Ideologisch degeneriert, aber sozial verankert — Mit der Arbeiterbewegung hat SL nichts am Hut
Für die peruanische Regierung ist es eine Bande von Mördern und Verbrechern. Die bürgerliche Presse und die imperialistischen Kreise bringen ihn mit der Drogenmafia in Verbindung. Die reformistische Linke, die schon zusammenzuckt, wenn sie vom bewaffneten Kampf reden hört, behauptet, es seieneinfache Provo- Iván PAREDES kateure. Keine dieser Charakterisierungen, die nicht zufällig die Verteidigung der bürgerlichen Ordnung zum Inhalt haben, trägt der Komplexität des Phänomens Rechnung. Nach dem Massaker an 400 politischen Gefangenen und Mitgliedern des Sendero Luminoso ist die Debatte um ihn wieder aktuell geworden. Wir drucken dazu einen Beitrag aus der lateinamerikanischen Ausgabe von Inprecor ab.
Der Ursprung
Die Partido Comunista Peruano - Sendero Luminoso (SL) ist aus der Spaltung der prosowjetischen peruanischen KP (PCP) im Gefolge des chinesisch-sowjetischen Konflikts 1964 hervorgegangen. 1969 spalteten sich die Maoisten an der Frage, wie die Militärregierung von Velazco Alvarado zu charakterisieren sei. Die eine Fraktion, PC del Peru — Patria Roja, charakterisierte sie als bürgerlichreformistisch; die andere, PCP Bandera Roja, als faschistisch — später verglich sie sie mit Pinochet. Letztere spaltete sich 1970 noch einmal an Differenzen über den Parteiaufbau. Während die Gruppe um Saturnino Paredes bereit war zur legalen Arbeit, propagierten Abimael Guzman und seine Partico Comunista Peruano — Sendero Luminoso die reine Arbeit im Untergrund.' Während der ersten Zeit der Militärdiktatur stellte Sendero Luminoso seine Aktivität im großen und ganzen in den Rahmen der revolutionären Linken, obwohl er nicht frei war von groben opportunistischen und sektiererischen Fehlern. Als Velazco die Zeitungen der geschwächten Oligarchie 1974 enteignete, unterstützte SL. Störaktionen der reaktionären Jugend. In seinen Augen waren dies Vertreter der „liberal-demokratischen Bourgeoisie , die gegen den Faschismus kämpfte. 1977 stellte sich SL. gegen den ersten nationalen Streik, der den Zerfall der Militärdiktatur einleitete. In seinen Augen war der Streik „national-imperialistisch und städtisch" d.h. eine Provokation, die mit dem Gesetz brach, wonach die Revolution vom Land in die Städte getragen wird. Es eröffnete sich eine tiefe Kluft zwischen SL und dem Rest der Linken. Seine Beteiligung an den Massenkämpfen der Jahre 1977—1979 war marginal. 1978 setzte die von der Massenbewegung bereits erschütterte Militärregierung- Wahlen zur Konstituierenden Versammlung an. Die revolutionäre Linke, die sich in der Frente Obrero, Campesino, Estudiantil y Popular (FOCEP) zusammengeschlosesn hatte, erhielt 12% (ca. 300000 Stimmen) bei den Wahlen. Bekannte Führer von Massenkämpfen und gesellschaftlich engagierte Persönlichkeiten wie Hugo Blanco, Genaro Ledesma, Ricardo Napuri, Manuel Escorza und andere wurden ins Parlament ge- wählt. Sendero Luminoso rief zum Wahlboykott auf, in Übereinstimmung mit seiner Analyse, Peru sei eine ,halbkoloniale und halbfeudale Gesellschaft, in der es keine bürgerliche Demokratie geben kann" . Die Senderistas gingen in das Zentralhochland und in den Süden. Sie zogen sich aus den Universitäten zurück, gaben ihre politische Arbeit in den Bergwerken und Fabriken auf und verkündeten, sie bereiteten sich auf den bewaffneten Kampf vor. 