Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Ausdehnung der Frauenbewegung Indiens

· Inprekorr Nr. 185, September 1986 · S. 9-12 · 2.107 Wörter

Frauen Indien und Südasien

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Von der Unabhängigkeit bis Mitte der 70er Jahre war die Frauenbewegung in Indien inexistent. Doch seither hat sie sich dafür umso schneller aller Themen und Regionen bemächtigt. ersetzen, braucht man Geld, wohin ge- Verbot des Säuglingsmords und der Vibhuti Patel gen eine Frau auszutauschen nicht nur Praktizierung von sati (. Witwenverleichter, sondern unter bestimmten brennung", bei der Verbrennung der Umständen sogar verdienstlich ist. Leiche des Ehemanns über das Feuer

Der Beginn des UNO-Jahrzehnts der Frauen gelten als finanzielle Belastung gehen). Während des Unabhängigkeits- Frau 1975 fiel für Indien mit einem Auf- der Familie, und deshalb ist die Tötung kampfs sah Mahatma Gandhi das Potschwung in Aktivitäten und Debatten weiblicher Neugeborener keine seltene ential, das die Frauen für die nationale zu Frauenangelegenheiten zusammen, Erscheinung. Eine weitere Quelle des Sache darstellen könnten. Er appellierte nachdem drei Jahrzehnte seit der Unab- Feminismus ist, daß Frauen als Ver- an „Mütter" und „Schwestern", um seihängigkeit sich nichts geregt hatte. In suchstiere für Mittel zur Geburtenkon- nen gewaltfreien Kampf zu stärken. den größeren Städten zunächst, später trolle herhalten müssen. Im Westen Weibliche Freiwillige führten Kampagaber auch in Mittelstädten und ländli- kämpfen Feministinnen für das Recht nen gegen Alkohol, Mitgift und Importchen Zentren wurden Frauengruppen auf freie Abtreibung, in Indien gab es güter und nahmen massenhaft an Degebildet. Der Anstoß zu dieser Entwick- dagegen während der Zeit des Ausnah- monstrationen und Märschen teil. lung waren die Zustände unter dem von mezustands eine Kampagne der Die Früchte der Retormbewegungen Indira Gandhi verhängten Ausnahme- Zwangssterilisierung unter der Schirm- des 19. Jahrhunderts und des Aufrufs zustand. Das kann man nicht geradezu herrschaft der Weltbank. zum Unabhängigkeitskampf bestanden eine vorzeitige Entwicklung nennen. für die indischen Frauen wenigstens in Denn indischen Frauen wird auf allen Liberale Ursprünge einigen liberalen Gesetzesklauseln. Zu- Ebenen der Gesellschatt Gewalt getan mindest auf dem Papier garantiert die - in der Familie, am Arbeitsplatz, durch Die Entstehung der Frauenbewegung Verfassung Indiens den Frauen gleichen den Staat, in der Stadt wie auf dem Lan- Indiens kann bis ins 19. Jahrhundert Status. Ihre überwältigende Mehrheit de. Das Leben einer Frau gilt immer zurückverfolgt werden. Liberale engli- gegen Forstbeamte und Holzfirmen (in noch geringer als das eines Tieres. Die sche Bürokraten und ihre Ehefrauen un- hat jedoch bis heute noch kein Fitzel- Logik ist simpel: um ein Nutztier zu terstützten Reformbewegungen zum chen davon gesehen. Nr. 185, September 1986 Seite 9

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Vor den 70er Jahren gab es keine Versuche, Frauenkämpfe wiederzubeleben. Die dann einsetzende Aktivität fiel mit dem Ausnahmezustand und der Beschneidung der demokratischen Rechte zusammen. Jugendarbeitslosigkeit und sich verschlechternde Wirtschaftsbedingungen sorgten damals für wachsende Unruhe im Lande. Kampagnen gegen Preissteigerungen in den Bundesstaaten Gujarat und Maharashtra zogen Frauen aus den unteren und mittleren Klassen an. In Baroda wurde das erste Frauenkomitee gegen Preissteigerungen im August 1974 in einer Welle von Begeisterung gegründet. Politikerinnen der Oppositionsparteien reisten zur Gründungssitzung extra aus Bombay an. Etwa 600 Frauen, in erster Linie aus der Mittelklasse wurden Mitglied dieser Organisation.

