Im Schatten der radioaktiven Wolke erweisen sich die Modernisierungsvorhaben Gorbatschows als reine Drohung. Die Nationalbürokratien des Ostens treiben voneinander weg. Westeuropa und vor allem die BRD sind aufgewühlt. Das Mißtrauen gegen die Herrschenden ist alltäglich Klemens Alff
Die Katastrophe von Tschernobyl war auch ein Schlag für die Selbstlegitimation der Bürokratien des Ostens. Einige nationale Bürokratien haben bisher zumindest noch insofern eine Basis in der Bevölkerung gehabt, daß ihnen zugute alten werden konnte, wenigstens auf dem Gebiet der industriellen Planung und der Fürsorge für die Gesundheit der Bevölkerung alles in ihren Kräften stehende zu tun. Ausgenommen sind hier die Regime Polens und der CSSR, die sich vor allem politisch in den Abgrund ritten, und Rumäniens, das ohnehin weder eine historische Minimalbasis hat noch sein Parasitieren an der Nationalökonomie wenigstens zu verschleiern versucht.
Gorbatschows Lack ist ab Einen besonderen Schlag stellt Tschernobyl für die Erneuerungs- und Produktivitätsdynamik der neuen sowjetischen Führung um Gorbatschow dar. Gorbatschow selbst und die Vertreter seiner en Mannschaft machten sich in den ten zwei Wochen nach dem Ereignis unsichtbar. Zuerst wollte keiner was gewußt haben, und dann traten die alten Herren vor die Mikrophone, für die die Aufgabe der Beruhigung der Offentlichkeit sicherlich leichter sein mußte. Zum einen fällt ein Schatten auf das Gerede von der Steigerung der Arbeitsdıszıplin unter der neuen Führung. Kann es nicht gerade der Wunsch nach beschleunigter Fertigstellung von technischen Einrichtungen modernster Art sein, der das Eintreten des Unglücks beschleunigt hat, wie es auch wenige Tage davor in der ukrainischen Literaturnaja Gazeta angedeutet wurde? Die „breschnewistischen" Bürokraten werden sich im Stillen die Hände reiben. Immerhin hatte es sich ein Moskauer Stadtfunktionär nicht verkneifen können, Rainer Trampert von der Grünen- Delegation, die im April in Moskau weilte, mitzuteilen, er habe schon viele mit neuen Ideen kommen und wieder Nr. 182,J Juni 1986 gehen sehen (Arbeiterkampf Nr. 270, 5.5.1986). Natürlich wird Gorbatschow jetzt nicht gleich wieder ausgebootet werden.
Zweitens wird, was viel wichtiger ist, die latente Bewegung gegen technische Wahnsinnsprojekte in der Sowjetunion neuen Auftrieb erhalten und der durchaus noch vorhandene Glaube an die glückbringenden Werte aller Fortschrittslösungen abbröckeln. Dazu müssen wir uns drei Elemente vor Augen halten. Zum einen die hohe Zahl von Wirtschaftswissenschaftlern, Technikern und Physikern, die in der Sowjetunion auf die ein oder andere Weise mit kritischen Äußerungen an die Öffentlichkeit zu treten versuchen. Die Kritik an der Raubwirtschaft bildete den entscheidenden Vorreiter der Gorbatschow-Kampagne gegen Schlamperei. Immer wieder haben Naturwissenschaftler von ihren eigenen Themen ausgehend den Weg in die Dissidenz genommen, darunter so verschiedene Leute wie Sacharow und Medwedjew. Und schließlich besteht in der kulturellen Szene ein immer stärker werdender Hang zum „Volkstümlerischen" , das früher vielleicht rein reaktionär gewesen sein mag und nur die große russische Seele pflegte, heute jedoch mit kritischem ökologischem Potential aufgeladen ist — man denke an den Regisseur Tarkowski. Auf dem letzten Schriftstellerkongreß gewann diese Strömung eine Mehrheit, die sich in der sowjetüblichen Vorsicht auch in den verabschiedeten Resolutionen niederschlägt. (La nouvelle Alternative Nr. 1, April 1986) Vom dritten potentiellen Krisenfaktor sieht man bislang noch keine Anzeichen. Aber den Ukrainern, auf deren Territorium Tschernobyl liegt, ist es nicht entgangen, daß die angeblich harmlosen Kernkraftwerke mit Vorliebe bei ihnen gebaut werden oder in anderen Randgebieten der Sowjetunion. Und die Ukrainer sind in der Sowjetunion die Nation mit der militantesten nationalen Kampftradition (s. Inprekorr Nr. 171, Juni 1985).Und was ist eigentlich in Weißrußland und Litauen los, die ja wohl in den ersten Tagen nach dem Unglück am meisten getroffen worden sein müßten?
