Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

China

Zurück zur Wahrheit

· Inprekorr Nr. 182, Juni 1986 · S. 25-30 · 5.210 Wörter

China Trotzki und Geschichte Sowjetunion Stalinismus und Bürokratie

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Führende Wissenschaftsfunktionäre Chinas beschäftigen sich in letzter Zeit mit den „verbotenen" Personen aus der Geschichte der Komintern. Wie weit sie gehen können, ohne die eigene Geschichte der Wahrheit anzupassen, muß sich noch Ernest Mandel

Xiangrong, Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), hat vor kurzem eine „Kritische Biographie Trotzkis" veröffentlicht. Sie war ihm vom Institut zur Erforschung der Weltgeschichte, einer Abteilung der Akademie der Wissenschaften der Volksrepublik China, in Auftrag gegeben worden. Von dem Buch hat noch kein Exemplar den Westen erreicht. Ein anderes bedeutendes Mitglie

KPCh, Zhu Tingguan, hat jedoch in de Zeitschrift Shijie Lishi (Weltgeschichte) Nr. 7/85 eine Besprechung des genann ten Buchs geschrieben, die die Uber schrift trägt: „Meine Meinung über die kritische Beurteilung von Persönlichkeiten der Weltgeschichte"

schrift ist nach Europa, in die USA und nach Hongkong gelangt. Im Artikel wird Leo Trotzki von den „Verbre- , die ihm die stalinistische Genichtsschreibung angehängt hat, strafrechtlich vollständig freigesprochen, und der Gründer unserer Bewegung wird politisch teilweise rehabilitiert. Da die Autoren des Buches wie des Artikels keine unbekannten Gestalten, sondern bedeutende Funktionäre der KPCh sind und diese Veröffentlichungen im Rahmen einer breiteren kritischen Aufarbeitung der gesamten Vergangenheit internationalen kommunistischen Bewegung stehen, wozu auch die Aufhebung des Veröffentlichungsverbots für bestimmte Texte gehört, drückt diese Rehabilitierung ohne jeden Zweifel die Meinung zumindest eines Teils der Führung der KPCh aus, wenn nicht der Führung insgesamt. Im Artikel von Zhu Tingguan (in der Übersetzung, die wir hier wiedergeben) und nach dem Zeugnis chinesischer Leser, das zur Zeit die einzige uns zugängliche Quelle bildet, auch im Buch von Li Xiangrong werden die Anschuldigungen Trotzki und seine Genossen, sie seien der Moskauer Prozesse gegen Leo Spione, Agenten, konterrevolutionäre Renegaten und objektiv Instrumente des Imperialismus und der Konterrevolution gewesen, kategorisch zurückgewiesen. Die Ermordung Trotzkis wird als Mord bezeichnet, verurteilt und die Verantwortung dafür implizit seinen „Verfolgern", also Stalin und seinen Komplizen zugewiesen. Es wird auch kategorisch die Version von der Rolle Trotzkis in der russischen und internationalen Arbeiterbewegung, in der russischen Revolution von 1905 und 1917 und beim Aufbau des sowjetischen Staates zurückgewiesen, die in »Kurzer Lehrgang der Geschichte der Kommunistischen Partei (Bolschewiki)« enthalten ist, der Parteigeschichtsschreibung, die 1938 offiziell vom Zentralkomitee der KPdSU angenommen wurde. Dieses Buch stellte über mehr als zwei Jahrzehnte die internationale stalinistische Bibel über Trotzki und den Trotzkismus dar und hat auch noch die Maoisten in China und anderswo bis spät in die 70er Jahre beeinflußt. Nun wird es verächtlich als schlichte und simple Fälschung der Geschichte bezeichnet. Die Beiträge der Mitglieder der KPCh verstehen sich als völlig im Gegensatz zu dieser Fälschung. Sie charakterisieren Leo Trotzki als einen der bedeutendsten Führer der KPdSU, der den Aufstand von Petersburg während der Oktoberrevolution vorbereitet und in die Wege geleitet hat, der danach die Rote Armee gegründet und sie im Bürgerkrieg dank einer korrekten strategischen Orientierung zum Sieg geführt hat.

Die Veröffentlichung dieser Schriften stellt daher für die gesamte internationale Arbeiterbewegung ein bedeutendes politisches Ereignis dar. Zum erstenmal geht eine politische Partei, die an der Macht ist — noch dazu die Kommunistische Partei mit der höchsten Mitgliederzahl der Welt — weit über den Bericht Nikita Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU hinaus, wenn man einmal vom besonderen Fall des Bundes der Kommunisten in Jugoslawien absieht. Die Autoren begnügen sich nicht mehr damit, die Verbrechen Stalins an Kommunisten im allgemeinen an den Pranger zu stellen. Sie rehabilitieren auch seine prominentesten Opfer. Was Chruschtschow damals nicht konnte oder sich nicht getraut hat, das machen heute die kommunistischen Führer in China.