Als nächstes spielten Frauen eine entscheidende Rolle im historischen Eisenbahnerstreik von 1976. Sie führten selbständig Kampagnen und Demonstrationen zur Unterstützung der streikenden Männer durch und widerstanden dabei allen nur denkbaren Erniedrigungen und sexuellen Übergriffen. Drei Jahre später kam es zur Bildung der Chipko- Bewegung. Stammesfrauen rebellierten den Himalaya-Distrikten), die Arbeiter aus Nepal herangeschafft hatten, um die für das Sammeln von Feuerholz wichtigen Wälder in ihrer Umgebung abzuholzen. Über hundert Polizisten kamen den Männern mit der Axt zu Hilfe, aber am 1. Februar 1978 gelang den Stammesfrauen deren Vertreibung.

Rasantes

Wachstum

Es waren die Erfahrungen mit diesen Bewegungen, die in Indien zum erstenmal eine ernsthafte Diskussion um frauenspezifische Probleme auslösten. Viele Frauen, vor allem mit höherer Schulbildung, traten radikalen und linken Studentenorganisationen und Gewerkschaften bei. Aber rasch schon sahen sie sich durch die sexistische Haltung der Führer enttäuscht. In der gleichen Zeit wuchs die Unzufriedenheit von Frauen innerhalb der etablierten politischen Parteien mit deren Unfähigkeit, sich überhaupt mit Frauenangelegenheiten zu befassen.

Es kam zur Bildung erster von den politischen Parteien unabhängiger Organisationen. Die erste und vielleicht die größte der frühen feministischen Gruppen war die Progressive Organization of Women in Hyderabad, die 1974 eine Mitgliedsstärke von 5000 hatte und in engem Kontakt zu radikalen Studentengruppen stand.

1975 war für die Frauenbewegung dann ein wichtiges Jahr: eine Vielzahl von Konferenzen, Komitees und Studiengruppen kam zustande. Eine Konferenz in Bombay brachte 800 Frauen zusammen, die meisten davon Arbeiterinnen aus der Stadt, obwohl die Konferenz von den linken Parteien boykottiert worden war. Als nächstes wurde Stree Mukti Sangathana gegründet, eine gemeinsame Idee einer Versammlung von berufstätigen Frauen der Mittelklasse. Diese Gründungskonferenz wurde auch wieder von 800 Frauen besucht, die aus allen Teilen des Bundesstaates Maharashtra kamen. Die Konferenz diskutierte über Fragen der Religion, des Kastenwesens, des Aberglaubens und der erniedrigenden Gebräuche. Ihre Botschaft war die der Einheit aller Frauen der Arbeiterklasse gegen dieses vielköpfi ge Ungeheuer der Versklavung. Ein weiterer Schritt in diese Richtung war dann die Gründung der Self-Employed Women's Association (SEWA), die in Ahmedabad unter Textilarbeiterinnen, bidi- (Laubblattzigaretten-) Arbeiterinnen und Beschäftigten in anderen, eher handwerklichen Industrien. Heute hat sich SEW A über viele Städte und Dörfer in Mittelgujarat und Saurashtra ausgedehnt.

Die 1977 in Bombay gebildete autonome Socialist Women's Groupist bis heute besonders bei der Unterstützung der Frauen der Arbeiterklasse aktiv. Im April 1978 war sie Gastgeberin einer Aktivistinnenkonferenz, die Teilnehmerinnen aus allen Landesteilen anzog. Aus dieser Konferenz heraus entstand das Bulletin Feminist Network, das nunmehr seit Juli 1978 erscheint. Etwa zur gleichen Zeit entstand Manushi, die erste nichtkommerzielle, feministische Frauenzeitschrift Indiens. Sie wurde rasch zur Stimme der gesamten Frauenbewegung Indiens und spielt eine tonangebende Vorreiterrolle in den Debatten der Bewegung.

