Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Philippinen

Extreme sexuelle Ausbeutung

· Inprekorr Nr. 180, April 1986 · S. 34-37 · 2.165 Wörter

Philippinen und Südostasien Frauen Gewerkschaften und Streiks

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

Die Frauenbewegung auf den Philippinen hat sich erst in den letzten fünf Jahren herangebildet. Ihren Hintergrund bilden die Krise des Regimes, die Überausbeutung von Frauen in den „Frauenbranchen" und ein extremes Ausmaß an sexueller Ausbeutung Sonia Rupon

Die Frauenbewegung auf den Philippinen hat sich erst in den letzten fünt Jahren gebildet, obgleich verschiedene Frauengruppen schon in den 70er Jahren entstanden waren. Die Bewegung formierte sich als spezifische Antwort auf die Auswirkungen der ökonomischen und politischen Krise auf die Frauen, weniger um die klassischen feministischen Themen. Die sich ständig verschlimmernden Lebensumstände von Frauen und Kindern trieben die Frauen zur Selbstorganisation. So entstand etwa auf dem Felde der Politik in Reaktion auf die krassen Wahlfälschungen bei den ersten Parlamentswahlen 1978 die Gruppe Concerned Women of the Philippines. Nach dem Mord an Benigno Aquino stieß eine bis dahin ungekannte Menge von Frauen zusammen mit anderen neuen Massenbewegungen zum „Parlament der Straße", um ihrem Zorn über das Marcos-Regime Ausdruck zu verleihen. Zwei Monate nach dem Mord, am 28. Oktober 1983, führten Frauen der verschiedensten Gruppen eine reine Frauenprotestversammlung gegen die Repression, die Folter und den Mord an Abweichlern durch. Women's Update, Organ der Organisation GABRIELA, sprach von 10 000 Teilnehmerinnen. Vier Monate später entstanden Frauengruppen mit einer militanten politischen Orientierung. Women for the Ouster of Marcos and Boycott (Frauen für den Sturz von Marcos und den Boykott, WOMB - „Mutterschoß") begann als Fo rum der Frauen für einen Boykott der Wahlen zum Parlament im Mai 1984. Samahan ng Malayang Kababaihang Nagkakaise (Organisation Freier und Vereinigter Frauen, SAMAKANA) entstand als Gruppe von Hausfrauen in einer Gemeinde illegaler Siedler und schaffte sich eine Basis in den städtischen Elendsvierteln. Heute, nach zwei Jahren, hat die Organisation 2400 Mitglieder in 30 Ortsgruppen. Sie führte inzwischen auch einen nationalen Kongreß durch, der dem Verständnis der Frauenfrage im Kontext der sozialen Wirklichkeit der Philippinen dienen sollte. Viele neue Organisationen

Im März 1984 wurde GABRIELA gegründet, ein Bündnis politisch aktiver Frauengruppen. Der Name weist zum einen auf eine historische Frauengestalt aus dem Kampf gegen die spanische Kolonisation hin, zum anderen steht er für General Assembly Binding Women for Reforms, Integrity, Equality, Leadership and Action (Generalversammlung zur Verpflichtung der Frauen für Reformen, Unbestechlichkeit, Gleichheit, Führung und Aktion). Zum organisatorischen Kern gehören Frauen von SAMA- KANA WOMEN (Medienfrauen), von CAP (Künstlerinnen), NOWRP und KAMAY (christliche Gruppen) und KMK (Arbeiterinnen) und Untersu-

Seite 35

chungsgruppen wie PILIPINA. Zusammen mit den anderen Massenorganisationen hat GABRIELA eine Rolle bei den großen Mobilisierungen der Arbeiter und der Bauern gespielt. Sie waraktiv an der Kampagne für den Abrif des Atomkraftwerks in Bataan beteiligt und hat dort die Themen Reproduktion, Gesundheit und Sicherheit eingebracht. Letztes Jahr, wieder am 18. Okrober, führte GABRIELA einen Marsch von 2000 Frauen durch; vorausgegangen war eine Woche von Veranstaltungen und Aktivitäten, die Frauenthemen und ihre Bedeutung in der sozioökonomischen Realität der Philippinen ausloten sollten. Dieser Tag ist nunmehr zum Protesttag der philippinischen Frauen erklärt worden, in Erinnerung an die erste große Frauendemonstration nach dem Tode von Aquino.