Trotzki, Bucharin, Sinowjew und ihre Genossen werden wieder als authentische Kommunisten bezeichnet. Der Konflikt zwischen der stalinistischen Fraktion und den anderen Fraktionen innerhalb der KPdSU und der Komintern wird als Konflikt innerhalb der Partei bezeichnet und nicht als Konflikt mit einem Feind oder dessen Agenten. Alles Blut, das die stalinistische Fraktion vergossen hat - sie hat eine Million Kommunisten ermordet! - und aller Schmutz, mit dem sie ihre Opfer beworfen hat, werden nun jeglicher Rechtfertigung entkleidet.

Partielle Rehabilitierung

Trotzkis

Zhu Tingguan zieht die Schlußfolgerung nicht ausdrücklich, aber sie ist unvermeidlich: die massive und barbari- Unterdrückung von Stalins politischen Gegnern innerhalb der kommunistischen Bewegung war ein Verbrechen.[1] Sie hat den Interessen des Kommunismus, der werktätigen Massen in der Sowjetunion und des Proletariats auf der ganzen Welt unermeßlichen Schaden zugefügt. Zu dieser Schlußfolgerung waren zuvor auch schon einige Führer und Propagandisten der eurokommunistischen und einiger anderer Kommunistischer Parteien wie der Mexikos gekommen, die sich zumindest in diesem Punkt den Eurokommunisten angeschlossen haben.

Die Formel vom „Konflikt innerhalb der Partei", die die Autoren benutzen,

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um den politischen Kampf zwischen der stalinistischen Fraktion, der trotzkistischen Fraktion (später der vereinigten Linksopposition Trotzki - Sinowjew) und der bucharinistischen Fraktion zu beschreiben, ist nicht zufällig gewählt. Sie nimmt Bezug auf zwei berühmte Artikel von Mao Zedong, die er nach dem Bericht Chruschtschows an den XX. Parteitag der KPdSU geschrieben hat: -Über die historische Erfahrung mit der Diktatur des Proletariats- und »Über die richtige Lösung von Widersprüchen im Volk-. In diesen Artikeln hatte Mao die Verurteilung der stalinistischen Methoden implizit begrüßt. Gleicherma- Ben hat er sich im Oktober 1956, als Gomulka wieder an die Macht kam, heftig einer sowjetischen Intervention in Polen widersetzt.

Später hat er seine Ansicht geändert und Stalin rehabilitiert. Geschah dies unter dem Einfluß der ungarischen Revolution? Geschah es im Gefolge des Ausbruchs kritischer und oppositioneller Auffassungen in China selbst während der „Hundert-Blumen-Bewegung" 1957? Geschah es unter dem Druck der Fraktionskämpfe in der KPCh? Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, wollte man die Beweggründe und Entwicklungsetappen dieser Kehrtwende analysieren. Jedenfalls hat die Verteidigung Stalins den Maoismus in den zwanzig Jahren von 1957 bis 1977 tief geprägt. Die Position, die Li Xiangrong und Zhu Tingguan jetzt einnehmen, stellt zumindest eine Rückkehr zur ursprünglichen Haltung Maos gegenüber den Enthüllungen Chruschtschows dar. Sie geht allerdings weit darüber hinaus. Sie begrüßen nicht nur nachdrücklich die Verurteilung des Personenkults Stalins; sie stellen auch methodisch gesehen zwei Grundsätze wieder her, die vom Stalinismus verworfen worden waren, die aber ein Herzstück des Marxismus darstellen.

Erstens bestehen sie auf dem Primat der historischen Wahrheit über jede Staatsraison, Parteiraison oder Realpolitik. Sie erinnern daran, daß man „den Aberglauben bekämpfen", die „Gedanken frei machen" und die Tatsachen genau überprüfen muß, um mit Bedacht über Trotzki, Stalin und die Probleme beim Aufbau des Sozialismus etwas sagen zu können. Sie verweisen damit auf ein Grundprinzip, das Marx und Engels oft betont haben, daß nur die Wahrheit revolutionär ist. Vom marxistischen Standpunkt aus ist es ein regelrechter Unsinn, die Revolution verteidigen zu wollen, indem man die geschichtliche Wahrheit unterdrückt und verfälscht. Zweitens verweisen die chinesischen Autoren ausdrücklich auf den internationalen Charakter der Revolution und der revolutionären Erfahrung. Die Debatten in der KPdSU in den 20er Jahren sind keine rein literarische Erfahrung, eine Masse von historischen Dokumenten, die man klassifizieren und studieren muß, wie man Archivdokumente studiert. Sie sind die Quelle politischer Lehren für alle Länder, alle Parteien, alle Führer, Kader und Mitglieder, die heute mit dem Problem des Überlebens der Revolution inmitten einer feindseligen kapitalistischen Umwelt konfrontiert sind, die es wegen der relativen Unterentwickeltheit ihrer Länder mit einem besonderen Kräfteverhältnis zwischen den Klassen zu tun haben, mit Problemen der Geschwindigkeit und der Form des Aufbaus einer klassenlosen Gesellschaft. Ein strikt wissenschaftliches Studium dieser Erfahrungen ist unerläßlich, um die kommunistische Bewegung besser für die Lösung der Probleme zu wappnen, mit denen sie heute konfrontiert ist.

