem gescheiterten Versuch der formellen Machtübernahme ohne wesentliche Machteinbußen den Rückzug an. Washingtons fortwährendes Scheitern, die grellen Widersprüche seiner _Repression-mit-Reformen"- Strategie zu versöhnen, ergab sich zu VICTORIA FINAL als Duarte schließlich im Juni 1984 seine Amtsschärpe erhielt. In der Taterhielt er das Amt und nicht die Macht; nur ersteres mußten die landlords, die neofaschistischen Demagogen und ihre eifrigen Verbündeten im Offizierskorps abtreten. Einem weniger zugespitzten, aber es gleichfalls stark in Anspruch nehmenden Dilemma sah sich das Pentagon in den Reihen des militärischen Oberkommandos gegenüber, wo politisch fügsame hohe Offiziere sich als deutlich weniger wirksam und geringfügig bestechlicher erwiesen als die brutalen Ultrarechten, die Washingtons politische Strategie verwarfen, sich aber auf dem Schlachtfeld oft als die wirksamsten und aggressivsten Befehlshaber erwiesen. Wieder konnten die USA nureinen brüchigen Burgfrieden statt ein endgültiged Gleichgewicht erreichen. Die sich daraus ergebende Notwendigkeit, für zunehmende Nachschub Unterstützung zu sorgen, ermutigte PA

LIBERACIO

NACION

Salvador Cayetano Carpio (Comandante Marcial) mit dem Emblem der FPL. drückung von Seiten der Regierungskräfte in Schach gehalten. Wie auch immer die materiellen Bedingungen und die politische Stimmung der städtischen Massen sein mögen, man kann eine offene Äußerung der Gefühle der Massen kaum erwarten. Beobachter aus den Industriestaaten haben, da ihnen der den eigenen politischen Kulturen entnommene Maßstab nun fehlt, keine Methode zur Bestimmung des Kräfteverhältnisses, außer der Bewertung der sichtbaren militärischen Erfolgen auf dem Lande. Es herrscht allgemein Übereinstimmung, daß mit Ausnahme weniger Zonen selbst dort die gesamten Auswirkungen der militärischen Operationen den campesino gezwungen weglich. Der Eindruck eines allgemeinen Patts, der sich seit Mitte 1982 ergab, ging vorallem darauf zurück, daß aus dem salvadoreanischen Konflikt ein taktischer Krieg von Manövern innerhalb eines strategischen Stellungskrieges geworden war. Man erwartete weder von den schnellen Operationen der FMLN noch den Truppenaufmärschen der Armee im großen Stil - wie man dies noch 1980/81 tat - an sich entscheidende Ergebnisse. Eher handelte es sich um Schritte im Hinblick auf größere strategische Ziele. In einem solchen Rahmen ist das Patt eher scheinbar als wirklich.

nicht geringen Teilen daraus, daß jeder Pol dieser Strategie über einen entschlossenen und energischen Führer verfügte, der entsprechend der Logik der Politik keine andere Wahl hatte, als den anderen zu bekämpfen. Hierin spiegelten sich nur grundlegendere Hindernisse für die Bildung eines einheitlichen herrschenden Blocks wieder, der nicht ausschließlich aufgrund Anweisung der traditionellen Oligarchie handelte. Obwohl er sich stärker im Rahmen formaler Demokratie abspielte, als dies zwischen 1979 und 1982 der Fall gewesen war, war dieser Machtkampf trotzdem bei weitem nicht beendet, eine breitere und umfassendere militärische Präsenz in dér ganzen Region und verstärkte deutlich die Möglichkeit eines direkten Eingreifens von US-Kampftruppen. Daraus entstanden überwindbare, aberfortwährende Schwierigkeiten mit der öffentlichen Meinung in den USA und mit dem Kongreß.

Die Erfordernisse des Krieges selbst und seine breiteren Auswirkungen machten sich auch innerhalb der FDR-FMLN bemerkbar. Wenn auch die aus der Zeit der Bildung der Fronten stammenden Spannungen und diejenigen, die in der Folgezeit aufkamen, in wesentlich größerem Ausmaß ausgeschaltet wer-

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den konnten, als das innerhalb dung vorausgingen, unterstrich des herrschenden Blocksgelang. die Bedeurung der politischen Jaime Wheelock

Die sandinistische Landreform nährten sie dennoch tiefgreifen- Richtungskämpfe innerhalb des de Meinungsverschiedenheiten Volksblocks, von dem viele Beund Unzufriedenheit. Der klar- obachter weiterhin behaupteste und tragischste Hinweis und ten, dall er seiner Natur nach ein dafür war der Tod der beiden einheitliches Gebilde sei. Dieser langjährigen Kommandanten Glaube und das durch den unnader FPL, Ana Maria und Caye- türlichen Tod der FPL-Führer tano Carpio, im April 1983. Der verursachte stumme Mord an Ana Maria und Carpios können teilweise der verbreitenachfolgender Selbstmord blei- Neigung zugeschrieben ben weiterhin dunkle Ereignis- werden, die vom Krieg erzwunse, nicht zuletzt weil die FPL, gene Logik beider Seiten zu akdie FML.N und die Sandinisten zeptieren: Einheit um jeden zuerst Stillschweigen bewahr- Preis. Auf der anderen ten und dann - nachdem einige konnte man die Auswirkungen Monate vergangen waren - oh- von vier Jahren ununterbrochene offene Debatte oder Vorle- ner Unterdrückung auf Teile gen konkreter Beweise eine Rei- der Massen nicht ewig lauthals he von schlimmen und unwider- mit Feiern ihres revolutionären ruflichen Anklagen erhoben. Bewußtseins und ihrer unleugbaren Tapferkeit überdecken. Dies steigerte unbestreitbar die Im Ausland und in wichtigen Verwirrung im Ausland und den Teilen der FDR bekam die Su- Groll im Innern. Anfang 1984 che nach Frieden oft die Oberstand das Auftauchen von zwei hand über den Kampf für den Gruppen, die Carpios Linie Sieg. Diese Politik trat bei den fortzuführen gelobten — Movi- Gesprächen in La Palma in den miento Obrero Revolucionario Vordergrund. (MOR) [Revolutionäre Arbei- Aber weder die Oligarchie terbewegung) und Frente Me- noch die Streitkräfte machten tropolitano Clara Elizabeth Ra- im Zeitraum 1982-84 irgendeimos [Städtische Front Clara Eli- nen Schritt, der die Möglichkeit zabeth Ramos] - in starkem einer Verhandlungslösung glaub›- Gegensatz zur beinahe gleich- würdig machen konnte. zeitig erfolgten Annahme eines stimmt, daß Duarte und die neuen Programms durch die PDC gelegentlich zu Gesprä- FDR-FML.N. In diesem fehlten chen aufriefen, doch war dies viele der radikalen Ziele der Pro- immer mit der Vorstellung vergrammatischen Plattform der bunden, daß die FMI.N sich tat- FDR von 1980 und wurden zum sächlich ergeben würde. Zu keierstenmal Bedingungen genannt ner Zeit stellte dies eine ernsfür Wattenstillstand. Verhand- thafte Initiative dar, neue Möglungen und die Errichtung einer lichkeiten für Gespräche zu Regierung, welche die Volks- eröffenen, was in La Palma ofkräfte umfassen, aber nicht von fensichtlich wurde. Was noch ihnen beherrscht sein sollte. Das wichtiger ist: während die herr- Dokument garantiert die Beibe- schende Klasse einwilligte, diese haltung der bestehenden Armee Initiative zu starten, bemühte unter solch einer Regierung. sie sich mit allen Mitteln abzusi- Das neue Programm und die chern, daß es nur eine leere Pro- Kämpfe, die seiner Verabschie- pagandaübung blieb. El Salvador LEGENDE