Die SWG-Konferenz gebar auch das Womens's Liberation Coordination Committee, das selber wiederum 1979 eine erfolgreiche Konferenz organisierte, an der Stammesfrauen aus Bhulia, Dahnu und Nagpur teilnahmen, Arbeiterinnen aus Sholapur, Puna und Bombay, Unberührbare aus Marathwada, Tempelhuren und Tabakarbeiterinnen aus Niparu und viele andere mehr. Die dort aufgestellten Forderungen umfaßten garantierte Arbeitsplätze, Kinderkrippen, Arbeiterinnenwohnheime, Quotierung der Stellen in Regierungsabteilungen und Sondergerichtshöfe zur Untersuchung von Übergriffen gegen Frauen. Seither hat sich das Koordinationskomitee zwei oder dreimal im Jahr getroffen.

Ein zentrales Thema wurde in der Zeit danach Polizeigewalt gegen Frauen. Durch die Medien kamen viele Vorfälle ans Licht. Der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte war jedoch der Fall des Mädchens Mathura im März 1978, die auf einer Polizeistation in Chandrapur von zwei Polizisten vergewaltigt wurde.* Die beiden Polizisten wurden vor Gericht für nicht schuldig befunden und Mathura lockerer Moral angeklagt. Die nächste Instanz hob diesen Beschluß auf, aber der Oberste Gerichtshof bestätigte ihn erneut mit der Behauptung, Mathura habe dem Geschlechtsverkehr zugestimmt. Jedenfalls wurde daraufhin eine massive nationale Kampagne gestartet, die eine Erweiterung des Para graphen über Vergewaltigung verlangte Während die Kampagne stärker und stärker wurde und sich im ganzen Lande kleine Gruppen zu diesem Thema bildeten, kamen ständig neue Fälle von Massenvergewaltigung zum Vorschein. (In Narayanpur z.B. hatten Hindus der Oberkasten unter Augenzwinkern der Polizei Dutzende „unberührbare" Frauen vergewaltigt.

Gewalt gegen Frauen zentrales Thema

Die ideologischen Differenzen, die unter den verschiedenen Gruppen bestanden, die zum Thema Gewalt gegen Frauarbeiteten, wurden auf einer nationalen Konferenz im November 1980 glattgebügelt. Diese Konferenz war von der Bombayer Gruppe Forum against Rape, die im Januar desselben Jahres gegründet worden war, organisiert und hatte die Unterstützung von Ärzten, Rechtsanwälten, Journalisten, Lehrern und Wissenschaftlern (Männern und Frauen). Die Konferenz ent wickelte die Forderung, daß Vergewaltigungsopfer zu Hause verhört werden sollten, daß sofort medizinische Untersuchungen durchzuführen seien, die dann den Gerichten vorgelegt werden, und daß die sexuelle Vorgeschichte des Opfers nicht als Beweismaterial angeführt werden darf. Die Konferenz drang darauf, daß Vergewaltigung in der Ehe strafbar wird und daß die Pressezensur zu diesen Themen aufgehoben wird Zum Thema Gewalt gegen Frauen ist es gelungen, eine massive Entfaltung der öffentlichen Meinung auszulösen. Unter diesem Druck entschloß sich die indische Regierung schließlich, eine Kommission zur Überarbeitung der Gesetzzebung zu Vergewaltigung einzusetzen Die bis heute einzige Anderung, die dar aus hervorgegangen ist, sind Bestimmungen über die Nichtöffentlichkeit der Verfahren und den Schutz der Identität des Opfers; außerdem wurde Vergewaltigung in der Ehe zur Straftat gemacht, wenn die Frau unter 15 ist. Außer der Kampagne zu Vergewaltigung gab es noch welche zu Mitgift und Brautpreis. Auf nationaler Ebene wurde von den Frauenorganisationen das Thema der Verbrennung von Frischvermählten aufgeworfen — eine häufige Erscheinung, wenn die Braut zu wenig

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Am 6. Mai entband das indische Parlament moslemische Männer von der Unterhaltspflicht für geschiedene Frauen. Die Frauenbewegung hatte anläßlich einer Musterklage gegen die bis dahin übliche gewonnheits• rechtliche Anwendung der Sharia mobillsiert, die nunmehr legalisiert ist. Im Bild: moslemische Frauen demonstrieren für die Sharia.

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Mitgift einbringt. Auch andere Formen von familiärer Gewalt wurden aufgegritfen; in Gujarat und Maharashtra helfen Organisationen wie /yotisanth (in Ahmedabad) Frauen, die innerhalb ihrer Familie geschlagen werden. Frauenhäuser wurden in Bombay und Puna gegründet; das Frauenzentrum in Bombay und Stree Adhar Kendar in Puna gehen nach der Methode der „gegenseitigen Beratung" vor, indem sie Frauen, die sich in gleicher Lage befinden, zusammenbringen.

