Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Chile

Die Armee ist noch geschlossen

· Inprekorr Nr. 186, Oktober 1986 · S. 4-5 · 915 Wörter

Chile

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

Die Armee ist noch geschlossen A. DUBOIS gab es in Militärkreisen hinter | seinesgleichen und von der vorgehaltener Hand eine US-Botschaft gewünschten Kontroverse darüber. Am 21. Richtung.

Juli mußte Pinochet zugeben, Die Herren dieser Botschaft daß es 1989 ein Plebiszit , mit sind rührig. Für Washington einem von den Streitkräften ist es oberste Priorität, daß die ausgewählten Kandidaten" chilenische Armee bleibt. geben wird (APS/, 14.—27.7. Tor Gamini der Gesal, der 1986). Aber der Diktator hielt sämtliche US-Openoch etwas in Reserve: er fuhr rationen in Südamerika vereinen Gegenangriff, indem antwortlich ist, erklärte dies er versuchte, für den 10 Anfang August in Santiago September eine riesige Kund- ausdrücklich: Ich habe Pinogebung auf die Beine zu stel- chet gesagt, dals ich hierhergelen. Seine Halsstarrigkeit ist kommen bin. um die chilezwiespältig. Einerseits zahlt nischen Streitkräfte besser sie sich für ihn aus, weil die kennenzulernen; dabei habe gespaltenen bürgerlichen ich im Kopf, daß unter den Kräfte nicht übereine konkre. Regenwärtigen Umständen te Regierungsalternative ver- gute Beziehungen zwischen fügen, was ihr Projekt brüchig unseren Ländern, vor allem erscheinen lkßt. Auf der ande- was die militärischen Verbinren Seite führt Pinochets Un- dungen betrifft, sehr wichtig nachgiebigkeit zur Zuspit- sind." (L'Unita, 8.8.1986) Die zung aller Oppositionsbewe- Reagan-Administrationsucht gungen. Sie beschwört die Ge- eine Alternative zu Pinochet. fahr herauf, daß die Widersprüche der Gesellschaft auch in die Streitkräfte eindringen, Einige Sektoren des Bürgerdie bislang sehr homogen tums, die sich darüber im klasind. Zahlreiche Berufsoffi- ren sind, wieviel sozialer Exziere wollen, daß das Militär als Institution den kalten hat, ändern ihre politische plosivstoff sich aufgehäuft Übergang garantiert und Einstellung. Die Großunterstärker aus dem politischen Hin und Her dieses schwieri- nehmer, die sehr großen Wert auf Stabilität legen, öffner gen Wandels herausgehalten ich gegenüber der Opposi wird, damit es nicht Gefahr tion. Die „Mittelklassen" verläuft, durch die neue „demo- suchen, sich an die Spitze der kratische Ordnung" an den Mobilisierungen zu setzen Pranger gestellt zu werden. und das Wasser auf ihre Müh- Die Initiativen Pinochets ge- len zu leiten hen also nicht stets in die von Der Christdemokrat Andres

Seite 5

PINOCHET

DUMBO

ULPABLE

Zaldivar enthüllt die wahren Movimiento de Izquierda Re- dem Historiker der kubani- Sorgen der bürgerlichen Poli- volucionaria (MIR — Bewe- schen Revolution, stammt). tiker, selbst wenn er die Dinge gung der Revolutionären Lin- Oder setzt sie darauf, daß Piüberzogen darstellt, um seine ken), die im MDP vereinigt nochet jegliche Alternative Argumente zu unterstrei- sind, haben nach dem 2. und 3. abblockt? Versucht sie, den chen: „Was wird geschehen , Juli eine politische Wende bürgerlichen sagte er, wenn morgen vollzogen. Die PCCh erklärte „kalten Übergang" 150000 Menchen aus den Ar- sich bereit, eine Militärregie- sehweren, sie politisch an den menvierteln, die heute gedemü- rung ohne Pinochet hinzu- Rand zu drängen, die Massentigt werden', eine politische nehmen, eine Regierung, die bewegung für sich einzuspan- Führung finden und in Santia- sofort die im Acuerdo nacio- nen, um sich letztlich als die go auf die Straße gehen ... Wir nal enthaltenen Forderungen Kraft präsentieren zu können, wissen, daß in bestimmten po- erfüllen müsse (La Repubbli- die die Rückkehr zur Demoblaciones Schußwechsel zwi- ca, 6.8.86). Der MIR erwärmt kratie herbeigeführt hat? Dieschen Militärs und Zivilisten sich für die Idee einer „Not se Frage muf gestellt werden. stattgefunden haben. Wer das standsregierung", ist jedoch Die Antwort wird in den komnicht sieht, ist blind. Wirstehen gegen einen „Nationalpakt" menden Wochen gegeben am Rand der Katastrophe." mit den bürgerlichen Kräften. werden. Die Kräfte der MDP (APSI, 14.—27.7.86). Es ist Zugleich ruft er zur „ Verstär- werden zeigen, ob sie die eialso keineswegs ein Zufall, kung der Volksbewaffnung" genständige Organisierung der christdemokrati- auf. der Volksmassen und deren sche Führer der Asamblea de Mobilisierung für ihre demola Civilidad Jose Luis Gonza- Die PCCh scheint also eine kratischen und sozialen Rechlez den Kräften des Movi- Strategie einzuschlagen, die te, auch im Rahmen der Aufmiento Democratico Popular Verhandlungen mit den rufe der Asamblea de la Civili- (MDP Demokratische Streitkräften einschließt, so- dad, einem Abkommen mit Volksbewegung), die über Be- fern diese darauf eingehen. den Streitkräften für rufsverbände und Gewerk- Drückt diese Orientierung ei- Wandel in der Kontinuität schaften in der Asamblea ver- ne Rückkehr zu ihrer traditio- unterordnet - oder nicht. Zu treten ist, angedroht hat, man nellen Strategie aus? In diesem einem Zeitpunkt, da die mitwerde sich von ihnen abgren- Falle würde sie Palmiro To- telamerikanische Revolution zen und sie verurteilen, „in gliattis Entscheidung von unter Beschuß steht, ist der dem Fall, daß sie zu Gewaltta 1943 wiederholen, als die PCI Ausgang des Kampfs gegen ten anstiften würden" (Inter- den General Pietro Badoglio die Diktatur in Chile entnational Herald Tribune, unterstützte, damit er den scheidend für die Zukunft der 8.7.86). Dabei ist solche Ge- Übergang vom faschistischen Völker Lateinamerikas. walt nur legitime Selbstvertei- Regime zu einem Militärregidigung gegen das Militär und me bewerkstellige (eine Ana- Aus: La breché (Lausanne) , die Polizei. logie, die von Saverio Tutino, 23.8.1986)

1 Diese Demütigung kann mit einer einzigen Zahl plastisch belegt werden: 1969 lebten Die Partido Comunista de 4,7 % der Bevölkerung in einer Situation „extremer Armut*, 198) waren es 31,6 %: seither ist der Anteil noch gestiegen.

Chile (PCCh - Kommunisti- 2 Der Acuerdo nacional (Nationales Abkommen) wurde unter der Schirmherrschaft von Monsenor Juan Francisco Fresno, dem Kardinal und Erzbischof von Santiago, sche Partei Chiles) und der von bürgerlichen und sozialdemokratischen Politikern im August 1985unterzeichnet.