Die Lage der Arbeiterinnen 1984 und 1985 gerieten Arbeiterinnen immer mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Streiks unter maßgeblicher Beteiligung von Frauen waren besonders zahlreich, trotz Repression von Militär und Polizei gegen die Streikposten. Es haben sich zwei Organisationen gebildet, die sich um die Lage der Arbeiterinnen kümmern: Kilusang ng mga Mangagawang Kababaihan (Bewegung der Arbeiterinnen, KMK) und Makabayang Kababaihan ng Masa (Nationalistische Frauen der Massen, MAKAMASA). In der Freihandelszone BEPZ in Bataan, wo 80 % der Belegschaften Frauen zwischen 15 und 22 sind, wo Streiks illegal und eine gewerkschaftliche Organisierung schwierig ist, sind es die Frauen, die die Forderung nach höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen vorbringen. Im Bereich der BEPZ werden Stoffe, Kleidung, Elektronik, Spielzeug, Sport- und Lederartikel hergestellt. Laut der Statistik von 1983 sind allein in den Bereichen Elektronik und Bekleidung 752 700 Frauen beschäftigt, ein Zehntel aller erwerbstätigen Frauen in diesem Jahr. Es waren auch diese beiden Branchen, wo im Vergleich zum übrigen Asien 1984 das zweitniedrigste bzw. niedrigste Lohnniveau herrschte: 66 Pf. pro Stunde in der Elektronik und 37 Pf. in der Bekleidungsindustrie. Außer unter besonders niedrigen Löhnen haben die Frauen dort unter unmenschlicher Behandlung und entsetzlichen Arbeitsbedingungen zu leiden. In der Elektronikindustrie müssen die Frauen acht Stunden und länger am Band im Gleichtakt mit den Maschinen arbeiten. Sie dürfen nicht miteinander reden. Die Stückzahlen sind besonders hoch. Diese Arbeit ist gefährlich, weil die Arbeiterinnen dauernd chemischen 100 1092 Substanzen ausgesetzt sind; Krebs ist eine häufige Berufskrankheit. Im Durchschnitt halten die Beschäftigten nur drei Jahre durch; sie klagen über Gedächtnisschwund, geschwächte Sehkraft und Benommenheit. Sie gelten dann als zu alt und werden durch jüngere und schnellere Arbeiterinnen ersetzt.

Die üblichen betrieblichen Rechte wie Ferien, Krankheits- und Mutterschaftsurlaub gibt es hier nicht. Dies ist fester Bestandteil des Investitionspakets der Regierung Marcos, das multinationale Konzerne zu Investitionen in der Zone verlocken soll.

Eine Ausbildung und eine Arbeitsplatzgarantie erhalten diese Frauen nicht, denn sie werden immer nur auf Zeit eingestellt. Übergeordnete Positionen werden auch in den reinen Frauenindustrien immer an Männer vergeben. Um ihren Arbeitsplatz nicht zu verlieren, müssen die Frauen sexuelle Nachstellungen ihrer Vorarbeiter erdulden —nach dem Motto »Liegen oder Fliegen«.

Die Arbeiterinnen, die versuchen, in der Zone gewerkschaftliche Aktivitäten zu entfalten, werden eingeschüchtert; ihnen drohen Entlassung, aber auch Gewalt und Mord. Wegen dieser Repressionsmaßnahmen war es nicht einfach, Frauen in den Gewerkschaften zu organisieren. Die Bürde anderer Aufgaben im Haushalt wirkte auch als Abschreckung. Trotzdem kommt es immer wieder dazu, daß Frauen Gewerkschaften anführen und an Streiks teilnehmen. Ineinigen Regionen des Landes beginnen die Arbeiterinnen, die Grundsätze gewerkschaftlicher Organisierung zu erfassen; das gelang besonders dann immer, wenn schon von der Gewerkschaft aus das erste Angebot zu einer Veranstaltung an die Frauen ein „Frauenthema" hatte. Die Streiks der Lehrerinnen und Lehrer im September 1985 waren ebenfalls bemerkenswert. Die 350 000 Lehrerinnen und Lehrer gehören zu den Beschäftigten im öffentlichen Dienst mit dem niedrigsten Gehalt; ein Protest von ihnen war zu erwarten gewesen. In der Primar- und Sekundarstufe sind 85 % Lehrerinnen und in der Oberstufe 53 %. Sie beklagen sich über zu lange Arbeitszeit; sie unterrichten nicht nur viel zu große Klassen, sondern bekommen auch noch andere, nicht schulbezogene Aufgaben zugewiesen: sie müssen Wahlhelferinnen sein oder an Kundgebungen für die Regimepartei teilnehmen. Wegen ihrer geringen Bezahlung von etwa 238 DM im Durchschnitt monatlich sind viele dazu übergegangen, alle möglichen Produkte an ihre Schülerinnen und Schüler zu verkaufen, um ihr Einkommen aufzubessern. Gefordert wurde vor allem eine Gehaltserhöhung auf 420 DM. Ihre Wortführerinnen den daraufhin vom Dienst suspendiert und eingeschüchtert. Viele dieser Lehrkräfte sahen den einzigen Weg zur Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage in der Emigration, wo sie dann zwar besser verdienen, aber als Hausmädchen arbeiten.