Die indische Frauenbewegung kämpft heute auf einer breiten Themenfront, von Sexismus in den Medien und in der Kultur bis zu Rechten für die davdasis — die Tempelhuren, die meist zugleich tagsüber Tabakarbeiterinnen sind und von ihren Eltern dem Tempel gewidmet wurden. Die letztgenannte Kampagne hat zu einer weiteren Organisation geführt, der Devdasi Bhagini Punarvasan Perishad, deren Ziel die Reintegration der devdasis und die Anerkennung ihrer Kinder ist. Inzwischen haben Aktivistinnen in Bombay und Nagpur begonnen, die Frauen in den Elendsvierteln in einer Kampagne für ein gesicherteres Leben zu organisieren. Hausangestellte haben auch begonnen, sich zu organisieren und eigene Gewerkschaften zu schaffen. Dabei stellen sie die Lebenseinstellungen der Aktivistinnen aus den oberen Mittelklassen in Frage. Keine dieser Aktivitäten fand die Anerkennung der politischen Parteien, die allesamt von großem Mißtrauen gegenüber den Feministinnen angenagt sind Desinteresse der politischen Parteien

Sogar andere progressive und radikale Organisationen haben damit reagiert, daf sie sagten, diese jungen trauen kämpften für Belanglosigkeiten und seien bei Kampten der Arbeiterklasse spalterisch, indem sie einen unversöhnlichen Gegensatz zwischen Männern und Frauen schüfen. Die enorme Aktivität des vergangenen Jahrzehnts hat dennoch die politischen Parteien gezwungen, ihr Augenmerk auf Frauenthemen zu richten. Linke Organisationen, darunter beide Kommunistischen Parteien, haben Frontorganisationen für Frauen gebildet. Bei der CPI sitzen heute zwei Frauen in den Führungsgremien, und sie behauptet, 750 000 Frauen seien bei ihr Mitglied. Auch die rechten Organisationen wie Bharatiya Janata Party und Rashtriya Seva Sargh haben starke Frauenabteilungen. Nach seiner Regierungsübernahme befreite Rajiv Gandhi die Mädchenausbildung bis zur Oberstufe von Gebühren und ernannte einen besonderen Minister für Frauen- und soziale Wohlfahrtsangelegenheiten. Tre / dem ist die Bewegung noch weit vom Ziel der „menschlichen Emanzipation" entfernt. Dies wird etwa in der Gewerkschaftsbewegung deutlich, in der Frauen kaum repräsentiert sind und wo sie sich feindseligem Verhalten ihrer Kollegen ausgesetzt sehen. Einige Frauen haben den Kurs der Abspaltung reiner Frauengewerkschatten eingeschlagen, während andere sich für die Gründung von Frauenfraktionen in den bestehenden Gewerkschaften entschieden haben. Die indische Frauenbewegung hat einen immensen Beitrag zum indischen Gesellschaftsleben geleistet. Seit 1974 hat sie sich sehr weit entwickelt, aber vieles liegt noch vor ihr, was geklärt werden muß. Vielleicht das dringendste Problem der Bewegung ist das Verhältnis zwischen der in erster Linie der Mittelschicht entstammenden Führung der Bewegung und der großen Mehrheit von armen Landfrauen. Dann ist da noch die ewige Frage, ob sich die Bewegung mehr auf Gesetzesinitiativen und konventionelle Methoden konzentrieren und die etablierten Parteien und Institutionen nutzen soll, um ihre Ziele zu erreichen, oder nicht. Wenn sie es tut, läuft sie selbst Gefahr, konservativ und etabliert zu werden. Wenn sie einen unabhängigen und alternativen Kurs fährt, kann sie vielleicht von den wichtigen politischen Entwicklungen abgehangt werden. Ihre große Stärke liegt jedoch darin, dais ste schon das Gebäude von etablierter und Establishment-Politik erschüttert hat. Ausführlicher zu den besonderen Formen der Frauenunterdrückung in Indien siche Trupti Shah, -Das Recht auf Leben-, Inprekorr Nr. 180, April 1986. Aus: Inside Asia Nr. 8, Mai 1986

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