GUATEMALA

HONDURAS

PACIFIC OCEAN

Zwischen Krise und Aggression ,kämpft das Volk weiter für seine Befreiung Das Wichtigste ist das, was wir heute für die Zukunft anpacken. Wenn wir auch gewiß eine schwierige Situation durchmachen, so wird sie doch sicher nicht ewig dauern; wir werden die Angreifer besiegen, wir werden das Schuldenproblem lösen. Es wird uns besser gelingen, unsere Produkte auf den Märkten unterzubringen, die für Nicaragua vorteilhaft sind. Wir werden wirtschaftliche Fortschritte machen, ohne Tausende Companeros auf der Straße stehen zu lassen, wie das in anderen Lan dern geschieht. Bis heute weigern wir uns, die Hälfte der Industriebetriebe zu schließen bzw. die landwirtschaftiche Produktion zu drosseln, wie es andere Länder tun. Wir wollten Entwicklungsprojekte durchführen im Vertrauen auf die Zukunft, aber der Preis dafür waren größere Schulden und gewisse momentane Entbehrungen.

Die Verknappung im Warenangebot hat zwei Ursachen. Erstens werden viele Dinge, die früher ins Land kamen, nicht mehr importiert, und zweitens entsteht mit der Verknappung auch die Spekulation. Wenn wir in einer Apotheke eine Rasierklinge zu 2 Córdoba verkaufen und jemand diese Rasierklinge kauft und zu 25 Córdoba weiterverkauft, zeigt sich schon im kleinen das Phänomen der Spekulation, die durch den Mangel hervorgerufen wird. Gäbe es nicht die Auswüchse von Schwarzmarkt und Hamsterei, wären die Dinge für uns einfacher. Trotzdem ist es oft besser, an das revolutionäre Gewissen zu appellieren, als direkt einzugreifen und Bohnen und Reis zurückzuhalten, um sie dem Volk von oben zuzuteilen. Es ist gut, daß wir schon klarer sehen, woher bestimmte Probleme kommen. Wir sind dabei, sie abzustellen. Bestimmte Investitionen, die nicht so vordringlich sind, wurden zusammengestrichen; die öffentlichen Ausgaben werden gekürzt werden. Wir werden keine touristischen Projekte mehr aufbauen, weil sie vorläufig völlig überflüssig sind. Wir werden jedes Projekt vor seiner Realisierung gründlich und mit mehr Verantwortungsbewußtsein untersuchen. Was wir bisher gemacht haben, war aber doch im großen und ganzen korrekt. Schulden haben alle Länder. Aber wir verwenden die Kredite für gerechte Vorhaben: zur Verbesserung der medizinischen Versorgung der Bevölkerung, für mehr Krankenhäuser, mehr Schulen. Auch dafür, daß das Volk mehr zu essen hat, das Land mehr produziert und mehr Erdöl eingespart wird. In anderen Ländern wird alles aufgegessen. Wenn Sie nach Costa Rica gehen, sehen Sie eine etwas andere Situation als in Nicaragua: der Verbrauch ist ein ande- JAIME WHEELOCK

Nicaragua

DIE SANDINISTISCHE

LANDREFORM isp - pocket 18 128 Seiten, DM 14,80 Inhalt

Vorwort 5 Vorbemerkung 7 Umgestaltung der Landwirtschaft: Theorie und Praxis ...... 9 Entwicklungsstrategie:

Die Agrarindustrie als die tragende Säule 31 Wirtschaftliche Krise und Aggression 51 Perspektiven 80 Anhang: Tabellen und Grafiken 93 Nachbemerkung zur deutschen Übersetzung . 126

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rer. Sie werden sagen: - Hier ist man aber weit entwickelt!- Aber wenn Sie ein wenig aufs Land gehen und das extreme Elend dort sehen, die erschreckenden sozialen Ungleichheiten, werden Sie verstehen, wie man seine Schulden vergrößern kann, ohne Entwicklung zu schaffen. Es wird alles aufgegessen, was an Krediten aufgenommen wird. Das Geld wird nicht investiert, nicht verantwortlich verwendet. Wir haben Geld für Investitonen ausgegeben und die Devisen mit Verantwortungsbewußtsein verwaltet.