Frauen auf dem Land

Landfrauen machen 59 % der weiblichen Bevölkerung aus (nach der Statistik von 1984), sie sind seltener Lohnarbeiterinnen als ihre Schwestern in der Stadt. Sie sind in der Landwirtschaft, aber auch anderswo beschäftigt; den gröfften Anteil machen jedoch die landlosen Schichten aus, die auf dem Boden anderer oder Plantagen arbeiten. Mindestlöhne für Landarbeiter betragen auf den Plantagen 34,42 Pesos täglich und bei Bauern 25,90 Pesos - das ist weit unterhalb der Armutsschwelle, die von der Weltbank bei 2613,12 Pesos im Monat festgesetzt worden ist. Jener Tarif wird gewöhnlich nicht einmal eingehalten; die Landarbeiterinnen verdienen viel weniger und können auch nur zwischen drei und sechs Monate im Jahr arbeiten. In der heutigen Krise der Agrarwirtschaft auf den Philippinen im Gefolge der Mechanisierung des Anbaus und der Umwandlung von Reisanbaufläche in Wohn-und Industriegebiet sind Frauen und Kinder natürlich die ersten, die gehen müssen. Wenn es keine Arbeit auf den Feldern ribt. betätigen die Frauen sich als stra- Benhändlerinnen oder Wäscherinner für andere Haushalte.

Es wächst auch die Zahl von Frauen, die nähen, Sticken und und Handarbeiten in Heimarbeit machen. Diese Frauen stehen am unteren Ende der Kette des Verlagskapitalismus; ihre Ausbeutung ist wohl die härteste. Man nehma das Beispiel eines von einer solchen Dorfarbeiterin genähten Stücks Babywäsche: in den USA muß man dafür 15 Dollar hinblättern, während die Arbeiterin dafür weniger als 10 Cents erhalten hat! Prostitution

Extreme Armut und der Mangel an Arbeitsplätzen haben viele Frauen in die Prostitution getrieben. Besonders im Vergnügungsviertel und im Umfeld der US-Stützpunkte hat es schon immer Prostitution gegeben, aber heute hat das Problem kritische Ausmaße angenommen. In Groß-Manila alleine gibt es 100 000 Prostituierte und bei den Stützpunkten noch einmal 16 000. Auch die Kinderprostitution ist in den letzten Jahren angestiegen. Untersuchungen lassen auf 3000 in diesem Gewerbe tätige Kinder zwischen 7 und 15 Jahren schlie- Ben. Diese Frauen und Kinder kommen

Seite 36

Anzeige

Offene

Wahlfälschung, blutige Unterdrückung, Spannungen ...

Rainer Werning

Berstender_ _Bambus - Befrelungskampf und Gesusdheitswesen - auf den Philippinen

Sendler akteell aus Familien der untersten Einkommensgruppen - Bauern und Fischer, Slumbewohner und Landflüchtige. Es heift, daß Eltern ihre Kinder verkaufen, um zu überleben.

Die Regierung Marcos hat die Prostitution nicht nur toleriert, sondern ihre Institutionalisierung gefördert. ,Ruheund Erholungszentren", die aus einem Netz von Clubs, Restaurants, Hotels, Saunen, Massagesalons und anderen Stätten der Unterhaltung bestehen, wurden in Übereinstimmung mit der Politik der Regierung, aus der Tourismus-Industrie das meiste herauszuholen, legalisiert. Tourismus ist die drittgrößte Quelle von Devisen, nach denen die Regierung giert, um ihre Schulden bezahlen zu können.