Aus all diesen Gründen muß man die partielle politische Rehabilitierung Trotzkis durch Führer der KPCh als ein bedeutendes Ereignis begrüßen, das in der Kontinuität des Berichts von Chruschtschow an den XX. Parteitag der KPdSU steht. Trotz unserer Reserven und unserer Kritik an der Halbherzigkeit und der Widersprüchlichkeit dieser Rehabilitierung und trotz unserer Gesamteinschätzung des politischen und gesellschaftlichen Charakters der chinesischen Bürokratie, von der wir kritischen Denkens unter denen, die sich auf den Kommunismus, die russische Revolution und die chinesische Revolution berufen, stark fördert. Jeder Schlag gegen die Verdummung der Massen, gegen die Fälschung der Geschichte, gegen die Lüge, die Verleumdung, jede offene Zurückweisung Links der junge Mao Zedong, rechts Chen Duxiu der Gewalt und des Terrors als Mittel, innerhalb der Arbeiterbewegung Differenzen beizulegen, stellt objektiv einen Schritt nach vorn dar, ein Stück Befreiung der Arbeiterbewegung vom bürokratischen Joch, das ihr den Weg zum Sieg des Sozialismus auf Weltebene versperrt. Solche Schläge sind heute notwendiger denn je — die tragischen Ereignisse von Grenada und Südjemen zeigen es und bestätigen diesen Programmpunkt unserer Bewegung. Warum geschieht dies jetzt?

Die Veröffentlichung des Buchs »Kritische Biographie Trotzkis« und der positive Kommentar in der Zeitschrift Shijie Lishi sind keine Einzelfälle. Seit 1978 erleben wir in der Volksrepublik China eine begrenzte Öffnung hin zu einem literarischen und ideologischen Pluralismus. Die Bandbreite der geduldet Veröffentlichungen wird ausgedehine, ohne daß eine völlige Freiheit hergestellt oder die Zensur aufgehoben würde. Kritische chinesische Autoren, vor allem solche, die der neuen demokratischen Bewegung angehören, sind weiterhin verboten und werden verfolgt; einige von ihnen sind im Gefängnis. Die Möglichkeiten für eine öffentliche Debatte sind nach wie vor sehr beschränkt, aber sie sind dennoch größer als zur Zeit der Kulturrevolution oder als in den ersten zehn Jahren nach dem Sieg der sozialistischen Revolution 1949. Seit der „Liberalisierung" unter Deng Xiaoping sind einige Werke von Autoren veröffentlicht worden, die in der UdSSR und in der Mehrzahl der anderen Arbeiterstaaten - mit der ehrenvollen Ausnahme Jugoslawiens — immer noch

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In diesem Haus wurde 1921 die KPCh gegründet verboten sind. Anders als in den Phasen gr Liberalisierung in der Sowjetunion ur Zeit Chruschtschows, in der CSSR 1968 - 1969, in Polen 1980 - 1981 und teilweise in Ungarn profitieren von der Öffnung nicht nur Schriftsteller, Wissenschaftler, bürgerliche und kleinbürgerliche Ideologen, sondern auch marxistische und anarchistische Autoren, die als nonkonformistisch und links von der KP-Linie stehend eingestuft werden. So sind in der VR China Werke von Bakunin, Bucharin, Kropotkin, Luxemburg und Kardelj erschienen, die in der Sowjetunion alle verboten sind Zugelassen sind auch Autoren, die mit der trotzkistischen Bewegung in Verbindung gebracht werden, sowie Trotzki selbst. Es wurden in China veröffentlicht: von Trotzki »Mein Leben«, »Tagebuch aus dem Exil«, »Ergebnisse und Perspektiven*, und es scheint, als erde auch »Die permanente Revoluhon« veröffentlicht; von Issac Deutscher die Stalin-Biographie; von Pierre Frank die »Geschichte der IV. Internationale«; von Ernest Mandel die »Marxistische Wirtschaftstheorie«, der »Spätkapitalismus*, die »Kritik des Eurokommunismus« (in 6000 Exemplaren mit einem positiven Kommentar im Klappentext) und die »Theorie der Ubergangsgesellschaft« (mit den beiden Texten: »Politische Ökonomie der Übergangsgesellschaften« und >Über die Bürokratie«, in 10 000 Exemplaren). Diese begrenzte Öffnung ist im politischen Zusammenhang mit der Orientierung Deng Xiaopings insgesamt zu sehen. Die Politik der Modernisierung und des beschleunigten wirtschaftlichen Wachstüms erfordert eine Annäherung an die während der Kulturrevolution unterdrückte Intelligenz und eine Stärkung der technokratischen Schichten der Bürokratie sowie der Naturwissenschaftler. Es ist unmöglich, eine solche Nr. 182,J Juni 1986 Annäherungs- und Modernisierungspolitik zu betreiben, ohne den Spielraum für Diskussionen und Debatten und damit auch die Bandbreite der Publikationen zu vergrößern.