Erhöhung der Produktivität der Arbeit

Der Revolution stellten sich nicht nur die Schwierigkeiten im Gesundheits-, im Bildungswesen und im Wohnungsbau als historische Herausforderung. sondern auch eine Problematik Im Zusammenhang mit den Löhnen und den Arbeitsnormen. Die Arbeitsnormen in der Industrie sind heute nicht viel anders als früher, soweit die Instrengeren, korrekteren und sparsameren Wirtschaftspolitik unternehmen muß, als Beitrag der Arbeiter eine Erhöhung der Produktivität kommen sollte. Ein Beitrag der Arbeiter in dieser Art wäre für die Revolution von größerer Wichtigkeit, als es Sparmaßnahmen des Staates sein könnten. Das wäre von höchster Bedeutung: schließlich wird auch in anderen Ländern zeitweise 10, 11 und 12 Stunden täglich gearbeitet. In Kriegszeiten oder Zeiten des Wiederaufbaus haben sich die Arbeiter immer verantwortlich verhalten. Wir können da keine Ausnahme darstellen. Aber wir müssen auch feststellen, daß unsere Arbeiter patriotisch, revolutionär und fähig sind, ihren Beitrag zu leisten, ja sogar ihr Leben in der Verteidigung der Revolution einzusetzen. Jedenfalls müssen wir wenigstens auf dem Land wieder einen Sechs-Stunden- Tag einführen. Die Arbeiter sollten zwei- bis dreimal so viel arbeiten wie im Augenblick, damit wir uns besser gegen den Feind verteidigen können und damit wir eine höhere Produk- Jaime Wheelock, Minister für Landwirtschaft und Agrarreform dustriearbeit relativ einfach auf ihre Produktivität hin zu kontrollieren ist. Das, was ein Baumwollspinner 1978 leistete, ist mehr oder weniger das gleiche, was er heute leistet. In der Landwirtschaft zeigt sich seit dem Sieg der Revolution, wie wir aus den Verträgen zwischen den Arbeiterorganisationen und dem Arbeitsministerium bzw. den Unternehmen gesehen haben, eine Tendenz zu niedrigeren Arbeitsnormen als früher. Bei Zuckerrohr ist die Arbeitsnorm um 40%, bei Reis um 25 %, bei Kaffee um 60 % gesunken; der Rückgang in der Produktivität der Arbeit ist also sehr groß.

Welche Konsequenzen hat das? Wir brauchen heute zwei Arbeiter für die Arbeit, die früher einer machte; wir müssen zwei Löhne für die Erfüllung einer kleineren Arbeitsnorm be- •zahlen, denn die Löhne sind im Vergleich zu früher ja auch gestiegen, jedenfalls bezahlen wir den gleichen Lohn für die Hälfte der Arbeit.

Weist die Landwirtschaft keine gute Produktivität auf, kann sie auch nicht die Überschüsse erwirtschaften, die wir bei einer angemessenen Produktivitätsrate haben könnten. Zu diesem Problem haben die Compañeros der Sandinistischen Arbeiterzentrale (CST)", die Vereinigung der Landarbeiter (ATC)* und die Nationale Union der Landwirte Viehzüchter (UNAG)* unter der Leitung des Comandante Victor Tirado einen Vorschlag zur Hebung der Produktivität der Arbeit ausgearbeitet. Dieser Vorschlag sieht folgendes vor: Rückkehr zu den früheren Arbeitsnormen und Versuch, die Arbeiter, die seit dem Sieg der Revolution nur mehr halbtags arbeiten, für eine Ganztagsarbeit zu gewinnen. Wenn es uns z.B. bei der Baumwollernte gelingt, von der heutigen Norm von 600 Stengeln auf die frühere von 1100 zurückzukehren, werden wir Arbeiter haben, die für zwei arbeiten. Indem wir uns für eine höhere Arbeitsnorm entscheiden, gleichen wir den Arbeitskräftemangel durch größere Leistung aus.

Das ist sehr wichtig, denn es zeigt, was die Arbeiter zur Revolution beitragen können. Wenn die Arbeiter die derzeitigen Arbeitsnormen wieder den früheren angleichen, wird die Revolution u.a. Transport-, Lebensmittel und Fixkosten, die pro Arbeiter einem halben Tageslohn entsprechen, einsparen. In Anerkennung einer höheren Arbeitsnorm soll dann der Tageslohn von derzeit 42 auf 62 Córdoba erhöht werden. CST: Die Dachorganisation der sandinistischen Einzelgewerkschaften; ATC: Vereinigung der abhängig Beschäftigten auf dem Das wird eine Lohnerhöhung für die Festangestellten und auch für die Erntesaisonarbeiter, aber auch eine größere Ersparnis und bedeutendere Überschüsse für unser Land zur Folge haben.

Was unsere Arbeiter brauchen, ist eine bessere Beratung nicht einmal so sehr bezüglich der Wirtschaftlichkeit, sondern eine klarere politische und revolutionäre Orientierung. Wir müssen den Arbeitern zeigen, daß die Revolution letztlich ihnen gehört; daß sie nur dann eine bessere Zukunft haben werden, wenn sie für die Revolution arbeiten. Wir müssen den politischen Bemühungen, dem Geist der Opferbereitschaft einen wirtschaftlichen Inhalt geben, nämlich die Steigerung der Arbeitsproduktivität. Wirmüssen zu den früheren Arbeitsnormen zurückkehren. Ja, es wäre sogar das beste, sie noch weiter zu erhöhen, denn damit können sich die Arbeiter ihre Gesellschaft und ihren Wohlstand selbst schaffen.

Wir sind der Meinung, daß zu den Anstrengungen, die die revolutionäre Regierung für eine vernünftige Verteilung der Devisen und die Entwicklung einer Land; UNAG: Verband der kleinen, mittleren und großen bäuerlichen Produzenten. (A.d.Ü.)

tion in kürzerer Zeit mit einer größeren Ersparnis und geringeren Problemen haben, ohne die Verschwendung. die die Mobilisierung von Studenten, Jugendlichen und den Compañeros aus der Regierung für den Ernteeinsatz bedeutet.