Nationale Unterschiede werden sichtbar Die politischen Auswirkungen beschränken sich jedoch nicht auf die Sowjetunion selbst. Der ganze Osten war erfaßt, und die Zeit reichte diesmal nicht, um ein einheitliches Vorgehen noch absprechen zu können. So kamen in den letzten Wochen die gewachsenen Unterschiede zwischen den nationalen Bürokratien und die Unterschiede im Kräfteverhältnis zwischen Bürokratie und Massen zum Vorschein. Die Einheitlichkeit im Erscheinungsbild und die Einheit im Vorgehen, die es vor zehn Jahren noch gab, ist endgültig dahin. Die CSSR hat einfach geschwiegen — weder nennenswert Alarm geschlagen noch heftig beruhigt.
Die DDR hat sich stolz aufgebläht und fast schon nicht mehr durch die Blume gesagt, ihre eigenen Atomkraftwerke seien soviel fortgeschrittener als die der Sowjetunion (nämlich zusammengekauft aus sowjetischen, westdeutschen und französischen). Auf die Bevölkerung hat die SED in erster Linie beruhigend eingewirkt, was ihr angesichts der Möglichkeit, westliches Fernsehen zu empfangen,schwer gefallen sein dürfte. Schon auf dem SED-Parteitag hatte die Führung ja zu erkennen gegeben, daß sie die Gorbatschowschen Modernisierungen nicht braucht, da sie 1979 schon das eingeleitet habe, was die UdSSR Anfang der 90er Jahre schaffen will.
Rumänien ist schwer getroffen. Dort mußte die Regierung einfach den Konsum zahlreicher Nahrungsmittel und zeitweise den Aufenthalt im Freien verbieten. (In der zwischen Tschernobyl und Rumänien liegenden Westukraine hätte dies also auch geschehen müssen.) Die Ironie der Geschichte will es allerdings, daß dem rumänischen Regime eine solche Einschränkungsverordnung leicht gefallen sein dürfte — die gefährdeten Produkte sind in Rumänien eh kaum zu haben.
ке!!
STRAHLENDE
Protest auf dem Gemüsemarkt
Das Regime in Polen wollte sich wohl aller politischen Gefangenen sowie eine die Chance nicht entgehen lassen, seine Ausdehnung des Streikrechts). Aber so- Hingabe an die Lebensinteressen der Be- gar das Zentralkomitee des Bundes der völkerung zu beweisen. Nur in Polen Kommunisten befand, dals Bedenken gewurden in erstaunlich reibungsloser Or- genüber dem Bau eines zweiten AK Ws ganisation überall Jodtabletten an die angebracht seien. Bevölkerung ausgegeben, alles verdächtige Vieh beschlagnahmt und Messun- Bewußtsein gen durchgeführt. Aber Polen ist ja auch geht nicht verloren das Land des Ostens, wo kurz vor der Verhängung des Kriegsrechts in Warschau schon einmal eine Demonstration Die unterschiedliche Reaktion der Masmit 200 Teilnehmern gegen AKWs sen wie der Regierungen zeigt, wie sehr stattgefunden hat. Am 1. Juni kam es ökologisches Bewußtsein dort zum Allnun zur ersten großen Demonstration gemeingut geworden ist, wo seit Jahren gegen Kernkraft in Krakau, weil das Re- eine umfassende Aufklärungsarbeit begime unerschüttert am Bau des ersten trieben wurde und zeitweilig Massenbe- AKWs Polens festhält. wegungen bestanden hatten. Das Verhalten Ungarns unterschied Wie ein Uhrwerk sprangen die sozialsich am wenigsten von dem des Westens. demokratischen Regierungen Österreich und Schwedenauf das Ereignis Alles sei harmlos. Die jeweiligen Meßdaten wurden mit Österreich gleichge- an. Beide Regierungen haben schon Nieschaltet. Mit Österreich zusammen derlagen bzw. Teilniederlagen in der plant das Land ja auch sein arten- und