Besonders die Sexreisen erfreuen sich offizieller Unterstützung. Gruppen von Japanern, Europäern, Australiern und Amerikanern nutzen die Angebote, die ihnen zu Pauschalpreisen „alles" bieten. Militante Proteste von betroffenen Frauen, z.B. während des Besuchs von Japans Ministerpräsident Nakasone, haben die Zahl ausländischer Sextouristen und die Profite des berüchtigten Netzwerks für einige Zeit gesenkt. Die Branniger unverfrorener Publizität und in abgewandelter Form.

üblichen Resultate. Kann sein, daß einige dieser Ehen gelingen - in vielen Fallen handelt es sich jedoch um nichts als geschlechtliche Sklaverei. Ausblick

Die Probleme der philippinischen Frauen von heute sind gigantisch und komplex. Ihre Wurzeln liegen in der historischen Vergangenheit, im Einbruch verschiedener kapitalistischer Entwicklungsschübe in das Leben der Filipinas - das Ausmaß der Probleme reflektiert jedoch die Tiefe der heutigen Krise des Systems. Daß, die Militanz der Frauen zugenommen hat, ist ein gutes Zeichen. Die Frauen haben es gewagt, sich endlich in die politischen Debatten und Aktivitäten einzumischen, obwohl ihnen die Krise härtere Lasten aufbürdet als je zuvor. Man weiß, daß heute mehr Frauen der NPA, der Guerilla auf dem Lande beitreten oder Streiks führen und Streikposten organisieren. Viele mußten für ihr politisches Engagement zahlen: es ist das erschütternde Schicksal weiblicher politischer Gefangener, nicht nur den unter dem Regime üblichen Foltern ausgesetzt zu sein, sondern auch Vergewaltigung und sexuelle Erniedrigung durch ihre Bewacher zu erleiden. 187 Seiten. 15.00 DM. ISBN 3-88048-077-X Die Philippinen heute.

Menschenrechtsverletzungen prägen das Bild, Korruption, Großgrundbesitzer, Slums, Not...

Dr. Rainer Werning, ein ausgewiesener Philippinen- Kenner, beleuchtet die gesellschaftlichen und ökonomischen Hintergründe der aktuellen Situation.

Gegenbewegungen, der Widerstand und der Aufbau sowie die Selbstorganisation in den befreiten Gebieten kommen hier - am Beispiel des Gesundheitswesens in den Blick.

Ein ungewöhnlicher, informativer Reisebericht«. Mit Analysen und Beiträgen der Opposition sowie einer Einschätzung der Lage nach den Wahlen.

Sendler

Teil des Fleischhandels ist der Export von Frauen in andere Länder. Auswanderungsbereiten Arbeiterinnen wurden oft gute Jobs versprochen und endeten dann als Prostituierte in Europa oder im Nahen Osten. Die Rückkehr ist ihnen abgeschnitten, denn ihre Pässe werden von den Rekrutierungsagenten oft eingehalten — sie zu „Oben-Ohne"-Tanz, Striptease und Prostitution zu zwingen, ist also kein Kunststück mehr. Ein jüngeres, aber , genauso erschreckendes Phänomen ist das der Katalogbräute. Es begann als Kuriosum schäft, an dem Heiratsvermittlungen in Europa, Australien und Neuseeland beteiligt sind, die asiatische Frauen an westliche Männer verkuppeln. Bildkataloge mit Photos und Beschreibungen der Frauen werden an die Clubmitglieder verschickt, die sich daraus eine aussuchen können. Die Asiatinnen werden darin angepriesen als „sanftmütig, gefügig, unterwürfig, häuslich, und besitzen außerordentliche Kapazitäten im Bett" im Gegensatz zu den energischen und „befreiten" Frauen des Westens. Frauen haben diese Gelegenheit wahrgenommen, um ihrer Armut zu entkommen und ihren Familien daheim Geld zuschicken zu können. Und da die Ehe in der zu 85 % katholischen Gesellschaft der Philippinen in hohem Kurs steht, gilt dies als ehrenhaft. Jedoch heißt es oft ein Leben lang voller neuer Probleme: Kulturschock und Vereinsamung sind die 10. Februar 1986 •LIPPINES

Naval Communications

Station Philippines

HILIPPINES

Wallace

Ale Station

South Comp -John Hay

Chine.

Sea • Clark Air Base *Manila Philippine Sea

Subie LLuzon

Nevol Bere aman Sulu Sea

Mindanao

Borneo Mindasao Sea

MILES

Seite 37

PHILIPPINEN zu Phillppinen S. 3. Selte 37