Kritikfähig bleiben Im großen und ganzen sind wir auf dem richtigen Weg. Wir haben Schwierigkeiten gemeistert, weil wir vorallem das Erbe der Rückständigkeit, der sozialen Gegensätze und der Unterentwicklung des Landes bekämpft haben, die unsere schreckliche Armur, Verschuldung und Zerstörung verursachten. Unter den schlechtesten Bedingungen, die man sich vorstellen kann, mußten wir das Land wiederaufbauen. Darüber hinaus werden wir auch noch angegriffen. Wir haben trotzdem nicht auf Entwicklung verzichtet; wir arbeiten für diese Entwicklung. Manchmal müssen wir von unserem Volk Verständnis für die Verknappung von Gütern heute, morgen und übermorgen verlangen. Daran ist nicht eine unkorrekte oder unverantwortliche Wirtschaftspolitik schuld; oder, wie die Rechten sagen, die Revolution, die eben Mangel und wirtschaftlichen Zusammenbruch bedeute. Die Revolution ist der Beginn zu einem unabhängigen Le-

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ben; ist der Beginn zu einer fort- Schwierigkeiten überwinden Aufkauf landwirtschaftlicher schrittlichen Entwicklung für werden. Wir müssen dem Volk Produkte) oder Midinra (Minidas Volk und zur Lösung all das Problem der Versorgung. sterium für Landwirtschaftliche seiner Probleme. der Verknappung bestimmter Entwicklung und Agrarreform) Güter eingehend erklären, da- seien für die Probleme verant- Diese ersten Jahre sind die mit es mithelfen kann und die wortlich. Wir können solche schwersten. Jede Revolution Revolution versteht und unter- Kritiken nicht einfach naiv geht durch eine Periode des stützt. übernehmen, denn nicht die In- Hungers, der Opfer, des Man- stitutionen sind verantwortgels; wir gehen auch durch eine Wir müssen dem Staat gegen- lich, sondern es sind die Funksolche Periode hindurch und über kritikfähig bleiben. tionäre, die sich manchmal ver schließlich einer besseren Zu- Manchmal werden Institutio- antwortungslos verhalten. Die kunft entgegen. Die Bevölke- nen angegriffen. Dann wird be- Gesellschaft nimmt ineiner Zeit rung kann darauf vertrauen, daß hauptet, Micoin (Ministerium ihrer Umgestaltung manchmal die Revolution korrekt und ge- für Binnenhandel). Enabas pubertäre Züge an, ist nicht leirecht ist und daß wir unsere (Staatliche Gesellschaft zum stungsfähig genug. Heute geht WEITERE TITEL ZU LATEINAMERIKA

Helga Ballauf taiN/heelock MARXISMUS TNI

Nicaragua

LATETNAMERIKA Wir Attr SIND Die große NICARAGUA Herausforderung ISP Rocket 8 Helga Ballauf gehörte einer Gruppe _Dieses kleine Volk muß seine Kräf- Münchner GE: W-Mitglieder an, die te vervielfachen, um sich derhistori- Die Krise der Diktaturen in Süd- Ende 1984 nach Nicaragua fuhren. schen Herausforderung zu stellen. amerika und der Ansturm in Mittel- um in einem kleinen Dorf. Dirio- die Revolution weiter zu vertiefen". amerika führen zu einem Wiederer- mito, eine Schule bauen zu helfen. ist die Schlußfolgerung Jaime starken authentisch revolutionärer In ihren Interviews mit den Ein- Wheelocks in diesem Buch. Als Mi. Strömungen und einer Neubele- wohnern des Dorfes. Bauern. Mili- nister für Landwirtschaft und bung marxistischen Denkens. zionären. Anhängern der Volkskir- Agrarreform nimmt er in dem noch che. Frauen und Jugendlichen erle- vorwiegend landwirtschaftlich ge- Michael Löwy schildert in diesem ben wir die jüngste Geschichte Ni- prägten Nicaragua eine Schlüssel. Buch detailliert die Entstehungs- caraguas, die soziale und politische stellung für die weitere Entwicklung und Entwicklungsgeschichte des la- Wandlung nach dem Sturz des So- des Landes ein. Gleichzeitig ist er teinamerikanischen Marxismus bis mozaregimes, das Leben der Men- Mitglied der Nationalen Leitung zum Triumph der kubanischen und schen heute, die Rolle der Frau, der der FSL.N nicaraguanischen Revolution. Jugendlichen. Der hier wiedergegebene Text Aus dem Munde der Protagoni- hat die Form eines Interviews, in Wer die Krise der Militärdiktatu- sten erfahren wir von den Konse- dem Marta Harnecker auchschrunren. die Krise bürgerlicher Herr- quenzen der Agrarreform, der Rolle bequeme Fragen nach den Probleschaft in Lateinamerika und den re- der Kirche, den Oppositionspartei- men und Widersprüchen der Revovolutionären Ansturm in Mittel- en. der Pressefreiheit, den wirt- lution stellt. Mit seinen differenamerika verstehen will. muß über schaftlichen Schwierigkeiten und zierten Antworten vermittelt Jaime den Marxismus in Latemamerika der großen Hoffnung der Bewohner Wheelock einen tiefen Einblick in Bescheid wissen. dieses Landes. das Innenleben des heutigen Nicaragua.

80 Seiten. DM S.-- %6 Seiten. DM 9.80 120 Sciten, 2. Auflage. DM 10.80 ISP - Verlag, Postfach 11 1017, 6000 Ffm. 1, Auslieferung BRD • Berlin-West die Veränderung in der Gesellschaft schneller vor sich als die Ausbildung der neuen Staatsfunktionäre: der, der seine Aufgabe noch nicht recht verstanden hat, verhält sich bürokratisch. Dabei soll sein Arbeitsplatz der Lösung der Probleme der Bevölkerung dienen. Bürokratisch verhält sich auch der, der Staatseigentum mifbraucht im Glauben, er hätte sich ein Recht darauf, einen Besitztitel für seinen Arbeitsplatz erworben.