AKW-Frage durch Volksabstimmunandschaftsvernichtendes Wasserener. gen und Bewegungen hinter sich. gieprojekt in den Sümpfen des Donau- (Schweden hat allerdings mit 12 AK Ws schütts. Dies ist zwar kein Atomkraft- ein für seine Größe geradezu gigantiwerk, aber es ist Auslöser einer sches Atomprogramm verwirklicht, ungarischen Ökologiebewegung, die während mit Zwentendorf in Österreich durch ihre systemunterlaufende Zusam- das erste und einzige AKW verhindert menarbeit mit der österreichischen Lin- werden konnte ). Bundeskanzler Sinoken dem K.u.K.-Energieverbund ersten watz wie das von der christdemokrati- Widerstand entgegensetzt. schen Volkspartei regierte Land Salz burg führen heute eine heftige Polemil Am heftigsten war die Reaktion in gegen die bayrische Landesregierung Jugoslawien. In Ljubljana demonstrier- und verlangen die sofortige Einstellung ten mehrere tausend Jugendliche gegen des Baus der Wiederaufbereitungsanladie Atompolitik der UdSSR und die ge in Wackersdorf, um auf der anderen eigenen Pläne für ein zweites AK W. Der Seite still auf die Atomstromversorgung Sozialistische Jugendverband Slowe- und Investitionsbeteiligung aus bzw. in niens verlangte auf seiner Tagung den der CSSR zu setzen. sofortigen Ausstieg (und die Freilassung Auch in den Niederlanden fühlte sich die rechte Koalitionsregierung veranlaft, sich gegen die Atomenergie auszuprechen — sicherlich vor allem, um be len anstehenden Wahlen Punkte zu ge winnen.
In Italien, Spanien, Britannien, Finnland, den USA und Japan fanden zahllose Protestaktionen statt (in Rom eine Demonstration von 100 000). Auch in der Türkei regnete es besorgte Anfragen aus der Bevölkerung an die zuständigen Stellen, denn immerhin wird die Türkei die Hauptleidtragende der Wasserverseuchung sein, die sich über Pripjet und Dnjepr ins Schwarze Meer ausdehnen wird. Ägypten beschloß als einziges Land der Dritten Welt, sein geplantes AK W nicht zu bauen.
Bine Insel der Ahnungslosigkeit und des rückschrittlichen Modernismus bildet dagegen Frankreich. Außer im Elsaß gab es dort weder nennswerte Beunruhigung noch eine von Zweifeln geplagte Informationspolitik der Regie rung. Hier schlägt durch, dais in Fra reich seit jeher beide großen Arbeiterparteien extreme Befürworter nationaler Atomwaffen und Atomenergie sind. Frankreich sitzt auf einer potentiellen Atomhölle, die so gefährlich und groß wie sonst nirgends ist, und die Bevölkerung hat sich schon vor langer Zeit daran gewöhnt — zum Teil auch deshalb, weil Frankreich auf Grund seiner metropolitanen Konzentration in Paris besonders wenig zersiedelt ist und nicht einmal das Gefühl der fortschreitenden Zerstörung der Landschaft durch die Industrie um sich greifen konnte. Zu allem hinzu kommt die politische Demoralisierung durch die Politik der „sozialistischen" Regierung und den daraus resultierenden Vormarsch der Faschisten um Le Pen. Selbst die diesem Klima und fühlt sich kaum ar sprochen, aus Tschernobyl mehr als em Thema unter anderen zu machen. Dieser Fels der Finsternis, Frankreich, wird jedoch nicht mehr lange so ausharren können. Er ist von Ländern mit aufgewühlter Bevölkerung umgeben und hat insbesonders die Bundesrepublik Deutschland zum Nachbarn. Der Informationsfluß linker und ökologischer Kräfte wird genausowenig an den Grenzen Frankreichs haltmachen wie die radioaktive Wolke.