1979 begannen sie mit ihren Aktionen und dem, was sie den „verlängerten Volkskrieg" nennen. Die Verankerung 1980 begann Sendero still und geduldig mit der politischen Aufbauarbeit in Ayacucho und anderen Regionen des südlichen Andenhochlands. Sozio-ökonomisch gesehen, ist dies eine der wirtschaftlich heruntergekommensten Regionen Perus. Auch die Provinzen Huancavelica, Apurimac und Algunos zählen zu dem Gebiet, in dem Sendero Luminoso mit dem Volkskrieg begann. Einige Zahlen vermitteln eine Vorstellung vom Grad der Verelendung in diesen Regionen. In Ayacucho leben 63% der 500000 Einwohner von der Subsistenzwirtschaft; es gibt hier praktisch keine Produktion für den äußeren Markt. Die Bergbauprodukte werden exportiert, ermöglichen aber nur gering- Trag jah fügige Reinvestitionen. Das Handwerk herrscht vor (Weber, Steinmetze, Holz- , schnitzer, Keramikherstellung). Die staatlichen Investitionen in dieses Gebiet betrugen 1968-1980 durchschnittlich 0,6% seiner Gesamtinvestitionen. Am dramatischsten sind die Zahlen, wo es um den Zugang und die Leistungen der sozialen Einrichtungen geht: fast 60% der aktiven Bevölkerung sind Analphabeten; 1980 gab es 30 Ärzte und 16 ' Alle maoistischen — oder albanischen - Gruppen betrachten sich als _die von Mariategui gegründete Partei". Diese Partei wurde ihrer Meinung nach von einer „sozialdemokratischen" Kamarilla zerstört, jedoch ohne Kenntnis Stalins. Diese Kamarilla entwickelt sich zum _Revisionismus", verkörpert durch die prosowjetische PCP — Unidad. Im Einklang mit dieser Vorstellung pflegte Abimael Guzman sein gesamtes Material mit dem Titelkopf _Für den leuchtenden Pfad von Joie Carlos Mariategui" zu versehen und damit das mariateguistische Erbe fürsich zu reklamieren.
Zahnärzte (1 auf 17000 Einwohner); die Lebenserwartung liegt bei 45 Jahren, das ist das Niveau der ärmsten Länder der Welt; 68% der Bevölkerung wohnt auf dem Land und entbehrt Trinkwasser und Elektrizität. Von den 32%, die in den Städten leben, verfügen nur 7% über fließendes Wasser. In der Marginalisierung. Verelendung, Vergessenheit leben nicht nur die Landbevölkerung und die Armen in den Städten, sondern auch lokale Machthaber, Händler und gamonales?. , die vom Zentralismus der Hauptstadt Lima abgehängt wurden. Die Mehrheit der Produzenten sind kleine Ladenbesitzer, Mitglieder von Dorfgemeinschaften und landlose Bauern. Die Landarbeit deckt gerade den Nahrungsmittelkonsum der Familien. Damit sind sie gezwungen, sich als Tagelöhner auf den Gemeinschaftsfeldern anderer Bauern zu verdingen oder wegzuziehen. Die reichsten Bauern haben das Jahreseinkommen eines Grundschullehrers in dieser Gegend. Ähnlich geht es den „gebildeten Leuten" — Apothekern, Advokaten, Beamten, Händlern und anderen privilegierten Schichten der Bevölkerung. Die Grundbesitzer sind, was ihre Produktionsweise anbelangt, auf dem Niveau der 40er Jahre stehen geblieben. Hierbei ziehen wir nicht den spürbaren, wenngleich nicht quantifizierbaren Sektor des Drogenhandels in Betracht, der offenkundig eine wichtige Rolle spielt. Das zweite Element, das diese Region 16 INPREKORR Nr. 186 prägt, ist die Universidad Nacional San Christobal de Huamanga (UNSCH), die 1959 gegründet wurde. Durch ihre pure Existenz hat die Universität die Gesellschaft in Ayacucho radikal verändert, in breiten Teilen der bäuerlichen Mittelschichten ein „soziales Gewissen" geweckt und sie