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das Kräfteverhältnis zwischen UNIR und PUM heute für letztere auf praktisch allen Gebieten günstig: auf parlamentarischer Ebene z.B. kommen auf 50 Parlamentsabgeordnete der IU 17 für die PUM, alles Parteiaktivisten; UNIR hat hat von denen aber nur 12 Aktivisten von Patria Roja sind. Zusätzlich muß man berücksichtigen, daß in IU zwischen der Führung und der Basis eine politische Lücke klafft. So wurde z.B. ein Plenum einberufen, umeinige zentrale politische Dokumente zu verabschieden. Daran nahmen Vertreter der Parteiführung und der Grundeinheiten teil. In diesem Plenum errangen die Linken für ihre Positionen 78% der Stimmen. Es wurden mehrheitlich Dokumente verabschiedet, in denen man z.B. lesen kann, daß IU eine revolutionäre Massenfront mit einer sozialistischen Orientierung ist, die für die Zerstörung des bürgerlichen Staates kämpft, die Eroberung der Macht usw. Natürlich hat dies mit der realen Praxis der Führung der IU absolut nichts zu tun. Man gewinnt daraus aber eine Vorstellung, was aus der IU gemacht werden könnte, wenn die PUM und die UNIR in der Lage wären, einheitlich vorzugehen. Beide Parteien tragen die Verantwortung dafür, daß dies möglich ist, aber ich glaube, daß Patria Roja die größte Verantwortung trifft, weil sie gegenüber allen anderen Parteien, und vor allem gegenüber der PUM, die ihr am nächsten steht, eine sehr sektiererische Politik an den Tag legt.

Das ist die allgemeine Lage in der IU. In der ersten Zeit haben die Revolutionäre den Rechten viele Konzessionen gemacht, um jede Gefahr einer Spaltung zu vermeiden. Sie haben sich zurückgehalten und nach innen eine gewisses Niveau der Aussöhnung gesucht. Ich glaube nicht, daß das damals falsch war. Heute hat sich die Situation jedoch völlig verändert. Es sind die Rechten, die eine Spaltung provozieren wollen, die sich einer demokratischen Organisierung der IU an der Basis widersetzen. Die Revolutionäre, die PUM und UNIR, haben auf ihren Kongressen jeweils für eine Politik der Verteidigung der Einheit gestimmt, ohne jedoch ihre Aktivitäten davon abhängig zu machen, daß die Führung der IU ihren Vorschlägen zustimmt.

Inprecor: Du hast von der Verankerung der PUM in der Bauernbewegung gesprochen. Aber was stellt sie in der Arbeiterbewegung, unter der armen Jugend von Lima da, einem sehr radikalisierten Sektor, in dem die Organisationen, die einen bewaffneten Kampf führen, großen Einfluß haben?

J. Lucar: Die PUM verfügt in all diesen Sektoren über eine beträchtliche, wenn auch schlecht organisierte Kraft. Viele der bedeutendsten Führer der peruanischen Arbeiterbewegung sind Aktivisten der PUM, aber die Partei als solche interveniert nicht systematisch in den Gewerkschaften. Die Parteiführung selbst betrachtet dies jedoch als eine ihrer Prioritäten in der kommenden Periode. Innerhalb der Jugend ist die Situation viel komplizierter. Hier ist die PUM in breitem Umfang aktiv, hat aber sehr große organisatorische Schwächen. Es gibt eine Debatte darüber, ob man eine Jugendorganisation Internationtr isenschedlicher kongress Kultur und Politik bei José Carlos Mariategui und Antonio Gramsci 2.-5.10.1986 Hamburg

MartinE saher Kine-an klassische Kuntroverse auf, ob dies negative mcht. Dabe taucht Das erste, was ich klarstellen möchte, ist, dais wir auf keine unserer Positionen Folgen für den Aufbau der Partei hat oder und Grundsätze verzichten, nur um der nicht. Man muß sich dabei vergegenwärtigen, PUM beizutreten. Die programmatische daß die Mehrheit der Führer der PUM zwi- Grundlage der PUM kommt der unseren sehr schen 20 und 25 Jahren alt ist. nahe, auch wenn die Genossen der PUM dies abstreiten würden (nicht nur aus quasi anti- Inprecor: Welches sind die hauptsächlichen trotzkistischem Vorurteil, sondern auch auf- Gründe, die den Kongreß der PRT dazu be- grund unserer politischen Fehler in der Verwogen haben, den Eintritt in die PUM zu gangenheit). Wir müssen nicht auf unsere beschließen? Überzeugungen als revolutionäre Marxister verzichten, um in die PUM eintreten zu kön- J. Lucar: Unsere Schlußfolgerungen aus der nen, wir können von der PUM aber auch Bilanz der letzten Jahre ist, daß wir in Peru keine Anerkennung des Trotzkismus verlanzur Zeit einen Prozeß des Zusammenschlus- ren. Es besteht die reale Möglichkeit, daß e ses der Revolutionäre erleben, der für die ›ilaterale Beziehungen zwischen zwischer Zukunft der Revolution entscheidend sein der PUM und der IV. Internationale gibt. wird, und der heute seinen Ausdruck in der Das wird seine Zeit brauchen; es wäre ange- PUM erfährt. Wir, die PRT, sind Teil dieses bracht, mit bilateralen Beziehungen zwi- Prozesses. Nicht nur, weil wir Teil dieser schen der PUM und cinigen Sektionen der Avantgarde sind, die aus dem Clasismo" Internationale zu beginnen, sowohl für gehervorgegangen ist, sondern auch, weil wir meinsame Diskussionen wie auch für eine teilhaben an der politischen Reflexion und gemeinsame Praxis. auf diesem Gebiet etwas beizutragen haben. Dabei muß man berücksichtigen, dals die Die Schlußfolgerung daraus ist, daß für uns PUM sich selbst als Teil eines internationader Beitritt zur PUM nicht irgendetwas ,un- len Prozesses des Wiederaufbaus der revolunatürliches" darstellt, sondern im Gegenteil tionären Avantgarde begreift, sich deutlich für uns bedeutet, einmal die Rolle und den sowohl vom Stalinismus als auch von Strö- Platz zu übernehmen, der uns zukommt. Es mungen des Typs „Krise des Marxismus" gibt darüberhinaus eine reale politische An- und natürlich von der Sozialdemokratie abnäherung in den programmatischen Doku- setzt. All dies hat viel zu tun mit der Berufung menten der PUM und den unseren, was den auf Mariategui, derein Aktivist der III. Inter- Charakter der Revolution, die sozialistische nationale und sein Leben lang ein überzeug- Demokratie usw. betrifft. Es gibt wichtige ter Internationalist gewesen ist. Es ist mög Übereinstimmungen in Fragen der Strategie. lich, daß die PUM und die IV. Internationale Und wir bringen Kader, Erfahrungen und künftig Beziehungen miteinander aufnehpolitische Vorstellungen mit, die, glaube ich, men. Dies ist sehr wichtig, und dafür muß viel für die PUM wichtig sind. getan werden. Das hängt aber nicht nur von uns ab, sondern von der Aktivität der gesam- Inprecor: Euer Eintritt in die PUM bedingt ten Internationale. eure Loslösung von der IV. Internationale, da die Statuten der PUM keine, Doppelmitglied- Vgl. Inprekorr Nr. 170, Neuer Kurs in Peru, schaft" zulassen. Wasglaubst Du, wird dies für * Izqwierda Unida ist ein breites Bündnis linker Organisa die IV. Internationale, für die künftige politi- tionen, das auch die PCP einschließt •General Juan Velasco Alvarado hatte unter der _linken" sche Entwicklung der PRT und die politischen Militärdiktatur von 1968—1975 eine Agrarreform in An- Ideen, die sie bisher verkörpert hat, bedeuten? griff genommen