Westdeutschland:
Kernland des Widerstands
Allen Unkenrufen von Pessimisten in der Anti-AKW-Bewegung zum Trotz war die politische Reaktion in der BRD auf das Ereignis von Tschernobyl überwältigend. Man hatte aus dem zeitweiligen Abflauen der Massenmobilisierungen und der Verdrängung des Themas
durch Raketenstationierung und 35- Stundenwoche geschlossen, mit der Anti-AK W-Bewegung gehe es bergab. Nun mußten alle überrascht sein, wie sehr offensichtlich schon in der vorigen Boomphase der Bewegung auch in brei- Bevölkerungskreisen Bewußtseinskeime gepflanzt worden waren. Es ist nicht übertrieben, von einem durch die Reihen gehenden Linksruck der gesamten politischen Landschaft zu sprechen. Natürlich ist das nicht die Wirkung von Tschernobyl allein. Man muß auch die kumulierte Wirkung der Unmutsäußerungen und Proteste der verschiedensten Bevölkerungskreise in den letzten Monaten gegenüber der Wenderegierung einbeziehen: Kampf gegen die Verschärfung des Antistreikparagraphen 116; Bauernproteste gegen das Hof ruinierungsprogramm der EG; Kundgebungen des Reichsbunds der Kriegsopfer, Hinterbliebenen, Sozialrentner und Behinderten gegen den Sozialabbau; Unmut gegen die neuen Sicherheitsge Be und die Einführung des maschi nenlesbaren Personalausweises; und viele Bewegungen mehr.
Angesichts der bevorstehenden Landtagswahl in Niedersachsen und der nicht mehr so fernen Bundestagswahl wurde das Atomprogramm sofort zu einem Thema der politischen Auseinandersetzung auf höchster Ebene. Daß es die Grünen gibt, die ja schließlich den Widerstand gegen das Atomprogramm als Gründungsgrundlage hatten, ist der Katalysator all dieser Umgruppierungen, Verrenkungen und sonderbaren Allianzen, die sich nun ergeben sollten. Ein anderes Element der Aufheizung des politischen Klimas war das Chaos der zuständigen Behörden und Institute bei der Festlegung von Grenzwerten und Kategorien, nach denen die Gefährkeit gemessen wird. Zum einen wollalle CDU-geführten Einrichtungen die Gefahr möglichst klein und die SPDgeführten möglichst groß darstellen. Der Effekt war, daß sich der Eindruck verstärkte, die CDU sorge sich weniger um das Wohl der Bevölkerung. Zum anderen beschleunigte das heillose Durcheinander der Werte und das Gestammel der Experten aller Art eine grundsätzliche Vertrauenskrise gegenüber der Wissenschaft. Die vielen Verbotsverordnungen, Kinder nicht auf dem Rasen spielen zu lassen, nicht im Regen zu stehen, dies oder das nicht zu essen, lösten wegen ihrer historischen Neue nicht nur apokalyptische Abschiedsgefühle aus, sondern beflügelten auch den Willen, ein solch unberechenbares Übel an der Wurzel zu packen. Auch die bourgeoise Elite packte der Katzenjammer. Am Morgen des 10. Mai fanden die „klugen Köpfe" im Feuilleton ihrer Zeitung (Frankfurter Allgemeine) eine Art Manifest vor, das aussah, als Nr. 182,J Juni 1986 wäre es hineingeschmuggelt worden. Heftig wurden das Expertenwesen und die Entmündigung des Bürgers gegeilselt und den Politikern die Zuständigkeit und Verantwortung aberkannt. In begleitenden Glossen wurden Szenen von Gesprächen auf der Straße oder in der Bahn gebracht, die dem Gefühl des Epochenendes Ausdruck gaben.
Aber diese moralische Krise schlug später auch auf die eigentliche Partei der liberalen Großbourgeoisie durch, auf die FDP. Nicht nur näherte sich ihr Parteitag Ende Mai in Hannover im Erscheinungsbild einem Parteitag der Grünen an (Kinder, kaum Krawatten, motorische Unruhe und viele Feste), sonderner fällte auch gegen den Willen des Vorstands einen Beschluß gegen die WAA in Wackersdorf sowie gegen die Sicherheitsgesetze. Am völlig bürgerlichen Charakter dieser Partei ändert sich dadurch natürlich nichts, wie die gleichzelig unterstützte Politik gegen die Arbei terklasse zeigt. Jedoch dürfte der bürgerliche Flügel der Grünen, die sogenannten Ökolibertären, bald sich mit der FDP identifizieren können. Ganz im Gegensatz dazu stand nämlich der Parteitag der Grünen (ebenfalls in Hannover). Die formal ineinander verbissene Auseinandersetzung zwischen Befürwortern und Gegnern einer Koalition mit der SPD war in den Hintergrund gedrängt. Mit gewachsener Geschlossenheit wurde der Wille zur „Herstellung der Kampagnenfähigkeit" bekundet und die Arbeit an einem Umbauprogramm für die industrie vorangetrieben. Eine wirkliche Führungsfahıgkeit angesichts der Breite der vorhan- Zusammenstöße in Wackersdorf denen Bewegung ist damit jedoch nicht hergestellt.