Seit dem Bruch mit der „Viererbande" und dem orthodoxen Maoismus hat die Führung der KPChernsthafte Probleme mit ihrer historischen Identität. Sie begreift sich nicht mehr als maoistisch, auch nicht mehr als stalinistisch, nur noch als marxistisch. Zwischen Marx und der heutigen Wirklichkleit klafft natürlich eine Lücke, die sie mehr schlecht als recht zu füllen sucht durch eine kritische, aber einigermaßen objektive Aufarbeitung der Beiträge Lenins, Bucharins, Luxemburgs, Gramscis, Maos und der bedeutendsten jugoslawischen Theoretiker zum Marxismus. Trotzki ist aus dieser Reihe nicht a priori ausgeschlossen. Er wird in diesem Zusammenhang explizit von Su Shaozhi genannt, dem Direktor des Instituts für Marxismus-Leninismus und das Denken Mao Zedongs bei der Akademie der Gesellschaftswissenschaften der VR China und anscheinend auch Mitglied des Zentralkomitees der KPCh: „Die Entdeckung und Veröffentlichung einer enormen Masse von Literatur und anderer Materialien betreffend die Geschichte der internationalen kommunistischen Weltbewegung hat uns erlaubt t, zahlreiche wichtige Ereignisse und wichtige Persönlichkeiten der Geschichte der internationalen kommunistischen Bewegung aufzuarbeiten. Dazu gehört auch die Veröffentlichung der früher unterschlagenen Teile der Werke Lenins, der Zeitungsnotizen, die die Sekretärin Lenins während seiner Krankheit aufzeichnete, des Testaments Lenins, der Memoiren einiger berühmter Persönlichkeiten und ihrer Briefe an Mitglieder ihrer Familien, der authentischen Protokolle einiger wichtiger Ereignisse, zahlreicher nicht offizieller historischer Berichte, deren Wahrheitsgehalt wir natürlich überprüfen müssen. Sie erlauben uns, den Kriegskommunismus, die Neue Okonomische Politik, Stalins Weg zur Industrialisierung und seine Revolution von oben nach unten neu zu erforschen und die Wahrheit über die ,Ausweitung des Kampfs gegen die Konterrevolutionäre' in der UdSSR, die historische Rolle der III. Internationale, die Beziehungen zu Trotzki und die IV. Internationale, die Theorien Rosa Luxemburgs, Nikolai Bucharins und Antonio Gramscis zu überprüfen. Die Veröffentlichung der Schriften Lenins aus der Zeit kurz vor seinem Tod und anderer Materialien in diesem Zusammenhang hat das Interesse der Öffentlichkeit an seinem Denken gegen Ende seines Lebens gesteigert. Während dieser Jahre hat Lenin entdeckt, daß die Sache der Oktoberrevolution trotz der großen Erfolge, die erzielt wurden, unter zahlreichen Mängeln und Unzulänglichkeiten litt. Deshalb hat er solche Fragen aufgeworfen wie die nach der Demokratisierung der Organe der Diktatur des Proletariats und der Sowjets, nach dem Kampf gegen den Bürokratismus und die exzessive Zentralisierung, nach der Notwendigkeit, die Rolle der Genossenschaften umfassend zu entwickeln. Stalin ist in all diesen Fragen von den Gedanken Lenins abgewichen; das hat zu einer großen Tragödie für die sowjetische Partei und den Staat und auch für Stalin selbst geführt."[3] Dieser Liberalisierungskurs birgt aber auch zwei Gefahren für die Bürokratie: die Gefahr ultralinker Reaktionen seitens der konservativen und maoistischen Gruppen und Strömungen, die vor allem darauf hinweisen, daß solche Öffnungen zu Differenzierungen führen, die explosiv werden können; die Gefahr von Reaktionen aus der Bevölkerung, sowohl der Arbeiter und Studenten in den Städten als auch der armen Bauern auf dem Land, die sich gegen die wachsende Ungleichheit auflehnen, die dıe „wirtschaftliche Liberalisierung" be wirkt.

Unter diesen Bedingungen und im Interesse der Bürokratie bleibt die Offnung zu mehr Diskussions-, Presse- und Meinungsfreiheit deshalb begrenzt. Deng Xiaoping wendet geschickt das alte Sprichwort an: „Sieh dich rechts vor, sieh dich links vor." Aber es ist unmöglich, daß der zentrale Apparat alles kontrolliert, vor allem in einem Land wie China. Deshalb kennt die begrenzte Öffnung auch eine Eigendynamik, die teilweise unabhängig ist von der nicht immer klar geäußerten Absicht der obersten Führung.

Durch die Rehabilitierung Bucharins wurde das größte Hindernis entfernt, das in der VR China einem objektiven Studium der Geschichte der KPdSU im

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Wege stand. Führt aber die Rehabilitierung Bucharins logisch und unvermeidlich zur Rehabilitierung Trotzkis? Die Führungskader der KPCh zögern. Es scheint, als hätten sie diesbezüglich keine klaren Anweisungen erhalten. Daher der manchmal undeutliche Stil, die unbeholfenen oder gar widersprüchlichen Formulierungen im Artikel von Zhu Tingguan. Dies gilt umso mehr, als der Fall Trotzki zwar in der VR China für die Bürokratie weniger explosiv ist als in der UdSSR, aber dennoch Konsequenzen hätte für eine Einschätzung der Vergangenheit der KPCh selbst, ihrer ganzen Geschichte bis in die 50er Jahre, bis zur Hundert-Blumen-Bewegung, wenn nicht gar darüberhinaus.