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Gründungserklärung der PUM - Auszüge Was ist der Mariateguismus?

1 • Der Kampf für die Konstituierung der peruanischen Nation, für die Erreichung der Massendemokratie und die nationale Unab hängigkeit, ist in unserer heutigen Epoche untrennbar damit verbunden, unser Land in das breite und vielfältige Kontingent der Kräfte zu integrieren, die darum kämpfen dem Sozialismus in der Welt von heute Bahn zu brechen.

Diese epochale Aufgabe obliegt der arbei tenden Bevölkerung, vor allem der Arbeiter klasse, die — im Rahmen einer Zivilisation, die mit verdoppelter Kraft zur Universalität strebt - Verheißerin einer besseren Zukunft für die gesamte Menschheit ist. Seit Marx verbindet sich die Aufforderung zur Einheit der Proletarier in aller Welt mit dem Hinweis auf die nationale Form ihres revolutionären Kampfes.

Die Arbeiterklasse ... ist aufgerufen, nicht nur, die gesellschaftlichen Verhältnisse des Kapitalismus abzuschaffen, sondern auch die Vorgeschichte der Menschheit, die Geschichte der Klassengesellschaften, abzuschließen und den Weg für den Sozialismus und den Kommunismus frei zu machen. Erst dann werden sich die Individuen universell und vielseitig entfalten können, auf der Grundlage der gesellschaftlichen Verwaltung der kollektiven Produktivkräfte und der Sachen. Das bedeutet das Ende der Klassen.

2 • Seit Marx ist der Sozialismus ein wissenschaftlicher. Der Marxismus ist die theoretische Synthese des Kampfs der Arbeiterklasse für ihre Selbstbefreiung, eine Anleitung für ihr bewußtes Handeln, dh. dafür, daß die Menschen ihre Geschichte selbst gestalten. In diesem Sinne wird er auch Philosophie der Praxis genannt und beinhaltet verschiedene Dimensionen: er ist zugleich Weltanschauung und revolutionäre Methode, politisches und ethisches Programm. Der Marxist sperrt sich dagegen, zu einem geschlossenen System unveränderbarer Konzepte gemacht zu werden, weil es seinem Charakter nach materialistisch und dialektisch ist. Er anerkennt, daß es das Sein ist, das das Bewußtsein bestimmt und daf letzteres nur ein Aspekt der gesellschaftlichen Entwicklung ist, der Produktion und Reproduktiondes Menschen als gesellschaftlichem Wesen; daß daher alle Wahrheit zugleich absolut und relativ ist, daß es keine abstrakte Wahrheit gibt, sondern daß die Wahrheit immer kon- Kret ist.

Marx hat herausgefunden, was die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise sind, er hat die Arbeiterklasse mit einer Strategie der Machteroberung gewappnet, die er zusammenfaßte in der Losung: Für die revolutionäre Diktatur des Proletariats. Er hat den Prozeß der Konstituierung der 22 INPREKORR Nr. 186 Arbeiterklasse zur autonomen politischen Partei beschleunigt.

3 . Zu Beginn unseres Jahrhunderts hạt Lenin die Merkmale des Übergangs des Kapitalismus in das Stadium des Imperialismus zusammengefaßt. Er hat energisch die revolutionäre Dialektik wiederhergestellt, die Aktualität der marxistischen Analyse behauptet und betont, daß deren Kern die _konkrete Analyse der konkreten Situation' ISt.

Besonders wichtig war seine Erkenntnis, daß es im Weltmaßstab eine Einheit zwischen dem Kampf des Proletariats und dem Kampf der vom Imperialismus unterdrückten Völker und Nationen gibt. Diese Erkenntnis hat den Sieg der ersten sozialistischen Revolution in einem Land der Peripherie ermöglicht, dem „schwächsten Glied der imperialistischen Kette" , und der Entstehung von kommunistischen und Arbeiterparteien in aller Welt den Weg bereitet. Lenin entwickelte die Grundlagen der sozialistischen Demokratie: deren lebendiger Ausdruck waren die Sowjets, die nach dem Vorbild der Pariser Kommune geformt waren; und er bestand auf der Notwendigkeit einer Partei neuen Typs, die dem Proletariat die Hegemonie in der Revolution sichern soll. Indem er die erste siegreiche sozialistische • Revolution leitete, hat Lenin die Möglichkeit des Sozialismus konkretisiert, dem Primat der Praxis zum Durchbruch verholfen und dem Gang der Menschheitsgeschichte eine neue Richtung gegeben. Aus diesem Grunde sind die Beiträge von Marx und Lenin unauflöslich miteinander verbunden und bilden zusammen die theoretische Grundlage der sozialistischen Praxis in der heutigen Periode; sie begründen dierevolutionäre Methode in der Epoche des Imperialismus und der Monopolherrschaft.

Der Marxismus-Leninismus ist deshalb der Eckpfeiler unserer ideologischen Klassenidentität, eine lebendige Synthese, die ständig bereichert wird in dem Maße, wie sie auf allen Ebenen mit den fortschrittlichsten Ergebnissen der menschlichen Schöpfung konfrontiert wird.

• Im Kampf um seine Anerkennung und Entfaltung als Lehre vom geschichtlichen Wandel hat der Marxismus-Leninismus Verdrehungen und Entstellungen erlebt. Diese muß man bekämpfen.