Drastisch waren auch die politischen Folgen in der traditionellen Arbeiterbewegung. In Niedersachsen richteten sich angesichts der Wahlen die Hoffnungen der Massen auf die SPD in gleichem Maße wie auf die Grünen. Die Auftaktkundgebung des Spitzenkandidaten Schröder in Hannover wurde zur größten Wahlkundgebung der SPD seit ewigen Zeiten; 80 000 erschienen. Angesichts der vorherrschenden Stimmung griffen die Parteiführer zu heftigen Worten gegen das Atomprogramm und für den Einstieg in den Ausstieg" '. Der Kanzler konnte einige Tage später nur 700 auf die Straße bringen. Der Zulauf zur SPD hält landauf, landab an. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident, Kanzlerkandidat Rau, beschloß den definitiven Ausstieg seiner Regierung aus dem Projekt des Schnellen Brüters in Kalkar. Und der Ministerpräsident des Saarlandes, der SPD-Linke Oskar Lafontaine, nutzte die Gelegenheit, um nach dem Vorbild der österreichischen Genossen heftig gegen ein AKW - im Ausland, in Frankreich zu protestieren. Auch in Bayern ist die SPD wegen ihrer Gegnerschaft zur WAA in Wackersdorf zu einem Ansprechpartner der Bevölkerung geworden und kann inzwischen eigenständige Mobilisierungen durchführen.
Teilweise weitergehend und auf jedenfall größer ist jedoch der Wandel in den Reihen der Gewerkschaft. Speerspitze ist wie in so vielen Fragen gewerkschaftlichen Kampfes wieder einmal die IG Druck und Papier Hessen: als einzige
beschloß sie gleich den Grünen den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie (und zugleich den Einstieg in die 30- Stundenwoche). Ende Mai fand dann der Kongreß des Dachverbandes DGBstatt. Gegen die Absicht des Vorstands wurde eine „Einstieg in den Ausstieg"-Resolution nach langen Auseinandersetzungen, zum Teil hinter den Kulissen, verabschiedet. Der Kongreß blieb damit auf Linie der SPD und lehnte (diesmal noch), die Entwicklung politischer Beziehungen zu den Grünen ab. Der schließlich angenommenen Resolution stimmten sogar die Vertreter der G Bergbau und Energie zu, die immer das Bollwerk des Antikommunismus, des Rassismus und der Atommafia war. Ihre Zustimmung wurde praktisch erzwungen; „Kollegen, ermeßt den weiten Weg, den wir dahin gehen mußten, " rief einer ihrer Sprecher den Delegierten zu. Haar, der Vorsitzende der Eisenbahnergewerkschaft, die zum politischen Mittelfeld der westdeutschen Gewerkschaften zählt, war im Vorfeld des Gewerkschaftstages einer der energischsten Fürsprecher des Ausstiegs. In so manchem Großbetrieb fand der Unmut über die Atompolitik seinen Niederschlag in Resolutionen der Vertrauensleute. Allgemeine
Vertrauenskrise
Sogar die Regierungspartei CDU weist inzwischen Haarrisse auf. Hatte schon die Auseinandersetzung um den $ 116 den sogenannten Arbeitnehmertlügel der CDU vor eine Zerreißprobe gestellt und hatte das Bembeldeppenimage des Kanzlers Kohl in der Öffentlichkeit (inzwischen wurde er sogar außerhalb der linken Witzszene offiziell vom Ehapa- Verlag in Entenhausen eingeführt) zum Auseinanderdriften der verschiedenen Gestalten der Führungsriege geführt, so gerieten jetzt umso mehr christdemokratische Politiker unter Dissensdruck. Sei es aus regionaler Schwäche gegenüber der SPD wie beim CDU-Vorsitzenden Saarland, , sei es als Freund des Ausgleichs wie bei Biedenkopf oder aus Angst vor den Bauernprotesten wie im Falle des West-LPG-Vorsitzenden Ignaz Kiechle. Gerade hat er seine Rundreise zu den empörten Bauern hinter sich, um sie auf seine alle Jubelparolen scheuende Art hinsichtlich der letzten EG-Agrarbeschlüsse zu beruhigen, muß er sich schon wieder zwischen Regierungsloyalität und Entschädigungs. forderungen der Gemüse- und Milch. bauern durchmogeln.