Zhu Tingguan erinnert selbst daran, daß Chen Duxiu sich rasch Trotzki und der chinesischen und internationalen Linksopposition nach deren Ausschluß aus der Komintern angeschlossen hat. Nun ist Chen Duxiu eine zentrale Persönlichkeit in der Geschichte der chinesischen KP. Erwares, der den Marxismus in China eingeführt hat; er war in gewisser Weise der chinesische Plechanow. Er war ein leidenschaftlicher Anwalt des Anschlusses Chinas an die westliche Kultur, als deren logisches Ergebnis er den Marxismus betrachtete. In diesem Sinne kann er als ein „Vorfahre" Deng Xiaopings gesehen werden im gro- -Traditionaisten: Wes et en die in der chinesischen fortschrittlichen Intelligenz im 20. Jahrhundert. Aber Chen Duxiu war mehr als ein Theoretiker. Er war der wirkliche Gründer der chinesischen Arbeiterbewegung und der chinesischen kommunistischen Partei, deren Generalsekretär er acht Jahre lang war. Es ist unmöglich, über Trotzki und den Trotzkismus in China zu sprechen, ohne zugleich über Chen Duxiu und den chinesischen Trotzkismus zu sprechen. Und es ist gleichermaßen unmöglich, eine objektive Einschätzung Chen Duxius, ebenso wie Stalins, Bucharins und Trotzkis, zu geben, ohne eine kritische Beurteilung der zweiten chinesischen Revolution 1925 - 1927 vorzunehmen, der Orientierung, die die Komintern der chinesischen KP während dieser Revoluion aufzwang, und der Verantwortuns für die Niederlage in Shanghai im Apri 1927.

Das ist für die Führung der KPCh ein explosiver Stoff. Die Fraktion um Deng ist nicht unbedingt unfähig, eine solch kritische Bewertung der zweitenchinesischen Revolution vorzunehmen, obwohl sie sich im allgemeinen in der Kontinuität Maos sieht.

Was später die maoistische Fraktion sein sollte, war nicht direkt in die Ereignisse involviert, die zum Desaster von 1927 führten. Es ist übrigens aufschlußreich, daß dort, wo Zhu Tingguan in seinem Artikel Chen Duxiu vorwirft, eine „liquidatorische Clique" gebildet zu haben, die sich „der richtigen Linie des bewaffneten Kampfs von Mao Zedong entgegenstellte" , er sich auf eine Debatte bezieht, die nach 1927 stattfand und nicht während dieser Ereignisse. Im selben Artikel läßt er den langjährigen Vorwurf gegen die chinesischen Trotzkisten fallen, sie seien Agenten der Guomindang oder des japanischen Imperialismus gewesen. Es gibt aber auch Kader der KPCh, die diesen Vorwurf gegen Chen Duxiu ausdrücklich zurückweisen und ihn auf Kang Sheng beziehen. Dieser war damals Anführer einer gegen Mao gerichteten Fraktion und später der größte Inquisitor während der Kulturrevolution; er starb 1975 und wurde posthum aus der Partei ausgeschlossen.

Übrigens sind zwei Werke alter chinesischer Trotzkisten ebenfalls in der VR China veröffentlicht worden, wenn auch in sehr kleiner Auflage: die »Erinnerungen« von Zheng Chaolin und die »Erinnerungen eines Revolutionärs von Wang Fanxi. Es gibt also auch eine partielle Rehabilitierung chinesischer Trotzkisten im Gefolge der Behand- Schließlich hat die Sache noch eine internationale Dimension; sie betrifft die Beziehungen zwischen Peking und Moskau. Die Gruppe um Deng Xiaoping hat schwierige und langwierige Verhandlungen mit der sowjetischen Führung autgenommen. Schritte zu einer begrenzten Rehabilitierung Trotzkis und der alten Bolschewiki sind auch ein Mittel, um diskreten Druck auf den Kreml auszuüben und ihn daran zu erinnern, daß die chinesische Bürokratie über genügend Mittel verfügt, um die Gruppe um Gorbatschow in Schwierigkeiten zu bringen, wenn diese nicht zur Politik Chruschtschows auf diesem Gebiet zurückkehrt, was sie entgegen den Erwartungen einiger auf dem XXVII. Parteitag nicht getan hat. Andererseits wäre eine volle und uneingeschränkte Rehabilitierung Trotzkis, seiner Werke und seiner wichtigsten Gefährten aus der Sicht Pekings ein großes Hindernis für eine Normalisierung seiner Beziehungen zu Moskau. Deshalb hat es sich zu einer KompromiSlösung entschlosssen.