In erster Linie gilt das für den Revisionismus, der nichts anderes als den Versuch darstellt, dem Marxismus seinen revolutionären, dialektischen und Klassencharakter zu nehmen, d.h. ihn zur Ideologie und zum Programm des Kompromisses zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie zu machen, ausgehend von der Anerkennung der Klassenherrschaft, deren Ausdruck der bürgerliche Staat ist, und von der Gleichsetzung von Staatskapitalismus und Sozialismus. Die europäische Sozialdemokratie war der erste vollendete Ausdruck dieser radikalen Revision des Marxismus.

Bekämpfen muß man auch den Dogmatismus, die schematische und einseitige Art und Weise, Konzepte zu verabsolutieren, indem man die Wirklichkeit in sie einsperrt; der Dogmatismus kennt für die unterschiedlichen Realitäten und Erfahrungen immer nur ein einziges richtiges Programm, eine einzige richtige Strategie, sogar eine einzige richtige Taktik und reduziert die allgegenwärtigen Widersprüche auf einen einzigen. Besonders schädlich für den Marxismus-Leninismus war das Dogmensystem, das sich in den dreifiger Jahren in der Komintern durchsetzte und dessen Haupturheber Stalin war. Schließlich muß man auch verschiedene Formen des nationalistischen und liberalen Pseudo-Marxismus bekämpfen, die — vor neue Probleme gestellt, die den Besonderheiten des revolutionären Kampfs in werdenden Nationen oder fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern eigen sind — auf die Perspektive der Hegemonie der Arbeiterklasse verzichten, ihr Programm auf daseiner radikalen liberalen Demokratie reduzieren und die Vorstellung vom Aufbau einer Klassenpartei aufgeben.

5 . Der Marxismus-Leninismusist heure, unter den konkreten Bedingungen der Krise, der Zuspitzung der inner-imperialistischen Widersprüche, der Verbreiterung, der Verschiedenartigkeit und der Komplexität nationaler Erfahrungen im Übergang zum Sozialismus mit neuen Problemen konfrontiert.

Nicht die materialistische und dialektische Grundlage des Marxismus-Leninismus stekken in der Krise, nicht die historischen Subjekte unserer Epoche, sondern viele Formeln, die in Zeiten nicht-revolutionärer Erfahrungen geprägt wurden, vor allem seine Verdrehungen und Entstellungen.

Insbesondere erleben wir eine tiefe Krise der ideologischen und theoretischen Postulate des Dogmatismus, der nur „ein einziges Modell" in der Politik gelten läßt, monolithisch und vor allem unfähig ist, mit bestimmten Aspekten des Übergangs zum Sozialismus —wie dem Verhältnis zwischen Partei und Staat, zwischen sozialistischer Demokratie und Diktatur des Proletariats, zwischen der Hegemonie der Arbeiterklasse und der Entfaltung der Produktivkräfte und der harmonischen Entwicklung der verschiedenen Sektoren der Wirtschaft, zwischen der internationalistischen Verpflichtung und dem tiefen Respekt vor den verschiedenen nationalen Revolutionen - umzugehen.

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7 • Die von Mariátegui herausgegebene Zeitschrift Amauta' brachte den Einbruch eines neuen Klassenstandpunkts in die Geschichte Perus, des Klassenstandpunkts des Proletariats. Von dieser neuen und revolutionären Perspektive aus hat Mariátegui eine erste theoretische und programmatische Synthese der peruanischen Revolution hergestellt, die fruchtbare Verbindung von Marxismus und Nation.

Das Wesen des Mariáteguismus liegt in der Einschätzung, daß — in dem Maße wie die sozialistische Revolution die nationalen Interessen und Ziele aufgreift — das einzige Mittel, um die Revolution in Peru zu einer internationalistischen zu machen, darin besteht, den Sozialismus als das Ende der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und als die Vorstufe des Kommunismus in Persennischem Boden Wurzeln schlagen zu So hat Mariátegui unsere Tradition gedeutet und eine neue Form entwickelt, die Nation zu verstehen. In ihr haben die Bauernschaft und die Bewohner der Anden einen besonderen Platz. Zugleich grenzte sich Amanta deutlich vom kleinbürgerlichen Chauvinismus und Nationalismus ab und unterstrich die internationalistische Aufgabe des Proletariats; er verstand die peruanische Revolution als Teil der Weltrevolution. Beide Aspekte werden auf brillante Weise in dem einen Satz ausgedrückt, mit dem er unser strategisches Ziel umreißt: „Der Aufbau eines neuen Peru in einer neuen Welt." 8. Hinsichtlich der zentralen Probleme der peruanischen Revolution bezieht der Mariáteguismus folgenden grundlegenden Standpunkt: „Der Sozialismus ist sicherlich keine indo-amerikanische Doktrin. Aber keine Doktrin, kein System kann das heute sein, und der Sozialismus, obwohl er, wie der Kapitalismus, in Europa geboren wurde, ist weder eine besondere noch eine spezifisch euroheisigen heit einen besonderen Charakterzug und Stil entwickeln, aber nicht eine besondere Kultur und ein besonderes Schicksal ... Der Sozialismus steht in der amerikanischen Tradition .... Wir wollen nicht, daß der Sozialismus in Amerika einfach eine Blaupause wird. Er muß eine heroische Schöpfung sein. Wir müssen ihn mit Leben füllen, mit unserer eigenen Wirklichkeit, unserer eigenen Sprache, er muß ein indo-amerikanischer Sozialismus sein." In dieser Perspektive entwickelt Mariátegui die sozialistische Alternative, in klarer Abgrenzung zur APRA, die als Vertreterin des Kleinbürgertums die Möglichkeit der Entfaltung des nationalen Kapitalismus propagierte.

Dieser Standpunkt, der die universale und die nationale Entwicklung des Marxismus miteinander kombiniert, überwindet sowohl die These der „eigenen Doktrin", wie sie die APRA vertrat — später der Velasquismus —, als auch jene nachäffende Position, die den Marxismus als Neuauflage anderer nationaler Erfahrungen versteht. Folglich lehrt uns Mariátegui, mit einer dogmatischen Vision des Marxismus zu brechen, und ruft uns statt dessen auf, die universellen Grundlagen des Sozialismus in der Geschichte unseres Volkes und des amerikanischen Kontinents zu suchen.