für die Ideen des gesellschaftlichen und kulturellen Wandels gewonnen. Als die „fortschrittliche" Regierung Velazco 1970 versuchte, Studiengebühren einzuführen, bildet sich die Frente de Defensa de los Intereses del Pueblo (FEDIP — Front zur Verteidigung der Interessen des Volkes). Diese bündelte den Protest der Bevölkerung und leistete der Repression, die die Militärregierung in der ersten Phase der Diktatur in dieser Region entfesselte, Widerstand Das dritte Merkmal ist die Abwanderung vom Land in die Städte und die Zurücksetzung der Provinzen hinter den staatlichen Zentralismus der Hauptstadt, sowie die Privilegierung der Sektoren Bergbau und Erdöl zu Lasten der Landwirtschaft. Viele von denen, die nach Lima zogen, konnten ihre Lage nicht bessern und kehrten wiederin die Provinz zurück, belastet mit antistädtischen Ressentiments. Andere leben arbeitslos in den Elendsvierteln der Küstenstädte. Diejenigen, die Zugang zur Universität der Hauptstadt erhielten, mußten sich ihren Lebensunterhalt als Straßenhändler verdienen, weil es für sie keinen Platz gab, ihren Beruf auszuüben. Die Mehrheit der Aktivisten von Sendero Luminoso entstammt diesen sozialen Schichten.
Im großen und ganzen ist Sendero Luminoso das Produkt der Kombination dieser Faktoren. Ungeachtet seines Dogmatismus und seiner Focus-Strategie ist SL nicht „jemand von außen"
braucht sich auch nicht als Einheimische zu verkleiden. Die Senderistas leben nun 15 Jahre in Ayacucho, tragen Sandalen und Ponchos, haben Familien gegründet und sich hier niedergelassen. Sie sind sozial verankert und haben sich kulturell in ihre Umgebung integriert. Das heißt: man kann nicht kategorisch behaupten, Sendero finde keine Unterstützung in der Bevölkerung. Zumindest auf dem Hochland tut er das.
Programm und Ideologie
Die theoretischen Konzepte von Sendero Luminoso gehen auf die stalinistische schen Revolution zariok unmakratie Konzeption der Notwendigkeit, mit dem nationalen Bürgertum einen Block zu schließen, um die erste Etappe im revolutionären Prozeß (die feudale und antiimperialistische) hinter sich zu bringen. Die Strate- 2 Der Begriff des «gamonalismo" umfaßt Großgrundbesitzer, aber auch Beamte, Mittelsmänner und alle Arten von Schmarotzern.
Nr. 26/I1 - 10/86 die Internationale
Mariátegui und die peruanische Revolution
AMAUTA
Vom 3. - 5. Oktober findet in Hamburg ein Kongreß über Mariátegui und Gramsci statt. Er drückt das gesteigerte Interesse der Linken in der Bundesrepublik an dem marxistischen Denker aus, der wie kein anderer den Marxismus in Lateinamerika eingeführt und verbreitet hat, zugleich aber, mit Hilfe der marxistischen Methode, nach den eigenständika suzehatüreinen Sozialismus in Lateinameri- Die Unabhängigkeit seines Denkens macht ihn heute wieder für den Teil der lateinamerikanischen Linken attraktiv, der mit dem Sektierertum und dem Dogmatismus der 70er Jahre, den „vorgefertigten Konzepten" ', gebrochen hat und von Mariátegui die unabhängige, marxistische Analyse lernen Ein Ausdruck davon ist die neue Mariáteguistische Partei in Peru (PUM); deren Gründungserklärung drucken wir hier ab. Die peruanische Sektion der DIRECTOR: IV. Internationale, die PRT, hat sich jetzt der JOSE CARLOS MARIATEGUI PUM angeschlossen. Im folgenden ein Interview mit einem Genossen der PRT über die Gründe für diesen Schritt. Außerdem eine kurze Darstellung von Leben und Werk Mariáteguis.