Es bleiben Widersprüche

Der Artikel von Zhu Tingguan enthüllt auch die unvermeidlichen Widersprüche, in die jeder Versuch gerät, anstelle der stalinistischen Verleumdungen die protostalinistischen antitrotzkistischen Positionen zu verbreiten, die in der Sowjetunion 1923- 1927 unter dem Einfluß zunächst von Sinowjew und Radek, später von Bucharin und Rykow vertreten wurden.

Es heißt, man müsse sich auf Dokumente und historische Tatsachen stützen und sie gewissenhaft prüfen, um Trotzki und Stalin zu beurteilen. Aber Trotzki wird weiter vorgeworfen, er habe sich dem Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion widersetzt, ohne auf die zahlreichen Texte Bezug zu nehmen, die er selbst allein oder mit anderen zwischen 1924 und 1928 dazu geschrieber hat und aus denen zweitelstrer hervor geht, daß er der größte Anhänger und auch der wichtigste Urheber der beschleunigten Industrialisierung des Landes war. Die Differenzen mit der Fraktion um Stalin und Bucharin in der KPdSU gingen nicht um die Notwendigkeit des Aufbaus, sondern um das Tempo, die angemessenste Form und das mittelfristige Ergebnis. Er war ein entschiedener Anhänger des Beginns und selbst des beschleunigten Aufbaus des Sozialismus in der UdSSR, aber e entschiedener Gegner jeder Kapitulation vor der internationalen Bourgeoisie und vor allen prokapitalistischen Tendenzen in der UdSSR. Trotzki verteidigte die klassische marxistische These, daß der Prozeß des Aufbaus im engen nationalen Rahmen Rußlands nicht zur Entfaltung einer klassenlosen Gesellschaft führen könne. Dieses Ziel konnte nur im internationalen Maßstab erreicht werden. Anders gesagt, standen sich in dieser Debatte nicht die Befürworter und Gegner des Aufbaus des Sozialismus in der UdSSR gegenüber, sondern die Befürworter und Gegner der revisionistischen These, wonach der Aufbau des Sozialismus in einem einzigen Land vollendet werden könne. Diese Debatte beinhaltete eine weitere: über die Definition des Sozialismus. Bedeutet er nur die Aufhebung des Privateig tums an den Produktionsmitteln? Dies ist eine revisionistische Definition, die der gesamten marxistischen Tradition widerspricht, für die die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln nur ein Merkmal, ein notwendiges, aber nicht hinreichendes Merkmal des Sozialismus, der ersten Phase des Kommunismus, ist. Zur Definition von Sozialismus gehört auch die Aufhebung der Spaltung der Gesellschaft in Klassen, das Absterben des Staates, das Absterben der Wareproduktion und der gesellschaftlichen Ungleichheit, was den Zugang zu den Produktionsmitteln und den Subsistenzmitteln betrifft, also des entfremdeten und entfremdenden Charakters der Arbeit. Diese Debatten sind nach wie vor hochaktuell. Man kann sie nicht ernsthaft abhandeln, ohne alle wichtigen Dokumente aus jener Zeit und aus späterer Zeit darüber zu veröffentlichen. Wenn Zhu Tingguan ernst nimmt, was Nr. 182,J Juni 1986

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er selbst über die Bedeutung der Nachprüfung historischer Dokumente schreibt, müßte er für die Veröffentlichung aller dieser Dokumente in China eintreten, angefangen mit der Plattform der Linken Opposition über »Der neue Kurs« und »Kapitalismus oder Sozialismus« von Trotzki, »Die neue Ökonomik« von Preobraschenski bis zu »Die professionellen Gefahren der Machtvon Rakowski; die wichtigsten Reden von Sinowjew, Kamenew und ihrer Mitstreiter über die Gefahren des Sozialismus in einem Land; die wichtigsten Reden von Bucharin, Rykow, Tomski, Jakowlew und anderen aus der rechten Opposition; die wichtigsten Werke über die Arbeiterkämpfe (auch Streiks) und über die Differenzierung in der sowjetischen Bauernschaft zwischen 1923 und 1932, die in der Sowjetunion selbst und im Ausland erschienen sind.