Bauern und andere Bewohner des Landes sind es auch, die einige der militanteren Aktionen gegen AK Ws mittragen. Unter den Tausenden Demonstrationen dieser Wochen stechen die Blockade des Reaktors in Hamm-Uentrop durch Bauern, ihre Beteiligung am Wendland- Marsch sowie ihre mehr als klammheimliche Mithilfe bei den Aktionen der „Autonomen" gegen die WAA
Wackersdorf hervor. Die Möglichkeit eines Franz Josef Strauß, seine ach so biederen bairischen Untertanen gegen die „kleine randalierende Minderheit" aufzubringen, ist erheblich gesunken. Ortsansässige Bevölkerung beteiligte sich sogar an einer so schwer zu vermittelnden Aktion wie der Sabotage von Bahngleisen in der Oberpfalz. Einer der ergreifendsten Vorgänge ist die Anpolitisierung von Kindern. Aber es ist schon nicht mehr erstaunlich: wenn die Kinder in den Kindergärten Zettel von den Kommunalbehörden erhalten, nicht mehr im Sandkasten zu spielen, wenn Eltern ihre Kinder daheim einsperren und dann gefragt werden warum. Allerorten fanden Demonstrationen von Kindereinrichtungen statt, in einigen Fällen sogar von Kindern selbständig organisiert. „Das Atom" ist zum Alltagstthema auf den Spielplätzen geden.
Die Demonstrationen jagen einander: 80 000 in Wackersdorf, 30 000 in Biblis, dann Brokdorf, wieder Wakkersdorf, schließlich Wiesbaden. Hinzu kommen die zahllosen lokalen Kundgebungen und Veranstaltungen. Die Bürgerinitiativen schießen, vor allem in den kleinen Städten, wie die Pilze aus dem Boden. Die Männer vom Technischen Hilfswerk und von der Feuerwehr, die ja für den Katastrophenschutz zuständig sein sollen, beginnen Fragen zu stellen.
Zur Zeit ist noch nicht abzusehen, wie weit und wie dauerhaft die Bewußtseinsverschiebungen sein werden. Das Verhältnis von Regierenden und Regierten ist jedoch nicht mehr dasselbe wie vor Tschernobyl. Zwei Drittel der Bevölkerung sind heute gegen den Bau neuer Atomanlagen. Die Möglichkeit, das Atomprogramm zu'stoppen, ist in greifbare Nähe gerückt. Sie verbindet sich mit den Hoffnungen, bei den nächsten Bundestagswahlen die jetzige Unternehmerregierung stürzen zu können. Vor diesem Hintergrund ist von den Grünen der Vorschlag eingebracht worden, eine breite Kampagne für einen Volksentscheid zu führen. Eine solche Kampagne könnte die zahlreichen lokalen Mobilisierungen und Initiativen bündeln und zu einer breiten Bewegung zusammenfassen, zu einer Massenbewegung gegen die Regierung vor der Wahl.
Die Anti-NATO-Kampagne in Spanien hat beispielhaft vorgeführt, wie eine solche Kampagne durch zielgerichtete LATEINAMERIKA nachrichten monatlich aktuelle Berichte und Hintergrundartikel über Befreiungsbewegungen, soziale Bewegungen. Unterdrückung und Widerstand, politische und wirtschaftliche Entwicklungen in Mittel- und Lateinamerika. über die Beziehungen BRD-Lateinamerika, die Lateinamerikapolitik der USA und die Solidaritätsbewegung in der BRD.
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Anzeige außerparlamentarische Mobilisierungen eine Massenbewegung zu einem politischen Faktor machen kann. Eine solche Kampagne wird in die breitesten gesellschaftlichen Schichten wirken, auch in die Gewerkschaften und Betriebe, in denen heute vielfach spontane neue Initiativen gegen Atomkraftwerke entstehen. GIM und KPD unterstützen die Kampagne für den Volksentscheid. Die revolutionären Sozialisten müssen die gesellschaftsverändernde Kraft und Utopie, die in dieser Bewegung steckt, aufgreifen und die enge Verbindung aufzeigen, die zwischen dem Bedürfnis nach einer anderen Lebens- und Produktionsweise, der Krise der kapitalistischen Gesellschaft und dem Ziel einer sozialistischen, selbstverwalteten Gesellschaft besteht.
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