José Carlos Mariategui wurde am 14. Juni 1894 in Moquegua, im Süden Perus, aus aristokratischer und bäuerlicher Familie geboren. Mit 14 Jahren begann erals Hilfsarbeiter in einer Druckerei, in der alsbald zum Redakteur avancierte. Von 1916-1919 erlebt der anfänglich hauptsächlich literarisch interessierte und tief religiöse Mariátegui als Mitarbeiter einer modernen bürgerlichen Zeitung hautnah die politischen Auseinandersetzun gen innerhalb der herrschenden Oligarchie. Ende 1918 führt ein monatelanger Streik in der Textilindustrie für den 8-Stunden-Tag dazu, daß Mariátegui sich den Problemen der Arbeiterbewegung zuwendet, die bürgerlichen Redaktionsstuben verläßt und eine cigene sozialistische Zeitung, La Razon, gründet. Innerhalb von drei Monaten steigt deren Auflage von 300 auf 8000 Exemplare. Nach der Niederschlagung des Streiks wird La Razon geschlossen und Mariátegui die Verhaftung angedroht. Er emigriert nach Europa. Paris, Italien, Österreich, Deutschland und Ungarn sind die Stationen seiner Reise. Vor allem in Italien studiert er die sozialistische Bewegung, die Massenkämpfe der italienischen Arbeiter, den Faschismus. Hier lernter Gramsci und die Kommunistische Partei kennen. 1923 kehrt er nach Peru zurück. Hier widmet er sich dem Studium der Geschichte Perus und seiner Einbettung in den kapitalistischen Weltmarkt. Er gründet die Zeitschrift Amanta, beteiligt sich an der Gründung des Dachverbands der peruanischen Gewerkschaften. Bis 1928 arbeitet er in der APRA mit; dann bricht er mit Haya de la Torre und gründet die Sozialistische Partei Perus, die 1930 der Komintern beitritt. Er stirbt im Alter von 35 Jahren am 16.4.1930. Was Mariátegui zum Anhänger der kommunistischen Bewegung machte, war die Beobachtung, daß die bolschewistischen Führer, im Gegensatz zur 2. Internationale, den Sozialismus nicht auf die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder beschränken wollten, sondern sich als Avantgarde der Weltrevolution verstanden, die ohne den Beitrag der Völker Asiens, Lateinamerikas und Afrikas nicht möglich sein würde. Er stellte sich daher die Aufgabe, den Beitrag zu bestimmen, den die lateinamerikanischen Völker zur Weltrevolution leisten könnten, und erarbeitete die Grundlagen des peruanischen Sozialismus.
Nach Ansicht Mariáteguis hat sich die bürgerlich-liberale Ideologie in Peru, anders als in Europa, in den 100 Jahren seit der Unabhängigkeitsrevolution unfähig gezeigt, die Mehrheit der Bevölkerung aus den Fesseln der vorkapitalistischen, feudalen Produktion zu befreien. Die peruanische Bourgeoisie ist ein Abkömmling der grundbesitzenden Kolonialherren. Sie hat hauptsächlich in den Salpeter- und Guanobergwerken investiert, war jedoch zu träge, sich nach und nach alle Wirtschaftsbereiche zu unterwerfen und neue Produktionsmethoden zu entwickeln. So öffnet sie schließlich dem ausländischen Kapital Tür und Tor, anfangs hauptsächlich in der Zuckerindustrie.
Die Unabhängigkeitsrevolution war nicht das Ergebnis eines Zusammenpralls zwischen dem Bürgertum und der Aristokratie. José Carlos Mariátegui