Zhu Tingguan behauptet, Trotzki sei nach 1928 zu einem „antisowjetischen vilierten verkommen" . Gleichzeitig er anerkennt er, daß Stalin „das Ausmaß des Kampfs in der Partei übermalig ausgeweitet hat". Damit sagt er zuviel und zuwenig zugleich. Hat diese Ausweitung des Kampfs in der Partei" zur Anwendung unzulässiger Methoden der Unterdrückung der Opposition geführt, die zu Zeiten Lenins niemals angewandt worden waren, und zwar lange vor den blutigen Säuberungen von 1936 - 1938, nämlich ab 1924 — oder nicht? Wurden Trotzki, seine Frau und sein Sohn gegen ihren Willen und trotz vehementer Proteste von Stalin und seinen Helfershelfern aus der Sowjetunion ausgewiesen oder nicht? Wie kann man ihm dann sein Exil vorwerfen, für das er keinerlei Verantwortung trägt? Wie kann man ihn als „antisowjetisch" charakterisieren, ohne darzulegen, was seine theotischen und politischen Positionen am Charakter der UdSSR nach 1928 waren, ohne hervorzuheben, daß er bis ans Ende seiner Tage ein entschiedener Anhänger der militärischen Verteidigung der UdSSR gegen den Imperialismus geblieben ist, angefangen mit »Verratene Revolution, über »Die IV. Internationale und die UdSSR« bis zu »In Verteidigung des Marxismus? Vor diesem Hintergrund verlieren auch die Anschuldigungen, Trotzki habe „fraktionelle, gegen die Partei gerichtete Ak tivitäten" angeführt, und der Vorwurf, er habe in Rußland und international „die kommunistische Bewegung gespalten" , jede Bedeutung. Sollte man vor der Repression und den Verbrechen Stalins kapitulieren, die ja nicht nur Verbrechen an den Oppositionellen waren, sondern an allen Kommunisten, am ganzen russischen und internationalen Proletariat? Das ist die wirkliche Frage! Erinnern wir daran, daß weder Trotzki noch die Op position sich jemals geweigert haben, die Disziplin der Partei und der Komintern anzuerkennen, bevor sie ausgeschlossen wurden, daß sie sich niemals geweigert haben, die Mehrheitsbeschlüsse der Kongresse und des Zentralkomitees der Partei umzusetzen. Das einzige, was sie verlangt haben, war das Recht, ihre Ansichten innerhalb der Partei verteidigen zu dürfen, ein Recht, das zur Zeit Lenins selbstverständlich war. Als der X. Parteikongreß der KPdSU die Fraktionen — nicht grundsätzlich, sondern als vorübergehende Maßnahme — verbot, versprach Lenin zugleich der Arbeiteropposition (Kollontai und Schljapnikow), ihre Dokumente in einer Auflage von 250 000 Exemplaren (d.h. für alle Mitglieder der Partei) zu veröftentlichen. Stalin dagegen weigerte sich, die Plattform der Opposition vor dem XV. Parteitag von 1927 auch nur drucken zu lassen. Die Opposition war daher wohl gezwungen, sie selbst zu drucken, um dem demokratischen Zentralismus Respekt zu verschaffen. Der Kampf ging um die Rückkehr zu leninistischen Organisationsnormen, nicht um einen unzulässigen Fraktionismus. Was für Trotzki und die Opposition unakzeptabel war, war nicht die Forderung, sie sollten die Disziplin respektieren, sondern sie sollten erklären, sie hätten sich geirrt, während dies nicht ihren Überzeugungen entsprach. Das war ein organisatorisches und politisches Novum, die Parteimitglieder zwingen zu wollen, gegen ihre Überzeugung zu sprechen. Das konnte nur zu Doppelzüngigkeit, zur Zerstörung der Kader, zum bürokratischen Monolithismus, zur Verdummung der Mitglieder und zur Demoralisierung der ganzen Partei führen. Trotzki hatte tausendmal recht, sich diesem stalinistischen Prinzip, das dem Geist und der Praxis von Marx und Lenin völlig fremd war, zu widersetzen. Die chinesischen Kommunisten befinden sich übrigens diesbezüglich in einer unangenehmen Lage. Stalin und Chruschtschow haben von ihnen, angefangen bei Mao Zedong selbst, mehrmals dieselbe Sorte von Kapitulation verlangt. Es gereicht ihnen zur Ehre, daß sie das abgelehnt haben, ohnedem sie übrigens nicht den Sieg der chinesischen Revolution von 1949 errungen hätten. Deshalb hat die Sowjetbürokratie zum Mittel der Unterdrückung und des wirtschaftlichen und militärischen Drucks gegriffen. In diesem „Fraktionskampf" hatte die KPCh hundertprozentigrecht, sich dem auf sie ausgeübten Druck zu widersetzen. Wir waren damals und sind heute völlig darin auf ihrer Seite. Hat die Führung der KPCh dadurch aber nicht dazu beigetragen, die „internationale kommunistische Bewegung zu spalten"? Liegt die Verantwortung auch für diese Spaltung nicht bei denen, die andere ausschließen, statt bei denen, die sich gegen solche unzulässigen Praktiken zur Wehr setzen? Warum wäre der Widerstand der KPCh legitim trotz der Spaltungen" , die damit verbunden waren, und der von Trotzkiillegitim, nur weiles dadurch „Spaltungen" und „Fraktionen" gegeben hat?

Haben die Führer der KPCh nicht lange Zeit eine viel heftigere „antisowjean

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tische" Kampagne der Propaganda und Agitation geführt als Trotzki, indem sie der sowjetischen Regierung und dem sowjetischen Staat „Imperialismus" und sogar „Faschismus" vorwarfen, seinen „Expansionismus" auf dieselbe Stufe stellten wie den des US-Imperialismus, unterschiedslos von „zwei Supermächten" sprachen und die UdSSR sogar als die aggressivere und gefährlichere Supermacht bezeichneten - Übertreibungen, die Trotzki niemals verwandt hat? Selbst wenn die heutige Führung der KPCh diese Übertreibungen zurückweist, wäre sie denn bereit, Mao Ledong der „antisowjetischen Propaganda" und der „Spaltung der internationalen kommunistischen Bewegung" zu beschuldigen? Mit welchem Recht werfen sie dies alles Trotzki vor?