9. Der peruanische Sozialismus ise für Mariátegui das Ergebnis der Herstellung der politischen, kulturellen und organischen Hegemonie der Arbeiter/innen. Dieses Ziel zieht sich durch das ganze Werk Mariáteguis hindurch: durch Amauta, durch die Rolle, die er den Intellektuellen im Aufbau eines kollektiven Willens zuschreibt. Es schlägt sich auch in seinem Konzept einer Klassenpartei „von Arbeitern und Bauern" nieder, die die Grundlage bildet für unser Parteiverständnis heute. Und es schlägt sich nieder in den unabhängigen Organisationen der Arbeiter: der Confederacion General de los Trabajadores Peruanos (CGTP) und der Partido Socialista (zu Lebzeiten Mariáteguis die Bezeichnung für die kommunistische Partei Perus, d.Red.)

So hat Mariátegui das theoretische und praktische Fundament für die Lösung der grundlegenden Fragen der Revolution in Peru gelegt: er hat eine Strategie für die Massen, für die Errichtung der Demokratie und die Eroberung der Macht entwickelt, die die alte Politik der Kolonialherren überwindet und ihre Wurzeln in der Geschichte des peruanischen Volkes selbst hat. Programmatisch zeichnet der Mariáteguismus eine Strategie der Macht, deren Achse der Aufbau von Organen der Volksmacht in Form von politischen und gesellschaftlichen Massenorganisationen und die Vollendung der Konstituierung Perus als Nation ist. Er strebt die Erringung der nationalen Unabhängigkeit an, die demokratische Lösung des Problems der Nationalitäten Quechua, Aymara und der Ethnien am Amazonas; die harmonische Entwicklung der verschiedenen Regionen des Landes, die volle Verwirklichung der Agrarrevolution und die Übergabe der Kontrolle über die Produktionsmittel an die Arbeiterklasse. Er versteht den Sozialismus als Selbstregierung der Massen.

10. So wie wir die gesellschaftliche Arbeitsteilung aufheben wollen und die Klassenausbeutung, die sie bedingt, wie wir der. Widerspruch zwischen Stadt und Land überwinden und den Aufbau der Nation vollenden wollen, so nehmen wir uns vor, den Widerspruch zwischen Mann und Frau in seiner gegenwärtigen Form als Unterdrückung des einen Geschlechts durch das andere aufzuheben. Obgleich wir überzeugt sind, daß der Mensch Herr und Willensträger über sein Schicksal ist, und die Vorstellung ablehnen, die Taten des Menschen in der Geschichte würden von Kräften gelenkt, die sich seinem Willen entziehen, würdigen und anerkennen wir die unbestreitbare Rolle der religiösen Ideen und Handlungen in der Praxis der Völker.

In Überwindung der freidenkerischen und antiklerikalen Kritik stimmen wir mit Mariátegui darin überein, daß der Marxismus „den Religionen ... ihren Dienst an der Menschheit und ihre Rolle in der Geschichte nicht streitig macht und nicht abspricht". In einer Atmosphäre des Respekts und der Brüderlichkeit beharrt die Partei auf ihrer materialistischen und dialektischen Grundlage und sucht zugleich den Dialog und das Überzeugungsgespräch mit den Mitgliedern in ihren Reihen, die ihrer religiösen Überzeugung folgen ...

11 . Die Strategie der Mache stüz sich auf die Schaffung von Organen der politischen und sozialen Führung, des Widerstands und der Solidarität des Proletariats und der Volksmassen ... Diese Strategie beschränkt sich nicht allein auf die Eroberung der Macht, wie auch der Sozialismus sich nicht allein auf die Überwindung von Hunger und Abhängigkeit beschränkt. Mariätegui propagiert eine vollständige Revolution, die „das Brot und die Schönheit" erkämpft; einen Sozialismus, der das imperialistische Joch abschüttelt, den Aufbau der Nation vollendet und bis zur Verwirklichung einer klassenlosen Gesellschaft geht, der kommunistischen Utopie, die Karl Marx skizziert hat.

Im Rahmen der peruanischen Gesellschaft ist der Mariateguismus eine neue, marxistischleninistische Form, Politik zu machen. Er nimmt Gestalt an in einer neuen Parteikonzeption. Er bedeutet eine qualitative Überwindung der Politik und der Parteien der Demokraten-Liberalen, auch der Sozialreformisten, und vertritt einen Klassenstandpunkt, der sich niederschlägt im Programm, in der Organisation und den Formen des Kampfes, deren Achse die direkte Demokratie ist.

Der historische Markstein für diese Perspektive ist die Oktoberrevolution. Ihre Basis hat sie jedoch in den nationalen Klassen und Traditionen ... Nach dieser Auffassung schließt der peruanische Sozialismus als vorausgehende Etappe die national-demokratische Revolution mit ein und findet eine seiner wichtigsten Grundlagen in der Dorfgemeinschaft. Für den Mariáteguismus stellt sich die Klassenpartei als eine proletarische Partei dar, die jedoch eingebettet ist in die Gesamtheit der produzierenden Klassen. Er verbindet in der revolutionären Aktion Kämpfe um gesellschaftliche Forderungen mit dem politischen Kampf im bürgerlichen Staat ... Für ihn ist die Partei zugleich Massenpartei und Führungsinstrument, Organisation der Avantgarde ...

Die PUM ist gegen den populistischen „Caudillismo" und gegen dogmatisches Sektierertum; sie ist als Kollektiv und in jedem einzelnen ihrer Mitglieder die Partei des aktiven und praktischen Realismus, des arbeitenden und umsetzenden Willens, der konkreten und energischen Aktion, der wissenschaftlichen und experimentellen Methode* Daraus folgt sonnenklar, daß der so verstandene Mariáteguismus sich nicht erschöpft in den Organisationen, die gegenwärtig am Prozeß der Vereinigung teilnehmen, und daf diese nicht dessen Alleinerben sind. Wir sind weder die ersten noch die einzigen, die sich auf die Person und das Vermächtnis José Carlos Mariáteguis berufen. Im Gegenteil,