Im Lichte des historischen Materialismus stellt sich schließlich noch eine grundsätzlichere Frage. Die „übermäßige Ausweitung" des Kampfs innerhalb der Partei und der Unterdrückung in der UdSSR hat sich nicht allein gegen die zahlenmäßig beschränkten oppositionellen Strömungen gerichtet, wenngleich diese Zehntausende von Kommunisten umfaßten. Sie hat sich gegen ganze Schichten der sowjetischen Gesellschaft gerichtet. Sie hat zu strukturellen Veränderungen im Staat und teilweise in den Produktionsverhältnissen geführt. Die Betriebsleiter wurden zu Alleinherrschern im Betrieb ernannt und das Prinzip der „einheitlichen Führung" angewandt. Die Arbeiter und die Gewerkschaften verloren jedes Recht auf wirksame Kontrolle über die Verwaltung der Wirtschaft. Das Streikrecht wurde aufgehoben. Für 15 Jahre wurde eine der repressivsten Arbeitsgesetzge- Dokument bungen der Welt in Kraft gesetzt. Die Arbeiter und Bauern wurden blutig unterdrückt. Zur gleichen Zeit wurde die Bürokratie mit enormen materiellen Privilegien ausgestattet, die bis heute gelten. Es ist oftensichtlich, dais diese politischen und gesellschaftlichen | Veränderungen nicht allein oder auch nur vorwiegend mit Überbauphänomenen wie dem Personenkult Stalins oder seinem übermäßigen Hang zur Repression erklärt werden können. Diese Veränderungen sind ein Zeichen für eine wirkliche Konterrevolution.

Entgegen den maoistischen Positionen von einst stimmen die chinesischen Führer heute mit der IV. Internationale und Trotzki darin überein, daß dies keine Restauration des Kapitalismus war, also keine soziale Konterrevolution, sondern eine politische — ein sowjetischer Thermidor. Wenn man diese Hypothese verwirft, die Lenin 1922 ausdrücklich für möglich gehalten hat, dann ist man dazu verdammt, vom historischen Materialismus zum historischen Idealismus zurückzukehren, um die Entwicklung in der UdSSR seit den 20er Jahren zu erklären. Wenn man aber eine solche Hypothese akzeptiert, dann war der Kampf Trotzkis gegen den Thermidor nicht nur kein Fraktionismus, sondern eine elementare Pflicht eines proletarischen Revolutionärs, ein unumgänglicher Kampf für die unmittelbaren und die historischen Interessen des Proletarats.

Wenn Zhu Tingguan sagt, ,solche Kampfmethoden sind in einem Land mit proletarischer Führung nicht normal" also in einer Diktatur des Proletariats nicht normal, dann weicht er dem Kern des Problems aus. Die Sowjetunion von 1923 und 1927, um nicht zu reden von der Sowjetunion unter der Diktatur Stalins, war nicht mehr ein Land mit einer Diktatur des Proletariats, sondern ein Land mit einer bürokratisch stark deformierten proletarischen Diktatur, um noch einmal eine Formulierung Lenins aufzugreifen. Die Kampfformen, die Trotzki im Interesse des Proletariats angewandt hat, entsprachen genau dem thermidorianischen Charakter der Macht in der UdSSR.

Die Widersprüche der chinesischen Führer in ihrer Behandlung Trotzkis lassen sich nur schwer auflösen, wenn man nicht kritisch und wissenschaftlich die Frage der Bürokratie aufwirft. Nun berührt die Frage der Bürokratie China ebensosehr wie die UdSSR. Das ist die objektive, die soziale Basis der Unzulänglichkeiten in den Stellungnahmen von Li Xiangrong und Zhu Tingguan. Das tut aber der Bedeutung ihrer Stellungnahmen keinen Abbruch. Sie stellen einen konstruktiven Beitrag zum Kamg der Kommunisten um die Wiederherstellung der historischen Wahrheit dar. besserung der politischen Situation in Dieser Kampf ist unerläßlich für die Verden Arbeiterstaaten, unerläßlich für den Kampf um die sozialistische Demokratie, unerläßlich für die Beseitigung aller bürokratischen Hemmnisse auf dem Weg des Aufbaus des Sozialismus und der Weltrevolution.

[1] Es hat übrigens den Anschein, als sei Li Xiangrong in seinem Buch deutlicher in diesem Punkt und bezeichne die Ermordung Trotzkis als -gemeines Verbrechen". Aber das müssen wir natürlich erst noch verifizieren, wenn wir das Buch in Händen halten.

[3] Su Shaozhi, -Den Marxismus unter den Bedingungen der Gegenwart entfalten•, herausgegeben zum Gedächtnis des 100. Todestags von Karl Marx, übersetzt in •Marxism in China-, mit einer Einleitung von Ken Coa tes, The Spokesman, Nottingham 1983.